{"id":1960,"date":"2008-09-02T11:07:01","date_gmt":"2008-09-02T09:07:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=1960"},"modified":"2009-09-06T12:31:00","modified_gmt":"2009-09-06T10:31:00","slug":"%e2%80%9eder-eigentliche-boom-liegt-noch-vor-uns%e2%80%9c-interview-uber-die-gefahr-von-pornographie-und-die-ausufernde-sexualisierung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=1960","title":{"rendered":"Interview \u201eDer eigentliche Boom liegt noch vor uns\u201c"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Prof. Dr. Thomas Schirrmacher: <\/strong><strong>\u201eDer eigentliche Boom liegt noch vor uns\u201c. Interview \u00fcber die Gefahr von Pornographie und die ausufernde Sexualisierung<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>pro: Herr Professor Schirrmacher, laut einem Magazinbericht verzeichnen pornographische Internetseiten mehr Zugriffe von Nutzern als Ebay, Google, Amazon und Microsoft zusammen. Wie pornographisch ist unsere Gesellschaft?<!--more--><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schirrmacher: Als die Pornographie in den 70er Jahren freigegeben wurde, war eines der Hauptargumente, da\u00df das Interesse an Pornographie schwinden werde, wenn sie legal sei und die Menschen in der Realit\u00e4t ihre Sexualit\u00e4t ausleben d\u00fcrften, wie sie wollten. Stattdessen kann sich heute jeder im Internet Vergewaltigungssequenzen, Massensex und Sex mit jeder beliebigen Tierart anschauen und sich das Sexobjekt seiner Wahl nach Haarfarbe, Nationalit\u00e4t oder Alter zusammenstellen. Die Pornographie im engeren Sinne zusammen mit leichtbekleideter Erotik hat einen Lebensbereich und Medienbereich nach dem anderen erobert und ist heute so allgegenw\u00e4rtig, da\u00df man zwangsweise an ihr teilnehmen mu\u00df, selbst wenn man sie ablehnt. Nichts geht mehr ohne sie. Wer sich die Plakatwerbung anschaut, k\u00f6nnte meinen, da\u00df Bekleidungsgesch\u00e4fte nur noch Unterw\u00e4sche und Bikinis verkaufen. Ganze Industriezweige werben fast nur mit massiver Erotik und verkaufen scheinbar die Produkte nur nebenbei. Selbst in manchen M\u00e4nnermagazinen ist die Werbung mittlerweile anz\u00fcglicher als die Bilder des redaktionellen Teils.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>pro: Erotische Darstellungen hat es in der Geschichte in allen Kulturen gegeben, l\u00e4ngst sind jedoch alle Grenzen gefallen, alles scheint m\u00f6glich. Im Fernsehen laufen immer mehr Sexfilme und \u00fcber das Internet werden auch perverseste Neigungen befriedigt. Woher kommt die enorme, beinahe grenzenlose Nachfrage nach der Darstellung von Sex?<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schirrmacher: Das hat damit zu tun, da\u00df zum einen die sexuelle Stimulanz durch Pornographie abstumpft, so da\u00df immer h\u00e4rtere Bilder und T\u00f6ne her m\u00fcssen und zum anderen damit, da\u00df intensiver Pornographiegebrauch h\u00e4ufig zur Sucht wird \u2013 hier liegt auch die eigentliche Verdienstquelle. Wissenschaftler haben 8,5 Prozent der amerikanischen Internetbenutzer als sexs\u00fcchtig eingestuft, da sie mehr als 11 Stunden pro Woche pornographisches Material im Internet studieren und nicht in der Lage sind, l\u00e4nger als 24 Stunden darauf zu verzichten. Kornelius Roth, der f\u00fchrende deutsche Sexsuchtexperte, sch\u00e4tzt die Zahl der hochgradig Sex- und Pornographieabh\u00e4ngigen in Deutschland auf 500.000.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>pro: Das alles hat Auswirkungen auf den Alltag auch von Jugendlichen. Rapper wie \u201eFrauenarzt\u201c oder \u201eSido\u201c singen von brutalen Vergewaltigungen, Jugendliche filmen Vergewaltigungen und schicken sie an Freunde, andere sehen gar Gruppenvergewaltigung als Freizeitsport an. Tabus scheint es keine mehr zu geben. Wie sehr schadet die Pornographisierung der Gesellschaft?<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schirrmacher: Pornographie ist letztlich ein Angriff auf die W\u00fcrde des Menschen und ebenso ein Wegbereiter f\u00fcr Verbrechen wie Rassenwahn. Die Geschichte hat gezeigt, da\u00df rassistische Aufrufe zu rassistischen Handlungen f\u00fchren. Zu Recht sind sie deshalb hierzulande verboten. Nazischriften f\u00fchren zu Nazihandlungen, Vergewaltigungsdarstellungen und -ges\u00e4nge zu Vergewaltigungen. Die Wirtschaft w\u00fcrde doch nicht Milliarden in erotische Werbung investieren, wenn das nicht unser Denken und Handeln beeinflussen w\u00fcrde! Das verbrecherische Boomen pornographischer P\u00e4dophilie ist ein gutes Beispiel daf\u00fcr. Der f\u00fchrende amerikanische Pornographieforscher, der Psychologieprofessor Dolf Zillmann, schreibt im 2004 erschienenen deutschen \u201eLehrbuch der Medienpsychologie\u201c: \u201eDie intensive Nutzung pornographischer Medianangebote steigert die selbst zugegebene Vergewaltigungsbereitschaft von M\u00e4nnern. Sowohl zwangsaus\u00fcbende als auch nicht zwangsaus\u00fcbende sexuelle Darstellungen haben diese Wirkung.\u201c Und: \u201eNach der intensiven Nutzung von Pornographie hielten M\u00e4nner und unerwarteterweise auch Frauen Vergewaltigung f\u00fcr ein weniger schweres Vergehen\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>pro: Die Meinungsmacher in Politik und Medien m\u00fc\u00dften sich ob derartiger Befunde doch im klaren dar\u00fcber sein, was eine ausufernde Sexualisierung ausl\u00f6st \u2013 und davor warnen, oder nicht?<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schirrmacher: Das Gegenteil ist der Fall. Wir haben es hier mit massiven Tabus zu tun! Die alten Tabus beinhalteten, da\u00df \u00fcber Sex nicht geredet wurde und schon gar nicht in der \u00d6ffentlichkeit praktiziert wird. Diese Tabus sind weitgehend gefallen. Ich sitze im b\u00fcrgerlichen Bonn etwa im Bus regelm\u00e4\u00dfig Sch\u00fclern unter 14 Jahren gegen\u00fcber, die sich in einer extremen Weise \u00f6ffentlich k\u00fcssen, die Kleidung hochschieben, sich an den Geschlechtsteilen streicheln, als w\u00e4ren sie v\u00f6llig allein. Rapper \u2013 Sie haben das angedeutet \u2013 singen von der blutigen Vergewaltigung kleiner M\u00e4dchen und im Internet ist nichts, aber auch gar nichts mehr tabu. Stattdessen ist aber ein ebenso massives Tabu an die Stelle getreten, n\u00e4mlich das Verbot, \u00fcber die Folgen des sexuellen Massenkonsums und des Pornographiezwangs zu berichten und zu sprechen. Sexsucht und Pornographiesucht werden tabuisiert. Man tabuisiert die Folgen, die es f\u00fcr die Entwicklung von Kindern hat, wenn sie im Alter von zehn bis zw\u00f6lf Jahren in Filmen und Bildern gemeinsam Dinge sehen, die andere nicht einmal zu denken wagen. Man tabuisiert, da\u00df die Botschaft der Verf\u00fcgbarkeit der Frau alle Erfolge der Gleichberechtigung zunichte macht. Tabu ist auch, dar\u00fcber zu sprechen, wieviele Scheidungen auf Pornographie und Sexsucht oder durch sie ausgel\u00f6ste Seitenspr\u00fcnge zur\u00fcckgehen. Massenhafte Pornographie reduziert nachweislich den Wunsch auf langfristige Beziehungen \u2013 und au\u00dferdem den Kinderwunsch. Aber es ist tabu, dar\u00fcber zu sprechen, welche Rolle die sexuelle Verwahrlosung dabei spielt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>pro: Pornografie ist an erster Stelle Kommerz. Wie viel Geld wird pro Tag mit Pornographie umgesetzt?<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schirrmacher: Mit Pornographie wird nach recht zuverl\u00e4ssigen Sch\u00e4tzungen derzeit j\u00e4hrlich weltweit rund 43 Milliarden Euro legal umgesetzt, f\u00fcr den Schwarzhandel etwa mit Kinderpornographie dagegen gibt es nur Vermutungen. Daran ist das Internet erst mit f\u00fcnf Prozent beteiligt, weswegen hier auch so aggressive Werbung betrieben wird und der eigentliche Boom noch vor uns liegt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>pro: Viele Menschen finden nichts dabei, sich regelm\u00e4\u00dfig Pornos anzusehen. Welche Auswirkungen kann der Konsum von Pornographie auf das Zusammenleben von M\u00e4nnern und Frauen haben?<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schirrmacher: Da liefert uns schon ein Blick ins Neue Testament die Antwort. Paulus schreibt in 1. Korinther 5, da\u00df es das Geheimnis der Sexualit\u00e4t ist, da\u00df die Frau nicht sich, sondern ihrem Mann geh\u00f6rt und der Mann nicht sich, sondern seiner Frau. Diese sexuelle Gleichberechtigung und das Denken von der Befriedigung des anderen her macht Pornographie zunichte, denn hier geht es immer um meine eigene Befriedigung, entweder weil ich sowieso allein bin, oder weil der Partner meine Vorgaben zu erf\u00fcllen hat und das immer, wenn ich es will. Das Ergebnis haben viele Studien bewiesen: Die Klagen insbesondere von Frauen, da\u00df M\u00e4nner sie zwingen wollen, Dinge genau so zu tun, wie sie im Pornofilm gezeigt werden, nehmen zu. Vergewaltigungen in der Ehe nehmen zu \u2013 obwohl inzwischen gl\u00fccklicherweise strafbar.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>pro: M\u00e4nnliche Jugendliche interessieren sich sp\u00e4testens in der Pubert\u00e4t f\u00fcr Sexualit\u00e4t \u2013 leider zunehmend auch f\u00fcr Pornographie. Ist das eine normale Erscheinung, die zum Erwachsenwerden geh\u00f6rt?<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schirrmacher: Das Interesse f\u00fcr Sexualit\u00e4t ist normal. Das Interesse, wie man mit weiblichen Menschen umgeht, ist normal. Der Raum zur Diskussion \u00fcber alle Aspekte von Liebe, Partnerbeziehung mu\u00df gegeben sein. Unnormal ist, da\u00df die Beziehungen zu M\u00e4dchen und Frauen auf den sexuellen Aspekt reduziert wird und \u00fcber die Stimulierung sexueller Erregung alles andere, was lebenswert ist, in den Hintergrund ger\u00e4t. Wer einmal zugeh\u00f6rt hat, wenn heute Jugendliche mit Pornos auf ihren Handys \u00fcber Frauen reden und womit sie prahlen, dem kann nur schlecht werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>pro: Teenager kommen immer fr\u00fcher mit Pornographie in Ber\u00fchrung. Sind junge Erwachsene, bei denen Pornographie ein Teil der Freizeitbesch\u00e4ftigung ist, \u00fcberhaupt noch f\u00e4hig, eine Partnerschaft mit Liebe, Z\u00e4rtlichkeit und \u201enormalem\u201c Sexualleben zu f\u00fchren?<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schirrmacher: Die Pornographie in Zeitschriften, Internet und Film ist \u2013 das wird gerne verschwiegen \u2013 das Hauptwerkzeug der Aufkl\u00e4rung f\u00fcr Kinder geworden, die oft schon am Ende des Grundschulalters damit in Ber\u00fchrung kommen. Dabei wird jedoch ein schreckliches Bild von Sexualit\u00e4t vermittelt, das die eigene und sofortige Befriedigung zum obersten Ma\u00dfstab macht, vorwiegend Frauen, auf jeden Fall den Partner, zum Erf\u00fcllungsgehilfen degradiert und \u00fcber das Biologische hinaus nicht viel zu vermitteln hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Die Fragen stellte pro-Redakterin Ellen Nieswiodek-Martin<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Aus: Christliches Medienmagazin pro, 3\/2007<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Prof. Dr. Thomas Schirrmacher: \u201eDer eigentliche Boom liegt noch vor uns\u201c. Interview \u00fcber die Gefahr von Pornographie und die ausufernde Sexualisierung pro: Herr Professor Schirrmacher, laut einem Magazinbericht verzeichnen pornographische Internetseiten mehr Zugriffe von Nutzern als Ebay, Google, Amazon und Microsoft zusammen. 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