{"id":21080,"date":"2024-07-22T03:30:07","date_gmt":"2024-07-22T01:30:07","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=21080"},"modified":"2024-07-21T21:11:34","modified_gmt":"2024-07-21T19:11:34","slug":"vor-dem-sturm-vortrag-vor-pfarrern-der-bekennenden-kirche-der-altpreussischen-union-1937","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=21080","title":{"rendered":"Vor dem Sturm. Vortrag vor Pfarrern der Bekennenden Kirche der Altpreu\u00dfischen Union, 1937"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 8pt;\">Vortrag am 22. April 1937 vor ostpreu\u00dfischen Pfarrern, gehalten von Professor D. Iwand, Bloestau bei Ruggen, Bruderrat der Bekennenden Kirche der Altpreu\u00dfischen Union.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Liebe Br\u00fcder!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Stunde, in der wir hier zusammengetreten sind, hat eine gewi\u00dfe \u00c4hnlichkeit mit dem Augenblick, der zwischen dem zerm\u00fcrbenden Trommelfeuer und dem darauf folgenden Sturmangriff liegt. Eine unheimliche Ungewi\u00dfheit, wann und in welcher Form der Vorsto\u00df des Gegners erfolgen wird, lastet auf allen. <!--more-->Das evangelische Kirchenvolk Deutschlands ist zu einer Wahl aufgerufen, aber die Kirche selbst wei\u00df weder den Termin noch die Ordnung, nach der die Wahl erfolgen soll. Es ist das Kennzeichen unserer kirchenpolitischen Lage, da\u00df die Kirche selbst dabei kein Mitbestimmungsrecht hat. In seinem Schreiben an den Landesbischof von Hannover macht der Reichskirchenminister Kerrl ausdr\u00fccklich darauf aufmerksam, da\u00df die Wahl in die Hand des Kirchenvolkes, nicht der Kirche selbst gelegt sei. So wissen wir nur das eine, da\u00df der Angriff bevorsteht, der endlich das Ziel des jahrelangen Ringens, den Zusammenbruch des Widerstandszentrums in der evangelischen Kirche herbeif\u00fchren soll, und wir wissen, da\u00df dieses Widerstandszentrum jedenfalls nach Meinung des scharfsichtigen Gegners nirgendwo anders liegt, als bei der bekennenden Kirche.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Niemand wei\u00df und kann es jetzt sagen, ob es gelingen wird, unsere Positionen zu halten; niemand kann \u00fcbersehen, in welcher Tiefe der Gegner aufmarschiert ist; niemand wei\u00df, mit welchen Mitteln die Kirche angegriffen und m\u00fcrbe gemacht werden wird; niemand kann voraussagen, wie weit uns die Wucht des Sto\u00dfes zur\u00fcckwerfen wird. Alles das bleibt der Vermutung \u00fcberlassen, und es scheint mir nutzlos, hier mit falschen Hoffnungen und tr\u00fcgerischen Zahlen Stimmungen zu erwecken, die nur zu leicht in ihr Gegenteil umschlagen k\u00f6nnen. Denn wenn Gott auch mancherlei Mittel und Wege hat, uns zu helfen, so sollen wir doch darauf bedacht sein, uns nicht auf Menschen zu verlassen und \u201eFleisch f\u00fcr unseren Arm zu halten\u201c (Jer 17,5).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So bleibt in diesem Meer von Ungewi\u00dfheiten nur eins \u00fcbrig, was gewi\u00df ist: Der Gegner soll nicht glauben, da\u00df er in ein leeres Feld vorst\u00f6\u00dft. Ihm steht eine Schar von Menschen gegen\u00fcber, die gehalten sind, zu widerstehen. Gehalten, zusammengehalten und aufrechterhalten durch den, unter dessen Wort und Befehl sie getreten sind. Das gerade ist es, was dem Kampf, in den wir gedr\u00e4ngt sind, ein so sonderbares, ja mehr, ein wunderbares Gesicht gibt. Denn es stehen hier nicht nur Menschen gegen Menschen und Meinungen gegen Meinungen, sondern hier stehen die einen mit, die anderen wider Gott, und darum gilt f\u00fcr diesen Streit zun\u00e4chst das eine: <strong>da\u00df<\/strong> wir selbst wagen, mit Gott zu rechnen. Das Geheimnis des Gegners liegt in dem, was Luther \u201egro\u00df Macht und viel List\u201c genannt hat, und es mag schon sein, da\u00df man damit weltlich gesehen ein St\u00fcck weiter kommt, aber das Geheimnis, das \u00fcber der Kirche waltet, ist unendlich viel tiefer, so tief, da\u00df wir selbst es immer wieder nur r\u00fcckschauend mit Lob und Dank, mit Besch\u00e4mung und Staunen fassen k\u00f6nnen. Denn hier ist einer auf dem Plan, und zwar \u201emit <strong>seinem<\/strong> Geist und Gaben\u201c \u2013 der f\u00fcr die Welt unangreifbar ist, der als der Unsichtbare mitten in der sichtbaren Kirche steht, und die Seinen mit der R\u00fcstung versieht, die sie zur rechten Ritterschaft bef\u00e4higt (Eph 6,10ff.; 2.\u00a0Kor 10,4). \u201eWir haben Christum angezogen\u201c (Gal 3,27) \u2013 das ist das Bekenntnis derer, die Gott in diesen Streit sendet. Das ist das Geheimnis des Widerstandes, an dem alle Angriffe des Feindes immer wieder zerbrochen sind und zerbrochen werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Darum haben unsere V\u00e4ter in den schweren Zeiten des drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieges gesungen: \u201eDu bist der Held, der sie kann untertreten\u201c; darum gibt der Herr selbst den Seinen in der Stunde, da er in die Unsichtbarkeit zur\u00fccktrat (Joh 14,19), die Weisung: \u201eSeid getrost, ich habe die Welt \u00fcberwunden\u201c (Joh 16,33). Auf dieser Gewi\u00dfheit fu\u00dfend, haben die Christen in den schwersten Zeiten der Anfechtung und Bedr\u00e4ngnis immer wieder ihn, seinen Namen, sein Werk herausgestellt, obschon scheinbar der Kampf dadurch immer h\u00e4rter, der Feind immer wilder, die Lage der Kirche immer auswegloser wurde; sie hatten gelernt: In den Zeiten, die die Wogen \u00fcber das Schiff gehen, mu\u00df man den Herrn rufen (Lk 8,24). Da \u201em\u00fcssen wir einen wachen Christum haben\u201c (Luther). Um diese \u201eErweckung\u201c haben sie gerungen. Ihn anrufen in der Not, das hei\u00dft ihn bekennen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So ist denn das Bekenntnis die von Gott geschenkte Waffe, mit der die Kirche dem Angriff der Welt entgegentritt (Mt 10,32). So haben zuerst und bis heute vorbildlich die Apostel Christus vor der Welt und ihren M\u00e4chten bekannt. Bekannt als den, der er ist. Bekannt, wie der Heilige Geist sie lehrte (Joh 15,26; 14,26). Sie haben Jesus von Nazareth verk\u00fcndigt als ihren Herrn und den Heiland der Welt. Darum sind die Bekenntnisse der Apostel, und ebenso die Bekenntnisse der Reformatoren nichts anderes, als die im Kampf geborene Herausstellung dessen, wer und was Jesus Christus ist. Mit dem Wort der Wahrheit treten sie der heidnischen Welt gegen\u00fcber und bezeugen gerade in dieser Frontstellung das k\u00fcndlich gro\u00dfe Geheimnis: Jesus ist der Herr (Phil 2,11), er ist das Lamm, das der Welt S\u00fcnde tr\u00e4gt (Joh 1,29; Offb 19,9), er ist der eingeborene Sohn, er ist das Wort, das Fleisch wurde (Joh 1,14), er ist der Weltenrichter, der kommen wird am Ende der Tage, dann werden ihn alle sehen, auch die ihn zerstochen haben (Offb 1,7). Jesus Christus ist der Einzige, in dem der Mensch Gott als <strong>seinen<\/strong> Gott h\u00f6rt, findet, hat und beh\u00e4lt (Mt 17,5; R\u00f6m 8,31), er ist der Vers\u00f6hner (2.\u00a0Kor 5,19; 1.\u00a0Kor 1,30) und der Erretter (1.\u00a0Joh 4,14).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir m\u00fcssen hier noch einen Schritt weiter gehen und erkennen, da\u00df Not und Anfechtung der Kirche immer wieder dazu hilft, alles andere gering zu achten und ihre Hoffnung allein auf die Macht und Wahrheit zu gr\u00fcnden, die in diesem Bekenntnis liegt. Von der Welt bedr\u00e4ngt, appelliert die Kirche an das \u201eWort der Wahrheit\u201c (Eph 1,13; 1.\u00a0Joh 4,6; 1.\u00a0Tim 3,15.16), und bittet Gott: \u201eWeck die tote Christenheit aus dem Schlaf der Sicherheit\u201c. Was f\u00fcr eine contradictio in se [Selbstwiderspruch], wenn dann geschickte Kirchenpolitiker versuchen, beides wieder zu vereinigen, die Erweckung der Christenheit und die Bewahrung der Sicherheiten! Hier liegt das Entweder \u2013 Oder f\u00fcr die Bekennende Kirche, denn je mehr Sicherheiten ihr genommen werden, desto glaubw\u00fcrdiger, desto wunderkr\u00e4ftiger wird das Bekenntnis der Kirche. Gottes Kraft beginnt in unserer Schwachheit m\u00e4chtig zu werden (2.\u00a0Kor 12,9).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das also, so m\u00f6chte ich erst einmal zusammenfassen, ist die Regel, an die wir uns halten m\u00fcssen, wenn anders wir wirklich die F\u00fchrungen Gottes verstehen wollen, da\u00df Gottes Macht und der Kirche Ohnmacht in einem sind, da\u00df unsere Niederlagen Gott die Bahn freigeben, da\u00df wir darum Tr\u00fcbsal haben, aber uns nicht \u00e4ngstigen sollen, da\u00df wir unterdr\u00fcckt werden, aber nicht umkommen, da\u00df wir \u2013 wenn wir Christum anziehen \u2013 sein Sterben <strong>und<\/strong> sein Leben anziehen (2.\u00a0Kor 4,8\u2013\u00ad10), da\u00df wir immer wieder den Anschein der Besiegten machen werden, aber gerade darum erfahren werden, da\u00df Gott eigene und wunderbare Wege hat, seine Sache zu retten, da\u00df Gottes Erfolge unter den Mi\u00dferfolgen seiner Boten Ereignis werden, und da\u00df der Sieg des Evangeliums nicht zusammenf\u00e4llt mit dem Triumph derer, des es verk\u00fcndigen. <strong>Im Gegenteil:<\/strong> \u201eDie Welt wird sich freuen, ihr aber werdet traurig sein\u201c \u2013 sagt der Herr zu seinen J\u00fcngern \u2013 \u201eaber\u201c, und dieses Wort steht ebenso \u00fcber der Freude der Welt, wie \u00fcber der Trauer der Kirche, \u201eeure Traurigkeit soll in Freude verwandelt werden\u201c (Joh\u00a016,20).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das sollte sich das Heer Jesu Christi \u201eins Herz schreiben\u201c, damit es seine eigene Lage nicht ansieht mit den Augen des Gegners, damit es seine Position nicht beurteilt wie die, die keine Hoffnung haben (1.\u00a0Thess 4,13), sondern damit wir aufsehen auf das, was der Herr tut, \u201ewie die Augen der Knechte auf die H\u00e4nde ihrer Herren sehen\u201c (Ps 123,2). Wir d\u00fcrfen der Welt nie glauben, was sie uns \u00fcber unsere Lage einreden m\u00f6chte, wir m\u00fcssen unsere Ohren verstopfen, wenn der Parlament\u00e4r des Gegners ins Lager kommt, um uns zur \u00dcbergabe aufzufordern und uns die Hoffnungslosigkeit unserer Lage klar zu machen, denn das Geheimnis der Kirche kennt ja der Gegner nicht. Ja, wir selbst kennen es nicht. Wir wissen nur, da\u00df der bei uns ist, dessen Name hei\u00dft: Wunderbar, Rat, Kraft, Held, Ewig-\u00adVater, Friedef\u00fcrst (Jes 9,5). Und eben darum, weil niemand diesen seinen Rat und diese seine Kraft ermessen kann (1.\u00a0Kor 1,19), ist unsere Lage <strong>aller,<\/strong> aber auch wirklich aller, feindlichen genauso wie freundlichen, Beurteilung entzogen (1. Kor 2,15). Das mu\u00df die Kirche wissen. Denn sie bleibt nur so lange Herr der Lage, in der sie steht, als sie sich durch keine Sorge und Berechnung davon abbringen l\u00e4\u00dft, ihren Herrn Jesus Christus frei heraus zu bekennen und ihre Lage durch dieses Bekenntnis gestalten zu lassen. Wird sie darum geduldet, so lebt sie dem Herrn, wird sie darum verfolgt, so stirbt sie dem Herrn, soda\u00df sie dann in guten wie in b\u00f6sen Tagen immer dieselbe ist: die ihrem Herrn getreue Magd. Dieser Kirche und nur ihr gilt die Verhei\u00dfung ihrer Un\u00fcberwindlichkeit (Mt 16,18). Weder die Welt noch der F\u00fcrst der Welt ist dem gewachsen, den die Kirche bekennt. Er hat die Fessel des Todes zerrissen (Offb 1,18). Darum, wo der Geist wohnt, der ihn als den Sieger bezeugt, da ist Freiheit (2.\u00a0Kor 3,17).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">II.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber es w\u00e4re nicht nach der Art des Herrn, der seinen J\u00fcngern N\u00fcchternheit und Wachsamkeit aufgetragen hat (Mt 26,41; 1.\u00a0Thess 5,6; 1.\u00a0Petr 5,8), wenn wir nun die Augen schlie\u00dfen und der Dinge warten wollten, die da kommen. Darum will es mir immer seltsam erscheinen, wenn gesagt wird: Um die Kirche ist uns nicht bange, wohl aber um unser Volk, denn der Glaube an die Un\u00fcberwindlichkeit der Kirche ist eben Glaube und nicht Fatalismus. Es gibt gerade aus diesem Glauben heraus eine echte und berechtigte Sorge um die Kirche. Hat nicht der Herr der Kirche selbst um die Seinen gebangt, hat er nicht aus dieser Angst heraus um sie und f\u00fcr sie gebetet? (Joh 17,9; Lk 22,32) Ist das nicht gerade der Unterschied zwischen dem guten Hirten und dem Mietling, da\u00df der Hirte die Gefahr ganz ernst nimmt, die der Herde droht, so ernst, da\u00df er sein Leben daf\u00fcr einsetzt, w\u00e4hrend der Mietling flieht, d.h. in der Anfechtung von der Herde weicht. Es k\u00f6nnte gerade ein Zeichen solcher Flucht vor der Verantwortung sein, wenn man heute sagt, die Kirche k\u00f6nne ja gar nicht in Gefahr sein, weil sie un\u00fcberwindlich sei. Nein, die Un\u00fcberwindlichkeit der Kirche ist gerade darin gegr\u00fcndet, da\u00df der gute Hirte sein Leben f\u00fcr die Schafe gelassen hat (Joh 10,12). Es gibt wohl kein Wort, das der Sorge um die Gemeinde mehr Recht und Adel gebe, als dieses. Denn die Sache der Kirche ruht ja nicht in einem System von Lehrs\u00e4tzen \u2013 auf Dogmen hat es der Wolf gewi\u00df nicht abgesehen \u2013 sondern hier geht es ja um Menschen, die bedroht sind, die gerade in ihrer Treue zu Gott bedroht sind (Offb 2,10), Menschen, die verloren sind, wenn sie abfallen von dem lebendigen Gott (Hebr 3,12), Menschen, die in der Versuchung stehen, sich loszusagen von dem Heil, das ihnen einmal Inhalt und Grund ihres Lebens war (Hebr\u00a02,3;\u00a06,6). Geht nicht diese Sorge um den Abfall durch alle apostolischen Briefe? (Gal\u00a03,1;\u00a01.\u00a0Kor 10,6 ff.; Hebr 3,12) Bewegt sie nicht das Leben und Wirken aller, die je in der Geschichte der Kirche einen Namen haben? Darum, wenn uns heute nicht bange ist um unsere Gemeinden, wann sollen dann je sonst Pastoren um die Kirche gebangt haben? Sind wir nicht bis zum \u00dcberma\u00df von dieser Not und Sorge belastet, wenn anders wir den Glauben kennen, der durch die Liebe wirksam ist (Gal 5,6)?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Denn die Zeit, in der wir stehen, und die Zeit, die uns bevorsteht, ist gekennzeichnet durch einen Abfall vom Christentum, dessen Wucht und faktischer Verlauf heute noch gar nicht ermessen werden kann.<\/strong> N\u00fcchtern sein, hei\u00dft heute: <strong>das<\/strong> sehen. Wachen hei\u00dft heute: <strong>dem<\/strong> wehren. Wer heute nicht sieht, was geschieht, der kann gewi\u00df sein, das liegt nicht daran, da\u00df er im Urteil \u00fcber die Zeit mit uns nicht einig ist; das ist nicht eine Sache des Kopfes, sondern eine Sache des Herzens. Man mu\u00df ein steinernes Herz haben, um diese Not nicht zu f\u00fchlen. Man mu\u00df sich auf alle m\u00f6gliche und unm\u00f6gliche Weise die Wirklichkeit zurechtstutzen, um diese Arglosigkeit zu rechtfertigen. Man mu\u00df blind sein wollen, <strong>um blind sein zu k\u00f6nnen.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Freilich, es gibt mancherlei fromme Rede, um sich \u00fcber diese Wirklichkeit hinwegzusetzen. Die einen sagen: Eine Reformation mu\u00df kommen \u2013 und in diesem Wahn, da\u00df wir eines kommenden Propheten warten m\u00fc\u00dften, begeben sie sich der Verantwortung, die Gott uns gerade heute zugewiesen hat. Andere wieder sagen: Eine Erweckung mu\u00df die Kirche ergreifen, die Kirche ist selbst schuld, da\u00df es so weit gekommen ist. Wir haben erfahren, wie D. Z\u00f6llner und seine Gefolgsleute sich gem\u00fcht haben, die Bekennende Kirche in eine solche Erweckungsbewegung umzuwandeln \u2013 sie w\u00e4re fast \u00fcber diesem Experiment zerbrochen! Wieder andere \u2013 und das sind die meisten \u2013 sagen: Ihr t\u00e4uscht euch, in Wahrheit ist das, was ihr Abfall nennt, das neue Leben. Hier ist endlich das Christentum der Tat. Hier ist wahre und wirksame Gottgl\u00e4ubigkeit. Gerade diese These wird ja heute fast t\u00e4glich schwarz auf wei\u00df den Leuten ins Haus getragen. Sie wirbt um Anerkennung in allem, was das Auge sieht und was das Ohr h\u00f6rt. Das Gottesreich \u2013 sichtbar, sp\u00fcrbar mitten unter uns! (Lk 17,21) Wer w\u00fc\u00dfte nicht um den Reiz dieser Bilder und Worte! Wer ist so satt, da\u00df er unangefochten daran vor\u00fcbergehen k\u00f6nnte. Und doch \u2013 es sind alles nur Bilder und Deutungen, \u201egleich wie einem Hungrigen tr\u00e4umt, da\u00df er esse, wenn er aber aufwacht, so ist seine Seele leer\u201c! (Jes 29,8)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das erst erhellt die wahre Gefahr unserer Lage. Wir stehen nicht nur in der Zeit des Abfalls, sondern, was schlimmer ist: die Zeit selbst wei\u00df darum nicht; im Gegenteil, sie glaubt in der Stunde eine religi\u00f6sen Erneuerung ohnegleichen zu stehen. Gewi\u00df, auch sie wird einmal furchtbar aufwachen. Aber es gibt eine Reue, die nicht zur Umkehr f\u00fchrt (Hebr 12,17; 2.\u00a0Kor\u00a07,10). Vorl\u00e4ufig sorgen aber noch genug falsche Propheten daf\u00fcr, da\u00df der Traum weitergetr\u00e4umt wird (Jer 23,28). Denn das k\u00f6nnen wir aus der Heiligen Schrift lernen: Der Abfall des Volkes von dem lebendigen Gott geht Hand in Hand mit dem Auftreten falscher Propheten, die die Hungertr\u00e4ume deuten und ihre Gesichte an die Stelle des Wortes Gottes setzen (Jer 23,22). Priester und \u00c4lteste gaben dem j\u00fcdischen Volk das Stichwort an die Hand, als es galt, den Herrn der Herrlichkeit ans Fluchholz zu bringen (Joh 19,7).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erst von dieser Tiefe der diabolischen Verf\u00fchrung aus kann man ermessen, was Christus verlangt, wenn er sagt: Seid n\u00fcchtern! Wachet! Betet!, denn der Abfall hat ein Doppelgesicht, ein faktisches und ein geistiges. Wer sich nur gegen das Faktum stemmt, der wird vergeblich dagegen ank\u00e4mpfen. Wen erst der Kirchenaustritt erschreckt, der kommt zu sp\u00e4t! Man mu\u00df doch einmal sehen, da\u00df der Abfall seine Rechtfertigung findet durch eine Kirche und ein Prophetentum, das diesem Geschehen Namen gibt, die aus dem Heiligtum stammen. Die S\u00fcnde gegen das erste Gebot wird verdeckt mit der S\u00fcnde gegen das zweite. Der Name Gottes wird entheiligt, damit der Unterschied zwischen Gott und den G\u00f6tzen verschleiert wird. In dieser Verschlingung liegt das Geheimnis dieser zauberkr\u00e4ftigen Metamorphose. Der Satan verkleidet sich in einen Engel des Lichts. Ja, so weit geht diese Verkehrung, da\u00df der Eine, der das Licht der Welt ist, in eine solche Beleuchtung ger\u00fcckt wird, da\u00df es fast den Anschein hat, als st\u00fcnde er im Bunde mit den M\u00e4chten der Finsternis. Darum gen\u00fcgt es nicht, wenn wir dem Abfall wehren; wir m\u00fcssen den Geist entzaubern (Jes\u00a05,20;\u00a0Mt\u00a010,1), der diese Abkehr von dem lebendigen Gott mit dem Namen der Gottgl\u00e4ubigkeit, der dieses Fieber, das dem Kundigen Anzeichen t\u00f6dlicher Krankheit ist, mit dem Namen der Lebenskraft, der diese Verw\u00fcstung des Heiligtums mit dem Namen des Schutzes, der Tempelreinigung und der Aufrichtung wahren Gottesdienstes bezeichnet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hier trifft uns die schwerste Anfechtung. Wir m\u00fcssen nicht nur dem B\u00f6sen wehren, sondern werden dabei noch als die dastehen m\u00fcssen, die im Bunde mit dem B\u00f6sen stehen (Mt\u00a010,25). Wir werden nicht, wie es sonst zu geschehen pflegt, den Ruhm haben, f\u00fcr das Gute gelebt und gewirkt zu haben (Mt 6,2; 23,5; 1.\u00a0Kor 4,9.10). Diese Not w\u00e4re gar nicht auszuhalten, \u2013denn schlie\u00dflich glaubt der Mensch, was oft und laut gesagt wird \u2013 wenn wir nicht aufschauen k\u00f6nnten zu dem, der auch diese Schande nicht gescheut hat (Hebr 12,2; 13,13); denn so stand ja Christus selbst in der Welt. Zwischen zwei Verbrechern ist er gekreuzigt. So sieht ihn die Welt (Jes 53,9). Schon heute deuten die Zeichen der Zeit darauf hin, da\u00df die Kirche Jesu Christi wieder da wird stehen m\u00fcssen, wohin die Menschen einst den Christus Gottes verbannten: mitten zwischen Verbrechern. Und doch haben sich seine J\u00fcnger ihres Herrn nicht gesch\u00e4mt und haben gerade hier die Herrlichkeit des Gnadenbundes Gottes bezeugt (1.\u00a0Kor\u00a01,18). Wohl uns, wenn wir gleich ihnen dennoch sagen: Ich sch\u00e4me mich des Evangeliums nicht. Das erst hei\u00dft Glauben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">III.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese beiden St\u00fccke geh\u00f6ren zusammen: das Bekenntnis und der Glaube. Nur da, wo der Glaube in Jesus Christus dem Gekreuzigten den Gnadenzuspruch Gottes ergreift (Hebr\u00a04,16), wo ein Mensch sich binden l\u00e4\u00dft durch die Gnade Gottes, die das Herz fest macht (Hebr\u00a013,9), wird das Bekenntnis die Kraft haben, die un\u00fcberwindlich ist. Wo der Glaube nicht zuvor den Menschen der Gerechtigkeit gewi\u00df gemacht hat, die vor Gott gilt, wird das Bekenntnis Lippenwerk bleiben, das er zum eigenen, aber nicht zum Ruhme Gottes ablegt (Jes 29,13;\u00a0Mt 7,21). Solch ein Mund wird verstummen, wenn das Bekenntnis nicht mehr Ehre, sondern Schande einbringt (Mt 26,74). Und wo das Bekenntnis nicht mehr bezeugt, da\u00df wir zu einerlei Glauben und Erkenntnis des Sohnes Gottes auf dem Wege sind (Eph\u00a04,13), da wird es nicht mehr die Kirche erbauen, sondern verw\u00fcsten und wird Rechthaberei und leeren Streit ausl\u00f6sen (1.\u00a0Kor\u00a03,3). Das Bekenntnis ist das Element, in dem der Glaube lebt, denn hier wendet er sich zur\u00fcck zu dem, von dem er stammt (2.\u00a0Kor 4,13). Der Glaube kann sich nur so bezeugen, da\u00df er den gro\u00df und herrlich macht, von dem er kommt und an dem er h\u00e4ngt (Joh\u00a016,14). Mit dem Bekenntnis weist die Kirche von sich weg auf ihren Herrn und auf die Wahrheit Gottes, die in ihm f\u00fcr alle Welt offenbar geworden ist. Bekennende Kirche \u2013 das ist eine Kirche, die die T\u00fcren aufmacht, damit alle den Ruf vernehmen, alle, Gute und B\u00f6se, alle, die geladen sind. Und es sind doch offene T\u00fcren, auch wenn die drau\u00dfen bleiben, die den Boten mit Hohn und Gewalttat drohen (Mt 22).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">IV.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Sprache des Neuen Testaments hei\u00dft Bekennen so viel wie <strong>gemeinsames Reden<\/strong>. Es ist die Verk\u00fcndigung der gemeinsamen Wahrheit, die von allen Gl\u00e4ubigen ungeachtet der Besonderheit ihrer eigenen Lebensf\u00fchrung und kirchlichen Entwicklung bezeugt wird. Es ist die Parole, an der Freund und Feind erkenntlich wird, die darum von Anbeginn an von jedem, der Einla\u00df in die Burg Gottes begehrt, abverlangt wurde (1.\u00a0Kor 12,3). Um diese Parole geht der Kampf. Und zwar sind wir heute so weit, da\u00df man nicht mehr wie in fr\u00fcheren Zeiten um bestimmte inhaltliche Aussagen des Christenglaubens ringt, sondern heute geht die Forderung bereits dahin, da\u00df jede derartige Nachpr\u00fcfung zu unterbleiben habe. Es soll in Zukunft die Zugeh\u00f6rigkeit zu einem bestimmten, durch das Christentum in seiner Geschichte beeinflu\u00dften Volk gen\u00fcgen, um gleichzeitig auch das Recht der Mitgliedschaft und Mitbestimmung in der christlichen Kirche zu haben (vgl. Rosenberg, Mythus, Kap. 5, die deutsche Volkskirche). In diese Kirche wird man geboren, nicht getauft, und man geh\u00f6rt ihr an dank des Adels seiner Abstammung, nicht dank der Gnade Gottes. Jede Nachfrage, die den Glauben der einzelnen Glieder der Kirche am Bekenntnis pr\u00fcfen m\u00f6chte, gilt als pharis\u00e4ische Anma\u00dfung und wird als Dogmatismus perhorresziert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nur eine Scheidegrenze gilt: Das Volkstum, das als Sch\u00f6pfungsordnung verstanden wird. Die Grundz\u00fcge der \u201edeutschen Volkskirche\u201c will man der Sch\u00f6pfung, nicht mehr der Erl\u00f6sungsordnung Gottes entnehmen. Und da man vom Fall der Sch\u00f6pfung nichts mehr wei\u00df, noch wissen will, wird Christus selbst ein Gesch\u00f6pf, wird das Bekenntnis zum Sohne Gottes als l\u00e4cherliches Beiwerk abgetan und wird die Welt als ewig gesetzt mit allen Werten, die man ihr abgewinnen m\u00f6chte. Wir sollten wissen, da\u00df in diesem Rahmen Kirche ganz abgesehen von allem anderen schon darum unm\u00f6glich ist, weil die Kirche \u201eihrem Ziele nach die allgemeine ist gegen\u00fcber aller Neigung zum V\u00f6lkeregoismus. Der Versuch, sie diesem dienstbar zu machen, ist ein Angriff auf ihren g\u00f6ttlichen Beruf\u201c (K\u00e4hler). Gerade dieser Angriff ist in vollem Gange; ja mehr, er ist weithin schon gelungen. Unter dem Zerrbild eines v\u00f6lkerzerst\u00f6renden Internationalismus wird der universale Charakter der Kirche ge\u00e4chtet, und es scheint vergessen, da\u00df wir als Christen und als in der Kirche erzogene V\u00f6lker nicht von der babylonischen Sprachenverwirrung kommen, sondern von Pfingsten: Von dem Tage, da im H\u00f6ren auf Gottes Wort die V\u00f6lker einander neu verstehen lernten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man mu\u00df es sich einmal klar machen, da\u00df im Bekenntnis zu der \u201eallgemeinen christlichen Kirche\u201c bezeugt wird, da\u00df Jesus der Menschensohn ist (Mt 16,27; 18,11; Apg 7,55). Wie sollten wir denn sonst wohl singen: \u201eIn <strong>unser<\/strong> armes Fleisch und Blut verkleidt sich da das ewge Gut?\u201c Oder wie sollte sonst unser Glauben an der Botschaft h\u00e4ngen, da\u00df das Wort Fleisch wurde? Wie sollten wir der Auferstehung entgehengehen (Phil 3,11), wenn Jesus, der Antityp Adams (R\u00f6m 5,14.15), der eine, in dessen Gehorsam aller Menschen Rettung beschlossen liegt (R\u00f6m 5,19), nicht mehr \u00fcber den V\u00f6lkern als Erinnerung und Verhei\u00dfung einer neuen Welt und einer neuen Menschheit stehen sollte? (2.\u00a0Kor 5,17; Offb 21,1) Um Christus geht es, wenn wir an der Universalit\u00e4t der Kirche festhalten, um den Menschensohn und den \u201eletzten Menschen\u201c (1.\u00a0Kor 15,45), um den Glauben an den Heiligen Geist, den uns Gott als Pfand f\u00fcr diese seine neue Welt geschenkt hat (2.\u00a0Kor 5,5).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Darum mu\u00df die Kirche Jesu Christi aufh\u00f6ren, das zu sein, was ihr Name verb\u00fcrgt, wenn man dazu schreiten wollte, an die Stelle des einenden und scheidenden Bekenntnisses zu dem dreieinigen Gott das Bekenntnis zu dem Geist und zu der jeweiligen geistigen Gestalt einer Nation zu setzen. Eine solche Kirche w\u00fcrde, um noch einmal K\u00e4hler zu zitieren, nichts anderes sein als \u201eeine Abteilung im Staatsmechanismus einer absoluten Regierung, oder eine Seite im Geb\u00e4ude der Demokratie\u201c. Darum bekommt gerade auch der Kampf um die Verwaltung und Ordnung der Kirche von dieser Inhaltlichkeit sein Gewicht, denn unter Verwaltung und Ordnung versteht die Gegenseite den organisatorischen Ausdruck dieses <strong>der v\u00f6lkischen Religion entnommenen Inhaltes<\/strong>. Darum soll die Kirchenordnung der Norm der Volksordnung unterstehen, und die Verwaltung, insbesondere die Leitung und finanzielle Vollmacht, beim Staate liegen. Es ist seltsam, da\u00df wir so lange Zeit gebraucht haben, bis wir erkannten, da\u00df die sogenannten Ordnungsfragen gar keine Ordnungsfragen sind, und da\u00df von jenem ersten Versuch an, der im Jahre 1933 gemacht wurde, hinter allen organisatorischen Fragen immer nur das eine Ziel stand: Der Kirche den Charakter einer <strong>Nationalkirche<\/strong> zu geben, d.h. einer Kirche, die alle umfa\u00dft, die innerhalb der Landesgrenzen geboren sind, die aber nicht mehr den Anspruch erhebt, \u00fcber das religi\u00f6s-\u00adpolitische Bekenntnis zum Volkstum hinaus, etwas anderes Gemeinsames zu haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit anderen Worten: Man ist der Meinung, da\u00df der tats\u00e4chliche Zustand im Volke bereits auf diesem Punkte der allgemeinen und absoluten Gleichg\u00fcltigkeit gegen\u00fcber dem christlichen Bekenntnis angelangt sei, so da\u00df es jetzt nur darauf ankomme, die stehengebliebenen Reste ehemaliger Konfessionskirchen wegzuschaffen, damit das neue religi\u00f6se Leben des Volkes sich ungehindert und artgem\u00e4\u00df entfalten k\u00f6nne. Dabei f\u00fchlt sich der Staat als der Befreier all der \u201eGesinnungsgemeinschaften\u201c, die sich bisher in Folge der Unterdr\u00fcckung durch die \u201ealten\u201c Kirchen nicht entfalten konnten. Es ist wahrscheinlich, da\u00df die kommende Wahl den Anfang f\u00fcr die Ausrufung der freien Volkskirche bilden soll, und da\u00df es lediglich darauf ankommt, nun auch m\u00f6glichst viele Stimmen f\u00fcr diesen Versuch zusammenzubringen, um dann entsprechend \u201eGr\u00f6\u00dfe und Bedeutung\u201c (Rosenberg: Mythus!) dieser Bewegung Ihnen auf Grund der gewonnenen Prozente (!) Kirchen zu Lehrzwecken zur Verf\u00fcgung zu stellen und so erst einmal die \u201eKristallisationspunkte\u201c zu schaffen, aus denen sich die kommende Volkskirche entwickeln soll.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">V.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In diesem Versuch werden wir zum ersten Mal auch organisatorisch die Kraft neu erwachten Heidentums zu sp\u00fcren bekommen, eines Heidentums, da\u00df die Fesseln der christlichen Gesittung und christlichen Lehre nun auch praktisch \u2013 denn das hei\u00dft organisatorisch! \u2013 zu sprengen sucht und sich selbst als Erl\u00f6sungsmysterium versteht. Und obschon jeder Einsichtige wei\u00df, da\u00df in dieser angeblich neuen Gottgl\u00e4ubigkeit die alten, bleichen Gespenster der Aufkl\u00e4rung bei uns Einzug halten \u2013 sie trinken heute aus dem Herzblut unseres Volkes und erfahren dadurch eine unheimliche und grauenhafte Wiederbelebung. Gerade das totgesagte und totgeglaubte Heidentum lebt inmitten unseres christlichen Abendlandes m\u00e4chtiger denn je; es f\u00fchlt sich als der geistige Tr\u00e4ger des neu erwachten v\u00f6lkischen Lebens und vermag in den Resten christlicher Tradition nur noch die leeren Schalen zu sehen, die behutsam, nicht zu fr\u00fch, aber doch rechtzeitig zu entfernen sind, damit das Neue ungehindert in die Rechte des Alten eintreten kann. Dieses Heidentum ist nicht mit der Waffe der Aufkl\u00e4rung, des aufgekl\u00e4rten Verstandes, zu besiegen. Im Gegenteil, die Aufkl\u00e4rung ist der Mutterboden, aus dem er hervorging. Die Auseinandersetzung mit <strong>diesem<\/strong> durch die christliche Epoche hindurchgegangenen, aber eben doch lebendig und ungebrochen hindurchgegangenen Heidentum ist das uns gestellte Thema. Wesentlich an ihm Ist, da\u00df es sich durch Wunder ausweist (Mt 24,24; 2. Thess 2,9\u00ad\u201312). Das Wunder aller Wunder aber ist seine eigene Kraft und Auferstehung. Die Wunde, die seinen Untergang anzuk\u00fcndigen schien, ist heil geworden (Offb 13). Das neue Heidentum gibt sich als Bild der Gesundheit, Kraft und F\u00fclle. Diese Tatsache zwingt die Menschen auf der ganzen Erde vor ihm in die Knie. Den Anbetern des Gottes, der Geist ist, treten die Anbieter des Tieres gegen\u00fcber, dem Dienst des lebendigen Gottes der Kultus der vitalen, das naturhafte Dasein tragenden und bewegenden Lebenskraft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Heilige Schrift hat uns nie im Unklaren dar\u00fcber gelassen, da\u00df das antichristliche Heidentum, das am Ende der Tage auftreten wird, ein anderes Gesicht hat als das Heidentum, dem das Christentum in der F\u00fclle der Zeit begegnete (Mk 13,21.22; Dan 11,30ff.). Denn w\u00e4hrend damals offene T\u00fcren die Boten des Evangeliums einlie\u00dfen, verrammelt am Ende der Tage das durch das Christentum hindurchgegangene Heidentum seine T\u00fcren, um den nicht einzulassen, der kommt. Es ist die letzte Anstrengung der M\u00e4chte, die wissen, da\u00df die Ankunft des Herrn das Ende ihrer Herrschaft bedeutet, und die darum ohne es zu wollen der leidenden und k\u00e4mpfenden Gemeinde damit ein Zeichen geben: Der Herr ist nahe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Zeiten des Abfalls stehen, was auch der Augenschein dagegen sagen mag, im Zeichen des Advents, und wer sie recht versteht, der h\u00e4lt sich an die Mahnung: Wenn aber dieses anf\u00e4ngt zu geschehen, so sehet auf und erhebt eure H\u00e4upter darum, da\u00df sich eure Erl\u00f6sung naht (Lk\u00a021,28).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Zeichen des Kreuzes wird wieder, was es im Anfang war, ein \u00c4rgernis der ganzen Welt (Lk\u00a02,34; Mt 21,42; 1.\u00a0Kor 1,23), die in eigenen neuen Zeichen ihre Herrlichkeit, Kraft und Ewigkeit zur Darstellung bringt (Offb 13,13ff.; 16,14). Die Grenzen zwischen Zeit und Ewigkeit verflie\u00dfen (1.\u00a0Kor 15,50). Das irdische Leben verliert damit seine Sachlichkeit und N\u00fcchternheit, denn S\u00fcnde und Tod scheinen jetzt schon aufgehoben (2.\u00a0Tim 2,18). Die Magenfrage \u2013 das n\u00e4mlich ist der biblische Terminus (R\u00f6m 14,17; Mt 4,3) f\u00fcr das, was wir heute Sozialismus nennen \u2013 wird zur Glaubensfrage, mit dem Erfolg, da\u00df auch die Glaubensfrage zur Magenfrage wird (Joh 6,26.27). Alles, was unser Herr Jesus Christus auf seinem Gang durch die Welt als Anfechtung und Verf\u00fchrung von dem ihm gewiesenen Wege geschaut und durch litten hat (Mt 4,1\u201311; 16,22.23; 26,39 u.a.), wird nun von seiner Gemeinde erfahren und erlebt als drohende Abgr\u00fcnde und massive Hindernisse, die dem Zug der Christenheit jedes Vorankommen zu versperren scheinen und dem Bestand der Gemeinde schmerzliche Verluste zuf\u00fcgen. Wohl uns, <strong>da\u00df<\/strong> wir \u2013 und wohl uns, <strong>wenn<\/strong> wir wissen, da\u00df wir den Weg zum Ziel nicht erst zu bahnen haben, sondern da\u00df in der Nachfolge der Schl\u00fcssel liegt (Mt 4,19; Joh 8,12; 10,4; Hebr 6,19.20), der die Kirche vor dem Fall ebenso bewahrt (1.\u00a0Kor 10), wie er sie vor dem M\u00fcdewerden beh\u00fctet (2.\u00a0Kor 4,1; Hebr 3,12\u00ad\u201314).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr \/>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Original in Frakturschrift:<br \/>\n<a href=\"https:\/\/kba.karl-barth.ch\/media\/web\/86009\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/kba.karl-barth.ch\/media\/web\/86009<\/a>, abgerufen am 16.07.2024.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vortrag am 22. April 1937 vor ostpreu\u00dfischen Pfarrern, gehalten von Professor D. Iwand, Bloestau bei Ruggen, Bruderrat der Bekennenden Kirche der Altpreu\u00dfischen Union. Liebe Br\u00fcder! 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