{"id":1913,"date":"2009-03-23T09:10:21","date_gmt":"2009-03-23T07:10:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=1913"},"modified":"2009-09-01T16:19:56","modified_gmt":"2009-09-01T14:19:56","slug":"gesellschaftlicher-wandel-und-gewalt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=1913","title":{"rendered":"Gesellschaftlicher Wandel und Gewalt"},"content":{"rendered":"<p style=\"TEXT-ALIGN: justify\"><strong>Gesellschaftlicher Wandel und Gewalt<\/strong><\/p>\n<p style=\"TEXT-ALIGN: justify\">Seit den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts ist in allen hoch entwickelten und demokratisch verfassten Gesellschaften ein Anstieg der Gewaltkriminalit\u00e4t zu beobachten. St\u00e4rker noch als die Mordrate hat dabei die H\u00e4ufigkeit von Raub\u00fcberf\u00e4llen sowie von leichten und schweren K\u00f6rperverletzungen zugenommen.<!--more-->\u00a0Insbesondere Jugendliche und Heranwachsende sind langfristig betrachtet zunehmend in Gewaltdelikte involviert (1). Den Grund hierf\u00fcr sehen Sozialwissenschaftler in einer Zunahme von \u201eAnomie\u201c. Als Anomie wird in Anlehnung an den franz\u00f6sischen Soziologen Emile Durkheim (1858-1917) eine Situation bezeichnet, in der soziale Regeln, moralische Gebote und staatliche Gesetze zunehmend weniger befolgt werden. Als zentrale Ursache f\u00fcr Anomie sah Durkheim einen raschen und tiefgreifenden Wandel der Gesellschaft an (2).<\/p>\n<p style=\"TEXT-ALIGN: justify\">Seit den 50er Jahren haben die westlichen Industriegesellschaften, insbesondere auch Deutschland, einen solchen Wandel erlebt: Wirtschaftliches Wachstum hat die Konsumm\u00f6glichkeiten f\u00fcr breite Bev\u00f6lkerungsschichten verbessert, der Dienstleistungssektor der Wirtschaft ist stark expandiert, das Ausbildungsniveau in der Bev\u00f6lkerung, insbesondere der Frauen, ist gestiegen und die Lebensformen sind vielf\u00e4ltiger geworden (Zunahme von Single-Haushalten etc.). Im Gegenzug hierzu sind agrarisch-l\u00e4ndliche Strukturen weitgehend verschwunden, hat die gesellschaftliche Bedeutung von lokal- nachbarschaftlichen Lebenswelten (auch in den St\u00e4dten) und traditionellen Lebensformen nachgelassen. Wichtiger geworden sind dagegen die Gesetze des Marktes und der Konkurrenz: F\u00fcr die Stellung des Einzelnen ist nicht mehr seine soziale Herkunft oder famili\u00e4re Rolle bestimmend, sondern sein geldwerter Erfolg im wirtschaftlichen Wettbewerb. Nach Ansicht von Sozialforschern beg\u00fcnstigt diese \u201eKultur der Konkurrenz&#8220; quer durch alle Gesellschaftsschichten Anomie und kriminelle Verhaltensweisen: In der Oberschicht wird die Neigung gef\u00f6rdert sich durch Bestechung, Steuerhinterziehung etc. zu bereichern (\u201ewhite-collar-crime\u201c). F\u00fcr die Zukurzgekommenen und Ohnm\u00e4chtigen kann dagegen die Gewalt ein Ausdrucksmittel werden mit dem versucht wird tats\u00e4chliche oder vermeintliche \u201eErniedrigungen\u201c in ein \u201erauschhaftes Erleben von Macht und \u00dcberlegenheit zu transformieren&#8220; (3).<\/p>\n<p style=\"TEXT-ALIGN: justify\">Eine Schl\u00fcsselrolle f\u00fcr die Zunahme von Anomie vor allem unter Jugendlichen spielen die Medien: Zum einen wird durch die kommerzielle Werbung die \u00d6konomisierung auch der privaten und famili\u00e4ren Lebenswelt vorangetrieben und damit die Konkurrenz um Prestige und materielle Ressourcen versch\u00e4rft. Zum anderen f\u00f6rdern wie einschl\u00e4gige Studien zeigen Gewaltdarstellungen in den Medien die Gewaltbereitschaft. Gegen solche Erkenntnisse aus der Forschung wird h\u00e4ufig eingewandt, dass die meisten Menschen, die gewalthaltige Medienangebote konsumierten, selbst nicht gewaltt\u00e4tig w\u00fcrden. Tats\u00e4chlich behaupten diese Studien auch nicht, dass intensiver Konsum von Gewaltdarstellungen notwendigerweise zu praktizierter Gewalt f\u00fchrt, sondern lediglich, dass dieser aggressives Verhalten wahrscheinlicher werden l\u00e4sst. Sie zeigen auch, dass Gewaltdarstellungen besonders attraktiv sind f\u00fcr Personen, die schon gewaltbereit sind. Deren Gewaltbereitschaft wird \u201edurch den Konsum von Gewaltdarstellungen verst\u00e4rkt, sodass dieser Selektionseffekt das Fernsehen (Internet, Videospiel) nicht von kausaler Verantwortung entlastet\u201c (4). Anders ausgedr\u00fcckt: Gewaltt\u00e4tige Medieninhalte sind zwar sicherlich nicht der Hauptgrund f\u00fcr Anomie, Gewalt und Kriminalit\u00e4t, sie k\u00f6nnen aber der entscheidende Tropfen sein, der das Fass zum \u00dcberlaufen bringt (5).<\/p>\n<p style=\"TEXT-ALIGN: justify\">IDAF, 18.03.2009<\/p>\n<p style=\"TEXT-ALIGN: justify\">(1) Zu beachten ist dabei allerdings, dass im Blick auf Gewaltdelikte in den 1950er Jahren ein historischer Tiefstand zu verzeichnen war. Seit Beginn der Neuzeit war die Gewaltkriminalit\u00e4t wenn auch diskontinuierlich bis Mitte des 20. Jahrhunderts stark gesunken. Vgl.: Helmut Thome\/Christoph Birkel: Sozialer Wandel und Gewaltkriminalit\u00e4t. Deutschland, England und Schweden im Vergleich, 1950-2000, VS Verlag f\u00fcr Sozialwissenschaften Wiesbaden 2007, S. 396.<\/p>\n<p style=\"TEXT-ALIGN: justify\">(2) Vgl. ebd., S. 29-31.<\/p>\n<p style=\"TEXT-ALIGN: justify\">(3) Ebd., S. 342-244.<\/p>\n<p style=\"TEXT-ALIGN: justify\">(4) Thome und Birkel merken hierzu an: \u201eMan stelle sich einen Menschen vor, der einen schweren Stein zuerst gegen eine Fensterscheibe und dann gegen eine Betonwand wirft. W\u00e4hrend die Fensterscheibe zerbricht, bleibt die Betonwand stehen. W\u00fcrde deshalb jemand auf die Idee kommen zu behaupten: nicht der Steinewerfer, sondern die Fensterscheibe sei urs\u00e4chlich \u201eSchuld an ihrem Zerbrechen, denn die Betonmauer sei unter dem physikalisch gleichen Wurf nicht zerbrochen\u201c. Ebd., S. 380-381.<\/p>\n<p style=\"TEXT-ALIGN: justify\">(5) Zur Wirkung speziell von Computerspielen: Jana Ehrhardt: Wenn das wirkliche Leben nicht mehr statt findet, Handelsblatt vom 7. Februar 2009, http:\/\/www.handelsblatt.com\/technologie\/geisteswissenschaften\/wenn-das-wirkliche-leben-nicht-stattfindet;2140639.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gesellschaftlicher Wandel und Gewalt Seit den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts ist in allen hoch entwickelten und demokratisch verfassten Gesellschaften ein Anstieg der Gewaltkriminalit\u00e4t zu beobachten. 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