{"id":1915,"date":"2009-06-15T09:18:00","date_gmt":"2009-06-15T07:18:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=1915"},"modified":"2009-09-01T15:28:02","modified_gmt":"2009-09-01T13:28:02","slug":"kinderbetreuung-%e2%80%93-vater-staat-verdrangt-die-eltern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=1915","title":{"rendered":"Kinderbetreuung \u2013 Vater Staat verdr\u00e4ngt die Eltern"},"content":{"rendered":"<p><strong>Kinderbetreuung \u2013 Vater Staat verdr\u00e4ngt die Eltern<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Zitat der Woche 25-2009<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Bildung in der Familie<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kinder brauchen Elternzeit, um sich und insbesondere ihre Kompetenzen von einer sicheren emotionalen Basis aus entwickeln zu k\u00f6nnen. Umgekehrt weisen neue Perspektiven in der Entwicklungspsychologie auf den Stellenwert der gegenseitigen Beeinflussungsprozesse zwischen Kindern und Eltern hin [&#8230;] \u2013 Sozialisationsprozesse verlaufen also auch von den Kindern hin zu den Eltern.<!--more-->\u00a0Die Bedeutung dieser retroaktiven Sozialisation wiederum steigt in einer Kultur des raschen Wandels [&#8230;]. Familie spielt \u00fcber die Grundlegung basaler Kompetenzen f\u00fcr die Lebensbew\u00e4ltigung hinweg eine zentrale Rolle f\u00fcr die Vermittlung und Aneignung von Bildung. Im Rahmen der allt\u00e4glichen Lebensf\u00fchrung werden bildungsbezogene Gelegenheiten geboten, die Bildungsprozesse der Familienmitglieder ansto\u00dfen und f\u00f6rdern. Eltern \u00fcbernehmen explizit oder implizit Bildungsleistungen, die f\u00fcr die einzelnen Familienmitglieder und deren kulturelle Teilhabe und soziale Anschlussf\u00e4higkeit ebenso von Bedeutung sind wie f\u00fcr den Fortbestand und die Weiterentwicklung der Gesellschaft [&#8230;]. Familien brauchen Zeit, um die f\u00fcr die gesellschaftliche Entwicklung und Integration notwendigen familialen Leistungen erbringen zu k\u00f6nnen. Dieser Sachverhalt wurde lange Zeit nicht wahrgenommen und daher Familie als quasi nat\u00fcrliche Ressource verstanden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Andreas Lange: Einblicke in die Zeitverwendung von Kindern und ihren Eltern, S. 137-157, in: Martina Heitk\u00f6tter et al (Hrsg.): Zeit f\u00fcr Beziehungen? Zeit und Zeitpolitik f\u00fcr Familien, Opladen 2009, S. 141.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Nachricht der Woche 25-2009<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Kinderbetreuung \u2013 Vater Staat verdr\u00e4ngt die Eltern<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Fast alle Kinder besuchen heute vor ihrer Einschulung einen Kindergarten (1). Kinderg\u00e4rten haben in Deutschland eine bis auf den Reformp\u00e4dagogen Friedrich Fr\u00f6bel (1782-1852) zur\u00fcckreichende Tradition. Sie waren im 19. Jahrhundert eine Antwort auf die \u201eKinderbewahranstalten\u201c, in denen Kleinkinder versorgt, gepflegt und besch\u00e4ftigt wurden, w\u00e4hrend die Mutter in der Fabrik arbeitete. Im Gegensatz zu den \u201eKinderbewahranstalten\u201c sollten die Kinderg\u00e4rten nicht blo\u00df der Verwahrlosung vorbeugen, sondern auch die Bildungspotentiale der Kinder entwickeln helfen. Dabei sollten sie nicht nur die kognitive Entwicklung f\u00f6rdern, sondern auch die \u201eNatur\u201c des Kindes achten und die Erziehungskraft der Familie st\u00e4rken. Fr\u00f6bel sah den Kindergarten als eine die Familie erg\u00e4nzende Bildungsinstitution an, die auf der S\u00e4uglingspflege und Kleinkindererziehung durch die Eltern bzw. M\u00fctter aufbaute (2).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der historischen Entwicklung blieb die Tradition der \u201eKinderbewahranstalten\u201c weiter pr\u00e4gend: Im Reichsjugendwohlfahrtsgesetz von 1922 wurde der Kindergarten \u2013 im Gegensatz zur \u201e\u00e9cole maternelle\u201c in Frankreich \u2013 nicht als Vor-Stufe der Volksschule dem Bildungswesen, sondern der Sozialf\u00fcrsorge zugeordnet. Mit dem Ausbau des Kindergartenwesens in der Bundesrepublik seit den 60er Jahren wandelte sich der Kindergarten von einem \u201eNotbehelf\u201c f\u00fcr erwerbst\u00e4tige M\u00fctter zu einer allgemein anerkannten, die famili\u00e4re Erziehung erg\u00e4nzenden Institution (3). Der Kindergarten wurde als wichtiger Ort des sozialen Lernens angesehen \u2013 die vorschulische Bildung blieb dagegen eher unterbelichtet. Dass Vorschulkinder prim\u00e4r von ihren Eltern bzw. M\u00fcttern erzogen wurden, blieb in Westdeutschland selbstverst\u00e4ndlich. Noch Ende der 80er Jahre war die \u00f6ffentliche Kinderbetreuung \u201eallenfalls eine mehr oder minder punktuelle Erg\u00e4nzung der privaten Erziehung\u201c (4). Die Angebote der Kinder- und Jugendhilfe, d. h. insbesondere die Kindertagest\u00e4tten, sollten, so sah es das 1990 beschlossene Kinder- und Jugendhilferecht (Sozialgesetzbuch VIII) vor, die Eltern darin unterst\u00fctzen, ihre Kinder zu \u201eeiner eigenverantwortlichen und gemeinschaftsf\u00e4higen Pers\u00f6nlichkeit\u201c zu erziehen. Ein eigenst\u00e4ndiger staatlicher Erziehungsauftrag war nicht vorgesehen. Die Erziehungsaufgabe war Sache der Eltern (5).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieses hergebrachte, \u201ealtbundesrepublikanische\u201c Verst\u00e4ndnis von Kinder- und Jugendhilfe gilt in politisch-medialen Kreisen heute als \u00fcberholt: Nach dem 2008 verabschiedeten \u201eKinderf\u00f6rderungsgesetz\u201c \u201eist ein Kind, das das dritte Lebensjahr noch nicht vollendet hat, in einer Kindertageseinrichtung oder in Tagespflege zu f\u00f6rdern, wenn diese Leistung f\u00fcr seine Entwicklung zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsf\u00e4higen Pers\u00f6nlichkeit geboten ist\u201c. Begr\u00fcndet wird dies mit dem Anspruch des Kindes auf \u201efr\u00fchkindliche F\u00f6rderung\u201c, f\u00fcr die eine au\u00dferfamili\u00e4re Betreuung schon im Kleinkindalter als notwendig angesehen wird. Nach dem dritten Lebensjahr sollen Kinder nicht mehr wie bisher in Westdeutschland \u00fcblich halbtags, sondern m\u00f6glichst ganzt\u00e4tig Kindertagesst\u00e4tten besuchen (6). Denn nur so k\u00f6nnten Kinder \u201eoptimal\u201c gef\u00f6rdert werden. Unbeachtet bleibt, dass Kindertagesst\u00e4tten dem Anspruch Kinder zu \u201ebilden\u201c gegenw\u00e4rtig h\u00e4ufig nicht gen\u00fcgen. F\u00fcr die Zukunft wird hier \u201emehr Qualit\u00e4t\u201c versprochen. Man glaubt wohl, dass Eltern die notwendige \u201eQualit\u00e4t\u201c der Kindererziehung nicht bieten k\u00f6nnten (7). Deshalb soll die institutionelle Kinderbetreuung k\u00fcnftig die elterliche Erziehung weitgehend ersetzen: Eltern d\u00fcrfen dann noch durch \u201eZuwendung und F\u00fcrsorge\u201c in der \u201eQualit\u00e4tszeit\u201c die \u201eBildung und F\u00f6rderung\u201c in Kindertagest\u00e4tten unterst\u00fctzen (8). Dies ist zweifellos ein Paradigmenwechsel: Nicht nur die Philosophie des Kinder- und Jugendhilferechts der Bundesrepublik, sondern auch die Fr\u00f6bel folgende P\u00e4dagogik wird auf den Kopf gestellt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Anmerkungen<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(1) Die Analyse von Schuleingangsuntersuchungen zeigt, dass nur noch etwa 1-3 Prozent der Kinder keine Kindertageseinrichtung besuchen. Siehe hierzu: <a href=\"http:\/\/www.i-daf.org\/134-0-Woche-11-2009.html\">http:\/\/www.i-daf.org\/134-0-Woche-11-2009.html<\/a>..<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(2) Informativ hierzu: Konrad, Franz Michael: Der Kindergarten. Seine Geschichte von den Anf\u00e4ngen bis in die Gegenwart, Freiburg im Breisgau 2004.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(3) Vgl. Bundesministerium f\u00fcr Familie, Senioren, Frauen und Jugend\/Deutsches Jugendinstitut (Hrsg.): OECD Early Childhood Policy Review 2002-2004, Hintergrundbericht Deutschland, Fassung vom 22.11.2004, Berlin 2004, S. 35-37.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(4) Siehe: Thomas Rauschenbach: Neue Orte f\u00fcr Familien. Institutionelle Entwicklungslinien Eltern- und Kinder f\u00f6rdernder Angebote, S. 133-155, Klaus Peter Strohmeier: Familien und Familienpolitik im Sozialraum, S. 107-129, in: Familie im Zentrum: Kinderf\u00f6rdernde und Elternunterst\u00fctzende Einrichtungen \u2013 aktuelle Entwicklungslinien und Herausforderungen, Wiesbaden 2008, S. 134-135. Siehe hierzu auch: http:\/\/www.i-daf.org\/105-0-Woche-49-2008.html sowie zur gegens\u00e4tzlichen Entwicklung in der DDR: Zum http:\/\/www.i-daf.org\/129-0-Woche-9-2009.html.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(5) Vgl. Bundesministerium f\u00fcr Familie, Senioren, Frauen und Jugend\/Deutsches Jugendinstitut (Hrsg.): OECD Early Childhood Policy Review 2002-2004, op. cit. S. 27.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(6) Siehe: Gesetz zur F\u00f6rderung von Kindern unter drei Jahren in Kindertageseinrichtungen und in Kindertagespflege (Kinderf\u00f6rderungsgesetz \u2013 Kif\u00f6g), \u00a7 24, Bonn 10. Dezember 2008.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(7) Kinder w\u00fcrden \u2013 so hei\u00dft es \u2013 \u201ein Familien und Herkunftsmilieus nicht mehr in der Selbstverst\u00e4ndlichkeit mit den Ressourcen ausgestattet \u2013 jedenfalls im Schnitt gesprochen bzw. f\u00fcr die gro\u00dfe Mehrheit der Kinder \u2013 die moderne Gesellschaften ben\u00f6tigen, um den Anforderungen an die individuelle Selbstregulierung gerecht zu werden\u201c. Siehe: Bundesministerium f\u00fcr Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.): Zw\u00f6lfter Kinder- und Jugendbericht. Bericht \u00fcber die Lebenssituation junger Menschen und die Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland, Berlin Februar 2006, S. 89-90. In diesem Sinne hat der zust\u00e4ndige Referatsleiter im Bundesfamilienministerium, Prof. Reinhard Wiesner, bei den \u201eEssener Gespr\u00e4chen zum Verh\u00e4ltnis von Staat und Kirche\u201c 2008 das Kinderf\u00f6rderungsgesetz begr\u00fcndet: F\u00fcr die \u201e\u00fcberwiegende Zahl der Eltern\u201c, so Wiesner weiter, \u201estellt die fr\u00fche F\u00f6rderung eine wertvolle Erg\u00e4nzung der Bildung und Erziehung in der Familie dar. Bei den Kindern, die von ihren Eltern nicht die notwendige F\u00f6rderung erhalten, sichert eine fr\u00fche F\u00f6rderung die Basisbed\u00fcrfnisse\u201c. Siehe: http:\/\/www.kinderrechte-infos.de\/?p=47.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(8) Anders als immer wieder behauptet werden mit der \u201eKrippenoffensive\u201c nicht f\u00fcr ein Drittel sondern f\u00fcr etwa zwei Drittel der Kinder ab dem zweiten Lebensjahr Betreuungspl\u00e4tze geschaffen. Die au\u00dferh\u00e4usliche Betreuung von Kleinkindern soll also k\u00fcnftig die Regel sein: Siehe hierzu:<br \/>\nhttp:\/\/www.i-daf.org\/43-0-Woche-19-2008.html.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kinderbetreuung \u2013 Vater Staat verdr\u00e4ngt die Eltern Zitat der Woche 25-2009 Bildung in der Familie Kinder brauchen Elternzeit, um sich und insbesondere ihre Kompetenzen von einer sicheren emotionalen Basis aus entwickeln zu k\u00f6nnen. Umgekehrt weisen neue Perspektiven in der Entwicklungspsychologie auf den Stellenwert der gegenseitigen Beeinflussungsprozesse zwischen Kindern und Eltern hin [&#8230;] \u2013 Sozialisationsprozesse verlaufen [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":14,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[14],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1915"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/14"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1915"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1915\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2616,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1915\/revisions\/2616"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1915"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1915"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1915"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}