{"id":18884,"date":"2022-05-16T13:46:46","date_gmt":"2022-05-16T11:46:46","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=18884"},"modified":"2022-05-16T13:46:46","modified_gmt":"2022-05-16T11:46:46","slug":"beziehungsraum-mutterleib","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=18884","title":{"rendered":"Beziehungsraum Mutterleib"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Von der Befruchtung an ist das ungeborene Kind auf Beziehung, Verbundenheit und auf Lernen angelegt und angewiesen. Sobald es Zellen gibt, sind sie lebendig, nehmen wahr, reagieren auf die Umwelt und \u00fcben schon Funktionen aus. Ohne Lernen gibt es keine Entwicklung, kein \u00dcberleben. Und nur in der Beziehung entwickelt sich das Kind, dabei ist viel weniger festgelegt, als man vermuten k\u00f6nnte. Lange glaubte man, die vorgeburtliche Entwicklung sei vor allem genetisch gesteuert. Heute wissen wir, dass Gene nur Optionen bereitstellen. Was sich von diesen Optionen verwirklicht, h\u00e4ngt stark von der Umgebung des ungeborenen Kindes ab.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u201eDas sich entwickelnde vorgeburtliche Kind ist ein lebendiges interaktives Wesen, das von der Empf\u00e4ngnis an durch seine m\u00fctterliche Umgebung beeinflusst wird.\u201c<\/em> (Krens) Das Ungeborene lernt durch das, was aus seiner vorgeburtlichen Umwelt auf es eindringt, auch die einzelnen Zellen lernen von ihrer unmittelbaren Umgebung; dieses Lernen beeinflusst die Struktur- und Funktionsentwicklung des Gehirns; und das wiederum hat Auswirkungen auf die weitere Entwicklung des Kindes. Verbundenheit mit seiner Umgebung erlebt das vorgeburtliche Kind auf zahlreichen Wegen: \u00dcber die Sinnesorgane, durch die Nabelschnur (Plazenta), aber auch auf anderen, noch weniger erforschten Wegen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Tastsinn, riechen und schmecken<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Alter von etwa acht Wochen reagiert der Embryo (2,5 cm gro\u00df), wenn seine empfindlichen Lippen etwas ber\u00fchren. Ab etwa dieser Zeit kann man bei ihm gezielte intentionale Bewegungen erkennen. Wenn Mutter oder Vater ihre Hand liebevoll auf den Bauch der Mutter legen, sp\u00fcrt das Kind diese Ber\u00fchrung und bewegt sich zuverl\u00e4ssig zu jener Seite, an der die Hand von au\u00dfen aufliegt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch ab etwa acht Wochen kann das Ungeborene riechen und das Fruchtwasser schmecken. Nach der Geburt erkennt das Kind seine Mutter am Duft der Muttermilch wieder. Auch ihre Brustwarzen riechen nach bestimmten Pheromonen, die schon im Fruchtwasser enthalten sind. Isst die Mutter viel Anis w\u00e4hrend der Schwangerschaft, bevorzugt das Kind auch nach der Geburt den Anisgeschmack. Legt man einem Neugeborenen zwei Stillvorlagen vor, auf der einen sind einige Tropfen Milch von der eigenen Mutter, auf der anderen ist Milch einer fremden Mutter, wendet sich das Neugeborene zuverl\u00e4ssig zur Stillvorlage mit der Milch der eigenen Mutter. Es wei\u00df, wie die Mutter \u201eschmeckt\u201c. Die Sinneswahrnehmungen des Kindes sind auf eine vorgeburtlich-nachgeburtliche Verbundenheit angelegt. Das st\u00e4rkt sein Vertrauen in die noch unbekannte, nachgeburtliche Welt: Alles ist in Ordnung, ich kenne mich aus. Ich wei\u00df, wo es Nahrung gibt und deshalb kann ich leben. \u2013 Das Kind kann sich entspannen, sein kleines Gehirn kommt zur Ruhe \u2013 eine wichtige Voraussetzung f\u00fcr eine gute Gehirnentwicklung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>H\u00f6ren und Schmerzempfinden<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das ungeborene Kind reagiert auf zahlreiche Ger\u00e4usche; leise T\u00f6ne scheint es zu genie\u00dfen, bei lauten zieht es sich erschreckt zusammen oder strampelt wild. Es kann freundliche von aggressiven Stimmen unterscheiden. Der Pr\u00e4natalforscher Thomas Verny zeigte Ultraschallaufnahmen eines F\u00f6tus im f\u00fcnften Lebensmonat: Man sah deutlich, wie er pl\u00f6tzlich zusammenzuckte und sich in sich zusammenzog, als sich die Eltern stritten, ein Glas zerbrach und die Mutter laut aufschrie. (Alberti)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Intensiv nimmt das Ungeborene den Herzschlag der Mutter wahr: Klopft ihr Herz schnell, klopft seines auch schnell, beruhigt sie sich, kann das Kind auch entspannen. Neugeborene schreien weniger und schlafen besser, wenn man ihnen eine Tonaufnahme mit dem m\u00fctterlichen Herzschlag vorspielt. Vorgeburtlich h\u00f6ren Kinder die m\u00fctterliche Stimme nicht nur von au\u00dfen, sondern auch \u00fcber die Wirbels\u00e4ule und das Becken der Mutter. Dieses ist wie ein Resonanzk\u00f6rper; es ger\u00e4t bei genau jener Frequenz in Schwingung, die der Frequenz einer Frauenstimme entspricht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Menschliche Stimmen sind nicht denkbar ohne das Mitschwingen von Stimmungen und Emotionen. Das Kind nimmt sie wahr, verarbeitet sie in seinem Gehirn und \u201e\u00fcbt\u201c sich in das menschliche Gef\u00fchlsleben ein. Wenn die Mutter lacht, bewegt sich Sekunden sp\u00e4ter das Ungeborene in ihrem Bauch. Neugeborene zeigen Freude und entspannen sich, wenn sie Melodien h\u00f6ren, die sie schon aus der vorgeburtlichen Zeit kennen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch die Stimme des Vaters ist ihnen bereits vertraut, weil sie mit ihrer niedrigeren Frequenz als etwas von au\u00dfen Kommendes vorgeburtlich gut wahrgenommen wird. Ebenso kommt der Vater in der Gedanken- und Gef\u00fchlswelt der Mutter vor \u2013 positiv oder negativ \u2013 beides \u00fcbertr\u00e4gt sich auf das Kind. Wenn Paare schon w\u00e4hrend der Schwangerschaft ihr ungeborenes Kind in die gemeinsame Vorstellungs- und Beziehungswelt mit einbeziehen, geht es dem Kind sp\u00e4ter besser: Im Kleinkindalter kann es Konflikte effektiver und flexibler l\u00f6sen und zeigt weniger aggressives Verhalten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das vorgeburtliche Schmerzempfinden ist bisher wenig erforscht. Sicher nachgewiesen ist: Wenn F\u00f6ten im Alter von 19 Wochen einem schmerzhaften Eingriff ausgesetzt sind, etwa der Einf\u00fchrung einer Nadel f\u00fcr eine Bluttransfusion, produzieren sie Stresshormone. Wenn Kinder zwischen der 21. und 23. Schwangerschaftswoche abgetrieben werden, k\u00f6nnen sie h\u00f6rbar schreien. (H\u00fcther)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Plazenta und Nabelschnur<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Nabelschnurverbindung zwischen Mutter und Kind existiert schon am 13.\u2005\/\u200514. Tag nach der Befruchtung. Anfangs \u00fcber das m\u00fctterliche Gewebe direkt, danach \u00fcber die Nabelschnur gibt die Mutter ihr Wohlbefinden (z. B. \u00fcber das Hormon Oxytocin), aber ungewollt auch ihren Stress an das Kind weiter. \u201e\u00dcber die Nabelschnur ist der F\u00f6tus auch an das emotionale Erleben der Mutter angeschlossen. Gef\u00fchlszust\u00e4nde haben auch eine physiologische Basis: Sie zeigen sich z. B. in hormonellen Ver\u00e4nderungen im Blut, in der Qualit\u00e4t der Sauerstoffzufuhr und in den Ver\u00e4nderungen der Herzfrequenz. Wenn sich die Mutter \u00e4ngstlich f\u00fchlt, werden vermehrt Stresshormone wie Adrenalin und Kortisol ausgesch\u00fcttet. (&#8230;) Alle Stresshormone \u00fcberschreiten ohne Probleme die Plazentaschranke und stimulieren im F\u00f6tus die physiologische Reaktion auf genau dieses Gef\u00fchl von Angst und Furcht. Ob das Kind daraufhin Angst \u201aerlebt\u2018, wissen wir nicht. Wenn man seine Reaktion im Ultraschall beobachtet, bekommt man allerdings den Eindruck, dass sein kleiner K\u00f6rper in gewisser logischer Weise auf diesen \u201aAngstreiz\u2018 reagiert.\u201c\u2005(H\u00fcther)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Vorgeburtlicher Stress und Depressionen<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Stress wird nicht nur durch \u00e4u\u00dfere Lebensbedingungen verursacht (Hektik, chronischer L\u00e4rm, \u00e4u\u00dfere \u00dcberlastungen), sondern auch durch \u201epsychosoziale Reize sowie innere Denk- und Emotionsprozesse\u201c (Krens), etwa wenn finanzielle oder Beziehungsprobleme oder andere Faktoren die Mutter belasten. Stress bewirkt beim Kind normalerweise die Aktivierung seiner \u201eStressachse\u201c, einer biologischen Abfolge verschiedener Eiwei\u00dfstoffe im Gehirn und K\u00f6rper. Nimmt der Stress \u00fcberhand oder wird er chronisch, kann es zur Fehlregulierung oder zum Zusammenbruch der Stressachse kommen. In der Regel f\u00fchrt das beim Kind zu einer chronischen \u00dcbererregung, m\u00f6glicherweise auch zu einer Starre. \u00dcberm\u00e4\u00dfige vorgeburtliche Belastungen zwingen das sich entwickelnde Gehirn zu funktionellen und strukturellen Anpassungen, wodurch auch im sp\u00e4teren Leben die Stressempfindlichkeit eines Menschen erh\u00f6ht und Lernf\u00e4higkeit und Neugierverhalten beeintr\u00e4chtigt sein kann. Die Stresshormone Kortisol und Adrenalin f\u00fchren zudem zu einem Zusammenziehen der Blutgef\u00e4\u00dfe, was die Sauerstoffzufuhr beim Kind beeintr\u00e4chtigt und den f\u00f6talen Stress weiter erh\u00f6ht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Wege, auf denen sich die Mutter mitteilt, sind nicht nur hormonell, wie dieses Beispiel zeigt: Denkt eine rauchende Mutter an die n\u00e4chste Zigarette, ohne sie zu rauchen, f\u00fchrt die Reaktion der Mutter zu einer unmittelbaren Stressreaktion beim Kind: Sein Herzschlag beschleunigt sich. (Geuter) <em>\u201eTrotz der methodischen Probleme, die die pr\u00e4natale Stressforschung zu \u00fcberwinden hat, gibt es eine \u00fcberw\u00e4ltigende Anzahl von Daten, die konsistent darauf hindeuten, dass Stressoren w\u00e4hrend der Schwangerschaft Folgen f\u00fcr die weitere Entwicklung des Kindes haben.\u201c <\/em>(Krens) Als m\u00f6gliche Folgen werden in Studien genannt: erh\u00f6hte Erregbarkeit des Kindes, vermehrte Unruhe, Lernschwierigkeiten, geringere Anpassungsf\u00e4higkeit an \u00e4u\u00dfere Umst\u00e4nde, psychische Probleme, psychische und motorische Entwicklungsverz\u00f6gerungen, h\u00e4ufigere \u00c4ngste, Selbstregulationsst\u00f6rungen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Neugeborene von M\u00fcttern, die im letzten Drittel der Schwangerschaft depressiv waren, zeigen, genau wie ihre M\u00fctter, die f\u00fcr Depressionen typischen physiologischen Ver\u00e4nderungen im Blut: erh\u00f6htes Kortisol, erniedrigtes Dopamin. Das Ungeborene ist also schon mit dem Reaktionsmuster Depression vertraut. Das \u201edroht Teil seiner k\u00f6rperlichen und emotionalen Welt zu werden und Einfluss darauf zu nehmen, wie das Kind sp\u00e4ter sowohl auf positive wie auch auf negative Umweltreize reagiert.\u201c (H\u00fcther)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weitere Verbindungen mit der Mutter<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u201eIn jeder bewussten Kontaktaufnahme mit dem Kind in ihrem Bauch kommen immer auch die Befindlichkeit und das Gef\u00fchl der Mutter ihm gegen\u00fcber zum Ausdruck: in der Art und Weise, wie sie sich und ihre Bewegungen und Aktivit\u00e4ten auf die Anwesenheit des Kindes einstellt, ob und wie sie zu ihm oder \u00fcber es spricht &#8230; ob und wie sie mit dem Kind in Kontakt tritt \u2013 direkt durch die Ber\u00fchrung der Bauchdecke oder gef\u00fchlsm\u00e4\u00dfig, indem sie ihre Aufmerksamkeit innerlich auf seine Anwesenheit und seine Befindlichkeit ausrichtet.\u201c<\/em> (H\u00fcther) M\u00f6chte die Mutter die Beziehungsaufnahme nicht, aus welchen Gr\u00fcnden auch immer, belastet das die Bindung zum Kind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mehr noch als bewusste Kontakte spielen wohl unbewusste Anteile in der Beziehung zwischen Mutter und Kind eine Rolle \u2013 Anteile, in denen Empfindungen, Gef\u00fchlszust\u00e4nde und vielleicht sogar Bilder und Vorstellungen kommuniziert werden. Thomas Verny geht, wie andere Pr\u00e4natalforscher auch, davon aus, dass es eine \u201eintuitive Kommunikation\u201c zwischen Mutter und Kind gibt: \u201e\u00dcber einen intuitiven Weg teilt die Mutter ihre Gedanken, Vorhaben und viele ihrer Gef\u00fchle dem Kind mit und empf\u00e4ngt umgekehrt auf demselben Weg auch Botschaften vom Kind, h\u00e4ufig in Form von Tr\u00e4umen.\u201c (Krens) Diese Kommunikationswege sind bisher wenig erforscht. M\u00f6glicherweise spielen Spiegelhormone eine Rolle. Sie \u201estellen das neurobiologische Korrelat f\u00fcr die intuitive Wahrnehmung anderer Menschen und f\u00fcr intersubjektive Bezogenheit und Bindung dar. Sie sind schon direkt nach der Geburt in Funktion.\u201c Wenn \u201eorganismische Wahrnehmungs- und Bindungsprozesse\u201c schon vorgeburtlich wirken, k\u00f6nnen die Informationen, die das Kind auf diesen Wegen erreichen, m\u00f6glicherweise einen pr\u00e4genden Einfluss auf seine Entwicklung haben \u2013 im Positiven wie im Negativen. (Krens)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Die vorgeburtliche Entwicklung des Gehirns<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Heute wissen wir, wie stark die Gehirnentwicklung des Kindes von vorgeburtlichen Erfahrungen abh\u00e4ngig ist. \u201eDie vielf\u00e4ltigen Reize, die aus der Beziehung zwischen Mutter und Kind entstehen, bieten einen st\u00e4ndigen Strom von Lernerfahrungen, mit denen sich das Kind auseinandersetzt, indem es die im Gehirn erzeugten Erregungsmuster mit bereits angelegten Mustern zu verkn\u00fcpfen und als neue Erfahrungen zu verankern sucht.\u201c (H\u00fcther) Die Nervenzellen im Gehirn teilen sich, vermehren sich, lernen voneinander, bilden immer komplexere Netzwerke mit immer weiteren Verschaltungen. Strukturelle und funktionelle Entwicklung gehen Hand in Hand.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Grundprinzip der menschlichen Entwicklung ist die Zunahme der Komplexit\u00e4t. Der menschliche Organismus entwickelt sich nicht vom Niedrigen zum H\u00f6heren, sondern ist immer nur in einer Weiterentwicklung: Neues kann nur auf Altem aufbauen. Neues kann im Gehirn nur verankert werden, wenn es an \u00c4lteres ankn\u00fcpfen kann. Strukturell gesehen: Von au\u00dfen kommende Signale verursachen ein Erregungsmuster im Gehirn, eine \u201eUnruhe\u201c, die erst wieder zur Ruhe kommt, wenn das Neue verarbeitet ist, d. h. wenn es mit \u00e4lteren Strukturen verbunden und in sie eingebettet ist. Auf der funktionellen Ebene bedeutet es f\u00fcr das Kind das Gef\u00fchl: Es ist gut. Ich habe etwas dazu gelernt. Ich bin dadurch gewachsen und reifer geworden. Das gibt mir Vertrauen und Sicherheit und macht Lust, weiter zu lernen. Lust, neue Erfahrungen zu machen und dazuzulernen, ist eine wesentliche Voraussetzung f\u00fcr Entwicklung. Diese F\u00e4higkeit kann beeintr\u00e4chtigt sein, wenn das ungeborene Kind mit belastenden Signalen \u00fcberflutet wird. Die auf das Gehirn eindringenden Wahrnehmungen k\u00f6nnen dann \u201eso fremd und \u00fcberm\u00e4chtig [sein], dass es im Gehirn des Kindes nicht gelingt, sie in irgendeiner Weise an das bereits vorhandene Wissen anzukn\u00fcpfen und in die bereits entwickelten Verschaltungsmuster zu integrieren.\u201c (H\u00fcther) Das gilt besonders f\u00fcr heftige Angst- und Stressreaktionen aber auch f\u00fcr zahlreiche andere Stressoren wie gro\u00dfe psychische Belastungen der Mutter, die beim Kind anbranden, oder Unterern\u00e4hrung oder Alkohol-, Nikotin- und Drogenkonsum der Mutter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die im Gehirn sich ausbreitende Unruhe kommt dann vielleicht nicht mehr zur Ruhe. Je nach Schwere der anbrandenden Stressoren und auch abh\u00e4ngig von der genetischen Ausstattung des Kindes gew\u00f6hnt sich das Kind entweder an die St\u00f6rung oder k\u00e4mpft immer wieder mit der \u00dcberforderung. Sein Gehirn wird dadurch aber etwas anders aufgebaut und die Verschaltungen etwas anders gelegt, als es ohne die Belastungen gewesen w\u00e4re. <em>Es kann sein, dass es solchen Kindern im sp\u00e4teren Leben \u201enur schwer [gelingt], die f\u00fcr schwierige Wahrnehmungs- und Lernprozesse erforderlichen hochkomplexen Erregungsmuster in ihrem Gehirn aufzubauen und als neuronale und synaptische Verschaltungsmuster zu stabilisieren. Sie [die Kinder] sind verunsichert, \u00e4ngstlich oder w\u00fctend und erleben nur selten das Gef\u00fchl, dass sie in der Lage sind, Probleme zu meistern und \u00fcber sich hinauszuwachsen.\u201c<\/em> (H\u00fcther)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">M\u00f6glicherweise ziehen sich die betroffenen Kinder sp\u00e4ter schneller zur\u00fcck, haben mehr \u00c4ngste, sind weniger aufgeschlossen f\u00fcr neue Erfahrungen. Sie lassen sich emotional leichter oder schwerer erregen. Sind ihre Gehirn-Erregungsmuster stark verschoben, k\u00f6nnen sie durch \u201eschwieriges Verhalten\u201c auffallen und m\u00fcssen dann zus\u00e4tzlich zu ihren vorgeburtlichen Lasten m\u00f6glicherweise noch Ablehnung oder Zur\u00fcckweisung von ihrem Umfeld verkraften. Wichtig ist aber auch: Jedes Kind reagiert nicht nur, sondern ist selbst aktiv und nimmt auf seine eigene Weise am vorgeburtlichen Beziehungsgeschehen teil. Es gibt niemals ein einfaches Ursache-Wirkung-Prinzip. Dazu ist menschliche Entwicklung zu komplex und viele Faktoren sind noch unbekannt. Im Einzelfall l\u00e4sst sich deshalb auch nicht vorhersagen, wie sich bestimmte vorgeburtliche Belastungen auf ein Kind auswirken. Das Gute ist: Das Gehirn kann lebenslang hinzulernen. Wesentliche Strukturen im Vorderhirn sind erst im Alter von etwa 25 Jahren ausgereift, die funktionelle Entwicklung h\u00e4lt lebenslang an.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Erfahrungen aus der Therapie<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Pr\u00e4natalforscher Ludwig Janus stellte auf einem Kongress diesen Fall vor: Ein achtj\u00e4hriger Junge litt Zeit seines Lebens an Erbrechen, ohne dass eine organische Ursache gefunden werden konnte. Er wurde deshalb an einen Psychotherapeuten verwiesen. In Bildern malte er immer wieder sich selbst schlafend auf dem Grund eines tiefen Brunnens. Durch Gespr\u00e4che mit der Mutter und die Arbeit mit seinen Bildern stellte sich heraus, dass die Mutter versucht hatte, ihn mit einer giftigen Fl\u00fcssigkeit abzutreiben, als sie im f\u00fcnften Monat schwanger war. Danach entschied sie sich f\u00fcr das Kind und nahm liebevoll eine Beziehung zu ihm auf \u2013 die traumatische Erfahrung war im Jungen aber gespeichert und noch unverarbeitet. Nachdem er in der Therapie die Erfahrung verarbeiten konnte, h\u00f6rte das Erbrechen auf. (Alberti)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diesen Fall beschrieb die Psychotherapeutin Natascha Unfried: Ein siebenj\u00e4hriger Junge kam in die Therapie, weil er unter schwerer sozialer Isolation litt. Weder mit den Adoptiveltern noch mit den gleichaltrigen Kindern konnte er eine Beziehung aufnehmen; er litt unter panischen \u00c4ngsten, dem Gef\u00fchl, wie tot zu sein und, wie sich dann in der Therapie herausstellte, unter einer unendlichen inneren Verlassenheit. Aus der Vorgeschichte ergab sich, dass die leibliche Mutter sich schon fr\u00fch in der Schwangerschaft entschieden hatte, den Jungen nicht bei sich zu behalten. Es kam zu einer erschwerten und verl\u00e4ngerten Geburt, danach wurde das Kind gleich von der Mutter getrennt. Natascha Unfried geht davon aus, dass der Junge schon vor der Geburt einer Bindungsst\u00f6rung ausgesetzt war, und mehrere traumatische Erfahrungen folgten: \u201epr\u00e4natale emotionale Vernachl\u00e4ssigung, Geburtstrauma und postnatales Trennungstrauma\u201c. In Abh\u00e4ngigkeit von den fr\u00fchen Erfahrungen entwickelte das Gehirn des ungeborenen Kindes ein inneres Bild von der (Um-)Welt, wie sie gemacht ist, wie man mit ihr umgeht und mit ihr in Beziehung tritt. Vorgeburtliche Traumata f\u00fchren dazu, dass sich das entwickelnde Gehirn ver\u00e4ndert und die neuronalen Netzwerke so verschaltet werden, dass \u201everzerrte Bilder von der Welt und sich selbst\u201c entstehen. Zum Gl\u00fcck konnte der Junge durch die therapeutische Arbeit Schritt f\u00fcr Schritt seine innere Verlassenheit aufgeben und Beziehungen zu anderen aufnehmen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Orientierung am Kind<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Der Mensch wird nicht Mensch, sondern ist es von Anfang an. Seine k\u00f6rperliche, seelische und soziale Entwicklung sind nicht voneinander zu trennen, sondern bilden von der Befruchtung an eine komplexe Einheit. <\/em>Macht es einen Unterschied, ob ein Kind in einer liebevollen Beziehung gezeugt wurde oder in einer kalten Laborschale, von Anfang an getrennt von Mutter und Vater? Macht es einen Unterschied, ob ein Kind in die Geb\u00e4rmutter einer fremden Frau eingepflanzt wird, die sich keine Bindungsbeziehung zum Kind leisten kann? Macht es einen Unterschied, ob ein Kind nach der Geburt wieder eine Trennung erlebt? Jede Unterbrechung und Trennung in der fr\u00fchen Lebenszeit, so Peter Fedor-Freybergh, ist ein negativer Stressmarker f\u00fcr das sich entwickelnde Gehirn, der s\u00e4mtliche Entwicklungsprozesse negativ beeinflussen kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Aufl\u00f6sung des nat\u00fcrlichen Ehe-, Familien- und Elternbegriffs f\u00fchrt zu Unverbundenheit, Bindungslosigkeit, Verunsicherung oder sogar Nicht-Identit\u00e4t. Die vorgeburtliche empirische Forschung best\u00e4tigt, was wir aus der fr\u00fchkindlichen Bindungsforschung wissen: Ein Kind braucht zuallererst Verbundenheit, Schutz und Sicherheit, Kontinuit\u00e4t und Bindung. Dies sind entscheidende Grundlagen daf\u00fcr, dass es sp\u00e4ter Vertrauen ins Leben entwickeln kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Dr. med. Christl Ruth Vonholdt<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Copyright: Salzkorn &#8211; Anstiftungen zum Gemeinsamen Christenleben (02-22), <a href=\"http:\/\/www.ojc.de\">Offensive Junger Christen<\/a><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Die ungek\u00fcrzte Fassung dieses Beitrages finden Sie <a href=\"https:\/\/www.dijg.de\/ehe-familie\/bindung\/mutterleib-vorgeburtliche-entwicklung\/\">hier<\/a>.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Verwendete Literatur:<\/strong><\/p>\n<p>Ausf\u00fchrliche Zitation im ungek\u00fcrzten Artikel, DIJG Bulletin 23 (Leibliche Elternschaft \u2013 Relevanz und Bedeutung f\u00fcr das Kindeswohl); online https:\/\/www.dijg.de\/ehe-familie\/bindung\/mutterleib-vorgeburtliche-entwicklung\/<\/p>\n<p>Alberti, B.: <em>Die Seele f\u00fchlt von Anfang an<\/em>. M\u00fcnchen, 6. Aufl. 2012<\/p>\n<p>Blechschmidt, E.: <em>Sein und Werden<\/em>. Stuttgart 1982<\/p>\n<p>Fedor-Freybergh, P.: <em>Die Schwangerschaft als erste \u00f6kologische Situation des Menschen<\/em>. In: Janus, Ludwig u.a. (Hg): <em>Seelisches Erleben vor und w\u00e4hrend der Geburt<\/em>. Neu-Isenburg 1997, S. 15f.<\/p>\n<p>Ders.: <em>Continuity and indivisibility of integrated psychological, spiritual and somatic life processes<\/em>. http:\/\/www.scienzaespirito.it\/files\/img_serv\/sanmarino\/Prof_Freyberg.pdf<\/p>\n<p>Geuter, U.: <em>Im Mutterleib lernen wir die Melodie unseres Lebens<\/em>. In: Psychologie heute 2003, Heft 1, S. 20\u2005\u2013\u200526<\/p>\n<p>H\u00fcther, G. u. I. Krens: <em>Das Geheimnis der ersten neun Monate \u2013 Unsere fr\u00fchesten Pr\u00e4gungen<\/em>. Beltz, Weinheim, 4. Auflage 2011.<\/p>\n<p>Janus, L.: <em>Der Seelenraum des Ungeborenen<\/em>. Ostfildern, 4. Aufl. 2013.<\/p>\n<p>Krens, I. u. H. Krens: <em>Beziehungsraum Mutterleib. <\/em>In: Krens, I. und Krens, H.: <em>Risikofaktor Mutterleib<\/em>. G\u00f6ttingen 2006<\/p>\n<p>Unfried, N.: <em>Pr\u00e4natale Traumata und ihre Bearbeitung in der Kindertherapie<\/em>. In: Krens u. Krens: <em>Risikofaktor Mutterleib<\/em>. A.a.O., S. 188\u2005\u2013\u2005204<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von der Befruchtung an ist das ungeborene Kind auf Beziehung, Verbundenheit und auf Lernen angelegt und angewiesen. Sobald es Zellen gibt, sind sie lebendig, nehmen wahr, reagieren auf die Umwelt und \u00fcben schon Funktionen aus. Ohne Lernen gibt es keine Entwicklung, kein \u00dcberleben. 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