{"id":18466,"date":"2021-11-23T17:31:46","date_gmt":"2021-11-23T16:31:46","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=18466"},"modified":"2021-11-23T17:31:46","modified_gmt":"2021-11-23T16:31:46","slug":"von-der-einigen-obrigkeit-gottes-der-gottesdienst-als-unverzichtbare-wesensform-geistlichen-lebens","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=18466","title":{"rendered":"Von der einigen Obrigkeit Gottes &#8211; Der Gottesdienst als unverzichtbare Wesensform geistlichen Lebens"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong>I Grundsatzfragen<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>1. Zust\u00e4ndigkeiten, Rechte und Pflichten \u2013 Die Zwei-Reiche-Lehre Martin Luthers<a href=\"#_edn1\" name=\"_ednref1\">[1]<\/a><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Martin Luther unterscheidet zwischen den zwei Regierweisen Gottes, der weltlichen und der geistlichen. Um nicht in ein banales Schubladendenken zu verfallen, welches weltliche und geistliche Gegebenheiten jeweils einsortiert, um die Schubladen dann zwecks Einstellung weiteren Nachdenkens zuschieben zu k\u00f6nnen, bedarf es einer genauen Sichtung, auch und besonders der Voraussetzung der von Martin Luther vollzogenen Unterscheidung. Es sind keinesfalls zwei einfach voneinander abzugrenzende Bereiche, die man wom\u00f6glich gar weltlichen Institutionen, wie Staat und Kirche, oder Berufsgruppen bzw. -st\u00e4nden zuordnen k\u00f6nnte, sondern sind zwei Handlungsweisen Gottes, mit denen ER herrscht.<a href=\"#_edn2\" name=\"_ednref2\">[2]<\/a><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Viel zu schnell wurde und wird Martin Luther unterstellt, er habe ein untert\u00e4niges Bewusstsein begr\u00fcnden und ein obrigkeitsh\u00f6riges Verhalten f\u00f6rdern wollen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ehe Martin Luther die zwei Regierweisen Gottes beschreibt, kl\u00e4rt er nicht ohne Grund das Verh\u00e4ltnis zwischen Gott und den Menschen: Gott ist die \u201eeinige Obrigkeit\u201c<a href=\"#_edn3\" name=\"_ednref3\">[3]<\/a>, d.h. in unserem heutigen Sprachgebrauch, ihm steht die einzige bzw. alleinige Herrschaft zu, die die Menschen ihm unanfechtbar \u00fcberlassen m\u00fcssen, wenn nicht \u201emit Liebe\u201c, dann \u201emit Leid\u201c. Sie ist menschlicherseits also schlicht und ergreifend hinzunehmen, gegebenenfalls zu ertragen. Gott schuf den Menschen als sein Ebenbild<a href=\"#_edn4\" name=\"_ednref4\">[4]<\/a>, als sein Gegen\u00fcber. Luther erfindet zur erl\u00e4uternden Verh\u00e4ltnisbestimmung das Wort \u201eUnterkeit\u201c, verbunden mit der Vokabel \u201eeitel\u201c, hier in der Wortbedeutung \u201erein\u201c, \u201enur\u201c oder \u201enichts anderes als\u201c. Es steht dem Menschen also nicht zu, die Herrschaft Gottes bzw. seine Regierweisen in Frage zu stellen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das gilt nicht nur f\u00fcr den Einzelnen, sondern auch f\u00fcr Institutionen, selbst f\u00fcr die Kirche, f\u00fcr die weltliche Obrigkeit erst recht. In der Auseinandersetzung um die 95 Thesen von 1517 und die Bannandrohungsbulle <em>Exsurge Domine<\/em> vom 5. Juni 1520 befasst sich Luther mit dieser Frage. In der Schrift \u201eVon der babylonischen Gefangenschaft der Kirche\u201c schreibt er 1520: <em>\u201eDie Kirche hat auch keine Gewalt, neue g\u00f6ttliche Verhei\u00dfungen der Gnade zu ordnen, wie denn etliche plaudern, da\u00df es nicht minder Gewalt sey, was von der Kirchen, denn was von Gott gestiftet ist; dieweil sie regiert wird durch den Heiligen Geist. Denn die Kirche entspringt aus dem Wort der Verhei\u00dfung durch den Glauben, und wird eben mit demselben Wort der Verhei\u00dfung ern\u00e4hret und erhalten, das ist, sie wird durch die Verhei\u00dfung Gottes, und nicht die Verhei\u00dfung durch sie gestiftet. Denn das Wort Gottes ist unvergleichlicher Weise \u00fcber die Kirche.\u201c<a href=\"#_edn5\" name=\"_ednref5\"><strong>[5]<\/strong><\/a><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erst wenn diese Kl\u00e4rung erfolgt ist, kann man sich der Zwei-Reiche-Lehre bzw. den zwei Regierweisen Gottes zuwenden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit dem geistlichen Regiment gibt Gott sein Wort den Gl\u00e4ubigen. Das ist <em>\u201enach dem Evangelium eine Gewalt und ein Befehl Gottes, das Evangelium zu predigen, die S\u00fcnden zu vergeben oder zu behalten und die Sakramente zu reichen und zu verwalten.\u201c<\/em><a href=\"#_edn6\" name=\"_ednref6\">[6]<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die weltliche Regierweise Gottes wird davon klar abgegrenzt: <em>\u201eDenn das weltliche Regiment geht mit v\u00f6llig anderen Sachen um als das Evangelium; weltliche Gewalt sch\u00fctzt nicht die Seele, sondern Leib und Gut mit dem Schwert und leiblichen Strafen gegen \u00e4u\u00dfere Gewalt\u201c.<\/em><a href=\"#_edn7\" name=\"_ednref7\">[7]<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">An verschiedenen Stellen betonen die Reformatoren, dass diese beiden Regimente nicht vermengt und durcheinandergeworfen werden sollen, so 1530 in der Confessio Augustana<a href=\"#_edn8\" name=\"_ednref8\">[8]<\/a>. Sprachgewaltig beklagt Luther 1534 in der Auslegung zum 101. Psalm, die <em>\u201eweltlichen Herren wollen ins Teufels Namen immer Christum lehren und meistern, wie er seine Kirche und geistlich Regiment soll f\u00fchren; so wollen die falschen Pfaffen und Rottengeister, nicht in Gottes Namen, immer lehren und meistern, wie man solle das weltliche Regiment ordnen.\u201c<\/em><a href=\"#_edn9\" name=\"_ednref9\">[9]<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun k\u00f6nnte daraus der Schluss gezogen werden, die Unterscheidung der zwei Regierweisen bedeute eine strikte Trennung, keiner habe im Bereich des anderen \u00fcberhaupt noch etwas zu \u00e4u\u00dfern. Dem ist nicht so. Beide sind aneinander gewiesen und sollen einander dienen, wenngleich mit klarer Begrenzung: <em>\u201eWenn nun ein Prediger aus seinem Amte daher saget, beyden, K\u00f6nigen und F\u00fcrsten, und aller Welt: Danket und f\u00fcrchtet Gott, und haltet seine Gebote; da menget er sich nicht in weltliche Obrigkeit, sondern er dienet und ist Gehorsam hiermit der h\u00f6hesten Obrigkeit. Ist also das ganze geistliche Regiment nichts anderes, denn ein Dienst gegen<\/em>(\u00fcber) <em>der g\u00f6ttlichen Obrigkeit.\u201c<a href=\"#_edn10\" name=\"_ednref10\"><strong>[10]<\/strong><\/a><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber auch umgekehrt darf das weltliche Regiment Einfluss nehmen: <em>\u201eAlso auch, wenn David, oder ein F\u00fcrst, lehret oder hei\u00dft, Gott f\u00fcrchten und sein Wort h\u00f6ren, so ist er nicht ein Herr desselben Worts, sondern ein Diener und Gehorsamer: und menget sich nicht in geistliche oder g\u00f6ttliche Obrigkeit, sondern bleibt eine dem\u00fcthige Unterkeit und treuer Diener.\u201c<\/em><a href=\"#_edn11\" name=\"_ednref11\">[11]<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Tats\u00e4chlich spielt die Unterscheidung der beiden Regierweisen an einem Punkt keine Rolle, flie\u00dfen beide sogar wieder untrennbar ineinander, n\u00e4mlich dann, wenn es um die Verk\u00fcndigung geht, unterstehen beide demselben Gebot:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u201eDenn gegen Gott und im Dienste seiner Obrigkeit soll alles gleich und gemenget sein, es hei\u00dfe geistlich oder weltlich, der Pabst sowohl als der Kayser, der Herr, als der Knecht, und gilt hier kein Unterscheid noch Ansehen der Person, einer ist vor GOtt so gut, als der andere. Denn er ist ein einiger GOtt, aller gleicher HErr, einem wie dem anderen. Darum sollen sie alle in gleichem Gehorsam, und gar ineinander gemenget seyn, wie ein Kuche, und alle einer dem andern helfen gehorsam seyn. Darum kann im Dienste, oder Unterkeit, gegen GOtt gar kein Aufruhr werden im geistlichen oder weltlichen Regimente. Denn aus Gehorsam oder Dienst wird kein Aufruhr, auch in der Welt, sondern aus regieren und herrschen wollen.\u201c<\/em><a href=\"#_edn12\" name=\"_ednref12\">[12]<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>2. Der Einfluss auf gesellschaftliche Rechtsnormen<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Damit wirft Martin Luther fast nebenbei eine gewichtige Frage auf: Wann kommt es zum Aufruhr? Kann und darf es Aufruhr, also Widerstand in weltlichen wie in geistlichen Sachen gegen weltliches und geistliches Regiment geben?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So sehr den Reformatoren am Frieden gelegen war &#8211; Martin Luther sicher auch aus den Erfahrungen des Bauernkrieges heraus und Philipp Melanchthon wegen traumatischer Kindheitserinnerungen &#8211; und sie gew\u00f6hnlich und grunds\u00e4tzlich zum Gehorsam gegen\u00fcber der Obrigkeit gemahnt haben, hatte auch das Grenzen, die sie unmissverst\u00e4ndlich benannten. In der Auslegung zum Psalm 91 schreibt Luther:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u201eWiederum, weltliche K\u00f6nige sollten des Regiments warten, daf\u00fcr m\u00fcssen sie in der Kirche stehen, Messe h\u00f6ren, und ganz geistlich sein. Wie sie denn jetzt sich mengen in des Evangelii Sache, verbieten, was Gott befohlen hat, als, beiderlei Gestalt des Sakraments, die Christliche Freiheit, die Ehe; des Pabsts Exempel nach.\u201c<a href=\"#_edn13\" name=\"_ednref13\"><strong>[13]<\/strong><\/a><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In den Formulierungen der Confessio Augustana zieht nur sechs Jahre sp\u00e4ter Philipp Melanchthon, ganz gewiss in Absprache mit den anderen Reformatoren, konsequente Schl\u00fcsse, wann Ungehorsam erlaubt, ja sogar geboten ist. Dies ist umso bemerkenswerter, wenn man bedenkt, dass die Confessio Augustana 1530 dem Reichstag und dem Kaiser nicht als Streitschrift sondern als Kompromissvorschlag vorgetragen wurde. Es ist nicht nur ein Beleg f\u00fcr den Mut der Reformatoren \u2013 Philipp Melanchthon weilte in Augsburg, war also vor einem Zugriff nicht sicher, Luther verfolgte das Geschehen in geh\u00f6riger Entfernung auf der Sicherheit bietenden Veste Coburg \u2013 sondern auch daf\u00fcr, wie ernst sie diese Grenzziehung zu nehmen sich gen\u00f6tigt f\u00fchlten:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">CA Art. 16: \u201e<em>Denn das Evangelium lehrt nicht ein \u00e4u\u00dferliches, zeitliches, sondern ein innerliches, ewiges Wesen und die Gerechtigkeit des Herzens; und es st\u00f6\u00dft nicht das weltliche Regiment, die Polizei (Staatsordnung) und den Ehestand um, sondern will, dass man dies alles als wahrhaftige Gottesordnung erhalte und in diesen St\u00e4nden christliche Liebe und rechte, gute Werke, jeder in seinem Beruf, erweise. Deshalb sind es die Christen schuldig, der Obrigkeit untertan und ihren Geboten und Gesetzen gehorsam zu sein in allem, was ohne S\u00fcnde geschehen kann. Wenn aber der Obrigkeit Gebot ohne S\u00fcnde nicht befolgt werden kann, soll man Gott mehr gehorchen als den Menschen.\u201c<a href=\"#_edn14\" name=\"_ednref14\"><strong>[14]<\/strong><\/a><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei seinem Auftritt vor dem Kaiser beim Reichstag in Worms 1521 stellt Martin Luther erstmals \u00f6ffentlich in bis dahin ungew\u00f6hnlicher Weise heraus, dass er sich seinem Gewissen, von Melanchthon mit \u201eGerechtigkeit des Herzens\u201c klug umschrieben, verantwortlich wei\u00df. Er stellt bei dieser Entscheidung das Gewissen als eigene innere, allerdings vom Willen Gottes bestimmte Instanz, \u00fcber die Gewalt des Kaisers, denn die \u201eGerechtigkeit des Herzens\u201c ist immer die Gerechtigkeit, die vor Gott bestehen muss. Dem folgten bereits neun Jahre sp\u00e4ter die evangelischen F\u00fcrsten w\u00e4hrend des Reichstages zu Augsburg. \u00dcberliefert ist, wie Georg, Markgraf von Brandenburg, die Machtgel\u00fcste des Kaisers Karl des V. beantwortete: <em>\u201eEhe ich mir das Wort Gottes nehmen lasse und meinen Gott verleugne, will ich niederknien und mir den Kopf abhauen lassen.\u201c<\/em><a href=\"#_edn15\" name=\"_ednref15\">[15]<\/a> Diese Aussage macht zweierlei deutlich: die Anerkennung der weltlichen Macht des Kaisers und zugleich deren Begrenzung, seine Machtlosigkeit den Glauben betreffend. In Augsburg haben die F\u00fcrsten mit dem nach dieser Stadt benannten wichtigsten evangelischen Bekenntnis und der Aussage des Markgrafen, unterst\u00fctzt durch die anderen <em>protestantischen<\/em> F\u00fcrsten \u2013 der Markgraf <em>trat vor<\/em> den Kaiser \u2013 \u00fcberdeutlich vor aller Augen gef\u00fchrt, dass das Wort Gottes auch und insbesondere angesichts des Todes unverzichtbar und unverhandelbar ist. Sie h\u00e4tten dem Gebot des Kaisers nicht ohne S\u00fcnde folgen k\u00f6nnen. Es ist eine Haltung zur Verk\u00fcndigung des Wortes Gottes, auf die man zu Ostern 2020 bez\u00fcglich des Gottesdienstverbotes vergeblich wartete, sowohl seitens evangelischer \u201eF\u00fcrsten\u201c als auch evangelischer Bisch\u00f6fe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Verbote in diversen gesellschaftlichen Feldern und das Vorhalten von Kindergartenpl\u00e4tzen f\u00fcr den Nachwuchs von Politikern, \u00c4rzteschaft und Pflegekr\u00e4ften f\u00fchrten in dieser Zeit zu einer seltsam anmutenden Diskussion \u00fcber die \u201eSystemrelevanz\u201c bestimmter Berufe. Diese machte auch vor den Kirchent\u00fcren nicht halt. Eine \u201eSystemrelevanz\u201c ist von den Kirchen bez\u00fcglich der Verk\u00fcndigung des Wortes Gottes konsequent lutherisch-theologisch gedacht gar nicht erst zu reklamieren, weil es eben <em>Gottes Wort<\/em> ist und nicht das unsere. Das Wort Gottes selbst untersteht allein der \u201eeinigen Obrigkeit\u201c, und die geistliche Regierweise Gottes durch Predigt und Sakrament ist die Ordnung Gottes, es den Menschen zu verk\u00fcnden; sie bedarf keiner Legitimation durch irgendein System, schon gar nicht ein menschengemachtes. So geordnet, entzieht es sich folglich menschlich-weltlichen Beurteilungskriterien. Die Kirchen als Institutionen sind zwar der weltlichen Regierweise Gottes zuzuordnen. Als solche haben sie aber die weltlichen Voraussetzungen zur Verk\u00fcndigung im Auftrag der \u201eeinigen Obrigkeit\u201c sicherzustellen. Die Inhalte bzw. die Verk\u00fcndigung selbst entziehen sich jedoch dem Zugriff der Institution. Das Pfarrdienstgesetz der EKD \u00a7 24 Abs. 2 tr\u00e4gt dem Rechnung: \u00a0<em>\u201ePfarrerinnen und Pfarrer sind in Gestaltung und Inhalt ihrer Verk\u00fcndigung frei und nur an die Verpflichtungen aus der Ordination nach \u00a7 3 Absatz 2 und an die Ordnungen ihrer Kirche gebunden.\u201c<\/em><a href=\"#_edn16\" name=\"_ednref16\">[16]<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die theologischen Grundsatzentscheidungen der Reformatoren blieben nicht ohne Einfluss auf die Gestaltung des Rechts w\u00e4hrend und nach der Reformation. Mit der Symbolhandlung des 10. Dezember 1520 am Elstertor in Wittenberg, der \u00f6ffentlichen Verbrennung nicht nur der Bannandrohungsbulle, sondern auch und vor allem des kanonischen Rechts, wurde f\u00fcr jeden sichtbar, dass an dessen Stelle etwas Neues treten musste. Dass die eigentliche Bannbulle des Papstes, datiert auf den 3. Januar 1521, so kurze Zeit danach niemanden mehr interessierte, ja noch nicht einmal einer Verbrennung wert erachtet wurde, ist hinreichender Beleg f\u00fcr die in relativ kurzer Zeit eingetretene Bedeutungslosigkeit der bisherigen Rechtssetzung.<a href=\"#_edn17\" name=\"_ednref17\">[17]<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf diesem Hintergrund ist alle sp\u00e4tere Rechtssetzung mindestens in Deutschland zu betrachten, dazu geh\u00f6rt z. B. das \u201eGesetz \u00fcber die religi\u00f6se Kindererziehung\u201c vom 15. 7. 1921, welches dem Kind bereits mit vollendetem 12. Lebensjahr ein eigenes Entscheidungsrecht zubilligt<a href=\"#_edn18\" name=\"_ednref18\">[18]<\/a>. Auch Art. 4 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland ist auf dem Hintergrund reformatorischer Grundentscheidungen zu interpretieren, wozu ma\u00dfgeblich die Inhalte von Luthers Lehre von den zwei Regierweisen Gottes anzusehen sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach Art 4 Grundgesetz (GG) sind allgemein die Freiheit des Glaubens und des religi\u00f6sen Bekenntnisses unverletzlich. Dazu wird die ungest\u00f6rte Religionsaus\u00fcbung gew\u00e4hrleistet.<a href=\"#_edn19\" name=\"_ednref19\">[19]<\/a> So wird, wenn auch nicht ausdr\u00fccklich benannt, der von Luther vorgenommenen Zuordnung des Glaubens zur \u201eeinigen Obrigkeit\u201c Rechnung getragen. Das ist einerseits ein Abwehrrecht des Einzelnen aber auch der Kirche insgesamt gegen jedwede, auch staatliche Einfl\u00fcsse, zugleich aber die Verpflichtung, die Freiheit des Glaubens und des Bekenntnisses zu leben und zu verteidigen<a href=\"#_edn20\" name=\"_ednref20\">[20]<\/a>. Weder vom Staat noch von der Kirche als Institution bzw. K\u00f6rperschaft des \u00f6ffentlichen Rechts selbst kann und darf es hier eine Verletzung geben. Im Sinne von CA 28 (Zwei-Reiche-Lehre Luthers) ist die Kirche als Institution bzw. Organisation dem weltlichen Regiment zuzuordnen, die als weltliche Gewalt nicht in die geistliche Gewalt greifen soll. Oder mit Martin Luthers Worten gesagt, geh\u00f6ren sie zu dem Kuche, der Gott gehorsam zu sein schuldig ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dass angesichts \u00fcberbordender staatlicher Ma\u00dfnahmen zur Eind\u00e4mmung der Corona-Pandemie seitens der Kirchenleitung der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland bei der Frage der Gottesdienste (Verk\u00fcndigung und Verwaltung der Sakramente) keine starren Vorgaben erfolgten, sondern den Gemeinden lediglich beh\u00f6rdliche Informationen vorsortiert an die Hand gegeben und Empfehlungen gemacht worden sind, damit sie der Informationsflut gerecht werden k\u00f6nnen, ist deshalb vollkommen korrekt. Das bekr\u00e4ftigt die Entschlie\u00dfung der Synode vom April 2021 (Drucksachen-Nr. 13.2\/2) nochmals und kl\u00e4rt die Rolle institutionell-kirchlicher Obrigkeit: <em>\u201eDie Landessynode best\u00e4rkt die Mitarbeitenden in ihrem Dienst und ermutigt sie, sich bei ihrer Entscheidungsfindung Unterst\u00fctzung bei Fachstellen, Kirchenkreisen und der Landeskirche zu suchen.\u201c<\/em><a href=\"#_edn21\" name=\"_ednref21\">[21]<\/a> Mehr nicht. Bei dieser Entscheidungsfindung kann es aber immer nur darum gehen, wie welche rein \u00e4u\u00dferlichen Regeln aussehen k\u00f6nnen. Niemals darf es um die Frage gehen, ob und wie Gottes Wort in Predigt und Sakrament, in Gottesdienst und Seelsorge verk\u00fcndet wird, denn eine Entscheidung gegen die Verk\u00fcndigung kann nicht ohne S\u00fcnde erfolgen. Wird sie dennoch verlangt, greift ohne Einschr\u00e4nkung das Gebot zum Ungehorsam. Da sind alle gleicherma\u00dfen \u201eUnterkeit\u201c, um des Wortes Gottes und der Seelen der Menschen willen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hilfreich zum Verst\u00e4ndnis und in ihrer Bedeutung kaum zu \u00fcbersch\u00e4tzen sind die Aussagen der ersten und damit wichtigsten Artikel der Confessio Augustana. Auf einige sei deshalb hier verwiesen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Aufgabe der Kirche in der Sorge um und f\u00fcr die Seelen wird in Artikel 5 benannt: \u201e<em>Um diesen Glauben zu erlangen, hat Gott das Predigtamt eingesetzt, Evangelium und Sakramente gegeben, durch die er als durch Mittel den Heiligen Geist gibt, der den Glauben, wo und wann er will, in denen, die das Evangelium h\u00f6ren, wirkt, das da lehrt, da\u00df wir durch Christi Verdienst, nicht durch unser Verdienst, einen gn\u00e4digen Gott haben, wenn wir das glauben.\u201c<a href=\"#_edn22\" name=\"_ednref22\"><strong>[22]<\/strong><\/a><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach CA 13 sind die Sakramente <em>Zeichen und Zeugnis des g\u00f6ttlichen Willens<\/em>, unterliegen also nicht dem menschlichen Willen. So erschlie\u00dft sich die Vehemenz, mit der die Reformatoren eingefordert haben, dass alle das Abendmahl in beiderlei Gestalt, also als Brot und Wein, tats\u00e4chlich empfangen, ihre Teilnahme am Abendmahl nicht auf den Empfang des Brotes als des Leibes Christi reduziert werden darf, wobei sie beim Kelch mit dem Wein als dem Blut Christi in eine Zuschauerrolle verwiesen w\u00fcrden. Da sich im Abendmahl Christus selbst in, mit und unter Brot und Wein gibt, f\u00e4llt dieses Sakrament als solches unter die \u201eeinige Obrigkeit\u201c Gottes, w\u00e4hrend dem geistlichen Stand als der geistlichen Regierweise Gottes lediglich der einsetzungsgem\u00e4\u00dfe Vollzug obliegt, nicht aber die Entscheidung, ob es vollzogen wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u201eVom Gebrauch der Sakramente wird gelehrt, da\u00df die Sakramente nicht nur als Zeichen eingesetzt sind, an denen man die Christen \u00e4u\u00dferlich erkennen kann, sondern da\u00df sie Zeichen und Zeugnis sind des g\u00f6ttlichen Willens gegen uns, um dadurch unseren Glauben zu erwecken und zu st\u00e4rken. Darum fordern sie auch Glauben und werden dann richtig gebraucht, wenn man sie im Glauben empf\u00e4ngt und den Glauben durch sie st\u00e4rkt.\u201c<a href=\"#_edn23\" name=\"_ednref23\"><strong>[23]<\/strong><\/a><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In CA 7 \u201e<em>Von der Kirche\u201c<\/em> wird benannt, was konstitutiv f\u00fcr die Kirche ist:<br \/>\n<em>\u201eEs wird auch gelehrt, da\u00df allezeit eine heilige, christliche Kirche sein und bleiben mu\u00df, die die Versammlung aller Gl\u00e4ubigen ist, bei denen das Evangelium rein gepredigt und die heiligen Sakramente laut dem Evangelium gereicht werden.\u201c<a href=\"#_edn24\" name=\"_ednref24\"><strong>[24]<\/strong><\/a><br \/>\n<\/em>Die Kirche im Sinne des geistlichen Regimentes ist die Versammlung der Gl\u00e4ubigen, in der eben genau das passiert: Verk\u00fcndigung und Sakramentsverwaltung. Das ist nicht verhandelbar. Da kann auch nicht irgendetwas geredet werden, das vielleicht angenehm oder sch\u00f6n klingt, aber an der Heiligen Schrift und den Bekenntnisschriften scheitern w\u00fcrde. Es geschieht in einer \u00f6ffentlichen Versammlung von realen Menschen, im Gottesdienst nach althergebrachter Ordnung. Geschieht es so nicht oder nicht mehr, ist es eben im geistlichen Sinne nicht mehr Kirche, selbst wenn die weltliche Institution bzw. Organisation Kirche baulich, juristisch, finanziell, digital usw. gl\u00e4nzend fortbesteht und sich in diversen Presseverlautbarungen \u00f6ffentlichkeitswirksam zu pr\u00e4sentieren sucht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Noch deutlicher formuliert wird das in der (meist ungeliebten) Verdammungsformel zu CA 5: \u201e<em>Und es werden die Wiedert\u00e4ufer verdammt und andere, die lehren, da\u00df wir den Heiligen Geist ohne das leibhafte Wort des Evangeliums durch eigene Vorbereitung, Gedanken und Werke erlangen.\u201c<a href=\"#_edn25\" name=\"_ednref25\"><strong>[25]<\/strong><\/a><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenngleich die Liebe und der Flei\u00df digitaler Angebote als eine Erg\u00e4nzung anerkannt werden, wird in CA 5 doch vom \u201e<em>leibhaften Wort des Evangeliums\u201c<\/em> geschrieben. Angesichts dramatisch zunehmender psychischer Erkrankungen ist der Weitblick der Reformatoren anzuerkennen, die um die Bed\u00fcrfnisse der Seele(n) wussten und zutiefst besorgt waren. Wie wichtig unmittelbare Kontakte sind, haben Psychotherapeuten und andere in den letzten Wochen und Monaten hinreichend best\u00e4tigt, sodass es hier nicht ausgef\u00fchrt werden muss.<br \/>\nMan mag zwar einwenden, es habe vor f\u00fcnfhundert Jahren die digitalen M\u00f6glichkeiten des Bildschirms noch nicht gegeben, jedoch haben die Reformatoren sich trotz der damals vergleichbar neuen Erfindung des Buchdrucks nicht dazu verleiten lassen, den leibhaften Gottesdienst zu relativieren, auf das Papier zu verbannen und als ausreichenden Ersatz zu proklamieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>3. \u201eVon der Freiheit eines Christenmenschen\u201c &#8211; Ein Abw\u00e4gungsprozess mit klarem Ergebnis in Martin Luthers Schrift <\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In den letzten Monaten wurde der sonst bei Geburtstagsgratulationen gel\u00e4ufige Satz, die Gesundheit sei die Hauptsache, politikf\u00e4hig. W\u00e4hrend permanent in nahezu jeder Nachrichtensendung mit der Nennung vorgeblich tagesaktuellen Zahlen von Coronainfizierten und -toten die Angst gesch\u00fcrt wurde, betonten zugleich Prominente fast aller Institutionen, es m\u00fcsse alles getan werden, um Leben zu retten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ma\u00dfgeblich durch die Todesangst bestimmt, fielen die Abw\u00e4gungsprozesse zumeist zu Ungunsten des \u00f6ffentlichen und auch privaten Lebens aus. Es gab weitreichende Kontakteinschr\u00e4nkungen oder -verbote, die Einschr\u00e4nkung von Freiheitsrechten, die Beschr\u00e4nkung und das Verbot von Besuchen in Krankenh\u00e4usern, Alters- und Pflegeheimen, die Schlie\u00dfung \u00f6ffentlicher Einrichtungen wie Schulen, Theater, Kinos, zeitweilig und \u00f6rtlich sogar von Kirchen, das Verbot bzw. den Verzicht auf Gottesdienste oder wesentliche Teile davon wie Liturgie und Gemeindegesang. Sogar Seelsorge f\u00fcr Alte und Kranke war nur bedingt oder gar nicht m\u00f6glich und musste durch Anrufung eines Gerichts erk\u00e4mpft werden.<a href=\"#_edn26\" name=\"_ednref26\">[26]<\/a> Eine umfassende und gr\u00fcndliche theologische Auseinandersetzung mit der gesamten Thematik fand kaum statt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hilfreich ist hierbei u. a. die Schrift Martin Luthers \u201eVon der Freiheit eines Christenmenschen\u201c sein, in welcher die Frage, worauf ein Mensch verzichten k\u00f6nne und worauf keinesfalls, mit reformatorischer Gr\u00fcndlichkeit durchaus k\u00e4mpferisch beantwortet wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit Bezug auf Joh. 11,25, Joh. 14,6 und Matth. 4,4<a href=\"#_edn27\" name=\"_ednref27\">[27]<\/a> stellt er fest: <em>\u201eSo m\u00fcssen wir nun gewi\u00df seyn, da\u00df die Seele kann alles Dinges entbehren, ohne das Wort Gottes<a href=\"#_edn28\" name=\"_ednref28\"><strong>[28]<\/strong><\/a> und ohne das Wort Gottes ist ihr mit keinem Ding geholfen. Wo sie aber das Wort hat, so<\/em> (be)<em>darf sie auch keines anderen Dinges mehr; sondern sie hat in dem Wort gnug, Speise, Freude, Friede, Licht, Kunst, Gerechtigkeit, Wahrheit, Weisheit, Freyheit und alles Gutes \u00fcberschwenglich.\u201c<a href=\"#_edn29\" name=\"_ednref29\"><strong>[29]<\/strong><\/a><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenige Zeilen sp\u00e4ter unterstreicht er diese Erkenntnis noch einmal:<em> \u201eUnd in der Schrift die allerh\u00f6chste Plage und Gottes Zorn gehalten wird, so er sein Wort von den Menschen nimmt.\u201c<\/em><a href=\"#_edn30\" name=\"_ednref30\">[30]<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Anschlie\u00dfend wird die Frage er\u00f6rtert, wie das Wort zu gebrauchen sei: <em>\u201eAntwort. Es ist nichts anders, denn die Predigt von Christo geschehen, wie das Evangelium inne h\u00e4lt; welche soll seyn, und ist also gethan, da\u00df du h\u00f6rest deinen Gott zu dir reden \u2026 so setzt er dir vor seinen Sohn JEsum Christum, und l\u00e4\u00dft dir durch sein lebendiges, tr\u00f6stliches Wort sagen, du sollst in demselben mit vestem Glauben dich ergeben und frisch in ihn vertrauen.\u201c<\/em><a href=\"#_edn31\" name=\"_ednref31\">[31]<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unbestreitbare Voraussetzung f\u00fcr diese Feststellungen ist eine Erkenntnis, die unserer einem Machbarkeitswahn erlegenen Gesellschaft fremd geworden ist und aus dem Alltag weitestgehend verdr\u00e4ngt wurde: Niemand kann dem Tod entgehen. Mit der Verdr\u00e4ngung einhergehend, wird der Tod zugleich st\u00e4ndig medial pr\u00e4sentiert, und zwar sowohl in den Unterhaltungssendungen als auch in den Nachrichten, zwischen denen die Grenzen allerdings immer mehr verflie\u00dfen. Der Tod wird dabei oft so pr\u00e4sentiert, dass der Eindruck entsteht, er sei mit etwas Vorsicht bzw. Vorsorge vermeidbar gewesen: als Mord, als Unfall oder als Folge von zu sp\u00e4t erkannter Erkrankung oder \u00c4rztepfusch. Weil dabei immer die anderen umkommen, wird ein \u00dcberlegenheitsgef\u00fchl des eigenen Erkenntnisstandes bef\u00f6rdert, der zu sich selbst sagen kann: \u201eMir w\u00e4re das nicht passiert.\u201c W\u00e4hrend es fr\u00fcher hie\u00df, der Tod wolle (s)eine Ursache haben, will heute der Zuschauer die Ursache haben oder sehen. Dieses Vorgehen hat den Zweck, den Machbarkeitswahn auch auf den Tod auszuweiten. Martin Luther schreibt:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u201eNicht da\u00df wir allerdinge leiblich m\u00e4chtig seyn sie zu besitzen oder zu brauchen, wie die Menschen auf Erden. Denn wir m\u00fcssen sterben leiblich, und mag niemand dem Tode entfliehen; so m\u00fcssen wir auch viel andern Dingen unterliegen, wie wir in Christo und seinen Heiligen sehen.\u201c<\/em><a href=\"#_edn32\" name=\"_ednref32\">[32]<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der christliche Glaube erinnert im Gegensatz zu einer weitgehend weltlich gepr\u00e4gten Wahrnehmung des Todes daran, dass jeder Mensch pers\u00f6nlich sterblich ist. Deshalb soll er nicht danach streben, ihn um jeden Preis zu vermeiden, sondern sich darauf vorbereiten. So lernt er die hohe die Kunst des Sterbens (<em>ars moriendi<\/em>) zu erlernen. Gewiss tr\u00e4gt das aus heutiger Sicht nicht unbedingt zur Attraktivit\u00e4t religi\u00f6ser Bem\u00fchungen bei, verst\u00f6rt es doch die um Vermeidung des Gedankens bem\u00fchte Psyche. Die Erkenntnisse des lutherisch gepr\u00e4gten Glaubens legen aber gerade deshalb besonderes Augenmerk darauf, diesen Weg nicht in Angst, sondern getr\u00f6stet gehen zu k\u00f6nnen. Dazu gen\u00fcgt es dem Reformator nicht, Glaubensinhalte nur zur Kenntnis zu nehmen:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u201eAus dem allen lernen wir, da\u00df es nicht gnug sey geprediget, wenn man Christus Leben und Werk oben hin und nur als eine Historie und Chronikengeschichte predigt, <\/em>(ge)<em>schweige denn, so man sein gar schweiget.\u201c<a href=\"#_edn33\" name=\"_ednref33\"><strong>[33]<\/strong><\/a><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vielmehr bedarf es der best\u00e4ndigen Praxis, weil man sich dieses Trostes nicht selbst versichern kann und der St\u00e4rkung in der Gemeinde bedarf, in der der Apostel Paulus den lebendigen Leib Christi erkennt:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u201eAber er (Christus) soll und mu\u00df also gepredigt seyn, da\u00df mir und dir der Glaube daraus erwachse und erhalten werde. Welcher Glaube dadurch erw\u00e4chst und erhalten wird, wenn mir gesagt wird, warum Christus kommen sey, wie man sein brauchen und genie\u00dfen soll, was er mir bracht und gegeben hat. Das geschieht, wo man recht ausleget die christliche Freyheit, die wir von ihm haben.\u201c<\/em><a href=\"#_edn34\" name=\"_ednref34\">[34]<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine Gemeinde, die aus Angst vor dem Tod auf das Zusammenkommen und auf wesentliche Teile des Gottesdienstes verzichtet, insbesondere auf die Verk\u00fcndigung der Heiligen Schrift in Lesung und Predigt, auf den Gesang als Vergewisserung und Antwort darauf oder gar auf das Abendmahl, im welchem sich Christus selbst gibt, damit die Gl\u00e4ubigen sowohl in seinen Tod hineingenommen werden als auch an seiner Auferstehung teilhaben, w\u00e4re ein nicht aufl\u00f6sbarer Widerspruch in sich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Verbot und die Absage der Gottesdienste zum Fest der Auferstehung, zu Ostern 2020, teilweise auch noch 2021, ist die Absage an den Auferstehungsglauben, die Preisgabe dessen, was Luther die <em>christliche Freyheit<\/em> nennt und die v\u00f6llige Umkehr seiner Erkenntnis:<em> \u201eWo sie aber das Wort hat, so<\/em> (be)<em>darf sie auch keines anderen Dinges mehr; sondern sie hat in dem Wort gnug \u2026\u201c<\/em>. Es ist die R\u00fcckkehr in die alte Knechtschaft der Todesfurcht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>4. Die Aufgabe des geistlichen Standes<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die vordringlichste geistliche Aufgabe ist die Bewahrung der Seele.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Oberhofprediger Christian Scriver (1629-1693) war zu seiner Zeit einer der bedeutendsten Erbauungsschriftsteller. Seine Predigtb\u00e4nde, Trostb\u00fccher und Lieder entstanden gr\u00f6\u00dftenteils in Magdeburg, wo er in der von der v\u00f6lligen Zerst\u00f6rung im Jahr 1631 \u00fcber Jahrzehnte gezeichneten Stadt einer von Krieg und Pest schwer traumatisierten Gemeinde diente. Er selbst blieb von schweren Schicksalsschl\u00e4gen nicht verschont, erst seine vierte Frau \u00fcberlebte ihn, von vierzehn Kindern trug er selbst zw\u00f6lf zu Grabe. Eine Vergleichszahl aus dem Jahr 1681 kann zum Nachdenken anregen: Damals starben innerhalb eines halben Jahres 2500 der 7000 Einwohner Magdeburgs an einer Pestepidemie. Diese wenigen Angaben m\u00f6gen an dieser Stelle gen\u00fcgen, um deutlich zu machen, wie ernst seine Aussagen zu nehmen sind. Auf ihn wird an dieser Stelle verwiesen, weil in seiner Person sichtbar wird, welche langfristigen Auswirkungen die Reformation hat, aber auch welche Hilfe in Notzeiten der Glaube bot, stellvertretend f\u00fcr zahlreiche Geistliche, Prediger und Liederdichter der Vergangenheit.<\/p>\n<ul style=\"text-align: justify;\">\n<li>Der Seelen Vortrefflichkeit<\/li>\n<\/ul>\n<p style=\"text-align: justify;\">In seiner ersten Predigt im \u201eSeelenschatz\u201c schreibt Christian Scriver <em>von der Seelen Vortrefflichkeit und W\u00fcrdigkeit, in Betrachtung ihrer Sch\u00f6pfung<a href=\"#_edn35\" name=\"_ednref35\"><strong>[35]<\/strong><\/a><\/em>. Durchaus barock ausschweifend, mit offensichtlicher Freude an der Sprache, beschreibt er zuerst, wie wertvoll die Seelen sind:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u201eUnser Heiland leget in unserem Texte (Mt. 16,26), so zu reden, die menschliche Seele in die eine, und die ganze Welt in die andere Wagschale und giebt f\u00fcr jene den Ausschlag, sagend: Wenn ein Mensch schon die ganze Welt mit aller ihrer Herrlichkeit, Ehre, Hoheit, Reichthum, Sch\u00e4tzen, Woll\u00fcsten, Pracht und Freude k\u00f6nte gewinnen, so h\u00e4tte er doch nichts gewonnen, so er seine Seele dagegen verlieren solte: Es w\u00e4re eben, als wann ich einem wolt hundert-tausend Thaler, oder etliche Millionen f\u00fcr sein Hertz geben. Was h\u00fclff ihm das Geld, wann ers schon in gro\u00dfen S\u00e4cken und Beuteln um sich stehen, und den Besitz davon h\u00e4tte, wann ihm dagegen, bald nachdem er das Geld empfangen, das Hertz aus dem Leibe solte gerissen werden? Was ist Geld ohne Leben? Und was ist aller Welt Gut ohne die Seele? Was hilfft die Eitelkeit ohne die Ewigkeit? Was hilffts, wann ich alles habe, und besitze es eine kleine Zeit, und verliere mich selbst, und meine Seele in Ewigkeit?\u201c<a href=\"#_edn36\" name=\"_ednref36\"><strong>[36]<\/strong><\/a><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">An dem Beispiel des irdischen Lebens sucht er, deutlich zu machen, wie hoch wir erst die Seele zu sch\u00e4tzen haben. Dieses Denken ist uns wohl tats\u00e4chlich nicht mehr gel\u00e4ufig.<\/p>\n<ul style=\"text-align: justify;\">\n<li>Die Last des Amtes<\/li>\n<\/ul>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er schreibt: <em>\u201eDie Lehrer werden erinnert, dass ihnen nicht befohlen ist, G\u00e4nse oder K\u00fche zu h\u00fcten, sondern die Gemeine, die Gott mit seinem eigenen Blute erworben hat. Es ist ihnen nicht anvertrauet Silber oder Gold, Perlen oder Edelgestein, sondern die Seelen der Menschen, die Gott zum ewigen Leben erschaffen und Christus Jesus mit seinem teuren Blut ihm zum Eigentum erkauft hat, und sie sollen Rechenschaft geben als von einem anbefohlenem kostbaren Kleinod.<a href=\"#_edn37\" name=\"_ednref37\"><strong>[37]<\/strong><\/a>\u201c<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und wenig sp\u00e4ter schreibt er \u00fcber den Ernst, mit dem er sich dieser Aufgabe widmen muss und will: <em>\u201eGott will dieselben, so durch ihre Schuld verloren werden, von ihren H\u00e4nden fordern. Darum sollen sie wachen \u00fcber die Seelen, das ist, sie sollen ihr Amt ihnen h\u00f6chstens Flei\u00dfes lassen angelegen sein, sollen sorgen, beten, bitten, flehen, ermahnen warnen, lehren, tr\u00f6sten, dieser hochwichtigen Verrichtung obliegen und nachdenken Tag und Nacht, auch, soviel an ihnen ist, mit allem Ernst und Wachsamkeit verh\u00fcten, dass nicht eine einzige Seele verloren werde.\u201c<a href=\"#_edn38\" name=\"_ednref38\"><strong>[38]<\/strong><\/a><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eindr\u00fccklich beschreibt er, wie ihm die Last dieser Aufgabe und Verantwortung zusetzt:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u201eO ein schweres Amt! O \u00fcbermenschliche Sorge! Ein Prediger soll f\u00fcr so viel Seelen wachen, beten, sorgen und Rechenschaft geben? F\u00fcrwahr, wenn ich dies oft recht erw\u00e4ge und mir zu Herzen ziehe, so erschauret mir die Haut, der Angstschwei\u00df bricht mir aus und ich w\u00fcnsche oft, dass ich nie ein Prediger geworden w\u00e4re.<a href=\"#_edn39\" name=\"_ednref39\"><strong>[39]<\/strong><\/a>\u201c<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Ausf\u00fchrungen des Oberhofpredigers Christian Scriver verdeutlichen sehr eindr\u00fccklich sein lutherisches Kirchen- und Gemeindeverst\u00e4ndnis: Die Sorge um die Seele des Menschen ist keine nachgeordnete oder fakultative Aufgabe, die hinter andere schutzw\u00fcrdige Interessen, ausdr\u00fccklich auch nicht dem der Gesundheit oder einer allgemeinen Todesgefahr zur\u00fccktreten kann, vielmehr bedarf sie w\u00e4hrend solcher Gefahren der besonderen Sorgfalt in einem Ma\u00dfe, das vor Gott bestehen muss. Aus diesen Traditionen erwuchs das grundgesetzlich garantierte Recht auf freie Aus\u00fcbung der Religion.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>II Biblischer Befund und altkirchliche Zeugnisse<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>1. Altes Testament<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gottes Gebot des Singens \u2013 Das Lied des Mose<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">An zahlreichen Stellen wird im Alten Testament auf das Singen Bezug genommen. Besonders die Psalmen sind Belege f\u00fcr die feste Verankerung des Gesangs im Gottesdienst, aber auch im geistlichen Leben des Einzelnen. Regelm\u00e4\u00dfig werden Lieder wichtigen Personen zugeschrieben, wie Mose, K\u00f6nig David und anderen. Damit wird herausgestellt, welch hohen Stellenwert sie genie\u00dfen, gewisserma\u00dfen gesch\u00fctzt durch deren Autorit\u00e4t. Dabei sind sie oft wie in 5. Mose 31,19 nur Empfangende des Wortes Gottes, welches sie weiterzugeben haben. Keinesfalls kann das hier umfassend er\u00f6rtert werden, denn die Tradition des Gesangs und das Liedgut selbst sind zu umfangreich<a href=\"#_edn40\" name=\"_ednref40\">[40]<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Exemplarisch wird deshalb hier das \u201eLied des Mose\u201c (5. Mose 31,14ff) herausgegriffen, insbesondere weil der Bezug zu einer st\u00e4ndig drohenden und sich tats\u00e4chlich wiederholenden Hybris und Dekadenz gesellschaftlicher Entwicklungen hergestellt wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Gebot Gottes, Lieder zu singen und die Kinder diese zu lehren, ist keine vom gesellschaftlichen Geschehen unabh\u00e4ngige Zugabe, auf die unter bestimmten Bedingungen der Gefahr verzichtet werden k\u00f6nnte. Es ist keine entbehrliche und nebens\u00e4chliche religi\u00f6se Privat\u00fcbung. Mit gro\u00dfem Weitblick wird sowohl die Erf\u00fcllung g\u00f6ttlicher Verhei\u00dfungen als auch deren Verlust vorausgesagt, wenn sich die Menschen von Gott abwenden:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u201eSo schreibt euch nun dies Lied auf und lehrt es die Israeliten und legt es in ihren Mund, dass mir das Lied ein Zeuge sei unter den Israeliten. Denn ich will sie in das Land bringen, das ich ihren V\u00e4tern zu geben geschworen habe, darin Milch und Honig flie\u00dft. Und wenn sie essen und satt und fett werden, so werden sie sich zu andern G\u00f6ttern wenden und ihnen dienen, mich aber l\u00e4stern und meinen Bund brechen. Und wenn sie dann viel Ungl\u00fcck und Angst treffen wird, so soll dies Lied vor ihnen als Zeuge reden; denn es soll nicht vergessen werden im Mund ihrer Nachkommen. Denn ich wei\u00df ihre Gedanken, mit denen sie schon jetzt umgehen, ehe ich sie in das Land bringe, wie ich geschworen habe.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Also schrieb Mose dies Lied zur selben Zeit auf und lehrte es die Israeliten.\u201c<\/em> (5. Mose 31,19 ff.)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ganz besonders hervorgehoben werden muss, dass die Lieder in der Vorausschau kommender Gottesferne zu lehren und einzu\u00fcben sind, also auch w\u00e4hrend der guten Tage. In den folgenden Notzeiten, welche in den Kapiteln 30 und 31 ausf\u00fchrlich beschrieben werden, sollen sie auswendig gelernt zur Verf\u00fcgung stehen. Das schlie\u00dft ohne jeden Zweifel ein, dass sie dann auch gesungen werden. Das Gebot, zu singen erf\u00fcllt dabei zwei gleicherma\u00dfen wichtige Aufgaben. Zum einen soll den Menschen in der Verzweiflung etwas in den Mund gelegt werden, das sie zuversichtlich stimmen wird. Die Zuversicht bezeugen sie untereinander und f\u00fcreinander (5. Mose 31,19). Zum anderen ist es die Zusage Gottes, sich durch diesen Gesang an die Verhei\u00dfungen erinnern zu lassen und sich den Gl\u00e4ubigen wieder zuzuwenden, gerade wenn der Augenschein dagegen spricht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In Notzeiten diesem Gebot nicht zu folgen, auf den Gesang zu verzichten, das Singen gar g\u00e4nzlich zu verbieten, w\u00fcrde bedeuten, sich von Gott fortgesetzt abzuwenden. Es k\u00f6nnte kaum besser zum Ausdruck gebracht werden, in welch tiefgreifender Weise das Gottvertrauen verlorengegangen und die Hoffnung stattdessen auf menschliche K\u00fcnste und Vorschriften gesetzt wird<a href=\"#_edn41\" name=\"_ednref41\">[41]<\/a>. Ein solches die Gottlosigkeit geradezu demonstrierendes Verhalten durch Gesetz oder Verordnung einzufordern, ist f\u00fcr einen glaubenden Menschen v\u00f6llig inakzeptabel. Im Sinne der Augsburgischen Konfession Art. 16 w\u00e4re es ein Gebot, das nicht ohne S\u00fcnde befolgt werden kann, weil die Abwendung von Gott die gr\u00f6\u00dfte denkbare S\u00fcnde ist. Uneingeschr\u00e4nkt gilt hier die Aufforderung des Augsburgischen Bekenntnisses, Gott mehr zu gehorchen als den Menschen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weltliche Anordnung des Gesangs \u2013 Die babylonische Gefangenschaft<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie auf einer Negativfolie soll nun das Singen unter den Verh\u00e4ltnissen einer Diktatur betrachtet werden, ein ganz spezieller Einzelfall, vielleicht. Tats\u00e4chlich tritt in der Bibel der Fall zutage, dass ein Tyrann das Singen religi\u00f6ser Ges\u00e4nge befiehlt, mit hoher Wahrscheinlichkeit gegen den Willen der Menschen im Exil. Die Vorgeschichte kurz zusammengefast: 587 wurde Jerusalem erobert und zerst\u00f6rt, auch und insbesondere der Tempel. Die Kultgegenst\u00e4nde wurden nach Babylonien verbracht und ein Teil der Bev\u00f6lkerung, die Oberschicht, ins Exil verbracht und angesiedelt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aus dieser Zeit stammt der Psalm 137,1-4:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>An den Wassern zu Babel sa\u00dfen wir und weinten, wenn wir an Zion gedachten.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Unsere Harfen h\u00e4ngten wir an die Weiden im Lande.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Denn dort hie\u00dfen uns singen, die uns gefangen hielten,<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>und in unserm Heulen fr\u00f6hlich sein: \u00bbSinget uns ein Lied von Zion!\u00ab<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Wie k\u00f6nnten wir des Herrn Lied singen in fremdem Lande?<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist ein Geschehen besonderer Grausamkeit: die Gefangenen werden gen\u00f6tigt, mit folkloristischem Gesang den Herrschenden, den Siegern zu helfen, den Sieg zu feiern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie erhalten Befehl zu singen, aber nicht im Gottesdienst, sondern als Besiegte f\u00fcr die Sieger damit diese ihre Macht auskosten k\u00f6nnen. Dabei steht den Traumatisierten die Zerst\u00f6rung ihrer Stadt, der Mord ihrer Bewohner, die Konfiszierung der Tempelgegenst\u00e4nde als Beute f\u00fcr die Schatzkammer vor Augen. Ein wirklicher Gottesdienst ist nicht mehr m\u00f6glich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Worte des Propheten Jeremia legen Zeugnis ab, wie tiefgreifend dieser Einschnitt war: Jer 25, 8-11<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Darum spricht der HERR Zebaoth: Weil ihr denn meine Worte nicht h\u00f6ren wollt, siehe, so will ich ausschicken und kommen lassen alle V\u00f6lker des Nordens, spricht der HERR, auch meinen Knecht Nebukadnezar, den K\u00f6nig von Babel, und will sie bringen \u00fcber dies Land und \u00fcber seine Bewohner und \u00fcber alle diese V\u00f6lker ringsum und will an ihnen den Bann vollstrecken und sie zum Bild des Entsetzens und zum Spott und zur ewigen W\u00fcste machen und will wegnehmen allen fr\u00f6hlichen Gesang, die Stimme des Br\u00e4utigams und der Braut, das Ger\u00e4usch der M\u00fchle und das Licht der Lampe, sodass dies ganze Land w\u00fcst und zerst\u00f6rt liegen soll. Und diese V\u00f6lker sollen dem K\u00f6nig von Babel dienen siebzig Jahre.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach der Ank\u00fcndigung des Geschehens folgt die Aufz\u00e4hlung, was dem Volk genommen wird: Der fr\u00f6hliche Gesang steht an erster Stelle! Sowohl Psalm 137 als auch die Worte des Propheten verdeutlichen, welche tiefe Bedeutung der Gesang f\u00fcr die Seele des Menschen hat und welcher psychische Schaden entsteht, wenn nicht mehr gesungen werden kann<a href=\"#_edn42\" name=\"_ednref42\">[42]<\/a>. Dagegen belegt die heilende Wirkung des Gesangs die Geschichte von David, der das Gem\u00fct Sauls mit Harfenspiel und Gesang aufzuhellen vermochte.<a href=\"#_edn43\" name=\"_ednref43\">[43]<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unter diesem Blickwinkel ist ein Gesangsverbot, nicht nur im Gottesdienst, als massiver Eingriff in die \u201eungest\u00f6rte Religionsaus\u00fcbung\u201c<a href=\"#_edn44\" name=\"_ednref44\">[44]<\/a> zu werten, m\u00f6glicherweise sogar als ein Akt psychischer Grausamkeit, was der Text Jer 25,10 nahelegt, also eine Form des Machtmissbrauchs weltlicher Herrscher.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Martin Luther ruft zwar in Zusammenhang mit speziell diesem Fall nicht zur Gewalt auf, findet aber \u00e4u\u00dferst klare Worte<a href=\"#_edn45\" name=\"_ednref45\">[45]<\/a>, dass ein solcher Zustand ein Ende finden muss: \u201e<em>Denn die Kinder Israel auch f\u00fcr ihren Feind, den K\u00f6nig zu Babylon beten mu\u00dften <\/em>(sollten)<em>, da\u00df es ihm und seinem Reich wohl gieng, bis so lange, da\u00df sein St\u00fcndlein kam, da er seine F\u00fcrbitter zu hoch geplaget und ged\u00e4mpffet, und damit seines Reichs ein Ende verdienet hatte. Also bitten wir jetzt auch f\u00fcr unsere Tyrannen, bis da\u00df sie sich an uns auch verdienen mit Morden und Verfolgen, und wenn ihr St\u00fcndlein k\u00f6mmt, ohne alle Barmherzigkeit zu grunde gehen. Amen.<a href=\"#_edn46\" name=\"_ednref46\"><strong>[46]<\/strong><\/a><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>2. Neues Testament<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Brief an die Epheser<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein wichtiges Dokument christlichen Lebens ist der Brief an die Epheser, der zwar den Namen des Apostels Paulus in der Einleitung tr\u00e4gt, aber eher seinen Nachfolgern zuzuschreiben sein d\u00fcrfte. So zeigt er erste gefestigte Gemeindestrukturen und Br\u00e4uche, gibt aber auch Anweisungen, wie man sich in bedr\u00e4ngenden Situationen geistlich verhalten hat und soll:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Epheserbrief 5,15-20: <em>So seht nun sorgf\u00e4ltig darauf, wie ihr euer Leben f\u00fchrt, nicht als Unweise, sondern als Weise, und kauft die Zeit aus, denn die Tage sind b\u00f6se. Darum werdet nicht unverst\u00e4ndig, sondern versteht, was der Wille des Herrn ist. Und sauft euch nicht voll Wein, woraus ein unordentliches Wesen folgt, sondern lasst euch vom Geist erf\u00fcllen. Ermuntert einander mit Psalmen und Lobges\u00e4ngen und geistlichen Liedern, singt und spielt dem Herrn in eurem Herzen und sagt Dank Gott, dem Vater, allezeit f\u00fcr alles, im Namen unseres Herrn Jesus Christus.<a href=\"#_edn47\" name=\"_ednref47\"><strong>[47]<\/strong><\/a><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aus dem Zusammenhang erschlie\u00dft sich, dass es einerseits um eine allgemeine Praxis des Gebrauchs der \u00fcberkommenen Psalmen und um neue geistliche Lieder geht, aber vor allem auch, dass diese in \u201eb\u00f6ser Zeit\u201c<a href=\"#_edn48\" name=\"_ednref48\">[48]<\/a> gesungen werden sollen. Zeiten mit besonderer Belastung, sei es durch Verfolgung, Krankheit oder Tod, sind also gerade kein Grund sich zur\u00fcckzuziehen, sondern Anlass mit gottesdienstlichem Gesang f\u00fcreinander zu sorgen. Mit geistlichem Leben in allen Formen, also mit Gottesdienst, Gesang und Gebet, \u00fcbernimmt die Gemeinschaft der Glaubenden und jeder einzelne von ihnen Verantwortung. Es ist die ausdr\u00fcckliche Anweisung, in welcher Weise widrigen Umst\u00e4nden begegnet werden soll. Es handelt sich also keinesfalls um Beiwerk nur f\u00fcr gute Zeiten. Mit der Formulierung <em>\u201esingt und spielt dem Herrn in eurem Herzen\u201c<\/em> ist mitnichten gemeint, es sei ein stiller Gesang, bei dem man auf den Mund verzichten k\u00f6nne. Vielmehr soll er unter innigster Beteiligung geschehen, eine Herzensangelegenheit, gesungenes Gebet sein. Ein purer Kunstgenuss, der Gottesdienstteilnehmer zu H\u00f6rern, also Konsumenten geistlicher Lieder degradiert, gen\u00fcgt dem Anspruch des Epheserbriefes nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bergpredigt &#8211; Gebet im stillen K\u00e4mmerlein<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nicht selten, auch von Politikern, wurde w\u00e4hrend der letzten Monate versucht, die Schwere der Gottesdienstverbote bzw. -einschr\u00e4nkungen mit Hinweis auf ein Jesuswort zu relativieren oder sogar sch\u00f6nzureden, auf jeden Fall als einen mindestens zeitweilig ausreichenden Ersatz darzustellen.<a href=\"#_edn49\" name=\"_ednref49\">[49]<\/a> Mit dem Hinweis auf das \u201eGebet im stillen K\u00e4mmerlein\u201c wird auf ein Wort aus der Bergpredigt Bezug genommen: \u201eWenn du aber betest, so geh in dein K\u00e4mmerlein und schlie\u00df die T\u00fcr zu und bete \u2026\u201c<a href=\"#_edn50\" name=\"_ednref50\">[50]<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wird der Text allerdings aus dem Zusammenhang gerissen, f\u00fchrt er in die Irre. In der Bergpredigt Jesu geht es n\u00e4mlich nicht um Form oder Gestaltung des Gottesdienstes oder sogar um die Relativierung seiner Notwendigkeit. Bereits im Abschnitt davor ruft er dazu auf, Almosen unauff\u00e4llig zu geben<a href=\"#_edn51\" name=\"_ednref51\">[51]<\/a>. Auch das Gebet soll nicht der Selbstdarstellung dienen: \u201e<em>Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuchler, die gern in den Synagogen und an den Stra\u00dfenecken stehen und beten, damit sie von den Leuten gesehen werden. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt.<\/em>\u201c<a href=\"#_edn52\" name=\"_ednref52\">[52]<\/a> Wer zu solchem Verhalten neigt, dem wird empfohlen, sich in eine Kammer zur\u00fcckzuziehen. Dieser Text dienst also ausdr\u00fccklich zur Abwehr von Hochmut und selbsts\u00fcchtiger \u00d6ffentlichkeit- Er taugt nicht als Beleg f\u00fcr eine generelle Empfehlung zu Einsamkeit im Gebet bzw. geistlichen Leben, erst recht nicht als Beleg gegen den \u00f6ffentlichen Gottesdienst.<a href=\"#_edn53\" name=\"_ednref53\">[53]<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>3. Vom Singen der ersten Christen<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gottfried Arnold zeichnete sich durch profundes, kirchengeschichtliches Wissen und \u00e4u\u00dferst gr\u00fcndliches Quellenstudium aus. Als sein bekanntestes Werk d\u00fcrfte die <em>Unparteyische Kirchen- und Ketzer-Historie von Anfang des Neuen Testaments bi\u00df auf das Jahr Christi 1688<\/em> gelten<a href=\"#_edn54\" name=\"_ednref54\">[54]<\/a>. Wenige Jahre zuvor gab er sein Werk <em>\u201eDie Erste Liebe der Gemeinen Jesu Christi, Das ist wahre Abbildung der ersten Christen nach ihrem lebendigen Glauben und Heiligen Leben.\u201c<\/em> heraus, welches ihm hohe Anerkennung einbrachte, gefolgt vom Ruf an die Universit\u00e4t Gie\u00dfen als Professor f\u00fcr Kirchengeschichte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In diesem Buch widmet er ein ganzes Kapitel dem Gesang der ersten Christen. Bereits die Einordnung verdeutlicht, welches Gewicht er dem Thema beimisst. Im zweiten Buch des ersten Bandes schreibt er \u00fcber den Gottesdienst<a href=\"#_edn55\" name=\"_ednref55\">[55]<\/a>, wobei er sich im ersten Kapitel mit dem Gebet und bereits im zweiten mit dem Gesang befasst. Neben den Psalmen und Ges\u00e4ngen des Alten Testaments haben <em>\u201edie ersten Christen angefangen vor sich selbst Lieder zu machen\u201c<\/em><a href=\"#_edn56\" name=\"_ednref56\">[56]<\/a>. <em>\u201eDas lieset man wol bey vielen, wie sie die Sache selbst von dem Herren und seine Aposteln herf\u00fchren und auf ihre Exempel und Befehl gr\u00fcnden, auch sich dabey auf die allgemeine Gewohnheit der Christen getrost beziehen, dass also an dem Alterthum derselben gar kein Zweifel \u00fcberbleibt.\u201c<\/em><a href=\"#_edn57\" name=\"_ednref57\">[57]<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Gesang ist keineswegs lediglich eine \u00e4u\u00dferliche Angelegenheit, die man durch anderes ersetzen oder gar weglassen k\u00f6nne. Es ist vielmehr als eine innige Verbindung des Dreieinigen Gottes mit der singenden Gemeinde zu verstehen: <em>\u201eSo war es doch bey den Alten insgemein eine ausgemachte Sache, da\u00df sie ohne dem H. Geist und seine Regierung weder erh\u00f6rlich beten noch Gott-gef\u00e4llig singen k\u00f6nnten, und da\u00df daher dieser der Ursprung ihres Gesanges sein m\u00fcsse. Und wie die Zunge samt dem Hertzen ihn w\u00fcrdiglich besingen m\u00fcsse, also m\u00fcsse auch Gott alleine das schencken, was man singe.\u201c<\/em><a href=\"#_edn58\" name=\"_ednref58\">[58]<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Gesang hat wie das Gebet die F\u00e4higkeit, die Gl\u00e4ubigen in Notzeiten zu tr\u00f6sten: <em>\u201eDas Volck stehet des Nachts auf, gehet vor Tag in das Bet-Hau\u00df, und wenn es vom Gebet aufgestanden, wird es zu den Lobges\u00e4ngen gef\u00fchret, da es in zwei Theile gesondert, eins ums andere singet und spielet, dadurch sie denn ihre Andacht st\u00e4rcken und ihre Herzen fester machen.\u201c<\/em><a href=\"#_edn59\" name=\"_ednref59\">[59]<\/a> Im Folgenden wird beschrieben, dass es sich dabei um Wechselges\u00e4nge zwischen einem Vors\u00e4nger und der Gemeinde handelte. Diese Form gottesdienstlichen Singens hat sich in der Liturgie bis in unsere Gegenwart erhalten. In Zeiten der Verfolgung, sogar und besonders in Todesnot ermutigte sich die Gemeinde durch den Gesang: <em>\u201eAls die Gemeine zu Meyland in gro\u00dfer Bedr\u00e4ngnis war wegen der Verfolgung: wachte das fromme Volck in der Kirche und war bereit vor seinen Auffseher zu sterben. Da stellte man an, da\u00df Psalmen und Lob-Ges\u00e4nge nach Art der Morgenl\u00e4nder gesungen w\u00fcrden. Und von der Zeit an hat dieser Brauch bis auff diesen Tag gew\u00e4hret, indem es auch viel andere Heerden Gottes in der gantzen Welt nachthun.\u201c<\/em><a href=\"#_edn60\" name=\"_ednref60\">[60]<\/a> Durchaus bedurfte es in den ersten Jahrhunderten der Standhaftigkeit, am gottesdienstlichen Singen festzuhalten: <em>\u201eIn ihren Zusammenk\u00fcnften verga\u00dfen sie niemals das Singen und gestunden auch vor den Heyden, da\u00df sie darinnen Gott zu Ehren s\u00fcngen, und zwar nicht allein bey denen allgemeinen \u00f6ffentlichen Versammlungen, sondern auch bei Ihren Liebes-Mahlen<a href=\"#_edn61\" name=\"_ednref61\"><strong>[61]<\/strong><\/a> und anderen Gelegenheiten.\u201c<\/em><a href=\"#_edn62\" name=\"_ednref62\">[62]<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie tief die Menschen durch Gebet und Ges\u00e4nge ergriffen wurden und selbstverst\u00e4ndlich immer noch werden, die sie als zu Herzen gehende Verk\u00fcndigung verstehen, wird vielfach zus\u00e4tzlich durch Einzelzeugnisse belegt: <em>\u201eO wie sehr, spricht er, weinte ich da \u00fcber die Lob-Ges\u00e4nge und Lieder, als ich durch die Stimmen der lieblich-singenden Gemeine beweget ward? Diese Stimmen flossen mir in meine Ohren und die g\u00f6ttliche Wahrheit wurde mir gleichsam in mein Hertz ausgegossen. Da entbrandte inwendig der Affect der Andacht und die Thr\u00e4nen schossen mir hervor, also da\u00df mir mit ihnen recht wol dabey war.\u201c<\/em><a href=\"#_edn63\" name=\"_ednref63\">[63]<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Gesang wird die N\u00e4he Gottes in besonderer Weise sp\u00fcrbar, so habe man gesungen, um <em>\u201evielmehr aus hertzlichem Verlangen immer mehr Vorschmack der g\u00f6ttlichen S\u00fc\u00dfigkeit zu haben und selbige also zu r\u00fchmen\u201c<\/em><a href=\"#_edn64\" name=\"_ednref64\">[64]<\/a>. In den Liedern wirkt der Heilige Geist selbst Gutes f\u00fcr die Seele des betr\u00fcbten, ge\u00e4ngstigten Menschen: <em>\u201eJa sie vertreiben den Trauer-Geist aus dem Hertzen in der Kraft des H. Geistes und die Tr\u00e4gheit zum Dienste Gottes.\u201c<\/em><a href=\"#_edn65\" name=\"_ednref65\">[65]<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Gesang sind die Menschen verbunden mit den Engeln und auch mit denen, die bereits verstorben und im Reich Gottes sind. <em>\u201eNehmlich ihnen war bekannt, wie dieses der Seeligen im Himmel s\u00fc\u00dfeste Verrichtung sey und daher erinnerten sie sich auch bey ihrem schwachen Lob auf Erden. Da\u00df sie gleichwol im Geist mit den Engeln zugleich vor Gott st\u00fcnden<\/em><a href=\"#_edn66\" name=\"_ednref66\"><em><strong>[66]<\/strong><\/em><\/a><em> und mit ihnen ihre Lob-Ges\u00e4nge absungen.\u201c<a href=\"#_edn67\" name=\"_ednref67\"><strong>[67]<\/strong><\/a><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine ganz \u00e4hnliche Beschreibung gibt es aus dem Jahr 1587:<em> \u201eChristliche Musika auff erden anderst nichts ist denn ein Praegustus, vorschmack und vorlauff des ewigen lebens, da wir alhie nur intonirn und Antiphonas singen, bis wir durch den zeitlichen todt Introitus und Sequenz und im ewigen Leben das rechte completorium und hymnos singen werden in alle ewigkeit.\u201c<\/em><a href=\"#_edn68\" name=\"_ednref68\"><em><strong>[68]<\/strong><\/em><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Singen im Gottesdienst ist also als eigenst\u00e4ndige heilige Handlung zu verstehen, die <em>\u201egar nicht aus Gewonheit oder zum Zeit-Vertreib\u201c<a href=\"#_edn69\" name=\"_ednref69\"><strong>[69]<\/strong><\/a><\/em> getan wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die M\u00f6glichkeit des Verbots des Singens der Christen wird von Gottfried Arnold durchaus gesehen und sogar mit Beispielen belegt, allerdings zugleich mit dem Bericht, dass die Christen dem nicht Folge leisteten: <em>\u201eDie St\u00e4rcke des Geistes war in ihnen offte viel zu starck, als da\u00df sie sich von ein wenig Furcht vor Verspottung, Schaden oder Ungnade der Menschen zur\u00fccke halten lie\u00df. Als die Christen unter Maximino, dem Tyrannen, Gottes Vorsorge so augenscheinlich \u00fcber sich sahen, giengen sie als in Ch\u00f6ren Hauffen-weis auf die M\u00e4rckte und Stra\u00dfen ungescheut und sungen ihrem Gott Lob-Ges\u00e4nge und Psalmen mit hellen Stimmen.\u201c<\/em><a href=\"#_edn70\" name=\"_ednref70\">[70]<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>III Zusammenfassung<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Glauben und damit der Gottesdienst stehen unter Gottes Gebot, welches nach Lutherischem Bekenntnis als von der einzigen Obrigkeit Gottes gesetzt anzusehen ist und folglich menschlichem Zugriff, insbesondere dem der weltlichen Obrigkeit, entzogen ist.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Die weltliche Obrigkeit hat in ihrem Bereich lediglich Sorge zu tragen, dass pers\u00f6nliches und gemeinschaftliches, insbesondere \u00f6ffentliches geistliches Leben (Gottesdienste und Kasualien) die \u00e4u\u00dferlichen Bedingungen betreffend unter allen Umst\u00e4nden ungest\u00f6rt gew\u00e4hrleistet sind und bleiben.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Die geistliche Obrigkeit hat Sorge zu tragen, dass die Kirche Kirche ist und bleibt, d. h. gem\u00e4\u00df CA 7 \u201edie Versammlung aller Gl\u00e4ubigen ist, bei denen das Evangelium rein gepredigt und die heiligen Sakramente laut dem Evangelium gereicht werden\u201c<\/strong><a href=\"#_edn71\" name=\"_ednref71\"><strong>[71]<\/strong><\/a><strong>.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Im Gottesdienst, in der Verk\u00fcndigung des Evangeliums, in den Sakramenten, in Gesang und Gebet vergegenw\u00e4rtigt sich der auferstandene Christus<\/strong> <strong>und verbindet sich mit der Gemeinde. Der Gottesdienst ist damit das Ebenbild der ewigen, herrlichen Versammlung aller, die am j\u00fcngsten Tage vor dem Herrn Jesus Christus erscheinen und Gott loben werden.<\/strong><a href=\"#_edn72\" name=\"_ednref72\"><strong>[72]<\/strong><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Der lutherische Kultus (Gottesdienst) ist mehr als nur \u00e4sthetischer Art<\/strong><a href=\"#_edn73\" name=\"_ednref73\"><strong>[73]<\/strong><\/a><strong>. Utilitaristischer Willk\u00fcr wird kein freier Spielraum gew\u00e4hrt<\/strong><a href=\"#_edn74\" name=\"_ednref74\"><strong>[74]<\/strong><\/a><strong>, sodass auf die Versammlung oder den Gesang nach Gutd\u00fcnken oder \u00e4u\u00dferlichen Erfordernissen bzw. Vorschriften verzichtet werden k\u00f6nnte. Die reformatorischen Kirchenordnungen schreiben das kultische Recht des Gemeindegesangs unter Hinweis auf Eph. 5, 19 fest.<\/strong><a href=\"#_edn75\" name=\"_ednref75\"><strong>[75]<\/strong><\/a><strong> Das sollen und k\u00f6nnen auch die nachfolgenden Generationen f\u00fcr sich in Anspruch nehmen.<\/strong><a href=\"#_edn76\" name=\"_ednref76\"><strong>[76]<\/strong><\/a><\/p>\n<p><em>Pfarrer Martin Michaelis, Quedlinburg, den 27. Oktober 2021<\/em><\/p>\n<p>Vorsitzender des Th\u00fcringer Pfarrvereins e.V.<\/p>\n<p>Vorsitzender der Pfarrvertretung der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland<\/p>\n<p>Vorsitzender der Pfarrergesamtvertretung der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands<\/p>\n<p>Mitglied der Dienstrechtlichen Kommission der Evangelischen Kirche in Deutschland<\/p>\n<p>Mitglied des Vorstandes des Verbandes evangelischer Pfarrerinnen und Pfarrer in Deutschland e.V.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref1\" name=\"_edn1\">[1]<\/a> In seiner Auslegung zum 101. Psalm befasst sich Martin Luther im Jahr 1534 am mehreren Stellen ausf\u00fchrlich mit der Zwei-Reiche-Lehre und den Konsequenzen f\u00fcr Politik, Gesellschaft und Kirche. Zugrundegelegt wird in diesem Aufsatz die Fassung aus \u201eD. Martin Luthers sowol in Deutscher als Lateinischer Sprache verfertigte und aus der letztern in die erstere \u00fcbersetzte S\u00e4mtliche Schriften. F\u00fcnfter Teil\u201c Halle 1741, Spalten 1172 ff.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref2\" name=\"_edn2\">[2]<\/a> N\u00e4heres dazu auch in: Gerhard M\u00fcller, Einsichten Martin Luthers \u2013 damals und jetzt, Erlangen 2017, S. 175f.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref3\" name=\"_edn3\">[3]<\/a> Martin Luther, S\u00e4mtliche Schriften Band V Spalte 1250 \u00a7 134: \u201eUnd sage darzu: Es muss ja alle Vernunft, auch wol ein Kind von sieben Jahren sagen, da\u00df gebieten, und gehorsam seyn, sey zweyerley, gleichwie auch, herrschen, und dienen, zweyerley sind. Denn das eine hei\u00dft, Obrigkeit; das andere m\u00f6gen wir heissen, Unterkeit: das ist deutlich genug und auch Deutsch darzu geredt. Nun werden wir m\u00fcssen Gott unsern Herrn lassen seyn die einige Obrigkeit \u00fcber alles, was geschaffen ist, und wir alle gegen ihm seyn (wollen wir nicht mit Liebe, so m\u00fcssen wir mit Leid) eitel Unterkeit: da wird (Gott Lob) nichts anders aus. Denn er sagt selbst Psalm 68 V.5 \u201eHerr sey sein Name\u201c, und die Kinder nennen ihn im Glauben, den allm\u00e4chtigen Gott und Vater.\u201c<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref4\" name=\"_edn4\">[4]<\/a> 1. Buch Mose 1,27: \u201eUnd Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau.\u201c<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref5\" name=\"_edn5\">[5]<\/a> Martin Luther, S\u00e4mtliche Schriften Band XIX Spalte 128 \u00a7 165 Fortsetzung des Zitats: \u201e\u00dcber welches Wort GOttes die Kirche, als eine Creatur, nicht Macht hat etwas zu stiften, zu ordnen, oder zu thun; sondern sie soll gestiftet, geordnet und gemachet werden. Denn wer kann seinen Vater oder Mutter geb\u00e4ren? Wer hat seinen Anf\u00e4nger zuvor gemachet?\u201c<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref6\" name=\"_edn6\">[6]<\/a> Confessio Augustana Art. 28, zitiert nach: Unser Glaube. Die Bekenntnisschriften der Evangelisch-Lutherischen Kirche, G\u00fctersloh 1986 S. 108<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref7\" name=\"_edn7\">[7]<\/a> Ebd. S. 108f.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref8\" name=\"_edn8\">[8]<\/a> Ebd. S. 109<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref9\" name=\"_edn9\">[9]<\/a> Martin Luther, S\u00e4mtliche Schriften Band V Spalte 1249 \u00a7133: \u201eIch muss immer solchen Unterscheid dieser zweyen Reiche einbleuen und eink\u00e4uen, eintreiben und einkeilen, ob es wohl so oft, da\u00df (es) verdr\u00fc\u00dflich ist, geschrieben und gesagt ist. Denn der leidige Teufel h\u00f6ret auch nicht auf, diese zwey Reiche ineinander zu kochen und zu br\u00e4uen. Die weltlichen Herren wollen ins Teufels Namen immer Christum lehren und meistern, wie er seine Kirche und geistlich Regiment soll f\u00fchren; so wollen die falschen Pfaffen und Rottengeister, nicht in Gottes Namen, immer lehren und meistern, wie man solle das weltliche Regiment ordnen: und ist also der Teufel zu beyden Seiten fast sehr unm\u00fc\u00dfig, und hat viel zu thun. Gott wolle ihm wehren, Amen; so wir es werth sind.\u201c<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref10\" name=\"_edn10\">[10]<\/a> Martin Luther, S\u00e4mtliche Schriften Band V Spalte 1251 \u00a7 135<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref11\" name=\"_edn11\">[11]<\/a> Ebd. \u00a7 135<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref12\" name=\"_edn12\">[12]<\/a> Ebd. \u00a7 135<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref13\" name=\"_edn13\">[13]<\/a> Martin Luther, S\u00e4mtliche Schriften Band V Spalte 1219 \u00a7 77 Im ersten Satz des Zitats beschreibt Luther, was die Obrigkeit zur Vorbereitung auf eine ordnungsgem\u00e4\u00dfe Regierungst\u00e4tigkeit zu tun hat. \u201eWarten\u201c ist hier im Sinne von \u201ewachen, das W\u00e4chteramt aus\u00fcben\u201c oder \u201esorgen\u201c zu verstehen. Der zweite Satz prangert die damalige Missachtung und \u00dcbergriffigkeit weltlicher Herrscher an.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref14\" name=\"_edn14\">[14]<\/a> Confessio Augustana Art. 28, zitiert nach: Unser Glaube. Die Bekenntnisschriften der Evangelisch-Lutherischen Kirche, G\u00fctersloh 1986 S. 71f.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref15\" name=\"_edn15\">[15]<\/a> Roland H. Bainton: Matin Luther, Berlin 1983, S. 273: \u201eDer Kaiser wies sie an, ihre Pfarrer d\u00fcrften in Augsburg nicht predigen. Die F\u00fcrsten lehnten ab. Der Kaiser bestand darauf, auf keinen Fall d\u00fcrften die Pfarrer polemische Predigten halten. Die F\u00fcrsten lehnten abermals ab. Der Kaiser teilte ihnen mit, der folgende Tag werde die Corpus-Christi-Prozession sehen, bei der ihre Teilnahme erwartet werde. Die F\u00fcrsten lehnten nochmals ab. Der Kaiser drang weiter in sie, als der Markgraf vortrat und sagte: \u201eEhe ich mir das Wort Gottes nehmen lasse und meinen Gott verleugne, will ich niederknien und mir den Kopf abhauen lassen.\u201c<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref16\" name=\"_edn16\">[16]<\/a> Auch wenn die Bekennende Evangelische Gemeinde in Hannover, auf deren Bitte diese Schrift verfasst wurde, organisatorisch zu keiner Landeskirche geh\u00f6rt, gilt inhaltlich selbstverst\u00e4ndlich dasselbe.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref17\" name=\"_edn17\">[17]<\/a> Heinrich Boehmer: Der junge Luther, Leipzig, 7. Auflage 1955, S. 306ff: Das Kanonische Recht \u201ewar das mit religi\u00f6ser Autorit\u00e4t umkleidete Gesetzbuch der lateinischen Christenheit und verpflichtete nach dem Glauben der Zeit, genau wie die Gebote Gottes, alle Christenheit sub gravi, d.h. seine Nichtachtung zog unweigerlich den Verlust der ewigen Seligkeit nach sich. Es bildete aber weiter einen reichsgesetzlich anerkannten Bestandteil des gemeinen Rechts, geh\u00f6rte also zu den Gesetzb\u00fcchern, nach denen das Reichskammergericht laut seiner Instruktion Recht zu sprechen hatte. \u2026 Den Bestand dieses Rechts antasten hie\u00df somit nicht nur den Bestand der \u00f6ffentlich anerkannten Religion, sondern auch den Bestand der ganzen herrschenden Rechts- und Gesellschaftsordnung antasten. Das empfand man damals allgemein, und daher machte Luthers Tat in der ganzen abendl\u00e4ndischen Welt einen unerme\u00dflichen Eindruck. Die Stimmung am kaiserlichen Hofe spiegelt sich in dem Urteil des Venezianers Andrea Rosso: \u201aIn der Tat una cosa grande, ein gewaltiges Ereignis, dessen Bedeutung bei dem gro\u00dfen Anhang Martins nicht hoch genug veranschlagt werden kann!\u2018 \u2026\u201c<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref18\" name=\"_edn18\">[18]<\/a> Gesetz \u00fcber die religi\u00f6se Kindererziehung, Bundesgesetzblatt Teil III, Gliederungsnummer 404-9, \u00a7 5: \u201eNach der Vollendung des vierzehnten Lebensjahrs steht dem Kinde die Entscheidung dar\u00fcber zu, zu welchem religi\u00f6sen Bekenntnis es sich halten will. Hat das Kind das zw\u00f6lfte Lebensjahr vollendet, so kann es nicht gegen seinen Willen in einem anderen Bekenntnis als bisher erzogen werden.\u201c<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref19\" name=\"_edn19\">[19]<\/a> Grundgesetz Art. 4: (1) Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religi\u00f6sen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich. (2) Die ungest\u00f6rte Religionsaus\u00fcbung wird gew\u00e4hrleistet. https:\/\/dejure.org\/gesetze\/GG\/4.html<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref20\" name=\"_edn20\">[20]<\/a> Martin Luther, S\u00e4mtliche Schriften Band V Spalte 1219 \u00a7 88: \u201eDarum ist nicht genug, wohl anheben und recht thun, sondern es geh\u00f6ret darzu best\u00e4ndig bleiben, und sich davon nicht rei\u00dfen noch reizen lassen, wie Christus spricht Matth. 24,13: <strong>Wer bis zu Ende beharret, der wird selig werden.<\/strong> \u2026 Und im weltlichen Stande geht es auch also: Wer nicht kann wehren, der wird auch nicht lange k\u00f6nnen n\u00e4hren. Was hilft es, viel gewinnen und nicht vertheidigen, noch vor Feinden behalten k\u00f6nnen? Also, was hilfst es, GOttes Wort, Glauben und Dienst recht anfahen und krigen, und nicht k\u00f6nnen darbey bleiben, noch wider den Teufel behalten? Sondern l\u00e4\u00dft sich davon allerley Wind treiben \u2026\u201c<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref21\" name=\"_edn21\">[21]<\/a> 1. Tagung der III. Landessynode vom 14. bis 18. April 2021 (Digitale Tagung) der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, Drucksachen-Nr. 13.2\/2 B, Beschluss der Landessynode zu TOP 13.2; https:\/\/www.ekmd.de\/asset\/6fiiIJlvRG6_GzWdA0xcfQ\/ds-13-2-2-b-corona-krise.pdf?ts=1618748402002<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref22\" name=\"_edn22\">[22]<\/a> Confessio Augustana Art. 5, zitiert nach: Unser Glaube. Die Bekenntnisschriften der Evangelisch-Lutherischen Kirche, G\u00fctersloh 1986 S. 63<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref23\" name=\"_edn23\">[23]<\/a> Confessio Augustana Art. 13, zitiert nach: Unser Glaube. Die Bekenntnisschriften der Evangelisch-Lutherischen Kirche, G\u00fctersloh 1986 S. 69<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref24\" name=\"_edn24\">[24]<\/a> Confessio Augustana Art. 7, zitiert nach: Unser Glaube. Die Bekenntnisschriften der Evangelisch-Lutherischen Kirche, G\u00fctersloh 1986 S. 64<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref25\" name=\"_edn25\">[25]<\/a> Confessio Augustana Art. 5, zitiert nach: Unser Glaube. Die Bekenntnisschriften der Evangelisch-Lutherischen Kirche, G\u00fctersloh 1986 S. 63<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref26\" name=\"_edn26\">[26]<\/a> AZ 26 AR (BD) 24\/20, Amtsgericht Altenburg<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref27\" name=\"_edn27\">[27]<\/a> Martin Luther, S\u00e4mtliche Schriften Band XIX, 1746, Spalte 1209 \u00a7 6: Zum f\u00fcnften, hat die Seele kein ander Ding, weder im Himmel noch auf Erden, darinne sie lebe, fromm, frey und Christen sey. Denn das heilige Evangelium, das Wort Gottes von Chtisto gepredigt, wie er selbst sagt, Joh. 11,25: ich bin das Leben und Auferstehung, wer da gl\u00e4ubt an mich, der lebet ewiglich; Item 14,6: Ich bin der Weg , die Wahrheit und das Leben; item Matt. 4,4: Der Mensch lebt nicht allein von dem Brod, sondern von allen Worten, die da gehen aus dem Munde Gottes.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref28\" name=\"_edn28\">[28]<\/a> In heutigem Sprachgebrauch: \u201eau\u00dfer dem Worte Gottes\u201c<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref29\" name=\"_edn29\">[29]<\/a> Martin Luther, S\u00e4mtliche Schriften Band XIX, 1746, Spalte 1209 \u00a7 6<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref30\" name=\"_edn30\">[30]<\/a> Martin Luther, S\u00e4mtliche Schriften Band XIX, 1746, Spalte 1209 \u00a7 7<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref31\" name=\"_edn31\">[31]<\/a> Martin Luther, S\u00e4mtliche Schriften Band XIX, 1746, Spalte 1210 \u00a7 8<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref32\" name=\"_edn32\">[32]<\/a> Martin Luther, S\u00e4mtliche Schriften Band XIX, 1746, Spalte 1218 \u00a7 27<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref33\" name=\"_edn33\">[33]<\/a> Martin Luther, S\u00e4mtliche Schriften Band XIX, 1746, Spalte 1220 \u00a7 31<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref34\" name=\"_edn34\">[34]<\/a> Martin Luther, S\u00e4mtliche Schriften Band XIX, 1746, Spalte 1220f. \u00a7 32<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref35\" name=\"_edn35\">[35]<\/a> Christian Scriver \u201eSeelenschatz\u201c Erster Theil, Erste Predigt, Magdeburg und Leipzig 1731<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref36\" name=\"_edn36\">[36]<\/a> Christian Scriver \u201eSeelenschatz\u201c Erster Theil, Erste Predigt, Magdeburg und Leipzig 1731 S.3, \u00a710<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref37\" name=\"_edn37\">[37]<\/a> Christian Scriver \u201eSeelenschatz\u201c Erster Theil, Erste Predigt, Magdeburg und Leipzig 1731 S.1, \u00a71<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref38\" name=\"_edn38\">[38]<\/a> Christian Scriver \u201eSeelenschatz\u201c Erster Theil, Erste Predigt, Magdeburg und Leipzig 1731 S.1, \u00a71<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref39\" name=\"_edn39\">[39]<\/a> Christian Scriver \u201eSeelenschatz\u201c Erster Theil, Erste Predigt, Magdeburg und Leipzig 1731 S.2, \u00a72<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref40\" name=\"_edn40\">[40]<\/a> Allein im Psalter finden sich 150 Lieder, z.T. mit Anweisungen, wie sie gesungen werden sollen, nach welchen damals bekannten Melodien. Dass ein ganzes biblisches Buch der \u00dcberlieferung der Lieder gewidmet ist, zeigt, welchen Stellenwert diese sowohl im Kultus als auch f\u00fcr den pers\u00f6nlichen Gebrauch genie\u00dfen.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref41\" name=\"_edn41\">[41]<\/a> Das kann sogar bei fortgesetztem kultischen Handeln der Fall sein, wenn dieses \u00e4u\u00dferlich perfekt gestaltet aber glaubensleer geworden ist, so im Buch Amos, 5,21ff.: <em>Ich bin euren Feiertagen gram und verachte sie und mag eure Versammlungen nicht riechen. Und wenn ihr mir auch Brandopfer und Speisopfer opfert, so habe ich kein Gefallen daran und mag auch eure fetten Dankopfer nicht ansehen. Tu weg von mir das Gepl\u00e4rr deiner Lieder; denn ich mag dein Harfenspiel nicht h\u00f6ren!<\/em><\/p>\n<p><em>Es str\u00f6me aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.<\/em><\/p>\n<p>Wichtig ist die Kritik des Propheten Amos an der Beugung des Rechts, das zwar noch den Anschein einer funktionierenden Rechtsprechung erhebt, diese aber l\u00e4ngst nicht mehr ist. An Gottesdiensten hat Gott keinen Gefallen, wenn im Lande nicht Recht und Gerechtigkeit str\u00f6men.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref42\" name=\"_edn42\">[42]<\/a> Zu pr\u00fcfen w\u00e4re auch, ob das Verbot des Singens mit den Folgen f\u00fcr die psychische Gesundheit neben der Verletzung von Art. 4 GG auch eine Verletzung des Rechts auf k\u00f6rperliche Unversehrtheit (Art. 4 Abs. 2 GG) darstellt, weil keine psychische Belastung ohne Auswirkung auf die Gesundheit bleibt.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref43\" name=\"_edn43\">[43]<\/a> 1. Sam. 16,14-23<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref44\" name=\"_edn44\">[44]<\/a> Art. 4 Abs. 2 GG: Die ungest\u00f6rte Religionsaus\u00fcbung wird gew\u00e4hrleistet. Dieser Artikel entfaltet eine Schutzwirkung, die keinesfalls vernachl\u00e4ssigt werden darf.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref45\" name=\"_edn45\">[45]<\/a> Martin Luther, S\u00e4mtliche Schriften Band V, 1741, Spalte 1274 \u00a7 178: \u201eAlso muss es doch zuletzt gehen, da\u00df ein frommer F\u00fcrst bleibt, und die, so ihm feind sind, zuletzt untergehen, und er dennoch fromme Unterthanen findet, die bey ihm stehen. Exempel mu\u00df ich hier nicht anzeigen; denn der alten und fremden achtet man nicht, denen zu unserer Zeit gl\u00e4ubet man nicht.\u201c<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref46\" name=\"_edn46\">[46]<\/a> Martin Luther, S\u00e4mtliche Schriften Band V, 1741, Spalte 1187 \u00a7 14<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref47\" name=\"_edn47\">[47]<\/a> Lutherbibel, \u00dcbersetzung von 2017, ebenso im Brief des Paulus an die Kolosser Kap. 3,16, vergl. auch Jak 5,13<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref48\" name=\"_edn48\">[48]<\/a> Lutherbibel in der \u00dcbersetzung von 1912<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref49\" name=\"_edn49\">[49]<\/a> <a href=\"https:\/\/www.meine-kirchenzeitung.de\/c-feuilleton\/sinnfluencerin-jana-highholder-ist-ihre-quarantaene_a18676\">https:\/\/www.meine-kirchenzeitung.de\/c-feuilleton\/sinnfluencerin-jana-highholder-ist-ihre-quarantaene_a18676<\/a>: \u201eBaden-W\u00fcrttembergs Ministerpr\u00e4sident Winfried Kretschmann bedauert, dass derzeit keine Gottesdienste stattfinden k\u00f6nnen. Der Politiker erinnerte daran, dass Jesus das Gebet im \u00abstillen K\u00e4mmerlein\u00bb statt in der \u00d6ffentlichkeit empfohlen habe. Dem k\u00f6nne man jetzt folgen. Der Ministerpr\u00e4sident betonte, dass durch die beh\u00f6rdlichen Ma\u00dfnahmen nicht das Beten eingeschr\u00e4nkt werde, sondern nur das Beten in Gemeinschaft. \u00abGott wei\u00df ja auch, dass wir jetzt in einer Krise sind\u00bb, so Kretschmann.\u201c<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.meine-kirchenzeitung.de\/c-kirche-vor-ort\/gottesdienstbesuch-mit-negativtest-oder-impfnachweis_a26472\">https:\/\/www.meine-kirchenzeitung.de\/c-kirche-vor-ort\/gottesdienstbesuch-mit-negativtest-oder-impfnachweis_a26472<\/a> Prof. Karlheinz Brandenburg, Ilmenau, Mitglied der EKM-Synode: \u201eTheologisch kann ich damit leben, da wir im \u201estillen K\u00e4mmerlein\u201c beten k\u00f6nnen und solche Regeln nicht auf Dauer angelegt sind.\u201c<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref50\" name=\"_edn50\">[50]<\/a> Lutherbibel Mt. 6,6<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref51\" name=\"_edn51\">[51]<\/a> Lutherbibel Mt. 6,1-4<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref52\" name=\"_edn52\">[52]<\/a> Lutherbibel Mt. 6,5<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref53\" name=\"_edn53\">[53]<\/a> So auch der Ministerpr\u00e4sident von Th\u00fcringen: https:\/\/www.meine-kirchenzeitung.de\/c-kirche-vor-ort\/seelsorge-kontra-fuersorge-ueber-die-freiheit-der-religion_a19654: \u201eDer Protestant Bodo Ramelow jedenfalls gewichtet Meinungs- und Religionsfreiheit gleich: \u201aDas stille K\u00e4mmerlein reicht daf\u00fcr nicht aus. Beides bedarf der sichtbaren Manifestation.\u2018\u201c<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref54\" name=\"_edn54\">[54]<\/a> erschienen in Frankfurt am Mayn, Teil 1 im Jahr 1699 und Teil 2 im Jahr 1700<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref55\" name=\"_edn55\">[55]<\/a> Wahre Abbildung der ersten Christen Bd. 1, S. 145: Das Andere Buch \/ Von der ersten Christen gemeinen und sonderbaren Gottesdienst<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref56\" name=\"_edn56\">[56]<\/a> Ebd. S. 158<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref57\" name=\"_edn57\">[57]<\/a> Ebd. S. 158<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref58\" name=\"_edn58\">[58]<\/a> Ebd. S. 158<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref59\" name=\"_edn59\">[59]<\/a> Ebd. S. 160<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref60\" name=\"_edn60\">[60]<\/a> Ebd. S. 160<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref61\" name=\"_edn61\">[61]<\/a> Gemeint sind Feiern des Heiligen Abendmahls in den H\u00e4usern<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref62\" name=\"_edn62\">[62]<\/a> Wahre Abbildung der ersten Christen Bd. 1, S. 160<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref63\" name=\"_edn63\">[63]<\/a> Ebd. S. 161<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref64\" name=\"_edn64\">[64]<\/a> Ebd. S. 164<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref65\" name=\"_edn65\">[65]<\/a> Ebd. S. 166<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref66\" name=\"_edn66\">[66]<\/a> Baulich wurde das beispielhaft 1899 in der Kirche zu Steinach\/Th\u00fcr. anschaulich umgesetzt: Der Altarraum der neoromanischen Kirche erhielt eine Ausmalung von Adolf Quensen (Braunschweig), die das himmlische Jerusalem zeigt. Wer also in diese Kirche geht, schaut gewisserma\u00dfen f\u00fcr die Zeit des Gottesdienstes in das Himmelreich, singt mit den Engeln und auch mit seinen seligen Vorfahren, feiert in deren Beisein das Heilige Abendmahl, um dann gest\u00e4rkt und getr\u00f6stet in den Alltag zur\u00fcckzukehren. Es ist eine Vorstellung, die besonders in den orthodoxen Ostkirchen lebendig ist.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref67\" name=\"_edn67\">[67]<\/a> Wahre Abbildung der ersten Christen Bd. 1 S. 167<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref68\" name=\"_edn68\">[68]<\/a> Zitiert nach Werner Elert, Morphologie des Luthertums, erster Band, M\u00fcnchen 1931, S. 297,<br \/>\nAnmerkung 1: N. Selnecker, Chr.: Psalmen, Lieder und Kirchengesenge, Leipzig 1587<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref69\" name=\"_edn69\">[69]<\/a> Ebd. S. 164<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref70\" name=\"_edn70\">[70]<\/a> Ebd. S. 168<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref71\" name=\"_edn71\">[71]<\/a> Confessio Augustana Art. 7, zitiert nach: Unser Glaube. Die Bekenntnisschriften der Evangelisch-Lutherischen Kirche, G\u00fctersloh 1986 S. 64<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref72\" name=\"_edn72\">[72]<\/a> Vergl. Werner Elert, Morphologie des Luthertums, erster Band, M\u00fcnchen 1931, S. 288 ff.; S. 297 Zitat aus der Pommerschen Agende von 1569: \u201eWente darinne see wi christen en evenbilde der ewigen herliken vorsammelinge aller uterwelden, de am j\u00fcngesten dage vor des minschen S\u00f6ne, unserm herren Jesu Christo, erschinen werden\u201c<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref73\" name=\"_edn73\">[73]<\/a> Ebd. S. 285<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref74\" name=\"_edn74\">[74]<\/a> Ebd. S. 287<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref75\" name=\"_edn75\">[75]<\/a> Ebd. S. 288<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref76\" name=\"_edn76\">[76]<\/a> Vorwort Martin Luthers zu den Schmalkaldischen Artikeln, 1537 geschrieben, gelten seit 1544 als Bekenntnisschrift, zitiert nach: Unser Glaube. Die Bekenntnisschriften der Evangelisch-Lutherischen Kirche, G\u00fctersloh 1986 S. 444: \u201eIch will, dass diejenigen, die nach mir leben und bleiben werden, dieses mein Zeugnis und Bekenntnis vorzeigen k\u00f6nnen, \u2026, auf dem ich auch noch bisher geblieben bin und auch k\u00fcnftig bleiben will mit Gottes Gnade.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>I Grundsatzfragen 1. Zust\u00e4ndigkeiten, Rechte und Pflichten \u2013 Die Zwei-Reiche-Lehre Martin Luthers[1] Martin Luther unterscheidet zwischen den zwei Regierweisen Gottes, der weltlichen und der geistlichen. Um nicht in ein banales Schubladendenken zu verfallen, welches weltliche und geistliche Gegebenheiten jeweils einsortiert, um die Schubladen dann zwecks Einstellung weiteren Nachdenkens zuschieben zu k\u00f6nnen, bedarf es einer genauen [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":685,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[31,10,13,4],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/18466"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/685"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=18466"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/18466\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":18469,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/18466\/revisions\/18469"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=18466"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=18466"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=18466"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}