{"id":18267,"date":"2021-08-21T14:24:41","date_gmt":"2021-08-21T12:24:41","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=18267"},"modified":"2021-08-21T14:24:41","modified_gmt":"2021-08-21T12:24:41","slug":"unverhofftes-wiedersehen-das-bergwerk-von-falun-1811","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=18267","title":{"rendered":"Unverhofftes Wiedersehen (Das Bergwerk von Falun) (1811)"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">In Falun in Schweden k\u00fcsste vor guten f\u00fcnfzig Jahren und mehr ein junger Bergmann seine junge h\u00fcbsche Braut und sagte zu ihr: \u00bbAuf Sankt Luci\u00e4 (13. Dezember) wird unsere Liebe von des Priesters Hand gesegnet. Dann sind wir Mann und Weib, und bauen uns ein eigenes Nestlein.\u00ab \u2013 \u00bbUnd Friede und Liebe soll darin wohnen\u00ab, sagte die sch\u00f6ne Braut mit holdem L\u00e4cheln, \u00bbdenn du bist mein einziges und alles, und ohne dich m\u00f6chte ich lieber im Grab sein, als an einem andern Ort.\u00ab Als sie aber vor St. Luci\u00e4 der Pfarrer zum zweiten Mal in der Kirche ausgerufen hatte: \u00bbSo nun jemand Hindernis w\u00fcsste anzuzeigen, warum diese Personen nicht m\u00f6chten ehelich zusammenkommen\u00ab \u2013 da meldete sich der Tod. Denn als der J\u00fcngling den andern Morgen in seiner schwarzen Bergmannskleidung an ihrem Haus vorbeiging, der Bergmann hat sein Totenkleid immer an, da klopfte er zwar noch einmal an ihrem Fenster, und sagte ihr guten Morgen, aber keinen guten Abend mehr.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er kam nimmer aus dem Bergwerk zur\u00fcck, und sie saumte vergeblich selbigen Morgen ein schwarzes Halstuch mit rotem Rand f\u00fcr ihn zum Hochzeitstag, sondern als er nimmer kam, legte sie es weg, und weinte um ihn und verga\u00df ihn nie. Unterdessen wurde die Stadt Lissabon in Portugal durch ein Erdbeben zerst\u00f6rt, und der Siebenj\u00e4hrige Krieg ging vor\u00fcber, und Kaiser Franz der Erste starb, und der Jesuitenorden wurde aufgehoben und Polen geteilt, und die Kaiserin Maria Theresia starb, und der Struensee wurde hingerichtet, Amerika wurde frei, und die vereinigte franz\u00f6sische und spanische Macht konnte Gibraltar nicht erobern. Die T\u00fcrken schlossen den General Stein in der Veteraner H\u00f6hle in Ungarn ein, und der Kaiser Joseph starb auch. Der K\u00f6nig Gustav von Schweden eroberte russisch Finnland, und die Franz\u00f6sische Revolution und der lange Krieg fing an, und der Kaiser Leopold der Zweite ging auch ins Grab. Napoleon eroberte Preu\u00dfen, und die Engl\u00e4nder bombardierten Kopenhagen, und die Ackerleute s\u00e4ten und schnitten. Der M\u00fcller mahlte, und die Schmiede h\u00e4mmerten, und die Bergleute gruben nach den Metalladern in ihrer unterirdischen Werkstatt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als aber die Bergleute in Falun im Jahr 1809 etwas vor oder nach Johannis zwischen zwei Sch\u00e4chten eine \u00d6ffnung durchgraben wollten, gute dreihundert Ellen tief unter dem Boden, gruben sie aus dem Schutt und Vitriolwasser den Leichnam eines J\u00fcnglings heraus, der ganz mit Eisenvitriol durchdrungen, sonst aber unverwest und unver\u00e4ndert war; also dass man seine Gesichtsz\u00fcge und sein Alter noch v\u00f6llig erkennen konnte, als wenn er erst vor einer Stunde gestorben, oder ein wenig eingeschlafen w\u00e4re, an der Arbeit. Als man ihn aber zu Tag herausgef\u00f6rdert hatte, Vater und Mutter, Freunde und Bekannte waren schon lange tot, kein Mensch konnte den schlafenden J\u00fcngling kennen oder etwas von seinem Ungl\u00fcck wissen, bis die ehemalige Verlobte des Bergmanns kam, der eines Tages auf die Schicht gegangen war und nimmer zur\u00fcckkehrte. Grau und zusammengeschrumpft kam sie an einer Kr\u00fccke an den Platz und erkannte ihren Br\u00e4utigam; und mehr mit freudigem Entz\u00fccken als mit Schmerz sank sie auf die geliebte Leiche nieder, und erst als sie sich von einer langen heftigen Bewegung des Gem\u00fcts erholt hatte:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbEs ist mein Verlobter\u00ab, sagte sie endlich, \u00bbum den ich f\u00fcnfzig Jahre lang getrauert hatte, und den mich Gott noch einmal sehen l\u00e4sst vor meinem Ende. Acht Tage vor der Hochzeit ist er unter die Erde gegangen und nimmer heraufgekommen.\u00ab Da wurden die Gem\u00fcter aller Umstehenden von Wehmut und Tr\u00e4nen ergriffen, als sie sahen die ehemalige Braut jetzt in der Gestalt des hingewelkten kraftlosen Alters und den Br\u00e4utigam noch in seiner jugendlichen Sch\u00f6ne, und wie in ihrer Brust nach 50 Jahren die Flamme der jugendlichen Liebe noch einmal erwachte; aber er \u00f6ffnete den Mund nimmer zum L\u00e4cheln oder die Augen zum Wiedererkennen; und wie sie ihn endlich von den Bergleuten in ihr St\u00fcblein tragen lie\u00df, als die einzige, die ihm angeh\u00f6re, und ein Recht an ihn habe, bis sein Grab ger\u00fcstet sei auf dem Kirchhof. Den andern Tag, als das Grab ger\u00fcstet war auf dem Kirchhof und ihn die Bergleute holten, schloss sie ein K\u00e4stlein auf, legte sie ihm das schwarzseidene Halstuch mit roten Streifen um, und begleitete ihn alsdann in ihrem Sonntagsgewand, als wenn es ihr Hochzeittag und nicht der Tag seiner Beerdigung w\u00e4re. Denn als man ihn auf dem Kirchhof ins Grab legte, sagte sie: \u00bbSchlafe nun wohl, noch einen Tag oder zehn im k\u00fchlen Hochzeitbett, und lass dir die Zeit nicht lange werden. Ich habe nur noch wenig zu tun, und komme bald, und bald wird\u2019s wieder Tag. Was die Erde einmal wiedergegeben hat, wird sie zum zweiten Mal auch nicht behalten\u00ab, sagte sie, als sie fortging, und noch einmal umschaute.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Nachtrag <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>&#8222;Was Liebe sein kann, das eigentliche Thema der Erz\u00e4hlung, ist in diesem wie ein Wunder auftretenden Schicksalsverlauf gestaltet. Das Paradoxon, dass gerade unerf\u00fcllte Liebe ein Menschenleben \u00fcberdauert, bewegt den Leser eigent\u00fcmlich tief. Die als Meisterwerk ger\u00fchmte Erz\u00e4hlung \u2013 <\/em><em>Ernst Bloch<\/em><em> nannte sie \u201edie sch\u00f6nste Geschichte der Welt\u201c<\/em><em>\u2013 ist jedoch auch politisch: Sie wurde <\/em><em>1811<\/em><em> unter den Augen der napoleontreuen <\/em><em>Zensur<\/em><em> ver\u00f6ffentlicht. Jedes Wort des historischen Berichts ist darum mit Bedacht gew\u00e4hlt. Die skeptische Haltung des Autors zu den j\u00fcngsten Geschehnissen konnte der zeitgen\u00f6ssische Leser daran erkennen, dass die Aufz\u00e4hlung nicht mit der Niederlage Preu\u00dfens, sondern mit dem <\/em><em>Bombardement Kopenhagens im Jahr 1807<\/em><em> endet, das einen R\u00fcckschlag f\u00fcr Napoleon bedeutete&#8220;. (Aus dem Wikipedia-Artikel \u201aUnverhofftes Wiedersehen\u2018)<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Falun in Schweden k\u00fcsste vor guten f\u00fcnfzig Jahren und mehr ein junger Bergmann seine junge h\u00fcbsche Braut und sagte zu ihr: \u00bbAuf Sankt Luci\u00e4 (13. Dezember) wird unsere Liebe von des Priesters Hand gesegnet. 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