{"id":2111,"date":"2008-06-06T16:01:19","date_gmt":"2008-06-06T14:01:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=2111"},"modified":"2009-09-02T14:19:52","modified_gmt":"2009-09-02T12:19:52","slug":"islam-in-europa-als-herausforderung-fur-staat-gesellschaft-und-kirche","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=2111","title":{"rendered":"Islam in Europa als Herausforderung f\u00fcr Staat, Gesellschaft und Kirche"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Islam in Europa als Herausforderung f\u00fcr Staat, Gesellschaft und Kirche*<br \/>\n<\/strong><strong>Die heutige Situation \u2013 Geschichte und Hintergr\u00fcnde<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">* Vortrag \u2013 wie er am 21. Mai 2008 in Traun (\u00d6sterreich) h\u00e4tte gehalten werden sollen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Globalisierung ist auch f\u00fcr Europa ein Thema von gro\u00dfer Bedeutung. Die Welt ist n\u00e4her zusammenger\u00fcckt. Das gilt auch f\u00fcr die islamische Welt und Europa. Daraus ergeben sich neue Chancen ebenso wie Herausforderungen f\u00fcr die Gestaltung einer gemeinsamen Zukunft im 21. Jahrhundert.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nordafrika ist durch seine Kolonialvergangenheit eng mit Frankreich verbunden, Bangladesh, Pakistan und Indien mit Gro\u00dfbritannien. Dort leben knapp 2,5 Mio., in Frankreich rund 6 Mio., in Deutschland 3,4 Mio. Muslime. Nach \u00d6sterreich kamen vor allem Muslime aus den Balkanl\u00e4ndern. In Deutschland begann die Zuwanderung vor rund 45 Jahren, als in der Nachkriegszeit die Anwerbung von Arbeitskr\u00e4ften aus S\u00fcd(ost)europa und sp\u00e4ter auch aus Anatolien\/T\u00fcrkei die L\u00f6sung f\u00fcr einen wachsenden Arbeitsmarkt zu sein schien. Die ersten Zehntausende Muslime kamen ab 1961 nach Deutschland. Es waren vor allem m\u00e4nnliche Arbeitskr\u00e4fte ohne Familien. Nach dem Anwerbestopp 1973 zogen Frauen und Kinder nach. Durch Revolutionen und Kriege (vor allem die Iranische Revolution 1979, den iranisch-irakischen Krieg 1980\u20131988 und den Balkankrieg der 90er Jahre), durch Fl\u00fcchtlingsstr\u00f6me, Asylbewerber und eine h\u00f6here Geburtenrate im Vergleich zur westlichen Bev\u00f6lkerung wuchs die Zahl der muslimischen Migranten in Europa auf heute 16 bis 20 Mio. Menschen an.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Selbst in den vergangenen 20 Jahren, als diese Entwicklung absehbar war, haben sich die europ\u00e4ischen L\u00e4nder damit schwergetan, sich als \u201eEinwandererl\u00e4nder\u201c zu erkennen. Es wurde vielfach vers\u00e4umt, \u00fcber kulturelle und gesellschaftliche, \u00fcber politische wie religi\u00f6se Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu diskutieren, drohende Fehlentwicklungen zu thematisieren und Regeln f\u00fcr das Zusammenleben in der Zukunft zu erarbeiten. Nur allzu selbstverst\u00e4ndlich gingen die europ\u00e4ischen Gesellschaften davon aus, da\u00df diese Menschen die westliche, s\u00e4kulare Lebensweise ihrer eigenen Tradition vorziehen, ihre religi\u00f6s-kulturellen Wurzeln mit der Zeit aufgeben und sich anpassen w\u00fcrden. Heute liegt offen zutage, da\u00df diese Annahme falsch war, ja, da\u00df in vielen Teilen Europas l\u00e4ngst eine umgekehrte Entwicklung \u2013 eine R\u00fcckbesinnung auf einen k\u00e4mpferischen Islam und einen gesellschaftlichen R\u00fcckzug in das eigene Umfeld \u2013 eingesetzt hat. Die meisten Muslime, die heute in Europa leben, werden bleiben, ihre Zahl wird weiter zunehmen. In ihren Heimatl\u00e4ndern bietet ihnen die politischen oder wirtschaftlichen Verh\u00e4ltnisse h\u00e4ufig keine Perspektive f\u00fcr eine R\u00fcckkehr, ihre Kinder und Enkel sind in Europa aufgewachsen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Angesichts dieser Situation ergeben sich mehrere Herausforderungen:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>1. Gesellschaftliche Aspekte<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Noch niemals zuvor haben so viele Menschen aus dem islamischen Kulturkreis dauerhaft in Europa gelebt. Aber sind sie auch in Europa zu Hause? Viele junge Menschen der zweiten und dritten Generation sprechen zu wenig Deutsch (oder Franz\u00f6sisch, Spanisch oder Niederl\u00e4ndisch), um beruflich Erfolg zu haben. Welcher Zukunft gehen diese jungen Menschen entgegen? Nicht wenige f\u00fchlen sich zudem von den europ\u00e4ischen Gesellschaften nicht akzeptiert, ja diskriminiert und ziehen sich zur\u00fcck in ihre eigene Welt, die eigene Sprache, die Moschee, das t\u00fcrkische oder arabische Stadtviertel. Zwangsverheiratungen und Ehrenmorde geschehen gerade innerhalb dieser R\u00fcckzugsr\u00e4ume, in der von einigen Muslimen im Namen der Tradition und Religion das Recht in die eigene Hand genommen wird. Endlich wird in Europa \u00fcber die Pflicht, die Sprache des Aufnahmelandes zu sprechen, offen gesprochen. Ohne Sprachbeherrschung keine Integration, ohne Integration kein beruflicher Erfolg und keine gemeinsame Zukunft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weder die Zuwanderer, noch die Aufnahmel\u00e4nder haben urspr\u00fcnglich mit einem dauerhaften Zusammenleben gerechnet. Beide Seiten gingen zun\u00e4chst von wenigen Jahren aus. Besonders die Mehrheitsgesellschaft hat sich zu wenig mit den Herkunftskulturen der Zuwanderer besch\u00e4ftigt, ja sich f\u00fcr ihre Lebenswelten kaum wirklich interessiert. Die \u201eandere Kultur\u201c wurde entweder kritiklos bewundert oder aber ignoriert und abgelehnt. Mitmenschliche Begegnungen fanden viel zu selten statt. Das Wissen \u00fcber den Islam ist in Europa bei vielen Menschen immer noch gering. Manche Muslime wollten zun\u00e4chst \u201eEurop\u00e4er\u201c werden, haben sich dann aber entt\u00e4uscht abgewandt. Manche fanden Anschlu\u00df an eine Moschee, die Distanz und R\u00fcckzug predigt, den heimischen Nationalismus und den Islam als Identit\u00e4t in einer \u201egottlosen\u201c westlichen Gesellschaft als Alternative anpreist. Dann kann es bis zur Hinwendung zum politischen Islam (Islamismus) oder sogar zum Extremismus u. U. nur noch ein kurzer Schritt sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Eine neue Situation f\u00fcr beide Seiten<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Neu ist die Situation nicht nur f\u00fcr die europ\u00e4ischen, sondern auch f\u00fcr die muslimischen Gemeinschaften. Sie m\u00fcssen hier in der \u201eDiaspora\u201c in einer nichtmuslimischen westlichen Gesellschaft eine neue theologische und politisch-gesellschaftliche Standortbestimmung vornehmen. Viele Fragen kommen auf: Kann auf den lautsprecherverst\u00e4rkten Gebetsruf \u2013 in islamischen L\u00e4ndern eine Allt\u00e4glichkeit \u2013 in nichtislamischen L\u00e4ndern verzichtet werden? Darf von Nichtmuslimen geschlachtetes (nicht gesch\u00e4chtetes) Fleisch von Muslimen verzehrt werden (eine Situation, die in islamischen L\u00e4ndern kaum je auftreten wird)? Wie sind die islamisch begr\u00fcndeten Anstandsregeln (kein Kontakt zwischen jungen M\u00e4nnern und M\u00e4dchen) in einer freiheitlichpluralistischen Gesellschaft einzuhalten, in der sich nur noch wenige Menschen zu religi\u00f6sen Werten bekennen? Darf der eigene Sohn eine deutsche, nichtmuslimische Frau heiraten, die die Familie u. U. als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c beurteilt?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">All das sind Fragen, die sich im islamischen Herkunftsland nie gestellt haben und auf die die muslimische Gemeinschaft Antworten finden mu\u00df, die auch innerhalb der muslimischen Gemeinde sehr unterschiedlich ausfallen. Aber auch jenseits der allt\u00e4glichen Lebensf\u00fchrung ergeben sich in Bezug auf die Religion manche Fragen: Wie kann der islamische Glaube an die junge Generation weitergegeben werden, die inmitten einer pluralistischen, s\u00e4kularisierten Gesellschaft lebt, die oft wenig von sichtbaren ethischen und religi\u00f6sen Werten gepr\u00e4gt ist? Manche Familien beginnen in dem Wunsch, ihre kulturellen Wurzeln zu bewahren, erstmals in der Diaspora, ihre Religion zu praktizieren, andere beachten die Vorschriften strenger als im Herkunftsland. Dadurch wird besonders im t\u00fcrkischen Islam in Deutschland eine konservative Religi\u00f6sit\u00e4t \u201ekonserviert\u201c, die es in dieser Form in der modernen Westt\u00fcrkei kaum noch gibt. Und wie verh\u00e4lt sich die westliche Mehrheitsgesellschaft? Versteht sie das hohe Minarett, das vielleicht alle anderen Bauten des Stadtteils \u00fcberragt, als kulturelle Bereicherung oder als Bedrohung? Oder vielleicht in fr\u00fcheren Jahren als Bereicherung, heute aber eher als Bedrohung? Glaubt sie den friedlichen Bekundungen des Moscheevereins in der Nachbarschaft und bem\u00fcht sich der Moscheeverein um gute Kontakte zu den Nachbarn? Beten dort Menschen, die nur ihren Glauben praktizieren und zum Frieden in der Gesellschaft beitragen wollen oder werden dort politische Predigten gehalten? Wird das Kopftuch als individuelles Glaubensbekenntnis getragen oder als politisches Symbol? W\u00fcnschen sich die europ\u00e4ischen Gesellschaften \u00fcberhaupt ein Miteinander mit den Zuwanderern, m\u00f6chten sich alle Zuwanderer in die europ\u00e4ischen Gesellschaften integrieren? Wie weit reichen Toleranz und Freiheit der demokratischen Gesellschaften, und wo beginnt die Gleichg\u00fcltigkeit und die Ablehnung?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das lange Nebeneinander mu\u00df ein Miteinander werden. Das oberste Prinzip ist, den gesellschaftlichen Frieden zu wahren und Wege zum Miteinanderleben zu finden. Die europ\u00e4ischen Gesellschaften m\u00fcssen bereit sein, Zuwanderern Heimat und Annahme zu geben, die Zuwanderer ihrerseits dazu, sich von einem politisierten Islamverst\u00e4ndnis zu l\u00f6sen und die hiesigen Gesetze nicht nur zu halten, sondern die europ\u00e4ischen Demokratien als gut und richtig zu bejahen. Hier ist auf beiden Seiten viel zu tun \u2013 zun\u00e4chst Bewu\u00dftseinsbildung f\u00fcr die Vers\u00e4umnisse der Vergangenheit, Informationsvermittlung, Gespr\u00e4che, Begegnung, F\u00f6rderung der Chancenarmen, Forderung nach beiderseitigem Einsatz f\u00fcr ein friedliches Zusammenleben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>2. Die politische Herausforderung<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist heute jedermann bewu\u00dft, was mit der Thematik der \u201epolitischen Herausforderung\u201c gemeint ist: Viele Menschen in Europa betrachteten in den letzten 30 Jahren die Besch\u00e4ftigung mit dieser politischen Dimension in islamischen L\u00e4ndern als Thematik einiger Nahostexperten. Man ging zu lange davon aus, da\u00df sich extremistische Bestrebungen auf landesinterne Konflikte wie Algerien, Pal\u00e4stina oder den Iran beschr\u00e4nkten. Heute hat sich diese Sicht grundlegend gewandelt, und das zu Recht. Wer seine Aufmerksamkeit nur mehr auf L\u00e4nder wie Afghanistan als R\u00fcckzugsr\u00e4ume extremistischer Netzwerke richtet, wird die heutige Situation nicht mehr in ihrer ganzen Tragweite begreifen. Auch europ\u00e4ische Metropolen wurden zum Schauplatz terroristischer Angriffe, darunter Amsterdam, Madrid oder London, das bereits seit geraumer Zeit als Drehscheibe des internationalen politischen Islam gilt. Unter der logistischen und finanziellen Unterst\u00fctzung aus dem Nahen und Mittleren Osten ist Europa zum R\u00fcckzugs- und auch zum Aktionsraum f\u00fcr extremistische Gruppierungen geworden. Manche Moscheen und islamischen Zentren wurden zu Rekrutierungsorten f\u00fcr Extremisten. Der internationale islamistische Terrorismus, lange hinsichtlich seiner Tragweite und seines Herrschaftsanspruchs untersch\u00e4tzt, hat nicht vor den Toren Europas Halt gemacht, sondern ist heute \u2013 so erschreckend dieses Fazit auch ist \u2013 Bestandteil der europ\u00e4ischen Wirklichkeit geworden. Die Auseinandersetzung in und um Israel im Vorderen Orient zu f\u00fchren, oder gegen das \u201ekompromi\u00dfbereite\u201c, \u201eunislamische\u201c Regime im eigenen islamischen Land zu k\u00e4mpfen, ist nicht mehr das einzige Ziel heutiger extremistischer Gruppierungen. Politische Gruppierungen betrachten Europa nicht mehr nur als Ruhe-, sondern auch als Aktionsraum. Das Internet macht dabei Reisen in Ausbildungscamps wie auch pers\u00f6nliche Rekrutierungen mehr und mehr unn\u00f6tig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Der Islamismus als politische Kraft<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Allerdings geht es beim politischen Islam nicht nur um Gewalt und Terror. Der gewaltbereite Extremismus ist nur ein Fl\u00fcgel des politischen Islam und insgesamt ein zahlenm\u00e4\u00dfig kleines Spektrum. Zum politischen Islam rechnet man auch jenen Bereich des Islamismus, der seine Ziele mit rechtsstaatlichen Mitteln, mit Strategie, z. T. aus dem Ausland stammenden Finanzquellen und gut geschultem Personal, aber nicht weniger entschlossen verfolgt. Der politisch motivierte Islam \u00fcbt seinen Einflu\u00df \u00fcber Moscheevereine und Dachorganisationen aus und dies in zweifacher Weise: Zum einen erkl\u00e4rt er sich als organisierter Islam zum Sprachrohr \u201eder\u201c Muslime in Europa und verwendet dabei Titel wie \u201eZentralrat\u201c, obwohl gerade der \u201eZentralrat\u201c weniger als 1% der Muslime in Deutschland vertreten d\u00fcrfte. Insgesamt geh\u00f6ren dort 5 bis h\u00f6chstens 10% aller Muslime hierzulande einer dieser Organisationen an, also eine Minderheit. Dennoch formuliert der politisch organisierte Islam \u00f6ffentliche Stellungnahmen, in denen er sich anma\u00dft, f\u00fcr alle Muslime zu sprechen. Da die muslimische Gemeinschaft keine den Kirchen vergleichbare Mitgliedschaft noch Hierarchie kennt, ernennt sich der organisierte Islam damit selbst zum Dialogpartner f\u00fcr die Kirche und zum Ansprechpartner f\u00fcr den Staat, obwohl doch eine Mehrheit von mindestens 90% aller Muslime in Europa nicht von einer dieser Organisationen vertreten werden m\u00f6chten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vertreter des Islamismus suchen Einflu\u00df in Universit\u00e4ten und Politik, fordern die Gleichstellung mit den christlichen Kirchen und vermehrte Rechte oder Anpassungen der Gesetzgebung (f\u00fcr die Sondererlaubnis zur Sch\u00e4chtung von unbet\u00e4ubten Tieren mu\u00dfte in Deutschland das Tierschutzgesetz ge\u00e4ndert werden). Andere h\u00f6chstrichterlich ausgetragene Streitpunkte der vergangenen Jahre waren auch die Frage nach dem Kopftuch f\u00fcr beamtete Lehrerinnen oder der Gebetsruf per Lautsprecher. Vorrangiges Ziel ist die gleichberechtigte Anerkennung des Islam in Europa, die Bekanntmachung und Durchdringung der westlichen Gesellschaft mit islamischen Werten sowie die Vereinnahmung der muslimischen Gemeinschaft f\u00fcr eine bestimmte Interpretation des Islam. Der zweite Schritt ist der aktive Einsatz f\u00fcr die Werte der Scharia, die Unterbindung jeglicher Kritik an islamischen Werten und schlie\u00dflich die Proklamierung der Scharia, der islamischen Ordnung, zun\u00e4chst \u00fcber die muslimische Gemeinschaft. Zudem aber wirkt der politisch organisierte Islam auch in die muslimische Gemeinschaft hinein in dem Wunsch, Muslime zum Einhalten einer strikten Form des Islam in Europa anzuhalten. Erteilen Lehrerinnen des organisierten Islam an \u00f6ffentlichen Schulen Religionsunterricht mit Kopftuch und vermitteln sie ihre traditionelle, die Frau rechtlich benachteiligende Rolle, wird der Druck offensichtlich gr\u00f6\u00dfer, da\u00df auch Sch\u00fclerinnen in diesem Umfeld vermehrt und fr\u00fcher Kopft\u00fccher tragen und einem schariazentrierten, nicht aufgekl\u00e4rten Islam bis in die Elternh\u00e4user Vorschub geleistet wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Besch\u00e4ftigung mit den Hintergr\u00fcnden des politischen Islam ist daher heute weder \u201eweithergeholt\u201c noch ein abwegiges intellektuelles T\u00e4tigkeitsfeld, sondern f\u00fcr die europ\u00e4ischen Gesellschaften von gr\u00f6\u00dfter Bedeutung. Weder Panikmache noch Verharmlosungen noch Verallgemeinerungen sind am Platz. N\u00fcchterne Bestandsaufnahmen sind gefragt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Differenzierung schafft N\u00fcchternheit<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn Hintergr\u00fcnde und Motive politisch-islamischer Gruppierungen einerseits erkannt und n\u00fcchtern analysiert werden, dient das der differenzierten Wahrnehmung der muslimischen Gemeinschaft und letztlich der Vermeidung von Falschurteilen. Wenn sich unpolitische muslimische Gruppierungen von Gewalt, Terror und Islamismus nachdr\u00fccklich distanzieren \u2013 ja, noch wertvoller, Begr\u00fcndungen aus dem Koran und den Schriften muslimischer Theologen finden, die die Berechtigung eines gewaltt\u00e4tigen Islam ablehnen \u2013 wird dies dazu dienen, die Unterschiede zur friedlichen Mehrheit der muslimischen Gemeinschaft in Europa deutlicher erkennbar zu machen. Weder eine aus Angst heraus entstandene Abwehr gegen muslimische Nachbarn und Mitb\u00fcrger, noch eine Verharmlosung der politischen Aktivit\u00e4ten der bekannten Gruppierungen wird dem friedlichen Zusammenleben und der konstruktiven Gestaltung einer gemeinsamen Zukunft dienlich sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Bilanzierung ist gefragt<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr die dringend notwendige sachliche Auseinandersetzung m\u00fcssen auch kritische Fragen zugelassen werden; kritische Fragen an die Mehrheits- wie die Minderheitengesellschaft. Themen k\u00f6nnten die Fehler der Vergangenheit, die vers\u00e4umte Integration, aber auch Themen wie Zwangsheiraten und Ehrenmorde sein. Beides existiert in Europa seit \u00fcber vierzig Jahren, war aber bisher f\u00fcr die Mehrheitsgesellschaft kaum von Interesse. Die Tatsache, da\u00df es heute eher eine Zunahme an Ehrenmorden und immer noch eine hohe Zahl von Zwangsverheiratungen junger Migrantinnen in Europa gibt, stellt gleichzeitig die Frage nach der Verteidigung der eigenen, europ\u00e4ische Werten wie danach, wie Frauen Schutz zu gew\u00e4hren ist und europ\u00e4ische Vorstellungen der Gleichberechtigung von Mann und Frau in einem Umfeld durchzusetzen sind, das diese Werte durch den Import althergebrachter Traditionen grunds\u00e4tzlich in Frage stellt. Nur eine n\u00fcchterne Auseinandersetzung mit den gegenw\u00e4rtigen Problemen wird einen Schritt vorw\u00e4rts bringen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>3. Die Frage der Religion<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In einer Zeit, in der im Westen der Grundtenor lautet, da\u00df Religion kaum mehr \u00f6ffentliche Bedeutung hat, von Aufkl\u00e4rung und S\u00e4kularisierung gepr\u00e4gt ist, so da\u00df er im Bewu\u00dftsein vieler nur wenig mit der europ\u00e4ischen Werteordnung zu tun hat, begegnet uns der Islam als \u00fcberaus vitale, weltweit vernetzte, finanzkr\u00e4ftige, missionarisch aktive und vor allem selbstbewu\u00dfte Religion mit apologetisch vorgetragenem Absolutheitsanspruch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Islam begegnet uns zwar nicht nur allein eine Religion, sondern auch ein Gesellschaftssystem, das eng mit Religion und Tradition verkn\u00fcpft ist. Gleichzeitig ist die Religion in viel st\u00e4rkerem Ma\u00df Bestandteil des Alltags, der \u00d6ffentlichkeit und der Familie als das im allgemeinen in Europa der Fall ist. Die mit dem Islam verflochtene Tradition enth\u00e4lt detaillierte Regeln f\u00fcr Kleidung und Speisen, f\u00fcr Feste und Feiertage, f\u00fcr das Verhalten von M\u00e4nnern und Frauen, f\u00fcr Heirat und Scheidung, f\u00fcr das Verh\u00e4ltnis von Muslimen zu Nichtmuslimen, f\u00fcr Krieg und Frieden. Weil Tradition und Glaube eng miteinander verbunden sind und die Tradition religi\u00f6s begr\u00fcndet wird, erh\u00e4lt sie pr\u00e4gende Kraft f\u00fcr den Alltag. Schon von daher ist bei einer Frage wie nach der Bedeutung des Kopftuchs oder der Funktion einer Moschee der politische Bereich vom religi\u00f6sen nicht ohne weiteres zu trennen. Mit der Religion und Tradition (die nicht immer spezifisch islamisch sein mu\u00df) verbinden sich gesellschaftliche und politische Aspekte. So ist das Kopftuch f\u00fcr viele Musliminnen eben nicht nur ein pers\u00f6nliches Bekenntnis, sondern steht auch f\u00fcr eine Anerkennung der schariarechtlichen Bestimmungen zu Ehe und Familie und der rechtlich benachteiligten Stellung der Frau. Damit geht aber die Bedeutung des Kopftuchs insgesamt weit \u00fcber ein pers\u00f6nliches Bekenntnis hinaus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dadurch, da\u00df der Islam das Thema der Religion neu zur Sprache bringt, wird sich auch die westliche Gesellschaft der Frage stellen m\u00fcssen, welche Werte denn die Werte Europas des 21. Jahrhunderts sein werden. Ruhen die Werte der europ\u00e4ischen Gesellschaft auf dem Fundament eines j\u00fcdisch-christlichen Erbes? Wenn ja \u2013 mu\u00df dieses j\u00fcdisch-christliche Erbe bewahrt werden, um die tragenden Werte Europas bewahren zu k\u00f6nnen? Oder kann doch beides voneinander abgekoppelt werden? Da\u00df diese Frage im Zuge der Auseinandersetzung mit dem Islam letztlich immer unausgesprochen im Raum steht, hat wohl auch die teilweise hitzige Debatte im Rahmen eines m\u00f6glichen EU-Beitritts der T\u00fcrkei dar\u00fcber gezeigt, ob denn Europa nun ein \u201echristlicher Club\u201c sei oder nicht. Diese Frage werden die europ\u00e4ischen L\u00e4nder zun\u00e4chst f\u00fcr sich selbst l\u00f6sen m\u00fcssen, bevor sie eine tragf\u00e4hige Antwort in Richtung T\u00fcrkei geben k\u00f6nnen. Erkennbar ist auch, da\u00df der Islam als Religion eher an Anziehungskraft gewonnen denn verloren hat. Von einem vielbeschworenen \u201eAbschleifen\u201c der Religion in der zweiten und dritten Generation kann heute keine Rede mehr sein. Sicher gibt es den Bereich des \u201es\u00e4kularisierten\u201c Islam; Muslime, die den gleichen Freizeitvergn\u00fcgungen nachgehen wie europ\u00e4ische oder deutsche Jugendliche, aber aufs Ganze betrachtet, ist der Islam unter Immigranten eine lebendige Religion geblieben. Nicht indem vielleicht jede einzelne islamische Glaubensvorschrift in jeder Familie detailgenau beachtet wird, aber doch so, da\u00df der Islam R\u00fcckhalt und Identit\u00e4t bietet. Z. T. wenden sich gerade junge Leute \u2013 nachdem ihre Eltern einen verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig aufgekl\u00e4rten Islam gelebt haben \u2013 ihrerseits wieder einer strikteren Befolgung der islamischen Vorschriften zu.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bedenklich stimmt, da\u00df manche islamischen Organisationen schon heute in Europa darauf dr\u00e4ngen, da\u00df nichts \u201eNegatives\u201c mehr \u00fcber den Islam ver\u00f6ffentlicht werden d\u00fcrfe, da dies Diskriminierung bedeute \u2013 mit anderen Worten, alles, was nicht aus muslimischer Sicht geschrieben wurde, ist zu unterbinden (eine Entwicklung, die z. B. in Gro\u00dfbritannien durch islamische Lobbyarbeit weitaus mehr fortgeschritten ist). Hier wird es ganz wesentlich daran liegen, wie \u201ewach\u201c die westliche Gesellschaft diese Entwicklung verfolgt und in welchem Ma\u00df sie bereit ist, ihre m\u00fchsam erk\u00e4mpfte Presse- und Meinungsfreiheit zu verteidigen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Fazit<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die gegenw\u00e4rtige Debatte \u00fcber die Fundamente dieser Gesellschaft und die Auseinandersetzung mit einer ganz anders gearteten Werteordnung und Religion hat sich uns mit aller Macht geradezu aufgedr\u00e4ngt. Das erschreckt nachhaltig und er\u00f6ffnet doch gleichzeitig Wege zu einer fundierten Diskussion, sofern denn die westliche Gesellschaft in der Lage sein wird, nicht in Panik und Abwehr zu verfallen, sondern n\u00fcchtern \u00fcber die Verh\u00e4ltnisse im eigenen Land und bei den Zuwanderern Bilanz zu ziehen und nach konstruktiven L\u00f6sungsans\u00e4tzen zu suchen. Vielleicht verl\u00e4uft die Debatte um die \u201eIntegration\u201c auch deshalb so aufgeregt, weil die kulturell-gesellschaftlichen oder religi\u00f6sen Besonderheiten Europas, die hierzulande verteidigt werden sollen, bisher selten klar definiert wurden. F\u00fchrt der Islam der westlichen Gesellschaft vielleicht besonders deutlich ihre Ziel- und Wertelosigkeit vor Augen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Mehrzahl der Muslime, die in Europa unpoltisch denkt und lebt und sich gro\u00dfe Sorgen macht um die Rechte, die islamistische Gruppen St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck mit Erfolg einfordern, erwarten eine Antwort vom Staat, dessen Aufgabe es ist \u2013 aus einer vertieften Kenntnis des Islam \u2013 zu einer vern\u00fcnftigen Grenzziehung gegen\u00fcber politischen Kr\u00e4ften zu kommen. Es darf keinen doppelten Rechtsstandard geben \u2013 bei der Stellung der Frau oder der Ankerkennung der Vielehe etwa \u2013 denn nur eine Verst\u00e4ndigung auf eine gemeinsame Rechts- und Werteordnung wird den Erhalt unseres Staates auf Dauer garantieren k\u00f6nnen. Es lohnt sich, f\u00fcr ein echtes Miteinander einzustehen, das uns in Europa aber bei teilweise divergierenden Werteordnungen nicht in den Scho\u00df fallen wird. Gleichzeitig mu\u00df alles daf\u00fcr getan werden, da\u00df die Migranten in Europa dauerhaft Heimat finden. Viel zu viele f\u00fchlen sich entwurzelt, weder in dem Herkunftsland ihrer Eltern und Gro\u00dfeltern noch in ihrer neuen \u201eHeimat\u201c zu Hause \u2013 die zu oft eben noch keine Heimat geworden ist. Migranten f\u00fchlen sich ausgegrenzt und benachteiligt, diskriminiert und verachtet \u2013 teilweise beruht dieses Empfinden auf eigenen Erfahrungen mit Benachteiligungen, teilweise auf einer stellvertretend f\u00fcr die weltweite muslimische Gemeinschaft empfundenen Zur\u00fccksetzung, teilweise liegt die berufliche Perspektivlosigkeit aufgrund von geringer Schulbildung sehr nahe. Politische und wirtschaftliche Programme sind wichtig, damit mehr Migranten in Europa auch wirtschaftlich Fu\u00df fassen k\u00f6nnen \u2013 aber auch abgesehen von dieser gesellschaftspolitischen Ebene m\u00fcssen Muslime und Nichtmuslime st\u00e4rker aufeinander zugehen, um im Europa des 21. Jahrhunderts nicht mehr nur nebeneinander, sondern miteinander zu leben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u00a9 2008 www.islaminstitut.de<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Islam in Europa als Herausforderung f\u00fcr Staat, Gesellschaft und Kirche* Die heutige Situation \u2013 Geschichte und Hintergr\u00fcnde * Vortrag \u2013 wie er am 21. Mai 2008 in Traun (\u00d6sterreich) h\u00e4tte gehalten werden sollen. Die Globalisierung ist auch f\u00fcr Europa ein Thema von gro\u00dfer Bedeutung. Die Welt ist n\u00e4her zusammenger\u00fcckt. Das gilt auch f\u00fcr die islamische [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":153,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[9],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2111"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/153"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2111"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2111\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2733,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2111\/revisions\/2733"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2111"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2111"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2111"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}