{"id":1907,"date":"2009-04-24T08:49:50","date_gmt":"2009-04-24T06:49:50","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=1907"},"modified":"2009-09-01T15:39:04","modified_gmt":"2009-09-01T13:39:04","slug":"demographie-und-wirtschaftswachstum-was-keynes-schon-wusste","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=1907","title":{"rendered":"Demographie und Wirtschaftswachstum: Was Keynes schon wusste"},"content":{"rendered":"<p><strong>Demographie und Wirtschaftswachstum:<br \/>\nWas Keynes schon wusste<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Zentrum der Diskussionen um die Unterj\u00fcngung der deutschen Bev\u00f6lkerung standen bisher die Folgen f\u00fcr die sozialen Sicherungssysteme, insbesondere die Rentenversicherung. Aufmerksamkeit fanden auch ihre Konsequenzen auf die Angebotsseite des Arbeitsmarkts: Angesichts der Alterung der Arbeitnehmerschaft und des langfristigen Sinkens des Erwerbspersonenpotentials wird h\u00e4ufig ein drohender \u201eMangel an \u201eFachkr\u00e4ften? postuliert und eine h\u00f6here Erwerbsbeteiligung der erwachsenen Bev\u00f6lkerung, insbesondere von Frauen mit Kindern, gefordert. Eher stiefm\u00fctterlich wurde dagegen bisher die zentrale Frage behandelt, wie sich die demographische Schrumpfung auf die Nachfrageseite der Volkswirtschaft auswirkt (1).<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dabei hatte schon John Maynard Keynes den Nachfrager\u00fcckgang in der Weltwirtschaftskrise um 1930 auf den seit dem 1. Weltkrieg manifesten Geburtenr\u00fcckgang im Zuge des sog. \u201e1. Demographischen \u00dcbergangs&#8220; zur\u00fcckgef\u00fchrt: Die Nachfrage nach neuem Investitionskapital habe sich in der Vergangenheit je etwa zur H\u00e4lfte aus den Bed\u00fcrfnissen einer wachsenden Bev\u00f6lkerung einerseits und neuen Erfindungen bzw. technologischem Fortschritt andererseits ergeben. Wenn das Bev\u00f6lkerungswachstum entfalle bed\u00fcrfe es, so Keynes, entweder einer Nivellierung der Einkommensverteilung, um die Sparrate zu senken oder einer starken Senkung der Zinsen, um weitere Investitionen rentabel zu machen. Eine Volkswirtschaft ohne Bev\u00f6lkerungswachstum k\u00f6nne Wohlstandswachstum und Besch\u00e4ftigung nur durch \u201eintensives&#8220; Wachstum, d. h. durch wirtschaftlich-technische Innovationen, erreichen. Solche Innovationen sollten Keynes zufolge durch eine aktive staatliche Besch\u00e4ftigungspolitik auch auf Kredit gef\u00f6rdert werden. Nach dem zweiten Weltkrieg wurde mit den Analysen von Keynes in vielen Industriel\u00e4ndern eine expansive staatliche Ausgabenpolitik begr\u00fcndet. Die von Keynes ebenfalls empfohlene Haushaltskonsolidierung und Schuldentilgung in Zeiten der Hochkonjunktur wurde dabei allerdings regelm\u00e4\u00dfig unterlassen. Die daraus resultierenden Schuldenberge vieler Industriestaaten haben die Ans\u00e4tze von Keynes diskreditiert. In der Folge kam es seit den 70er Jahren zu einer Renaissance \u201eneoklassischer&#8220; Theorien in der Wirtschaftswissenschaft und einer \u201eangebotsorientierten? Wirtschaftspolitik (2).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Neoklassische Ans\u00e4tze postulieren, dass sich der Faktor Arbeit praktisch unbegrenzt durch den Faktor Kapital ersetzen lasse. Der R\u00fcckgang des Faktors Arbeit als Folge der Unterj\u00fcngung lie\u00dfe sich folglich durch eine Steigerung der Arbeitsproduktivit\u00e4t kompensieren. Der Wohlstand im Sinne des Pro-Kopf-Einkommens w\u00fcrde demnach trotz des Nachwuchsmangels weiter steigen. Aus der Sicht der neueren Wachstums- und der Humankapitaltheorie erscheinen diese Hypothesen zweifelhaft: Sie betonen die entscheidende Bedeutung des Wissenskapitals in hochentwickelten Volkswirtschaften. Die qualifizierten Arbeitskr\u00e4fte als Tr\u00e4ger dieses Kapitals sind durch Investitionen in Sachkapital nicht zu ersetzen (3). Nicht nur moderne Wirtschaftstheorien, sondern auch die Erfahrungen der letzten Dekaden in entwickelten Industriel\u00e4ndern verweisen auf die zentrale Rolle des Kinder- und Jugendanteils an einer Bev\u00f6lkerung f\u00fcr das wirtschaftliche Entwicklung: Fr\u00fchindustrialisierte L\u00e4nder mit niedrigen Geburtenraten, wie Deutschland, Japan oder die Schweiz befinden sich schon seit den 90er Jahren auf einem Pfad relativ schwachen Wirtschaftswachstums (4). Durch den Verzicht auf (mehr) Nachwuchs wurden in diesen L\u00e4ndern Kosten in Billionenh\u00f6he eingespart. Das eingesparte Geld ist vor allem in den Konsum geflossen, es entstand eine gewaltige Investitionsl\u00fccke (5). Das Beispiel dieser L\u00e4nder und insbesondere der deutschen Volkswirtschaft aber zeigt, dass es nicht ausreicht lediglich in \u201eSachkapital&#8220; wie Stra\u00dfen, Fabriken etc. zu investieren: Eine nachhaltige Wirtschaftsentwicklung erfordert heute mehr denn je Investitionen in den Nachwuchs, also in Jugend, Bildung und Familien.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(1) Aufschlussreich zu diesen Aspekten: Andreas Heigl: Demographische Entwicklung und \u00d6konomie: Was kommt auf uns zu? S. 445-467, in: Zeitschrift f\u00fcr Bev\u00f6lkerungswissenschaft Heft 3-4\/2007, Festschrift f\u00fcr Prof. Dr. Josef Schmid, VS Verlag f\u00fcr Sozialwissenschaften Wiesbaden 2008.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(2) Franz-Xaver Kaufmann: Schrumpfende Gesellschaft. Vom Bev\u00f6lkerungsr\u00fcckgang und seinen Folgen, Suhrkamp Verlag Frankfurt 2005, S. 65-66.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(3) Ebd., S. 67-77.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(4) Informativ zur Geburtenentwicklung in Japan: Bernhard G\u00fcckel: Warum gibt es im Reich der aufgehenden Sonne immer weniger Kinder? S. 23-25, in: BIB-Mitteilungen 03\/2008, Informationen aus dem Bundesinstitut f\u00fcr Bev\u00f6lkerungsforschung Wiesbaden Dezember 2008. Zur Geburtenentwicklung in Deutschland: Siehe Abbildung unten: \u201eGeburtenentwicklung in Deutschland &#8211;\u00a0 langfristig schrumpfende Generationen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(5) F\u00fcr detailliert Berechnungen im Blick auf Deutschland Siehe: Kaufmann 2005, op. cit. S. 77-82.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Demographie und Wirtschaftswachstum: Was Keynes schon wusste Im Zentrum der Diskussionen um die Unterj\u00fcngung der deutschen Bev\u00f6lkerung standen bisher die Folgen f\u00fcr die sozialen Sicherungssysteme, insbesondere die Rentenversicherung. 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