{"id":20076,"date":"2023-06-14T17:37:59","date_gmt":"2023-06-14T15:37:59","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=20076"},"modified":"2023-06-14T17:37:59","modified_gmt":"2023-06-14T15:37:59","slug":"heinrich-kemner-heiligkeit-und-gerechtigkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=20076","title":{"rendered":"Heinrich Kemner: Heiligkeit und Gerechtigkeit"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Heiligkeit und Gerechtigkeit<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcnfzehn Tage sprach ich allabendlich in der United Church in Toronto. Fast an jedem Abend \u00f6ffnete sich nach Beginn meines Vortrages die Kirchent\u00fcr. Ein voll\u00adb\u00e4rtiger Mann kam herein, der noch ein Pl\u00e4tzchen such\u00adte und meistens in der \u00e4u\u00dfersten Ecke der Kirche auch noch eines fand. Weil der Mann mir auffiel, schon durch die unregelm\u00e4\u00dfige Regelm\u00e4\u00dfigkeit, berichtete mir der Pastor, als ich mich nach dem Fremden erkundigte, da\u00df es sich um einen Israeliten handelte, der offenbar auf der Suche nach dem Heil war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am Schlu\u00df des Gottesdienstes kam er zu meiner Frau und mir, und wir hatten einige Male eine l\u00e4ngere Seel\u00adsorge. Seine Fragestellung war treffend und ging genau in die Mitte. Er meint, da\u00df wir Christen mit dem lieben Gott zu sehr per du umgingen, und da\u00df wir vergessen h\u00e4tten, da\u00df wir nur in Ehrfurcht und Anbetung ihm na\u00adhen k\u00f6nnten. Er erkl\u00e4rte, da\u00df von einem gl\u00e4ubigen Israe\u00adliten der Name Gottes nicht ausgesprochen werden darf, und da\u00df jeder, der das tut, wenn es unbedacht geschieht, Frevel am Heiligtum begeht. Ich war \u00fcber die Ehrfurcht, die dieser Mann vor Gott hatte, betroffen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber er wurde mit dem Kreuz Christi nicht fertig. <!--more-->Ich habe nun versucht, ihm in aller Einfalt klarzumachen, da\u00df die Heiligkeit Gottes hier als Zeichen der Gerechtigkeit die Vertrauens\u00adfrage an die ganze Menschheit wurde. Gott ist so heilig, da\u00df er seinen eingeborenen Sohn nicht schonte. Gott ist gerecht, da\u00df er die S\u00fcnde nicht \u00fcbersieht, sondern Jesus zur personifizierten S\u00fcnde machte, damit wir die Gerech\u00adtigkeit empfangen, die vor ihm gilt. In dem Gespr\u00e4ch, das nun stattfand, wurde deutlich, wie schwer es f\u00fcr ei\u00adnen Israeliten ist, von der Gerechtigkeit des Gesetzes zur Gnade in dem Blut Jesu Christi zu finden und diese Gna\u00adde als vollg\u00fcltiges Heil anzunehmen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich mu\u00dfte bei dem Gespr\u00e4ch daran denken, wie mich einmal ein Konfirmand im Unterricht fragte: \u201eH\u00e4tte Gott uns nicht auch ohne das Kreuz Jesu Christi die S\u00fcnden vergeben k\u00f6nnen?\u201c Ich habe ihm damals die Antwort gegeben: \u201eKann der Amtsrichter von Ahlden, wenn sein Sohn eine Kuh gestohlen hat, eine Ausnahme in der Rechtsprechung machen und den Sohn nicht bestrafen?\u201c Die Antwort war: \u201eDas geht nicht, weil das ungerecht w\u00e4re.\u201c Ich habe dem Mann deutlich gemacht, da\u00df es mit der Gerechtigkeit Gottes genauso ist. Sie fordert, wenn Gott uns vergeben will, die S\u00fchne. Die Heiligkeit Gottes ist ohne Gerechtigkeit wesenlos.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich sehe noch, wie sich das Gesicht des Israeliten im\u00admer mehr erhellte. Es ging ihm auf, da\u00df im Zeichen des Kreuzes Christi Heiligkeit <em>und <\/em>Gerechtigkeit bei Gott sich decken. Das Kreuz ist der Ma\u00dfstab f\u00fcr Gott und Mensch zugleich. Der Mann faltete mit Tr\u00e4nen in den Augen die H\u00e4nde und nahm die Gnade f\u00fcr sein Leben und Sterben an und wurde zum Glauben hinzugetan.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieses Erlebnis bewegte meine Frau und mich sehr. Wir gingen dann am Sabbat in eine gro\u00dfe Synagoge. Ich wollte einmal einen Gottesdienst miterleben. Der gro\u00df\u00adartige Raum war dicht gef\u00fcllt mit M\u00e4nnern. Nur wenige Frauen sa\u00dfen gesondert. Am Eingang erhielt ich eine Kopfbedeckung und einen Gebetsschal. Als ich einen Platz suchte, kam ein \u00e4lterer Israelit zu mir, fa\u00dfte mich kameradschaftlich am Arm, weil er mich offen\u00adbar f\u00fcr einen Israeliten oder einen Judengenossen hielt. Er reichte mir ein hebr\u00e4isches Gebetbuch mit Psalmen und anbetenden Lobges\u00e4ngen. Am Altar waren die Ge\u00adsetzestafeln aufgestellt, und rechts und links sa\u00dfen auf erh\u00f6hten Pl\u00e4tzen die Rabbiner. Ein Vors\u00e4nger sang respondierend mit der Gemeinde seine anbetenden Weisen. Man verneigte sich immer wieder. Mein j\u00fcdischer Freund sprach hebr\u00e4isch mit mir. Ich konnte nicht antworten, sondern nur freundschaftlich nicken. Er gab mir sein Ge\u00adbetbuch mit gro\u00dfer Herzlichkeit und zeigte mir, wo ge\u00adrade der Gesang stand. Ich war angenehm davon ber\u00fchrt, wie man sich um mich bem\u00fchte. Noch mehr war ich \u00fcber die Ehrfurcht betroffen, \u00fcber das Aufstehen und Ver\u00adneigen vor dem Heiligen in Israel.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als ich die Synagoge verlie\u00df, mu\u00dfte ich denken: Welch eine missionarische Kraft wird einmal von diesem Volke ausgehen, wenn ihnen, wie Paulus sagt, die Decke von den Augen genommen wird, wenn sie im Kreuz Christi die Heiligkeit und Gerechtigkeit Gottes erkennen. Welch einen Auftrag haben wir als Volk der Reformation ge\u00adrade an Israel, heute mehr denn je! Israels Stunde kommt, unsere geht. Noch immer ruht die Verhei\u00dfung \u00fcber die\u00adsem Volk. Und wenn die F\u00fclle der Heiden eingegangen ist, wird die Stunde f\u00fcr Israel wieder kommen, auf da\u00df ganz Israel selig werde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Synagogen-Gottesdienst hat mich wieder daran erinnert, da\u00df Gottes Gesetz heilig und gut ist. Aber die Erf\u00fcllung des Gesetzes ist nur dann m\u00f6glich, wenn es uns Zuchtmeister zu Christus wird. Gesetz und Evange\u00adlium sind beide Gottes Gaben, die wir zu unserem Chri\u00adstentum best\u00e4ndig n\u00f6tig haben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr \/>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Quelle:<\/p>\n<p>Heinrich Kemner, Wir w\u00e4hlen das Leben, Band 2, Bad Liebenzell: Verlag der Liebenzeller Mission 1981, S. 33\u201335.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heiligkeit und Gerechtigkeit F\u00fcnfzehn Tage sprach ich allabendlich in der United Church in Toronto. Fast an jedem Abend \u00f6ffnete sich nach Beginn meines Vortrages die Kirchent\u00fcr. Ein voll\u00adb\u00e4rtiger Mann kam herein, der noch ein Pl\u00e4tzchen such\u00adte und meistens in der \u00e4u\u00dfersten Ecke der Kirche auch noch eines fand. 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