{"id":20890,"date":"2024-04-23T12:55:10","date_gmt":"2024-04-23T10:55:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=20890"},"modified":"2024-04-23T12:55:10","modified_gmt":"2024-04-23T10:55:10","slug":"ausgrenzung-ist-naechstenliebe-die-evangelische-kirche-und-die-afd","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=20890","title":{"rendered":"Ausgrenzung ist N\u00e4chstenliebe. Die Evangelische Kirche und die AfD"},"content":{"rendered":"<div class=\"wpb_text_column\">\n<div class=\"wpb_wrapper\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Am 13. M\u00e4rz 2024 hat der Kreiskirchenrat des Kirchenkreises Egeln (Evangelische Kirche in Mitteldeutschland) beschlossen, die Beauftragung von Pfarrer Martin Michaelis, Quedlinburg, mit Diensten im Pfarrbereich Gatersleben zu beenden. Grund daf\u00fcr ist seine Kandidatur als Parteiloser auf der Liste der AfD f\u00fcr den Stadtrat Quedlinburg bei den Kommunalwahlen im Juni. Inzwischen wurde von der Kirchenleitung ein Disziplinarverfahren gegen Martin Michaelis eingeleitet. Dieser Vorgang, \u00fcber den bundesweit medial berichtet wurde, hat die Frage des Verh\u00e4ltnisses der Kirchen zur AfD im Wahljahr 2024 verst\u00e4rkt ins \u00f6ffentliche Interesse ger\u00fcckt.<!--more--><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schon im November letzten Jahres hatte die <a href=\"https:\/\/www.ekd.de\/ekd_de\/ds_doc\/14-Beschluss_zur_Auseinandersetzung_mit_gruppenbezogener_Menschenfeindlichkeit_und_extremer_Rechter.pdf\">EKD-Synode in Ulm eine Art Unvereinbarkeitsbeschluss<\/a> verabschiedet. Ende Februar folgte sodann die Katholische <a href=\"https:\/\/www.dbk.de\/fileadmin\/redaktion\/diverse_downloads\/presse_2024\/2024-023a-Anlage1-Pressebericht-Erklaerung-der-deutschen-Bischoefe.pdf\">Deutsche Bischofskonferenz mit einer Pressemitteilung<\/a>, in der sie die AfD f\u00fcr Christen f\u00fcr nicht w\u00e4hlbar erkl\u00e4rte. Dem wollten auch evangelische Bisch\u00f6fe nicht nachstehen und so ver\u00f6ffentlichte am 19. M\u00e4rz die Bischofskonferenz der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD) zum Abschluss ihrer Klausurtagung in Dresden <a href=\"https:\/\/www.velkd.de\/presse\/artikel\/die-afd-tritt-das-christliche-menschenbild-mit-fuessen\">eine Presseerkl\u00e4rung<\/a>, in der es hei\u00dft:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u201eWer die AfD w\u00e4hlt, unterst\u00fctzt eine Partei, die das christliche Menschenbild mit F\u00fc\u00dfen tritt, programmatisch mit gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit gegen das Gebot der N\u00e4chstenliebe verst\u00f6\u00dft und mit ihren Hetzparolen den Geist der Gemeinschaft vergiftet. Diese Partei will uns die Mitmenschlichkeit, unseren N\u00e4chsten die Menschenw\u00fcrde und Gott die Ehre entrei\u00dfen.\u201c<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Ton, der hier angeschlagen wurde, war kaum noch zu steigern. Es h\u00e4tte nur noch gefehlt, dass die Bisch\u00f6fe die AfD zum Antichrist und den \u201eKampf gegen rechts\u201c zur Pflicht eines jeden Christenmenschen erkl\u00e4rten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was die Bisch\u00f6fe in ihrem Furor allerdings vers\u00e4umten, war eine Begr\u00fcndung ihres Bannfluchs. Der Autor dieses Textes hat deshalb bei dem in der genannten Pressemitteilung als Ansprechpartner angegebenen Oberkirchenrat Dr. Dr. Hofmann nach einer solchen gefragt. Die lapidare Antwort lautete: <em>\u201eMit der Stellungnahme zur AfD folgen die lutherischen Bisch\u00f6finnen und Bisch\u00f6fe dem Beispiel ihrer katholischen und der EKD-Kolleg*innen, die solche Erkl\u00e4rungen bereits fr\u00fcher abgegeben hatten. Auf den Websites <a href=\"https:\/\/www.katholisch.de\/thema\/1281-kirche-und-afd\">Die Kirche und die AfD<\/a> \u2013 katholisch.de und <a href=\"https:\/\/www.ekd.de\/kirche-gegen-rechtspopulismus-und-rechtsextremismus-49866.htm\">Kirche gegen Rechtsextremismus \u2013 EKD finden<\/a> Sie detailliertere Ausf\u00fchrungen zu Gr\u00fcnden und Belegen.\u201c <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das war nat\u00fcrlich keine Antwort auf die Frage nach einer Begr\u00fcndung, zumal auf den angegebenen Websites ebenfalls keine zu finden ist. Auch sonst sucht man dergleichen vergeblich. Zwar gibt es kirchliche Texte zu Rechtspopulismus und Rechtsextremismus (z. B. <a href=\"https:\/\/www.ekmd.de\/asset\/4CbQTnigSme-jff495nPqg\/rx-handreichung-2018-05.pdf?ts=1544203732883\">hier<\/a>), aber es gibt kein einziges Papier, in dem eine dezidierte und substantielle Auseinandersetzung mit dem Grundsatzprogramm der AfD und ihrer Politik stattfindet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dass die AfD christliche Grundwerte verachtet, die Menschenw\u00fcrde nicht anerkennt, Minderheiten diskriminiert und eine menschenverachtende Politik vertritt, ist bei der Evangelischen Kirche (und nicht minder bei der Katholischen) schlicht gesetzt: Rechtspopulismus und Rechtsextremismus sind zu verurteilen, die AfD ist rechtspopulistisch und rechtsextremistisch (auch das muss nicht weiter begr\u00fcndet werden) und deshalb ist auch die AfD zu verurteilen. Das muss als Begr\u00fcndung gen\u00fcgen. Auf den Gedanken, dass man der AfD selbst eine nachpr\u00fcfbare Begr\u00fcndung schulden k\u00f6nnte, ist offenbar noch niemand gekommen. Mit der AfD redet man ohnehin nicht und deshalb hat sie offenbar auch keine Begr\u00fcndung f\u00fcr ihre kirchliche Verurteilung verdient.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist nicht anders als in der Corona-Krise. Auch da hatte die Kirche sich nicht um eine selbstverantwortete begr\u00fcndete Position bem\u00fcht, denn es war von Anfang an klar: Die Regierung hat Recht, die Corona-Kritiker haben Unrecht und deshalb stellt sich die Kirche \u2013 wie so oft in der Geschichte \u2013 loyal auf die Seite des Staates. Keine tiefergehenden Fragen stellen (\u201eWir sind ja keine Virologen!\u201c) und alles mitmachen \u2013 das war die Position der Kirche und so kam es dann auch dazu, dass die EKD-Ratspr\u00e4sidenten Annette Kurschus sich f\u00fcr die Impfpflicht aussprach und die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland mit dem Slogan \u201eImpfen ist N\u00e4chstenliebe\u201c impfskeptische <a href=\"https:\/\/www.ekmd.de\/aktuell\/nachrichten\/impfen-ist-naechstenliebe-ekm-banner-haengt-an-marktkirche-in-halle-impfaufrufe-auch-aus-halberstadt-und-erfurt.html\">Christen unter moralischen Druck<\/a> setzen wollte. Mit der Ausgrenzung aus dem gesellschaftlichen Leben und der \u00f6ffentlichen Hetze gegen Ungeimpfte hatte die Evangelische Kirche kein Problem. Die mutma\u00dfliche Erkl\u00e4rung daf\u00fcr ist so schlicht wie frappierend: In dem Bild, das die Kirchenleitungen von der Gesellschaft haben, gibt es Ausgrenzung und Hass und Hetze per definitionem nur von rechts. 2G und die Impfpflichtkampagne mussten daher etwas Anderes sein: N\u00e4chstenliebe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn die Evangelische Kirche es im Umgang mit der AfD besser machen wollte als bei Corona, m\u00fcsste sie zun\u00e4chst erst einmal die von ihr hochgehaltenen christlichen Prinzipien auch gegen\u00fcber der AfD anwenden. Das hie\u00dfe: Auch die Mitglieder und W\u00e4hler der AfD sind als Menschen mit eigener W\u00fcrde zu achten und daraus folgt, dass die Kirche, bevor sie die AfD verurteilt, sich eine konkrete, nachpr\u00fcfbare Begr\u00fcndung daf\u00fcr erarbeiten m\u00fcsste, die sie dann auch zur Diskussion stellt. Schlagworte, blo\u00dfe Behauptungen und die Berufung auf einen mutma\u00dflichen Konsens der Mehrheit sind daf\u00fcr v\u00f6llig unzureichend.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wo m\u00fcsste die Kirche dabei anfangen? Naheliegend w\u00e4re mit dem Grundsatzprogramm der AfD. Und \u2013 \u00dcberraschung oder nicht \u2013 sie w\u00fcrde feststellen, dass das Grundsatzprogramm auf dem Boden der freiheitlich-demokratischen Grundordnung steht und sich in ihm auch keine Angriffe gegen das Christentum finden. Etwas anderes hat selbst der Verfassungsschutz bisher nicht behauptet. Sie w\u00fcrde keinen Beleg daf\u00fcr finden, dass die AfD nicht von der gleichen W\u00fcrde aller Menschen ausgeht und auch keinen Beleg f\u00fcr die Behauptung einer \u201eprogrammatischen gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit\u201c (siehe oben!). Islamkritik ist daf\u00fcr \u00fcbrigens kein Beleg, denn sie ist vom Grundgesetz genauso gedeckt wie Kritik am Christentum und jegliche Religionskritik.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach der Feststellung, dass das AfD-Grundsatzprogramm weder verfassungsfeindlich noch mit dem christlichen Glauben unvereinbar ist, blieben dann grunds\u00e4tzlich zwei M\u00f6glichkeiten:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum einen k\u00f6nnte die \u2013 im klassischen Sinne verschw\u00f6rungstheoretische \u2013 Hypothese verfolgt werden, dass die AfD gar nicht das will, was in ihrem Grundsatzprogramm steht, jedenfalls nicht nur das, sondern in Wahrheit etwas anderes, Verfassungsfeindliches, mit dem christlichen Glauben Unvereinbares. Es m\u00fcsste dann versucht werden, diese Hypothese anhand von \u00c4u\u00dferungen einzelner AfD-Politiker zu begr\u00fcnden. Dabei m\u00fcsste aber auch begr\u00fcndet werden, warum aus Einzel\u00e4u\u00dferungen ein\u00a0 R\u00fcckschluss auf die Partei als Ganzes gerechtfertigt sein soll, weil nur dann zu Recht die gesamte Partei verurteilt werden k\u00f6nnte. Das ist das Vorgehen des Verfassungsschutzes, wenn er pr\u00fcft, ob die AfD bzw. einzelne ihrer Landesverb\u00e4nde \u2013 ungeachtet des verfassungskonformen Parteiprogramms \u2013 als rechtsextrem einzustufen ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Kirche k\u00f6nnte zum anderen aber auch zu der Auffassung kommen, dass die Aufgabe des Verfassungsschutzes nicht die ihre sei und erkl\u00e4ren, dass sie die AfD bei ihrem Wort nehmen wolle und das Wort einer Partei, die bisher nicht Regierungsverantwortung war, sei nun einmal ihr Programm. Darauf wolle sie die AfD behaften und auf dieser Basis k\u00f6nnte sie sich auch zu einem Dialog bereit erkl\u00e4ren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4re das eine Offenheit und Menschenfreundlichkeit im Umgang mit dieser Partei, die sich die Kirche nicht leisten kann? Ist eine Strategie der konsequenten Ausgrenzung der gr\u00f6\u00dften Oppositionspartei auf der Grundlage einer Hermeneutik des Verdachts tats\u00e4chlich das christliche Gebot der Stunde? Oder geht es bei der Ausgrenzung der AfD f\u00fcr die Kirche sogar um Identit\u00e4tsgewinn angesichts des eigenen gesellschaftlichen Bedeutungsverlustes?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jesus hat S\u00fcnder und Z\u00f6llner an seinen Tisch geladen, ohne zuvor zu pr\u00fcfen, ob sie die \u201erichtigen\u201c religi\u00f6sen oder politischen Ansichten vertreten. Ob daraus irgendetwas f\u00fcr den Umgang mit der AfD folgen k\u00f6nnte, hat sich die im Kampf gegen rechts jetzt an vorderster Front mitk\u00e4mpfende Kirche offenbar noch nicht ernsthaft gefragt. Bleibt zu hoffen, dass zumindest die Kirchenleitung der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland in dem Disziplinarverfahren gegen Pfarrer Martin Michaelis noch zu dem notwendigen theologischen und politischen Nachdenken gezwungen wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Matthias Guericke<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Quelle: <a href=\"https:\/\/www.christenstehenauf.de\/ausgrenzung-ist-naechstenliebe-die-evangelische-kirche-und-die-afd\/\">www.Christenstehenauf.de<\/a><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 13. 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