{"id":1970,"date":"2006-07-20T15:23:25","date_gmt":"2006-07-20T13:23:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=1970"},"modified":"2009-09-07T12:42:16","modified_gmt":"2009-09-07T10:42:16","slug":"pluralismus-dialog-und-toleranz-aus-christlicher-sicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=1970","title":{"rendered":"Pluralismus, Dialog und Toleranz aus christlicher Sicht"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Pluralismus, Dialog und Toleranz aus christlicher Sicht<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Warum dieses Thema? Wir stehen als bekennende Christen seit Jahren in einem Geisteskampf. In diesem Kampf werben unsere innerkirchlichen Gegner mit eben diesen Begriffen: Pluralismus, Dialog, Toleranz. Mit Pluralismus wird eine Wirklichkeit beschrieben, mit Dialog eine Methode und mit Toleranz eine innere Haltung. Es gibt Begriffe, auf die man nach Art des Kniesehnenreflexes positiv reagiert. Diese drei Begriffe geh\u00f6ren dazu. Darum ist es unbedingt notwendig, dass wir einmal diese Begriffe, die so positiv klingen, etwas genauer ansehen und pr\u00fcfen. Beginnen wir ohne lange Vorrede mit dem Pluralismus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Erstens: Pluralismus<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was ist damit gemeint, wenn gesagt wird: Ihr Frommen: warum regt ihr euch \u00fcber Manche Aussagen in der Kirche so auf? Ihr m\u00fcsst endlich zur Kenntnis nehmen, dass wir in einer pluralistischen Kirche leben und ihr nicht allein bestimmen k\u00f6nnt, was die Wahrheit ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was verbirgt sich eigentlich hinter dem Begriff \u201ePluralismus\u201c?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Duden wird dieses Wort so erkl\u00e4rt:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eVielgestaltigkeit gesellschaftlicher, politischer und anderer Ph\u00e4nomene\u201c. Der Begriff kommt aus der Philosophie und meint dort, dass die Wirklichkeit aus vielen selbst\u00e4ndigen Weltprinzipien bestehe. Von da ist er in die Politik eingedrungen und meint dort das gleichberechtigte, durch grundrechtliche Garantien gesch\u00fctzte Nebeneinanderwirken einer Mehrzahl sozialer Gruppen innerhalb einer staatlichen Ordnung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr den Staatsrechtler Peter Badura bedeutet Pluralismus, \u201edass von vornherein mehrere Auffassungen als gleich akzeptabel oder gleicherma\u00dfen als m\u00f6glicherweise richtig anerkannt werden, dass der Staat und die Rechtsordnung \u00fcberhaupt darauf verzichten, ein Richtigkeitskriterium in ihren Entscheidungen zugrunde zu legen, sondern dass sie relativistisch sind, wie die Demokratie es ja ist.\u201c Pluralismus ist in einem freiheitlich-demokratischen Rechtsstaat notwendig, weil es in der Gesellschaft verschiedene weltanschauliche und religi\u00f6se \u00dcberzeugungen gibt, die nicht unter einem einzigen Wahrheitsbegriff vereinigt werden k\u00f6nnen, sondern nebeneinander bestehen m\u00fcssen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So n\u00f6tig die Respektierung des Pluralismus im Staat ist, so unn\u00f6tig, ja widersinnig ist sie f\u00fcr die einzelne Gruppe oder Gemeinschaft. Denn eine Gemeinschaft zeichnet sich ja gerade dadurch aus, dass sie durch etwas Besonderes gepr\u00e4gt und zusammengehalten wird. Wenn sich dieses Besondere im Lauf der Zeit verfl\u00fcchtigt und nicht mehr als verpflichtend angesehen wird, dann setzt damit der Prozess der Aufl\u00f6sung ein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Um dies zun\u00e4chst an einem ganz simplen Beispiel zu verdeutlichen:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Mitglieder eines Sportvereins, die sich nicht mehr zum Training einfinden, die nicht mehr die Statuten ihres Vereins befolgen, sondern sich stattdessen zum Glas Bier treffen und sich Heimatfilme ansehen, befinden sich damit bereits auf dem Weg der Selbstaufl\u00f6sung. Sie m\u00f6gen sich noch \u201eSportverein\u201c nennen, sie m\u00f6gen noch ihre Beitr\u00e4ge bezahlen, sie m\u00f6gen noch de jure bestehen &#8211; de facto sind sie bereits erledigt. Leute, die wirklich Sport treiben wollen, werden diesen Verein nicht ernst nehmen und sich schon gar nicht bei ihm anmelden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieses Beispiel ist nat\u00fcrlich nicht in allen Einzelheiten auf die Kirche \u00fcbertragbar \u2013 im entscheidenden Punkt aber doch!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und dieser Punkt betrifft den \u201eVereinszweck\u201c. Wenn nicht mehr klar ist, wozu Kirche da ist, dann macht sie sich \u00fcberfl\u00fcssig. In dem Ma\u00dfe wie die die geistige Ausstrahlung der Kirche schwindet, w\u00e4chst ein im wahrsten Sinne des Wortes blinder Aktionismus, der krampfhaft versucht, die Kirche vor dem gesellschaftlichen Abseits zu bewahren. In diese Abseitsfalle begibt sich die Kirche, wenn sie den Menschen, die zu einer bestimmten Sache ihr Wort h\u00f6ren wollen, aber stattdessen aus der einen Kirche nur eine Vielzahl von Meinungs\u00e4u\u00dferungen h\u00f6ren, die sich in aller Regel auch noch untereinander widersprechen und gr\u00f6\u00dftenteils das Meinungsbild anderer gesellschaftlicher Gruppen widerspiegeln.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Insofern ist der Satz berechtigt:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eViele Schwierigkeiten in der Kirche verbinden sich heute mit dem Stichwort \u201aPluralismus\u2019. Die einen verteidigen ihn, die anderen bek\u00e4mpfen ihn.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit diesen Worten beginnt eine bereits 1977 formulierte Stellungsnahme der Arnoldshainer Konferenz, ein Zusammenschluss von einer Reihe von evangelischen Kirchenleitungen aus den Gliedkirchen der Ev. Kirche in Deutschland. Typisch ist allerdings f\u00fcr diesen Kreis, dass so argumentiert wird, als g\u00e4be es sowohl \u201eChancen des Pluralismus\u201c als auch \u201eGrenzen des Pluralismus\u201c, wobei die \u201eGrenzen\u201c so nebul\u00f6s beschrieben werden, dass man sie nicht erkennen kann. Die Theologen der Arnoldshainer Konferenz gehen von der Annahme aus, dass es bereits \u201ePluralismus im Neuen Testament\u2026\u201c gegeben habe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In diesem Zusammenhang wird gern auf gewisse Beispiele hingewiesen:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">auf Konflikte zwischen den beiden Aposteln Petrus und Paulus oder zwischen Paulus und Barnabas;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">auf die Tatsache, dass die Worte und Taten Jesu von den Evangelisten Matth\u00e4us, Markus und Lukas anders wiedergeben seien als durch Johannes;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">auf Unterschiede in den Lebensformen der ersten Gemeinden zwischen Judenchristen und Heidenchristen;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">auf unterschiedliche Schwerpunktbildungen im Blick auf die Heilsbedeutung von Glaube und Tun, von Gemeinde und Gemeindeleitung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In theologischen Fachkreisen spricht man von der Theologie des Paulus, von der Theologie des Johannes oder von einer synoptischen Theologie (Matth\u00e4us, Markus, Lukas). Dabei wird der Eindruck vermittelt, dass es bereits in der Urchristenheit einen theologischen Pluralismus gegeben habe. Das ist falsch. Es treten zwar unter den neutestamentlichen Zeugnissen unterschiedliche Akzentuierungen auf:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Matth\u00e4us richtet sich auff\u00e4llig an die Juden: j\u00fcdische Sitten, Gebr\u00e4uche und Worte werden deshalb \u2013 im Gegensatz etwa zum Markus-Evangelium \u2013 meist nicht erkl\u00e4rt, sondern als bekannt vorausgesetzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lukas spannt den Boden weiter: das Heil wird als f\u00fcr die ganze Menschheit bestimmt beschrieben \u2013 besonders auff\u00e4llig auch f\u00fcr die \u201eArmen\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Markus stellt dar, wie Jesus seine Messianit\u00e4t und das Geheimnis des Reiches Gottes verh\u00fcllt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Johannes verbindet die Botschaft von Jesus Christus mit dem griechischen Logos-Begriff und bringt z.B. die einzigartigen Ich-bin-Worte Jesu.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Paulus betont die Verlorenheit des Menschen, die Heilsbedeutung des Kreuzes und die Rechtfertigung des Menschen, des S\u00fcnders, \u201eallein aus Glauben\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jakobus sorgt mit seiner Stimme daf\u00fcr, dass neben der Betonung des Glaubens die Werke der Barmherzigkeit nicht vergessen werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So gibt es in der Tat unterschiedliche Akzente, aber eben nur Akzente der einen Botschaft, dass sich der dreieinige Gott in dieser Welt machtvoll offenbart hat. Jesus Christus, der Sohn des lebendigen Gottes, ist als Erl\u00f6ser von Tod und S\u00fcnde in diese Welt gekommen. Dabei sind Kreuz und Auferstehung nicht Reflexionen irgendwelcher frommen Gem\u00fcter. In diesen zentralen Aussagen stimmen die Verfasser der biblischen Schriften \u00fcberein. Wenn es nicht so w\u00e4re, dann w\u00e4ren die Aussagen der Bibel lediglich eine Sammlung h\u00f6chst subjektiver Auffassungen \u00fcber Gott und die Welt: der eine sehe die Dinge so, der andere anders, der eine habe diese Erfahrungen, der andere habe ganz andere gemacht &#8211; und im \u00fcbrigen sei alles sowieso \u201ezeitbedingt.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Genau diese Auffassung hat sich in Theologie und Kirche &#8211; jedenfalls in unserem Land &#8211; durchgesetzt und f\u00fchrt zu einem geradezu schrankenlosen Relativismus der biblischen Botschaft. Alles in der Bibel sei \u201erelativ\u201c. Von diesem Ansatz her ist es nur folgerichtig, wenn sowohl die Unfehlbarkeit des Wortes Gottes als auch die Unwandelbarkeit des Wortes Gottes in Abrede gestellt wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bereits im Februar 1977 schrieb der damalige theologische Leiter des Deutschen Allgemeinen Sonntagsblattes, Heinz Zahrnt:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWenn wir heute dasselbe sagen wollen, was die Bibel sagt, dann m\u00fcssen wir es nicht nur anders sagen, als es die Bibel sagt, dann m\u00fcssen wir unter Umst\u00e4nden sogar anderes sagen. Daher m\u00fcssen wir heute diejenigen als Irrlehrer betrachten, die die biblische Botschaft \u2026 nur wortw\u00f6rtlich wiederholen und unver\u00e4ndert zu bewahren suchen, ohne R\u00fccksicht darauf, ob der Zeitgenosse es versteht und davon leben kann.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit solchen Behauptungen wird einerseits der theologische Pluralismus in der Kirche sanktioniert und zugleich die Gegenposition als Irrlehre abqualifiziert. Diesem Notstand soll abgeholfen werden, indem immer wieder aufgerufen wird, durch Dialog und im Geist der Toleranz die Gr\u00e4ben zu \u00fcberwinden und unter dem Dach der einen Kirche zu bleiben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich sagte einleitend:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit Pluralismus wird eine Wirklichkeit beschrieben, mit Dialog eine Methode und mit Toleranz eine innere Haltung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Zweitens: Dialog<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Anfang September 2003 fand in Aachen ein Weltfriedenstreffen statt, zu dem die katholische Laienorganisation Sant\u2019 Egidio eingeladen hatte. 450 f\u00fchrende Vertreter der Weltreligionen kamen zusammen, um gemeinsam dar\u00fcber nachzudenken, was man tun k\u00f6nne um dem Terror und der Gewalt Einhalt zu gebieten. \u201eHaltet ein! T\u00f6tet nicht!\u201c \u2013 hie\u00df es in dem Aufruf der Vertreter von Christentum, Hinduismus, Buddhismus und Islam. Gewaltanwendung sei eine Niederlage f\u00fcr die gesamte Menschheit, so die religi\u00f6sen F\u00fchrer. Zum Abschluss des Treffens mit rund 5.000 G\u00e4sten aus 58 L\u00e4ndern riefen sie dazu auf, \u201edie Kunst des Dialogs\u201c einzusetzen (epd ZA Nr. 174 v. 10. September 2003, S. 2). Um die Kunst des Dialogs einzusetzen, muss man sich allerdings erst einmal dar\u00fcber verst\u00e4ndigen, was mit dem Begriff \u201eDialog\u201c \u00fcberhaupt gemeint ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Begriff meint urspr\u00fcnglich die \u201eKunst der Unterredung\u201c. Die Frage ist nur, welche Funktion dem Dialog im Blick auf die Bewertung inhaltlicher Aussagen im Verlauf der Unterredung zukommt. Bereits an diesem Punkt gehen die Meinungen auseinander &#8211; und darum wird ausgerechnet bei einem Thema, das der Verst\u00e4ndigung dienen soll, auch in der Kirche so leicht aneinander vorbeigedacht und dann auch aneinander vorbeigeredet. Das liegt daran, dass an diesem Punkt in unserer kulturgeschichtlichen Tradition ganz stark das philosophische Verst\u00e4ndnis des Dialoges nachwirkt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es gibt ein philosophisches Verst\u00e4ndnis des Dialoges, das durch die antike griechische Philosophie gepr\u00e4gt und von Platon (427 &#8211; 347 v. Chr.) zu hoher formaler Vollendung gef\u00fchrt worden ist. Durch Rede (These) und Gegenrede (Antithese) wird die L\u00f6sung einer Frage (Synthese) angestrebt. Die Synthese kann dann wieder zum Ausgangspunkt eines neuen Dialogs werden, also zu einer neuen These. Und so n\u00e4hert man sich durch viele Gedankenschritte mehr und mehr der Wahrheit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Blick auf die Frage: \u201eWas ist Wahrheit?\u201c gilt im Rahmen dieses Modells, dass diese zwar im Reich der Ideen bereits vorgegeben, aber den am Dialog Beteiligten nicht von vornherein einsichtig ist. Erst der Dialog bringt im buchst\u00e4blichen Sinne die Wahrheit ans Licht. Von daher ist der ber\u00fchmt\u00a0gewordenen Satz des Philosophen Karl Jaspers zu verstehen: \u201eDie Wahrheit beginnt zu Zweien.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr den Christen ist der Weg genau umgekehrt: Er geht in seinem geistlichen Erkenntnisweg nicht auf die Wahrheit zu, sondern er kommt bereits von der Wahrheit her. Und diese Wahrheit hat einen Namen: Jesus Christus. \u201eIch bin der Weg und die Wahrheit und das Leben\u2026\u201c (Johannes 14,6). Die Wahrheit beginnt nicht zu Zweien, sondern sie kommt von dem Einen her &#8211; von Jesus Christus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lassen Sie uns die philosophische Definition des Dialogs in einen aktuellen Bezug setzen zur Wirklichkeit &#8211; z.B. f\u00fcr das Gespr\u00e4ch mit Vertretern anderer Religionen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bereits auf der 4. Vollversammlung des \u00d6RK, die 1968 in Uppsala (Schweden) stattfand, konnte man in einem Sektionsbericht die erstaunliche Aussage lesen: \u201eIn der Begegnung mit Mohammedanern, Hindus, Marxisten und Humanisten lernen Christen, die gemeinsamen Grundlagen unseres Menschseins zu entdecken und kommen so zu einem volleren Verst\u00e4ndnis der Wahrheit.\u201c Besonders aktuell ist die Frage, wie der Dialog zwischen Christen und Muslimen aussehen soll? Wenn es beide mit ihrem Glauben genau nehmen, dann kann es zwischen ihnen keinen sinnvollen Dialog in dem soeben geschilderten Verst\u00e4ndnis von Dialog geben. Es kann diesen Dialog deshalb nicht geben, weil beide den Begriff Wahrheit an Aussagen in der Bibel bzw. im Koran heften, die nicht zur Disposition gestellt werden d\u00fcrfen und darum von der einen oder der anderer Seite nicht akzeptiert werden k\u00f6nnen. Es gibt ja eine ganze Reihe von \u00dcbereinstimmungen zwischen den beiden Religionen. Aber ausgerechnet in den wichtigsten Aussagen ist keine \u00dcbereinstimmung m\u00f6glich &#8211; vor allem nicht in der Gottessohnschaft Jesu, in der Heilsbedeutung des Kreuzes, in der Lehre von der Trinit\u00e4t.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Wahrheit beginnt zu zweien. Damit kommen wir hier nicht weiter. Also gerade nicht mit dem klassischen Dialog, sondern ganz einfach und viel bescheidener mit dem Gespr\u00e4ch, das die Gegens\u00e4tze stehen l\u00e4sst, aber um menschliches Vertrauen wirbt. Das ist schon viel, wenn uns das im Miteinander gelingt! Wer miteinander spricht, nimmt den anderen ernst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich k\u00f6nnte auch sagen:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wo gesprochen wird, wird nicht geschossen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wo gesprochen wird, hat der Terror keine Chance.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gespr\u00e4che zwischen Christen und Muslimen haben zu allen Zeiten in der Vergangenheit stattgefunden und finden in der Gegenwart statt &#8211; sei es auf internationalen Treffen der Religionsvertreter, sei es im pers\u00f6nlichen Austausch zwischen Gesch\u00e4ftsfreunden, Nachbarn und Freunden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich sagte, wir m\u00fcssen im Gespr\u00e4ch mit Vertretern anderer Religionen aufrichtig sein und den Mut haben, die Gegens\u00e4tze ehrlich zu benennen und so stehen lassen. Das finden andere unbefriedigend. Sie meinen, im Geist der Toleranz lie\u00dfen sich die noch bestehenden Gegens\u00e4tze Schritt f\u00fcr Schritt abbauen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenden wir uns also im dritten Teil meiner Ausf\u00fchrungen der Toleranz zu.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Drittens: Toleranz<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In unseren Tagen wird immer wieder Toleranz eingefordert &#8211; sei es gegen\u00fcber bestimmten Randgruppen, sei es gegen\u00fcber anderen Lebensformen, sei es in den letzten Wochen besonders gegen\u00fcber Vertretern anderer Religionen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie stehen wir zu dieser Forderung?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gerade im Blick auf das reformatorische Erbe unserer evangelischen Kirche muss ich daran erinnern, dass die Reformation unl\u00f6slich mit der Forderung nach Toleranz verbunden ist. Allerdings wurde die reformatorische Ausformung der Toleranz in unserer Gesellschaft weithin abgel\u00f6st durch eine neue und andere Begr\u00fcndung der Toleranz in der Epoche der Aufkl\u00e4rung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieser Wechsel hat schwerwiegende Folgen gehabt. Das m\u00f6chte ich Ihnen kurz erl\u00e4utern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Luther hat die gebotene Toleranz mit dem einfachen Satz beschrieben, dass Glaube nicht erzwungen werden kann. Er selbst nahm diese Freiheit f\u00fcr sich in Anspruch, indem er im April 1521 auf dem Reichstag in Worms in seiner ber\u00fchmten Rede betonte, dass es nicht gut sei, etwas gegen sein Gewissen zu tun.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Toleranz im reformatorischen Sinn ruht auf zwei Pfeilern:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">einmal auf der Respektierung des Gewissens und zum andern auf der N\u00e4chstenliebe, die ein Ja zum andern hat, weil er ein Gesch\u00f6pf Gottes ist. Glaube darf also nicht erzwungen werden. Daraus folgt zwangsl\u00e4ufig, dass es ertragen werden muss, wenn andere anders denken und glauben. Die Voraussetzung f\u00fcr solches Ertragen ist die Kenntnis der anderen Meinung und die Gewissheit der eigenen. Christliche Toleranz &#8211; daran haben die Reformatoren erinnert, auch wenn sie es selbst nicht immer vorbildlich durchgehalten haben &#8211; sucht die Begegnung mit dem andern auch dort, wo sich das Ja zur Person mit einem Nein zu ihren \u00dcberzeugungen verbindet. Diese kraftvolle Toleranz erlitt im Zuge der geschichtlichen Entwicklung eine folgenschwere Abwandlung. Das geschah durch die ansonsten in vieler Hinsicht so dankenswerte Epoche der Aufkl\u00e4rung im 18. Jahrhundert. Der Pfarrerssohn Lessing war es, der in seinem Schauspiel \u201eNathan, der Weise\u201d in der ber\u00fchmten Ringparabel die drei Religionen Judentum, Christentum und Islam mit drei Ringen vergleicht. Zun\u00e4chst gab es nur einen einzigen Ring, der die wundersame Eigenschaft hatte, vor Gott und Menschen angenehm zu machen. Und dieser Ring wurde von seinem Besitzer immer auf den jeweils liebsten und w\u00fcrdigsten Sohn vererbt. Nun kam der Ring an einen Vater, der drei S\u00f6hne hatte, die er alle drei gleich lieb hatte. So lie\u00df er zwei Kopien anfertigen, die dem echten Ring so \u00e4hnlich waren, dass er selbst den echten von den beiden andern nicht unterscheiden konnte. Als der Vater stirbt, kommt es zum Streit zwischen den drei Br\u00fcdern. Ein Richter soll entscheiden &#8211; und der sagt: \u201eIch h\u00f6re ja, der rechte Ring besitzt die Wunderkraft, beliebt zu machen, vor Gott und Menschen angenehm. Das muss entscheiden!\u201c Also wird man ja sehen, von welchem Tr\u00e4ger des Ringes dies gesagt werden kann. Mit anderen Worten: Nichts Genaues wei\u00df man nicht: \u201eSo glaube jeder sicher seinen Ring den echten. M\u00f6glich, da\u00df der Vater nun die Tyrannei des einen Ringes nicht l\u00e4nger in seinem Hause dulden wollen! -Und gewi\u00df, da\u00df er euch alle drei geliebt, und gleich geliebt, indem er zwei nicht dr\u00fccken m\u00f6gen, um einen zu beg\u00fcnstigen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(Nathan, der Weise. Dritter Aufzug, siebenter Auftritt)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach Lessing ist der Wert der Religion nicht am Inhalt der Offenbarung zu messen, sondern an dem, was der Gl\u00e4ubige daraus macht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eIch h\u00f6re ja, der rechte Ring besitzt die Wunderkraft, beliebt zu machen, vor Gott und Menschen angenehm. Das muss entscheiden!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf diese Weise wird ausgerechnet durch die Aufkl\u00e4rung die von der Reformation bek\u00e4mpfte Werkgerechtigkeit wieder auf den Leuchter gestellt. Lessing lehnt es ab, die Inhalte der Religionen wertend zu vergleichen. F\u00fcr ihn sind nach der Ringparabel zu urteilen alle drei Religionen gleich g\u00fcltig. Wenn aber erst einmal alles als gleich g\u00fcltig bezeichnet wird, ist der Weg dahin nicht mehr weit, dass alles, was mit Religion zusammenh\u00e4ngt, gleichg\u00fcltig wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das ist weithin unsere Lage heute. Sie ist dadurch gekennzeichnet, dass man aus vermeintlicher Toleranz wesentliche Unterschiede zwischen den Religionen verschweigt oder verharmlost, gemeinsame Gottesdienste feiert und behauptet, letztlich glauben wir doch alle an denselben Gott und beten zu demselben Gott.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ganz in diesem Sinne sprach der Schriftf\u00fchrer des Kirchenausschusses der Bremischen Ev. Kirche in der Gedenkstunde aus Anlass des Terroranschlags auf die USA in der B\u00fcrgerschaft am 13. September 2001:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDass die Terroranschl\u00e4ge im Namen des Gottes geschehen, den Muslime, aber eben auch Juden und Christen anbeten, loben und preisen, erf\u00fcllt uns zus\u00e4tzlich mit gro\u00dfer Traurigkeit.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Aussage ist weder von der Bibel noch vom Koran her zu rechtfertigen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Denn Jesus sagt:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eIch und der Vater sind eins\u201d (Johannes 10,30)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWer mich sieht, sieht den Vater!\u201d (Johannes 14,9)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eNiemand kommt zum Vater denn durch mich.\u201d (Johannes 14,6).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und genau dieser Anspruch wird vom Koran als strafw\u00fcrdige Gottesl\u00e4sterung zur\u00fcckgewiesen. F\u00fcr einen Moslem ist Jesus eben nicht der Sohn Gottes (Sure 4 und 5). Jesus ist auch nicht gekreuzigt worden (Sure 4), und ein Gebet im Namen Jesu ist eine Gottesl\u00e4sterung. Der Vater Jesu Christi ist wohl identisch mit dem Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, aber nicht mit dem Allah Mohammeds, wie in der Kirche neuerdings immer wieder zu h\u00f6ren und zu lesen ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Woher kommt diese Unklarheit?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nicht unbedingt aus Unwissenheit!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Paradoxerweise steht dahinter fast immer ein durchaus sympathisches Motiv: Man m\u00f6chte bestimmten Menschen und Gruppen nur Freundliches sagen. Das gilt vor allem im Blick auf Menschen, die in der Vergangenheit oft genug &#8211; auch aus der Kirche heraus &#8211; diskriminiert worden sind, wie z.B. Homosexuelle oder Menschen anderer Religionen. Es ist richtig und notwendig, dass die Kirche auch diesen Menschen mit Freundlichkeit und Liebe begegnet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber muss dazu die biblische Wahrheit au\u00dfer Kraft gesetzt werden?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Toleranz besteht ja gerade darin, dass die Wahrheit dem Andersdenkenden in Liebe bezeugt wird, dass ich den andern in seinem Anderssein ertrage und erdulde. Genau diese Bedeutung steckt in dem lateinischen Wort \u201etolerare\u201d. Ich muss also nicht die Meinung eines andern teilen, um meine Toleranz unter Beweis zu stellen. Im Gegenteil: \u201eZum Tolerantsein geh\u00f6rt begriffsnotwendig eine Art von Missbilligung dessen, was einer tut oder denkt.\u201d (Kurt Sontheimer). Niemand wird also im Ernst erwarten k\u00f6nnen, dass Christen mit ihrem Ja zur Toleranz damit automatisch auch Antichristliches und Unbiblisches &#8211; wie das Gedankengut des Koran oder wie in ganz anderer Weise die praktizierte Homosexualit\u00e4t &#8211; positiv bewerten m\u00fcssten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Genau dieser Trugschluss liegt aber bei vielen Entscheidungstr\u00e4gern innerhalb der Kirche vor. Das f\u00fchrt zwangsl\u00e4ufig dazu, dass bestimmte Aussagen der Bibel uminterpretiert oder als \u201ezeitbedingt\u201d entsch\u00e4rft werden. Die Botschaft der Bibel m\u00fcsse den jeweiligen Bed\u00fcrfnissen der Menschen angepasst werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Andersherum wird aber ein Schuh draus, in dem man gehen und stehen kann: Der Mensch t\u00e4te gut daran, sich den Geboten und Verhei\u00dfungen der Bibel anzupassen und sie allein zum g\u00fcltigen Ma\u00dfstab zu nehmen. Jesus sagt:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eSelig sind, die das Wort Gottes h\u00f6ren und bewahren.\u201d (Lukas 11,28)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich fasse zusammen. Nur das tr\u00e4gt im Leben, was auf Liebe und Wahrheit gr\u00fcndet. Beides geh\u00f6rt zur Toleranz!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nur Liebe \u2013 das kann dazu f\u00fchren, dass der andere auf seinem Weg best\u00e4rkt wird, also auch auf einem Weg, den ich als falsch ansehe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nur Wahrheit \u2013 das kann dazu f\u00fchren, dass der andere dies als kalte Rechthaberei versteht und sich innerlich dagegen verschlie\u00dft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber in Liebe die Wahrheit sagen und eventuell ertragen m\u00fcssen, dass das eine oder andere oder beides zur\u00fcckgewiesen wird &#8211; das macht die wahre Toleranz aus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Vortrag am 17. Juni 2006 in Hannover<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Pluralismus, Dialog und Toleranz aus christlicher Sicht Warum dieses Thema? Wir stehen als bekennende Christen seit Jahren in einem Geisteskampf. In diesem Kampf werben unsere innerkirchlichen Gegner mit eben diesen Begriffen: Pluralismus, Dialog, Toleranz. Mit Pluralismus wird eine Wirklichkeit beschrieben, mit Dialog eine Methode und mit Toleranz eine innere Haltung. Es gibt Begriffe, auf die [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":234,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[10,4],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1970"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/234"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1970"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1970\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3019,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1970\/revisions\/3019"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1970"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1970"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1970"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}