{"id":19604,"date":"2023-01-24T17:47:52","date_gmt":"2023-01-24T16:47:52","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=19604"},"modified":"2023-01-25T12:50:05","modified_gmt":"2023-01-25T11:50:05","slug":"die-wahrheitsfrage-ist-nicht-zu-verabschieden-zur-relativierung-von-wahrheit-in-zeiten-von-fake-news-und-cancel-culture","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=19604","title":{"rendered":"Die Wahrheitsfrage ist nicht zu verabschieden &#8211; Zur Relativierung von Wahrheit in Zeiten von Fake News und Cancel-Culture"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Einst fragte schon Pilatus Jesus: \u201eWas ist Wahrheit?\u201c (Joh 18,38). Das war damals freilich eine rhetorische Frage, ja geradezu eine abweisende Antwort \u2013 denn zuvor hatte Jesus zu ihm gesagt: \u201eIch bin dazu geboren und in die Welt gekommen, dass ich die Wahrheit bezeugen soll. Wer aus der Wahrheit ist, der h\u00f6rt meine Stimme.\u201c Zu gl\u00e4ubig-aufgeschlossenem H\u00f6ren ist v\u00f6llige Taubheit allerdings nicht die Alternative \u2013 hei\u00dft es doch bereits zu Beginn des Jo\u00adhannesevangeliums, der in der Person Jesu auf dieser Welt erschienene <em>logos<\/em> erleuchte alle Menschen (1,9). Aus solch vorl\u00e4u\u00adfiger Erleuchtung resultiert also zumindest ein Ahnen, eine bewusste oder unbewusste Sehnsucht nach tiefgreifender Wahrheit.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kein Geringerer als der Aufkl\u00e4rungsphilosoph Immanuel Kant hat in seiner Ver\u00adnunft\u00adkri\u00adtik dargelegt, dass die letzten Fragen, die metaphysische Ahnung, ja im Grunde die Wahr\u00adheits\u00adfrage schlechthin der menschlichen Vernunft selbst innewohnt, mithin keines\u00adwegs etwas Irra\u00adtionales darstellt. Nur sind \u2013 das ist laut Kant die andere Seite der Medaille \u2013 die Ant\u00adwor\u00adten auf solch h\u00f6chst legitimes Fragen hin noch nicht objektiv gegeben, so dass es in dieser Hin\u00adsicht beim \u2013 freilich m\u00f6glichst durchdachten \u2013 Glauben bleiben muss.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Inzwischen ist die postmoderne Relativierung von Wahrheit im Sinne eines gegebenen Plu\u00adralismus von Teil- oder subjektiven Wahrheiten weithin kulturpr\u00e4gend gewor\u00adden. Doch tr\u00e4gt sie einen grunds\u00e4tzlichen, ja fatalen Denkfehler in sich: Sie beansprucht just die absolute Wahrheit ihrer Relativierungsthese. Damit erweist sich ihr Anschein v\u00f6lliger Toleranz bei n\u00e4herem Hinsehen als tr\u00fcgerisch: Im Gegenteil entpuppt sich hier ein steiler, ge\u00adradezu tota\u00adlit\u00e4r anmutender Wahrheitsanspruch. Wer ihn infrage zu stellen wagt, muss gleich\u00adsam mit der Exkommunikation aus den g\u00e4ngigen Debattenzirkeln rechnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Namentlich in geisteswissenschaftlichen Zusammenh\u00e4ngen hat sich l\u00e4ngst eine <em>Cancel Cul\u00adture<\/em> breit gemacht \u2013 und zwar auch in Theologie und Kirche. Unausgesprochene oder gar explizite Gesinnungsdiktate und steile Wahrheitsanspr\u00fcche kennzeichnen immer mehr das Verhalten von Leitungsebenen, Gemeindezirkeln, Redaktionen und Akademien. So aber rela\u00adtiviert sich gesamtgesellschaftlich der Wahrheitspluralismus auf die Dauer selbst. Die Frei\u00adheitsforscherin Ulrike Ackermann erkl\u00e4rt in ihrem Buch \u201eDie neue Schweige-Spirale\u201c (2022): In den Sozial-, Geistes- und Kulturwissenschaften hat sich \u00fcber die Jahrzehnte ein Main\u00adstream \u201eetabliert, der abweichende Positionen und Meinungen an den Rand dr\u00e4ngt oder mora\u00adlisch sanktioniert. Immer h\u00e4ufiger z\u00e4hlt nicht mehr das vorgetragene Argument\u2026 Und der Pluralismus, der die Vielf\u00e4ltigkeit der Perspektiven in Forschung und Lehre garantieren soll, schwindet rapide. Wenn heute von Diversit\u00e4t die Rede ist, geht es nicht mehr um die Diversi\u00adt\u00e4t der Standpunkte, sondern um die Diversit\u00e4t der Herkunft, der Hautfarbe, des Ge\u00adschlechts oder der Religion.\u201c Wobei zu erg\u00e4nzen und zu pr\u00e4zisieren w\u00e4re: im Konkreten auch der Kon\u00adfession oder der jeweiligen religi\u00f6sen Zirkel\u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Digitalisierung hat diese Entwicklung gef\u00f6rdert, indem sie namentlich im Bereich der <em>Social Media<\/em> immer mehr zu \u201e(Filter\u2011)Blasen\u201c f\u00fchrt. Allenthalben nehmen die geistigen und politischen Ab- und Ausgrenzungen sichtlich zu. Die je eigene Wahrheit wird oft narzisstisch absolutgesetzt \u2013 und zwar derart, dass die Behauptung anderer oder gegenteiliger Wahrheiten geradezu als Verletzung empfunden und wom\u00f6glich sanktioniert wird. Umgekehrt besteht dann stets die Versuchung, unliebsame Wahrheiten als <em>Fake News<\/em> abzutun. Ackermann be\u00adobach\u00adtet, dass im akademischen Betrieb \u201ewie in anderen gesellschaftlichen Feldern eine sachlich-sachgerechte Auseinandersetzung zunehmend von Moral und Emp\u00f6rung \u00fcberlagert wird.\u201c Im Kleinen wie im Gro\u00dfen nehmen mehr oder weniger kriegerische Gesinnungen weltweit zu. Man h\u00e4lt das pluralistische Nebeneinander von Wahrheiten eben doch kaum noch aus. Das Zeitalter der Postmoderne scheint sich dem Ende zuzuneigen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und das hat mit dem eingangs genannten Denkfehler der pluralistischen Wahrheitsthese zu tun: Wie bei einem nicht ganz richtig funktionierenden Automotor kommt man mit dem Ge\u00adf\u00e4hrt vielleicht noch eine ganze Strecke weit, aber immer mehr zeigt sich sein Versagen. Die T\u00fccke der postmodernen Wahrheitsrelativierung erweist sich heute als schmerzlich zu er\u00adfah\u00adrende Realit\u00e4t: Ohne Wahrheit kann der Mensch nicht leben, und Wahrheit muss nun einmal wahr sein, also gelten, sich bew\u00e4hren \u00fcber die jeweilige Subjektivit\u00e4t und ihren Er\u00adfahrungs\u00adbereich hinaus. Freilich kann und sollte man rationalisierend anerkennen, dass es ganz unter\u00adschiedliche Wahrheitsanspr\u00fcche auf der Welt gibt und sie \u201edemokratisch\u201c und tolerant im Nebeneinander bestehen k\u00f6nnen m\u00fcssen \u2013 ja im Miteinander, insofern sich dem Philosophen J\u00fcrgen Habermas zufolge Wahrheit erst erschlie\u00dft in der Auseinandersetzungen mit \u201eden vie\u00adlen Wahrheiten\u201c. Gerade die christliche Offen\u00adbarungsreligion hat dies insofern anzuerken\u00adnen, als ja die Offenbarung in Jesus Christus noch keine uni\u00adversale ist, die allge\u00admeine Ein\u00adsicht und Zustimmung fordern k\u00f6nnte; vielmehr ist sie einst\u00adweilen auf Glauben, auf Vertrauen aus, bis am Ende der Zeit die wirklich universale Offen\u00adbarung des Gottesreiches allen Zwei\u00adfeln ein Ende setzen wird. Gleichwohl beansprucht die christliche Kirche \u00e4hnlich wie viele andere Religionen und Philosophien die Wahrheit, also Verl\u00e4sslichkeit ihrer Bot\u00adschaft, die allerdings im Sinne der g\u00f6ttlichen Liebe nicht nur eine Lehr-Wahrheit ist, sondern auf Jesu Wort setzt: \u201eIch bin die Wahrheit\u201c (Joh 14,6).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Annahme der Exklusivit\u00e4t der jeweils erkannten, behaupteten und beanspruchten Wahr\u00adheit, also die Distanzierung von ihr widersprechenden Aussagen geh\u00f6rt eigentlich zu ihrer Natur. Das habe ich in meinem Buch \u201eDie Wahrheit ist exklusiv\u201c dargelegt. Gleichwohl muss Wahrheit dialogisch zur Disposition gestellt und in ihrer Strittigkeit ausgehalten werden. Das aber funktioniert nur in der Hoffnung, dass sich die Wahrheit am Ende durchsetzen wird \u2013 sowohl im Kleinen der individuellen Lebenserfahrung als auch im Gro\u00dfen, theologisch ausge\u00addr\u00fcckt: im Endgericht und der universalen Offenbarung des drei\u00adeinen Gottes. Wo es eine der\u00adartige Hoffnung nicht gibt, wo sie wenig oder keine Luft zum Atmen bekommt, dort ist mit Weisheit und Geduld kaum zu rechnen; denn da muss der Er\u00adweis der Wahrheit jetzt schon sichergestellt und gegebenenfalls wom\u00f6glich erzwungen wer\u00adden. Das Fehlen von Hoffnung macht intolerant.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Solcher Hoffnungsmangel ist aber die logische Implikation jeder nihilistischen Weltan\u00adschau\u00adung. Denn Nihilismus beruht auf der Negation letzter Wahrheiten \u2013 au\u00dfer eben der, dass diese Negation im Recht und wahr sei. Friedrich Nietzsche hat das begriffen und bis in den Wahn\u00adsinn hinein zu durchdenken versucht; er be\u00adtrachtete den Gottesge\u00addan\u00adken als \u201eeine viel zu ex\u00adtreme Hypo\u00adthese\u201c, die abzul\u00f6\u00adsen sei durch eine andere, n\u00e4mlich <em>um\u00adgekehrte<\/em>: \u201edie Um\u00adschaf\u00adfung des Teu\u00adfels in Gott\u201c. Jesus bezeichnete bekanntlich den Teufel als den \u201eVater der L\u00fcge\u201c (Joh 8,44). Dem entspricht es, dass Nietzsche fordern konnte: \u201eWir m\u00fcssen die L\u00fcge, den Wahn und Glauben, die Ungerechtigkeit <em>heiligen.<\/em>\u201c Tats\u00e4chlich nahm er in Abwandlung g\u00e4n\u00adgiger metaphysischer Denkmodelle im Urwesen aller Dinge etwas T\u00e4u\u00adschendes und N\u00e4r\u00adri\u00adsches an; als Ge\u00adsch\u00f6pfe dieses g\u00f6ttlichen (Un-)Wesens h\u00e4tten wir, wie Nietzsche folgert, irgendwie an sei\u00adnem betr\u00fc\u00adge\u00adri\u00adschen Grund-Willen An\u00adteil, so dass wir uns am Ende sogar durchaus selber be\u00adtr\u00fcgen <em>woll\u00aden<\/em>. Auf diese Weise hat er den Wahrheitsbegriff nachhaltig untergraben und explizit versucht, die L\u00fcge in den Himmel zu heben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Fatale am nihilistischen Denken ist freilich, dass es impliziert: Ob es zurecht Wahrheit beansprucht, wird es nie erfahren. Denn wenn der Tod alles verschlingt und es keine ewige Wahrheit gibt, bleibt am Ende entweder nur ein ewiger g\u00f6ttlich-teuflischer Wahnsinn ohne wirkliche Klarsicht \u00fcbrig \u2013 oder eben das absolute Nichts. Dabei muss es dem Nihilisten ja sogar gleichg\u00fcltig sein, ob er die Wahrheit seiner Anschauung erfahren wird, weil er ohnehin an keine \u201eletzte\u201c Wahrheit glaubt \u2013 die triste Wahrheit seines Nihilismus nat\u00fcrlich ausge\u00adnom\u00admen. In diesem Sinn kann es beispielsweise dem russischen Pr\u00e4sidenten Putin aufgrund seiner nihilistischen Orientierung egal sein, dass der ukrainische UN-Botschafter Serhij Kyslyzja im UN-Sicher\u00adheits\u00adrat angesichts des Kriegsbeginns auf die orthodox-religi\u00f6se \u00dcber\u00adzeugung hin\u00adwies: \u201eEs gibt kein Fegefeuer f\u00fcr Kriegsverbrecher, sie kommen direkt in die H\u00f6lle.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ob nicht tats\u00e4chlich unbewusste Angst vor dem \u2013 auch theologisch extrem schwierigen \u2013 Ge\u00addan\u00adken einer ewigen H\u00f6lle die verborgene Basis f\u00fcr die Weltanschauung so mancher Nihilis\u00adten und Agnostiker darstellt? K\u00f6nnte sich sp\u00e4testens jenseits des Todes wom\u00f6glich doch eine Wahr\u00adheit offenbaren, an der die Ausrichtung des eigenen Lebens mehr oder weniger zer\u00adschel\u00adlen m\u00fcsste? Philosophisch und theologisch ist das Rechnen mit einer letzten Wahrheit jeden\u00adfalls keineswegs unsinnig, sondern im Gegenteil sehr vern\u00fcnftig. Denn ohne eine letzte, alles tra\u00adgende metaphysische Wahrheit w\u00e4re inmitten unserer verg\u00e4nglichen Welt Wahrheit kaum konsistent denkbar; ja ohne dass wir von Gott wahrgenommen w\u00fcrden, w\u00fcrde es uns gar nicht geben \u2013 so der katholische Philosoph Robert Spaemann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Folglich kommt alles darauf an, dass diese letzte Wahrheit eine positive und eben keine nihi\u00adlistische ist. Theologie und Kirche haben hier \u2013 Gott sei Dank! \u2013 Evangelium, gute Nachricht aus\u00adzurichten. Diese befreiende und froh machende Botschaft verdient es, inmitten eines zer\u00adr\u00fct\u00adteten Wahrheitsrelativismus mit neuer Leuchtkraft ausformuliert und verk\u00fcndigt zu wer\u00adden. Nicht \u201eliberale\u201c Anpassung an Schemata, die die Exklusivit\u00e4t von Wahrheit be\u00adstreiten, ist an\u00adgesagt, sondern die Affirmation der vorl\u00e4ufig noch nicht allgemein erkennbaren und doch absoluten Wahrheit ewiger g\u00f6ttlicher Liebe.<\/p>\n<p><em>Prof. Dr. Werner Thiede<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em><strong>Erstver\u00f6ffentlichung in:<\/strong> Die Tagespost Nr. 48 vom 1.12.2022, S. 25<\/em><\/p>\n<p>Hier ver\u00f6ffentlicht mit freundlicher Genehmigung des Verfassers.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em><strong>Buchhinweis:<\/strong> <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignleft wp-image-19606\" src=\"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/wahrheit.jpg\" alt=\"\" width=\"123\" height=\"186\" srcset=\"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/wahrheit.jpg 340w, https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/wahrheit-199x300.jpg 199w\" sizes=\"(max-width: 123px) 100vw, 123px\" \/>Werner Thiede: Die Wahrheit ist exklusiv. Gesammelte Aufs\u00e4tze zum interreligi\u00f6sen Dialog, 2022, 338 S., \u20ac 26, ISBN \u00a0978-3-754946-52-7<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em><a href=\"http:\/\/www.werner-thiede.de\">www.werner-thiede.de<\/a>\u00a0<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einst fragte schon Pilatus Jesus: \u201eWas ist Wahrheit?\u201c (Joh 18,38). Das war damals freilich eine rhetorische Frage, ja geradezu eine abweisende Antwort \u2013 denn zuvor hatte Jesus zu ihm gesagt: \u201eIch bin dazu geboren und in die Welt gekommen, dass ich die Wahrheit bezeugen soll. 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