{"id":20104,"date":"2023-06-28T09:30:25","date_gmt":"2023-06-28T07:30:25","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=20104"},"modified":"2023-06-27T17:48:36","modified_gmt":"2023-06-27T15:48:36","slug":"imabe-interview-mit-mag-susanne-kummer-koerperkult-und-koerperverachtung-zeigen-dass-das-leibverstaendnis-verrutscht-ist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=20104","title":{"rendered":"IMABE-Interview mit Mag. Susanne Kummer: &#8222;K\u00f6rperkult und K\u00f6rperverachtung zeigen, dass das Leibverst\u00e4ndnis verrutscht ist&#8220;"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em>Gender und Transgender sind Begriffe, die inzwischen ihren Weg von der Sprachwissenschaft in die Realit\u00e4t gefunden haben. Es entsteht der Eindruck, dass man heute seine Identit\u00e4t vor allem \u00fcber den K\u00f6rper konstruieren muss, erkl\u00e4rt Ethikerin Susanne Kummer im IMABE-Interview. Viele junge Menschen kommen mit den Folgen nicht klar, wenn kein gespr\u00e4chsbereites Gegen\u00fcber zur Verf\u00fcgung steht<\/em>.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Bioethik aktuell: Transgender legt nahe, dass jeder erst entscheiden muss, was sein Geschlecht ist. Was tut das mit Jugendlichen?\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jugendliche brauchen ein Umfeld, das ihnen hilft, sich selbst anzunehmen. Heute erleben wir eine Kultur, in der alles beliebig scheint und in Frage gestellt wird. Hier findet eine gro\u00dfe Verunsicherung und \u00dcberforderung statt, die es Jugendlichen schwermacht, ein positives Verh\u00e4ltnis zu ihrem eigenen K\u00f6rper zu finden. Der K\u00f6rper wird dann immer mehr zur Projektionsfl\u00e4che seelischer Probleme. Viele Jugendliche werden mit ihren negativen Emotionen nicht fertig, da kommen dann Dinge wie Selbstverletzungen durchs Ritzen ins Spiel oder Drogen. Auch Magersucht und Bulimie nehmen massiv zu. Und eben auch eine gro\u00dfe Verunsicherung, wie sie ihre M\u00e4nnlichkeit oder Weiblichkeit leben sollen. Allerdings muss man festhalten: Bei Kindern und Jugendlichen, die in ihrer Geschlechtlichkeit verunsichert sind, legt sich das in bis zu 95 Prozent von alleine bzw. findet eine Auss\u00f6hnung mit dem eigenen K\u00f6rper statt, wenn das eigentliche Problem dahinter behandelt wird.\u00a0Anstatt Kinder und Jugendliche auf einen Trans-Weg zu dr\u00e4ngen, sollte die Phase der psychologischen Betreuung m\u00f6glichst ausgedehnt werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Bioethik aktuell: Um welche Probleme handelt es sich da?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jugendliche, die eine Geschlechterdysphorie \u00e4u\u00dfern, weisen \u00fcberproportional h\u00e4ufig psychiatrische Begleitdiagnosen auf, selbstverletzendes Verhalten und Suizidversuche sind keine Seltenheit. Besonders bei den 13- bis 17-j\u00e4hrigen M\u00e4dchen hatten viele bereits Vordiagnosen von Angstst\u00f6rung, Depressionen, ADHS oder Autismus. Bei Kindern, die ihr Geschlecht in Frage stellten, liegt keineswegs zwingend eine Geschlechtsdysphorie zugrunde. H\u00e4ufig sind andere Ursachen, die mit normalen psychologischen Behandlungen behandelbar sind, im Spiel. Auch Frankreich reiht sich mittlerweile neben Schweden, Finnland und Gro\u00dfbritannien in die Reihe jener L\u00e4nder ein, die eine aggressive Transgender-Behandlung bei Kindern ablehnen. Das sind medizinische Experimente an Kindern und Jugendlichen, die f\u00fcr die Betroffenen lebenslange Folgen haben und nicht ausreichend wissenschaftlich abgesichert sind. Mittlerweile gibt es auch schon Klagen von Jugendlichen gegen Transgender-Kliniken, weil sie sich betrogen f\u00fchlen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Bioethik aktuell: Feministinnen wie Eva Engelken oder Alice Schwarzer kritisieren den Transgender-Boom als Angriff auf die Frauenrechte. Wie sch\u00e4tzen Sie das ein?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es findet eine innerfeministische Debatte statt. Dahinter stecken einige berechtige Fragen: Wenn wir die biologische Kategorie f\u00fcr obsolet erkl\u00e4ren, dann k\u00f6nnen wir auch keine Frauenpolitik mehr machen. Denn dann ist ja das Subjekt der Politik verschwunden, und wir wissen gar nicht mehr, ob wir es mit einem Mann oder mit einer Frau zu tun haben. Dann ist das Geschlecht nur noch eine Rolle, in die man schl\u00fcpft wie im Theater, oder wie ein Mantel, den man an- und auszieht, so als k\u00f6nnte man das Geschlecht einfach wechseln. Ein zweiter Punkt: Gen\u00fcgt es, dass ein Mann sagt, dass er sich als Frau \u201ef\u00fchlt\u201c, damit er amtlich als Frau eingetragen wird, wie das jetzt im deutschen Selbstbestimmungsgesetz vorgesehen ist? Ist Frau-Sein einfach ein Gef\u00fchl? Das hat ganz praktische Auswirkungen, etwa: Wer darf in die Frauensauna?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Interessant ist auch die Widerspr\u00fcchlichkeit. Man darf zwar amtlich sein gef\u00fchltes Geschlecht \u00fcber sein biologisches Geschlecht setzen, nicht aber sein gef\u00fchltes Alter \u00fcber sein biologisches. Ein 69-j\u00e4hriger Niederl\u00e4nder wollte das durchsetzen. Er sagte, dass er sich wie 49 f\u00fchle und deshalb sein Geburtsdatum ge\u00e4ndert werden soll. Das wurde aber nicht zugelassen. Man fragt sich: Warum eigentlich nicht, wenn das subjektive Gef\u00fchl die letzte Instanz ist, die \u00fcber die Biologie entscheiden soll?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Bioethik aktuell: Sie stehen f\u00fcr die Rechte von Frauen und sind gegen Diskriminierung. Warum stehen Sie dem Gender-Begriff trotzdem kritisch gegen\u00fcber?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Begriff \u201eGender\u201c kommt aus der Sprachwissenschaft und ist in den Sozialwissenschaften verankert. Gem\u00e4\u00df der sogenannten Gender-Theorie schafft erst eine radikale Ausl\u00f6schung des Geschlechtes eine gerechte und herrschaftsfreie Gesellschaft. Solange es Unterschiede \u2013 auch biologische \u2013 gibt, herrscht Ungleichheit und damit Ungerechtigkeit \u2013 also m\u00fcssen diese ausgel\u00f6scht werden, damit alle Menschen \u201agleich\u2018 sind. Das ist ein im Marxismus tief verankerter Gedanke, der nun kulturell aufschl\u00e4gt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Begriff orientiert sich auch einerseits an einem utopischen Gleichheitsideal und erkl\u00e4rt andererseits leibliche Vorgaben zur Kampfzone. Zahlreiche Feministinnen melden sich inzwischen auch kritisch zu Wort. Unter dem Begriff \u201eTransgender\u201c dringen M\u00e4nner, die sich weiblich f\u00fchlen und so leben wollen, zunehmend in die Schutzzonen der Frau ein \u2013 vom Sport bis zu Frauengef\u00e4ngnissen, so lautet die Kritik. Besorgniserregend ist aber vor allem die Verunsicherung, der sich Kinder und Jugendliche ausgesetzt f\u00fchlen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Bioethik aktuell: Aber geht es in der Genderdebatte nicht vor allem um die Gleichstellung von Mann und Frau und die Beseitigung von Diskriminierung?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Gender-Begriff liefert ein \u00fcberzogenes Ideal von Gleichheit, indem hier Frausein und Mannsein, M\u00e4nnlichkeit und Weiblichkeit komplett nivelliert und zur Disposition gestellt werden. Die Manipulation des eigenen K\u00f6rpers wird als Freiheitsgewinn proklamiert. Wir brauchen aber vielmehr eine Gleichberechtigung und Wertsch\u00e4tzung von Mann und Frau in ihrer Verschiedenheit. Gleichberechtigung und der Kampf gegen Diskriminierung ist eine kulturelle Aufgabe. Er klappt aber sicher nicht durch die Negation der Biologie. Das hat nichts mehr mit Wissenschaft zu tun.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Bioethik aktuell: Wie stellt sich die Medizin zu Genderfragen?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Begriff \u201eGendermedizin\u201c ist eigentlich ein Widerspruch in sich. \u201eGender\u201c steht im englischen f\u00fcr das grammatikalische, also sprachlich konstruierte Geschlecht, w\u00e4hrend \u201esex\u201c das biologische Geschlecht meint. Und genau diesen Unterschieden widmet sich ja die Gendermedizin. Die vielen daf\u00fcr geschaffenen Lehrst\u00fchle an den medizinischen Hochschulen befassen sich zum Beispiel mit den Unterschieden der Verl\u00e4ufe eines Herzinfarkts bei Mann und Frau, mit dem Problem, dass bei Medikamentenstudien bis heute zu wenige Frauen aufgenommen werden oder der Frage, ob wir nicht Knieprothesen f\u00fcr Frauen brauchen, die ihrem weiblichen Skelettbau angepasst sind: Wieso sollen Frauen immer ein m\u00e4nnliches Knie eingesetzt bekommen? Es geht also um die Unterschiede zwischen Mann und Frau. Die \u201eGender\u201c-Medizin m\u00fcsste richtigerweise \u201eSex\u201c-Medizin\u201c hei\u00dfen. Aber aus historischen Gr\u00fcnden ist mit diesem Begriff ja wieder etwas anderes gemeint.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Bioethik aktuell: Sie sagen, dass die Akzeptanz des Leibes als integralem Bestandteil der eigenen Identit\u00e4t wesentlich f\u00fcr die gesunde Entfaltung der eigenen Pers\u00f6nlichkeit ist. Wo stehen wir heute?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aus meiner Sicht haben wir es heute mit zwei Extremen zu tun: Einerseits beobachten wir einen aggressiven manipulativen und selbstzerst\u00f6rerischen Umgang mit dem K\u00f6rper, der auf eine Nivellierung oder scheinbare Beliebigkeit der Geschlechterdifferenzen hinausl\u00e4uft. Andererseits erleben wir zeitgleich einen extremen K\u00f6rperkult, der geradezu sexistisch ist. Die Sch\u00f6nheitschirurgie boomt, Frauen lassen sich ihre Lippen aufspritzen und ihre Br\u00fcste vergr\u00f6\u00dfern \u2013 sie wollen noch \u201emehr aussehen\u201c wie Frauen. Und M\u00e4nner nehmen Hormone und gesundheitssch\u00e4digende Anabolika, um strotzende Muskeln aufzubauen \u2013 nur um ihre M\u00e4nnlichkeit zu betonen. Da l\u00e4uft ja grundlegend etwas falsch. Sowohl K\u00f6rperkult als auch K\u00f6rperverachtung zeigt, dass unser Leibverst\u00e4ndnis verrutscht ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Bioethik aktuell: Was meinen Sie damit?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Menschen stehen in der heutigen Konsumgesellschaft zunehmend unter Druck, ihre Identit\u00e4t einzig \u00fcber ihren K\u00f6rper zu konstruieren. Ein perfektes Selbst verlangt in dieser Logik einen perfekten K\u00f6rper. Dieser pathogene, a-personale K\u00f6rperkult verschr\u00e4nkt sich mit einem \u00fcberspannten Autonomiebegriff, wonach der Mensch sich nur dort verwirklicht, wo er sich als autonomes Subjekt seinen K\u00f6rper \u201erational\u201c untertan macht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Autonomie hei\u00dft dann, leibliche Erfahrungen oder Begrenzungen zur\u00fcckzudr\u00e4ngen, sich vom Leib wegzuarbeiten oder ihn \u00fcberhaupt virtuell aufzul\u00f6sen. Das kartesianische Modell des K\u00f6rpers als Maschine hat viel Unheil gebracht. Diese Formen der Selbstmanipulation enden in einer Art Selbstausbeutung und Selbstentfremdung. Ein Menschenbild, das die Bezeichnung human verdient, nimmt hingegen den Menschen als Person in seiner leib-seelischen Ganzheit in den Blick.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die gro\u00dfe Herausforderung besteht meines Erachtens heute darin, die positive Rolle der Leiblichkeit in der individuellen, sozialen und kulturellen Entfaltung des Menschen neu zu entdecken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Das Gespr\u00e4ch mit Mag. Susanne Kummer f\u00fchrte Bioethik aktuell-Redakteur Rainer Klawki.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Mag. Susanne Kummer ist Direktorin des Instituts f\u00fcr Medizinische Anthropologie und Bioethik.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"https:\/\/www.imabe.org\/bioethik-aktuell\/archiv\/einzelansicht\/interview-des-monats-koerperkult-und-koerperverachtung-zeigen-dass-das-leibverstaendnis-verrutscht-ist\"><em>www.imabe.org<\/em><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gender und Transgender sind Begriffe, die inzwischen ihren Weg von der Sprachwissenschaft in die Realit\u00e4t gefunden haben. Es entsteht der Eindruck, dass man heute seine Identit\u00e4t vor allem \u00fcber den K\u00f6rper konstruieren muss, erkl\u00e4rt Ethikerin Susanne Kummer im IMABE-Interview. 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