{"id":20555,"date":"2023-11-28T22:46:05","date_gmt":"2023-11-28T21:46:05","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=20555"},"modified":"2023-11-28T22:46:05","modified_gmt":"2023-11-28T21:46:05","slug":"was-im-letzten-gericht-zaehlt-predigt-zum-ewigkeitssonntag-aus-mt-2531-46","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=20555","title":{"rendered":"Was im letzten Gericht z\u00e4hlt: Predigt zum Ewigkeitssonntag aus Mt 25,31-46"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 8pt;\">Lieder: Wachet auf, ruft uns die Stimme; Wir warten dein, o Gottes Sohn<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 10pt;\"><span style=\"font-size: 8pt;\">Lesung aus Mt 25,31-46:<\/span><em><br \/>\n<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 8pt;\"><em><sup>31<\/sup><\/em><em> Wenn aber der Menschensohn kommen wird in seiner Herrlichkeit, und alle Engel mit ihm, dann wird er sitzen auf dem Thron seiner Herrlichkeit, <sup>32<\/sup>\u00a0und alle V\u00f6lker werden vor ihm versammelt werden. Und er wird sie voneinander scheiden, wie ein Hirt die Schafe von den B\u00f6cken scheidet, <sup>33<\/sup> und wird die Schafe zu seiner Rechten stellen und die B\u00f6cke zur Linken.<\/em><!--more--><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 8pt;\"><em><sup>34<\/sup><\/em><em> Da wird dann der K\u00f6nig sagen zu denen zu seiner Rechten: Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbt das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt! <sup>35<\/sup>\u00a0Denn ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen, und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen, und ihr habt mich aufgenommen. <sup>36<\/sup> Ich bin nackt gewesen, und ihr habt mich gekleidet. Ich bin krank gewesen, und ihr habt mich besucht. Ich bin im Gef\u00e4ngnis gewesen, und ihr seid zu mir gekommen.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 8pt;\"><em><sup>37\u00a0<\/sup><\/em><em>Dann werden ihm die Gerechten antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und haben dir zu essen gegeben? oder durstig und haben dir zu trinken gegeben? <sup>38<\/sup> Wann haben wir dich als Fremden gesehen und haben dich aufgenommen? oder nackt und haben dich gekleidet? <sup>39<\/sup>\u00a0Wann haben wir dich krank oder im Gef\u00e4ngnis gesehen und sind zu dir gekommen?<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 8pt;\"><em><sup>40<\/sup><\/em><em> Und der K\u00f6nig wird antworten und zu ihnen sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Br\u00fcdern, das habt ihr mir getan.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 8pt;\"><em><sup>41<\/sup><\/em><em> Dann wird er auch sagen zu denen zur Linken: Geht weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das bereitet ist dem Teufel und seinen Engeln! <sup>42<\/sup>\u00a0Denn ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mir nicht zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen, und ihr habt mir nicht zu trinken gegeben. <sup>43<\/sup>\u00a0Ich bin ein Fremder gewesen, und ihr habt mich nicht aufgenommen. Ich bin nackt gewesen, und ihr habt mich nicht gekleidet. Ich bin krank und im Gef\u00e4ngnis gewesen, und ihr habt mich nicht besucht.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 8pt;\"><em><sup>44<\/sup><\/em><em>\u00a0Dann werden sie ihm auch antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig oder durstig gesehen oder als Fremden oder nackt oder krank oder im Gef\u00e4ngnis und haben dir nicht gedient?<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 8pt;\"><em><sup>45<\/sup><\/em><em>\u00a0Dann wird er ihnen antworten und sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr nicht getan habt einem von diesen Geringsten, das habt ihr mir auch nicht getan.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 8pt;\"><em><sup>46<\/sup><\/em><em>\u00a0Und sie werden hingehen: diese zur ewigen Strafe, aber die Gerechten in das ewige Leben.<\/em><\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-size: 8pt;\"><strong>Wir beten:<\/strong> <\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"font-size: 8pt;\"><em>Zeig uns dein k\u00f6nigliches Walten,<br \/>\n<\/em><em>bringt Angst und Zweifel selbst zur Ruh;<br \/>\n<\/em><em>du wirst allein ganz Recht behalten.<br \/>\n<\/em><em>Herr, mach uns still, und rede du.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"font-size: 8pt;\"><em>Amen.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Predigt<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Liebe Gemeinde, liebe Freunde!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Kirchenjahr endet mit dem Monat November. Das <em>Kirchen<\/em>jahr liegt in unseren Breiten so im <em>Kalender<\/em>jahr, da\u00df es dann endet, wenn die Tage dunkler, k\u00e4lter, und nasser werden. Die letzten Bl\u00e4tter werden von den B\u00e4umen geblasen, k\u00fchler Wind macht das Rausgehen ungem\u00fctlich, wenn es \u00fcberhaupt m\u00f6glich ist. Viele empfinden: Schade, da\u00df es so bald am Tag wieder dunkelt. Doch genau diese Zeit, die einem die Freude an der Natur und an der Welt schwer macht, ist dazu bestimmt, unseren Blick in die Ewigkeit zu heben. Das Werden und Vergehen in der Natur erinnert uns Jahr f\u00fcr Jahr daran, da\u00df unser irdisches Leben endlich ist. Viele Menschen schieben aber beiseite, da\u00df es ihnen gesetzt ist zu sterben, danach aber das Gericht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir leben wie auf einem <strong>F\u00f6rderband<\/strong>, das sich immer nur in einer Richtung bewegt: vorw\u00e4rts immer, r\u00fcckw\u00e4rts nimmer. Man kann sich allenfalls zur Seite bewegen, aber die Richtung bleibt gleich. Das Ende bleibt gleich. Es ist dem Menschen gesetzt zu sterben, danach aber das Gericht (Hebr 9,27).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer regelm\u00e4\u00dfig zum Gottesdienst geht, bekommt durch das Wort Gottes den Blick geweitet. Die Jahreszeiten werden mit der Geschichte Gottes verbunden. So erf\u00fcllt sich erst die Sehnsucht unseres Lebens nach mehr, nach Sinn und Tiefe. Das tut das Wort Gottes, dem die Gemeinde im Jahreslauf folgen soll. In den Jahren, in denen die Predigttexte vor allem aus den Evangelien gesch\u00f6pft sind, wirkt in besonderer Weise das Leben des Herrn Jesus auf unser eigenes Leben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am Ende des Kirchenjahres, heute und n\u00e4chsten Sonntag, wird unser Blick ans Ende dieser Welt gef\u00fchrt. Das Ende dieser Welt ist zugleich der <em>Anfang<\/em> der Ewigkeit. Wenn der Menschensohn, Jesus Christus, der Herr, erscheinen wird, wird er sitzen auf dem Thron seiner Herrlichkeit, und alle V\u00f6lker sind vor ihm versammelt. Und wir, liebe Freunde, werden alle dabei sein! Jeder einzelne von uns. Und Jesus wird wie ein Hirte die Schafe von den Ziegen scheiden, die Gl\u00e4ubigen von den Ungl\u00e4ubigen, und sein Gericht wird in jeder Hinsicht vollkommen gerecht sein, ja er wird es sogar allen begr\u00fcnden, in Rede und Gegenrede. Schon bei den beiden vorangehenden Gleichnissen \u2013 das Gleichnis von den f\u00fcnf t\u00f6richten und den f\u00fcnf klugen Jungfragen und das Gleichnis von den anvertrauten Zentnern \u2013 gibt es Rede und Gegenrede, Scheidung unter den Jungfrauen (\u201eich kenne euch nicht\u201c, V. 12), Scheidung unter denen, die ihre Gaben zum Dienst des Herrn eingesetzt haben, und denen, die es nicht taten (\u201ewer da hat, dem wird gegeben werden \u2026\u201c, V. 29).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jesus schlie\u00dft seine lange Predigt (ab Mt 23) ab mit einigen Gleichnissen. Die Rede \u00fcber das Weltgericht ist allerdings kein Gleichnis mehr. Es enth\u00e4lt zwar noch das Bild von der Herde, wo der Hirte und K\u00f6nig zwischen Schafen und Ziegenb\u00f6cken scheidet. Jesus stellt aber prophetisch dar, was am Ende der Zeit geschehen wird. Es ist seine letzte Rede, die Matth\u00e4us feierlich beschlie\u00dft mit <em>\u201eUnd es begab sich, als Jesus alle diese Reden vollendet hatte\u201c<\/em> (Mt 26,1), als die Passionsgeschichte einsetzt. Die J\u00fcnger werden also mit dem ausf\u00fchrlichen Unterricht ausgerechnet \u00fcber das Gericht in Mt 23 bis 25 vorbereitet auf das Leiden und Sterben Jesu.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun wollen auch wir uns durch Gottes Wort zubereiten lassen auf die Tage der Bu\u00dfe und des Advents, bevor wir wieder neu die Geburt unseres Retters feiern d\u00fcrfen. Drei Dinge wollen wir dazu besonders bedenken:<\/p>\n<ol style=\"text-align: justify;\">\n<li>Die Tatsache des Gerichts.<\/li>\n<li>Was im letzten Gericht z\u00e4hlt<\/li>\n<li>Die Frage an uns.<\/li>\n<\/ol>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>1. Die Tatsache des Gerichts<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da\u00df das letzte Gericht nicht gerade das Lieblingsthema von evangelischen Pfarrern ist, k\u00f6nnen Sie sich denken. Wer m\u00f6chte nicht lieber das s\u00fc\u00dfe Evangelium und das Angenehme weitergeben? Schon die Propheten des Alten Testaments, die das Volk auf das Gericht des Exils vorbereiten sollten, hatten gro\u00dfe M\u00fche damit, wenn andere selbsternannte Propheten auftraten und sich mit ihren Heilsbotschaften bei K\u00f6nig und Volk beliebt machten. Wie kann die unangenehme Wahrheit in den Herzen Raum gewinnen, wenn andere das verk\u00fcnden, was man lieber h\u00f6rt?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch bei uns sind in den letzten Jahren immer wieder Leute aufgetreten und haben vollmundig Erweckungen angeblich prophezeit. Das erregte Aufsehen und Erwartungen \u2013 und hat dann doch entt\u00e4uscht. Andere wollen auf die Predigt von Gesetz und Gericht ganz verk\u00fcndigen, aber wundern sich, da\u00df damit die Kirche auch nicht voller, sondern immer leerer und belangloser wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jesus aber hat seinen J\u00fcngern die Botschaft vom Weltgericht anvertraut, nicht nur f\u00fcr sie selbst, sondern nat\u00fcrlich auch, da\u00df sie es weitersagen, wie es Matth\u00e4us hier in seinem Evangelium tut. Dieses Gericht ist absolut unvermeidlich; das Urteil, das dann ergeht, ist absolut gerecht, denn es sind dort ausdr\u00fccklich alle V\u00f6lker versammelt, gro\u00df und klein, reich und arm \u2013 einfach alle, die ganze Menschheit. Es mu\u00df allen gesagt werden! Als Paulus auf dem Areopag Gelegenheit hatte, den Athenern die Erstverk\u00fcndigen des Evangeliums zu geben, sagte er ihnen genau dies:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 40px;\"><em><sup>30<\/sup><\/em><em>\u00a0Zwar hat Gott \u00fcber die Zeit der Unwissenheit hinweggesehen; nun aber gebietet <\/em>(!)<em> er den Menschen, da\u00df <u>alle<\/u> an <u>allen<\/u> Enden Bu\u00dfe tun. <sup>31<\/sup>\u00a0Denn er hat einen Tag festgesetzt, an dem er richten will den <u>Erdkreis<\/u> mit Gerechtigkeit durch einen Mann, den er dazu bestimmt hat, und hat jedermann den Glauben angeboten, indem er ihn von den Toten auferweckt hat.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das war die <em>Erst<\/em>verk\u00fcndigung an die Athener. Es war alles drin: das Evangelium, das Gesetz \u2013 und das Gericht \u00fcber den Unglauben, der sich trotz der Auferweckung Jesu frech der Wahrheit Gottes widersetzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u201eEs ist dem Menschen gesetzt zu sterben, danach aber das Gericht\u201c,<\/em> sagt der Hebr\u00e4erbrief. Jeder: Jude oder Heide, schwarz und wei\u00df, Mann oder Frau \u2013 alle werden versammelt werden, wenn der Menschensohn, der K\u00f6nig, wiederkommt. Er wird sitzen auf dem Thron seiner Herrlichkeit. Mit sicherem Urteil wird er wie ein Hirt die Schafe von den Ziegen scheiden, die vorher noch gemischt auf der Weide grasten. Er wird denen zur Rechten und denen zur Linken das gerechte Urteil sprechen. Da er selbst vollkommen gerecht und allwissend ist, ist weder Verteidiger und noch Staatsanwalt n\u00f6tig. Christus ist alles: K\u00f6nig, Hirte, Richter. Sein Urteil ist absolut gerecht und unfehlbar. Er wird offenbar machen, was in den Herzen ist, wie Paulus schreibt: <em>\u201e\u2026 richtet nicht vor der Zeit, bis der Herr kommt, der auch ans Licht bringen wird, was im Finstern verborgen ist, und wird das Trachten der Herzen offenbar machen. Dann wird einem jeden von Gott sein Lob zuteil werden\u201c<\/em> (1.\u00a0Kor 4,5). Ein verstocktes und unbu\u00dffertiges Herz hingegen h\u00e4uft sich Zorn an \u201eauf den Tag des Zorns und der Offenbarung des gerechten Gerichtes Gottes\u201c (R\u00f6m 2,5).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieser Teil der biblischen Botschaft mag nicht in jeder Situation das sein, was angezeigt ist, aber die Wahrheit, die sich damit verbindet, ist so wesentlich, da\u00df wir nicht auf sie verzichten k\u00f6nnen. Es ist blo\u00df ein billiges Schlagwort, wenn gesagt wird, wir sollten nur eine Froh- und keine Drohbotschaft predigen. Denn gerade f\u00fcr die Armen und Benachteiligten, f\u00fcr die bedr\u00e4ngte und verfolgte Gemeinde in der islamischen oder sozialistischen Welt ist es ganz wesentlich zu wissen, da\u00df Gott das Recht liebt (Jes 61), da\u00df er die Wahrheit liebt (1.\u00a0Kor 13), da\u00df er ein Gott der Vergeltung ist (unser Psalm 94), und da\u00df sich sein Reich nicht nur auf dem Weg der Gnade, sondern auch des Gerichts durchsetzen wird (so Delitzsch zu den Rachestellen im Psalter). Wer die Psalmen als sein Gebetbuch nutzt, betet mit ihnen um das Kommen des Reiches so, da\u00df zuletzt alle, auch die Feinde der Gemeinde, ihre Knie vor dem Herrn beugen m\u00fcssen; in solchen Psalmen \u00fcberlassen wir Gott das Gericht, damit wir nicht selbst uns erheben vor der Zeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch da melden sich besorgte Stimmen: w\u00e4re es nicht attraktiver, nur das Evangelium zu verk\u00fcndigen? Wie soll ich einen Gott lieben, der nach seinem Gutd\u00fcnken die einen ins Paradies hinaufhebt, die anderen aber \u2013 was f\u00fcr ein schrecklicher Gedanke \u2013 in einem ewigen Feuer qu\u00e4lt? Wie soll ich ihm vertrauen, ihn lieben, wenn am Ende eine solche Abscheulichkeit m\u00f6glich ist? Verbietet nicht die biblische Botschaft von der bedingungslosen Liebe Gottes, ja von seinem Wesen als Liebe, da\u00df er am Ende nach dem Buchstaben des Gesetzes Gericht h\u00e4lt und Unz\u00e4hlige in namenloses Elend st\u00f6\u00dft?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unter dem Druck dieser Fragen h\u00f6rte ich vor wenigen Jahren einen Pfarrer sagen (\u00fcber Mt 25): Hier m\u00fcsse sich Matth\u00e4us geirrt haben, der echte Jesus k\u00f6nne so nicht gesprochen haben. Dieser Pfarrer hat vermutlich einen liberalen Hintergrund. Doch auch fromme Kreise, die theoretisch daran festhalten, da\u00df Jesus selbst diese Worte gesprochen hat, tun sich schwer damit. Manche sind zur \u00dcberzeugung gelangt, es m\u00fc\u00dften am Ende doch alle gerettet werden, denn die Herrlichkeit des Sch\u00f6pfers vertrage sich nicht mit der Aura eines Vernichters.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Ausblick aufs Weltgericht, liebe Gemeinde, sprengt unser Vorstellungsverm\u00f6gen. Und doch sind wir auf diese Weitung, Erweiterung unserer Zukunftshoffnung zwingend angewiesen. Es h\u00e4tte weitreichende Konsequenzen, wenn wir dem Zeitgeist nachgeben und der Gottesvorstellung der Aufkl\u00e4rung anh\u00e4ngen w\u00fcrden. Voltaire sagt von Gott, \u201epardonner c\u2018est son m\u00e9tier\u201c, \u201eVergeben ist sein Beruf\u201c. Der Apostel Paulus hat mit vielen Bibelzitaten gezeigt, da\u00df man ohne Verdienst selig wird, und da\u00df die Gnade durch Christus viel m\u00e4chtiger geworden ist als die S\u00fcnde. Aber er hat an dieser Stelle sofort die Gefahr gesehen, da\u00df man unter dieser Botschaft lieber bequem in den liebgewordenen S\u00fcnden verharrt, als in dem neuen Leben zu bleiben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 40px;\">R\u00f6m 6:<br \/>\n<em><sup>1<\/sup>\u00a0Was sollen wir nun sagen? Sollen wir denn in der S\u00fcnde beharren, damit die Gnade um so m\u00e4chtiger werde? \u00a0<sup>2<\/sup>\u00a0Das sei ferne! Wie sollten wir in der S\u00fcnde leben wollen, der wir doch gestorben sind? <sup>3<\/sup>\u00a0Oder wi\u00dft ihr nicht, da\u00df alle, die wir auf Christus Jesus getauft sind, die sind in seinen Tod getauft?<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gegen die Frivolit\u00e4t, bequemer S\u00fcnder zu bleiben, weil die Gnade so sicher sei, setzt Paulus die Taufe als Bild des christlichen Lebens: der S\u00fcnde gestorben, lebendig aber, um gute Fr\u00fcchte zu bringen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 40px;\"><em>Nun aber, da ihr von der S\u00fcnde frei und Gottes Knechte geworden seid, habt ihr darin eure Frucht, da\u00df ihr heilig werdet; das Ende aber ist das ewige Leben. Denn der S\u00fcnde Sold ist der Tod; die Gabe Gottes aber ist das ewige Leben in Christus Jesus, unserem Herrn <\/em>(6,22f.).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Taufe, und zwar nicht die einmalige, sondern die immer neue R\u00fcckkehr des Gl\u00e4ubigen in die Taufe durch Bu\u00dfe und Neuanfang \u2013 das ist die Rettung aus dem ewigen Tod und die Rettung zum ewigen Leben. Gibt es diese Rettung nicht, weil man die M\u00f6glichkeit des Verlorengehens schon immer ausgeschlossen hat, dann verliert die Taufe letztlich ihren Sinn, und das ganze Leben, das des Christen wie des Nichtchristen verliert seine Tiefe. Denn wenn wir alle sowieso selig werden, gibt es dann nicht bessere Mittel, unseren Spa\u00df zu haben, als zum Gottesdienst zu gehen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn es am Ende kein Gericht gibt, oder wenn am Ende doch alle gerettet werden: Warum sollte ich dann immer die Wahrheit sagen? Warum sollte ich meinem N\u00e4chsten beistehen, wenn ich keinen Vorteil davon habe? Warum sollte ich mich zusammenrei\u00dfen und mit unangenehmen Nachbarn, Ehepartner und Familie durch dick und d\u00fcnn gehen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es liegt auf der Hand: Wo die \u00dcberzeugung vom letzten Gericht Schwindsucht leidet, verliert auch die christliche Ethik ihre Dringlichkeit. Zwar ist die Liebe und Gnade Gottes ihre Quelle und ihr Motiv, nicht die Angst vor der H\u00f6lle, aber die Gnade ist nach dem Zeugnis Jesu und der Apostel immer eine Gnade, vom Tod zum Leben rettet, vom Zorn Gottes zum liebenden Vater f\u00fchrt \u2013 und nicht blo\u00df vom schlechteren zum besseren Leben in dieser Welt!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Aufkl\u00e4rer Immanuel Kant meinte, die Religion habe fr\u00fcher mit ihrem Gerichtsgedanken die Aufgabe erf\u00fcllt, da\u00df die Menschen ehrf\u00fcrchtig das Gesetz einhielten. Wenn alle gen\u00fcgend aufgekl\u00e4rt seien, k\u00f6nnte die Aufgabe der Religion auch von der Vernunft erf\u00fcllt werden (Habermas nannte das \u201efunktionale \u00c4quivalenz\u201c). Er ging so weit zu sagen, da\u00df selbst ein Volk von Teufeln ein Staatswesen bilden k\u00f6nnten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch kann die Kraft unseres Verstandes mit der gleichen Kraft zum guten Leben f\u00fchren, wie es der Glaube kann? Die letzten 200 Jahre haben das Gegenteil bewiesen; kaum jemand wird den Niedergang der Sitten in der westlichen Welt bestreiten. Wollen wir uns von den Philosophen \u00fcber unsere Weisheit belehren lassen oder von den inspirierten Evangelisten und Aposteln?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Ergebnis: Das Gericht ist eine Tatsache. Hans Jochen Vogel, der fr\u00fchere SPD-Vorsitzende, ahnte das Richtige; er meinte, es sei das wichtigste Datum der Weltgeschichte \u00fcberhaupt! Nun, h\u00e4lt man Kreuz und Auferstehung daneben, gibt es noch andere wesentliche Ereignisse, von denen die gesamte Geschichte bestimmt ist, aber das Gericht geh\u00f6rt auf jeden Fall dazu.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>2. Was im letzten Gericht z\u00e4hlt<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Vernunft kann nicht selig machen, sie ist eine Hure, die sich mal diesem und mal jenem starken Mann an den Hals wirft. Was aber ist Ma\u00dfstab im Gericht? Christus verk\u00fcndigt es so:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 40px;\"><em><sup>37<\/sup><\/em><em> Dann werden ihm die Gerechten antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und haben dir zu essen gegeben? oder durstig und haben dir zu trinken gegeben? <sup>38<\/sup> Wann haben wir dich als Fremden gesehen und haben dich aufgenommen? oder nackt und haben dich gekleidet? <sup>39<\/sup> Wann haben wir dich krank oder im Gef\u00e4ngnis gesehen und sind zu dir gekommen? <sup>40<\/sup> Und der K\u00f6nig wird antworten und zu ihnen sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Br\u00fcdern, das habt ihr mir getan.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was tut der Hirte? Nicht nur F\u00fcrsorge und Pflege der Herde! Zur F\u00fcrsorge geh\u00f6rt auch, da\u00df nur die richtigen Tiere in den eigenen Stall gef\u00fchrt werden. Somit ist der Hirte auch der Richter. Die K\u00f6nige im Alten Testament und im Alten Orient hie\u00dfen oft Hirten ihrer V\u00f6lker. Die Gerichtsrede Hesekiels \u00fcber die Absetzung der schlechten Hirten und die Selbsteinsetzung des guten Hirten, des neuen Davids, klingt in Jesu Rede st\u00e4ndig hindurch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Hirte trennt die Schafe von den Ziegen und sagt den Schafen zu seiner Rechten, da\u00df sie es waren, die ihn speisten, aufnahmen, kleideten und besuchten. F\u00fcr jeden Punkt fragen die Gerechten zur\u00fcck: Wann? Wann? Wann? Sie wissen es selbst nicht, wie es geschah, liebe Gemeinde. Sie wissen es nicht: Sie haben ihre <strong>guten Werke v\u00f6llig absichtslos und selbstverst\u00e4ndlich<\/strong> getan, ohne dem Gesetz der Aufkl\u00e4rung zu folgen, vor allem aber ohne den Hintergedanken, sich die Seligkeit zu verdienen. Sie haben das Gute an der richtigen Stelle und mit der richtigen Haltung getan: sie waren <strong>selbstvergessen<\/strong>, suchten den Vorteil des N\u00e4chsten und nicht den eigenen. Damit handelten sie wie ihr Herr Christus, der sein Leben aufgab, um den Menschen sein Leben, das ewige Leben in der Vers\u00f6hnung mit Gott zu schenken. Sie lebten selbstvergessen, Christus-f\u00f6rmig, eben als Christen: Es war das neue Gebot Christi, da\u00df seine Nachfolger sich untereinander lieben sollten (Joh 13), und das spielt hier hinein. Dieser Punkt ist nun f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis der Rede Jesu sehr wichtig: Die <strong>geringsten Br\u00fcder<\/strong> sind im Matth\u00e4usevangelium immer Nachfolger Christi. Es geht um die Hilfe f\u00fcr Christen um Christi willen (10,42: weil es ein J\u00fcnger ist).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Damit will ich nicht leugnen, da\u00df die Bibel an anderen Stellen zum Dienst auch an den ungl\u00e4ubigen Armen ruft, aber nach dem Matth\u00e4usevangelium sind die geringsten Br\u00fcder die, die schon zur Gemeinde geh\u00f6ren, siehe 10,40\u201342 (ein Becher kalten Wassers \u2026 im Namen eines J\u00fcngers); 12,46\u201350 (die wahren Verwandten); 18,6.10.14 (die Kleinen, die niemand zum Abfall verf\u00fchren darf); 23,8 (ihr alle seid Br\u00fcder)! Am Verhalten zur Gemeinde soll man erkennen, wer zu den Erl\u00f6sten geh\u00f6rt und wer zu den Verworfenen (vgl. Gal 6,10).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber die <strong>\u00dcberraschung<\/strong>, die gerade in dieser Erz\u00e4hlung liegt, ist doch, wie selbstvergessen das Tun der Gerechten geschieht. Dieses Tun rechnet sich eben nicht seine Verdienstlichkeit aus und verzichtet auf die Kontrolle von Todo-Listen. \u201eAngesichts des uns allen eingefleischten Dranges zur Selbstrechtfertigung kann man solches Tun, bei dem die linke Hand nicht wei\u00df, was die rechte tut, nur erstaunt als Geschenk nehmen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der gutb\u00fcrgerliche Drang zur Selbstrechtfertigung lautet dagegen: \u201eIch tue genug in Beruf und Familie\u201c, \u201eich opfere meine Zeit f\u00fcr andere\u201c, \u201eich k\u00fcmmere mich um die Probleme der Dritten Welt, die Umweltprobleme\u201c, \u201eich trete f\u00fcr Minderheiten ein, das reicht doch!\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>3. Die Frage an uns: Welche von drei M\u00f6glichkeiten trifft f\u00fcr Dich zu?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>M\u00f6glichkeit Nr. 1:<\/strong> Du identifizierst Dich mit einer ehrenwerten b\u00fcrgerlichen Moral und kannst sagen: Ich tue genug, und das mu\u00df reichen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Reicht es wirklich, zum Leben und zum Sterben? Lieber Freund, in den Augen Gottes ist das Hochmut. Du rechnest mit der eigenen Leistung, statt Dir die rettende Tat schenken zu lassen. Auf Hochmut folgt der Fall!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im letzten Gericht kommt es gerade darauf an, ohne Berechnung auf Verdienst im rechten Moment das Gute getan zu haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>M\u00f6glichkeit Nr. 2: <\/strong>Du stellst fest, da\u00df du laut der Erz\u00e4hlung zu den Verworfenen geh\u00f6rst. Du hast es verachtet, wie sich dir die geringsten Br\u00fcder Jesu bisher darstellten. Dazu kann es manche Gr\u00fcnde geben. Du hast vielleicht die, die sich sonntags zum Gottesdienst aufmachen, f\u00fcr Heuchler gehalten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn du jetzt immer noch nicht ersch\u00fcttert bist, empfehle ich Dir, einmal das Matth\u00e4usevangelium durchzulesen und das Gespr\u00e4ch mit einem Christen zu suchen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bist du aber verzweifelt, kann das die rettende Ausfahrt sein, der Weg zum Leben! Jesus will dich nicht verzweifeln lassen, sondern dich in seine Arme nehmen und dir das eine schenken, was not tut: die Vergebung durch sein Kreuz! Nimm es an, und lebe aus dem Dank f\u00fcr die Tat Jesu Christi f\u00fcr Dich. So wirst du wohl nicht alles Leiden vermeiden k\u00f6nnen, aber auf die Seite der Schafe treten k\u00f6nnen, die die Stimme ihres Herrn kennen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>M\u00f6glichkeit Nr. 3: <\/strong>Du wei\u00dft nicht, wo Du hingeh\u00f6rst. Dann sprich mit dem Sch\u00f6pfer dar\u00fcber und sag ihm: Ich seh nicht klar, wie es mit mir weitergehen soll. Schenk Du mir selbst die Werke, die du von mir getan haben willst, und wenn es sein soll, gib mir Kraft zum Schweren, das du von mir gelitten haben willst. Zeig mir die Schwester, zeig mir den Bruder, der mich braucht. Zeig mir, wo mein Geld die besten Fr\u00fcchte tr\u00e4gt. Zeig mir, welche Arbeit dran ist und was ich lassen soll. La\u00df mich gute Werke tun, ohne es zu merken, ohne stolz zu werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">es ist nicht Gerechtigkeit durch menschliche Werke, die uns Jesus im Matth\u00e4usevangelium predigt. Wir von uns aus k\u00f6nnen gar keine guten Werke tun, weil wir b\u00f6se sind. So bescheiden und selbstvergessen zu sein, kann uns nur geschenkt werden, und wir d\u00fcrfen darum beten. Vor allem wird durch Wort Gottes und Sakrament unser Charakter so geheiligt, da\u00df die Werke der Barmherzigkeit wie von selbst in und durch uns entstehen. Gerettet werden wir durch die Kraft des Kreuzes, und durch die Kraft des Heiligen Geistes zu den selbstvergessenen Werken gef\u00fchrt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ist nun unser Blick geweitet? M\u00f6ge uns der Herbst drau\u00dfen immer wieder an diese Wahrheit erinnern!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erst im letzten Gericht wird uns dann der Blick geweitet sein, wieviel uns der Heilige Geist schon in diesem Leben geschenkt hat. Amen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr \/>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Die Predigt wurde &#8211; um etwa ein Drittel gek\u00fcrzt &#8211; am 19.11.2023 in Oberfranken gehalten.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lieder: Wachet auf, ruft uns die Stimme; Wir warten dein, o Gottes Sohn Lesung aus Mt 25,31-46: 31 Wenn aber der Menschensohn kommen wird in seiner Herrlichkeit, und alle Engel mit ihm, dann wird er sitzen auf dem Thron seiner Herrlichkeit, 32\u00a0und alle V\u00f6lker werden vor ihm versammelt werden. 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