{"id":18531,"date":"2021-12-16T17:07:45","date_gmt":"2021-12-16T16:07:45","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=18531"},"modified":"2021-12-16T17:09:44","modified_gmt":"2021-12-16T16:09:44","slug":"meine-zugaenge-fjodor-michailowitsch-dostojewskij-zum-200-geburtstag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=18531","title":{"rendered":"Meine Zug\u00e4nge &#8211; Fjodor Michailowitsch Dostojewskij zum 200. Geburtstag"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Als ich 1954 \u201eSchuld und S\u00fchne\u201c las, und dann den \u201eIdioten\u201c, und darauf \u201eDie Br\u00fcder Karamasow\u201c, und schlie\u00dflich auch \u201eDie D\u00e4monen\u201c, da begegnete ich einem durch grauenhafte Tiefen geschleiften russischen Christen, der mir eine unheimlich-fremde Welt erkl\u00e4rte, in die ich, verwirrt, schon als Kriegskind hinein gezwungen wurde. In Dostojewskijs literarisch aufgerissenem Raum wilder russischer Christlichkeit begegnete ich noch einmal dem russischen Hauptmann Michail, vermutlich Atheist, der im Mai 1945 in Chaos und Angst eine deutsche Offiziersfrau und Mutter von Kindern ins Bett zwang \u2013 ich, zehn Jahre alt, sah es verwirrt mit Angst, und dieser sowjetische Offizier mu\u00dfte sich wenig sp\u00e4ter seinerseits von seinem enthemmten Obersten inmitten deutscher Frauen und russischer Soldaten ohrfeigen lassen.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Alles deutsch Geordnete und vertraute Sicherheit Bietende l\u00f6ste sich in brutale Vitalit\u00e4t auf. Bei Dostojewskij tauchten diese verdr\u00e4ngten Erfahrungen meiner Kindheit wieder auf. Bei ihm traf ich die Erniedrigten und Beleidigten, von denen ich in mir selbst \u00e4ngstigende, verwirrende Anteile sp\u00fcrte, oder den Lakaien Smerdjakow, in dem ich mich selbst verachtete, bei ihm begegneten mir die Mensch gewordenen Christus-Ikonen, der F\u00fcrst Myschkin oder Aljoscha Karamasow als ahnende Boten alles verstehender und alles vers\u00f6hnender Liebe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich tauchte bei Dostojewskij ein in die Welt der dunklen herunter gewirtschafteten Wohnungen, der Wucherer und lungenkranken Studenten, in der die Hure Sonja die Heilige ist und der Atheist, der sich in rationaler Logik entscheidet zu morden, Gott nicht entkommt. Denn Gott findet ihn mittels der Hure und zieht den M\u00f6rder auf dem heilenden Weg von Umkehr und Vergebung zu sich. Bei Dostojewskij fand ich die Welt vor dem gn\u00e4digen Gericht Gottes, in der sich die Gebrochenheit menschlichen Lebens an jeder seiner Gestalten studieren l\u00e4\u00dft. Ich tauchte ein in diese eschatologisch aufgerissene Welt vor Gottes Augen, die nach Erl\u00f6sung schreit. In dieser Welt \u2013 und das ist am Ende die unsrige \u2013 kratzt man den aufgetragenen Lack ab. Wo sind Ma\u00df und Grenze? Ohne Gott ist alles erlaubt und m\u00f6glich, lerne ich bei Dostojewskij, alles eine Frage der Macht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hier fand ich mich in ergreifenden Geschichten bei Lampen ohne Strom und einem Ofen ohne Kohle lesend und frierend \u2013 so war es 1946 oder 1947 \u2013 vor der flackernden Karbidlampe gedeutet. Hier waren die kleinen Leute in den engen Wohnh\u00f6hlen und den Treppenh\u00e4usern mit notd\u00fcrftiger Beleuchtung, unter denen ich damals lebte. Die mit Nachbarn geteilte Toilette auf halber Etage mit der kleinen Gasflamme gegen das Einfrieren im Winter erlebte ich jetzt auch in der Distanz sprachm\u00e4chtig und schmerzvoll Wirklichkeit besprechender Literatur. Als Gott mich zum Glauben rief, verschmolzen Dostojewskijs Menschen mit denen der Bibel, und die Bibel gewann f\u00fcr mich eine ostkirchliche F\u00e4rbung. Dostojewskij wurde zum Bibel-Exegeten, durch den Gottes Worte sich in Menschen aus Fleisch und Blut verwandelten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Wie wurde Dostojewskij?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dostojewskij, dieser Ausnahme-Dichter mit dem enth\u00fcllenden, dem prophetischen Tiefblick in die Seele des Menschen, wurde am 11. September 1821 in Moskau geboren. Sein Vater stammte aus einem katholisch-orthodoxen Priestergeschlecht, hatte aber selbst mit dieser Tradition gebrochen und das Priesterseminar verlassen, um Arzt zu werden. Er war ein hart gewordener Mann, der als Milit\u00e4rarzt zu viel Schmerz und Sterben gesehen hatte. Gleichwohl, beide Eltern waren gl\u00e4ubige Christen, die Mutter eine \u201ereine liebende Seele\u201c, der Vater jedoch eine zunehmend gebrochene Existenz, der nach dem Tod seiner Frau \u2013 Fjodor war sechzehn Jahre alt \u2013 allen Halt verlor und am Ende wegen seiner grausamen H\u00e4rte vielleicht sogar von seinen Leibeigenen im Alkoholrausch erstickt wurde. Mit achtzehn Jahren war Fjodor Dostojewskij Vollwaise. Er schreibt 1873 in der R\u00fcckschau im \u201eTagebuch eines Schriftstellers\u201c: \u201eIn unseren Familien waren wir mit dem Evangelium beinahe seit fr\u00fchester Kindheit vertraut. Ein jeder Besuch des Kremls und der Moskauer Kathedralen war f\u00fcr mich immer ein feierliches Ereignis.\u201c Und an anderer Stelle: \u201eAn jedem Sonn- und Feiertage mu\u00dften wir pflichtgetreu zum Fr\u00fchgottesdienst gehen und am Abend vorher zur Abendmesse.\u201c Das hat ihn christlich geformt und nicht Widerwillen hervorgerufen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schon das Kind Fjodor sah t\u00e4glich menschliches Leid in Armut und Krankheit. Sein Vater, der Milit\u00e4r-Arzt, hatte die armselige, d\u00fcstere Dienstwohnung im Moskauer Armenspital. Sie bestand aus zwei Zimmern, einer Halle und K\u00fcche. Die Halle hatte ein Fenster und wurde durch eine halbhohe Bretterwand in zwei Teile geteilt. Der fensterlose Teil war Fjodors Kinderzimmer, das er mit seinem Bruder Michail teilte, ein kleiner dunkler Raum. Die Familie war nicht arm. Der Vater hatte zus\u00e4tzlich eine Privatpraxis, verf\u00fcgte \u00fcber eine siebenk\u00f6pfige Dienerschaft und besa\u00df vier Pferde. 1831 konnte er ein kleines heruntergewirtschaftetes Gut kaufen. Hier verbrachten Mutter und Kinder einen gro\u00dfen Teil der Sommerzeit. T\u00e4glich allerdings sah Fjodor Dostojewskij im Hospitalpark die leid- und schmerzgeplagten Siechen sich \u00fcber die Parkwege schleppen. Seine Kinderseele nahm fr\u00fch das Leid der Menschen in sich auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der kleinlich geizige Vater kaufte gro\u00dfz\u00fcgig Literatur. Bildung war ihm und seiner Frau, Tochter einer wohlhabenden Moskauer Familie, wichtig. Es gab regelm\u00e4\u00dfige Lekt\u00fcreabende, die Vater und Mutter bestritten. Sp\u00e4ter durften sich auch die Br\u00fcder Fjodor und Michail am Vorlesen beteiligen. Die Kinder lernten fr\u00fch die gro\u00dfen Romane der Zeit kennen. Vor allem die gro\u00dfen franz\u00f6sischen Schriftsteller faszinierten ihn, Fjodor Dostojewskij. Als junger Mensch las er in den Sommerferien alles, was er von Balzac in die H\u00e4nde bekam. Voltaire stand Modell bei der Entwicklung der Gestalt des Iwan Karamasow. Auch in der deutschen Literatur war Dostojewskij zu Haus. Sein favorisiertes Drama waren Schillers \u201eR\u00e4uber\u201c. E.T.A. Hoffmann inspirierte ihn zur Entwicklung des Doppelg\u00e4ngermotivs.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In St. Petersburg bekam Dostojewskij eine Milit\u00e4ringenieurs-Ausbildung und begann erste literarische Arbeiten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Durch die irdische H\u00f6lle geschleift<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dostojewskijs abgr\u00fcndige H\u00f6llenfahrt begann um vier Uhr fr\u00fch am 23. April 1849. Er wurde verhaftet und in die St. Petersburger Peter-Pauls-Festung \u00fcberf\u00fchrt und wie der gef\u00e4hrlichste Hochverr\u00e4ter in einer Einzelzelle eingeschlossen. Ihm wurde vorgeworfen, einen Brief des atheistischen Sozialisten Belinskij an Gogol im Freundeskreis vorgelesen zu haben. Nicht mehr! In diesem Brief griff Belinskij die autokratische Zarenherrschaft, die Leibeigenschaft und die Religion scharf an. Nach langen acht-monatigen Verh\u00f6ren weckte man Dostojewskij am 22. Dezember 1849 um sieben Uhr und fuhr ihn im Kastenwagen zum Semjonow-Platz. Es schneite. Man f\u00fchrte ihn und weitere Verurteilte auf eine errichtete Trib\u00fcne, das Schafott, und verlas das Urteil: \u201eDas Milit\u00e4rgericht hat\u2026 den Ingenieur-Leutnant Fjodor M. Dostojewskij unter Aberkennung des milit\u00e4rischen Ranges und aller Verm\u00f6gensrechte zum Tode \u2026 verurteilt.\u201c Man zerbrach die Offiziersdegen \u00fcber ihren K\u00f6pfen und zog ihnen die wei\u00dfen Sterbegew\u00e4nder an. Jetzt trat ein Priester heran, bot die Beichte, von der nur ein Einziger Gebrauch machte, ging dann zu jedem Verurteilten und lie\u00df ihn das Kreuz k\u00fcssen. Jeder k\u00fc\u00dfte es, selbst ein entschiedener Atheist. Dann wurden sie, ihrer sechs, an die Pf\u00e4hle gef\u00fchrt. \u201eIch stand als sechster, aufgerufen wurden wir zu drei Mann, folglich war ich in der zweiten Reihe, und es blieb mir nicht l\u00e4nger als eine Minute zu leben\u2026Da ert\u00f6nte pl\u00f6tzlich ein Trommelsignal, man f\u00fchrte die an die Pfosten Angebundenen zur\u00fcck und verlas uns, da\u00df Seine Kaiserliche Majest\u00e4t uns das Leben schenke,\u201c schrieb Dostojewskij noch am selben Abend an seinen vertrauten Bruder Michail.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es begann eine vierj\u00e4hrige H\u00f6llenzeit als Str\u00e4fling in Sibirien, nachdem ihm die Zehnpfund schweren Eisenketten an die F\u00fc\u00dfe geschmiedet worden waren, die er jetzt unabl\u00e4ssig vier Jahre lang bei schwerster k\u00f6rperlicher Str\u00e4flingsarbeit tragen sollte. Das Leiden wollte nicht mehr von ihm weichen. Nach seiner Entlassung aus der Haft begann die Epilepsie seine Gesundheit zu untergraben. Er wurde spiels\u00fcchtig, litt in der Ehe, seine Einkommen waren immer zu gering, er wurde gejagt von seinen Gl\u00e4ubigern. Mit neunundf\u00fcnfzig war sein Leben zu Ende.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Es ist erneut an der Zeit, Dostojewskij zu lesen<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dostojewskijs literarisches Genie, sein intuitiv gelenkter Tiefenblick in den Menschen waren verwurzelt in einer biographischen Leidensgeschichte, die Grauen ausl\u00f6st. Vielleicht hat er gerade deswegen die Weltliteratur anthropologisch vertieft wie wenige. Selbst in Japan soll es mehr \u00dcbersetzungen seiner Werke geben als in irgendeinem anderen Land. Wer immer in Deutschlands Kultur-Elite Rang und Namen hatte, konnte sich ihm nicht entziehen. Selbst Nietzsche, dem Dostojewskijs Christusbindung ein Greuel war, gesteht in seiner \u201eG\u00f6tzend\u00e4mmerung\u201c, Dostojewskij sei der einzige Psychologe, bei dem er etwas zu lernen hatte. F\u00fcr das geistige Marburg der zwanziger Jahre hielt der Philosoph Gadamer fest: \u201eDie roten Piper-B\u00e4nde der Dostojewskijschen Romane flammten auf jedem Schreibtisch.\u201c Auf Martin Heideggers Schreibtisch in Marburg standen die Bilder von Dostojewskij und Pascal. Hermann Hesse, Stefan Zweig oder Thomas Mann widmeten Dostojewskij Essays.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dostojewskij hat die alles Leben bedrohenden Krisen der mit menschlichem Autonomie-Selbstbewu\u00dftsein aufgebl\u00e4hten Moderne sch\u00e4rfer gesehen als andere. \u201eOhne Gott ist alles erlaubt\u201c ist sein durch die Geschichte nie widerlegtes Bekenntnis, denn ohne Gott ist alles eine Frage der Macht. Die Menschenversuche des 20. Jahrhunderts zeigen es \u00fcberdeutlich, und die des 21. Jahrhunderts lassen es unter raffinierter maskierten, scheinbar menschenfreundlichen Verh\u00e4ltnissen erkennen. Der aus dem nat\u00fcrlichen Gleichgewicht gebrachte Mensch wird in der Regel nicht Engel, selbst wenn er die Sch\u00f6pfung retten will, sondern sehr viel h\u00e4ufiger D\u00e4mon. Hitler, Stalin, Mao, Pol Pot und viele andere in der Moderne sind grauenhafte Beispiele. Der Natur verleugnende Genderwahn verbirgt die d\u00e4monische Fratze unter einer menschenfreundlichen Maske. Dostojewskij sah es mit gesch\u00e4rftem prophetischem Blick voraus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vernichtend ist Dostojewskijs Urteil \u00fcber den Sozialismus. Er sah sehr klar, da\u00df der Sozialismus auf einem falschen Menschenbild beruht. \u201eDer Westeurop\u00e4er redet von Br\u00fcderlichkeit wie von einer gro\u00dfen die Menschheit bewegenden Kraft und verf\u00e4llt \u00fcberhaupt nicht darauf, da\u00df Br\u00fcderlichkeit sich von nirgendwo hernehmen l\u00e4sst, wenn sie nicht als Wirklichkeit einfach vorhanden ist.\u201c \u201eDa die Br\u00fcderlichkeit Ihnen nicht von Natur gegeben ist, will er sie k\u00fcnstlich herstellen.\u201c \u201eIn [West Europa] hat sich das Vorhandensein der Br\u00fcderlichkeit nicht gezeigt, sondern statt ihrer das Vorhandensein des Prinzips der Einzelperson, der Pers\u00f6nlichkeit der verst\u00e4rkten Selbsterhaltung, der Selbstbehauptung, des Selbstbetriebs, der Selbstbestimmung innerhalb des eigenen Ich; das Prinzip, dieses Ich der ganzen Natur und allen \u00fcbrigen Menschen entgegenzustellen.\u201c \u201eDamit es Br\u00fcderlichkeit gibt, das Liebesprinzip, mu\u00df man lieben. Es mu\u00df einen instinktiv zur Br\u00fcderlichkeit hinziehen, zu Gemeinsamkeit und Eintracht.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr Dostojewski ist die einzige funktionierende Basis einer solchen, den Menschen erf\u00fcllenden Mitmenschlichkeit der christliche Glaube. Ein s\u00e4kularer Humanismus beziehungsweise Sozialismus hingegen ist f\u00fcr ihn ein Widerspruch in sich selbst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDie Sozialisten wollen den Menschen neu erschaffen, ihn befreien, ihn ohne Gott und Familie darstellen. Sie glauben, da\u00df sie ihr Ziel erreichen, wenn sie erst die wirtschaftlichen Verh\u00e4ltnisse ver\u00e4ndert haben. Aber der Mensch l\u00e4\u00dft sich nicht \u00e4ndern durch andere Rahmenbedingungen, sondern nur durch eine moralische Transformation.\u201c \u201eIm Sozialismus gibt es nur Einzelmenschen, im Christentum eine sehr weitgehende Entfaltung der Pers\u00f6nlichkeit und des eigenen Willens\u201c schreibt er 1864\/65 in \u201eChristentum und Sozialismus\u201c. \u201eDer Kommunismus ist aus dem Christentum hervorgegangen, aus der Hochachtung vor dem Menschen. Aber statt selbst zu lieben, greifen die Ungeliebten zu St\u00f6cken und wollen sich nehmen, was die Lieblosen Ihnen verweigern\u201c, notiert er 1875\/76.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In den \u201eBr\u00fcdern Karamasow analysiert er: \u201eDer Sozialismus ist n\u00e4mlich nicht nur ein Problem, das den Arbeiter\u2026ber\u00fchrt; es ist vor allem ein atheistisches Problem: es geht um die moderne Verk\u00f6rperung des Atheismus, um einen babylonischen Turm, der ausdr\u00fccklich ohne Gott gebaut wird, nicht um den Himmel von der Erde aus zu erreichen, sondern um den Himmel zur Erde herab zu holen.\u201c In einem Brief h\u00e4lt er 1873 fest: \u201eDer Sozialismus hat fast die ganze Generation bewusst und in der dem Unsinn n\u00e4chsten unbewussten Form uniformiert und in der Gestalt der Niedertr\u00e4chtigkeit zerfressen\u2026 Man muss dagegen ank\u00e4mpfen, denn alles ist verseucht. Meine Idee beruht darauf, dass Sozialismus und Christentum Antithesen sind,\u201c schreibt er 1873 in einem Brief.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dostojewski hat durch seine Sensibilit\u00e4t und durch sein vierj\u00e4hriges Leben unter Schwerstverbrechern in Sibirien die Gef\u00e4hrdungen des real existierenden Menschen realistisch eingesch\u00e4tzt. Er konnte einen tiefen Blick in den Menschen hinein werfen. Auch heute ist seine leidenschaftliche Ablehnung des Sozialismus ernsthaft zu bedenken. Der Nationalsozialismus war ebenfalls eine Variante des Sozialismus. Der Stalinismus war im 20. Jh. die andere grauenhafte Variante des Sozialismus. Sozialismus hat seine historischen Wurzeln in der ambivalenten Franz\u00f6sischen Revolution und ist zugleich wie Dostojewskij wahrnahm eine Perversion des Christentums, das seiner sozialethischen Aufgabe fast nie gerecht wurde. Eine Perversion der christlichen Soziallehre ist der Sozialismus deswegen, weil er, wie Dostojewskij sehr klar sah, glaubt, die Neue Welt ohne Gott herauff\u00fchren zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein weiterer Grund, neu in Dostojewskij zu investieren, sind die faszinierenden \u00dcbersetzungen der vier gro\u00dfen Romane. Seit Swetlana Geier die gro\u00dfen Romane nach 1994 sprachbewu\u00dfter \u00fcbersetzte, wurde Dostojewskij in Deutschland endlich als Sprach- und Wortk\u00fcnstler wahrgenommen. In Russland hatte man schon l\u00e4ngst die \u201ePolyphonie\u201c in Dostojewskis Romanen entdeckt und gew\u00fcrdigt: Jede Figur spricht ihre eigene Sprache mit individuellem Stil, die auch kennzeichnende Versatzst\u00fccke aus der fremden Rede in sich aufnimmt. Die Wahrheit des Romans entwickelt sich in einem Konzert verschiedener Stimmen, die aufeinander nicht nur inhaltlich, sondern auch stilistisch, geradezu konzertant Bezug nehmen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei Swetlana Geier gewann jede der Romangestalten auch in der deutschen \u00dcbersetzung eine unverwechselbare sprachliche Identit\u00e4t. Durch sie wurde Dostojewski in seiner kreativen Sprachmacht sichtbar. W\u00e4hrend der Buchtitel \u201eSchuld und S\u00fchne\u201c sofort verf\u00fchrerisch theologische Assoziationen hervorrief, lie\u00df das sachliche, Dostojewskijs Russischem angemessenere \u201eVerbrechen und Strafe\u201c den Raum, in dem sich Raskolnikows langer Weg zu Gott s\u00fchnend gehen und sehen lie\u00df. Statt \u201eJ\u00fcngling\u201c w\u00e4hlt Geier den Titel \u201eEin gr\u00fcner Junge\u201c und trifft den Inhalt des Romans und seines Protagonisten pr\u00e4ziser. Auch \u201eB\u00f6se Geister\u201c scheint mir besser zu treffen, was Dostojewskij entfalten wollte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Dr. Dieter M\u00fcller<\/em><\/p>\n<p><em>Aus: Kirchliche Sammlung um Bibel und Bekenntnis, 42. Jahrgang, Nr. 3\/2021<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als ich 1954 \u201eSchuld und S\u00fchne\u201c las, und dann den \u201eIdioten\u201c, und darauf \u201eDie Br\u00fcder Karamasow\u201c, und schlie\u00dflich auch \u201eDie D\u00e4monen\u201c, da begegnete ich einem durch grauenhafte Tiefen geschleiften russischen Christen, der mir eine unheimlich-fremde Welt erkl\u00e4rte, in die ich, verwirrt, schon als Kriegskind hinein gezwungen wurde. 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