{"id":20376,"date":"2023-10-04T05:00:00","date_gmt":"2023-10-04T03:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=20376"},"modified":"2023-09-26T12:14:34","modified_gmt":"2023-09-26T10:14:34","slug":"nieder-mit-dem-kirchendeutsch-absage-an-die-sprachvereinfacher","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=20376","title":{"rendered":"Nieder mit dem Kirchendeutsch? Absage an die Sprachvereinfachung"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em>Der folgende Beitrag aus dem Jahr 2014 bietet eine R\u00fcckblende in eine fr\u00fchere Diskussion (Druckort s.u.).<br \/>\nWie so oft: Die Diskussion ebbte ab &#8211; die Probleme jedoch blieben.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 14pt;\">Antwort an Wolf Schneiders \u201eWeder Blabla noch Kanaan\u00e4isch!\u201c<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gegen\u00fcber seinem idea-Interview vom Dez. 2012 hat sich Schneider [gestorben 2022] offenbar einseitig einsilbig weiterentwickelt. Damals sagte er noch im Hinblick auf Volxbibel und \u201eBibel in gerechter Sprache\u201c: \u201eIch bin nicht daf\u00fcr, da\u00df man die Sprache, die zu Hause gesprochen wird, eins zu eins \u00fcbernimmt: Ein bi\u00dfchen M\u00fche darf man sich schon geben.\u201c Die M\u00fche scheint nun verflogen. Seinem Kampf gegen die Vielsilberei wie in <em>Eucharistie-Verst\u00e4ndnis, Apostolizit\u00e4t <\/em>oder<em> Abh\u00e4ngigkeitsverh\u00e4ltnis <\/em>seien hier ein paar andere Aspekte entgegen gehalten. Die zur Tugend erhobene Einsilbigkeit wirkt irgendwie sprachfaul. Schneider ist dabei nicht unbedingt repr\u00e4sentativ: vielleicht f\u00fcr Journalisten, die ihm reichlich Beifall zollten, und missionarisch-um-jeden-Preis-gesinnte Theologen, aber kaum bei Literaturwissenschaftlern, die sehr wohl die Sprachebenen zu unterscheiden wissen, die je verschiedenen Lagen der Sprecher\/H\u00f6rer (um nicht zu sagen: \u201eKommunikationspartner\u201c!) angemessen sind, wie etwa Johannes Anderegg oder Dietmar Dath (&#8222;Rettet den langen deutschen Satz!&#8220;, in: FAZ Nr. 31\/7.2.2005, S. 40).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Nieder mit dem Kirchendeutsch?<\/strong><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Losungen \u201eBlo\u00df kein Kirchendeutsch!\u201c (ideaSpektrum 49\u20132012) oder \u201eEinsilber sind in jedem Fall das Gr\u00f6\u00dfte!\u201c (ideaSpektrum 17\u20132014) wirken zerst\u00f6rerisch, wo wir die zentralen Begriffe des Glaubens aufgeben, um alles auf Alltagsniveau pr\u00e4sentieren zu k\u00f6nnen. Eine ganze Menge Vielsilber sind eben doch unverzichtbar. Den von Schneider versch\u00e4mt zugelassenen Viersilbern f\u00fcge ich noch ein paar hinzu: <em>Auferstehung, Offenbarung, Vollkommenheit, Rechtfertigung, Gerechtigkeit, Langm\u00fctigkeit, Menschenhilfe, Menschenweise, Menschenh\u00fcter, Menschenaugen, Menschenkinder, Ehrerbietung, Sch\u00e4delst\u00e4tte, Kerkermeister, Blutbr\u00e4utigam, Gichtbr\u00fcchige, Donnerskinder, Donnerstimme, Kirchenr\u00e4uber, Kleiderh\u00fcter, Leutseligkeit, Linsengericht, Meuchelm\u00f6rder, Vater-\/Mutterm\u00f6rder, Erschlagene, Waffentr\u00e4ger, Verstorbene, Feierkleider, Erstgeborner, Zimmerleute, Blutgierige, Wasserb\u00e4che, Anfechtungen, Evangelisten, Wiedergeburt, Ehrerbietung, Erzb\u00f6sewicht,<\/em><em> Eselskinnbacken<\/em> \u2026 All dies findet sich in Luthers Bibel! Mehr noch: Luther verwendet auch W\u00f6rter mit f\u00fcnf und mehr Silben (die allerdings, wie auch die langen ausgeschriebenen Zahlw\u00f6rter, in den alten Lutherbibeln oft noch unverbunden dargestellt wurden): <em>dahingegeben, fleischlicherweise<\/em>, <em>Unbarmherzigkeit, Ungehorsame, Ehebrecherinnen <\/em>und<em> Blutvergie\u00dferinnen, desselbigengleichen<\/em> (37\u00a0x\u00a0!), <em>Gottesverhei\u00dfungen, Granat\u00e4pfelb\u00e4ume, zusammengestoppelt, <\/em>der <em>Allerverachtetste, ineinandergef\u00fcget<\/em> \u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schneider behauptet, viersilbige gro\u00dfe Gef\u00fchle g\u00e4be es nicht. Das mag sein, aber immerhin verwendet Luther oft viersilbige Adjektive: <em>unverst\u00e4ndig, unerschrocken, ungeschliffen, hundertj\u00e4hrig, einf\u00e4ltiglich, eingepropfet \u2026<\/em> Vergessen wir nicht die gro\u00dfe Zahl von Neubildungen, die Luther aus Sprachnot dem Deutschen eingepflanzt hat. W\u00fcrde Schneider sagen, da\u00df man das heute nicht mehr darf?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Die Grundfrage<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Grundfrage ist: Akzeptieren wir, da\u00df die Bibel eben kein leichtes Buch ist, bzw. da\u00df sie bis in ihre Sprachgestalt hinein uns die S\u00fcnden der Lippen vor Augen h\u00e4lt, aber nicht kopiert und guthei\u00dft, sondern ver\u00e4ndern will? Wolf Schneider, bekennender Atheist, hat vermutlich keinen sensus daf\u00fcr. Obwohl er in seinem Buch \u201eW\u00f6rter machen Leute\u201c wu\u00dfte, da\u00df Informationsaustausch nur einer von vielen Sprachzwecken ist, geht es im idea-Artikel nur darum, wie Sprache als Kommunikation \u201efunktioniert\u201c, wie Botschaften m\u00f6glichst rasch verstanden werden. Da\u00df Gottes Sprache\/Wort aber Same ist, Hammer, Geist und Leben, kommt bei einem nur kommunikativen Sprachverst\u00e4ndnis unter die R\u00e4der. Gott arbeitet doch oft gerade durch solche Texte an uns, die wir (noch) nicht verstehen! Wenn aber alles sofort verstehbar sein mu\u00df, wird alles flach und fade.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Der n\u00e4chste Kreuzzug<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was ist gegen \u201eKreativit\u00e4t\u201c einzuwenden? Wolf l\u00e4\u00dft uns die W\u00f6rter kurz halten, aber es wird unsere Texte verl\u00e4ngern, wenn wir alles erst umschreiben, v.a. Hauptw\u00f6rter durch Verbals\u00e4tze ersetzen m\u00fcssen. Was ist der Gewinn? Kein Wunder, da\u00df er schon den n\u00e4chsten Kreuzzug ausruft, diesmal gegen die langen (Neben-)S\u00e4tze. Lange S\u00e4tze aber sind, sagt Max Picard in \u201eDer Mensch und das Wort\u201c, wie ein Lasso, das der Mensch weit zu den Dingen ausschwingt und diese dann souver\u00e4n zu sich zur\u00fcckholt. Die kurzen S\u00e4tze aber haben, so k\u00f6nnen wir Picard ausziehen, mitunter etwas Hartes, Hingeworfenes, Kurzatmiges an sich, es entsteht nichts mehr, alles ist sofort da, begeh-, befahrbar wie eine Betonpiste. Ohne die langen Suchwege, sagt Picard, gibt es nur noch Allgemeinpl\u00e4tze.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich meine: Beide, lange und kurze S\u00e4tze und W\u00f6rter haben je ihren Ort. Wer gut artikuliert und betont, wird nach wie vor auch mit langen S\u00e4tzen Erfolg haben. Schneiders Regeln m\u00f6gen helfen, sich \u00fcber Dinge in Alltag und Politik zu verst\u00e4ndigen, \u00fcber die beide Seiten schon Wesentliches wissen. Da\u00df sie aber so prinzipiell, wie Schneider meint, ein tieferes Denken und Sprechen erleichtern, weise ich zur\u00fcck. M\u00f6gen doch unsere Kommunikationshelfer nicht Sprachverhunzer wider willen werden! Ich will die erste bayrische Sau sein, der hier graust. Auf die langen S\u00e4tze von Paulus, Heinrich von Kleist, Rudolf Borchardt und Karl Barth sollten wir nicht freiwillig verzichten!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>F\u00fcr dumm verkauft?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schneider kritisiert \u201eEucharistie-Verst\u00e4ndnis\u201c wegen seiner sieben, \u201eApostolizit\u00e4t\u201c wegen seiner sechs Silben. Er versteigt sich zur Behauptung, Obama habe seinen Wahlkampf mit seinen drei Einsilbern gewonnen: \u201eYes, we can!\u201c (Und das Volk schallt wunderbar zur\u00fcck: \u201eYes, we scan!\u201c) Nat\u00fcrlich ist Obama ein exzellenter Redner, neben dem Frau Merkel Fremdsch\u00e4men ausl\u00f6st. Aber Entschuldigung, f\u00fcr wie dumm h\u00e4lt Schneider den amerikanischen W\u00e4hler? Glaubt er, man k\u00f6nnte allein mit einer m\u00f6glichst kurzatmigen Sprachtechnik \u00fcberzeugen, egal <em>was<\/em> man sagt? Hier taucht das geistlich-theologische Problem auf: Schneider reduziert geistliche Probleme auf fa\u00dfbare, letztlich leicht bearbeitbare Sprachprobleme. Dazu pa\u00dft, da\u00df er K\u00e4\u00dfmann gute Noten verteilt, trotz z.B. ihrer Unterst\u00fctzung der von ihm abgelehnten \u201eBibel in gerechter Sprache\u201c \u2013 eben weil sie selbst einfach spricht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gut, da\u00df sich der Apostel Paulus nicht die Vorgaben Schneiders zugrunde gelegt hat. Bei ihm finden sich mehr vielsilbige W\u00f6rter (mit bis zu 8 Silben), als Schneider lieb ist, und neben kurzen auch eine ganze Reihe schrecklich langer S\u00e4tze. Wie sagte Schlatter: Die Bibel ist kein m\u00fcheloser Besitz. Kehren wir um von der Rutschbahn, alles so einfach und eing\u00e4ngig zu machen, bis nichts mehr \u00fcbrigbleibt!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr \/>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Zuerst gedruckt in: ideaSpektrum (Schweiz) 17\u20132014, S. 16\u201319.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der folgende Beitrag aus dem Jahr 2014 bietet eine R\u00fcckblende in eine fr\u00fchere Diskussion (Druckort s.u.). Wie so oft: Die Diskussion ebbte ab &#8211; die Probleme jedoch blieben. &nbsp; Antwort an Wolf Schneiders \u201eWeder Blabla noch Kanaan\u00e4isch!\u201c Gegen\u00fcber seinem idea-Interview vom Dez. 2012 hat sich Schneider [gestorben 2022] offenbar einseitig einsilbig weiterentwickelt. 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