{"id":19063,"date":"2022-07-20T18:11:56","date_gmt":"2022-07-20T16:11:56","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=19063"},"modified":"2022-07-21T22:32:40","modified_gmt":"2022-07-21T20:32:40","slug":"menschenfresser-brauchen-das-evangelium-nicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=19063","title":{"rendered":"Menschenfresser brauchen das Evangelium nicht"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">\u201eBeinahe alle \u00dcbel und alles B\u00f6se dieser Welt haben ihren Ort und Ursprung im Krieg\u201c, schrieb Mitte des 16. Jahrhunderts der Z\u00fcrcher Reformator Heinrich Bullinger. Eines dieser \u00dcbel ist die Entmenschlichung der Einwohner des feindlichen Landes. So geschieht es auch nun wieder, auf dem Hintergrund des Krieges zwischen der Ukraine und Russland. Litauen f\u00fchrt zwar direkt keinen Krieg gegen den gro\u00dfen Nachbarn im Osten, doch im \u00f6ffentlich-rechtlichen Sender LRT h\u00f6rte man, \u201edie Mehrheit [der Menschen Russlands] sind Zombies\u201c \u2013 all diejenigen, die auf die eine oder andere Weise Putin unterst\u00fctzen oder sich nicht von ihm abgrenzen, seien keine richtigen Menschen. \u201eAm Putinismus sind 80% der Russen erkrankt\u201c, so Vytautas Landsbergis weiter. Ihr Hirn arbeite nicht mehr normal. Es blieben nur 20% \u2013 \u201eNoch haben sich nicht alle Russen in Zombies und Menschenfresser verwandelt.\u201c<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das sind leider keine Einzelstimmen. Der bekannte Journalist (und Lutheraner) Rimvydas Valatka meinte im April, nicht Putin, sondern das russische Volk sei das eigentliche Problem. Die Russen h\u00e4tten in ihrer Geschichte immer wieder die Chance verpasst, zu Menschen zu werden. Nun habe man ein Volk von \u201eMonstern\u201c, das sich einen passenden Pr\u00e4sidenten gew\u00e4hlt hat. Im Hinblick auf russische Kriegsverbrechen benutzte auch Pr\u00e4sident Nauseda den neuen Modebegriff: \u201eDiese Grausamkeiten k\u00f6nnen nur von Zombies, nicht von Menschen, begangen worden sein.\u201c Schlie\u00dflich ist ein einflussreicher Influenzer zu nennen, der sagte, die Russen seien (alle?) Aggressoren, die der \u201eVerwertung\u201c zugef\u00fchrt werden sollten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zombies, Monster und Menschenfresser sind keine richtigen Menschen \u2013 lebende Tote, Ungeheuer, furchteinfl\u00f6\u00dfende Mischwesen. Solche \u201eUntermenschen\u201c k\u00f6nnen, ja m\u00fcssen beseitigt werden. Deutsche wissen nur zu gut, dass es zu solchen Vorstellungen kommt, wenn \u00fcber Generationen Hass auf ganze V\u00f6lker aufgebaut wird. So schrieb Ernst Moritz Arndt im Jahr 1813 in \u201e\u00dcber Volksha\u00df\u201c, jedes Volk m\u00fcsse \u201eeine feste Liebe, einen festen Ha\u00df haben\u201c. Im Krieg gegen Napoleon war Ha\u00df gegen die Franzosen gefragt, und zwar \u201ef\u00fcr immer\u201c. \u201eDieser Ha\u00df gl\u00fche als die Religion des deutschen Volkes, als heiliger Wahn in allen Herzen\u201c. 1809 sprach er davon, dass das Ziel des Hasses die Vernichtung des \u201eScheusals\u201c sei; die Soldaten der Heere Napoleons seien \u201eFranzosenungeziefer\u201c, das zu beseitigen sei. Anfang des I Weltkriegs \u00fcbernahm Ernst Lissauer die Staffel und schrieb den \u201eHa\u00dfgesang gegen England\u201c, den viele Deutsche bald auswendig kannten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ganz oben an der Stadtverwaltung von Vilnius prangt ein riesiges Plakat mit englischer Aufschrift: \u201ePutin, Den Haag wartet auf dich\u201c. Gemeint ist, dass sich der russische Pr\u00e4sident vor einem Kriegsverbrechertribunal verantworten und wie schon die Anf\u00fchrer der Serben verurteilt werden soll. Vor einem Gericht stehen aber nur Menschen, keine Zombies. Einen Verr\u00fcckten sperrt man in die Psychiatrie weg, ein Monster wird beseitigt. Allen (normalen) Menschen dagegen muss ein faires Verfahren gemacht werden, denn alle sind nach dem Ebenbild Gottes geschaffen und besitzen eine unverlierbare W\u00fcrde \u2013 auch oder gerade der Verbrecher.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bibelstellen wie 1. Mose 9, 5-6, 2. Mose 21, 24 und 5. Mose 25, 1-3 machen deutlich, dass die W\u00fcrde des Menschen verlangt, angemessen und begrenzt bestraft zu werden. Strafe \u201everdienen\u201c Menschen, nicht Tiere oder andere Wesen. Dabei muss Schuld, ein konkretes Verbrechen, auch tats\u00e4chlich vorliegen und der Person nachgewiesen werden \u2013 und dann muss die verdiente Strafe aber auch verh\u00e4ngt werden. Es darf nicht willk\u00fcrlich oder nur zu Abschreckung gestraft werden. Der Bestrafte bleibt \u201eBruder\u201c oder Mitb\u00fcrger, der nicht entehrt oder \u00f6ffentlich gedem\u00fctigt werden darf (5. Mose 25, 3).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">1945 offenbarten sich der Welt nach und nach alle barbarischen Untaten der Nazis. Das Volk der Dichter und Denker war einen teuflischen Abhang hinabgerutscht \u2013 direkt in die Arme einer verbrecherischen und skrupellosen Bande. Sollte man die Hauptt\u00e4ter des \u201eDritten Reiches\u201c nicht kurzerhand erschie\u00dfen, wie Churchill vorschlug? Die Alliierten entschlossen sich jedoch dazu, nicht weiter an der Spirale des Hasses zu drehen. Recht sollte gesprochen werden; ein Signal, dass auch Verbrechen durch eine Staatsf\u00fchrung geahndet werden k\u00f6nnen. Beim N\u00fcrnberger Kriegsverbrechertribunal sa\u00dfen 1945\/46 21 M\u00e4nner aus der Spitze der Diktatur auf der Anklagebank. Nach dem um Fairness bem\u00fchten Verfahren wurden drei Angeklagte freigesprochen, sieben zu Haftstrafen verurteilt und die anderen zum Tode verurteilt (G\u00f6ring entzog sich dem Strang durch Selbstmord).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Nazi-F\u00fchrer bekamen als Menschen einen ordentlichen Prozess, der sie ihrer irdischen Strafe zuf\u00fchrte. Als Menschen wurden ihnen auch zwei Milit\u00e4rseelsorger zur Seite gestellt: der katholische Priester Sixtus O\u2019Connor und der Pfarrer Henry Gerecke aus der lutherischen Kirche der Missouri-Synode. Beide Amerikaner wussten um die Gr\u00e4uel der Nazis (O\u2019Connor war unter den ersten, die das befreite KZ von Mauthausen bei Linz betraten). Als Christen hatten sie keine Illusion \u00fcber die Abgr\u00fcnde des B\u00f6sen, die sich in jeder menschlichen Seele auftun k\u00f6nnen. Beide bem\u00fchten sich intensiv um ihre verlorenen Schafe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eEs waren die siegreichen Alliierten, die in N\u00fcrnberg \u00fcber die Verbrechen der f\u00fchrenden Nazis urteilten. Aber es war ein Pastor der amerikanischen Lutherischen Kirche (Missouri Synod), der diesen M\u00e4nnern zu zeigen versuchte, dass das, was sie eigentlich f\u00fcrchten sollten, das Gericht Gottes war\u201c, schreibt Tim Townsend in seinem Buch \u00fcber Gereckes Mission in N\u00fcrnberg (Letzte Begegnungen unter dem Galgen, H\u00e4nssler, 2016).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gerecke glaubte, so Townsend weiter, \u201edass es seine Pflicht als Pastor und Seelsorger war, diesen Seelen Erl\u00f6sung zu bringen und so viele dieser Nazi-Gr\u00f6\u00dfen, wie er konnte, vor ihrer Hinrichtung zum Glauben zu bringen\u201c. Einige der Angeklagten wie Rosenberg, Kaltenbrunner oder Streicher wiesen die Bem\u00fchungen der Seelsorger jedoch zur\u00fcck. Letzterer posaunte noch vor der Hinrichtung \u201eHeil Hitler!\u201c hinaus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der lutherische Pastor hatte keine billige Gnade im Angebot. Zum Abendmahl lie\u00df er nur die diejenigen zu, die nicht nur Bedeutung dieses Sakraments verstanden, sondern auch in Bu\u00dfe und Glauben innerlich daf\u00fcr bereit waren. Gerecke verweigerte G\u00f6ring Brot und Wein, da dieser zwar an Gott, wie er sagte, aber nicht an den Retter Jesus Christus glaubte. Wilhelm Keitel, zuvor Chef des Oberkommandos der Wehrmacht, kehrte dagegen zum Glauben zur\u00fcck und bedankte sich bei Gerecke: \u201eSie haben mir mehr geholfen, als Sie sich vorstellen k\u00f6nnen. M\u00f6ge Christus, mein Heiland, mir bis zum Ende helfen und zur Seite stehen. Ich werde ihn so n\u00f6tig brauchen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf dem Weg zum Galgen summte Keitel das Lied \u201eHarre, meine Seele\u201c von Johann Friedrich R\u00e4der (EG, 596). Vor der Hinrichtung betete er Graf von Zinzendorfs Worte mit Gerecke nach: \u201eChristi Blut und Gerechtigkeit, das ist mein Schmuck und Ehrenkleid, damit will ich vor Gott bestehn, wenn ich zum Himmel werd eingehn\u201c. Keitel und andere waren bis zum bitteren Ende willige Helfer Hitlers. Die F\u00fchrungsclique des Nazis hatte Millionen Menschenleben auf dem Gewissen. Doch in seinem Bericht schreibt Gerecke, er glaube aufrichtig, dass Frick, Sauckel, Ribbentrop und Keitel \u201eals reuige S\u00fcnder starben, die auf Gottes Gnade vertrauten und um Vergebung baten. Sie glaubten an Jesus, der sein Blut f\u00fcr ihre S\u00fcnden vergossen hat.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Mehrheit der Menschen Russlands wie auch Deutschlands oder Litauens sind zwar einst Getaufte (wie alle auf der Anklagebank in N\u00fcrnberg), doch ihnen fehlen pers\u00f6nliche Reue \u00fcber S\u00fcnde und pers\u00f6nlicher Glaube. Menschenfresser und Zombies brauchen das Evangelium tats\u00e4chlich nicht, doch Menschen \u2013 wie tief auch immer sie gefallen sind \u2013 ist die Gute Nachricht von \u201eChristi Blut und Gerechtigkeit\u201c weiterzusagen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Holger Lahayne, 15. Juli 2022 (www.lahayne.lt)<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eBeinahe alle \u00dcbel und alles B\u00f6se dieser Welt haben ihren Ort und Ursprung im Krieg\u201c, schrieb Mitte des 16. Jahrhunderts der Z\u00fcrcher Reformator Heinrich Bullinger. Eines dieser \u00dcbel ist die Entmenschlichung der Einwohner des feindlichen Landes. So geschieht es auch nun wieder, auf dem Hintergrund des Krieges zwischen der Ukraine und Russland. 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