{"id":19619,"date":"2023-01-26T18:10:39","date_gmt":"2023-01-26T17:10:39","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=19619"},"modified":"2023-01-26T18:19:18","modified_gmt":"2023-01-26T17:19:18","slug":"das-groesste-geschenk-gottes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=19619","title":{"rendered":"\u201eDas gr\u00f6\u00dfte Geschenk Gottes\u201c"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Technologische Entwicklungen sind eng mit der Kirchen- und Heilsgeschichte verbunden. Letztlich hat dies auch einen theologischen Grund: Gott benutzt menschliche Kommunikationstechnologien wie W\u00f6rter und menschliche Schrift, um sich zu offenbaren. Als die Hebr\u00e4er in \u00c4gypten waren, lernten sie offensichtlich das protosemitische Alphabet kennen. Die Erfindung dieser Technik, um gesprochene Sprache durch W\u00f6rter aus Buchstaben zu Papier zu bringen, ist eine der wichtigsten in der ganzen Kulturgeschichte. Gott selbst nutzte sogleich das von Menschen erdachte Werkzeug. Nach dem Auszug, beim Bundesschluss am Sinai, sagte Gott zu Mose: \u201eKomm herauf zu mir auf den Berg und bleib daselbst, dass ich dir gebe die steinernen Tafeln, Gesetz und Gebot, <em>die ich geschrieben habe <\/em>[\u2026]\u201c (Gen 24,12). Das Gesetz wurde aufgeschrieben, geschrieben \u201evon dem Finger Gottes\u201c (Gen 31,18).<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die fr\u00fchen Christen nutzten dann bevorzugt eine ebenfalls noch recht junge Medientechnologie, den Kodex. Die heiligen Schriften wurden nicht mehr, wie in Israel und auch noch zu Jesu Zeiten, in Rollen aufbewahrt, sondern in einzelne B\u00f6gen zu B\u00fcchern zusammengebunden. \u00dcber eintausend Jahre lange mussten diese B\u00fccher zur Vervielf\u00e4ltigung m\u00fchsam abgeschrieben werden. Ein weiterer Einschnitt stellte erst die Erfindung des Buch<em>drucks<\/em> mit beweglichen Lettern durch Johannes Gutenberg um 1450 dar. In <em>Die Druckmacher \u2013 Wie die Generation Luther die erste Medienrevolution entfesselte <\/em>(C.H. Beck, 2022) stellt Thomas Kaufmann die Reformation als mediengeschichtliches Ereignis dar. Der Professor f\u00fcr Kirchengeschichte in G\u00f6ttingen beschreibt in seinem neuen Buch ausf\u00fchrlich die enge Verzahnung von Produktionsvorg\u00e4ngen, theologischen Inhalten, verlegerischen Entscheidungen und gesellschaftlichen Folgen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignleft wp-image-19620\" src=\"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/Bild1.jpg\" alt=\"\" width=\"228\" height=\"350\" srcset=\"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/Bild1.jpg 304w, https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/Bild1-196x300.jpg 196w\" sizes=\"(max-width: 228px) 100vw, 228px\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Idee hinter Gutenbergs Erfindung war ebenso einfach wie genial. Auf einmal konnten interessante Texte in deutlich h\u00f6herer Zahl als fr\u00fcher dauerhaft verf\u00fcgbar gemacht werden. Die nach Bildung Strebenden griffen diese Erfindung sofort auf, da ihr Eigenstudium deutlich erleichtert wurde. Kaufmann spricht von der \u201eAutonomisierung der Bildungsprozesse\u201c und nennt als Beispiel Ulrich Zwingli, der gerade einmal ein halbes Jahr Theologie studiert hatte, sich aber dank der gedruckten B\u00fccher st\u00e4ndig autodidaktisch weiterbilden konnte. Der sp\u00e4tere Z\u00fcrcher Reformator war \u201eein leidenschaftlicher Buchk\u00e4ufer und \u2013besitzer und ein emsiger Leser\u201c. Er geh\u00f6rte zu den ersten von Kaufmann \u201ePrinting Natives\u201c (in Anspielung an die heutigen Digital Natives) Genannten. Etwa eine Generation nach der Erfindung Gutenbergs geboren wuchsen sie schon in einer Kultur des gedruckten Buches auf und nutzten die neuen M\u00f6glichkeiten zielorientiert aus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Vergleich zu heute muten die Anf\u00e4nge des Buchdrucks nat\u00fcrlich bescheiden an. Meist wurden in den ersten Jahrzehnten nur wenige hundert Exemplare eines Werks gedruckt. Vor allem das Papier war noch recht teuer und machte rund die H\u00e4lfte der Produktionskosten aus. Dennoch entwickelte sich z\u00fcgig ein \u201egemeinsamer kultureller Kommunikations- und Erfahrungsraum\u201c, so Kaufmann, denn nun konnte recht zeitnah \u00fcber Politisches, Entdeckungen oder Naturereignisse berichtet werden. Auch die \u201eT\u00fcrkenfurcht\u201c, die Bedrohung durch die Osmanen, wurde durch den Buchdruck verst\u00e4rkt bzw. als europaweites Ph\u00e4nomen erst geschaffen. Diese wiederum regte den Absatz von Ablassbriefen an: \u201eGro\u00dfe Ablasskampagnen [\u2026] setzten eine starke Nachfrage nach Druckauftr\u00e4gen in Gang: Ablassbriefe, p\u00e4pstliche Bullen, Summarien und Instruktionen in k\u00fcrzeren und l\u00e4ngeren, lateinischen der volksprachlichen Versionen, Werbeplakate und anderes mehre wurden ben\u00f6tigt [\u2026]. Der Ablassvertrieb brachte den Buchdruck in Schwung und f\u00f6rderte den Ausbau einer typographischen Infrastruktur.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Kirche Roms nutzte also den Buchdruck auf allen Ebenen. Auch im katholischen Europa wurden von Anfang an zahlreiche B\u00fccher gedruckt. Aber die Beziehung der Kirche zum gedruckten Wort blieb ambivalent. Einerseits, so Papst Leo X in der Bulle <em>Inter sollicitudinis<\/em> aus dem Jahr 1515, sei die Buchdruckerkunst \u201edurch Gottes Gnade und Wohlwollen\u201c erfunden worden und schaffe gro\u00dfen Nutzen, doch stehen dem andererseits unabsehbare Gefahren gegen\u00fcber, da gerade \u00dcbersetzungen in die Volkssprache gr\u00f6\u00dfte \u201eVerirrungen\u201c im Glauben und Leben anrichten k\u00f6nnen. Noch im 15. Jahrhundert setzten die Bestrebungen des Papsttums zur Zensur ein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In den Augen der deutschen Humanisten wie Conrad Celtis gereichte die Erfindung des Buchdrucks vor allem Deutschland zu Ehre: \u201eMit dem Buchdruck [\u2026] habe das viel geschm\u00e4hte \u2018Barbarenland\u2019 n\u00f6rdlich der Alpen den Anschluss an das Kulturniveau der Antike und seiner zeitgen\u00f6ssischen Erben gefunden\u201c, so Kaufmann. Johannes Cochl\u00e4us war nun stolz darauf, dass die Deutschen nun als \u201enicht stumpfer und weniger erfinderisch scheinen als irgendein Volk\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Martin Luther ging noch weiter und r\u00fcckte laut Kaufmann \u201edie technische Errungenschaft der mechanischen Textreproduktion in einen heilsgeschichtlichen Horizont: Ohne den Buchdruck sei keine Erkenntnis und Wissenschaft, keine Kunst, kein Fortbestand der Kultur und der Sprachen m\u00f6glich. Auch das Evangelium sei an Buch und Schrift gebunden.\u201c In den Worten des Reformators: \u201eDer Buchdruck ist das letzte und zugleich gr\u00f6\u00dfte Geschenk, durch das Gott dem ganzen Erdkreis die Sache der wahren Religion am Ende der Welt bekannt gemacht und in alle Sprachen ausgegossen hat. Er ist gewiss die letzte, unausl\u00f6schliche Flamme der Welt.\u201c In diese Richtung \u00e4u\u00dferten sich auch Konrad Pellikan in Basel oder Theodor Bibliander in Z\u00fcrich: \u201eChristus habe in Stra\u00dfburg durch Gutenberg das Druckhandwerk erfinden lassen, um \u2018den Anschl\u00e4gen des p\u00e4pstlichen Antichristen mit der gewisse g\u00f6ttlichen Kunst, B\u00fccher zu drucken\u2019, entgegenzutreten.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch f\u00fcr das konfessionelle Luthertum des 17. Jahrhunderts bestand \u201ein dem bald erwarteten Niedergang des Papsttums [\u2026] der eigentliche Sinn des Buchdrucks\u201c. Kaufmann teilt dieses vereinfachende \u201ekonfessionspolemisch-antikatholische Narrativ\u201c jedoch nicht und versucht hingegen den breiteren Kontext zu erl\u00e4utern, der dann im Ergebnis dem Protestantismus starken Auftrieb gab. Eine wichtige Rolle spielte die Tatsache, dass schon vor dem Beginn der Reformation sich das Erlernen von Latein, Griechisch und Hebr\u00e4isch als Schl\u00fcsselkompetenz etablierte. 1506 erschien die lateinische Grammatik der hebr\u00e4ischen Sprache <em>De rudimentis hebraicis <\/em>des gro\u00dfen Humanisten Johannes Reuchlin. Mit ihr lernten Luther wie auch Karlstadt und Zwingli als Autodidakten das Hebr\u00e4ische; durch Reuchlins Hebraica-Werke konnte sich die biblische Sprache als Lehrfach an den Universit\u00e4ten durchsetzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr die Reformation war nat\u00fcrlich auch Erasmus von Rotterdams <em>Novum Instrumentum<\/em>, die griechisch-lateinische Ausgabe des Neuen Testaments von 1516, von grundlegender Bedeutung. Schon die erste Ausgabe dieses neuartigen Werks war ein enormer Erfolg; nur drei Jahr sp\u00e4ter folgte eine \u00fcberarbeitete Neuauflage. Die eigene \u00dcbersetzung des griechischen Text ins Lateinische in parallelen Kolumnen, exegetische Kommentare und Textkritik, d.h. Angaben zur \u00dcberlieferung des Textes, machten, so Kaufmann, \u201ediese Neuausgabe der heiligsten Texte der Christenheit zu einem verwegenen, fundamental autorit\u00e4tskritischen und insofern spektakul\u00e4ren Buch.\u201c Der damals \u00fcbliche lange Titel des Buches m\u00fcndete in einen Appell des Humanisten an den Leser: \u201eDu, der du die Theologie liebst, lies, erkenn und dann urteile. Wenn du auf etwas Ge\u00e4ndertes st\u00f6\u00dft, nimm nicht sogleich Ansto\u00df, sondern ermesse, ob nicht zum Besseren ge\u00e4ndert wurde.\u201c<\/p>\n<div id=\"attachment_19621\" style=\"width: 464px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-19621\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-19621 size-full\" src=\"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/Bild2.jpg\" alt=\"\" width=\"454\" height=\"245\" srcset=\"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/Bild2.jpg 454w, https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/Bild2-300x162.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 454px) 100vw, 454px\" \/><p id=\"caption-attachment-19621\" class=\"wp-caption-text\">Seite aus der Ausgabe des Neuen Testaments von Erasmus<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erasmus schrieb f\u00fcr seine Ausgabe des Neuen Testaments mehrere Vorreden wie z.B. die <em>Paraclesis<\/em> oder \u201eErmahnung\u201c, die sp\u00e4ter in deutscher \u00dcbersetzung einzeln gedruckt wurde und die, wie Kaufmann schreibt, \u201ealle Christenmenschen, Kleriker wie Laien beiderlei Geschlechts, zur Bibellekt\u00fcre aufforderte\u201c. Erasmus w\u00fcnschte: \u201eWenn doch der Bauer mit der Hand etwas davon [sc. der Bibel] vor sich s\u00e4nge, der Weber etwas davon mit seinem Schiffchen im Takt vor sich summte und der Wanderer mit Erz\u00e4hlungen dieser Art seinen Weg verk\u00fcrzte.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDass man durch das Lesen gedruckter B\u00fccher Gottes- und Heilserfahrung machen konnte, war ein der lateineurop\u00e4ischen Christenheit schon vor der Reformation gel\u00e4ufiger Gedanke\u201c, fasst Kaufmann zusammen. Das Medium gedrucktes Buch machte aber auch lebhafte literarische Kontroversen m\u00f6glich. Der Historiker schildert ausf\u00fchrlich den \u201eJudenb\u00fccherstreit\u201c um Reuchlin, den der Konvertit Johannes Pfefferkorn mit seinem <em>Handspiegel<\/em> von 1511 entz\u00fcndete \u2013 im Heiligen r\u00f6mischen Reich \u201edas erste Medienevent der Gutenberg-\u00c4ra\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Viel Aufmerksamkeit widmet Kaufmann nat\u00fcrlich dem Beginn der Reformation und dem Zeitraum bis 1525. Mit seinen 95 Thesen vom Oktober 1517 suchte Luther selbst wohl noch nicht eine Breitenwirkung, aber die fr\u00fchen Thesendrucke wie in N\u00fcrnberg und Basel machten den Streit um den Ablass zum Gespr\u00e4ch im Reich und auch in anderen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern (so schickte Erasmus die Baseler Ausgabe nach England). Ohne die Druckerpresse w\u00e4re der Reformationsfunke wohl sogleich erloschen. Ob Zufall oder nicht \u2013 hilfreich war in jedem Fall, dass die 95 lateinischen Thesen genau auf einen Druckbogen passten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ablassprediger Johannes Tetzel antwortete auf Luther mit seiner Replik, den 106 Thesen. Im Fr\u00fchjahr 1518 folgte Luthers <em>Sermon von Ablass und Gnade<\/em>, dessen geringer Umfang (der Satz passte auch auf einen Druckbogen) eine hohe Auflage und weite Verbreitung beg\u00fcnstigte. In den Augen Kaufmanns hat der Sermon als \u201eein in publizistischer Hinsicht geniales Werk\u201c zu gelten. \u201eMit dieser ersten Erfolgsschrift hat Luther gewiss weitaus mehr Menschen erreicht als jeder seiner Zeitgenossen.\u201c Tetzel reagierte hier ebenfalls mit einem volkssprachlichen Traktat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Luthers Werke erreichten auch Rom, wo Sylvester Prierias sich in die Debatte einschaltete. Luther Reaktion war prompt und ohne falschen Respekt. Schon 1520 hatte die publizistische Auseinandersetzung mit Vertretern Roms eine gro\u00dfe Sch\u00e4rfe erreicht. Schon zuvor hatten Johannes Eck und Luthers Wittenberger Kollege Andreas Bodenstein von Karlstadt eine literarische Debatte gef\u00fchrt, in die sich dann auch Luther selbst einschaltete. Die Leipziger Disputation im Sommer 1519, an der die drei teilnahmen, war so publizistisch vorbereitet wie noch keine akademische Debatte zuvor.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ganz anders als Rom zielten die Reformatoren schon damals auch auf den m\u00fcndigen Laien, dem auch in theologischen Fragen eine gewisse Kompetenz zugesprochen wurde. Dabei gingen sie noch viel weiter als Erasmus und andere Humanisten. Kaufmann f\u00fchrt aus: \u201eDie theologische \u00dcberzeugung der Wittenberger, dass die Laien als Urteilsinstanz nicht \u00fcbergangen werden durften, lie\u00df es als geradezu zwingend erscheinen, permanent zu publizieren. Die theologische Idee des \u2018Priestertums aller Gl\u00e4ubigen\u2019 war exakt die Kirchen- und Sozialtheorie, die dem durch das Printmedium herausgef\u00fchrten kommunikationskulturellen Wandel entsprach.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In publizistischer Hinsicht war 1520 ein entscheidendes Jahr f\u00fcr die Reformation. Insgesamt 28 Schriften aus Luthers Feder mit einem Gesamtvolumen von 1004 Seiten gingen in den Druck, darunter die sog. \u201ereformatorischen Hauptschriften\u201c. In dem Jahr \u201eschrieb Luther geradezu um sein Leben\u201c, so Kaufmann. Ohne die gro\u00dfen Texte des Jahres \u201ew\u00e4re die \u2018die reformatorische Bewegung\u2019 und schlie\u00dflich die Reformation selbst schwerlich zustande gekommen.\u201c Vor allem <em>De captivitate Babylonica ecclesiae<\/em> war ein Schl\u00fcsseldokument, da sich an Luthers Sicht der Sakramente die Geister schieden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im kommenden Jahr folgte Luthers Vorladung zum Wormser Reichstag. Seine Standhaftigkeit vor Kaiser und Kardinal Aleander wurde schon damals durch das Druckmedium zum Gespr\u00e4ch in weiten Teilen Europas. Kaufmann zu Luther in Worms: \u201eMehr als hundert Drucke sind aus diesem Anlass erschienen; durch keinen anderen Sachverhalt ist Luther so bekannt geworden wie durch diesen. Niemals seit Gutenberg war \u00fcber ein Ereignis zeitn\u00e4her und dichter geschrieben, berichtet, publiziert worden. In Worms stand neben der Person des Ketzers sein gedrucktes Schrifttum vor dem Gericht des Reiches [\u2026].\u201c Aleander war bewusst, dass vor allem Luthers Ideen aus der Welt geschafft werden m\u00fcssen, weshalb die vielleicht wichtigste Anordnung des Wormser Edikts auf die Vernichtung der B\u00fccher Luthers und das Verbot des Druckes abzielte. Doch wirkungsvolle Mechanismen f\u00fcr die Umsetzung dieser Ma\u00dfnahmen gab es nicht. Im f\u00f6deral gegliederten Reich waren neue Ideen nicht mehr aufzuhalten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Titel von Kaufmanns Buch spricht bewusst von der \u201eGeneration Luther\u201c, betrachtet also auch das publizistische Wirken anderer Reformatoren wie z.B. im Kapitel \u201eLagerbildung in der reformatorischen Bewegung\u201c. Kaufmann geht n\u00e4her auf Luthers Kollegen Karlstadt ein, der w\u00e4hrend Luthers Monaten auf der Wartburg der nat\u00fcrliche Anf\u00fchrer der Reformbewegung in der Stadt war. Der Professor legte Anfang 1522 in einer dann auch gedruckten Predigt eine umfassende Begr\u00fcndung f\u00fcr die Entfernung der Bilder aus den Kirchen dar, die von der Obrigkeit angeordnet worden war. Zu einem \u201eBildersturm\u201c, wie oft behauptet, war es in der Stadt also gar nicht gekommen, weshalb eher von \u201eBilderentfernung\u201c zu reden ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Luther kehrte im M\u00e4rz zur\u00fcck und nutzte die Situation, so Kaufmann, um den \u201ezur Subordination nicht bereiten Kollegen Karlstadt zu inkriminieren und zu isolieren.\u201c Luthers Version der Vorg\u00e4nge setzte sich durch und fand nat\u00fcrlich wieder in gedruckten Texten Niederschlag. \u201eDer ordnungsstiftende Reformator sei chaotisch-aufr\u00fchrerischen Fehlentwicklungen, zu denen es unter der F\u00fchrung Karlstadt in seiner Abwesenheit gekommen sei, kraftvoll entgegengetreten und habe das Ruder herumgeworfen.\u201c Kaufmann h\u00e4lt dieses Narrativ so nicht f\u00fcr haltbar. Luthers \u201eliterarischer Vernichtungsschlag gegen Karlstadt\u201c, seinen in Luthers Worten \u201eh\u00f6chsten Feind\u201c, stellte dann die Schrift <em>Wider die himmlischen Propheten<\/em> aus dem Jahr 1525 dar.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Druckwesen f\u00fchrte aber unweigerlich zu einer dauerhaften Pluralit\u00e4t der Auslegungen und Lehrauffassungen. Auch die Zahl der Autoren, \u201edie nun die publizistische B\u00fchne betraten, vermehrte sich sprunghaft\u201c, so Kaufmann. Karlstadt wurde zwar in Wittenberg, das er bald verlassen musste, gleichsam ge\u00e4chtet, erzielte aber mehr Wirkung im S\u00fcden Deutschlands. In Z\u00fcrich ver\u00f6ffentlichte Ludwig H\u00e4tzer (bald ein wichtiger Vertreter der T\u00e4uferbewegung) 1523 die am weitesten verbreitete Schrift zu Bilderfrage. In diesen Jahren ver\u00f6ffentliche in der Schweizer auch Zwingli zahlreiche Werke, allein 1522 sieben Schriften.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kaufmann geht auch auf Thomas M\u00fcntzer und den radikalen Fl\u00fcgel der Reformation sowie die Bauernaufst\u00e4nde ein. Er weist darauf hin, dass die <em>Zw\u00f6lf Artikel gemeiner Bauernschaft <\/em>\u201eeiner der meistgedruckten Text der Zeit \u00fcberhaupt\u201c waren. Seine breite Rezeption schufen \u201eerst jenen Zusammenhang, der es sinnvoll und m\u00f6glich macht, von <em>dem <\/em>Bauernkrieg zu sprechen.\u201c Anfangs dem Anliegen der Bauern wohlwollend gegen\u00fcber versch\u00e4rfte Luther wegen Gewaltausbr\u00fcchen seinen Ton und sprach in <em>Wider die r\u00e4uberischen und m\u00f6rderischen Rotten der Bauern<\/em> vom \u201eWerk des Teufels\u201c. \u201eLuthers eigenen Agieren im Bauernkrieg erzeugte vor allem unter den oberdeutschen Anh\u00e4ngern der Reformation den Eindruck, dass Gott ihn wegen seiner Hoffart \u2018den wahrhaftigen geyst entzogen\u2018 habe\u201c, so Kaufmann. Dieser \u201epublizistisch induzierte Imageschaden\u201c war nicht mehr zu korrigieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Buchdruck f\u00fchrte die Streitkultur auf ein neues Niveau, was in Kaufmanns Buch gut deutlich wird. Der Autor zusammenfassend: \u201eDer unabl\u00e4ssige literarische Wortwechsel, die gleichsam auf bedrucktem Papier gef\u00fchrte Dauerdisputation wurde im Zuge der Reformation zu einem Kennzeichen der theologischen Diskurskultur \u2013 zwischen den sich ausformenden konfessionellen Lagers, aber auch innerhalb derselben.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein weiteres wichtiges Ergebnis der ersten Medienrevolution war der Auftrieb f\u00fcr nationale Sprachkulturen. Volkssprachliche Drucke erlangen immer h\u00f6heren Anteil an der Gesamtproduktion. Damit verbunden stieg der des Lesens kundige Bev\u00f6lkerungsanteil. Als neues Genre entstanden Gesangb\u00fccher f\u00fcr die Gemeindeglieder. Sie und zahlreiche Katechismen, von denen in der Reformationsepoche insg. \u00fcber 700 deutsche und knapp 800 lateinische Ausgaben erschienen, gelangten in die H\u00e4user der Gl\u00e4ubigen. Auf ein breites Lesepublikum zielte auch Luthers \u00dcbersetzung des Neuen Testaments von 1522. Seine Vorreden auf die einzelnen B\u00fccher darin zielten ebenfalls auf die Laien. \u201eBis zu Luthers Todesjahr lagen dann \u00fcber vierhundert Voll- und Teilausgaben seiner \u00dcbersetzung vor \u2013 etwa eine halbe Million Exemplare\u201c, so Kaufmann. Die Bibel wurde zu einem religi\u00f6sen Volksbuch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gedruckte B\u00fccher sind Wissensspeicher. In Kompendien und Enzyklop\u00e4dien, Predigtsammlungen und Traktaten, Flugbl\u00e4ttern und theologischen Kommentaren wurden Ideen verschiedenster Art \u2013 ob orthodox oder h\u00e4retisch, traditionell oder fremdartig \u2013 verschriftlicht und aufbewahrt. \u201eWar das Fremde erst bibliothekarisch eingelagert, konnte es allerlei unerwartete, eigenst\u00e4ndige Wirkungen entfalten\u201c, stellt Kaufmann fest. Er nennt das Beispiel von Calvins Zeitgenossen und Gegner Sebastian Castellio, der in seiner Schrift gegen die Ketzerverfolgung von 1554 Texte zusammenstellte, die die T\u00f6tung von Ketzern zur\u00fcckwiesen \u2013 darunter Zitate aus Luthers <em>Von weltlicher Obrigkeit<\/em> oder auch von Calvin. Einmal gedruckte Ideen bleiben in der Welt und k\u00f6nnen Jahre oder gar Jahrhunderte ungewohnte Resonanz in neuen Kontexten finden. Dies gilt f\u00fcr die Idee der Toleranz oder des \u201eallgemeinen Priestertums\u201c wie auch f\u00fcr Luthers antij\u00fcdische Schriften, die bald in Vergessenheit gerieten und dann erst wieder Ende des 19. Jahrhunderts auf breites Echo stie\u00dfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kaufmanns Buch ist \u2013 dem Thema entsprechend \u2013 sehr ansprechend gestaltet. Zahlreiche Illustrationen zeigen die im Text besprochenen Werke. Hat man sich an die manchmal etwas abgehobene Sprache des Professors gew\u00f6hnt, ist <em>Die Druckmacher<\/em> ein echtes Lesevergn\u00fcgen. Man h\u00e4tte sich gew\u00fcnscht, dass Kaufmann sich ein wenig ausf\u00fchrlicher zur Frage ge\u00e4u\u00dfert h\u00e4tte, welche Erkenntnisse f\u00fcr die Gegenwart und das Leben in der zweiten, der digitalen Medienrevolution zu gewinnen w\u00e4ren. In Einleitung und Epilog bleibt der Autor nur sehr skizzenhaft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In <em>Wir am\u00fcsieren uns zu Tode<\/em> (1985) grenzt Neil Postman das \u201eZeitalter der Er\u00f6rterung\u201c, das der Buchdruck hervorbrachte, scharf vom \u201eZeitalter des Showbusiness\u201c ab, das durch das Fernsehen entstand. Kaufmann hilft, diesen Eindruck des radikalen Kontrastes zu verfeinern, denn bei allen offensichtlichen Unterschieden zwischen den Medienzeitaltern zeigen sich eben auch nicht wenige Parallelen und \u00fcberraschende Kontinuit\u00e4ten. So verbinden wir heute Geschwindigkeit mit dem blitzschnellen Internet und der digitalen Revolution. Doch schon im 16. Jahrhundert publizierten die Reformatoren und andere teilweise \u00e4u\u00dferst schnell. Luther z.B. (wie Kaufmann selbst nachwies) gab manchmal Manuskriptteile schon in den Satz, bevor er ein Werk abgeschlossen hatte, d.h. die Produktion des Buchs in der Druckerei begann schon vor der Fertigstellung des eigentliches Textes. Die Generation Luther f\u00fchlte genau den Puls der Zeit und reagierte m\u00f6glichst z\u00fcgig auf die immer neuen Herausforderungen. Von der ersten Medienrevolution gibt es heute noch viel zu lernen. <em>Der Druckmacher<\/em> hilft dabei.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Holger Lahayne<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Quelle: <a href=\"http:\/\/www.lahayne.lt\/\">lahayne.lt<\/a> (zuerst erschienen auf <a href=\"https:\/\/www.evangelium21.net\/media\/3633\/das-groesste-geschenk-gottes\">evangelium21.net<\/a>)<\/p>\n<div class=\"details\">\n<p>Kaufmann, Thomas<br \/>\n<strong>Die Druckmacher &#8211; Wie die Generation Luther die erste Medienrevolution entfesselte<\/strong><br \/>\nC.H.BECK, 2022, 350 S. mit 61 Abbildungen und 1 Karte, 28,00 Euro<br \/>\nISBN 978-3-406-78180-3<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"details technical-data\">\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Technologische Entwicklungen sind eng mit der Kirchen- und Heilsgeschichte verbunden. Letztlich hat dies auch einen theologischen Grund: Gott benutzt menschliche Kommunikationstechnologien wie W\u00f6rter und menschliche Schrift, um sich zu offenbaren. Als die Hebr\u00e4er in \u00c4gypten waren, lernten sie offensichtlich das protosemitische Alphabet kennen. 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