{"id":2095,"date":"2007-06-07T15:11:10","date_gmt":"2007-06-07T13:11:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=2095"},"modified":"2009-09-04T16:39:07","modified_gmt":"2009-09-04T14:39:07","slug":"disputation-uber-den-menschen-1536","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=2095","title":{"rendered":"Disputation \u00fcber den Menschen 1536"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Disputation \u00fcber den Menschen 1536<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">1. Die Philosophie, die menschliche Weisheit, definiert den Menschen als vernunftbegabtes, mit Sinnen und K\u00f6rperlichkeit ausgestattetes Lebewesen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">2. Nun bedarf es jetzt nicht der Er\u00f6rterung, ob der Mensch im eigentlichen oder uneigentlichen Sinne als \u00bbTier\u00ab bezeichnet wird.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">3. Aber man mu\u00df wissen: Diese Definition bestimmt nur den sterblichen und irdischen Menschen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">4. Und in der Tat ist es wahr, da\u00df die Vernunft die Hauptsache von allem ist, das Beste im Vergleich mit den \u00fcbrigen Dingen dieses Lebens und geradezu etwas G\u00f6ttliches.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">5. Sie ist Erfinderin und Lenkerin aller freien K\u00fcnste der medizinischen Wissenschaft, der Jurisprudenz und all dessen, was in diesem Leben an Weisheit, Macht, T\u00fcchtigkeit und Herrlichkeit von Menschen besessen wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">6. So mu\u00df sie mit Recht als Wesensunterschied bezeichnet werden, durch den der Mensch als Mensch bestimmt wird in Unterscheidung von den Tieren und den sonstigen Dingen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">7. Auch die heilige Schrift hat sie zu solcher Herrin \u00fcber die Erde, \u00fcber V\u00f6gel, Fische und Vieh eingesetzt mit dem Gebot: \u00bbHerrschet!\u00ab usw. (1.Mos. 1,28).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">8. Das hei\u00dft, sie soll eine Sonne und eine Art g\u00f6ttlicher Macht sein, in diesem Leben dazu eingesetzt, all diese Dinge zu verwalten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">9. Und selbst nach Adams Fall hat Gott der Vernunft diese Hoheit nicht genommen, sondern vielmehr best\u00e4tigt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">10. Gleichwohl, da\u00df sie solche Majest\u00e4t sei, wei\u00df eben diese Vernunft nicht auf Grund von deren Ursache, sondern nur durch R\u00fcckschlu\u00df aus den Wirkungen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">11. Vergleicht man deshalb die Philosophie oder die Vernunft selbst mit der Theologie, so wird sich zeigen, da\u00df wir \u00fcber den Menschen nahezu nichts wissen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">12. Scheinen wir doch kaum seine stoffliche Ursache hinreichend wahrzunehmen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">13. Kennt doch die Philosophie ohne Zweifel nicht die wirkende Ursache und entsprechend auch nicht die Zweckursache des Menschen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">14. Als Zweckursache setzt sie n\u00e4mlich nichts anderes als irdische Wohlfahrt; und sie wei\u00df nicht, da\u00df die wirkende Ursache Gott der Sch\u00f6pfer ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">15. \u00dcber die gestaltende Ursache aber, als welche sie die Seele bezeichnen, wurde nie und wird nie unter Philosophen Einigkeit erzielt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">16. Denn damit, da\u00df Aristoteles sie als erste Wirklichkeit eines K\u00f6rpers, der das Verm\u00f6gen zu leben hat, definiert, wollte er ja Dozenten und Studenten zum Besten haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">17. Es besteht auch keine Aussicht, da\u00df der Mensch vornehmlich in diesem Teil sich seinem Wesen nach erkennen k\u00f6nne, bis er sich endlich in der Quelle selbst, welche Gott ist, wahrgenommen haben wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">18. Und was j\u00e4mmerlich ist: Nicht einmal \u00fcber ihren Entschlu\u00df oder ihre Gedanken hat die Vernunft volle und zuverl\u00e4ssige Gewalt, sondern ist darin dem Zufall und der Nichtigkeit unterworfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">19. Jedoch, welcher Art dieses Leben ist, so beschaffen ist ebenfalls sowohl die Definition als auch die Erkenntnis des Menschen, n\u00e4mlich d\u00fcrftig, schl\u00fcpfrig und allzusehr an der Stofflichkeit orientiert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">20. Die Theologie hingegen definiert aus der F\u00fclle ihrer Weisheit den ganzen und vollkommenen Menschen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">21. N\u00e4mlich: Der Mensch ist Gottes Gesch\u00f6pf, aus Fleisch und lebendiger Seele bestehend, von Anbeginn zum Bilde Gottes gemacht ohne S\u00fcnde, mit der Bestimmung, Nachkommenschaft zu zeugen und \u00fcber die Dinge zu herrschen und niemals zu sterben;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">22. das aber nach Adams Fall der Macht des Teufels unterworfen ist, n\u00e4mlich der S\u00fcnde und dem Tode &#8211; beides \u00dcbel, die durch seine Kr\u00e4fte nicht zu \u00fcberwinden und ewig sind;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">23. und das nur durch den Sohn Gottes Christus Jesus zu befreien ist (sofern es an ihn glaubt) und mit der Ewigkeit des Lebens zu beschenken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">24. Unter diesen Umst\u00e4nden befindet sich jene allersch\u00f6nste und allerherrlichste Sache, welche in voller Gr\u00f6\u00dfe die Vernunft auch nach dem S\u00fcndenfall geblieben ist, dennoch &#8211; so ergibt sich schl\u00fcssig &#8211; unter der Macht des Teufels.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">25. Folglich ist und bleibt der Mensch ganz und ausnahmslos &#8211; er sei K\u00f6nig, Herr, Knecht, weise, gerecht und durch welche G\u00fcter dieses Lebens auch immer er sich hervortun kann &#8211; dennoch der S\u00fcnde und dem Tod verhaftet, weil unterdr\u00fcckt unter dem Teufel.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">26. Wer darum sagt, die nat\u00fcrlichen Kr\u00e4fte des Menschen seien nach dem Fall unversehrt geblieben, philosophiert gottlos wider die Theologie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">27. Ebenso wer sagt, der Mensch k\u00f6nne sich dadurch, da\u00df er tut, was in seinen Kr\u00e4ften ist, Gottes Gnade und das Leben verdienen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">28. Desgleichen wer Aristoteles (der vom Menschen in theologischer Hinsicht keine Ahnung hat) anf\u00fchrt, n\u00e4mlich da\u00df die Vernunft ihr Sehnen auf das Beste richte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">29. Desgleichen da\u00df im Menschen \u00bbdas \u00fcber uns als Pr\u00e4gezeichen gesetzte Licht von Gottes Angesicht\u00ab (PS. 4,7) sei, das hei\u00dft, freies Entscheidungsverm\u00f6gen zur Hervorbringung der rechten Vorschrift und des guten Willens.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">30. Desgleichen da\u00df es in der Verf\u00fcgung des Menschen stehe, zwischen Gut und B\u00f6se oder Leben und Tod usw. zu w\u00e4hlen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">31. Alle, die solches behaupten, verstehen nicht, was der Mensch ist, noch wissen sie, wovon sie reden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">32. Paulus fa\u00dft in R\u00f6m. 3,28: \u00bbWir erachten, da\u00df der Mensch durch Glauben unter Absehen von den Werken gerechtfertigt wird\u00ab in K\u00fcrze die Definition des Menschen dahin zusammen, da\u00df der Mensch durch Glauben gerechtfertigt werde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">33. Wer vom Menschen sagt, er m\u00fcsse gerechtfertigt werden, der behauptet gewi\u00df, da\u00df er S\u00fcnder und Ungerechter und deshalb vor Gott schuldig, jedoch durch Gnade zu retten sei.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">34. Und dabei versteht Paulus \u00bbMensch\u00ab unbegrenzt, das hei\u00dft, allgemein, um die ganze Welt, oder was immer Mensch hei\u00dft, unter der S\u00fcnde zusammenzufassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">35. So ist denn der Mensch dieses Lebens Gottes blo\u00dfer Stoff zu dem Leben seiner k\u00fcnftigen Gestalt<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">36. Wie auch die Kreatur \u00fcberhaupt, die jetzt der Nichtigkeit unterworfen ist, f\u00fcr Gott der Stoff zu ihrer herrlichen k\u00fcnftigen Gestalt ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">37. Und wie sich Erde und Himmel im Anfang zu der nach sechs Tagen vollendeten Gestalt verhielt, n\u00e4mlich als deren Stoff,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">38. so verh\u00e4lt sich der Mensch in diesem Leben zu seiner zuk\u00fcnftigen Gestalt, bis dann das Ebenbild Gottes wiederhergestellt und vollendet sein wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">39. Bis dahin befindet sich der Mensch in S\u00fcnden und wird tagt\u00e4glich zunehmend gerechtfertigt oder verunstaltet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">40. Deshalb h\u00e4lt Paulus diese Reiche der Vernunft nicht einmal f\u00fcr wert, sie \u00bbWelt\u00ab zu nennen, sondern bezeichnet sie lieber als \u00bbSchemen der Welt\u00ab (1.Kor. 7,31).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Disputation \u00fcber den Menschen 1536 1. Die Philosophie, die menschliche Weisheit, definiert den Menschen als vernunftbegabtes, mit Sinnen und K\u00f6rperlichkeit ausgestattetes Lebewesen. 2. 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