{"id":1972,"date":"2006-06-14T15:34:53","date_gmt":"2006-06-14T13:34:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=1972"},"modified":"2009-09-05T21:01:38","modified_gmt":"2009-09-05T19:01:38","slug":"bekennende-kirche-und-zeitgeist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=1972","title":{"rendered":"Bekennende Kirche und Zeitgeist"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Bekennende Kirche und Zeitgeist. <\/strong><strong>Die Absage eines \u201eBedenkgottesdienstes\u201c f\u00fcr Bischof Hans Meiser wirft viele Fragen auf.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der bayerische Landesbischof Johannes Friedrich und die N\u00fcrnberger Dekane haben am 23. Mai einen f\u00fcr den 8. Juni in N\u00fcrnberg geplanten \u201eBedenkgottesdienst\u201c zum 50. Todestag ihres fr\u00fcheren Bischofs Hans Meiser (1881-1956) abgesagt. Der Grund daf\u00fcr: Meiser nahm 1926 in einem Beitrag f\u00fcr das Evangelische Gemeindeblatt N\u00fcrnberg kritisch Stellung zum Einfluss der Juden auf Politik, Wirtschaft und Kultur. W\u00f6rtlich: \u201eGegen diese Art von Verjudung unseres Volkes k\u00f6nnen wir nicht genug ank\u00e4mpfen.\u201c In diesem Sinne warb er auch f\u00fcr die \u201eReinhaltung des Blutes\u201c.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Um es gleich klipp und klar zu sagen: Diese \u00c4u\u00dferungen sind eindeutig kritikw\u00fcrdig und aus heutiger Sicht unbegreiflich. Daran \u00e4ndert auch nichts die Tatsache, da\u00df Meiser zur Zeit des Dritten Reiches im Gegensatz zu manch anderen alles andere als ein \u201eNazi-Bischof\u201c war, sondern im Gegenteil schwere Repressalien erleiden mu\u00dfte. Bereits im September 1934 forderten die Nationalsozialisten in der Fr\u00e4nkischen Tageszeitung: \u201eFort mit Landesbischof D. Meiser! Er ist treulos und wortbr\u00fcchig. &#8211; Er handelt volksverr\u00e4terisch. &#8211; Er bringt die evangelische Kirche in Verruf\u201c. Unbegreiflich ist aber auch, da\u00df einem Mann wie Hans Meiser nicht zugestanden wird, da\u00df auch ein Bischof irren kann, vor allem dann, wenn er aus der Stimmung des Zeitgeistes heraus urteilt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Wer kann noch bestehen?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das harte Urteil der bayerischen Landeskirche gegen ihren einstigen Bischof wirft die Frage auf:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wollen wir in der Kirche in Zukunft nur der geistlich-unfehlbaren Pers\u00f6nlichkeiten gedenken? Wer soll dazu geh\u00f6ren &#8211; und wer nicht? Und wer bestimmt dar\u00fcber mit letzter Autorit\u00e4t? Ist den Verantwortlichen in der bayerischen Landeskirche eigentlich klar, welche Ma\u00dfst\u00e4be sie damit f\u00fcr andere Jubil\u00e4en setzen? Mit welchem Recht darf man dann noch die Namen einer ganzen Reihe von f\u00fchrenden Pers\u00f6nlichkeiten der Kirche aus der Zeit des Dritten Reiches in den Mund nehmen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Dibelius und Niem\u00f6ller<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nur einige Beispiele: Der sp\u00e4tere Ratsvorsitzende der EKD (von 1949 bis 1961) und Berliner Bischof (von 1945 bis 1966), Otto Dibelius, und der hessen-nassauische Kirchenpr\u00e4sident (von 1947 bis 1966) Martin Niem\u00f6ller gaben 1937 gemeinsam das Buch \u201eWir rufen Deutschland zu Gott\u201c heraus. Gleich im ersten Beitrag ist im Blick auf den mit Hitler verb\u00fcndeten italienischen Faschismus zu lesen: \u201eDer Faschismus hat von Anfang an eine positive Einstellung zum Christentum genommen &#8211; in erster Linie nat\u00fcrlich zur r\u00f6mischen Kirche, aber dann auch zu den kleinen Freikirchen, den Waldensern und anderen\u201c (S. 13). \u201eGott ist die Vorsehung. Weisheit und Gerechtigkeit ist in dem, was nach seinem Willen hier auf Erden geschieht, auch wenn es nicht immer gleich sichtbar wird. Diese g\u00f6ttliche Vorsehung hat eben einen Willen. Und diesen Willen offenbart sie uns in der Stimme unseres Blutes. Da\u00df wir der Stimme unseres Blutes treu bleiben und damit Gottes Willen erf\u00fcllen &#8211; darauf kommt es an. Das bedeutet zun\u00e4chst, da\u00df wir unser Blut rein halten. An der unerlaubten Blutsvermischung, an der \u201eBastardisierung\u201c, sterben die V\u00f6lker\u201c (S. 26).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wilhelm Halfmann, Pastor und Oberkonsistorialrat in Kiel, f\u00fchrender Kopf der Bekennenden Kirche in Schleswig-Holstein, gab 1937 \u00fcber das Amt f\u00fcr Volksmission in Breklum eine Schrift heraus unter dem Titel: \u201eDie Kirche und der Jude\u201c. Halfmann, in der Nachkriegszeit Bischof f\u00fcr den Sprengel Holstein, schrieb in diesem Traktat: \u201eDie Judenfrage hat sich in Deutschland m\u00e4chtig zugespitzt: Aus einer politisch-sozialen Frage ist sie zu einer Frage der Weltanschauung geworden, aus einer Frage der Weltanschauung zu einer Frage der Religion. (&#8230;) Es ist ein furchtbares Verh\u00e4ngnis, da\u00df aus dem berechtigten Kampf gegen das Judentum &#8211; wir unterstreichen noch einmal: aus dem berechtigten Kampf gegen das Judentum &#8211; ein Kampf gegen Christus geworden ist. Denn das bedeutet: ein Kampf gegen die g\u00f6ttliche Macht, die uns wirklich vor den Verderbensm\u00e4chten des Judentums bewahren kann! Es ist, als sei der Teufel dazwischen gekommen und habe den deutschen Abwehrkampf gegen den Juden d\u00e4monisch verzerrt zu einem antichristlichen Kampf\u201c. (S. 3f.) \u201eDie Kirche hat nicht die Aufgabe, in die Judengesetzgebung des Dritten Reiches einzugreifen. Vielmehr werden wir von der Kirche her aus der bald zweitausendj\u00e4hrigen Erfahrung mit den Juden sagen m\u00fcssen: der Staat hat recht. Er macht einen Versuch zum Schutze des deutschen Volkes &#8230;\u201c (S. 13) Diese \u00dcberzeugung war in Kreisen bekennender Christen weit verbreitet. Der bibeltreue lutherische Theologe Prof. Adolf Schlatter (1852-1938) war zum Beispiel einer von denen, die dem Nationalsozialismus gegen\u00fcber sehr aufgeschlossen waren. Bereits der Titel seiner Schrift \u201eWird der Jude \u00fcber uns siegen\u201c l\u00e4\u00dft erkennen, da\u00df auch er in der Judenfrage vom Zeitgeist erfasst war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Was Theophil Wurm schrieb<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Selbst der ehrw\u00fcrdige alte Landesbischof (von 1929 bis 1948) der w\u00fcrttembergischen Kirche, Theophil Wurm, der tapfer seine Stimme gegen die Euthanasie im Dritten Reich erhob, konnte noch 1942 schreiben: \u201eVon keiner evangelischen Kirche ist dem Staat das Recht bestritten worden, zum Zwecke der Reinerhaltung des deutschen Volkes eine Rassegesetzgebung durchzuf\u00fchren. F\u00fchrende M\u00e4nner der evangelischen Kirche &#8211; ich erinnere an Adolf St\u00f6cker und seine Gesinnungsgenossen &#8211; haben einst zuerst auf die Gefahren hingewiesen, die dem deutschen Volk aus der j\u00fcdischen \u00dcberfremdung auf wirtschaftlichem, politischem und kulturellem Gebiet drohen. Aber gerade einem Mann wie St\u00f6cker w\u00e4re es nie eingefallen, aus staatlichen Ma\u00dfnahmen Folgerungen zu ziehen, die den universalen Auftrag der Kirche und die Heilsbedeutung der Taufe verneinen.\u201c So Wurm in seiner ansonsten durchaus mutigen Verteidigung der \u201egetauften Nichtarier\u201c in einem Protestschreiben vom 6. Februar 1942 an die Deutsche Evangelische Kirchenkanzlei in Berlin- Charlottenburg (Kirchliches Jahrbuch. 1933-1944. Hrsg. von Joachim Beckmann. 1948, 2. Aufl. 1976, 5. 463)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u201eJunge Kirche\u201c: Gott segne den F\u00fchrer<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im publizistischen Flaggschiff der Bekennenden Kirche, die unter dem Namen \u201eJunge Kirche. Halbmonatsschrift f\u00fcr reformatorisches Christentum\u201c herausgegeben wurde, finden sich Ergebenheitsadressen an den F\u00fchrer Adolf Hitler. Zwei Beispiele daf\u00fcr: Unter der \u00dcberschrift \u201eZum 50. Geburtstag des F\u00fchrers\u201c hei\u00dft es: \u201eEs ist heute dem Letzten offenbar geworden, da\u00df die Gestalt des F\u00fchrers, m\u00e4chtig sich durchk\u00e4mpfend durch alte Welten, Neues mit innerem Auge schauend und seine Verwirklichung erzwingend, auf den wenigen Seiten der Weltgeschichte genannt ist, die den Anf\u00e4ngern einer neuen Zeit vorbehalten sind. Die deutsche Sendung in der V\u00f6lkerwelt ist von einer m\u00e4chtigen und festen Hand in die Waagschale der Geschichte geworfen. (&#8230;) Wir bitten Gott, den F\u00fchrer zu segnen.\u201c (Junge Kirche. Heft 8 vom 22. April 1939)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach dem missgl\u00fcckten Attentat auf Hitler am 8. November 1939 stellte sich die Junge Kirche entschieden hinter den F\u00fchrer mit den Worten: \u201eDer frevelhafte Anschlag auf das Leben des F\u00fchrers in M\u00fcnchen hat nach seinem Bekanntwerden durch den Rundfunk und die Tageszeitungen alle Kreise des deutschen Volkes mit tiefem Entsetzen und Emp\u00f6rung erf\u00fcllt. &#8230; Im Interesse des ganzen deutschen Volkes und aller Aufrechtdenkenden in der Welt liegt es, da\u00df die Urheber des Attentates gefunden und gerecht bestraft werden, und da\u00df es gelingt, die intellektuellen Anstifter nachzuweisen. &#8230; Im Verfolg dieses Attentates hat sich das nationalsozialistische Deutschland noch fester und zum Siege entschlossener um seinen F\u00fchrer geschart.\u201c (Junge Kirche. Heft 22 vom 18. November 1939)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Mitl\u00e4ufer des Zeitgeistes heute<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Beispiele m\u00f6gen gen\u00fcgen. Sie sollen nicht das Ansehen der genannten Pers\u00f6nlichkeiten und der Bekennenden Kirche herabsetzen, sondern zeigen, wie schwer es damals selbst f\u00fcr f\u00fchrende M\u00e4nner der Bekennenden Kirche war, sich der heute unvorstellbaren Faszinationskraft des Zeitgeistes jener Epoche g\u00e4nzlich zu entziehen. Diejenigen, die sich so vehement gegen einen \u201eBedenkgottesdienst\u201c f\u00fcr Hans Meiser aussprechen, m\u00f6gen daran denken, da\u00df sie damit bereits ein Urteil \u00fcber sich selbst gef\u00e4llt haben. Denn wie viele von denen, die heute \u00fcber Bischof Meiser so kritisch urteilen, haben sich selbst in den vergangenen Jahren als Mitl\u00e4ufer des Zeitgeistes unserer Epoche schuldig gemacht? Ich erinnere nur an die f\u00fcr Christen unw\u00fcrdige Anbiederung an den atheistischen Marxismus. Bereits Karl Barth hat in schlimmer Weise den Menschenschl\u00e4chter Josef Stalin als \u201eMann von Format\u201c herausgestellt. Seitdem wurden evangelische Theologen nicht m\u00fcde, den angeblichen \u201eHumanismus im Kommunismus\u201c zu preisen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Synkretismus und Esoterik<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich erinnere an die kirchenamtliche F\u00f6rderung der feministischen Theologie mit ihrem Ruf nach der R\u00fcckkehr der G\u00f6ttinnen und der \u201e\u00dcberwindung der patriarchalischen Sprache der Bibel\u201c. Ich erinnere an die positive Beurteilung und F\u00f6rderung (gerade auch in der bayerischen Landeskirche!) der Esoterik und fern\u00f6stlicher Meditationspraktiken. Ich erinnere an den Synkretismus (Religionsvermischung), wie er heute in vielen evangelischen Landeskirchen wie selbstverst\u00e4ndlich praktiziert wird. Selbst in der als besonders bekenntnistreu geltenden w\u00fcrttembergischen Landeskirche fand schon in den achtziger Jahren ein gemeinsamer Gottesdienst mit Hindus, Buddhisten, Juden und Muslimen unter Mitwirkung des Landesbischofs statt. Ich erinnere an den \u201eMarkt der M\u00f6glichkeiten\u201c auf den Kirchentagen, auf dem Christliches und Antichristliches angeboten wird und die Besucher dadurch verwirrt werden, anstatt ihnen klare Orientierung aus der Bibel zu geben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gilt das, was Jesus zu den Schriftgelehrten und Pharis\u00e4ern seiner Zeit sagte, als sie eine Ehebrecherin verurteilen wollten, nicht auch im \u00fcbertragenen Sinne auf den \u00bbFall Meiser\u201c? \u00bbWer unter euch ohne S\u00fcnde ist, der werfe den ersten Stein &#8230;\u201c (Johannes 8,7) Bischof Meiser hat am 19. Oktober 1945 das Stuttgarter Schuldbekenntnis mitunterschrieben. Welchen Sinn und welchen Wert hat eigentlich eine solche Erkl\u00e4rung f\u00fcr den jetzigen Landesbischof Johannes Friedrich und die N\u00fcrnberger Dekane?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bekennende Kirche und Zeitgeist. Die Absage eines \u201eBedenkgottesdienstes\u201c f\u00fcr Bischof Hans Meiser wirft viele Fragen auf. Der bayerische Landesbischof Johannes Friedrich und die N\u00fcrnberger Dekane haben am 23. Mai einen f\u00fcr den 8. Juni in N\u00fcrnberg geplanten \u201eBedenkgottesdienst\u201c zum 50. Todestag ihres fr\u00fcheren Bischofs Hans Meiser (1881-1956) abgesagt. 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