{"id":21215,"date":"2024-09-24T21:05:08","date_gmt":"2024-09-24T19:05:08","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=21215"},"modified":"2024-09-24T21:05:08","modified_gmt":"2024-09-24T19:05:08","slug":"rezension-menschenwuerde-im-intensivstaat-theologische-reflexionen-zur-coronakrise","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=21215","title":{"rendered":"Rezension: \u00bbMenschenw\u00fcrde im Intensivstaat?  Theologische Reflexionen zur Coronakrise\u00ab"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Die Nordkirche lud im Fr\u00fchjahr 2024 ein zu einer ersten Tagung, um den kirchlichen Umgang mit den staatlichen Corona-Ma\u00dfnahmen aufzuarbeiten: \u00bbVers\u00f6hnungsarbeit ist Schwerstarbeit\u00ab, hie\u00df es dort. Verschiedene Wissenschaftler, darunter der Wiener Theologe Prof. Dr. Ulrich H.J. K\u00f6rtner, haben die Corona-Politik inzwischen kritisch beleuchtet. Nun \u00e4u\u00dfern sich drei Theologen aus dem \u203aNetzwerk Wissenschaftsfreiheit\u2039 ebenso kritisch mit dem Buch: \u00bbMenschenw\u00fcrde im Intensivstaat?\u00ab in \u203atheologischen Reflexionen zur Corona-Krise\u2039 und f\u00fcgen dabei eine F\u00fclle von Anmerkungen und Literaturhinweisen hinzu. Um es gleich vorweg zu betonen: Das Buch braucht eine gro\u00dfe Leserschaft in breiten Teilen der Gesellschaft, fragt es nicht zuletzt danach, welche Lehren f\u00fcr die Zukunft aus den Erfahrungen der Corona-Pandemie auch f\u00fcr andersartige Ent-\/Verwicklungen zu gewinnen sind.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die f\u00fcnf anspruchsvollen Beitr\u00e4ge der drei Theologen stehen auf hohem wissenschaftlichen Niveau, entfalten staatsphilosophische und verfassungsrechtliche Grundlagen zum Verh\u00e4ltnis von Staat und Kirche, von Politik, Demokratie, Recht und Moral. Dabei handelt es sich um jeweils eigenst\u00e4ndige Beitr\u00e4ge, die von verschiedenen Standpunkten und Perspektiven ausgehen. So unterschiedlich die Artikel der drei Autoren nun aber auch ausfallen, in der Konsequenz sind sie sich sehr nahe und geradezu einig: \u00bbaus den Erfahrungen mit der Corona-Krise sollten deutliche Lehren gezogen werden\u00ab (51) und: \u00bbSo werden auch Kirche, Sozialethik, Theologie ihre eigene politische Verantwortung und ihre Gespr\u00e4chskultur innerhalb der Corona-Krise selbstkritisch \/\/ aufarbeiten m\u00fcssen\u00ab (51f.). Axel Bernd Kunze formuliert als ein Res\u00fcmee: \u00bbIn den coronapolitischen Wertkonflikten sind die Kirchen (und auch die Theologie) diesem Auftrag zu politischer und kultureller Diakonie nicht befriedigend gerecht geworden, was zur Selbstbesinnung und Umkehr deutlich Anlass geben sollte\u00ab (54). Einzugestehen ist: Kirche ist schuldig geworden, gerade auch gegen\u00fcber Sterbenden, die allein gelassen wurden und einsam verstarben \/ gerade auch, wenn Teilnehmerlisten f\u00fcr Bestattungsanl\u00e4sse vorab im Rathaus oder im Friedhofsamt eingereicht werden mussten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die drei Autoren betonen durchgehend das freie Recht auf k\u00f6rperliche Unversehrtheit (nach Art. 2,2 GG) \u2014 beklagen jedoch diktatorische und gar totalit\u00e4re Tendenzen, wenn z.B. mit dem Entzug des Krankenversicherungsschutzes gedroht wurde und mit der Freistellung vom Arbeitsplatz (etwa in Pflegeheimen)(11). Nicht geleugnet werden kann: Es wurde polarisiert, polemisiert, politisiert, moralisiert, emotionalisiert, diffamiert, ausgegrenzt, ignoriert, denunziert, verachtet, verd\u00e4chtigt, zensiert, stigmatisiert, verunglimpft, nach \u203arechts\u2039 abgedr\u00e4ngt: so jemand es auch nur wagte, sich mit Vorbehalten kritisch zu \u00e4u\u00dfern und dem sog. Mainstream von Politikern und Virologen zu widersprechen. Die staatlichen Eingriffe bedeuten einen Tiefschlag in die Grundrechte, in die Meinungsfreiheit, in das Recht auf freie Impf-Entscheidung. Dazu h\u00e4tte es nicht kommen d\u00fcrfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Neutestamentler Prof. <strong>Jan Dochhorn<\/strong>, der sich eigener Erkl\u00e4rung nach sehr wohl hat impfen lassen \u2014 beginnt nach seiner separaten \u203aEinf\u00fchrung\u2039 ins Buch seinen Beitrag: \u00bbParadoxologia Theologica\u00ab mit einer umfangreichen Analyse der Gesellschaft aus theologischer (R\u00f6m. 7,7-25), philosophischer, sozial-psychologischer und wirtschaftspolitischer Perspektive \u2014 ehe er sich mit einzelnen konkreten Beispielen von Politikern und Kirchenf\u00fchrern befasst (\u00bbImpfen ist N\u00e4chstenliebe\u00ab), auch mit Polizei-Eins\u00e4tzen, mit der medialen Aufbereitung, mit dem Inlandsgeheimdienst (131). Grenzen zu Nachbarstaaten wurden zeitweilig geschlossen. Weihnachts- und Ostergottesdienste wurden abgesagt. Dochhorn fragt: \u00bbWas die Ausgangssperre in der Weihnachtszeit gebracht habe?\u00ab (151). Er hinterfragt die Unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigkeit der vermeintlichen Schutzma\u00dfnahmen (die sich nicht zuletzt aus dem Vergleich mit skandinavischen Staaten ergibt), beklagt ihren \u00bbmodern-autoritativen Charakter\u00ab (103, 111 u.a.) und die verbreitete Illusion, als w\u00e4ren Geimpfte nicht mehr infekti\u00f6s. Mussten Schulen geschlossen, Produktionsst\u00e4tten stillgelegt und Lieferketten abgebrochen werden (152)? Noch einmal Jan Dochhorn: \u00bbDie Kirche, die in der Pandemiepolitik als kritische Instanz ausgefallen ist, zeigt sich, wo immer es geht, um gesellschaftspolitische Relevanz bem\u00fcht. Um Relevanz bem\u00fcht, hat sie sich als irrelevant erwiesen\u00ab (158).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Theologe und Soziologe Prof. <strong>Oleg Dik<\/strong> schreibt auch aus religionswissenschaftlicher Sicht seinen Artikel: \u00bbDie zerrissene Menschenw\u00fcrde &#8211; Corona als Symptom einer theologischen Krise\u00ab \u2014 und konstatiert \u00bbmassenpsychologisches Verhalten\u00ab (203) f\u00fcr die Zeit des Ausnahmezustandes \u00fcber zwei Jahre hinweg. \u00bbDer Abbruch der Kommunikation f\u00fchrt zur Ausgrenzung des Anderen\u00ab (189). \u00bbDie zweifelnde Minderheit wurde durch die Politik und Medien durch Abwertung diskriminiert. Sie wurde sowohl moralisch wie auch kognitiv als minderwertig dargestellt. Ihre Argumente wurden a priori nicht zugelassen\u00ab (206). Und: \u00bb.. renommierte Professoren beklagten die zunehmende Unfreiheit der Forschung bez\u00fcglich der Covid-19 Forschung\u00ab (209).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Theologe und Privatdozent f\u00fcr Erziehungswissenschaft <strong>Axel Bernd Kunze<\/strong> steuert zwei Beitr\u00e4ge bei, zum einen: \u00bbGespr\u00e4chsst\u00f6rungen. Eine sozial- und bildungsethische Ursachensuche im Angesicht der Coronakrise\u00ab \u2014 zum anderen: \u00bbIntensivstaat und zivilgesellschaftliche Staatsbed\u00fcrftigkeit. Sozial- und freiheitsethische Betrachtungen zum Staatsverst\u00e4ndnis (nicht nur) in Coronazeiten\u00ab. Kunze betont: \u00bbJede Impfung stellt grunds\u00e4tzlich einen Eingriff in die menschenrechtlich gesch\u00fctzte k\u00f6rperliche Unversehrtheit dar und birgt ein Risiko. Daher darf \u00fcber eine Impfung, f\u00fcr die es ganz sicher gute Gr\u00fcnde gibt, nur der Einzelne in Freiheit selber entscheiden\u00ab (223). Selbst die Bef\u00fcrworter und die Verfechter der Impfkampagne m\u00fcssten daf\u00fcr einstehen, dass die Freiheits- und Entscheidungsrechte des je einzelnen B\u00fcrgers gewahrt bleiben, \u00bbdie Achtung vor dem freien Subjekt\u00ab (41, 47). Und: \u00bbDer Staat hat seine \u00f6ffentliche Schutzaufgabe erf\u00fcllt, sobald ein Impfangebot f\u00fcr alle vorliegt. Mehr kann und darf der liberale Rechts- und Verfassungsstaat nicht fordern\u00ab (239). Dem allerdings widerspricht eine \u00bbPolitik der Impfn\u00f6tigung und der versuchten allgemeinen Impfpflicht\u00ab (7) mit \u00bbSanktionen f\u00fcr Impfverweigerer\u00ab (26).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vorausblickend warnt Kunze davor: \u00bbwenn es m\u00f6glich werden sollte, Grundrechtseingriffe k\u00fcnftig nahezu automatisch mittels internationaler Pandemie\u00fcbereinkommen unter dem Dach der Weltgesundheitsorganisation (WHO) durchzusetzen\u00ab (38). Was Kunze 2023 noch nicht wissen konnte: die Pl\u00e4ne f\u00fcr einen WHO-Pandemievertrag mit weitreichenden Befugnissen liegen im Februar 2024 in Genf auf dem Tisch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Politikwissenschaftlerin Ulrike Gu\u00e9rot votiert daf\u00fcr, \u00bbeinen parlamentarischen Untersuchungsausschuss einzurichten, die coronapolitischen Grundrechtsverst\u00f6\u00dfe juristisch aufzuarbeiten, die Ausgegrenzten zu rehabilitieren und die Opfer zu entsch\u00e4digen\u00ab (242).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kritisch anzumerken bleibt, wie von offizieller Seite der Regierungen, aber auch von Wissenschaftlern, die sich eindeutig (alternativlos?) auf die Seite der Impf-Bef\u00fcrworter gestellt haben: wie mit den Kritikern auch aus dem Kreise der Wissenschaftler umgegangen wurde, wie schnell diffamiert und ins Abseits bef\u00f6rdert wurde. Wissenschaftsfreiheit sieht anders aus. \u00bbMangelnde Unvoreingenommenheit\u00ab (29) wie \u00bbmangelnde Streitkultur\u00ab (30) liegt vor.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine eigene Anmerkung zum Schluss:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Braucht es in einer gesunden Demokratie nicht sog. Querdenker im Unterschied zu den im Mainstream angepassten Zeitgenossen? Enthielte der bisher negativ besetzte Begriff nicht eine Art von verkapptem Kompliment? Und k\u00f6nnten es nicht gerade im positiv gemeinten Verst\u00e4ndnis eben solche Querdenker sein, die ein aufmerksames, wachsames, kritisches, loyales Pendant bilden zu den politisch, wirtschaftlich, sozial, kulturell Verantwortlichen in der Gesellschaft? Braucht also eine gesunde Gesellschaft nicht gerade solche m\u00fcndigen Staatsb\u00fcrger voller Zivilcourage, die den gesellschaftlichen Diskurs beleben und voranbringen, die sich ggf. vernetzen und ihre kritische Stimme in die Waagschale werfen? Solche Staatsb\u00fcrger zu deklassieren, schadet einer Gesellschaft, die sich demokratisch verstehen will. Also: Es braucht \u00bbdas freiheitlich-widerspenstige Potential echter B\u00fcrgerlichkeit\u00ab (242).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Dr. Hans-Gerd Krabbe<\/em><\/p>\n<p><strong><br \/>\n<img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-21217 alignleft\" src=\"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/81ZwDzEpFgL._SL1500_-211x300.jpg\" alt=\"\" width=\"211\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/81ZwDzEpFgL._SL1500_-211x300.jpg 211w, https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/81ZwDzEpFgL._SL1500_-722x1024.jpg 722w, https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/81ZwDzEpFgL._SL1500_-768x1090.jpg 768w, https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/81ZwDzEpFgL._SL1500_.jpg 1057w\" sizes=\"(max-width: 211px) 100vw, 211px\" \/><\/strong><\/p>\n<p><strong>Oleg Dik, Jan Dochhorn, Axel Bernd Kunze:<br \/>\n<\/strong><strong>\u00bbMenschenw\u00fcrde im Intensivstaat? Theologische Reflexionen zur Coronakrise\u00ab<\/strong><strong><br \/>\n<\/strong>Bd. 54 in der Reihe: \u203aPhilosophie interdisziplin\u00e4r\u2039<br \/>\nRuderer-Verlag, Regensburg 2023, 258 Seiten, ISBN: 978-3-89783-998-4 (br.)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Nordkirche lud im Fr\u00fchjahr 2024 ein zu einer ersten Tagung, um den kirchlichen Umgang mit den staatlichen Corona-Ma\u00dfnahmen aufzuarbeiten: \u00bbVers\u00f6hnungsarbeit ist Schwerstarbeit\u00ab, hie\u00df es dort. Verschiedene Wissenschaftler, darunter der Wiener Theologe Prof. Dr. Ulrich H.J. K\u00f6rtner, haben die Corona-Politik inzwischen kritisch beleuchtet. 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