{"id":20094,"date":"2023-06-23T08:23:11","date_gmt":"2023-06-23T06:23:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=20094"},"modified":"2023-06-23T08:25:36","modified_gmt":"2023-06-23T06:25:36","slug":"hermeneutik-ein-schluesselwort-fuer-den-glauben-teil-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=20094","title":{"rendered":"Hermeneutik \u2013 ein Schl\u00fcsselwort f\u00fcr den Glauben (Teil 2)"},"content":{"rendered":"<ol start=\"7\">\n<li><strong> Historisch-kritische Theologie und moderne Weltanschauung<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zu Recht sagt Troeltsch, historisch-kritisches Bewusstsein sei eine ganze Weltanschauung. Wer diesem Denken den kleinen Finger gebe, dem nehme es die ganze Hand. Man k\u00f6nne darum nicht zu 90% historisch-kritisch arbeiten, dann aber bei sensiblen Themen, wie z.B. der Auferstehung Jesu, diese Denkart vor\u00fcbergehend wieder ausblenden. Keiner hat das Problem der modernen historisch-kritischen Denkweise so tief durchschaut wie Ernst Troeltsch. Darum ruft er schon 1896 in eine erschrockene Gelehrten-Versammlung hinein: \u00abMeine Herren, es wackelt alles!\u00bb Wenn biblische Wissenschaft nur noch auf den Menschen bezogen ist, kann sie auch nur noch relative Ergebnisse hervorbringen. Jede Kirche und Kultur, die sich auf eine solche Hermeneutik bezieht, muss im Relativismus enden. Ganz \u00e4hnlich schreibt Gerhard Ebeling im 20. Jahrhundert: Die historisch-kritische Methode \u00abist eng verkoppelt mit dem Fortschritt der Wissenschaften und der Entwicklung der Philosophie\u00bb. Die historisch-kritische Methode erw\u00e4chst aus vier Wurzeln:<!--more--><\/p>\n<ol>\n<li>Aus dem neuzeitlichen Wissenschaftsbegriff;<\/li>\n<li>Aus der Naturwissenschaft des 19. Jahrhunderts<\/li>\n<li>Aus der modernen Geschichtsphilosophie<\/li>\n<li>Aus der Philosophie des Rationalismus<\/li>\n<\/ol>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>1. Wurzel: Der neuzeitliche Wissenschaftsbegriff<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die neuprotestantische Bibelkritik \u00fcbernimmt den modernen Wissenschaftsbegriff, der seine Gestalt und Auspr\u00e4gung durch die Aufkl\u00e4rung und das Weltbild des 19. Jahrhunderts erhalten hat. Demgem\u00e4ss ist unsere Welt ein immanentes (in sich geschlossenes) Ganzes. Alle Aussagen, die \u00fcber die erfahrbare Innerweltlichkeit, die uns umgibt, hinausgehen, gelten als unwissenschaftlich. Carl Friedrich von Weizs\u00e4cker bezeichnete den Glauben an die Wissenschaft als die \u00abbeherrschende Religion unserer Zeit\u00bb.<\/p>\n<p><em>2. Wurzel: Die Naturwissenschaft des 19. Jahrhundert<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ma\u00dfgebend f\u00fcr die historisch-kritische Theologie des Neuprotestantismus ist der langlebige Glaube an das kausal-mechanistische Weltbild der Naturwissenschaften im 19. Jahrhundert, das auch f\u00fcr die Entstehung des Marxismus und den Atheismus von gro\u00dfer Bedeutung war. F\u00fcr Gott oder Wunder gab es in dieser \u00abwissenschaftlichen\u00bb Weltanschauung keinen Platz mehr. Doch dieser Wissenschaftsbegriff samt seinem Weltbild wurde im 20. Jahrhundert durch die Naturwissenschaft selbst revidiert. Die Mikrophysik entzauberte das kausal-mechanische Weltbild. \u00abAlle Mauern, welche die \u00e4ltere Naturwissenschaft auf dem Weg zur Religion aufgerichtet hatte, sind heute nicht mehr da\u00bb (Pascual Jordan). Salomo betet vor 3000 Jahren im neu erbauten Tempel zu Jerusalem: \u00abDer Himmel und aller Himmel Himmel k\u00f6nnen dich nicht fassen, wie sollte es denn dieses Haus tun, das ich gebaut habe?!\u00bb (1. K\u00f6nige 8,27). Gottes Allgegenwart ist der alles erf\u00fcllende Raum, in den auch die relativen R\u00e4ume dieser Welt hineingenommen sind. Die Ordnungen der Welt sind keine kausal-deterministischen Naturnotwendigkeiten mehr, sondern pers\u00f6nliche Anordnungen seines allm\u00e4chtigen Willens, eine Art Bundesschluss Gottes mit den M\u00e4chten, die die Natur durchwalten (Karl Heim). Die Naturgesetze sind f\u00fcr die heutige Naturwissenschaft nicht mehr absolut determiniert, sondern \u00abweitmaschig genug, um \u00fcberall im feinsten Geschehen Spielr\u00e4ume offenzulassen, von denen bestimmende Einfl\u00fcsse auf das Grobgeschehen ausgehen\u00bb (P. Jordan). Damit hat die moderne Naturwissenschaft selbst die dogmatischen Grundlagen der historisch-kritischen Theologie zerst\u00f6rt. Die historisch-kritische Theologie will von dieser Revolution nichts wissen.<\/p>\n<p><em>3. Wurzel: Die moderne Geschichtsphilosophie<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die von Ernst Troeltsch und Gerhard Ebeling beschriebene historisch-kritische Geschichtswissenschaft ist Ausdruck einer modernen Geschichtsphilosophie, die im Gegensatz zum biblischen Denken steht. W\u00e4hrend \u00fcber 100 Jahren produzierten bibelkritische Theologen Dutzende von Phantomen historisch-kritischer \u2018Jesusse\u2019. Sie alle waren \u2013wie Albert Schweizer entdeckte -nichts weiter als Wunsch-Projektionen moderner Theologen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist kein Zufall, dass das naturalistisch gepr\u00e4gte historisch-kritische Denken nichts vom Inspirationscharakter der Bibel wissen will. Im Gegenteil, ganze Forscher-Generationen zeigen einen geradezu aggressiven Hang zur \u00abEnthistorisierung\u00bb der Bibel. Karl Barth h\u00f6hnte zu Recht: \u00abKritischer m\u00fcssten mir die Historisch-Kritischen sein!\u00bb Die biblischen Schriften verdienen in Bezug auf ihre geschichtliche Echtheit unser ganzes Vertrauen. Die Unechtheits-Erkl\u00e4rungen beziehen sich nicht auf solide Forschungsergebnisse, sondern beruhen auf vorgefassten Philosophien. Schon die ersten Bibelkritiker (die Gnostiker) kritisierten das Neue Testament aus ideologischen Gr\u00fcnden. Das ist bis heute nicht anders.<\/p>\n<p><em>4. Wurzel: Die Philosophie des Rationalismus<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir m\u00fcssen die Philosophie als solche von der Philosophie als System unterscheiden. Paulus oder Augustin kannten die philosophischen Systeme und die Denkweisen ihrer Zeit. Beide benutzten philosophische Begriffe und Sprachwendungen. Sie lie\u00dfen sich aber von keiner Philosophie gefangen nehmen. Philosophische Studien k\u00f6nnen auch heute unser Sprach-und Denkverm\u00f6gen sch\u00e4rfen und weiten. Paulus schreibt indes, er \u00abzerst\u00f6re alles Hohe, das sich gegen die Erkenntnis Gottes erhebt\u00bb und nehme \u00abgefangen alle Gedanken unter den Gehorsam Christi\u00bb (2. Korinther 10,5). Hohe geistige \u00abBollwerke\u00bb, die sich gegen Gott erheben, rei\u00dft er nieder. Aus den Tr\u00fcmmern von Einzel-Erkenntnissen macht er \u00abGefangene\u00bb und tauft sie in Christi Tod. So k\u00e4mpft er furchtlos f\u00fcr Christus. Darin wird uns Paulus zum Vorbild. Anders als Paulus \u00fcbernimmt die historisch-kritische Denkweise kritiklos und naiv das Mainstream-Denken der Neuzeit und landet mit ihrer \u00dcbersch\u00e4tzung des Menschen im Rationalismus. In den 1960er Jahren \u00fcbernimmt die so genannte Bultmann-Schule die Existenz-Philosophie von Martin Heidegger. Mit diesem damals trendigen Geist f\u00fcllt sie das geistige Vakuum, das die Bibelkritik in der evangelischen Kirche und Theologie hinterlassen hat. Nach der 68er Kulturrevolte der Neuen Linken jagt im Westen wellenartig eine ideologische Ersatzreligion die andere: Theologie der Revolution, Theologie nach dem Tode Gottes, Feministische Theologie, Gender-Theologie (Bibel in gender-gerechter Sprache). Die Bibelkritik der historisch-kritischen Theologie ist die Voraussetzung f\u00fcr das Einfluten stets neuer Ideologien in den Raum des westlichen Protestantismus. Denn die westlichen Kirchen mit ihrer zertr\u00fcmmerten Bibel verm\u00f6gen diesen Geistern nicht mehr zu widerstehen. Es geh\u00f6rt zu den Aufgaben jeder Generation, das Evangelium in Zeitr\u00e4ume mit ver\u00e4nderten Lebens-und Denkvoraussetzungen hineinzutragen. Dies kann allerdings nicht in plumper \u00dcbernahme von Zeitgeistpostulaten geschehen, die naiv als zeitgem\u00e4sses Evangelium ausgegeben werden. Wollen wir das biblische Evangelium verk\u00fcnden und nicht verraten, so geht die hermeneutische Kunst nicht ab ohne Kampf und \u00dcberwindung des Zeitgeists, denn der christliche Glaube kann niemals harmonische Vertr\u00e4ge mit dem Geist der Welt eingehen. Glaube bedeutet immer Kampf um \u00abWeg, Wahrheit und Leben\u00bb (Johannes 14,6). Denn \u00abunser Glaube ist der Sieg, der die Welt \u00fcberwindet\u00bb (1. Johannes 5,4).<\/p>\n<ol style=\"text-align: justify;\" start=\"8\">\n<li><strong> Hermeneutik des Neuprotestantismus: Die Evangelisten besser verstehen als sie sich selbst verstanden<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Berliner Theologe Friedrich Schleiermacher (1768-1834), oft ger\u00fchmt als der protestantische Kirchenvater des 19. Jahrhunderts, legte f\u00fcr beinahe 200 Jahre die Gleise f\u00fcr die neuprotestantische Hermeneutik im Gefolge der historisch-kritischen Theologie. Schleiermacher unterscheidet zwei Ebenen der biblischen Textauslegung: 1. Die sprachlich-historische Auslegung; 2. Die psychologische Interpretation. Ist ein Exeget sprachlich und historisch-kritisch zum wissenschaftlich gereinigten \u00abUrgestein\u00bb der Bibel vorgesto\u00dfen, so muss er sich psychologisch in die geschichtliche Epoche sowie in das Bewusstsein und die Lebenssituation des biblischen Autors oder Redaktors einleben. Durch diese Psycho-Kunst, genannt \u00abDivination\u00bb, glaubt Schleiermacher romantisch-optimistisch, den \u00abgarstigen Graben\u00bb von 2000 Jahren zwischen ihm und den neutestamentlichen Verfassern \u00fcberwinden zu k\u00f6nnen. Bis zum Ersten Weltkrieg und weit dar\u00fcber hinaus wird Schleiermachers moderne Hermeneutik zur Grundlage nicht nur f\u00fcr die bibelkritische Theologie, sondern f\u00fcr alle historischen Geisteswissenschaften.<\/p>\n<ol style=\"text-align: justify;\" start=\"9\">\n<li><strong> Von der Gefahr, die Bibel zum Schweigen zu bringen<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Brustton der \u00dcberzeugung fragen Schleiermacher und seine Sch\u00fcler nicht, ob sie mit ihrer Methode den biblischen Texten \u00fcberhaupt gerecht werden. In den biblischen Schriften selbst stehen die Autoren alles andere als im Vordergrund. Im Gegenteil: Die Evangelisten und Apostel bezeugen nicht sich selbst, sondern Jesus als den Retter und Herrn, damit die Leser zum Glauben kommen. Von ihnen selbst ist ganz abzusehen (Lukas 17,10; Johannes 20,31; R\u00f6mer 15,18). Paulus schreibt ausdr\u00fccklich: \u00abWir verk\u00fcndigen nicht uns selbst, sondern Jesus Christus, dass er sei der Herr\u00bb (2. Korinther 4,5). Auch \u00fcber ihre Entstehung machen die neutestamentlichen Schriften, abgesehen von Lukas 1,1-4 am Rande, kaum Bemerkungen, was freilich nicht hei\u00dft, dass ihnen die Fakten-Basierung gleichg\u00fcltig ist. Denn \u00abist Christus nicht auferstanden, so ist unsere Predigt vergeblich, so ist auch euer Glaube vergeblich\u00bb (1. Korinther 15,14). Da Jesu Leben und die neutestamentliche Offenbarung sich in der j\u00fcdischen, r\u00f6mischen und hellenistischen Zeitgeschichte des 1. Jahrhunderts ereignen, ist es richtig, auch dieses geschichtliche Umfeld in die Betrachtung des Neuen Testaments miteinzubeziehen. Entscheidend ist indes auch hier die biblische Blickrichtung! Die Umwelt der biblischen Schriften hat in sich selbst kein Licht. Im Licht der biblischen Heilsgeschichte kann sie aber zum bereichernden Reflektor der biblischen Botschaft werden. Die Heilsgeschichte selbst ist \u00abdie eigentliche Geschichte, in der alle andere Geschichte beschlossen ist\u00bb (Iren\u00e4us, K. Barth). Der ganze Inhalt des Evangeliums ist Gottes heiliger Ruf und seine Gnadenwahl. Davon singt die Weihnachtsgemeinde \u00abhoch erfreut\u00bb im Himmel und auf Erden. Alle \u00fcbrige (Religions-)Geschichte kann das Licht der Gottesgeschichte nur reflektieren. Im Neuen Testament erf\u00fcllen sich nicht nur die alttestamentlichen Verhei\u00dfungen. Durch Jesu Geburt, Tod und Auferstehung kommt es zum Gericht und zur Erf\u00fcllung auch der j\u00fcdischen Apokalyptik sowie allen Sehnens und Ahnens der V\u00f6lker-Mythologie. Christi wundersame Geburt, sein S\u00fchnetod am Kreuz und seine leibliche Auferstehung zur \u00aberf\u00fcllten Zeit\u00bb bewirken eine sieggekr\u00f6nte Verh\u00e4ltnisbestimmung von Mythos und Offenbarung. Gott f\u00fchrt die zielgerade Linie seiner Heilsgeschichte mitten durch das Herz des zeitlosen zyklischen Denkens von Chaos und Sch\u00f6pfung, Tod und Leben, Schuld und S\u00fchne. \u00abChristus starb am Kreuz und erstand aus dem Grabe im Schatten des r\u00f6mischen Imperiums, als die Glut des asiatischen und europ\u00e4ischen Sehnens und Ahnens im Hellenismus und Judentum auf dem Siedepunkt angekommen war\u00bb (Hellmuth Frey).In Jesus Christus finden Wort, Geist und Geschichte ihren von Gott geordneten Zusammenhang. Demgem\u00e4\u00df empfangen Biblische Hermeneutik und Weltauslegung ihr Ma\u00df im Geheimnis von Gottes Fleischwerdung in Jesus Christus. Die biblischen Schriften wollen anreden, sie wollen nachgesprochen und ausgelegt werden. Wer dagegen die Heilige Schrift nur noch durch das Wahrnehmungssieb der Vernunft, der Kultur, des Feminismus oder der Gender-Thematik presst, b\u00fcrstet die Bibel gegen den Strich. Kein Wunder, dass wir sie dadurch zum Schweigen bringen und nur noch unsere eigenen relativen Stimmen vernehmen. Schon der junge Dietrich Bonhoeffer formulierte scharf und pr\u00e4zis, die historische Kritik bringe eine \u00abvollkommene Zertr\u00fcmmerung der Texte\u00bb; sie verlasse \u00abden Kampfplatz, Schutt und Splitter hinterlassend\u00bb, der ganze Bibel-Kanon werde \u00absinnlos\u00bb, und \u00abdie Person Jesu selbst nicht nur der g\u00f6ttlichen, sondern auch der menschlichen Hoheit entkleidet\u00bb. Mit der Hermeneutik der Reformatoren w\u00e4re es nicht zu dieser Verirrung gekommen. Das ganze Fiasko von 200 Jahren historisch-kritischer Hermeneutik seit Schleiermacher zeigt sich heute in unseren sterbenden Kirchen.<\/p>\n<ol style=\"text-align: justify;\" start=\"10\">\n<li><strong> Gadamers Hermeneutik des Einverst\u00e4ndnisses: anerkennen, was ist, statt was sein sollte oder m\u00f6chte&#8230;<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hans Georg Gadamer (1900-2002), einer der prominentesten Philosophen des 20. Jahrhunderts, begr\u00fcndete gegen\u00fcber der bibelkritischen Hermeneutik von Schleiermacher seine weltber\u00fchmte philosophische Hermeneutik des Verstehens (Wahrheit und Methode, 1960). Angesicht der Dominanz des naturwissenschaftlichen Denkens fragt er nach einer Theorie der Geisteswissenschaft. Gadamer entwickelt keine neue Methode, aber eine grundlegende Neufundierung der Hermeneutik. Er beschreibt die Bedingungen, unter denen Verstehen geschieht. Wer einen Text verstehen will, muss seine Vorurteile m\u00f6glichst zur\u00fcckstellen und bereit sein, sich vom Text etwas sagen zu lassen. Ein Gespr\u00e4ch f\u00fchren hei\u00dft \u00absich unter die F\u00fchrung der Sache zu stellen\u00bb. Gute Auslegung muss sich auf die Sache selbst richten. Der evangelische Gadamer versteht sein Denken ausdr\u00fccklich in der Tradition der christlichen Inkarnation von Johannes 1 und der Theologie von Martin Luther. Ja, er sieht eine Analogie zwischen \u00abdem Prozess der g\u00f6ttlichen Personen und dem Prozess des Denkens\u00bb. Das Wort entsteht sozusagen sakramental: In, mit und durch das Geschehen von Wort und Sprache kommt die Wirklichkeit (das Sein, die Transzendenz) in die Immanenz. Das gebildete Wort ist zwar das Produkt menschlicher Geistesarbeit, aber es ist nicht auf die eigene Denk- und Geistesarbeit ausgerichtet wie beim Spiritualismus Schleiermachers, sondern auf die Sache, die es ausdr\u00fccken will. Der Ausgangspunkt der Wortbildung ist der Sachgehalt selbst, der den Geist erf\u00fcllt. Das Denken, das im Wort seinen Ausdruck sucht, ist auf die Sache, nicht auf den (subjektiven) Geist bezogen. Darum ist das Wort nicht Ausdruck des reflexiven Geistes, nicht Funktion von Ich, Du, Er oder Sie, sondern Spiegel und Abbild der Sache. Im Wort vollendet sich die Sache. Damit ist das Wort (Logos) aus der (subjektiv-autonomen) Spiritualit\u00e4t befreit. Der moderne, durch Kant und Schleiermacher er\u00f6ffnete Graben zwischen dem Ich und der Sache ist damit aufgehoben. Die Bibelkritiker des Neuprotestantismus wie auch die Kultur der Neuen Linken (Habermas) k\u00f6nnen und wollen mit der Hermeneutik Gadamers nichts anfangen. Nach wie vor halten sie ihre aggressive historisch-kritische Methode f\u00fcr das wissenschaftliche Nonplusultra. Gadamers Hermeneutik des Einverst\u00e4ndnisses mit den Texten steht im Gegensatz zu ihrer Hermeneutik des kritischen Verdachts. Der egozentrische Spiritualismus von Kant und Schleiermacher trennt zwischen Wort und Sache wie zwischen Seele und Leib. Die biblische Christologie wie auch das christlich-abendl\u00e4ndische Denken dagegen haben im Zentrum die Inkarnation, das hei\u00dft, der Geist gelangt zur Vollendung erst, indem er Fleisch wird (Johannes 1,14). Damit ist das Wort (Logos) aus dem Reich der nackten Spiritualit\u00e4t befreit. Wort und Sprache sind kein Puppenspiel. Worte sind mehr als nur Namen, \u00e4u\u00dfere Zeichen oder Schall und Rauch. Sprache ist mehr als ein Zeichensystem. Wort und Sache bilden eine innige Einheit. Worte sind Teil der Sache selbst; Texte wollen nicht als Lebensausdruck der Subjektivit\u00e4t des Verfassers verstanden werden. Auf dieser Linie steht auch das dreib\u00e4ndige Jesus-Buch von Benedikt XVI. Gadamer weist ausdr\u00fccklich darauf hin, dass seine philosophische Hermeneutik (und Metaphysik) eine innere Verwandtschaft zum Johannesevangelium sowie zu Martin Luther aufweist. Auch die Reformatoren haben mit den christlichen Kirchen aller Jahrhunderte die Bibel als Gottes heiliges Wort in ihrer Mitte verehrt, \u00fcberliefert und bewahrt. Johannes Calvin schreibt: \u00abIn der Heiligen Schrift sehen wir Gott selbst gegenw\u00e4rtig vor uns stehen\u00bb. Erst das sogenannt \u00abrein sachliche\u00bb (technische) Denken der Aufkl\u00e4rung mit seiner Trennung von Subjekt und Objekt hat den vielgenannten \u00abgarstigen Graben\u00bb zu den Texten der Heiligen Schrift erzeugt. Im biblischen Denken ist dieser Graben ausgef\u00fcllt und \u00fcberbr\u00fcckt durch die Gegenwart des auferstandenen Herrn Jesus Christus. Bleibt das Wort verh\u00fcllt, so f\u00fchrt uns Gott durch die Anfechtung, doch diese \u00ablehrt aufs Wort merken\u00bb. Das Schriftwort selbst versteht sich als geistgehauchtes, lebendiges Wort. Biblische Hermeneutik achtet deshalb auf das \u00abTun des Wortes selbst\u00bb. Wir lesen als H\u00f6rende, Vorurteile und Denkgewohnheiten Hinterfragende, Zur\u00fcckstellende, vom Wort Ber\u00fchrte, in Gang Gesetzte und Nach-Denkende (Psalm 1,1-2).<\/p>\n<ol style=\"text-align: justify;\" start=\"11\">\n<li><strong> Hermeneutik der Postmoderne<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seit dem letzten Viertel des 20. Jahrhunderts macht sich im Westen ein postmodernes Denken und Lebensgef\u00fchl breit. Postmoderne Kultur schafft nichts Neues. Sie spielt mit literarischen, religi\u00f6sen und kulturellen Texten, ohne sich festzulegen. Postmodernes Denken und Empfinden ist ein pluralistisches Biotop von Stilen, Formen, Themen und Motiven. Postmoderne Subjektivit\u00e4t sucht \u00fcberall prinzipielle Offenheit, Vielfalt und abgehobene Beliebigkeit. Jeder und jede sind auf ihre Weise ok. Umso heftiger wehrt sich der postmoderne Geist gegen jede faktenbasierte Kultur oder eine Festschreibung von klaren Bekenntnissen. Der postmoderne Mensch l\u00e4sst gerne vieles in der Schwebe. Postmoderne Pluralit\u00e4t bewegt sich in einer vielschichtigen Welt am Rand des Nihilismus, ohne Sinn, Leitgedanken oder feste \u00dcberzeugungen. Ihr spielerischer Umgang mit Sprache und Texten bis hin zum Rand ihrer Aufl\u00f6sung entspricht einer Welt ohne objektive Wahrheit, klare Identit\u00e4t und Ansage. Im postmodernen Kontext Westeuropas droht der christliche Glaube seine Substanz, sein Profil und seine Konturen vollends zu verlieren. Zwar spricht man in postmodernen christlichen Milieus durchaus noch von Gott, von Jesus Christus, von Liebe, Vers\u00f6hnung, Bibel und christlichem Leben. Doch alle diese Worte sind nun nicht mehr biblisch-heilsgeschichtlich faktenbasiert; vielmehr sind sie labil und schillernd gehalten und ihres biblischen Gehaltes mehr oder weniger entleert. Man redet vielleicht noch vom Kreuz, aber man meint nicht das Kreuz Christi des Jahres 30 in seiner s\u00fcndenvergebenden Heilsbedeutung, sondern das Kreuz als Begebenheit im menschlichen Leben. Oder man spricht von Jesus Christus, dabei freuen sich alle \u00fcber den Reichtum, dass jeder unter dieser sensiblen Chiffre etwas anderes versteht. Alle sind untereinander ok. Gerade die Pluralit\u00e4t der Meinungen und die Unsch\u00e4rfen der Sprache werden rundum als herrschaftsfreie Bereicherung empfunden. Niemand hat im postmodernen Biotop das Recht zu sagen: \u00abSo ist es\u00bb oder \u00abJesus Christus ist der Weg, die Wahrheit und das Leben, niemand kommt zum Vater au\u00dfer durch ihn\u00bb (Johannes 14,6). Das Apostolische Glaubensbekenntnis wird in diesem Umfeld zur polarisierenden St\u00f6rung. Damit zerflie\u00dft der biblische Glaube \u2013wie einst in der Gnosis -in tausend laue Facetten und ber\u00fchrende Empfindungen. Die urspr\u00fcngliche Toleranz, einst verstanden als Tugend, sich bei unterschiedlichen Glaubensansichten in Liebe zu ertragen, wird obsolet, weil im postmodernen Kontext bewusst alle Ecken, Profile, Konturen und Kanten abgeschliffen sind. Ein Glaube und eine Kirche, die sich den postmodernen Idealen hingeben, handeln vielleicht edelsinnig und scheinbar empathisch-r\u00fccksichtsvoll, doch sie verlieren sich im Schwammig-Nebelhaften. Sie werden unerkennbar und unlesbar und m\u00fcssen schlie\u00dflich sterben. Im Vergleich zur biblischen Hermeneutik, die offen und herausfordernd f\u00fcr Klarheit des Inhalts und der Sprache steht, wirkt postmoderne Hermeneutik wie eine babylonische Sprachverwirrung. Der apostolische Glaube wurde \u00abden Heiligen einmal \u00fcbergeben\u00bb (Judasbrief 1,3). Der westlichen Verluderung des Glaubens k\u00f6nnen unsere Gemeinden entgehen, indem sie sich wie zur Zeit der Gnosis im Gottesdienst wieder offen zur Richtschnur des Apostolikums bekennen. Nat\u00fcrlich werden sie dabei die postmodernen G\u00f6tter reizen. Doch \u00abder \u00fcber dem Kreis der Erde sitzt, macht F\u00fcrsten zunichte und Richter auf Erden zu Staub &#8230; Die aber auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Fl\u00fcgeln wie Adler\u00bb (Jesaja 40,22.23.31).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Pura\/Tessin, Februar 2023<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: Bibel und Bekenntnis Schweiz<br \/>\nwww.bibelundbekenntnis.ch<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Zum Autor: Armin Sierszyn ist emeritierter reformierter Pfarrer. Er war Professor f\u00fcr Kirchengeschichte und Praktische Theologie an der STH Basel. Zur Vertiefung empfehlen wir seine Studie: Christologische Hermeneutik, LIT Z\u00fcrich 2010.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Historisch-kritische Theologie und moderne Weltanschauung Zu Recht sagt Troeltsch, historisch-kritisches Bewusstsein sei eine ganze Weltanschauung. Wer diesem Denken den kleinen Finger gebe, dem nehme es die ganze Hand. Man k\u00f6nne darum nicht zu 90% historisch-kritisch arbeiten, dann aber bei sensiblen Themen, wie z.B. der Auferstehung Jesu, diese Denkart vor\u00fcbergehend wieder ausblenden. Keiner hat das Problem [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":728,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[11,4],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/20094"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/728"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=20094"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/20094\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":20096,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/20094\/revisions\/20096"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=20094"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=20094"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=20094"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}