{"id":1839,"date":"2006-08-20T08:56:43","date_gmt":"2006-08-20T06:56:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=1839"},"modified":"2009-09-05T18:08:09","modified_gmt":"2009-09-05T16:08:09","slug":"kanzelrede-in-der-kreuzkirche-bonn","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=1839","title":{"rendered":"Kanzelrede in der Kreuzkirche Bonn"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Kanzelrede in der Kreuzkirche Bonn am 20.8.2006<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am 11.7.06 ver\u00f6ffentlichte die FAZ einen Bericht des Instituts f\u00fcr Demoskopie Allensbach unter der \u00dcberschrift \u201eWie sicher ist Deutschland?\u201c Darin ging es um die Einstellung der Bev\u00f6lkerung zu Fragen der inneren Sicherheit. Zweierlei war bemerkenswert: zum Einen, da\u00df die Menschen offenbar weniger auf den tats\u00e4chlichen Verlauf kriminellen Geschehens reagieren, wenn man so will: auf die Polizeistatistik, sondern vielmehr auf die Art und den Umfang von Medienberichten und Kommentaren, die sich mit spektakul\u00e4ren Verbrechen besch\u00e4ftigen. Zum Anderen, da\u00df das subjektive Sicherheitsgef\u00fchl der Menschen sich in den letzten zehn Jahren nicht eingetr\u00fcbt, sondern aufgehellt hat. Zwar glaubt noch immer mehr als die H\u00e4lfte der Befragten, da\u00df die Zahl der Verbrechen in Deutschland zunimmt; aber dieser Wert lag 1969 bei 80% und 2002 noch immer bei 71%.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erstaunlich fand ich, da\u00df die Rangfolge der Delikte, die von den Befragten am h\u00e4ufigsten genannt wurden, sich in den letzten zehn Jahren kaum ver\u00e4ndert hat. An der Spitze stehen: Kindesmi\u00dfbrauch (68%), Vandalismus\/mutwillige Zerst\u00f6rung (61%) und Kinderpornographie (57%). In 1969 lautete die Rangfolge: Kindesmi\u00dfbrauch (88%), Kinderpornographie (80%), Autodiebstahl (75%). Die Angst, Opfer von Autodiebst\u00e4hlen zu werden, hat in den letzten zehn Jahren also abgenommen; bei Vandalismus sind die Zahlen gleich geblieben (61%).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich habe, weil ich es etwas genauer wissen wollte, die polizeiliche Kriminalstatistik durchgesehen, nicht zu Vergleichszwecken, sondern um festzustellen, wie oft Kinder bis unter 14 Jahren Opfer von Gewalt (von Mord und Totschlag bis hin zu sexuellem Mi\u00dfbrauch) geworden sind. Die Zahlen, die ich Ihnen jetzt vortrage, beziehen sich auf das Jahr 2005: Straftaten gegen das Leben (ohne Verkehrsunf\u00e4lle): 257; Rohheitsdelikte (Raub, r\u00e4uberische Erpressung etc.): 57.629; K\u00f6rperverletzung: 43.566, darunter Mi\u00dfhandlung von Kindern 3.377; Straftaten gegen die pers\u00f6nliche Freiheit (einschlie\u00dflich Sexualdelikte): 9.819.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zusammengefa\u00dft waren also laut Polizeistatistik Kinder bis zu 14 Jahren 111.271 Mal Opfer von Straftaten. Als ehemaliger Jugendstaatsanwalt (meine aktive Zeit liegt allerdings lange zur\u00fcck) wei\u00df ich, da\u00df die Zahlen tats\u00e4chlich sehr viel h\u00f6her liegen. Die sog. Dunkelziffer bei Kindesvernachl\u00e4ssigung und \u2013mi\u00dfhandlung sowie bei sexuellem Mi\u00dfbrauch von Kindern ist deutlich h\u00f6her. Denn wir wissen, da\u00df eine Vielzahl von Delikten sich im engeren Familienbereich ereignet, unter Ausschlu\u00df der \u00d6ffentlichkeit, und nur in seltenen, krassen F\u00e4llen \u00f6ffentlich bekannt wird. Die Berliner Catania gGmbH, eine gemeinn\u00fctzige Organisation von \u00c4rzten, die sich unter anderem um traumatisierte Kinder k\u00fcmmert, glaubt, da\u00df jedes f\u00fcnfte Kind Opfer von Gewalt und aktiver oder passiver Mi\u00dfhandlung wird \u2013 eine erschreckende Zahl.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">An einige spektakul\u00e4re F\u00e4lle von Kindesvernachl\u00e4ssigung, die in den letzten Jahren die \u00d6ffentlichkeit besch\u00e4ftigt haben, m\u00f6chte ich hier erinnern: Im M\u00e4rz 2002 l\u00e4\u00dft eine 24-j\u00e4hrige Mutter aus Bad Herrenalb ihre 6 Monate alte Tochter einfach zur\u00fcck, weil sie \u2013 wie sie sp\u00e4ter erkl\u00e4rt \u2013 \u201eein neues Leben\u201c anfangen will. Das Kind verhungert. Im Februar 2004 verhungert ein 11 Monate altes Kind in Hanerau-Hademarsch (Schleswig-Holstein). Im M\u00e4rz 2004 stirbt in Hamburg die siebenj\u00e4hrige Jessica, die von den Eltern jahrelang in einem abgedunkelten Zimmer ohne ausreichende Nahrung festgehalten worden war. Sie erstickt an Erbrochenem. Im Juni 2004 entdecken Polizisten in Cottbus die Leiche eines sechsj\u00e4hrigen Jungen (Dennis) in der Tiefk\u00fchltruhe der Eltern \u2013 er war verhungert. Im Juli 2004 stirbt in Hamburg die dreij\u00e4hrige Michelle an Unterern\u00e4hrung und Verwahrlosung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn solche F\u00e4lle bekannt werden, geht regelm\u00e4\u00dfig eine Welle der Ersch\u00fctterung durch die Medien. Die Politik reagiert mit Sonderaussch\u00fcssen, die \u00d6ffentlichkeit mit dem Ruf nach neuen Gesetzen, die Beh\u00f6rden w\u00fcnschen sich mehr Personal bei den zust\u00e4ndigen Sozial- und Jugend\u00e4mtern. Dazu kommen wechselseitige Schuldzuweisungen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was davon im Einzelfall zu halten ist, vermag ich nicht zu beurteilen. Ich bin kein Freund von Schuldzuweisungen aus der Distanz. Mein genereller Eindruck ist, da\u00df die zust\u00e4ndigen \u00c4mter und die dortigen Mitarbeiter sich gro\u00dfe M\u00fche geben, da\u00df sie aber tats\u00e4chlich vielfach \u00fcberfordert sind und in der Regel zu sp\u00e4t oder gar nicht eingeschaltet werden, weil sie keine Informationen und Hinweise erhalten. Die Verwandtschaft k\u00fcmmert sich nicht, die Nachbarn sehen und h\u00f6ren nichts oder sehen weg, sozial Kontrolle findet nicht statt. Zur Erziehung eines Kindes aber braucht es ein ganzes Dorf, sagt ein afrikanisches Sprichwort. Wo gibt es bei uns solche D\u00f6rfer mit funktionierenden Nachbarschaften, die Hilfe anbieten und soziale Kontrolle gew\u00e4hrleisten; die helfen, wenn Ehen auseinander gehen, wenn Eltern \u00fcberfordert sind, mit ihrem eigenen Leben nicht zurecht kommen und ein Kind oft als zus\u00e4tzliche Belastung oder St\u00f6renfried wahrnehmen. Nicht selten haben diese \u00fcberforderten Eltern in der eigenen Kinderzeit bittere Erfahrungen machen m\u00fcssen und \u00fcbertragen sp\u00e4ter ihre in der Kindheit aufgestauten Ha\u00dfgef\u00fchle auf die eigenen Kinder, mitleidslos, weil ohne Schuldgef\u00fchl.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Was k\u00f6nnen wir tun? Was m\u00fcssen wir tun? Folgendes mindestens:<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Viel Leid und manches Verbrechen k\u00f6nnte verhindert werden, wenn Menschen, Nachbarn, Kollegen, die von Kindern in Not wissen, sich an die zust\u00e4ndigen \u00c4mter wenden, also ihre Scheu vor Anzeigen \u00fcberwinden w\u00fcrden. Das kann auch ohne Namensnennung geschehen und hat mit Denunziantentum nichts zu tun. Wer die Beh\u00f6rden auf Probleme aufmerksam macht, tut dies nicht, um den Eltern zu schaden, sondern um Kindern zu helfen, und damit, indirekt, auch den Eltern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00c4mter und deren Mitarbeiter d\u00fcrfen nie nur b\u00fcrokratisch reagieren; sie m\u00fcssen sich bei Auff\u00e4lligkeiten sofort und vor Ort k\u00fcmmern, statt im Nachhinein Regelverst\u00f6\u00dfe durch Bu\u00dfgeldverfahren zu ahnden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mi\u00dfhandelte, vernachl\u00e4ssigte, mi\u00dfbrauchte Kinder d\u00fcrfen nicht nur k\u00f6rperlich, sie m\u00fcssen auch seelisch\/seelsorgerisch therapiert werden. Letzteres wird, so weit ich wei\u00df, von den Kassen nur im Ausnahmefall finanziert. Weil das so ist, haben sich manchenorts private Initiativen gebildet. Als Beispiel nenne ich noch einmal die gemeinn\u00fctzige gGmbH \u201eCatania\u201c, die sich um die Entwicklung von speziellen Traumatherapien f\u00fcr mi\u00dfhandelte Kinder k\u00fcmmert. F\u00fcr alle, die interessiert sind, nenne ich die Anschrift: Catania gGmbH, Turmstra\u00dfe 21 in 10559 Berlin (Tel. 030\/30 39 06 70, Fax 030\/30 61 43 71)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Bev\u00f6lkerung, wir alle, sollten, wenn Hilfe n\u00f6tig wird, etwas \u201eamerikanischer reagieren: Nicht immer nur fragen was andere, was der Staat tun kann, sondern selber etwas tun. Ohne Amerika als generelles Vorbild propagieren zu wollen \u2013 in dieser Mentalit\u00e4tsfrage k\u00f6nnten wir etwas von den Amerikanern lernen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Politik sollte nicht nur in Zeiten von \u00f6ffentlicher Aufwallung nach \u201eSkandalen\u201c und appellativ \u00fcber Werte reden, sondern konkrete Projekte gegen die verbreitete soziale Verwahrlosung ergreifen. Der sog. \u201eR\u00fctli-Effekt\u201c darf nicht einfach verpuffen; er mu\u00df Anla\u00df sein, nachzufragen und einzugreifen, wenn die Entwicklung in Schulen und anderswo aus dem Ruder l\u00e4uft und soziale Brennpunkte entstehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der eingangs zitierte Allensbach-Bericht in der FAZ vermutet, da\u00df die Entwicklung an der Berliner R\u00fctli-Schule den Blick der \u00d6ffentlichkeit auf Jugendkriminalit\u00e4t und Verwahrlosung gelenkt hat, und registriert ganz allgemein eine st\u00e4rkere Hinwendung zu traditionellen b\u00fcrgerlichen Werten. Ist das wirklich so? Zu w\u00fcnschen w\u00e4re es, aber sicher bin ich mir keineswegs. Ich habe eher den Eindruck, da\u00df die gewandelte Wertorientierung nostalgisches Wunschdenken zumeist \u00e4lterer Semester ist, die mehr oder weniger hilflos auf negative Entwicklungen in der Gesellschaft reagieren. Als Marotte will ich das aber nicht abtun, im Gegenteil: Das Gef\u00fchl, da\u00df die gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse sich in die falsche Richtung entwickelt haben und entwickeln, ist weit verbreitet. Auch Gef\u00fchle sind Fakten und m\u00fcssen ernst genommen werden, vor allem, wenn sie durch die Faktenlage gerechtfertigt erscheinen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf die Fakten der Kriminalstatistik habe ich hingewiesen. Jetzt will ich im zweiten Teil meines Vortrages \u00fcber die Erkenntnisse der Bev\u00f6lkerungswissenschaftler sprechen, weil ich glaube, da\u00df die Demographie ein Indikator ist f\u00fcr den Zustand der Gesellschaft, f\u00fcr deren \u2013 wenn ich so sagen darf \u2013 humane Vitalit\u00e4t. Auch dieser Indikator ist f\u00fcr die Bundesrepublik Deutschland negativ.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Robert Bosch Stiftung hat dazu vor kurzem eine Studie unter dem Titel \u201eKinderw\u00fcnsche in Deutschland\u201c vorgelegt, aus der ich einige, mir wichtig erscheinende Ergebnisse zitieren m\u00f6chte. Der demographische Gesamtbefund ist klar: Die Geburtenziffern in Deutschland sind seit Jahrzehnten r\u00fcckl\u00e4ufig; sie haben sich zwischen 1975 und 2005 mehr als halbiert. Die Sterbeziffern \u00fcbersteigen die Geburtenziffern deutlich. Gleichzeitig hat die Lebenserwartung bei Frauen und M\u00e4nnern zugenommen. Im Ergebnis dieser Entwicklung nimmt die Bev\u00f6lkerung der Bundesrepublik Deutschland ab und wird zunehmend \u00e4lter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Wie ist der starke R\u00fcckgang der Geburtenziffern zu erkl\u00e4ren?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der \u00d6ffentlichkeit werden verschiedene Gr\u00fcnde debattiert. Sie reichen von der Pille \u00fcber materielle Probleme, die Infantilisierung der jungen M\u00e4nner bis hin zum schon erw\u00e4hnten Wertewandel. Der hat \u2013 wie die Bosch-Studie eindrucksvoll nachweist \u2013 stattgefunden. Im Einzelnen lesen wir dazu in der Studie:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eElternschaft ist im Leben der meisten Menschen zu einem Wert unter vielen geworden.\u201c Im Einzelnen wird dazu aufgef\u00fchrt: \u201eWeder M\u00e4nner noch Frauen sehen Kinder heute als unerl\u00e4\u00dflich f\u00fcr ein erf\u00fclltes Leben an. Die vorliegende Untersuchung zeigt: Kinder sind zu einem Wert unter vielen geworden, der das Leben mit Sinn erf\u00fcllen kann. Das mu\u00df nicht hei\u00dfen, da\u00df Kinder unwichtig sind, ihnen wird aber auch keine Sonderrolle in der eigenen Lebensplanung mehr einger\u00e4umt. Eher zeigt sich hier eine zunehmende Wertetoleranz \u2013 jeder soll nach eigener Facon selig werden, und Kinder sind dabei eine Option unter anderen.\u201c Weiter wird in der Studie ausgef\u00fchrt: Die Frauen h\u00e4tten sich \u201evon ihrem klassischen Rollenbild als Mutter weitgehend emanzipiert\u201c. Die H\u00e4lfte der Frauen sei der Meinung, \u201eda\u00df Kinder f\u00fcr ein erf\u00fclltes Frauenleben nicht mehr notwendig sind\u201c. In Deutschland habe es also in dieser Frage in den vergangenen Jahren einen eindrucksvollen Wertewandel gegeben. So sei der Anteil derjenigen, die meinen, da\u00df eine Frau Kinder f\u00fcr ein erf\u00fclltes Leben brauche, zwischen 1990 und 2000 von 65% auf 36% gesunken. Heute liegt er bei 30%. Kaum anders sehe es bei den M\u00e4nnern aus. Nur etwas mehr als ein Viertel der M\u00e4nner s\u00e4hen in Kindern eine Voraussetzung f\u00fcr ein erf\u00fclltes M\u00e4nnerleben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eKinder werden\u201c, so die Studie weiter, \u201ein der allgemeinen Wahrnehmung eher mit Belastungen als mit einer Bereicherung des Lebens verbunden: Die meisten Befragten glauben, da\u00df (weitere) Kinder in ihrem Leben nichts ver\u00e4ndern w\u00fcrden. Wer doch mit Ver\u00e4nderungen rechnet, erwartet eher Verschlechterungen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eKinder haben wenig Einflu\u00df auf Lebensfreude und -zufriedenheit. Nur unter den Kinderlosen hat ein nennenswerter Anteil positive Erwartungen im Hinblick auf Lebensfreude, Partnerschaft und Situation im Alter. Sie bleiben aber in der Minderheit gegen\u00fcber denen, die von Kindern keine Ver\u00e4nderungen in diesen Lebensbereichen erwarten.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eFamilien genie\u00dfen wenig Ansehen: Ob man in einer Familie mit Kindern lebt oder nicht, hat nach Ansicht der Befragten kaum Einflu\u00df auf das Ansehen bei Freunden und Nachbarn.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nur ein Teil der Kinderreichen meint, da\u00df ein weiteres Kind ihr Ansehen ver\u00e4ndern w\u00fcrde \u2013 und zwar zum Schlechteren.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eGegen Kinder spricht f\u00fcr viele Befragte, da\u00df sie finanziellen Spielraum, Besch\u00e4ftigungschancen und pers\u00f6nliche Freiheit einschr\u00e4nken: Vor allem Frauen erwarten solche Einschr\u00e4nkungen in hohem Ma\u00dfe.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eFast alle Befragten \u2013 ob kinderlos oder Eltern \u2013 haben ein klare Vorstellung von den Voraussetzungen einer Familiengr\u00fcndung: Stabile Beziehung zu einem Lebenspartner; Sicherer Arbeitsplatz mindestens eines potentiellen Elternteils.\u201c Die Studie stellt weiter fest: \u201eNiedriger Kinderwunsch und h\u00e4ufiger gew\u00fcnschte Kinderlosigkeit haben ein Ausma\u00df erreicht, das einen deutlichen Anstieg des Geburtsniveaus erschwert\u2026\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Studie der Bosch Stiftung best\u00e4tigt, worauf die Bev\u00f6lkerungswissenschaftler seit Mitte der siebziger Jahre hingewiesen haben, ohne da\u00df Gesellschaft und Politik bereit gewesen w\u00e4ren, diese Entwicklung zur Kenntnis zu nehmen: Die Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland ver\u00e4ndert sich dramatisch. Wir wandeln uns zu einer kinderarmen Gesellschaft von Erwachsenen und \u00c4lteren. W\u00e4hrend in einigen L\u00e4ndern der Welt (zum Beispiel in den L\u00e4ndern auf der S\u00fcdseite des Mittelmeeres) die unter-21j\u00e4hrigen die Mehrheit in der Bev\u00f6lkerung bilden, wird bei uns diese Bev\u00f6lkerungskohorte auf unter 15% Anteil an der Gesamtgesellschaft absinken. Kinder werden zu absoluten Minderheit; wobei noch anzumerken bliebe, da\u00df sich die Zusammensetzung der nachwachsenden Generationen deutlich ver\u00e4ndert. Der Anteil von Kindern aus Familien mit Migrationshintergrund nimmt absolut und relativ zu. Vor allem in den gro\u00dfen St\u00e4dten ergeben sich daraus Schwierigkeiten, die nicht nur in Berlin (in der R\u00fctli-Schule), sondern vielerorts zu erkennen sind. Die Gesamtentwicklung ist problematisch, aber unumkehrbar. Ver\u00e4nderungen sind wegen des sog. Echo-Effektes nur \u00fcber l\u00e4ngere Zeitr\u00e4ume von f\u00fcnfzig und mehr Jahren denkbar. Sind sie auch machbar?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Derzeit wird viel \u00fcber Familienpolitik gesprochen. Und das ist gut so. Viel darf man sich davon allerdings nicht erwarten. In der Bosch-Studie hei\u00dft es dazu: \u201eDie Familienpolitik hat wenig Spielraum, wenn sich immer mehr Menschen Kinder nicht einmal w\u00fcnschen. Allerdings kann sie einige wichtige Rahmenbedingungen so ver\u00e4ndern, da\u00df Menschen, die Kinder haben wollen, sich diesen Wunsch leichter und schneller erf\u00fcllen k\u00f6nnen.\u201c Mehr nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine andere politische Schlu\u00dffolgerung aber ist zwingend: Eine Gesellschaft, in der immer weniger Kinder geboren werden, mu\u00df jedenfalls alles tun, was m\u00f6glich ist, um die wenigen Kinder optimal zu versorgen, zu pflegen, zu sch\u00fctzen, zu erziehen, auszubilden und in jeder vern\u00fcnftigen Weise zu f\u00f6rdern. Wie aber soll das geschehen, wenn die Bildungsausgaben gek\u00fcrzt, Stellen bei den Jugend\u00e4mtern gestrichen und wenn Kinder eher als St\u00f6renfriede und Belastung gesehen werden, nicht nur von Eltern, sondern von der Gesellschaft oder Teilen dieser Gesellschaft? Es gibt \u2013 was viele nicht wissen oder wahrhaben wollen \u2013 regelrechte Kinderhasser; und es gibt Menschen, die \u2013 mit Verlaub \u2013 zu dumm sind, um zu begreifen, da\u00df eine Gesellschaft ohne Kinder keine Zukunft hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Darf ich als Beispiel aus einem Leserbrief zitieren, der in der FAZ vom 26.7. abgedruckt war. Der Brief bezieht sich auf einen Artikel in eben dieser Zeitung vom 29.6. unter der \u00dcberschrift \u201eKinderw\u00fcnsche\u201c. In dem Brief hei\u00dft es: \u201eIm Wirtschaftsteil Ihrer Zeitung war zu lesen, da\u00df eine normal verdienende Familie mit zwei Kindern quasi keine Steuern zahlt. Ich (der kinderlose Briefschreiber) bin es also, der f\u00fcr das Kindergeld, den Familienzuschlag, die Freibetr\u00e4ge, die Zulagen zum Hausbau, die Krankenkassenbeitr\u00e4ge der Kinder, den Kindergarten, die Schulen, Universit\u00e4ten und sonstige Verg\u00fcnstigungen aufkommt. Manchmal wundere ich mich \u00fcber die Unverfrorenheit von Eltern, die sich aus rein privaten Motiven fortpflanzen, aber die Kosten ihrer Fertilit\u00e4t der Gesellschaft aufb\u00fcrden wollen.\u201c Und weiter: \u201eUnser Land ist hoffnungslos \u00fcberbev\u00f6lkert: Arbeitslosigkeit, Verkehrschaos, Flugl\u00e4rm, hohe Mieten und hohe Energiepreise sind die Merkmale. Es werden t\u00e4glich weltweit etwa 700.000 Menschen geboren. Unvorstellbar. Und wir hier in Deutschland f\u00f6rdern das Wachstum der Bev\u00f6lkerung.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So kann man es auch sehen, weil man niemanden daran hindern kann, sich die Welt verquer zu denken. Ein Land aber, genauer ein Volk, da\u00df Zukunft gewinnen und gestalten will, darf so nicht denken, darf solches Denken jedenfalls nicht zur Grundlage und Leitlinie seines Handelns machen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der drastische R\u00fcckgang der Bev\u00f6lkerung in vergleichsweise kurzer Zeit wird unser Land \u2013 ich wiederhole \u2013 dramatisch ver\u00e4ndern. Er kann durch Migration nicht ausgeglichen, bestenfalls gemildert werden, wenn wir die Zuwanderung vern\u00fcnftig steuern. Wie viele Menschen in hundert Jahren in Deutschland leben werden l\u00e4\u00dft sich in Bandbreiten vorausberechnen: zwischen 45 und knapp 60 Millionen (Migration inklusive) statt heute 82 Millionen. Ich kann mir Deutschland mit rund 50 Millionen Menschen vorstellen. Aber den Weg dorthin mag ich mir nicht vorstellen. Es wird kein Weg bergauf sein, sondern ein ziemlich steiler Weg bergab, wie wir in Anf\u00e4ngen heute schon erleben. Das nicht zu sehen, nicht einmal zu ahnen (siehe den erw\u00e4hnten Leserbriefschreiber) zeugt, milde formuliert, von unentschuldbarer Kurzsichtigkeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich breche hier ab, weil ich nicht polemisch werden will. Ich schulde Ihnen aber noch eine Antwort auf die Frage, warum ich mich f\u00fcr diesen Vortrag auf das Bibelwort im 10. Kapitel des Markus-Evangeliums beziehe. Ich h\u00e4tte auch Kapitel 19 des Matth\u00e4us- oder Kapitel 18 des Lukas Evangeliums w\u00e4hlen k\u00f6nnen \u2013 die Geschichte mit den Kindern wird in allen drei Evangelien erz\u00e4hlt; nicht bei Johannes. Ich habe aber bewu\u00dft die Darstellung bei Markus gew\u00e4hlt. Warum? Vergleichen Sie selbst. Matth\u00e4us 19, Verse 13-15, lauten: \u201eDa wurden Kinder zu ihm gebracht, da\u00df er die H\u00e4nde auf sie legte und betete. Die J\u00fcnger aber fuhren sie an. Aber Jesus sprach: \u201aLasset die Kinder und wehret ihnen nicht, zu mir zu kommen; denn solcher ist das Himmelreich.\u2019 Und er legte die H\u00e4nde auf sie und zog von dannen.\u201c Bei Lukas 18, Verse 15-17, hei\u00dft es: \u201eSie brachten auch junge Kindlein zu ihm, da\u00df er sie sollte anr\u00fchren. Da es aber die J\u00fcnger sahen, fuhren sie sie an. Aber Jesus rief sie zu sich und sprach: \u201aLasset die Kinder zu mir kommen und wehret ihnen nicht; denn solcher ist das Reich Gottes. Wahrlich, ich sage euch: wer nicht das Reich Gottes annimmt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen.\u2019\u201c Bei Markus Kapitel 10 Verse 13-16, hei\u00dft es: \u201eUnd sie brachten Kinder zu ihm, da\u00df er sie anr\u00fchrte. Die J\u00fcnger aber fuhren die an, die sie trugen. Da es aber Jesus sah, ward er unwillig und sprach zu ihnen: \u201aLasset die Kinder zu mir kommen und wehret ihnen nicht; denn solcher ist das Reich Gottes. Wahrlich, ich sage euch: Wer das Reich Gottes nicht empf\u00e4ngt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen.\u2019 Und er herzte sie und legte die H\u00e4nde auf sie und segnete sie.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie erkennen gewi\u00df den Unterschied. W\u00e4hrend bei Matth\u00e4us und Lukas die Episode mit den Kindern ausschlie\u00dflich als Hintergrund f\u00fcr eine Lehraussage dient, erscheint Jesus bei Markus auf anr\u00fchrende Weise menschlich und kinderfreundlich. Er doziert nicht, die J\u00fcnger zurechtweisend, mit gleichsam erhobenem Zeigefinger. Er erkl\u00e4rt den J\u00fcngern lediglich, warum er sich den Kindern zuwendet, und tut eben dies: Er herzte die Kinder, legte die H\u00e4nde auf sie und segnete sie. Und zog nicht einfach von dannen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist diese Geste der Zuwendung und der Kinderliebe, auf die es mir vor allem ankommt. Ich m\u00f6chte die Debatte, auch die sog. Wertedebatte abl\u00f6sen von N\u00fctzlichkeitserw\u00e4gungen, die die Familienpolitik anzustellen gen\u00f6tigt ist. Gegen solche Erw\u00e4gungen ist nichts einzuwenden. Es darf aber, wenn es um Kinder geht, die tiefere Dimension menschlicher Existenz nicht verloren gehen. Weil das so ist, schlie\u00dfe ich mit zwei Zitaten aus einem j\u00fcngst erschienen Buch des Philosophen Ferdinand Fellmann. Sein Titel: \u201eDas Paar\u201c. Da ich nicht hochstapeln will, bekenne ich, da\u00df ich das Buch noch nicht gelesen habe. Ich entnehme die Zitate einer lesenswerten Rezension in der FAZ vom 17.7.06.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das erste Zitat lautet: \u201eZum Erwachsensein geh\u00f6rt mehr, als was sich die Ahnungslosen darunter vorstellen. Es ist in erster Linie die Erfahrung, das letzte Glied in einer Kette der Verantwortlichen zu sein. Als Erwachsener kann man sich f\u00fcr seine (Fehl-)Entscheidung nicht mehr hinter Vater und Mutter verstecken. Da\u00df diese Erfahrung so bitter wird, h\u00e4ngt damit zusammen, da\u00df Erwachsene nicht nur Probleme haben, die sich relativ leicht l\u00f6sen lassen, sondern auch solche, mit denen man dauerhaft leben mu\u00df. Sie hei\u00dfen \u201eSorgen\u201c. Die meisten dieser Sorgen bereitet den Erwachsenen das Kind.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das zweite Zitat: \u201eDie Ver\u00e4nderung der Welt und des Menschen kann niemand aufhalten. Es kommt nur darauf an, sie richtig zu interpretieren, damit wir den Glauben an die Liebe nicht verlieren.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Einen besseren Schlu\u00df f\u00fcr diesen Vortrag habe ich nicht finden k\u00f6nnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kanzelrede in der Kreuzkirche Bonn am 20.8.2006 Am 11.7.06 ver\u00f6ffentlichte die FAZ einen Bericht des Instituts f\u00fcr Demoskopie Allensbach unter der \u00dcberschrift \u201eWie sicher ist Deutschland?\u201c Darin ging es um die Einstellung der Bev\u00f6lkerung zu Fragen der inneren Sicherheit. Zweierlei war bemerkenswert: zum Einen, da\u00df die Menschen offenbar weniger auf den tats\u00e4chlichen Verlauf kriminellen Geschehens [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":131,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[10],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1839"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/131"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1839"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1839\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3011,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1839\/revisions\/3011"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1839"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1839"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1839"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}