{"id":19088,"date":"2022-07-31T14:10:42","date_gmt":"2022-07-31T12:10:42","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=19088"},"modified":"2022-07-31T14:11:22","modified_gmt":"2022-07-31T12:11:22","slug":"erbe-und-auftrag-was-wir-von-pastor-heinrich-kemner-lernen-koennen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=19088","title":{"rendered":"Erbe und Auftrag. Was wir von Pastor Heinrich Kemner lernen k\u00f6nnen."},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Im 30. Jahr nach der Gr\u00fcndung des Gemeindehilfsbundes (in den ersten Wochen \u201aGemeindenotbund\u2018) ist ein Innehalten und Gedenken an den Gr\u00fcnder Pastor Heinrich Kemner angebracht. Was war das Geheimnis seines gesegneten Wirkens? Was verdanken wir ihm im Gemeindehilfsbund? Was sollten wir unbedingt von seinem geistlichen Erbe festhalten? Aus der F\u00fclle der Erinnerungen, seines Wirkens und seiner Ver\u00f6ffentlichungen w\u00e4hle ich sieben Erbst\u00fccke aus, die uns zur eigenen Standortbestimmung und in unserem Auftrag helfen k\u00f6nnen, angefochtenen Menschen geistlich, theologisch und seelsorgerlich zu helfen, insbesondere im Gemeindehilfsbund.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zuerst m\u00f6chte ich das Weihegebet in Erinnerung rufen, dass Heinrich Kemner bei der Gr\u00fcndung des Bundes am Reformationstag 1992 gesprochen hat. Es hat durchaus testamentarische Bedeutung und ist in meinen Augen ein wichtiger Schl\u00fcssel zum Verstehen der nun 30j\u00e4hrigen Geschichte des Gemeindehilfsbundes. Die Gebete der Glaubensv\u00e4ter wiegen schwer, und sie erf\u00fcllen sich, wenn sie in Vollmacht gesprochen wurden. Dass der Bund bei allen R\u00fcckschl\u00e4gen und Widerst\u00e4nden bis jetzt seinen Dienst ungehindert tun kann, gewachsen ist und in diesem Sommer eine neue Leitung bekommt, das ist nicht menschliches Verdienst, sondern eine Erh\u00f6rung dieses Weihegebets, und das macht dem\u00fctig und dankbar.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u201eDer Herr ist mein Licht, er ist mein Licht und ist mein Heil, vor wem sollte ich mich f\u00fcrchten, der Herr ist meines Lebens Kraft, vor wem sollte mir grauen? Lebendiger Herr, Vater, Sohn, Heiliger Geist, in deinem heiligen Namen, in der Kraft deiner Gott<\/em><em>verlassenheit, o Christus, deiner H\u00f6llenfahrt, in dem Siegel, Vater im Himmel, das du uns gegeben hast, in der Auferstehung, in der leibhaftigen Auferstehung Jesu, in der Gewissheit, dass er wiederkommt, dass er uns nicht verlassen wird, dass alles Geburtswehen sind, wie du gesagt, zum Ziele hin, in dieser Gewissheit, Herr, weihe ich in diesem Augenblick den Notbund in deinem hochgelobten Namen. Ich weihe ihn, Herr, dass du ihn fruchtbar machst f\u00fcr unsere Kirche, f\u00fcr unser Volk, dass es nicht Allotria wird, sondern Halleluja, dass Krelingen beglaubigt wird von dir, bei allen Schw\u00e4chen und Gebrechen. Ich danke dir, dass du mich nicht verworfen hast vor deinem Angesicht, dass du deinen Heiligen Geist nicht von mir genommen, und so weihe ich den Notbund in diesem Augenblick als Ansto\u00df zu einer ewigen Bewegung in dem Namen Gottes, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. F\u00fcrchte dich nicht, ich bin mit dir, weiche nicht, ich bin dein Gott, ich st\u00e4rke dich, ich helfe dir. Ich erhalte dich durch die rechte Hand meiner Gerechtigkeit. Amen\u201c\u00a0<\/em><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignleft wp-image-19093\" src=\"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/Heinrich-Kemner-in-Linz-1986.jpg\" alt=\"\" width=\"190\" height=\"161\" srcset=\"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/Heinrich-Kemner-in-Linz-1986.jpg 557w, https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/Heinrich-Kemner-in-Linz-1986-300x253.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 190px) 100vw, 190px\" \/><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em><br \/>\nHeinrich Kemner in Linz 1986<\/em><\/p>\n<p>1.)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unbedingt festhalten vom Erbe Heinrich Kemners m\u00fcssen wir sein an Luther, Kierkegaard und Bezzel orientiertes <strong>Menschenbild<\/strong>. Der Mensch hat keinen guten Kern, so wie es der Humanismus meint. Er ist und bleibt im Tiefsten ein S\u00fcnder, der sich selbst mehr sucht als den N\u00e4chsten und Gott. Auch der Christ muss sich immer wieder, wenn er ehrlich ist, in seiner \u201estinkigen Selbstverliebtheit\u201c ertappen. Nur in der Glaubensgemeinschaft mit Jesus Christus hat er die Chance, von sich selbst frei zu werden. Und nur der von sich selbst erl\u00f6ste Mensch wird frei, wirklich f\u00fcr Gott und den N\u00e4chsten zu leben. Dieses Menschenbild ruft geradezu nach einer erwecklichen Verk\u00fcndigung, denn nur dort, wo Christus in Vollmacht als Erl\u00f6ser gepredigt wird, kann ihn der Mensch im Glauben ergreifen und so in die doppelte \u201eFreiheit eines Christenmenschen\u201c hineinkommen. Die besteht bekanntlich nach Luthers Reformationsschrift von 1520 in der Freiheit von allen inneren und \u00e4u\u00dferen Knechtungen durch den Glauben an Christus und in der Freiheit f\u00fcr den Dienst am N\u00e4chsten aus der Kraft der Liebe. Glaube und Liebe, das sind die beiden Koordinaten des neuen Lebens, das Christus seinen Nachfolgern schenkt. Dieses Menschenbild ist weder pessimistisch noch optimistisch, sondern realistisch, denn es sieht den Menschen, wie er ist, in seiner ganzen Durchdrungenheit vom s\u00fcndigen Egoismus, und es rechnet gleichzeitig mit der realen Gegenwart des auferstandenen Christus, der sich im Predigtwort und im Sakrament offenbart. Kemner sch\u00e4tzte Luther sehr, wie er ja auch oft vom Reformator sprach als von dem \u201egr\u00f6\u00dften Sohn, den eine deutsche Mutter je geboren hat\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">2.)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aus dem paulinisch-lutherischen realistischen Menschenbild resultiert das <strong>Eigenbild der Christen<\/strong>, das sie besonders dann brauchen, wenn sie andere Menschen f\u00fcr Christus gewinnen m\u00f6chten. Als Christen sind wir begnadigte S\u00fcnder und d\u00fcrfen wissen, dass wir durch Gottes Gnade und Beistand dem Sog der S\u00fcnde widerstehen k\u00f6nnen. Wir bleiben aber S\u00fcnder, und diese Tatsache muss sich in unserem Selbstbewusstsein abbilden. Deswegen h\u00f6ren wir bei Heinrich Kemner die dringende Empfehlung, wenn wir Weltmenschen mit dem Evangelium erreichen wollen, \u201eauf der S\u00fcnderbank\u201c Platz zu nehmen. Damit ist gemeint, dass wir uns als Christen nicht f\u00fcr besser halten und uns nicht selber \u201eeinen Heiligenschein aufsetzen\u201c. \u00d6fters erz\u00e4hlte Kemner von seinen evangelistischen Eins\u00e4tzen auf der Hamburger Reeperbahn, wo er die \u201eletzte Reihe\u201c suchte und eine \u201erote Schl\u00e4germ\u00fctze\u201c aufsetzte. Hinter diesen Formulierungen stehen wichtige Erkenntnisse. Wir erreichen die Menschen nur, wenn wir uns ihnen \u201eausliefern\u201c (so Kemners Ausdruck), d.h. wenn wir ihnen gegen\u00fcber auch unsere eigenen Schw\u00e4chen zugeben und \u00e4u\u00dfern. Wenn wir ein perfektes Menschsein vorspielen und auf eigene Lebenserfolge oder auf unser K\u00f6nnen hinweisen, bauen wir unsichtbare Mauern auf und verlieren den Zugang zum anderen. Christen sollten \u201ekeine unnat\u00fcrliche Heiligkeit, sondern eine geheiligte Nat\u00fcrlichkeit\u201c widerspiegeln. Der Glaube macht \u201eaus einem Spatz keine Nachtigall, sondern einen echten Spatzen\u201c. Der Gemeindehilfsbund kommt nicht umhin, die gesellschaftlichen und innerkirchlichen Entwicklungen zu analysieren und kritisch zu kommentieren, aber es darf kein \u00fcberheblicher Unterton mitschwingen und in jeder Kritik muss ein \u201eMitleiden mit der Not des anderen\u201c erkennbar sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">3.)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Heinrich Kemner war kein Intellektver\u00e4chter oder \u201eDenkmuffel\u201c. Gern zitierte er z.B. S\u00f6ren Kierkegaard, dessen komplette Werke in seiner Bibliothek standen und dessen christliche Philosophie er bestens kannte. Kemners Buch \u201eChristus oder Chaos\u201c (1959) zeugt wie kaum ein anderes von seiner intellektuellen Begabung. Auch dies geh\u00f6rt zu seinem Erbe, dass die Christen \u2013 in jedem Fall die Verk\u00fcndiger \u2013 die geistigen Str\u00f6mungen ihrer Zeit kennen und einordnen sollten. Niemand sollte ihnen Denktr\u00e4gheit vorwerfen k\u00f6nnen. Aber bei aller intellektuellen Kompetenz wurde Kemner nicht m\u00fcde, auf die <strong>Begrenztheiten und die Verf\u00fchrbarkeit des menschlichen Verstands<\/strong> hinzuweisen. Dieser k\u00f6nne zwar aus sich heraus durchaus \u201edialektische Wahrheiten\u201c entwickeln, d.h. in sich stimmige, aber von variablen Voraussetzungen abh\u00e4ngige Teilwahrheiten, aber nicht die nur durch den Heiligen Geist zug\u00e4ngliche Christuswahrheit. Die Skepsis Kemners gegen\u00fcber dem Verstand kommt in dem von ihm oft gebrauchten Ausspruch zum Vorschein, dass man \u201emit dem Intellekt alles erkl\u00e4ren, alles beweisen und alles entschuldigen\u201c k\u00f6nne. In dieser Definition wird \u00e4hnlich wie in Luthers Wort von der \u201eHure Vernunft\u201c deutlich, dass die menschliche Rationalit\u00e4t keineswegs so frei und unabh\u00e4ngig ist, wie sie sich selbst einsch\u00e4tzt, sondern zutiefst vom Herzen, also vom Pers\u00f6nlichkeitszentrum des Menschen gesteuert wird. Solange das Herz nicht im Glauben an Christus zur Liebe zu Gott und den N\u00e4chsten befreit ist, bleibt der Verstand gefangen in den Befangenheiten des eigenen Ich. Es bedarf deswegen immer wieder einer gro\u00dfer Anstrengung und ernsthafter Gebete, wenn man Weltmenschen die Geheimnisse des Reiches Gottes nahebringen will. Jesus hat Gleichnisse erz\u00e4hlt, Paulus ist den Griechen ein Grieche geworden (vgl. 1 Kor 9,21), und auch wir sollten uns in den oft ideologisch verengten Denkhorizont unserer Zeitgenossen hineinversetzen, wenn wir ihnen Gottes Wort und Willen weitersagen wollen. Und dazu m\u00fcssen wir ihn kennen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">4.)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die <strong>Theologie <\/strong>Heinrich Kemners ist christozentrisch und ewigkeitsorientiert. Er liebte das Kierkegaard-Wort \u201eDie einzige Neuigkeit der Erdentage ist der Ewigkeit Anfang in Jesus Christus\u201c. Wie er es schon in seinem theologischen Erstlingswerk \u201eChristus oder Chaos\u201c ausgef\u00fchrt hatte, erkannte er im Sohn Gottes nicht nur die Mitte der Geschichte und Heilsgeschichte, sondern auch die Umwertung aller irdischen Werte und die gro\u00dfe Chance f\u00fcr eine komplette Neuausrichtung des Menschseins. Dass der Mensch durch Christus die Ewigkeit gewinnt, zieht sich wie ein roter Faden durch Kemners gesamte Verk\u00fcndigung und literarische T\u00e4tigkeit. Dabei meint Ewigkeit keine endlose Zeit, sondern eine eigenst\u00e4ndige Kategorie der Wirklichkeit. Durch Christus wird der Mensch in eine neue, vom lebendigen Gott bestimmte Wirklichkeit versetzt. Seine Ma\u00dfst\u00e4be ver\u00e4ndern sich. Weltliche G\u00fcter und Gaben, die Anerkennung durch Menschen, Macht und Einfluss, sexuelle Erf\u00fcllung, Leidensscheu \u2013 all das Irdische tritt zur\u00fcck gegen\u00fcber der Erkenntnis Christi. Wer nach menschlicher Anerkennung strebt, kann auf Kemners Wort h\u00f6ren: \u201eWir leben nicht im Urteil der Menschen, sondern im Urteil Gottes.\u201c Wer gebunden ist an fehlgeleitete Sexualit\u00e4t und ehebrecherisches Verhalten, dem gilt seine warnende Stimme: \u201eWillst du wegen ein paar Lustsekunden deine Ewigkeit aufs Spiel setzen?\u201c Wer nicht vergeben kann, findet in Kemners Theologie die Erkenntnis, dass Gott ihm selber in ungleich h\u00f6herem Ma\u00df durch Christus vergibt und er deswegen auch seinem N\u00e4chsten vergeben kann. Im gelebten Glauben an den Sohn Gottes ver\u00e4ndert sich auch der Blick auf das eigene Tun, dessen Wert wir oft genug \u00fcberh\u00f6hen. \u201eEwigkeitswert hat nur das Geschenkte, nicht das Gewollte\u201c. Diese Erkenntnis Heinrich Kemners ist sehr ern\u00fcchternd, aber heilsam. Wie schnell beginnen wir, uns auf unsere Leistungen etwas einzubilden und sind bek\u00fcmmert, wenn sie niemand w\u00fcrdigt. Da hilft der \u201eBlickwechsel\u201c, von dem Kemner oft sprach. Paul Gerhardt hat ihn auf seine unnachahmliche Weise formuliert: \u201eAn mir und meinem Leben ist nichts auf dieser Erd, was Christus mir gegeben, das ist der Liebe wert.\u201c Dass nur das Geschenkte bleibenden Wert hat, ist keine Erkenntnis Kemners. Die Bibel dr\u00fcckt das folgenderma\u00dfen aus: \u201eWir sind sein Werk, geschaffen in Christus Jesus zu guten Werken, die Gott zuvor bereitet hat, dass wir darin wandeln sollen\u201c. (Eph 2,10)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">5.)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ausgehend vom Wort Hermann Bezzels: \u201eEvangelische Heiligung hei\u00dft Grunds\u00e4tzen dienen\u201c hat Heinrich Kemner gro\u00dfen Wert darauf gelegt, dass der Protestantismus <strong>grundsatztreu<\/strong> bleibt bzw. wieder wird. Den ethischen Schwenk in der evangelischen Kirche von einem klaren Nein zur Abtreibung hin zu einer indirekten Mitbeteiligung durch das Ausstellen sogenannter Beratungsbescheinigungen konnte er ebenso wenig nachvollziehen wie die \u00d6ffnung evangelischer Pfarrh\u00e4user f\u00fcr gleichgeschlechtliche Partnerschaften und evangelische Trauungen bzw. Segnungen solcher Verbindungen. Auch die \u00d6ffnung des gemeindeleitenden Hirtenamtes f\u00fcr die Frau in der zweiten H\u00e4lfte des letzten Jahrhunderts sah er kritisch. In all diesen Entwicklungen sah er die Grundsatztreue der evangelischen Kirche aufgegeben. Als 1992 in Hamburg die weltweit erste evangelisch-lutherische Bisch\u00f6fin gew\u00e4hlt wurde, hielt Heinrich Kemner die Zeit f\u00fcr einen deutlichen Protest f\u00fcr gekommen und rief zur Gr\u00fcndung des Gemeindehilfsbundes (zun\u00e4chst Gemeindenotbund) auf. Seine Devise lautete \u201eAuftreten\u201c statt \u201eAustreten\u201c. Die Grundsatztreue dr\u00fcckt sich bis heute in der Satzung des Gemeindehilfsbundes aus, wo es in \u00a72 gleich am Anfang hei\u00dft: \u201eDer Verein verfolgt christliche Ziele im Sinne der reformatorischen Bekenntnisschriften. Er setzt sich innerhalb der evangelischen Landeskirchen im Sinne der Grundordnung f\u00fcr die uneingeschr\u00e4nkte Autorit\u00e4t der Heiligen Schrift f\u00fcr Lehre und Leben in Kirche und Gemeinde ein.\u201c Heinrich Kemner sprach \u00f6fters von der \u201eEntelechie\u201c, wenn er das innere Gesetz meinte, das sich in einem Menschenleben oder auch in der Entwicklung einer Gruppe von Menschen verwirklicht. Nimmt man diese Definition zum Ma\u00dfstab, geh\u00f6rt es zweifellos zur Entelechie des Gemeindehilfsbundes, dass er angesichts der eben genannten Entwicklungen in der evangelischen Kirche unbeirrt an der Lehre der Apostel festh\u00e4lt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">6.)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit der Ausrufung im Mai 1992 und der <strong>Gr\u00fcndung des Gemeindehilfsbundes<\/strong> am Reformationstag 1992 wollte Heinrich Kemner einen Weckruf in die evangelische Kirche schicken. \u201eEs ist die Stunde da, vom Schlaf aufzuwachen. Wir wollen in einer weithin toten Kirche, die in der Gefahr steht, vom Feind verf\u00fchrt zu werden, Hinweis sein auf den Herrn. Die Zeit ist da. Wir sollten uns jetzt sammeln zur Schar der Gl\u00e4ubigen, die endlich aus der Zersplitterung herauskommen und in den Auftrag hineinfinden, den anderen zu helfen\u201c. \u201eDie leidende Wahrheit in der Nachfolge Jesu darf nicht schweigende Wahrheit sein\u201c (\u201eGemeinde Jesu hat Zukunft\u201c, Infoblatt des Gemeindehilfsbundes). Da er die geistliche Not nicht nur in seiner lutherischen Kirche sah, sondern viel allgemeiner, f\u00fchrte er in einer seiner letzten Bibelarbeiten aus: \u201eWir m\u00fcssen jetzt ein Dach bauen, das aber nicht unser Bekenntnis aufl\u00f6st, wir bleiben lutherisch. Wir bleiben in den Bekenntnissen, aber wir \u00fcberbewerten sie nicht\u2026Die Bekenntnisse sind auf Abbruch gebaut. Zum Herrn hin, zum Schauen hin\u201c (\u201eGedenkt eurer Lehrer\u201c Hebr. 13,7 \u2013 Pastor Heinrich Kemner1903-1993, Brosch\u00fcre des Gemeindehilfsbundes, 2. Aufl. 2006). Die \u201eWeitschaft\u201c, ein weiteres Lieblingswort Kemners, hilft dazu, den Blick auf die Nachfolger Jesu in den verschiedenen Konfessionen, und das bedeutet auf den geistlichen \u201eLeib Christi\u201c zu finden. \u201eDer Hirte ist gr\u00f6\u00dfer als die H\u00fcrde\u201c. Dementsprechend haben sich heute im Gemeindehilfsbund Christen nicht nur aus den lutherischen Landeskirchen, sondern auch aus anderen Konfessionen gesammelt. Aber bei aller Bem\u00fchung um eine Sammlung der Gl\u00e4ubigen war sich Kemner durchaus dar\u00fcber im Klaren, dass es einer besonderen Gnade Gottes bedarf, wenn es in einer Kirche, die in ihrer Liberalit\u00e4t festgefahren ist, zur geistlichen Erneuerung kommen soll. \u201eNur wenn Gott es als Ansto\u00df zu einer ewigen Bewegung beglaubigt, kann ein Glaubenswerk Ansto\u00df und Korrektur f\u00fcr die Kirche sein.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">7.)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die geistliche Not der Kirche zu erkennen und an ihr zu leiden, darin war Heinrich Kemner bis zu seinem Heimgang 1993 ein Vorbild, und er bleibt es. Dabei sah er die N\u00f6te des Glaubensabfalls nicht nur im Abweichen von der apostolischen Ethik, sondern vor allem in der Unf\u00e4higkeit der Kirche, den Menschen dabei zu helfen, ihre Lebensprobleme bei Jesus Christus abzuladen. \u201eDie Not der Kirche ist die mangelnde Seelsorge, daran geht sie kaputt.\u201c Doch so sehr Kemner als Pastor der Hannoverschen Landeskirche f\u00fcr eine R\u00fcckkehr der Kirche zu Bibel und Bekenntnis eintrat, im Tiefsten lebte und arbeitete er f\u00fcr das <strong>geistliche M\u00fcndigwerden der Gemeinde<\/strong>. Insofern war er ein basisorientierter Theologe. Unvergesslich sind seine Predigten und Bibelarbeiten, durch die er den einzelnen Christen \u201ewetter- und zukunftsfest\u201c machen wollte. \u201eDie Gemeinde braucht die Kraft, in der letzten Zeit mit Christus im Hurenhaus zu leben\u201c. \u00dcber diese Aussage habe ich oft nachgedacht. Ebenso \u00fcber das Wort: \u201eDie Gemeinde Jesu lebt von den verlorenen Siegen\u201c, das hinter dem vorl\u00e4ufigen Scheitern christlicher Arbeit immer noch g\u00f6ttliche Verhei\u00dfungen sieht. Ganz \u00e4hnlich das Wort: \u201eUnsere Verlegenheiten sind Gottes Gelegenheiten\u201c. Auch solche Aussagen geh\u00f6ren zu Heinrich Kemners geistlichem Erbe und Auftrag. Das Wort \u00fcber die Existenz im Hurenhaus ist prophetischer Natur. In dem Ma\u00dfe, in dem unsere Gesellschaft die g\u00f6ttliche Stiftung der Ehe von Mann und Frau mit F\u00fc\u00dfen tritt und die ungebundene Sexualit\u00e4t propagiert, w\u00e4chst die Verf\u00fchrung auch f\u00fcr die Nachfolger Jesu. Eine Flucht aus der Welt ist kaum m\u00f6glich, weil Internet und Smartphone \u00fcberall pr\u00e4sent sind. Aber Gott inst\u00e4ndig um Kraft zu bitten, gerade auch f\u00fcr die Jugend, in diesen Anfechtungen zu bestehen, das ist jedem m\u00f6glich. Und dann die \u201everlorenen Siege\u201c. Damit meint Kemner die selbstverschuldeten und die unverschuldeten Niederlagen im Leben als Christ. Immer wenn wir aufgrund unseres Glaubens Verkennung, Schm\u00e4hung und Ablehnung erfahren, wenn trotz unserer Gebete und Einspr\u00fcche die L\u00fcgen und Gottlosigkeiten triumphieren, wenn Christen vor dem Zeitgeist kapitulieren und faule Kompromisse schlie\u00dfen, wenn das Antichristentum auf dem Vormarsch ist, dann soll uns das zur Dem\u00fctigung dienen. \u201eMit unsrer Macht ist nichts getan, wir sind gar bald verloren\u201c (Luther). Unser Glaube soll dann gepr\u00fcft und gel\u00e4utert werden. Alles muss uns zum Guten dienen, sagt Paulus in R\u00f6mer 8. Wir sind geistliche K\u00f6nige, und alles muss uns dienen, sagt Luther in der \u201eFreiheit eines Christenmenschen\u201c. Wir m\u00fcssen in diesen Anfechtungssituationen lernen, uns zum letztlichen Sieg unsres Herrn hindurch zu glauben. Dann werden wir erleben, dass er das Heft immer in der Hand hatte und tats\u00e4chlich aus den scheinbaren Niederlagen Siege macht. Ich w\u00fcnsche allen Lesern dieser Erinnerung an Heinrich Kemner, dass sie in diesem Sinn noch viele Siege erleben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Quelle: AUFBRUCH. Informationen des Gemeindehilfsbundes (Juli 2022)<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im 30. Jahr nach der Gr\u00fcndung des Gemeindehilfsbundes (in den ersten Wochen \u201aGemeindenotbund\u2018) ist ein Innehalten und Gedenken an den Gr\u00fcnder Pastor Heinrich Kemner angebracht. Was war das Geheimnis seines gesegneten Wirkens? Was verdanken wir ihm im Gemeindehilfsbund? Was sollten wir unbedingt von seinem geistlichen Erbe festhalten? 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