{"id":2089,"date":"2007-11-23T14:54:17","date_gmt":"2007-11-23T12:54:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=2089"},"modified":"2009-09-04T09:05:07","modified_gmt":"2009-09-04T07:05:07","slug":"2089","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=2089","title":{"rendered":"Zum Stand der Ermittlungen im Mordfall Malatya"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Zum Stand der Ermittlungen im Mordfall Malatya<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>(Bonn, 23.11.2007) Der Autor des folgenden Textes, Orhan Kemal Cengiz (orhan.kemal@tdn.com.tr), ist einer der Anw\u00e4lte der Hinterbliebenen der Malatya-Opfer. Der Artikel wurde am 22.11.2007 in der \u201eTurkish Daily News\u201c unter dem Titel \u201eWhat is going on in the Malatya massacre case?\u201c ver\u00f6ffentlicht. Das englische Original ist ebenfalls als BQ ver\u00f6ffentlicht.<\/em><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn der Staatsanwalt missionarische T\u00e4tigkeiten als kriminell ansieht, ist es nicht schwer zu verstehen, wie einige Personen ausrasten und solche Menschen t\u00f6ten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vor sieben Monaten wurden drei christliche Missionare erbarmungslos ermordet von einer Bande t\u00fcrkischer Nationalisten in der ostanatolischen Stadt Malatya. Die M\u00f6rder brachen bei Zirve Yay\u0131nc\u0131l\u0131k, einem Bibelverlag, ein; sie folterten ihre Opfer zuerst und ermordeten sie danach, indem sie ihnen die Kehle durchschnitten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sieben Monate nach den blutigen Morden er\u00f6ffnete der Staatsanwalt sein Verfahren gegen die Verbrecher. Sieben lange Monate konnten wir keinerlei Dokumente der Akte einsehen, da sie als vertraulich eingestuft worden waren. Auf was haben wir sieben Monate gewartet? Nachdem ich die Akte gelesen habe, bin ich zu dem Schlu\u00df gekommen, da\u00df wir umsonst gewartet haben. Wir wissen nicht mehr als das, was wir schon vor sieben Monaten wu\u00dften. Was hat somit der Staatsanwalt w\u00e4hrend dieser langen Zeit gemacht?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Die Mentalit\u00e4t des Staatsanwalts<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es gibt 31 Aktenordner in diesem Fall, aber nur 15 dieser Aktenordner beinhalten Informationen \u00fcber den Mord. Um was geht es in den anderen 16 Ordnern? Sie werden es nicht glauben, aber diese Akten handeln von den Aktivit\u00e4ten der Opfer, deren Kehlen durchgeschnitten worden waren. Der Staatsanwalt lud sich alle Dokumente von den Computern der Opfer herunter und legte sie in den Akten des Falles als \u201eBeweis\u201c ab. Wenn ich den Hintergrund nicht kennen w\u00fcrde, w\u00fcrde ich denken, da\u00df hier zwei Banden einander bek\u00e4mpften und da\u00df Mitglieder der einen Bande die Mitglieder der anderen t\u00f6teten, und da\u00df der Staatsanwalt Beweise sammelte \u00fcber diese beiden Banden! In Wirklichkeit sprechen wir aber \u00fcber ein unglaubliches Abschlachten dreier unschuldiger Personen, deren einzige \u00dcbeltat es war, missionarische T\u00e4tigkeiten am falschen Ort ausge\u00fcbt zu haben! Aber der Staatsanwalt sammelte alle Informationen \u00fcber ihre missionarischen T\u00e4tigkeiten. Wenn ein Staatsanwalt missionarische T\u00e4tigkeiten als kriminell ansieht, ist es nicht schwer zu verstehen, wie einige Menschen ausrasten konnten und diese Missionare t\u00f6teten!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Au\u00dferdem k\u00f6nnen diese Akten, die nun ver\u00f6ffentlicht sind, zu neuen Morden f\u00fchren, da sie viele Details enthalten \u00fcber andere Protestanten, die in unterschiedlichen Teilen der T\u00fcrkei wohnen. Die Adressen, eMail-Adressen und Telefonnummern vieler t\u00fcrkischer Protestanten sind in diesen Akten, welche auch schon in den H\u00e4nden der M\u00f6rder gewesen waren. Der Staatsanwalt vers\u00e4umte es, eine gr\u00fcndliche Untersuchung durchzuf\u00fchren, und brachte zudem viele weitere Menschenleben in Gefahr. Warum all diese Informationen in den Akten sind, d\u00fcrfte m.E. niemand erkl\u00e4ren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Blick in diese Akten gen\u00fcgt, um zu verstehen, wie ineffizient diese abgefa\u00dft wurden. Die Aussagen wurden nicht korrekt festgehalten, die richtigen Fragen nicht gestellt, wichtigen Details nicht nachgegangen. Ich w\u00fcrde Ihnen gerne einige genauere Informationen geben, allerdings w\u00fcrde dann, wenn ich auf alle seltsamen Details eingehen wollte, aus diesem Artikel ein kleines Buch werden. Deshalb m\u00f6chte ich vorl\u00e4ufig einige Beispiele geben, um Ihnen ein allgemeines Bild zu geben \u00fcber den Stand der Proze\u00dfvorbereitungen im Fall des Malatya-Massakers.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Ungen\u00fcgende Ermittlung<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Emre Gunayd\u0131n, der Hauptverd\u00e4chtige in diesem Fall, gibt an, da\u00df er von mehreren Personen auf die Protestanten gelenkt wurde, und gab einige Namen an. Ihm wurden aber keine Fragen gestellt, wie er genau gelenkt wurde oder was ihm gesagt worden war. Emre gibt an, da\u00df er Mitglied war von \u00dclk\u00fc Ocaklar\u0131 (des Jugendfl\u00fcgels der ultranationalistischen \u201ePartei der Nationalistischen Bewegung\u201c, MHP), aber ihm wurde keine einzige Frage \u00fcber seine Mitgliedschaft in \u00dclk\u00fc Ocaklar\u0131 gestellt, deren Mitglieder zuvor gegen missionarische T\u00e4tigkeiten des Bibelverlages demonstriert hatten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Stellungnahme von Ruhi Polat, der laut Emre diesen \u00fcber missionarische Aktivit\u00e4ten informierte und der Mitglied der MHP ist, ist gerade eine halbe Seite lang. Weder die Polizei noch der Staatsanwalt f\u00fchrte irgendeine Untersuchung \u00fcber die Verbindungen zu dieser Person durch. Diese Person gibt an, da\u00df er einmal mit Emre telefonierte; sieht man sich aber den Telefonverkehr in der Akte an, kann man erkennen, da\u00df vor den Morden viele Telefonaten zwischen Emre und dieser Person stattfanden. Aber niemand st\u00f6rte sie, indem er nach diesem Widerspruch gefragt h\u00e4tte. Selbst ein unge\u00fcbtes Auge kann erkennen, da\u00df viele Bandenmitglieder, die wahrscheinlich in verschiedenen Stufen des Planes eingebunden waren, nur deshalb freigelassen wurden, weil nicht ausreichend in die Untersuchung ihrer Beziehungen und Handlungen investiert wurde. Alle Aussagen dieser Akte sind oberfl\u00e4chlich, es fehlen unerl\u00e4\u00dfliche Details. Aus den Aussagen geht klar hervor, da\u00df dieser Mord seit mindestens mehreren Monaten geplant und vorbereitet wurde. Es ist wirklich sehr schwer zu glauben, da\u00df die Polizei oder die Gendarmerie keinerlei Informationen \u00fcber die Pl\u00e4ne dieser M\u00f6rder hatten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Durch die Protokolle \u00fcber Kommunikation, wie Telefon etc., die in die Akte aufgenommen wurde, verstehen wir, dass Necati Ayd\u0131n, eines der Opfer, unter st\u00e4ndiger \u00dcberwachung gewesen war, und in seinem Polizeibereicht wurde er als fr\u00fcherer Krimineller gemeldet mit dem \u201eVerbrechen\u201c der \u201emissionarischen T\u00e4tigkeit\u201c (obgleich er seinerzeit freigesprochen wurde!, Red. BQ).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Staatsanwalt, der alle Arten der Dokumente \u00fcber die Aktivit\u00e4ten der Opfer der Akte zuf\u00fcgte, untersuchte auf keine Weise die provozierenden Publikationen der \u00f6rtlichen Zeitungen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kurz gesagt wurde dieser Fall so bearbeitet, da\u00df es den Anschein erweckt, als ob eine Handvoll junger Leute \u00e4rgerlich \u00fcber die Missionare geworden sei und beschlossen habe, sie zu eliminieren. So einfach ist das.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Massaker f\u00fcr das Heimatland<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn Sie sich die letzten Seiten der Akte anschauen, k\u00f6nnen Sie aber ein ganz anderes Bild gewinnen. Da gibt es Briefe, die diese M\u00f6rder an ihre Familien und Freundinnen schickten. In diesen Briefen sagen sie, da\u00df sie sich f\u00fcr das, was sie getan haben, nicht sch\u00e4men, weil sie es f\u00fcr ihr Land taten, und da\u00df sie sich f\u00fcr ihr Heimatland geopfert haben. Sie m\u00f6chten daf\u00fcr ger\u00fchmt und sich gesch\u00e4tzt wissen. Und es mu\u00df einige Menschen geben, die ihnen diese positiven Empfindungen geben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn offizielle Vertreter des Staates jeden Tag davon reden, da\u00df die T\u00fcrkei in nahe bevorstehender Gefahr sei, da\u00df es Feinde mitten im Land g\u00e4be, da\u00df Missionare die Agenten fremder Staaten seien, die versuchten, die T\u00fcrkei zu zerbrechen, und so weiter und so fort, dann sind solche f\u00fcrchterlichen Verbrechen unvermeidlich. Wenn \u201eFeinde im Inneren\u201c so wie Missionare auf unz\u00e4hligen Webseiten als legitime Ziele gezeigt werden und kein gesetzliches Vorgehen gegen diesen Wahn erfolgt, werden wir fortgesetzt neue Morde, Angriffe und Abschlachten sehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Beide F\u00e4lle, der von Hrant Dink und der von Malatya, sind f\u00fcr die Zukunft des Landes extrem wichtig. Die vom Staatsanwalt erarbeitete Akte rief sehr gro\u00dfe Entt\u00e4uschung bei mir hervor. Aber die Anw\u00e4lte von Dink und einige Anw\u00e4lte des \u015eemdinli-Falles (ein Bombenanschlag auf einen Buchladen in der s\u00fcd\u00f6stlichen Stadt \u015eemdinli im Jahr 2005) wohnen dem Fall von Malatya bei. Auf diese Weise werden wir ein kollektives Ged\u00e4chtnis entwickeln, und ich hoffe, da\u00df dieses Ged\u00e4chtnis uns helfen wird, Licht in dieses Netz dunkler Verbindungen zu bringen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die erste Anh\u00f6rung ist diesen Freitag [23.11.2007] in Malatya. Wir wollen versuchen, ein Licht zu entz\u00fcnden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u00a9 2005 Dogan Daily News Inc. www.turkishdailynews.com.tr<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Aus: Bonner Querschnitte 23.11.07<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zum Stand der Ermittlungen im Mordfall Malatya (Bonn, 23.11.2007) Der Autor des folgenden Textes, Orhan Kemal Cengiz (orhan.kemal@tdn.com.tr), ist einer der Anw\u00e4lte der Hinterbliebenen der Malatya-Opfer. Der Artikel wurde am 22.11.2007 in der \u201eTurkish Daily News\u201c unter dem Titel \u201eWhat is going on in the Malatya massacre case?\u201c ver\u00f6ffentlicht. 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