{"id":20883,"date":"2024-04-20T21:24:47","date_gmt":"2024-04-20T19:24:47","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=20883"},"modified":"2024-04-20T21:36:29","modified_gmt":"2024-04-20T19:36:29","slug":"die-kraft-der-vergebung-joh-83-11","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=20883","title":{"rendered":"Die Kraft der Vergebung (Joh 8,3-11)"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em>Konrad Ei\u00dfler ist am 9. April 2024 von seinem Herrn Jesus Christus heimgerufen worden. Oft hat er seine Glaubensgewissheit und Vorfreude auf die Ewigkeit mit dem Satz ausgedr\u00fcckt &#8222;Ich stehe im Vorhof der Ewigkeit&#8220;. Nun steht er nicht mehr im Vorhof, sondern in der Mitte des Heiligtums\u00a0 bei seinem Herrn. Als Gemeindehilfsbund gedenken wir seiner in gro\u00dfer Dankbarkeit. Seit vielen Jahren war er den Zielen des Gemeindehilfsbundes durch seine Mitgliedschaft verbunden. Zu besonderen Anl\u00e4ssen lie\u00df er sich gern einladen. Unvergessen sind seine Predigten beim Evangelischen Orientierungstag in der Siegener Hammerh\u00fctte im Oktober 1998 und beim Kongress &#8222;Die Kraft der Vergebung&#8220; im Haus Felsengrund in Zavelstein im M\u00e4rz 2013. Die Gemeinde Jesu hat in ihm einen vollm\u00e4chtigen evangelistischen Prediger und einen treuen Zeugen des Evangeliums verloren, der sich dem Heiligen Geist und nicht dem Zeitgeist verpflichtet sah. Nachfolgend drucken wir seine wegweisende Predigt vom 17. M\u00e4rz 2013 in Zavelstein ab.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In Jesu Namen! Amen. Ich selber komme heute Morgen von H\u00fclben. Das ist nach Zavelstein der zweitsch\u00f6nste Ort von Europa. 711 Meter hoch \u2013 genau so hoch wie Jerusalem. Die Luft kommt noch aus erster Hand, und wir leben dort wie im Himmel \u2013 fast. Die schw\u00e4bische Alb ist bekannt durch die Pferdezucht. Dort gibt es Pferde aller Art, z. B. Zuchtpferde, deren Stammb\u00e4ume zur\u00fcckgehen bis in die Arche Noah. Es gibt Springpferde, die keinen Graben, keinen Oxer f\u00fcrchten. Und es gibt Zugpferde, die die Bierf\u00e4sser auf den Stuttgarter Wasen oder die M\u00fcnchener Wies\u2019n karren. Und es gibt alte Pferde, Karreng\u00e4ule, Schindm\u00e4hren, die dem Abdecker entkommen sind und dort ihr Gnadenbrot erhalten. Wissen Sie, zu dieser letzten Spezies geh\u00f6re ich. Wenn ich mich noch einmal einspannen lie\u00df, dann nur deshalb, weil die lieben leitenden Br\u00fcder dem alten Gaul noch eine Streicheleinheit verpassen wollten mit dieser Einladung. Ich bin selber gespannt, ob das gut geht.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber lassen Sie uns nun in diesen Text hineinh\u00f6ren, und zwar im Johannes-Evangelium. Dort wird diese bekannte Geschichte erz\u00e4hlt, die ich Ihnen noch einmal nach Luther vorlese \u2013 Joh 8,3ff:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u201eAber die Schriftgelehrten und Pharis\u00e4er brachten eine Frau zu ihm, beim Ehebruch ergriffen, und stellten sie in die Mitte und sprachen zu ihm: Meister, diese Frau ist auf frischer Tat beim Ehebruch ergriffen worden. Mose aber hat uns im Gesetz geboten, solche Frauen zu steinigen; was sagst du? Das sagten sie aber, ihn zu versuchen, damit sie ihn verklagen k\u00f6nnten. Aber Jesus b\u00fcckte sich und schrieb mit dem Finger auf die Erde. Als sie nun fortfuhren, ihn zu fragen, richtete er sich auf und sprach zu ihnen: Wer unter euch ohne S\u00fcnde ist, der werfe den ersten Stein auf sie. Und er b\u00fcckte sich wieder und schrieb auf die Erde. Und als sie aber das h\u00f6rten, gingen sie weg, einer nach dem andern, die \u00c4ltesten zuerst; und Jesus blieb allein mit der Frau, die in der Mitte stand. Jesus aber richtete sich auf und fragte sie: Wo sind sie, Frau? Hat dich niemand verdammt? Sie antwortete: Niemand, HERR. Jesus aber sprach: So verdamme ich dich auch nicht; gehe hin und s\u00fcndige hinfort nicht mehr!\u201c<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Liebe Schwestern und Br\u00fcder!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich bin in einem Amtsgericht gro\u00df geworden, ungef\u00e4hr eine Autostunde von hier entfernt. Die Wohnr\u00e4ume waren direkt \u00fcber den Dienstr\u00e4umen des Richters. Wir waren also mittendrin in diesem Justizbetrieb. Freitags war Verhandlungstag. Wir waren sechs Geschwister. Wenn wir unsere Aufgaben gut gemacht hatten, dann durften wir ein Stockwerk tiefer, um an den Verhandlungen des Vaters teilzunehmen. Bei mir kam es eher selten vor, diese Chance zu n\u00fctzen. Aber bis heute sehe ich noch den Wachtmeister mit seinem toten Paragraphengesicht, seine rote Nase wie ein Stopplicht. Noch heute h\u00f6re ich die Schritte in den halligen G\u00e4ngen, wenn dort Angeklagte von der Zelle in den Saal gef\u00fchrt wurden. Noch heute rieche ich die Stickluft von Papier und Akten. Kurzum: Ich bin elektrisiert, wenn es um eine Verhandlung geht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hier geht es um eine Verhandlung \u2013 ein Fall wird verhandelt. Juristen haben das Wort. Ein Prozess findet statt. Angeklagt eine Frau. Alles ist da, was zu einer ordnungsgem\u00e4\u00dfen Verhandlung geh\u00f6rt. Der Ort des Geschehens ist ja nicht ein l\u00e4ndliches Gericht mit einem engen Gerichtssaal, sondern der Jerusalemer Tempel mit seinen weiten Vorhallen, die schnell zu einem Gerichtssaal umfunktioniert worden sind. Doch \u2013 alles ist da, was zu einer richtigen Verhandlung geh\u00f6rt: Die Ankl\u00e4ger sind da. Schriftgelehrte und Pharis\u00e4er schl\u00fcpfen gern in diese Rolle, um f\u00fcr Recht und Ordnung zu sorgen. Ein Richter war da; Jesus wurde immer wieder in diese Rolle gedr\u00e4ngt, aus welchen Gr\u00fcnden auch immer. Und Zuschauer waren da, Besucher, Fr\u00fchaufsteher, Kriminalstudenten, die immer Appetit auf Hist\u00f6rchen und Skand\u00e4lchen hatten. Wenn also alles da war, was zu einer Gerichtsverhandlung geh\u00f6rte, konnte es beginnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum Aufruf kommt der Fall \u2013 sagen wir \u2013 Frau Vita, Frau Leben. Diese Frau wollte leben. Sie wollte wirklich leben, sie wollte ganz leben. Wer will schon blo\u00df 25 % des Lebens, das das Leben zu bieten hat? Sie wollte leben, und deshalb \u2013 so stelle ich mir das vor \u2013 freute sie sich auf den Tag ihrer Hochzeit. Der Himmel war voller Bassgeigen. Die ewige Liebe besungen. Ach, der Weg in die Ehe ist ja mit guten Pflastern reichlich gepflastert. Sie erwartete alles. Und sie hat auch sicher gesagt: \u201eIch will dir treu bleiben, treu bleiben, bis der Tod uns scheidet.\u201c Und dann ist sie einen Moment schwach geworden, und dann hat sie einen Moment ihrem Blut nachgegeben. Und dann ist sie einen Augenblick, einen Moment ihren Gef\u00fchlen erlegen. Oh, diese Momente! Diese Sekunden, diese Stunden in unserem Leben!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Anklagevertreter erhebt sich. Er sagt: \u201eDiese Frau ist in flagranti erwischt worden. Das es Ehebruch war, steht au\u00dfer Frage. Sie ist nach den Tods\u00fcnden des Mosegesetzes schuldig. Sie ist sogar eines Verbrechens schuldig.\u201c Nun, die Anklage tut sich leicht, weil n\u00e4mlich eine Verteidigung nicht aufgeboten wurde. Kein Advokat, kein Winkeladvokat fing an, diesen Prozess in seine H\u00e4nde zu kriegen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4re sie heute angeklagt gewesen, dann h\u00e4tte die Verteidigung bestimmt irgendwelche Sachverst\u00e4ndigen auffahren lassen, z. B. als ersten einen Theologen, der sich der Zehn Gebote annimmt. Und er f\u00fchrt aus, dass diese Gebote absolut zu hart sind. Sie k\u00f6nnen nicht wortw\u00f6rtlich genommen werden. Wir sind heute auf dem besseren, auf dem fortschrittlichen Weg nach rechten Gesetzen und Rechten. Einen \u201eDekalog light\u201c brauchen wir. Wirklich einen, nach dem wir lechzen. Nicht zehnmal NEIN zum Leben, sondern zehnmal JA \u2013 das ist\u2019s, was wir brauchen!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und \u00fcbrigens: Die Moral ist ja auch wandelbar, nicht wahr. Wenn unsere M\u00fctter Hosen trugen, dann war das unmoralisch. R\u00f6cke waren das Moralische. Oder wenn ein junges M\u00e4dchen einem jungen Mann in die Augen schaute, so war das unmoralisch. \u201eOttilie, schlag die Augen nieder, es geht ein junger Mann vorbei\u2026\u201c Die Zeiten haben sich ge\u00e4ndert, und die Moral selbstverst\u00e4ndlich auch. So sagt der Theologe: \u201eIm Blick auf die Gebote kann die Frau gar nie verurteilt werden. Sie ist straffrei zu entlassen.\u201c So der Theologe. So meistens die Theologen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber noch ein zweiter Zeuge wird aufstehen, ein Sachverst\u00e4ndiger. Vielleicht am besten ein Psychologe. Er beschreibt das Liebesdefizit dieser Frau. Schon zu Hause bekam sie nicht jene Liebeseinheiten, die sie eigentlich gebraucht h\u00e4tte. Auch die Ehe brachte diesem Aschenputtel nicht das, was sie eigentlich zum Leben brauchte. Sie kann doch nichts daf\u00fcr, wenn sie wegen des Liebesdefizits der Eltern nun ein seelischer Kr\u00fcppel geworden ist. Nein, nein \u2013 diese Frau ist auf gar keinen Fall schuldig. Sie muss frei ihres Weges gehen k\u00f6nnen. So der Psychologe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und dann w\u00e4re sicher noch ein Dritter gekommen. Heute w\u00fcrde man noch einen Soziologen auftreten lassen. Und der sagt: \u201eHa, nat\u00fcrlich \u2013 diese Institution Ehe ein Leben lang ist schon lange out. Alternative Lebensformen sind heute in. Lebensabschnittspartner, homophile Verbindungen, intime Freundschaften, die k\u00f6nnen die neuen notwendigen Impulse geben. Doch, diese Frau ist auf gar keinen Fall schuldig.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber weil diese Vertreter nicht auftreten, diese Sachverst\u00e4ndigen, deshalb tritt eben der Ankl\u00e4ger auf. Und er stellt den Strafantrag: \u201eNach 2 Mose 3 \u00a7 20 Abs. 10 &#8211; dort steht: Wenn jemand die Ehe bricht, soll er des Todes sterben \u2013 ist Frau Vita des Todes schuldig. Ich beantrage deshalb die Todesstrafe durch Steinigung.\u201c Ein Raunen geht durch die Zuh\u00f6rerschaft, weil jetzt Kundige merken, dass mit diesem Antrag dem Richter geh\u00f6rig eine ans Bein gegeben werden soll. Denn stimmt er diesem Antrag zu, dann ist er nicht mehr Freund von Z\u00f6llnern und S\u00fcndern. Stimmt er ihm nicht zu, dann steht er nicht mehr auf Gottes Gesetz. Was nun? So oder so, Jesus \u2013 du wirst dich unm\u00f6glich machen. Ruhe, Stille, Spannung. Die Frau hat gar keine Chance. Im Blick auf diese Rechtslage gibt es keine mildernden Umst\u00e4nde. Gleich wird der Richter das Urteil f\u00e4llen: \u201eIm Namen Gottes verurteile ich Frau Vita zum Tode!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber zu diesem Schuldspruch kommt es nicht, interessanterweise. Eine dramatische Wende tritt ein. Die Prozessordnung wird auf den Kopf gestellt. Nicht zu fassen! Aber die Ankl\u00e4ger werden zu Angeklagten, der Richter wird zum Retter. Und die Beschuldigte, die Beschuldigten zu Befreiten.<\/p>\n<ol style=\"text-align: justify;\">\n<li><strong> Vom Ankl\u00e4ger zum Angeklagten<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Eine: Der Ankl\u00e4ger wird zum Angeklagten. Jesus richtet sich nicht auf und spricht, sondern er beugt sich nieder und schreibt. Mit dem Finger kritzelt er auf den Boden. Was das soll? Warum? Will er Bedenkzeit? Will er eine Auszeit f\u00fcr diese Ankl\u00e4ger? Will er jetzt schon an dieser Stelle dieser Frau ein kleines Zeichen geben, dass ihr Fall nicht hoffnungslos ist? Jedenfalls, er schreibt. Mir pers\u00f6nlich hat eine aram\u00e4ische Textvariante sehr eingeleuchtet. Und dort steht: \u201eEr b\u00fcckt sich nieder und schreibt die S\u00fcnden der andern auf die Erde.\u201c Den Ankl\u00e4gern wird der Prozess gemacht! Ihnen wird der Lehmboden zum Spiegel ihrer Vergangenheit. Im Dreck lesen sie ihr ganzes S\u00fcndenregister. In aller \u00d6ffentlichkeit sind die Ankl\u00e4ger als \u00dcbelt\u00e4ter entlarvt. Nicht nur sie, jeder hier heute Morgen \u2013 jeder ist als \u00dcbelt\u00e4ter entlarvt! Denn Jesus schreibt nie in den Wind. Sondern er schreibt immer auf die Erde. Er schreibt auf Papier. Er schreibt ins Gewissen. Er schreibt ins Herz. Und es gibt keinen Radiergummi, keinen Tintenkiller, kein Tipp-Ex, das diese Anklageschrift l\u00f6schen k\u00f6nnte!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Musil, ein gro\u00dfartiger Schriftsteller und Dichter, hat einen Roman geschrieben mit dem Titel: \u201eDer Mann ohne Eigenschaften\u201c. Und in diesem Buch kommt eine Szene vor: Der hochgeliebte und hochverehrte Vater stirbt. Sohn und Tochter haben die Aufgabe, diese Wohnung zu r\u00e4umen. So kommen sie nach verschiedenen Schr\u00e4nken auch zu einem gro\u00dfen altmodischen eckigen Schreibtisch. Dort entdecken sie ein Geheimfach, das sie nicht aufschlie\u00dfen k\u00f6nnen. Sie haben auch keinen Schl\u00fcssel daf\u00fcr, und so bleibt ihnen nichts anderes \u00fcbrig, als schlie\u00dflich dieses Fach aufzubrechen. Nachdem die Klappe f\u00e4llt, ergie\u00dft sich ein ganzer Wust von Briefen, Bildern, Notizen und Zeitungsausschnitten. Der ganze Dreck eines Lebens war hier in diesem Fach und \u00f6ffnet sich vor ihren Augen. Musil schreibt: \u201eAngesichts dieses Faches erstirbt ihre Liebe zu ihrem Vater.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nicht jeder hat derartige Dinge im Schreibtisch. Aber es gibt genug Ecken und Ablagen, wo wir unsere Dinge hinbringen k\u00f6nnen. Aber jeder von uns hat sein Fach. Wenn das unsere Kinder w\u00fcssten\u2026 Wenn das unsere Frauen w\u00fcssten\u2026 Wenn das unsere Kumpel w\u00fcssten, unsere Gemeindemitglieder. Wenn die das alles w\u00fcssten! Jesus zielt auf dieses Fach. Er will es \u00f6ffnen. Und er \u00f6ffnet es. Um dieses Fach geht es bei dem Kapitel Vergebung. Jesus zielt auf unsere Verstecke der Schuld. Er schlie\u00dft sie auf. \u201eEs ist nichts verborgen, was nicht vor deinem Angesicht offenbar werde\u201c. Auch wenn wir sofort den eigenen Advokaten spielen, und den spielen wir gl\u00e4nzend und sagen: \u201eAch, lieber Herr, das ist doch schon l\u00e4ngst verj\u00e4hrt. Das war im letzten Jahrtausend, vor 80 Jahren. Lieber Herr, das ist vorbei. Und \u00fcbrigens \u2013 das war doch ein verzeihlicher Seitensprung, ein Ausrutscher. Das ist doch schon l\u00e4ngst den Bach hinunter\u2026\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber die Zeit ist kein Bach. Die Vergangenheit ist kein B\u00fcgeleisen, die alles glattb\u00fcgelt. Die Ewigkeit kennt keine Verj\u00e4hrungsfrist. Wir sind allzumal S\u00fcnder und mangeln des Ruhmes, den wir bei Gott haben sollen. Deshalb richtet sich Jesus auf und sagt: \u201eWer unter euch ohne Schuld ist, der werfe den ersten Stein.\u201c Dann beugt er sich wieder nieder und schreibt weiter, weil er mit unserem S\u00fcndenregister noch gar nicht fertig geworden ist. Und in dieses Schreiben hinein h\u00f6rt man pl\u00f6tzlich Schritte \u2013 zuerst laut und dann immer leiser werdend. Und als Jesus sich endlich aufrichtet, da ist der Saal fast leer. Die Schriftgelehrten haben sich verd\u00fcnnisiert. Die Pharis\u00e4er haben das Weite gesucht, und die Kriminalstudenten haben einen Altstadtbesuch vorgezogen. Keiner hat\u2019s ausgesessen, keiner ist sitzen geblieben. Keiner wollte an diesem Prozess weitermachen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Meine Frage: W\u00e4ren wir sitzen geblieben? H\u00e4tten wir den Platz behalten? H\u00e4tten wir diesen Prozess ausgesessen? Hier sind wir gefragt: War in unserem Leben alles recht und richtig? K\u00f6nnen Sie an alles denken, ohne rot zu werden? Ich frage Sie pers\u00f6nlich: K\u00f6nnen Sie an alles denken, ohne rot zu werden? Wir haben keine wei\u00dfe Weste. Das ist die Auferstehung unserer Schuld, unsere unbew\u00e4ltigte Vergangenheit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zu Hause hatte ich eine Kundenkarte. Mit der ging ich in ein Kaufhaus und kaufte ein. Und an der Kasse musste ich nichts bezahlen, nur zeigen. Die goldene Kundenkarte machte es m\u00f6glich. Nur am Ende des Monats wurde es ganz goldig, n\u00e4mlich dann, wenn die Rechnung ins Haus flog. Ich war nicht mehr der Gro\u00dfhans, der alles gro\u00dfz\u00fcgig bezahlte, sondern ich war der, der nur Schulden machte. In irgendeiner Zentralkasse wurde nichts annulliert, alles wurde addiert und mir freundlichst pr\u00e4sentiert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So werden im Himmel unsere Daten zusammengez\u00e4hlt. Da wird nichts annulliert. Da wird addiert und uns pr\u00e4sentiert. Die Abrechnung kommt, Freunde, auch wenn wir es so nicht mehr h\u00f6ren auf den Kanzeln, die Abrechnung kommt! Und weil wir nicht mit D-Mark oder dem Euro, weil wir dann mit nichts mehr bezahlen k\u00f6nnen, deshalb steht die Lage Ernst. Aus Ankl\u00e4gern werden Angeklagte, immer. Was nun?<\/p>\n<ol style=\"text-align: justify;\" start=\"2\">\n<li><strong> Der Richter wird zum Retter<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p style=\"text-align: justify;\">Damit ist der Prozess nicht zu Ende. Die Verhandlung wird nach Auszug der Staatsanw\u00e4lte und Zuh\u00f6rer fortgesetzt. Augustin schreibt: \u201eMiserio und Misericordias \u2013 gro\u00dfes Elend und gro\u00dfe Barmherzigkeit bleiben zur\u00fcck\u201c, gro\u00dfes Elend und gro\u00dfe Barmherzigkeit. Der Richter wird n\u00e4mlich zum Retter, Freunde. Jesus sieht die Frau an. F\u00fcr Jesus ist das \u201ekein Fall Vita\u201c. Der bekannte Arzt Tournier schrieb einmal: \u201eWenn ich die Namen meiner Patienten vergesse und zu mir sage: Aha, das ist die Gallenblase und das der Krebs, dann zeigt sich darin, dass ich mich mehr f\u00fcr die Gallenblase und f\u00fcr den Krebs interessiere als f\u00fcr den Menschen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch f\u00fcr Jesus gibt es keine F\u00e4lle, sondern nur Menschen. Jesus sieht jeden, wie er ist, auch den in der letzten Reihe. Er sieht den gro\u00dfen Hunger nach Leben. Er sieht die gro\u00dfe Gier nach Liebe. Er sieht das alles, diese unvorstellbare Gier, die Ihr Leben zerfrisst. Aber in dem allen, in diesem Sehen \u00fcbersieht er die S\u00fcnde nicht, Freunde. Jesus sieht, aber er \u00fcbersieht die S\u00fcnde nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Machen wir uns nichts vor: Jesus ist nicht tolerant. Er erlaubt keine Seitenspr\u00fcnge. Er verzeiht kein Fremdgehen. Der Spruch: \u201eAlles Verstehen hei\u00dft alles Verzeihen\u201c stammt nicht aus seinem Spruchbuch. Jesus ist nicht tolerant, und er ist nicht liberal. Er bereitet nicht die Strafrechtsreform von 1969 vor, als der letzte Ehebruchparagraph ersatzlos gestrichen wurde. Ehe ist f\u00fcr ihn keine Nomadenexistenz, wo man ein Zelt miteinander aufbaut, darin schl\u00e4ft und dann weiter zigeunert. Ehe ist auch keine Bienenexistenz, wo man von Bl\u00fcte zu Bl\u00fcte fliegt. Ehe ist kein Taubenschlag. Ich meine Ehe zwischen Mann und Frau, nicht zwischen Mann und Mann und Frau und Frau, diese Sch\u00f6pfungsvarianten, diese Sch\u00f6pfungsarten sind Sch\u00f6pfungsabarten. Nein \u2013 die Ehe zwischen Mann und Frau ist lebenslang, oder sie ist nicht. Ehe ist bis zum Ende des Lebens geschlossen. Alle Gebote, auch das Sechste Gebot, ist in Geltung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jesus ist weder liberal noch tolerant. Aber er ist barmherzig, Freunde! Obwohl er ihre klare Schuld nicht \u00fcbersieht, f\u00e4llt er das Urteil: \u201eIch verdamme dich nicht.\u201c Da liegt das Evangelium: \u201eIch verdamme dich nicht.\u201c Ein todsicheres Urteil wird zur Begnadigung. Ein absolutes Ende wird zum Anfang. Ein verl\u00e4sslicher Richter wird zum Retter. Freunde, das ist doch Evangelium pur!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer das bisher als Trostpflaster f\u00fcr seine Wehwehchen verstanden hat, hat nichts verstanden. Wer es bisher als Weichmacher f\u00fcr seine Verkrustungen verstanden hat, hat nichts verstanden. Wer es bisher als Sahneh\u00e4ubchen f\u00fcr seinen Lebenskuchen benutzt hat, hat nichts verstanden. Evangelium ist Freispruch trotz Schuld. Evangelium ist Begnadigung trotz S\u00fcnde. Evangelium ist Leben trotz Tod. Gott rechnet nicht ab, wo wir mit Jesus rechnen. Gott rechnet nicht zu, wo wir auf Jesus hoffen. Gott wird mit Jesu Blut bezahlt. Nun gibt es keine Verfehlung mehr, die man mir anh\u00e4ngen k\u00f6nnte, wenn ich mich an ihn h\u00e4nge. Nun gibt es keine \u00dcbertretung mehr, die man mir anlasten k\u00f6nnte, wenn ich an seine Last denke. Nun gibt es keine Schuld mehr, die er nicht tilgen will. Punktum. Und diesen Punkt setzt er. Er ist barmherzig.<\/p>\n<ol style=\"text-align: justify;\" start=\"3\">\n<li><strong> Der Fall Jesus Christus<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jedoch &#8211; bleiben wir noch einmal in dem Gerichtssaal. Jesus selbst nimmt den Platz vor der Schranke ein. Zum Aufruf kommt der Fall Jesus Christus, der Fall Jesus von Nazareth. Schweigend l\u00e4sst er den Fall \u00fcber sich ergehen. Niemand sonst tritt auf, bis hin zum Todesurteil. Und dann wird er hinausgef\u00fchrt. Und dann wird er aufs Kreuz gelegt. Und dann wird er festgenagelt am Querbalken. Dann wird alles aufgerichtet. Und dann h\u00e4ngt er zwischen Himmel und Erde. Und dann wird es dunkel, dann wird es ganz dunkel. Und dann wird es wie Mitternacht. Und er schreit: \u201eMein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?\u201c Und am Schluss zerrei\u00dft dieser Schrei die Finsternis: \u201eTet\u00e9lestai!\u201c, zu Deutsch: Es ist bezahlt, die Schuld ist bezahlt, und dem Tod ist heimgezahlt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Freunde, wenn sie mit dem Finger auf mich zeigen: \u201eWer will die Auserw\u00e4hlten Gottes beschuldigen?\u201c und wenn sie mich in Grund und Boden hinein verdammen \u2013 Gott ist hier, der uns nicht verdammt. Und wenn sie uns hassen und ins Gesicht spucken: Wer will uns scheiden von der Liebe Gottes. Freunde, wer noch will uns scheiden von der Liebe Gottes? Der Richter wird zum Retter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Darf ich das noch an einem anderen Bild zeigen? Sehen Sie, das war dr\u00fcben in den Vereinigten Staaten. Ein Kollege zeigte mir in den s\u00fcdlichen Staaten der USA einen Platz und sagte: \u201eSchauen Sie sich bitte hier um!\u201c Ich sagte: \u201eWas ist hier zu sehen? Ein paar Stangen, ein paar Ketten\u201c. Und dann sagte er: \u201eWo Sie jetzt stehen, das ist der letzte Sklavenmarkt der USA.\u201c \u2013 \u201eDas kann jeder sagen. Solche Pl\u00e4tze haben wir auch zu Hause.\u201c \u2013 \u201eNein, hier standen sie. In Afrika zusammengetrieben wie das Vieh, \u00fcbers Wasser gebracht und hier angeboten zum Kauf. Hier warteten sie unter der sengenden Sonne auf einen K\u00e4ufer oder auf den Tod. Und ich stelle mir vor: Dann kam einer auf diesen Platz. Das Bild wurde lebendig: Einer, der in Verhandlungen eintrat, einer, der nicht einfach vorbeiging und absch\u00e4tzte und sagte: Das ist nichts! Einer, der nicht sagte: Wechsle doch die Stangen, als ob sich\u2019s an anderen Stangen freier leben lie\u00dfe. Sondern einer, der stehen blieb, der verhandelte, der schlie\u00dflich seinen Geldbeutel zog und ein paar Dollarnoten herausfummelte. Und dann stelle ich mir vor, was ist in diesem Sklaven vor sich gegangen, wenn er pl\u00f6tzlich die Fu\u00dfeisen und die Handeisen losbekam? Was ist in diesem Sklaven vor sich gegangen, der pl\u00f6tzlich einen neuen Herrn hatte? Welch ein Jubel muss \u00fcber diesem Leben ausgebrochen sein, das neu lebenswert geworden ist!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wissen Sie, diese Sklaven sind Sie und ich. Wir sind die \u00c4rmsten. Wir sind verdammt zum Tode. Und dort stehen wir mit unseren \u00c4ngsten und L\u00fcsten, mit all dem, was wir hierher mitgebracht haben. Und dann kommt einer auf diesen Acker, auf dieses Feld Erde. Und dieser Jesus bleibt stehen. Er geht nicht weiter, sondern er tritt in Verhandlungen ein. Und dann bezahlt er \u2013 aber nicht mit paar Dollarnoten, sondern mit seinem heiligen teuren Blut. Und dann werden wir frei.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Welche Freude m\u00fcsste \u00fcber unserem Leben sein! Warum ist denn unser Christentum so muffig geworden, so traurig, so tranig? Erleben wir\u2019s, wissen wir\u2019s, realisieren wir\u2019s: Wir sind freigekauft! Von Jesus! Welche Freude, welcher Jubel m\u00fcsste \u00fcber unserem Leben sein, das neu lebenswert geworden ist. Ihr Leben ist durch seinen Tod neu lebenswert geworden. Die Strafe liegt auf ihm! Mehr Freude und Jubel in unseren Kreisen gerade auch in der Passionswoche durch seinen Tod! Der Richter wird zum Retter.<\/p>\n<ol style=\"text-align: justify;\" start=\"4\">\n<li><strong> Der Beschuldigte wird zum Befreiten<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dem Urteil folgt keine Begr\u00fcndung, weil Gott grundlos barmherzig ist. Aber eine Mahnung ist angef\u00fcgt: \u201eGeh, s\u00fcndige hinfort nicht mehr.\u201c Er verf\u00fcgt einen Freispruch mit Bew\u00e4hrung. Das ist es hier. Frau Vita kann nicht beschwingt den Tempelberg hinunter t\u00e4nzeln, sich einen neuen Freund anlachen und das dolce vita von vorne beginnen. Jesus befreit zu einem Leben mit ihm. Das ist der Unterschied. Diese Geschichte hat eine Fortsetzung, und diese Fortsetzung wird von dem Leben der Frau geschrieben, das nicht in die Beliebigkeit, sondern in die Verbindlichkeit hineingestellt ist. Sie soll die Knie beugen und t\u00e4glich mit ihrem Gott reden und ihm danken und ihn bitten. Sie soll die Augen aufmachen und diese Welt erkennen mit ihrer Not, wie sie ist. Sie soll die H\u00e4nde aufmachen und dort anpacken, wo sie gefragt ist. Doch, dann wird Frau Vita merken: Das ist alles kein stures M\u00fcssen, sondern ein munteres D\u00fcrfen \u2013 eine nova vita, ein neues Leben mit ihm. Das w\u00fcnsche ich Ihnen: Ein neues Leben mit ihm.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich schlie\u00dfe ab mit einer Erinnerung an einen lieben Freund, den Paul Deitenbeck. Viele kennen ihn, den Prediger. Und er erz\u00e4hlte von einer Begegnung mit dem Theologieprofessor Schniewind, der von den Nazis zwangsversetzt worden war. In einem Kreis reden sie \u00fcber den Heiligen Geist, \u00fcber Glauben und Wachstum. Professor Schniewind war ganz still, aber am Schluss sagte er: \u201eLiebe Freunde, das mit dem Glauben und Wachsen ist alles recht und richtig. Aber wissen Sie denn noch, was das Wichtigste ist? Wissen Sie, was das Gr\u00f6\u00dfte ist?\u201c, fragte Professor Schniewind. \u201eRemissio peccatorum, die Vergebung der S\u00fcnden, das ist das Gr\u00f6\u00dfte.\u201c Das Gr\u00f6\u00dfte ist die Vergebung der S\u00fcnden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Meine Mutter hat mich es damals gelehrt. Jetzt stehe ich vor den Toren der Ewigkeit, und deshalb bete ich es t\u00e4glich:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eChristi Blut und Gerechtigkeit, das ist mein Schmuck und Ehrenkleid.<br \/>\nDarin will ich vor Gott bestehn, wenn ich zum Himmel werd eingehn.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Darauf freue ich mich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Amen<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Konrad Ei\u00dfler ist am 9. April 2024 von seinem Herrn Jesus Christus heimgerufen worden. Oft hat er seine Glaubensgewissheit und Vorfreude auf die Ewigkeit mit dem Satz ausgedr\u00fcckt &#8222;Ich stehe im Vorhof der Ewigkeit&#8220;. Nun steht er nicht mehr im Vorhof, sondern in der Mitte des Heiligtums\u00a0 bei seinem Herrn. 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