{"id":20092,"date":"2023-06-21T16:55:40","date_gmt":"2023-06-21T14:55:40","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=20092"},"modified":"2023-06-30T10:14:59","modified_gmt":"2023-06-30T08:14:59","slug":"hermeneutik-ein-schluesselwort-fuer-den-glauben-teil-1","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=20092","title":{"rendered":"Hermeneutik &#8211; ein Schl\u00fcsselwort f\u00fcr den Glauben (Teil 1)"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Hermeneutik \u2013 ein Schl\u00fcsselwort f\u00fcr den Glauben (Teil 1)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Hermeneutik hat ihre Wurzeln in der Antike. Ihr Name leitet sich ab von Hermes, dem griechischen G\u00f6tterboten, der zwischen den G\u00f6ttern und Menschen vermittelte. Hermeneutik ist die Lehre vom Verstehen und Auslegen von Texten. Konkret besch\u00e4ftigt sich die Hermeneutik mit der Auslegung von Texten in Theologie, Geschichtswissenschaft, Rechtswissenschaft oder Literaturwissenschaft. In Apostelgeschichte 8,26ff fragt Philippus den Schatzmeister von \u00c4thiopien: \u00abVerstehst du auch, was du liest\u00bb? Dann legt er ihm die Schrift aus. Der Schatzmeister wird gl\u00e4ubig und l\u00e4sst sich taufen.<!--more--><\/p>\n<ol style=\"text-align: justify;\">\n<li><strong> Und Gott sprach&#8230;<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es liegt auf der Hand, dass Hermeneutik im Raum der christlichen Theologie und Kirche eine Schl\u00fcsselstellung einnimmt. Denn der christliche Glaube wie auch die Kirche stehen und fallen mit dem Wort des lebendigen Gottes. Die Bibel sagt: \u00abIm Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort\u00bb (Johannes 1,1). Durch sein Wort schuf Gott den Himmel und die Erde (1. Mose 1,1ff; Johannes 1,3). Gottes Wort wurde in Jesus Christus \u00abFleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit\u00bb (Johannes 1,14).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Demgem\u00e4\u00df bezeugt Petrus: \u00abWir sind nicht klugen Fabeln gefolgt, als wir euch kundgetan haben die Kraft und Zukunft unseres Herrn Jesus Christus, sondern wir haben seine Herrlichkeit selber gesehen\u00bb (2. Petrus 1,16). Ganz \u00e4hnlich schreibt Johannes: \u00abWas von Anfang an da war, was wir geh\u00f6rt, was wir mit unseren (eigenen) Augen gesehen, was wir beschaut und unsere H\u00e4nde betastet haben, (n\u00e4mlich) vom Wort des Lebens &#8230; und wir haben (es) gesehen und verk\u00fcndigen euch das ewige Leben, das beim Vater war&#8230;\u00bb (1. Johannesbrief 1,1f). Der Gott der Bibel spricht nicht durch vieldeutige Ger\u00e4usche hoch oben im \u00c4ther. Er offenbart sich durch seinen Sohn in der Tiefe von Israels Fleisch -in einem Stall zu Bethlehem und an einem r\u00f6mischen Kreuz auf Golgatha bei Jerusalem. Demgem\u00e4\u00df schreibt der Apostel: \u00abDas Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verlorengehen, uns aber, die wir gerettet werden, ist es eine Gotteskraft. Denn es steht geschrieben: \u2018Ich will zunichte machen die Weisheit der Weisen, und den Verstand der Verst\u00e4ndigen will ich verwerfen\u2019 &#8230; Weil die Welt durch ihre Weisheit Gott in seiner Weisheit nicht erkannte, gefiel es Gott wohl, durch t\u00f6richte Predigt zu retten, die daran glauben\u00bb (1. Korinther 1,18ff; Spr\u00fcche 21,30; Jesaja 55,9). Jesus selbst best\u00e4tigt: \u00abDie Schrift kann doch nicht gebrochen werden\u00bb (Johannes 10,35). Auch Paulus schreibt: \u00abIch glaube allem, was geschrieben steht&#8230;\u00bb (Apostelgeschichte 24,14).<\/p>\n<ol style=\"text-align: justify;\" start=\"2\">\n<li><strong> Jesus \u00f6ffnet das Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Bibel <\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als der auferstandene Christus kurz vor der Himmelfahrt seinen J\u00fcngern erscheint und sie zur Verk\u00fcndigung bis an die Enden der Erde beauftragt, erkl\u00e4rt er ihnen die Schriften des Alten Testaments: \u00abDa \u00f6ffnete er ihnen das Verst\u00e4ndnis, dass sie die Schrift verstanden\u00bb (Lukas 24,45). Biblische Hermeneutik geschieht, wenn Christus selbst durch den Heiligen Geist seiner Gemeinde die Augen \u00f6ffnet f\u00fcr die Wunder seines Wortes. Jesus Christus selbst ist das Wort Gottes in seiner Urgestalt (Johannes 1,1). ER ist Ursprung, Mitte, Ziel und Herr der Heiligen Schrift. Den Zugang zum Verst\u00e4ndnis des Schriftwortes vermittelt der Heilige Geist, denn die Schrift ist durch Gottes Geist eingegeben (2. Timotheus 3,16). In dem Ma\u00df, wie wir Christus durch die Schrift erkennen (bzw. von ihm erkannt werden), werden unsere Augen und Ohren f\u00e4hig, die Worte der Bibel, entsprechend ihrem Ort in der g\u00f6ttlichen Heilsgeschichte, zu erforschen und zu verstehen.<\/p>\n<ol style=\"text-align: justify;\" start=\"3\">\n<li><strong> Die Krise der Gnosis <\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit der biblischen Christus-Verk\u00fcndigung haben die ersten Zeugen Scharen von Heiden bekehrt. Schon im 2. Jahrhundert wurden sie aber auch herausgefordert, sich gegen die Irrlehre der GNOSIS zu wenden, die das Evangelium in abgehobene Visionen und trendige Philosophien verdrehte (vgl. schon 1. Timotheus 6,20). Allen voran Bischof Iren\u00e4us von Lyon (ca.115-202) wehrt sich damals entschieden gegen die Umformung des Evangeliums in eine philosophische Geist- und Erlebnisfr\u00f6mmigkeit wider das Alte Testament. Iren\u00e4us, der den ganzen Mittelmeerraum kennt und in jungen Jahren in Ephesus noch den Johannessch\u00fcler Polykarp geh\u00f6rt hat, bezeugt der Christenheit im 2. Jahrhundert das klare biblische Evangelium wie es in allen Hauptgemeinden (Rom, Korinth, Ephesus usw.) \u00fcberliefert wird (Iren\u00e4us, Gegen die H\u00e4resien, ca. 180). Tr\u00e4umerische, rausch- und fantasievolle Zeitgeistideologien der Gnosis werben damals allenthalben f\u00fcr eine h\u00f6here, erlebnishafte Form des Christentums. Im Sinne eines ekstatischen Neuplatonismus lehren Gnostiker einen feinsinnigen Geist-Christus. Sie verwerfen den Sch\u00f6pfergott des Alten Testaments und Gottes Menschwerdung, aber auch Jesu S\u00fchnetod am Kreuz und seine leibhafte Auferstehung. Dadurch wird schon die fr\u00fche Kirche herausgefordert, das biblische Evangelium von schillernder Irrlehre abzugrenzen. In diesem Kampf der fr\u00fchen Gemeinde um die Wahrheit des Glaubens entsteht bereits im 2. Jahrhundert in der r\u00f6mischen Gemeinde die Urform unseres Apostolischen Glaubensbekenntnisses1: Gott ist der allm\u00e4chtige Sch\u00f6pfer des Himmels und der Erde; Jesus wurde gekreuzigt, gestorben und begraben; am Ende der Zeit wird er kommen zum Gericht und zur \u00abAuferstehung des Fleisches\u00bb. Diese so genannte \u00abRegel der Wahrheit\u00bb wurde in der Alten Kirche zur \u00abRichtschnur\u00bb der Hermeneutik. Durch ihr treues Zeugnis des biblischen Evangeliums \u00abmit Herzen, Mund und H\u00e4nden\u00bb hat die verfolgte Kirche das Heidentum des R\u00f6merreichs \u00fcberwunden.<\/p>\n<ol style=\"text-align: justify;\" start=\"4\">\n<li><strong> Augustin: Erst die Sachen, dann die Zeichen<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kurz vor dem Untergang des westr\u00f6mischen Reichs fasst der gro\u00dfe Kirchenlehrer Augustin (354-430) in seinem ber\u00fchmten Werk \u00abDe doctrina christiana\u00bb die altkirchliche Hermeneutik in vorbildlicher Pr\u00e4gung zusammen. Auch f\u00fcr ihn ist die \u00abRegel der Wahrheit\u00bb ma\u00dfgebend. Sein Leitwort lautet: \u00abErst die Sachen, dann die Zeichen\u00bb! An die erste Stelle geh\u00f6rt immer die faktenbasierte biblische Geschichte des Heils, denn der Glaube ger\u00e4t ins Wanken, wenn das Ansehen der Heiligen Schrift leidet! Augustins geistige Herkunft, seine Sprache und die Wurzeln seines Denkens sind durch die Philosophie des Neuplatonismus gepr\u00e4gt. Doch genauso wie die gro\u00dfen V\u00e4ter der Ostkirche (z. B. Athanasius) weist Augustin der neuplatonischen Philosophie und Sprache eine dienende Funktion zu. Schon Paulus mahnte: \u00abH\u00fctet euch, dass euch niemand einfange durch Philosophie und leeren Trug, gegr\u00fcndet auf die Lehre von Menschen und auf die M\u00e4chte der Welt\u00bb, denn in Christus \u00abliegen verborgen alle Sch\u00e4tze der Weisheit und der Erkenntnis\u00bb (Kolosser 2,8 und 2,3). Demgem\u00e4\u00df entwirft Augustins umfassender Geist im Gewand des Neuplatonismus eine umfassende systematische Theologie am Vorabend des Mittelalters. Seine Sprache, Worte und Zeichen sind in Christi Tod getauft. Damit stehen sie in einem neuen Herrschaftsverh\u00e4ltnis. So wird Augustin mehr als tausend Jahre sp\u00e4ter zum Lehrer der Reformatoren.<\/p>\n<ol style=\"text-align: justify;\" start=\"5\">\n<li><strong> Reformation: Nach dem Wortlaut der Schrift \u2013nicht mit vorgefasster Meinung<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Reformatoren, allen voran Luther, Zwingli und Calvin, fordern eine radikale R\u00fcckbesinnung der Kirche auf den Wortlaut der Heiligen Schrift. Die Exegese (Auslegung) soll schriftgebunden und frei von subjektiver Willk\u00fcr sein. Martin Luther betont, dass der Schl\u00fcssel zum Verst\u00e4ndnis der Bibel in ihr selbst angelegt sei. \u00abScriptura sui ipsius interpres\u00bb: die Schrift legt sich selbst aus. Jeder Christenmensch und jede christliche Gemeinde hat die Gabe, die Schrift auszulegen und zu verstehen; sie brauchen dazu weder Papst noch Bisch\u00f6fe: \u00abSola Scriptura\u00bb, allein die Schrift! Dabei soll man der Bibel nicht mit einer vorgefassten Meinung begegnen, sondern auf ihren eigenen Wortlaut achten. Die Schriftauslegung darf die Bibel nicht daran hindern, ihre eigene Sache zu sagen, da sonst der Ausleger dem Wort der Bibel ins Wort f\u00e4llt. Luther sagt: \u00abAlso ist die Schrift selbst ihr ein eigen Licht\u00bb (Predigt 1522).<\/p>\n<ol style=\"text-align: justify;\" start=\"6\">\n<li><strong> Moderne Weltanschauung: Hermeneutik mit aggressivem Eroberungstrieb <\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrend 1700 Jahren hat die Christenheit die Bibel gelesen mit dem Gebet: \u00abHerr rede, dein Knecht\/deine Magd h\u00f6rt\u00bb. Dies \u00e4ndert sich im Zug der Neuzeit, vor allem im Zeitalter der Aufkl\u00e4rung (frz. les lumi\u00e8res!) im 18. Jahrhundert. Der aufgekl\u00e4rte Mensch tritt in stolzer \u00dcberheblichkeit und mit einem aggressiven Eroberungstrieb an die Heilige Schrift heran. Die Bibel versteht er lediglich als ein altes Literaturprodukt des Vorderen Orients. Die Lichtquelle f\u00fcr seine Forschung erkennt er nicht mehr in der Heiligen Schrift, sondern in sich selbst. Der aufgekl\u00e4rte Mensch gibt sich selbst das Gesetz. Er lebt und handelt autonom. Weil er die Bibel nicht mehr in der Gegenwart des auferstandenen Christus liest, klafft zwischen ihm und dem Neuen Testament nun pl\u00f6tzlich ein \u00abgarstiger Graben\u00bb von beinah 2000 Jahren. Demgem\u00e4\u00df versucht er, die alte Bibel mit s\u00e4kularen wissenschaftlichen Methoden in die Gegenwart zu holen. An den deutschen Universit\u00e4ten in Halle und T\u00fcbingen entwickeln die Theologieprofessoren Johann Salomo Semler (1725-1791) und Ferdinand Christian Baur (1792-1860) die sogenannte historisch-kritische Methode. Semler und Baur gelten als die V\u00e4ter der Liberalen Theologie. Diese Art von Bibelforschung versteht sich im deutschsprachigen Raum bis heute weitgehend und beinah ausschlie\u00dflich als die einzige wissenschaftliche Art evangelischer Theologie. Der liberale Systematiker Ernst Troeltsch (1865-1923) formuliert um 1900 drei \u00abunumst\u00f6ssliche\u00bb Grunds\u00e4tze historischer Kritik: 1.Kritik: Jedes \u00fcberlieferte Ereignis kann nur dann historische Faktizit\u00e4t beanspruchen, wenn es dem kritischen Blick eines aufgekl\u00e4rten Menschen standh\u00e4lt. 2. Analogie: Jedes Ereignis kann nur dann historische Wahrheit beanspruchen, wenn irgendwo im weiten Fluss der Geschichte ein gleiches oder \u00e4hnliches Faktum aufscheint. Die Auferstehung eines Toten zum Beispiel z\u00e4hlt nicht dazu. Darum ist sie kein historisches, sondern ein mythologisches Ereignis. Troeltsch bezeichnet das Prinzip der Analogie als zentral und \u00aballm\u00e4chtig\u00bb. 3. Korrelation: Die Geschichte ist ein Fluss. Jedes kleinste Ding, das sich bewegt, wird durch tausend andere Teilchen mitbewegt und mitbedingt, d. h. es steht zum \u00fcbrigen innerweltlichen und nat\u00fcrlichen Geschichtsverlauf in einem kausal-mechanischen Zusammenhang. Damit erweisen sich die meisten biblische Wunder als unhistorisch. Was bei dieser Art von Bibelauslegung \u00fcbrigbleibt, ist ein Tr\u00fcmmerfeld legend\u00e4rer Erz\u00e4hlungen. Die Weihnachtsgeschichte wird zur frommen Legende, Jesu S\u00fchnopfer am Kreuz bleibt \u00fcbrig als \u00abprimitive Mythologie\u00bb, die Speisung Jesu von 5000 Menschen ist eine nette Symbolgeschichte usw. Die Verk\u00fcndigung der christlichen Kirche wird zu einem Sammelsurium von Mythologien, der christliche Glaube zu einer Religion unter Religionen. Zu Jesus beten verliert jeden Sinn und alle Bedeutung.<\/p>\n<p><em>Vortrag, gehalten in Pura\/Tessin im Februar 2023 (Teil 1)<\/em><br \/>\n<em>Quelle: Netzwerk Bibel und Bekenntnis Schweiz<\/em><br \/>\n<em>www.bibelundbekenntnis.ch<\/em><\/p>\n<p>_______________<\/p>\n<p><a>[1]<\/a>\u00a0Volltext im Evangelisch-reformierten Gesangbuch der Schweiz: Nr. 263.<\/p>\n<p><a>[2]<\/a>\u00a0Anmerkung J\u00fcrg Buchegger: \u00abWie Luther hielten sich die anderen Reformatoren (Zwingli, Bullinger, Calvin) bei der Schriftauslegung gegen jeden Subjektivismus an die \u00abRegel der Wahrheit\u00bb, \u00abregula fidei\u00bb, die Bekenntnisse der Kirche.\u00bb<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hermeneutik \u2013 ein Schl\u00fcsselwort f\u00fcr den Glauben (Teil 1) Die Hermeneutik hat ihre Wurzeln in der Antike. Ihr Name leitet sich ab von Hermes, dem griechischen G\u00f6tterboten, der zwischen den G\u00f6ttern und Menschen vermittelte. 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