{"id":18627,"date":"2022-01-18T09:32:39","date_gmt":"2022-01-18T08:32:39","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=18627"},"modified":"2022-01-18T09:32:39","modified_gmt":"2022-01-18T08:32:39","slug":"come-in-and-stay-out-ein-aufruf-an-christliche-gemeinden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=18627","title":{"rendered":"Come in and stay out! &#8211; Ein Aufruf an  christliche Gemeinden"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDu bist ok, wie du bist!\u201c Laut der Webseite evangelisch.de hat die \u201efromme Welt\u201c &#8211; gemeint sind christlich konservative Gemeinden &#8211; unter dem Slogan \u201eCome-In\u201c in den letzten Jahren eine Kehrtwende vollzogen. \u201eHomo- und Bisexuelle und Varianten der Geschlechtsentwicklung\u201c werden von \u201eprominenten Vertreter*innen aus der evangelikalen Szene\u201c demnach in der Gemeinde willkommen gehei\u00dfen. Doch auch wenn \u201eCome-In\u201c und \u201edu bist ok, wie du bist\u201c, auf den ersten Blick einladend erscheinen, melden uns immer mehr Menschen zur\u00fcck, dass sie sich in ihren Gemeinden heimatlos f\u00fchlen. Es sind besonders Menschen, die sehr ernsthaft mit ihrer eigenen Geschlechtlichkeit und Sexualit\u00e4t ringen. Daher diese Anfrage an die Verantwortungstr\u00e4ger in Kirchen und Gemeinden.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Denn durch die neue scheinbare \u201eWillkommenskultur\u201c \u00e4ndert sich einiges. Vor allem f\u00fcr diejenigen, die \u201enicht so sein wollen, wie sie sind\u201c, sondern das Leben als einen Prozess des Wachstums und der Ver\u00e4nderung verstehen; und f\u00fcr all jene, die ihre sexuelle Orientierung konflikthaft erleben. &#8211; Mit dieser Anfrage wollen wir auf einige inhaltliche Fallstricke dieser Entwicklung hinweisen und einige Fragen zur Diskussion stellen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Come In &#8211; Du bist homosexuell oder heterosexuell geschaffen<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Come-In ist mit der Botschaft verbunden, \u201edu bist ok, wie du bist\u201c. Der Arzt Martin Grabe, der einer der prominenten evangelikalen Vertreter der Come-In Bewegung ist, unterstreicht die G\u00fcltigkeit dieses Satzes mit einem Zitat Jesu (Mt. 10, 29): Kein Spatz f\u00e4llt auf die Erde, ohne dass Gott dar\u00fcber entscheidet. Und er kommt zum Schluss: \u201eWenn jemand homosexuell ist, dann ist das nicht aus Versehen passiert, sondern Gott hat es ausdr\u00fccklich zugelassen.\u201c (S. 50) Daher, so Grabe weiter, hat keiner das Recht, sich in seinem Geschaffensein abzulehnen. (vgl. S. 59)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vielleicht mag manchem Theologen die Denkweise Grabes k\u00fchn oder gar abwegig erscheinen. Jedoch gilt es zu fragen, ob dieses Schriftverst\u00e4ndnis unter dem Slogan, \u201edu bist ok, wie du bist\u201c, nicht schon lange Einzug in unsere Gemeinden gehalten hat. So \u00e4u\u00dfern nicht nur gl\u00e4ubige Menschen immer wieder den Wunsch nach einer Gemeinde, in der man so sein kann, wie man ist. Auch Gemeindeleiter tragen dieses Lebensprinzip vor. Besonders dann, wenn sie von der Willkommenskultur sprechen, die sie in ihrer Gemeinde pflegen. Oberstes Prinzip dabei ist die Liebe, die alles tr\u00e4gt und alles duldet (1. Kor. 13). Gemeint ist dann aber eine Liebe, die alles zul\u00e4sst, die nichts mehr hinterfragt, und die auf Ermahnung verzichtet. Ist die Ermahnung aber nicht genau das, was Paulus neben die Liebe stellt?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Der Mensch wird Ma\u00dfstab der Schriftauslegung<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist unschwer zu erkennen: Wer dieser Denkweise folgt, der macht den Menschen und das, was er in sich vorfindet, zum Ma\u00dftab des Schriftverst\u00e4ndnisses. So kann unter dem Slogan \u201edu bist ok, wie du bist\u201c jede Phantasie, jede Regung, jede Leidenschaft und jede Form der Sexualit\u00e4t, nach der sich der Mensch sehnt, als Variante einer von Gott gewollten Sch\u00f6pfung gewertet werden. &#8211; Sicher, Grabe macht in seinem Buch deutlich, dass es ethische Grenzen gibt. So markiert er die Ausbeutung und die Gier nach Macht als Linien, die nicht \u00fcberschritten werden d\u00fcrfen. &#8211; Wem aber ist in einer Atmosph\u00e4re, in der jeder \u201esein darf, wie er will\u201c, noch erlaubt, den Grenz\u00fcbertritt zu markieren?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Oder anders gefragt: Wem steht noch zu, eine offene Beziehung, in der man sich auf mehrere Sexualbeziehungen einigt, als abwegig zu bezeichnen? Vor allem wenn man behauptend ins Feld f\u00fchren kann, der Drang nach wechselnden Sexualbeziehungen sei Gott gewollt. Oder wer will im Dunstkreis dieser These eine polyamore Beziehung, in der sich mehrere Partner gleichzeitig die Liebe versprechen, verurteilen? Die Liebe, die alles duldet und tr\u00e4gt, ist doch das bindende Glied. Oder wer will einem Mann oder einer Frau dann, wenn der Partner ihm nicht gen\u00fcgend sexuelle Gemeinschaft schenkt, noch die Selbstbefriedigung, den Pornokonsum oder gar den gelegentlichen Seitensprung verbieten? &#8211; K\u00f6nnen sich nicht all diese Menschen auf Gott berufen, der sie mit diesen Sehns\u00fcchten genauso und nicht anders erschaffen hat?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Willk\u00fcr im Bereich Sexualit\u00e4t ist die Regel<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sicher sagen einige jetzt, das sei \u00fcbertrieben. In Gespr\u00e4chen mit Pfarrern, Priestern und Menschen, die Seelsorge treiben, h\u00f6re ich aber: Willk\u00fcr im Bereich der Sexualit\u00e4t ist heute die Regel und nicht mehr die Ausnahme. Gerade junge Menschen sehen sich unter dem Relativismus, der mit dem Slogan \u201edu bist ok, wie du bist\u201c ermutigt, alle m\u00f6glichen Formen von Sexualit\u00e4t auszuprobieren. Ma\u00dfstab dabei ist nicht mehr das Wort Gottes, sondern das individuelle Bed\u00fcrfnis, das \u00fcber das Handeln entscheidet. Damit wird aber der Mensch und sein Erleben zum Ma\u00dfstab jedes Schriftverst\u00e4ndnisses.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Stay Out<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Stay-Out &#8211; Wo das Wort Gottes f\u00e4llt, da wird man heimatlos. Sicher, Akteure wie Martin Grabe haben Gutes im Sinn. Sie wollen mit ihren Thesen ein Tabu durchbrechen. Endlich sollen Menschen, die ihre Sexualit\u00e4t anders erleben, in den Gemeinden Heimat finden! So sehr ich dieses Anliegen unterst\u00fctze, so sehr wirft der gew\u00e4hlte Ansatz zwei zentrale Fragen auf: Macht er nicht heimatlos? Und simplifiziert er nicht die Frage von Sexualit\u00e4t, anstatt das beklagte Tabu und die damit verbundene Sprachlosigkeit zu durchbrechen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn Gott die Art der Sexualit\u00e4t und sexuellen Orientierung gewollt hat, die ich in mir vorfinde, dann werden all diejenigen heimatlos, die ihre Variante der Geschlechtlichkeit nicht als Sch\u00f6pfungsgnade sondern als Verletzung begreifen. Und heimatlos werden auch die, die ihre Form der Sexualit\u00e4t nicht als Geschenk Gottes sondern als Konflikt verstehen und als Kampf, den sie in der Mitte ihrer Person sp\u00fcren und wahrnehmen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dabei denke ich an all die Menschen, die wir in den letzten Jahren immer wieder durch ihr Zeugnis haben zu Wort kommen lassen. Menschen, die aufgrund von erfahrenen Zur\u00fcckweisungen, Herabsetzungen oder Missbrauch zu fl\u00fcchtigen Sexualkontakten neigen oder sich aus Angst vor neuen Verletzungen in die Asexualit\u00e4t zur\u00fcckziehen. Menschen, die ihr gleichgeschlechtliches Begehren nicht als Erf\u00fcllung sondern als Reparatur ihres verletzten Frau- oder Mannseins erleben. Menschen, die in ihrem Leben so abgewertet und herabgesetzt wurden, dass von ihnen Beziehung nur in einer erniedrigenden Sexualit\u00e4t gesp\u00fcrt werden kann. Und ich denke an Menschen, die ein Bewusstsein davon haben, dass sie in ihrer Sexualit\u00e4t nicht nach Beziehung, sondern nach der Erf\u00fcllung von Bed\u00fcrfnissen suchen, die sie in ihrem Alltag einfach nicht umsetzen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Sexuelle Verwirrung und Orientierungslosigkeit nimmt zu<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Blick habe ich bei dieser Aufz\u00e4hlung nicht nur die Menschen, die homosexuell empfinden oder die wachsende Zahl bisexuell empfindender Menschen, deren Anteil in der Millenial-Generation (geboren 1981 &#8211; 1996) noch 5,1 % betrug, in der Generation Z (geboren 1997 &#8211; 2002) aber bereits auf 11,5 % geklettert ist (vgl. Gallup 2020). Im Blick habe ich auch heterosexuelle Menschen, die an der praktizierten oder nicht-praktizierten Sexualit\u00e4t in der Ehe leiden, pornos\u00fcchtige Menschen, Menschen, die mit dem Alleinleben nicht zurecht kommen und sich eine virtuelle Heimat auf Datingplattformen geschaffen haben. Oder junge Menschen, die in ihrer Sexualit\u00e4t zwischen liberaler Offenheit und ihrem Brennen f\u00fcr Jesus hin und her gerissen sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr diese Menschen waren das Wort Gottes und die Gemeinde Jesu bislang Zuflucht und Heimat. Denn dorthin trugen sie ihre Zerrissenheit und ihre Verletzung, die es ihnen oft schwer macht, angstfrei Beziehung zu leben und die Ganzheit ihres Personseins zu erfahren. F\u00fcr ihren Weg orientierten sie sich dabei an Christus, der die Schwachheit der Menschennatur annahm und sich voll Vertrauen in die Arme des Vaters legte (vgl. Phil 2, 5-11). Von der Verk\u00fcndigung dieses Christus erwarteten sie Antwort auf die Frage, wie sie trotz Verletzung und Versuchung ein Leben f\u00fchren k\u00f6nnen, in dem sie Gott antwortend entsprechen. Auf Christus also, der ein Menschsein zeigt, in dem der Widerspruch von Schwachheit und Gottes-Kindschaft zu einer Einheit wird, ohne dass ein Teil verleugnet werden muss, legten sie ihre Hoffnung. Zu ihm beteten sie: Zeig mir, wie mein Leben durch alles Scheitern hindurch gelingen kann (Ignatius von Loyola).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch wenn diese zentrale Botschaft, die die Kirche seit je verk\u00fcndet, der Deutung zum Opfer f\u00e4llt, dass alles sexuelle und geschlechtliche Sehnen von Gott so geschaffen wurde und nicht mehr in Frage gestellt werden darf, dann verliert das Wort Gottes f\u00fcr diese Menschen seinen innersten Halt. Das Wort Gottes als ordnende Gr\u00f6\u00dfe und als Ma\u00df der Lebensausrichtung geht verloren. Und mehr: Unter der Hand gewinnt eine Botschaft der Akzeptanz Raum, die denjenigen, die sich durch ihre Zerrissenheit in der Sexualit\u00e4t und Geschlechtlichkeit belastet f\u00fchlen, die T\u00fcre weist. Sie vernehmen nicht \u201eCome-In\u201c, sondern vielmehr \u201eStay-Out\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Simplifizierung der Sexualit\u00e4t<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unter der Deutung, dass alles sexuelle und geschlechtliche Sehnen des Menschen von Gott gewollt ist, wird aber auch Sexualit\u00e4t simplifiziert. Bereits \u201eDer Dorsch\u201c, das Standard-Lexikon der Psychologie, weist darauf hin, dass menschliche Sexualit\u00e4t komplex ist. So kann sie weder rein biologisch, psychologisch oder soziologisch verstanden werden. Sie ist vielmehr ein verschr\u00e4nkter Komplex, in den Biologie, Lebensgeschichte und die Art, wie der Mensch glaubt, in Beziehungen seine Bed\u00fcrfnisse erf\u00fcllen zu k\u00f6nnen, eingeht. Dazu wird er noch von gesellschaftlichen Normen und Erlaubnissen flankiert, die das eine Sexualverhalten erlauben und das andere verbieten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Sexualtherapie wei\u00df man, wie schwer es dem Menschen f\u00e4llt, die in seiner Sexualit\u00e4t aktiven Motive, Br\u00fcche und das lebensgeschichtliche Gewordensein zu durchschauen. Dazu braucht der Mensch die F\u00e4higkeit zur inneren Einf\u00fchlung, und er braucht einen Ma\u00dfstab, mit Hilfe dessen er seine eigenen sexuellen und geschlechtlichen W\u00fcnsche als gelingend oder konflikthaft bewerten kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Genau dieser differenzierte innere Blick und der Weg des ersp\u00fcrenden Selbsterkennens tiefster Motive und Regungen werden aber behindert, wenn von der H\u00f6he des Wortes Gottes nun argumentiert wird, dass man in seinem sexuellen Sehnen nichts anderes findet, als was von Gott genau so und nicht anders gewollt ist. Ebenso wird damit jeder Ma\u00dfstab f\u00fcr Gelingendes und Konflikthaftes \u00fcberfl\u00fcssig und sogar fragw\u00fcrdig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Schaffen wir ein neues Tabu?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich frage: Tun wir uns als christliche Gemeinde und Kirche Jesu Christi einen Gefallen, wenn wir auf das jahrelange Schweigen um das Thema Sexualit\u00e4t und Geschlechtlichkeit mit einer Simplifizierung antworten? Schaffen wir damit nicht ein neues Tabu? N\u00e4mlich das Tabu, dass menschliche Sexualit\u00e4t nicht durch Einf\u00fchlung, innere Reflexion und Selbsterkenntnis verstanden werden kann?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In einem Dokumentarfilm, der 2017 auch unter Mitwirkung einiger Ratsuchender aus unserer Arbeit entstanden ist, wird von diesem Tabu gesprochen. Unter dem Titel \u201eVoices of the Silenced\u201c (\u201eStimmen der zum Schweigen gebrachten\u201c) sprechen Menschen, die mit ihrer Sexualit\u00e4t ringen, davon, dass das Tabu l\u00e4ngst Realit\u00e4t geworden ist. So wird dort von einer gemeindlichen Realit\u00e4t gesprochen, die der Zerrissenheit Betroffener entweder mit der Aufforderung zur Umpolung oder dem Angebot des Auslebens begegnet. \u201eAn der wahren Zerrissenheit\u201c, h\u00f6rt man einen Mann sagen, \u201eund an dem, was einen wirklich in der Tiefe bewegt, ist in der Gemeinde niemand interessiert!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sicher tut der Mann mit seiner Aussage all den Gemeinden Unrecht, die um einen wirklich anderen Weg ringen. Ich wei\u00df, dass es diese gibt. Aber doch weist er auf eine Realit\u00e4t hin, die auch wir in den letzten 15 Jahren im wachsenden Ma\u00df erleben. So l\u00e4dt man uns, nachdem man gegen uns auf Kongressen und \u00f6ffentlichen Gro\u00dfveranstaltungen protestiert hat, einfach nicht mehr ein. Damit l\u00e4dt man aber die Erfahrung aus, die wir mit betroffenen Menschen in unserer Arbeit machen. Das hei\u00dft konkret: Die Stimme der Betroffenen wird nicht mehr geh\u00f6rt! Der Simplifizierung vor allem im Bereich nicht-heterosexueller Orientierungen wird dadurch Vorschub geleistet. Ich frage: Werden wir als christliche Gemeinden so dem Menschen und der von ihm erlebten Realit\u00e4t wirklich gerecht?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Die Perspektive von Wachstum und Ver\u00e4nderung geht verloren<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und schlie\u00dflich: Sollte das Motto \u201edu bist ok, wie du bist\u201c Schule machen, dann geht im Christsein die Perspektive von Wachstum und Ver\u00e4nderung verloren. Das aber war \u00fcber viele Jahrhunderte eine zentrale Botschaft des Christseins. Bereits der Christushymnus k\u00fcndet davon (Phil 2, 5-11). Und da wir wissen, dass der Hymnus bereits verdichtetes Glaubensgut der Gemeinde war, bevor ihn Paulus in seinen Brief an die Philipper einf\u00fcgte, wissen wir auch, dass sich in der Hingabe der schwachen, zerbrochenen Menschennatur in die H\u00e4nde des himmlischen Vaters fr\u00fch das zentrale Lebensprinzip der Christen spiegelte. Diesem Lebensprinzip ist aber die Botschaft \u201edu bist ok, wie du bist\u201c fremd. Im Gegenteil: Der Christ begriff sich als Unfertiger, als Mensch im Aufbruch zum Eigentlichen seines Menschseins. Von Christus sah er sich durch Taufe und Heiligen Geist bef\u00e4higt, in einem neuen Leben zu wandeln (vgl. R\u00f6mer 6,4). Das aber glich weniger einem Spaziergang, sondern einem Jagen nach der Erf\u00fcllung des Lebens, von dem er in Christus ergriffen worden ist (vgl. Phil 3, 12 &#8211; 14).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Fremd war dem Christen dabei nicht das Gegen\u00fcber von \u201eFleisch\u201c und \u201eGeist\u201c (vgl. Gal. 5,17, R\u00f6m. 7,18). Auch Paulus sah sich damit konfrontiert, wenn er vom Stachel in seinem Fleisch sprach (2. Kor. 12,7). Das aber hie\u00df nicht, dass das, was der Christ in seinem Fleisch vorfindet, ok ist. Vielmehr ging der Christ davon aus, dass er mit Hilfe der Gnade Gottes jede noch so angeborene oder anerzogene Neigung und Zerbrochenheit durchheiligen kann. Das war ihm m\u00f6glich, weil Christus den Leib teuer erkauft und ihn so zum Tempel des Heiligen Geistes gemacht hat (1. Kor. 6,20). Im Gegen\u00fcber aber von Leib und Heiligem Geist wuchs dem Christen eine F\u00e4higkeit zu, jede Schw\u00e4che seines Fleisches durch die Gnade und Kraft des Heiligen Geistes in ein Leben zu \u00fcberf\u00fchren, durch das er Christus an seinem Leib verherrlichen konnte (Phil. 1,20). Wie man aber am Zeugnis des Paulus sieht, wurde die Schw\u00e4che dabei nicht ausgel\u00f6scht. Vielmehr war die Verwirklichung des Leibes als Tempel des Heiligen Geistes ein Leben der steten Hingabe und mit der Sehnsucht verbunden, genau dadurch das Leben nachzubilden, das Christus in seiner Hingabe an den Vater als wahres Menschsein offenbar gemacht hat. Viele ernstzunehmende christliche Schriften aus der Feder von Theologen und Mystikern, die bis in unsere Zeit das Thema der christlichen Lebensf\u00fchrung umkreisen, stellen uns genau diese Theologie immer wieder vor Augen. Dabei weisen die Titel Nachfolge (Dietrich Bonhoeffer), Nachfolge Christi (Thomas von Kempen), Aufstieg zu Gott (Melito von Sardes) oder Empor den Karmelberg (Johannes vom Kreuz) hin auf das innerste Lebensprinzip des Christseins, das sich nicht ausruht im \u201eso sein\u201c, sondern unruhig bleibt, bis es Ruhe findet in Gott (Augustinus).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Spricht nicht der Kern des christlichen Glaubens wie die Komplexit\u00e4t der Sexualit\u00e4t daf\u00fcr, das Lebensprinzip des \u201edu bist ok, wie du bist\u201c in unseren Gemeinden zu hinterfragen? Und brauchen wir nicht gegen\u00fcber der Behauptung, alle Sexualit\u00e4t ist von Gott gewollt, nicht eine Theologie, die zeigt, wie man trotz Anfechtungen in diesem Bereich durch die Gnade Gottes ein Leben der Nachfolge leben kann?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Menschen, die suchen, brauchen ein Fundament<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn vielleicht auch nicht die Vertreter der Come-In Kultur, so brauchen Menschen, die in der Tiefe ihrer Person eine Zerrissenheit und einen Konflikt wahrnehmen, dieses Fundament des christlichen Glaubens. Nicht weil sie recht haben wollen, sondern weil sie daraus die Kraft f\u00fcr ihre\u00a0 christliche Lebenspraxis gewinnen. Opfert christliche Gemeinde diesen innersten Kern ihrer Botschaft auf dem Altar des \u201edu bist ok, wie du bist\u201c, dann verliert sie ihre theologische und anthropologische Mitte. Das Christsein wird dann seiner die Existenz des Menschen umgreifenden Kraft beraubt und auf eine Spiritualit\u00e4t des oberfl\u00e4chlichen Wohlbefindens reduziert. Ist das wirklich gewollt?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Der suchende Mensch braucht die Gemeinde<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Paulus weist darauf hin, dass die Gemeinde Jesu mit all ihren Gaben und \u00c4mtern darauf ausgerichtet ist, den Menschen zur Einheit mit Christus zu f\u00fchren (vgl. Eph. 4,13). Ich denke, es ist klar geworden, dass das Lebensprinzip \u201edu bist ok, wie du bist\u201c, genau dieses Ziel in Frage stellt, wenn nicht gar untergr\u00e4bt. Das aber d\u00fcrfen Bisch\u00f6fe, Pfarrer, Pastoren, Priester und diejenigen nicht zulassen, die in der Gemeinde Verantwortung tragen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Denn in einer Welt und in einer Zeit, in der immer mehr Menschen in ihrer Sexualit\u00e4t und ihrer Geschlechtlichkeit verwirrt werden und nicht mehr zurecht kommen, braucht es eine Kirche, die einen Weg zeigt. Einen Weg, auf dem der Mensch seine Geschlechtlichkeit und Sexualit\u00e4t im Licht des Wortes Gottes erkennen kann. Und einen Weg, auf dem er lernt, mit dem \u00dcberma\u00df medial und \u00f6ffentlich erzeugter Lust so umzugehen, dass er zur wahren Einheit seiner Person finden kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Daher mein Bitte und mein Aufruf an die Gemeinden:<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wehrt jeder theologischen Simplifizierung der Sexualit\u00e4t!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lasst es nicht zu, dass das Zeugnis derjenigen verstummt, die ihre Sexualit\u00e4t als innere Zerrissenheit und als Konflikt verstehen und erleben!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gebt nicht das innerste Fundament eines Glaubens auf, dem es durch die Hingabe an Christus gelingt, die Grenzerfahrung der menschlichen Existenz und das Leben mit dem Heiligen Geist zu einer Einheit zu f\u00fchren!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und schlie\u00dflich: Gebt nicht auf, dass die Kinder Gottes dazu bestimmt sind, Licht der Welt zu sein (Mt. 5,14)!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Denn gerade im Bereich von Sexualit\u00e4t und Geschlechtlichkeit braucht die Welt das Vorbild der Kinder Gottes und die christliche Gemeinde. Sie braucht Gemeinde, denn nur in ihr begegnet der Mensch noch einer Wahrheit, die weder die Sexualit\u00e4t, noch die Geschlechtlichkeit, noch sonst ein Handeln zur Selbstverst\u00e4ndlichkeit erkl\u00e4rt. Sie ist der Ort, wo von Christus her um die Einheit von Leib und Geist gerungen wird, und damit um das, was den Menschen in Wahrheit zum Ebenbild Gottes macht. Daher geht meine Bitte an alle christlichen Gemeinden und Verantwortlichen: Schafft geistliche Heimat, damit der Mensch zu seinem Menschsein finden kann!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Markus Hoffmann, Leiter des Instituts f\u00fcr dialogische und identit\u00e4tsstiftende Seelsorge und Beratung e.V.<br \/>\n71732 Tamm<\/em><br \/>\n<em>info@idisb.de<\/em><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignleft wp-image-18628\" src=\"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/IDISB-1024x205.png\" alt=\"\" width=\"445\" height=\"89\" srcset=\"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/IDISB-1024x205.png 1024w, https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/IDISB-300x60.png 300w, https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/IDISB-768x153.png 768w, https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/IDISB.png 1111w\" sizes=\"(max-width: 445px) 100vw, 445px\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eDu bist ok, wie du bist!\u201c Laut der Webseite evangelisch.de hat die \u201efromme Welt\u201c &#8211; gemeint sind christlich konservative Gemeinden &#8211; unter dem Slogan \u201eCome-In\u201c in den letzten Jahren eine Kehrtwende vollzogen. \u201eHomo- und Bisexuelle und Varianten der Geschlechtsentwicklung\u201c werden von \u201eprominenten Vertreter*innen aus der evangelikalen Szene\u201c demnach in der Gemeinde willkommen gehei\u00dfen. 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