{"id":1818,"date":"2006-03-14T17:17:56","date_gmt":"2006-03-14T15:17:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=1818"},"modified":"2009-09-07T13:59:57","modified_gmt":"2009-09-07T11:59:57","slug":"die-wiederentdeckung-der-verlorenen-und-verratenen-biblischen-hoffnungsgeschichte-bei-paul-schutz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=1818","title":{"rendered":"Die Wiederentdeckung der verlorenen und verratenen biblischen Hoffnungsgeschichte bei Paul Sch\u00fctz"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Die Wiederentdeckung der verlorenen und verratenen biblischen Hoffnungsgeschichte bei Paul Sch\u00fctz<\/strong> (1)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Messias Christus ist da. Nun ist der Horizont ge\u00f6ffnet. Hoffnung ist das Element, in dem sich die gefallene Sch\u00f6pfung erhebt. Evangelium ist Prophetie. Seit Christus sind in der Welt Gewalten losgebrochen, die Welt von einer Ver\u00e4nderung in die andere st\u00fcrzend. Wie \u00fcber Katarakte, immer breiter, immer tiefer, st\u00fcrzt die Geschichte ihren \u00e4u\u00dfersten, ihren letzten M\u00f6glichkeiten entgegen. Endhorizonte tauchen vor der Menschheit auf. (Paul Sch\u00fctz)<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Die Hoffnungsgeschichte<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein unsagbar kostbares Geschenk an die Menschheit ist die Hoffnungsgeschichte der Bibel. Sie endet nach Wirrnis, Kampf und Leiden mit der Vision des neuen Himmels und der neuen Erde ohne \u201cLeid, Geschrei und Schmerz\u201c, und mit der Verhei\u00dfung: \u201eJa, ich komme bald\u201c. Die gro\u00dfe Hoffnungsgeschichte aber wiederholt sich in vielen kleinen Hoffnungsgeschichten der Bibel. Was haben beide miteinander zu tun, die Geschichte und die Geschichten? Im Englischen die history und die stories? Warum nennen wir den aus unbekannter Ferne kommenden und ins Ungewisse laufenden Zeitstrom eigentlich Geschichte und gebrauchen daf\u00fcr dasselbe Wort wie f\u00fcr eine dem Kind erz\u00e4hlte Geschichte?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Geschichten<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Menschen sind hungrig nach Geschichten. Offenbar brauchen wir sie wie die Luft zum Atmen und das t\u00e4gliche Brot. Kinder sind ganz Ohr, wenn sie auf Mutters oder Vaters Scho\u00df aus ihrem Mund eine Geschichte h\u00f6ren. Bleibt ihnen solches versagt, sind sie von der \u201eGlotze\u201c nicht wegzukriegen. Sie sind geradezu s\u00fcchtig nach Geschichten. Auch sp\u00e4ter bleibt ihnen der Hunger nach Geschichten, sei es im Kino, im Theater, in Groschenromanen, in Krimis oder in den Meisternovellen Thomas Manns. Warum ist das so? Was geschieht mit uns beim H\u00f6ren einer Geschichte?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir werden durch jede Geschichte in die uns Menschen zukommende Zeitstruktur eingewiesen. In der Mathematik ist die Zeit schlicht die Funktion t, analog einer anfangs- und endlosen Geraden. Sie kennt keinen qualitativ hervorgehobenen Punkt der Gegenwart, den Augenblick, und deshalb auch noch nicht die Scheidung von Vergangenheit und Zukunft. Sie ist ein gleichm\u00e4\u00dfig dahinflie\u00dfender Strom: ein Kontinuum. Vielleicht entspricht dieses Verst\u00e4ndnis von Zeit dem seit Jahrmillionen stehenden Fels, vielleicht auch der Blume, vielleicht sogar dem noch tr\u00e4umenden Kind im Mutterleib. Schlafend und tr\u00e4umend, so wachsen wir ins Leben hinein. Doch nun in der Geschichte: ein Ereignis, \u00fcberraschend, zum Staunen oder zum Entsetzen, die Begegnung mit der wundersch\u00f6nen Frau oder mit dem entsetzlichen Ungeheuer. Der Zeitstrom bricht sich gleich dem Lichtstrahl in einem Prisma und wird in eine neue Richtung gelenkt. So wird aus dem Zeitstrom die menschliche Zeit, die als Gegenwart das \u00dcberraschungsfeld der Zukunft von der schon festgestellten Vergangenheit scheidet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sodann zeigt die Geschichte die Konsequenz dieser Zeitstruktur. Sie kann gut ausgehen: am Ende der Sieg \u00fcber den Verderber und die gl\u00fcckliche Hochzeit. Sie kann in Jammer und Leid enden. Sehns\u00fcchtig erwarten wir das happy end \u2013 sind entt\u00e4uscht, traurig, verwirrt, vielleicht w\u00fctend, wenn die Geschichte ein schlimmes Ende nimmt. Dann steht vor uns die Frage aller Fragen: Kann man dem Sein trauen, da\u00df es gut ist? Zwischen dem Sein und dem Nichtsein ist nach dem Philosophen Schelling nur eine hauchd\u00fcnne Grenze. Daher die Urangst in uns Menschen, ins Nichts zu fallen. Daher die Frage: Wird am Ende alles gut sein? Wartet am Ende das schwarze Loch? Die gl\u00fcckliche Geschichte n\u00e4hrt jedes Mal das Urvertrauen in die G\u00fcte des Seins, die schlimme schw\u00e4cht es.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Damit weist uns die Geschichte in die Gegenwart ein als den Ort, da sich Gl\u00fcck und Ungl\u00fcck, Leben und Tod entscheiden. Es gilt, das Gl\u00fcck beim Schopf zu packen, der Verf\u00fchrung zu widerstehen, das Rechte zu tun. So pr\u00e4gt uns die Geschichte, die \u201estory\u201c, zu wirklichen Menschen. Wir k\u00f6nnen nun nicht mehr blind im Zeitstrom mitschwimmen; wir sind dazu gerufen, die Augen zu \u00f6ffnen, zu sehen, was ist, und dann das zu tun, was dem Leben dient, das aber zu meiden, was es zerst\u00f6rt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Struktur einer Geschichte gilt auch f\u00fcr die biblischen Geschichten. Die Redewendung \u201eEs begab sich&#8230;\u201c durchzieht die Bibel als ein wiederkehrendes Leitmotiv. Da beruft Jesus den Fischer Simon am See Genezareth. Erschrocken \u00fcber den reichen Fischzug, \u00fcberw\u00e4ltigt von der Gegenwart Jesu, verl\u00e4\u00dft er Boot, Arbeit und sicheres Brot und folgt dem Herrn auf seinem Weg. Und es geschieht, was Jesus dem zweifelnden T\u00e4ufer Johannes zuruft: \u201eBlinde sehen, Lahme gehen, Auss\u00e4tzige werden rein, Taube h\u00f6ren, Tote stehen auf, Armen wird das Evangelium verk\u00fcndet\u201c (Matte. 11, 5). Das Evangelium ist eine Kette von Geschichten, die den Menschen in die neue Lebenssituation einweisen. \u00dcberraschendes geschieht: Befreiung von der Last der Vergangenheit, der Ruf in die Freiheit, die N\u00e4he des Gottesreiches. Es ist kaum zu ermessen, was die Frage f\u00fcr den Weg eines Menschen bedeutet: sind es die Hoffnungsgeschichten der Bibel, die seine junge Seele pr\u00e4gen? Sind es andere, b\u00f6se Geschichten? Geschichten sind keine Illustrationen f\u00fcr abstrakte Wahrheiten, kein Hilfsmittel f\u00fcr die Einf\u00e4ltigen, erst recht kein harmloser Zeitvertreib. Sie gewinnen \u2013 heilend und befreiend oder aber versklavend und zerst\u00f6rend \u2013 Macht \u00fcber unsere Seele.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Geschichte<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die verschiedenen Schriften des Alten und Neuen Testaments sind uns in der Weise als Kanon \u00fcberliefert, da\u00df sie den ganzen Weltenlauf als Geschichte enth\u00fcllen. Die Bibel ist es, die den aus dunklen Vorzeiten kommenden und ins Unbekannte flie\u00dfenden Zeitstrom zuerst als Geschichte verstanden hat. Das Wort selbst kennt die Bibel nicht, wohl aber die Sache. Andere Religionen und Kulturen verstehen den Zeitstrom als einen fortgesetzten Kreislauf gleich dem Wechsel der Jahreszeiten. Mit dem Wort Geschichte aber ist tats\u00e4chlich ausgesagt, da\u00df die Geschichte dieselbe Struktur besitzt wie eine dem Kinde erz\u00e4hlte Geschichte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie beginnt mit der Genesis: \u201eIm Anfang schuf Gott Himmel und Erde&#8230;\u201c. In der Offenbarung kommt das Ziel in Sicht: \u201eUnd ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr\u201c (Offb. 20, 1). Es wird nicht unterschieden zwischen Natur und Geschichte, das eine die stehende Kulisse, das andere die wechselnden Szenen des gro\u00dfen Welttheaters. Es ist die eine und selbe Geschichte. Auf den Menschen hin \u2013 als Mann und Frau zu Gottes Bild geschaffen \u2013 ist die Welt geordnet. Des Menschen Schicksal ist auch das Schicksal der Kreatur. Der Mensch ist Herz und Mitte der Sch\u00f6pfung. Christus aber, der neue Mensch, ist der Erl\u00f6ser und Vollender beider.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die ganze Weltgeschichte ist Heilsgeschichte. Sie hat wie jede Geschichte ein Thema: \u201eWelt ging verloren, Christ ist geboren: Freue dich, freue dich, o Christenheit!\u201c Es ist eine Rettungsgeschichte: der Kampf Gottes f\u00fcr sein Gesch\u00f6pf gegen die Verderbensm\u00e4chte. Zugleich eine Liebesgeschichte: der Schmerz des Sch\u00f6pfers um sein verlorenes Gesch\u00f6pf, seine Suchen und Ringen, zuletzt seine Hingabe im Opfertod des Sohnes. Die Geschichte spitzt sich zum Ende hin dramatisch zu bis zu ihrem Ziel, dem Weltgericht \u2013 dem Tag, da alles endlich ans Licht kommt \u2013 und dem Sieg der Gottesliebe \u00fcber Hass und Tod. Das Apostolikum ist dazu die Kurzfassung. Der Ort des Menschen aber ist der letzte Akt des Dramas, unmittelbar vor der Schlu\u00dfszene.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Bibel ist das Buch der \u00dcberraschungen: Die Berufung Abrahams, Moses und der Propheten. Sp\u00e4ter Johannes der T\u00e4ufer. Die Christgeburt, Kreuz und Auferstehung. Jedes Mal ein Ereignis, das den Zeitstrom unterbricht und in Vergangenheit und Zukunft scheidet. Dazwischen aber der Mensch, gerufen zu Umkehr und Glauben, zur Ausrichtung seiner ganzen Existenz auf die gr\u00f6\u00dfte aller denkbaren \u00dcberraschungen: das Reich Gottes.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Geschichte mit ihrem zeitlichen Anfang und Ende gleicht einer Insel im Ozean, rings umschlossen von dem \u201evon Ewigkeit zu Ewigkeit\u201c der Gotteswirklichkeit, dem \u201eHimmel\u201c, der unserem Zugriff entzogen bleibt. Das Ewige aber ist nur aussagbar in Bildern, so vom verlorenen Paradies und vom kommenden Freudenreich. Es gilt: \u201eWas kein Auge gesehen hat und kein Ohr geh\u00f6rt hat und in keines Menschen Herz gekommen ist, was Gott bereitet hat denen, die ihn lieben\u201c(1. Kor 2,9).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Markus nennt am Anfang das Thema der Verk\u00fcndigung Jesu: \u201eDie Zeit ist erf\u00fcllt, und das Reich Gottes ist herbeigekommen. Ver\u00e4ndert euch in eurem Sinn und glaubt an das Evangelium\u201c (Mk. 1,15). So wie eine Geschichte Macht hat, einen Menschen in seinem Denken, F\u00fchlen, Wollen und Handeln zu pr\u00e4gen, so nun in h\u00f6chster Potenz, vervielfacht, die Geschichte. Das Evangelium vom Reich \u00f6ffnet den Zustrom einer gewaltigen, belebenden Macht \u00fcber die Seelen der Menschen. Sie dr\u00e4ngt Apostel und Evangelisten hinaus aus den engen Grenzen der Heimat in die Fremde, zu allen Menschen. So w\u00e4chst die Kirche als Anfang der neuen Menschheit. In den verstreuten Gemeinden versammeln sich Menschen zum H\u00f6ren auf Gottes Wort, zum gemeinsamen Gebet und zum Lob Gottes. Sie vereinen sich im heiligen Mahl mit ihrem Herrn und rufen ihm schon entgegen \u201eMaranatha\u201c &#8211; Unser Herr komm! (1. Kor 16,22) Es ist die Macht des heiligen Geistes. Sie bef\u00e4higt zum Tun des Guten, zum K\u00e4mpfen und zum Ertragen, macht sogar zum Martyrium bereit. Diese Macht f\u00fcrchten Kaiser und Tyrannen. Sie ver\u00e4ndert die Welt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Die verlorene Hoffnungsgeschichte<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eIn der Christenheit ist keine Erwartung mehr. Es ist gerade das nicht mehr, was das Evangelium zum \u201aFreudenmysterium\u2019 macht, das nicht nur dem einzelnen gilt, sondern der Natur, der Geschichte, allen Geschlechtern der Menschheit, den einstigen und den kommenden. Die christliche Botschaft hat ihre Universalit\u00e4t verloren. Sie hat das Wort verloren, das der ganzen Sch\u00f6pfung, den Kosmos mit eingeschlossen, das \u201aallem Fleisch\u2019 die Hoffnung zusagt, es werde der Weg Gottes \u2013 um mit Paulus zu reden \u2013 das All dem Freudenmysterium der Vollendung entgegenf\u00fchren.\u201c (2)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit diesen Worten beklagt Paul Sch\u00fctz den Verlust der biblischen Hoffnungsgeschichte. Eine andere Geschichte hat sie vernichtet. Was von wenigen Einzelnen entdeckt und von den Gebildeten diskutiert wurde, die kopernikanische Wende, das Weltbild Keplers, Galileis und Newtons, sp\u00e4ter Albert Einstein und die Ergebnisse der modernen Astronomie und Astrophysik, das z\u00e4hlt heute zum Allgemeinwissen der Menschen. Ein Besuch im Stuttgarter Planetarium, Zeitschriften und Sachb\u00fccher, zeigen unseren Planeten \u2013 in der biblischen Rede von \u201eHimmel und Erde\u201c das Gegen\u00fcber des Himmels \u2013 nunmehr als eine Winzigkeit im unermesslichen, sich immer weiter und rascher ausdehnenden Weltraum mit Milliarden von Galaxien, interstellaren Staubwolken, explodierenden Supernovae und fernen Materienebeln. Was die Riesenteleskope erfassen, sind Lichtsignale, die aus den Tiefen von Millionen und Milliarden Lichtjahren zu uns vordringen. Soweit reicht die Geschichte unseres Universums zur\u00fcck bis zum \u201eUrknall\u201c vor 14 Milliarden Jahren. Darin \u2013 sehr sp\u00e4t \u2013 die Geschichte des Lebens auf unserem winzigen Planeten, von den Vorformen des Lebens an ein breiter werdender Strom des Lebendigen, an dessen Ende die Geschichte des Menschen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Geschichte hat die biblische Hoffnungsgeschichte als ein \u201eM\u00e4rchen aus uralten Zeiten\u201c entlarvt. Zuerst waren es die wenigen Aufgekl\u00e4rten, die sich daraus verabschiedeten. Heute geschieht das mit der Masse der Zeitgenossen. Diese Geschichte ist das Ergebnis dessen, was wir sehen, erfassen, im Experiment beweisen k\u00f6nnen, was den Gesetzen und Grunds\u00e4tzen unterliegt, die uns Mathematik und Logik vorgeben, der \u201eexakten\u201c Naturwissenschaft: objektiv, neutral, f\u00fcr jedermann einsichtig. Gott kommt darin nicht vor. Kann es gar nicht. Nur die Notwendigkeit gilt, die Kausalit\u00e4t. Freiheit darf nicht sein; sie wird als \u201eZufall\u201c registriert. \u201eZufall und Notwendigkeit\u201c lautet der Buchtitel des franz\u00f6sischen Nobelpreistr\u00e4gers Jacques Monod. (3) Darin begegnet uns die Geschichte des Menschen im Universum in folgendem Satz: \u201eWenn er diese Botschaft in ihrer vollen Bedeutung aufnimmt, dann mu\u00df der Mensch endlich aus seinem tausendj\u00e4hrigen Schlaf erwachen und seine totale Verlassenheit, seine Fremdheit erkennen. Er wei\u00df nun, da\u00df er seinen Platz wie ein Zigeuner am Rande des Universums hat, das f\u00fcr seine Musik taub ist und gleichg\u00fcltig gegen seine Hoffnungen, Leiden oder Verbrechen\u201c. (4)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gegen diese Vertreibung aus dem Haus der Hoffnung in die Nacht wehrt sich die Seele des Menschen, denn sie kann ohne Hoffnungsgeschichte nicht leben. Hartn\u00e4ckig halten Christen an der biblischen Hoffnungsgeschichte fest. Widerstandslinien werden befestigt. Aber der Druck wird \u00fcberm\u00e4chtig. Die Gegenargumente scheinen unschlagbar zu sein. In der Not wird die Bibel zur letzten Widerstandslinie. Dazu mu\u00df man sie zur unfehlbaren Instanz erkl\u00e4ren. Der Glaube an die Irrtumslosigkeit der Bibel wird faktisch zum ersten Glaubensartikel vor allen anderen. Die Bibel wird dar\u00fcber zum bombensicheren Betonbunker. Die g\u00f6ttliche Stimme aus ihren Worten aber erstickt in fruchtloser Rechthaberei.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Moderne evangelische Theologie w\u00e4hlte den anderen Weg. Die biblische Hoffnungsgeschichte wurde aufgegeben, Natur und Geschichte den modernen Wissenschaften \u00fcberlassen. Das Thema \u201eGott und die Seele\u201c war dem Glauben geblieben. Schon im Mittelalter war es in den Vordergrund ger\u00fcckt: das postmortale Los der Seele und die von der Kirche gew\u00e4hrte Hilfe zur Errettung der Seele. Die Reformation kn\u00fcpfte mit der Frage nach dem gn\u00e4digen Gott und der Botschaft von der Rechtfertigung allein durch den Glauben daran an. Die entschiedenste Konzeption auf dieser Spur war sp\u00e4ter die Existenztheologie Rudolf Bultmanns mit dem Programm der Entmythologisierung. Was Bultmann zur Universalgeschichte zu sagen hat, fasst er in \u201eGeschichte und Eschatologie\u201c zusammen: \u201eSchau nicht um dich in die Universalgeschichte; vielmehr mu\u00dft du in deine eigene pers\u00f6nliche Geschichte blicken. Je in deiner Gegenwart liegt der Sinn der Geschichte, und du kannst ihn nicht als Zuschauer sehen, sondern nur in deinen verantwortlichen Entscheidungen. In jedem Augenblick schlummert die M\u00f6glichkeit, der eschatologische Augenblick zu sein. Du mu\u00dft ihn erwecken.\u201c (5) Durch dieses enge Nadel\u00f6hr soll nun die biblische Hoffnungsgeschichte getrieben werden. Ob das den \u201eZigeuner am Rande des Universums\u201c wohl zu tr\u00f6sten vermag? Ob es ihm wohl hilft, sein Leben zu bestehen? Es bleibt beim Diktum von Paul Sch\u00fctz: \u201eIn der Christenheit ist keine Erwartung mehr.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Die verratene Hoffnungsgeschichte<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In \u201eCharisma Hoffnung\u201c spricht Paul Sch\u00fctz von der \u201eAufspaltung der christlichen Substanz\u201c, und zwar der gef\u00e4hrlichsten, die wir bislang hatten. \u201eWaren die vergangenen Spaltungen von 1054 und 1517 noch in der Christenheit geschehen und von ihr zusammengehalten, so ist die Spaltung Kierkegaard-Marx ein Vorgang, der ein Kernelement des Evangeliums, n\u00e4mlich die Prophetie vom Reich, an die kollektiven Mechanismen verloren hat. Dieses Kernelement ist aus der Christenheit herausgest\u00fcrzt und von den \u201afalschen Christi\u2019 vom Boden aufgehoben worden. Die individualistische Religion ist der Rest, der uns verblieb\u201c (6).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So haben wir es erlebt. Die zwei Gro\u00dfideologien Marxismus und Nationalsozialismus haben die verlorene \u201eProphetie vom Reich\u201c vom Boden aufgehoben und an sich gerissen. Die Seele des Menschen braucht eine Hoffnungsgeschichte. Deshalb taucht die verlorene Hoffnungsgeschichte der Bibel wieder auf \u2013 als Plagiat. Subjekt der Hoffnungsgeschichte ist nicht mehr Gott, sondern der Mensch. Mit dem Subjektwechsel wird die Hoffnungsgeschichte politisch. Sie bildet nun den Kern der politischen Ideologien. Einmal mit dem Ziel der klassenlosen Gesellschaft und des kommunistischen Paradieses nach langen Zeiten der Entfremdung, der Not und des Klassenkampfs. Im anderen Fall erstrahlt nach dem schicksalhaften Kampf auf Leben und Tod der Endsieg der nordischen Edelrasse \u00fcber die angebliche Finsternis der j\u00fcdischen Verderbensm\u00e4chte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie ein Hurrikan \u00fcber dem Ozean laden sich die beiden Ideologien mit Energien auf, mobilisieren und fanatisieren die Massen. Sodann kommen sie mit ihrer ungeheuren Zerst\u00f6rungskraft \u00fcber V\u00f6lker und L\u00e4nder, Gr\u00e4ber, verheerte L\u00e4nder, zerst\u00f6rte Seelen und verwirrte Geister hinterlassend. So wurde das Jahrhundert der Zivilisation und des Fortschritts zum Jahrhundert der gr\u00f6\u00dften Verbrechen und Katastrophen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Katastrophe begann im heiligen Russland, setzte sich fort in Deutschland, dem Land der Bibel und der Reformation. Es gab wohl auch treues Aushalten, mutigen Widerstand und Martyrium. Aber das Ungl\u00fcck war nicht aufzuhalten. Es fehlte die versiegte Energiequelle aus der biblischen Hoffnungsgeschichte. Im Protestantismus kam die Idee auf, die Kirche an den Energiestrom der gerade aktuellen politischen Hoffnungsgeschichte anzuschlie\u00dfen und so wieder zum Leben zu erwecken. So begann die lange Geschichte des Verrats der biblischen Hoffnungsgeschichte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDas \u201e1000j\u00e4hrige Reich\u201c des Nationalsozialismus ging in einem schauerlichen Finale nach 12 Jahren zu Ende. Die Frist der Sowjetunion zwischen der Oktoberrevolution 1917 und dem Zusammenbruch des Systems im Fr\u00fchjahr 1991 w\u00e4hrte l\u00e4nger. Beide \u201eHoffnungsgeschichten\u201c erwiesen sich als L\u00fcgen. Damit endete die Zeit der gro\u00dfen politischen Visionen. Statt Ern\u00fcchterung und Neuorientierung an der Realit\u00e4t folgten jedoch Resignation \u2013 und die \u201eSpa\u00dfgesellschaft\u201c. \u201eIch will alles, ich will alles, und das sofort\u201c lautet die neue Devise. Das \u201eIch\u201c \u2013 frei von der Pflicht f\u00fcr das Du und das Wir \u2013 und das \u201esofort\u201c \u2013 ohne Verantwortung f\u00fcr das Erbe der V\u00e4ter und ohne R\u00fccksicht auf das Leben kommender Generationen \u2013 will \u201ealles\u201c, n\u00e4mlich f\u00fcr sich und seinen kleinen Erdentag.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Heilszeit, auf die man warten, f\u00fcr die man zuerst arbeiten, k\u00e4mpfen und leiden mu\u00df, wird herrisch gefordert: \u201eparadise now\u201c. Es bedarf keiner Hoffnungsgeschichte mehr. Die sexuelle Revolution beseitigt alle Schranken der Scham und des Anstandes. Sie will die von den Cherubim \u201emit dem flammenden und blitzenden Schwert\u201c bewachte T\u00fcr zum Paradies aufbrechen. Das \u201eparadise now\u201c fordert \u2013 wie bei einer Sucht \u2013 immer neue Steigerungen des Vergn\u00fcgens, immer radikalere Tabubr\u00fcche. Das Grundgesetz des \u201eparadise now\u201c aber ist die \u00c9galit\u00e9: Alle m\u00fcssen sie gleich sein; die Polarit\u00e4t von Mann und Frau, dazu der Abstand von Eltern und Kindern m\u00fcssen verschwinden. Auch die Unterschiede und Gegens\u00e4tze der Religionen d\u00fcrfen nicht sein. \u201eDiskriminierung\u201c \u2013 also unterscheiden \u2013 ist die schlimmste aller S\u00fcnden, Toleranz die h\u00f6chste Tugend. Wer dagegen verst\u00f6\u00dft, wird an den Pranger gestellt und mundtot gemacht. (7) Es ist die \u201eneue Ideologie des B\u00f6sen\u201c, auf die der verstorbene Papst Johannes Paul II. in \u201eErinnerung und Identit\u00e4t\u201c nach den beiden schon bekannten \u201eIdeologien des B\u00f6sen\u201c \u2013 Marxismus und Nationalsozialismus \u2013 zu sprechen kommt. Sie ist \u201eheimt\u00fcckischer und verhohlener\u201c und setzt das Zerst\u00f6rungswerk nun unter Berufung auf die Menschenrechte fort. Als Konkretionen nennt der Papst die \u201elegale Vernichtung gezeugter, aber noch ungeborener menschlicher Wesen\u201c und die Anerkennung homosexueller Verbindungen \u201eals eine alternative Form von Familie, der auch das Recht der Adoption zusteht.\u201c (8)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Aggression der \u201eneuen Ideologie des B\u00f6sen\u201c richtet sich \u2013 gewaltlos, juristisch abgesichert und politisch korrekt \u2013 gegen Gottes Ikone in der Welt, den Menschen als Mann und Frau, dazu von Gott beauftragt und gesegnet, sich zu mehren, die Erde zu bauen und zu bewahren. Es ist in der Bibel die Grundordnung der Menschenwelt, zugleich die verletzlichste Stelle des Menschen und der menschlichen Gesellschaft \u00fcberhaupt. Sie anzutasten ist hochriskant. Sucht und Depression sind unmittelbare Symptome des Frevels. Der Zerst\u00f6rungsprozess vernichtet nachhaltiger als die beiden Gro\u00dfideologien des vergangenen Jahrhunderts unsere gemeinsame Zukunft. Was den Nazis nicht gelang, scheint der \u201eneuen Ideologie des B\u00f6sen\u201c m\u00f6glich zu sein: der von ihr bewirkte Geburtenr\u00fcckgang \u00fcbertrifft schon jetzt den Bev\u00f6lkerungsverlust beider Weltkriege. Pierre Chaunu beendet die deutsche Fassung seines Buches \u201eUn futur sans avenir\u201c im Hinblick auf \u201eDas deutsche Modell\u201c mit dem Satz: \u201eDieses Modell der gr\u00f6\u00dften Industrienation Europas, der Heimat Luthers, Bachs, Kants, Mozarts, Goethes und Beethovens, ist das Modell des stillschweigenden Todes binnen 50 Jahren, es ist das Modell des, namens der geheiligten Prinzipien des Individualismus, tatenlosen Zusehens, wie dessen ma\u00dflose \u00dcbersteigerung die Freiheit und die Person zerst\u00f6rt.\u201c (9)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Die wiederentdeckte Hoffnungsgeschichte<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was Jacques Monod im Hinblick auf das Universum und seine Geschichte beschreibt, das ist so trostlos, so verzweifelt, da\u00df es kein Mensch darin aushalten kann ohne verr\u00fcckt zu werden. Darum hat es der Mensch vorgezogen, in selbsterdachten Hoffnungsgeschichten seine Zuflucht zu suchen. Sie haben sich als \u201eIdeologien des B\u00f6sen\u201c erwiesen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Werk von Paul Sch\u00fctz ist ein einziges Zeugnis, da\u00df es dennoch keinen Grund zum Verzweifeln gibt, vielmehr Anlass zur Hoffnung. Keinen Grund zur Traurigkeit, sondern zur Freude, die alle Saiten wieder zum Klingen bringt. Keinen Grund zur Resignation, sondern zum Mut, das Leben und die Herausforderung der Zeit zu bestehen. Kein Grund zu Klage und Fluch, sondern zum Dank aus befreiten Herzen. Und dies ebenfalls im Hinblick auf das Universum und seine Geschichte, auf unserem Planeten die Geschichte des Lebendigen und des Menschen. Darin unser kurzes Leben, vor dessen Ende uns graut. Kein R\u00fcckzug auf das Thema \u201eGott und die Seele\u201c. Nicht ein Teil der Wirklichkeit, sondern die ganze Wirklichkeit! \u00dcbertragen in die Ma\u00dfst\u00e4be und Dimensionen dessen, was wir heute von der Wirklichkeit erkennen: die wieder entdeckte Hoffnungsgeschichte der Bibel. (10)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Paul Sch\u00fctz betrachtet die Geschichte nicht als Historiker. Dieser befasst sich mit der Feststellung und Rekonstruktion des Vergangenen. Er gleicht dem Geometer, der \u00fcber seine Landkarte gebeugt einzeichnet, was er zuvor festgestellt und vermessen hat. Er ist wie alle Wissenschaftler Detail-versessen; alles mu\u00df exakt sein, dokumentiert, belegt. Was seine Landkarte nicht enth\u00e4lt, nicht enthalten kann, ist die Brandungslinie zwischen dem Unver\u00e4nderlichen der Vergangenheit und dem Offenen der Zukunft, die Gegenwart, erf\u00fcllt von Leben, Hoffnungen, \u00c4ngsten und dem Druck, sich entscheiden zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Paul Sch\u00fctz betrachtet die Geschichte auch nicht als Geschichtsphilososoph. Dieser erforscht die Vergangenheit im Hinblick auf darin wirkende kausale Kr\u00e4fte und auf einen Gesamtsinn. Das geschieht aus h\u00f6herer Warte und mit dem Anspruch, Sinn und Ziel der Geschichte denkend erfassen zu k\u00f6nnen. Doch der Philosoph verspricht mehr als er halten kann. Denn die Vergangenheit ist nur die eine H\u00e4lfte der Geschichte, der andere Teil, die Zukunft, entzieht sich seinem Feststellen, Messen und Verstehen. In der Zukunft aber liegt der Schl\u00fcssel f\u00fcr die Vergangenheit und das \u201eMysterium der Geschichte\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr beide, den Historiker und den Geschichtsphilosophen, gilt: Sie stecken nicht drin. Der Ort der Wahrheit ist f\u00fcr Paul Sch\u00fctz da, wo der Mensch Geschichte leibhaftig erf\u00e4hrt und erleidet, da sich seiner entsetzten Seele der Schrei entringt: \u201eDa\u00df es das gibt!\u201c. Der Ort auf der Brandungslinie zwischen Vergangenheit und Zukunft wird durch die eigene Biographie bestimmt. Darin auch das Erleiden des Zeitgeschehens: Kriege, Umbr\u00fcche und Katastrophen. Er \u201esteckt drin\u201c, unausweichlich, als Erleidender und als Handelnder. Und dieses Drinstecken geschieht \u201eim Leibe\u201c, im Erfahren der S\u00fc\u00dfe des Lebens, in den Verwundungen und der kreat\u00fcrlichen Angst vor dem Tod. Hier gilt es, die Geschichte zu \u201ebestehen\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gerade an diesem Ort, da der Mensch die Geschichte zu \u201ebestehen\u201c hat, das Todeslos ungesch\u00f6nt vor Augen, alle Fluchtwege in die Traumwelten und die S\u00fcchte abgeschnitten, er selbst nichts als eine gefallene Kreatur mit ihrer Angst und ihrer ungestillten Sehnsucht, bleibt ihm keine andere M\u00f6glichkeit zu leben, \u201ees sei denn \u2013 aus Glauben.\u201c Und zwar \u201eaus Glauben an den, der die Schranke zerbrochen hat und \u201aden Tod im Triumph vor der Welt zur Schau getragen hat.\u2019\u201c \u201eDie endliche Wirklichkeit ist der Ort seiner Offenbarung.\u201c&#8230; \u201eEndliche Wirklichkeit, d.h. jetzt: der Zimmermanns-Sohn vom Jahre 1, das hei\u00dft jetzt der Auferstandene vom Jahr 33, offenbart unten im Schacht unseres Alltags, in der Grube unserer Verwesung, in der endlichen Zeit\u201c &#8230; \u201eGott ist auf Erden gegenw\u00e4rtig. Nicht als Welt-Geist, sondern im Fleisch seines Sohnes.\u201c (11)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wo sich die ewige Gotteswelt und unsere zeitliche Welt ohne sch\u00fctzende Verh\u00fcllung ber\u00fchren, da steht das Kreuz des Gottessohnes, Zeichen des Gerichts und des Heils. Wie ein Blitz in der Nacht enth\u00fcllt es die Wahrheit, wie es steht zwischen Gott und dem Menschen. Hier geschieht der Durchbruch zur Auferstehung. Heilkraft f\u00fcr Seele und Leib str\u00f6mt hinein in die Not des Lebens. Horizonte weiten sich. Die Jesusgeschichte vom Jahr 1 bis zum Jahr 33 wird durchsichtig f\u00fcr die Geschichte von J\u00e4h. 1,1: \u201eAm Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott\u201c bis zum Ziel: \u201eDamit Gott sei alles in allen\u201c (1. Kor 15 28). Dazwischen aber: \u201eDas Wort ward Fleisch und wohnte unter uns\u201c (Joh. 1, 14).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Evangelium ist uns als erz\u00e4hlte Geschichte \u00fcberliefert. Sie f\u00fchrt zielsicher dorthin, wo der Durchbruch im Kreuz des Sohnes geschieht. Dort verkn\u00fcpft sie sich mit unserer eigenen Geschichte, in der wir \u201edrinstecken\u201c. Hier \u00f6ffnet Gott in der Auferweckung am dritten Tage die im Tod verschlossene Welt f\u00fcr den Zustrom des ewigen Lebens. Die Verkn\u00fcpfung dieser Geschichte mit unserer eigenen Geschichte aber geschieht \u201eim Glauben\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kein Privatissimum der Seele mit ihrem Gott, es gilt der Welt! Denn von vorne, von der Zukunft her, dringt das Reich der Himmel herein in unsere Zeit. Paul Sch\u00fctz nennt diesen Vorgang \u201eParusia\u201c, n\u00e4mlich \u201edie Gegenw\u00e4rtigkeit des Zuk\u00fcnftigen\u201c. Sie l\u00f6st eine unerh\u00f6rte Dramatik aus, wirkt Heil, wo sich der Mensch im Glauben dem Kommenden \u00f6ffnet, wirkt Verderben, wo er sich im Unglauben gegen seinen Sch\u00f6pfer verh\u00e4rtet. In beidem aber ist Gott am Werk, selbst in den Krisen und Katastrophen der Geschichte. Sie gewinnen positive Bedeutung \u201eals Reinigung, Beiseiter\u00e4umen von Hindernissen, als \u00d6ffnung f\u00fcr das Kommende.\u201c (12)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Dramatik zeigt sich im Ph\u00e4nomen der Beschleunigung. Die Zeit rinnt nicht gleichm\u00e4\u00dfig wie die Sandk\u00f6rner in der Sanduhr. Sie beschleunigt sich zusehends. Paul Sch\u00fctz schildert diese Dramatik in eindr\u00fccklichen Bildern. Sie gleicht dem Fall des Meteoriten, der vom gr\u00f6\u00dferen Gestirn angezogen, mit zunehmender Geschwindigkeit dem Ziel entgegenst\u00fcrzt. \u201eDie Kriege und die Revolutionen unserer Epoche sind nur die Vorexplosionen, sind nur die Fr\u00fchz\u00fcndungen des Aufschlags am Ende\u201c. (13) Eine riesige Angst erhebt sich, \u201e die Angst derer, die im Sturzflug an die Zeitmauer und an die Raummauer\u201c heranjagen\u201c (14)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Mensch auf der Brandungslinie zwischen Zukunft und Vergangenheit, der mitten \u201edrin steckt\u201c und dem hier die \u201eGegenw\u00e4rtigkeit des Zuk\u00fcnftigen\u201c begegnet, erlebt die Zeit anders als der Wissenschaftler. Die Zeit treibt die Dinge nicht in strenger Kausalit\u00e4t von der Vergangenheit in die Zukunft, nur unterbrochen vom Zufall, der im Zusammenwirken mit der Notwendigkeit sodann die Vielgestaltigkeit des Lebens und die als Evolution verstandene Geschichte zusammenw\u00fcrfelt. Die Parusia, die Gotteswirklichkeit ist es, die den aus der Vergangenheit kommenden Lauf der Dinge unterbricht. Paul Sch\u00fctz unterscheidet von der \u201elinearen\u201c oder \u201ekausalen Zeit\u201c die \u201eparusiale Zeit\u201c, die im Augenblick hereinwirkt, den festgelegten Gang der Dinge ver\u00e4ndernd.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Paul Sch\u00fctz hat \u00fcber das Ph\u00e4nomen des Kontingenten gr\u00fcndlich nachgedacht. (15) Er war ein universal gebildeter Mensch, stand im Gespr\u00e4ch mit der Naturwissenschaft, etwa mit Werner Heisenberg, Pascual Jordan, Viktor von Weizs\u00e4cker, der Geisteswissenschaft und der Literatur seiner Zeit. Er erkennt in allen Bereichen des Wirklichen, angefangen von den Lichtquanten \u00fcber die Mutationen in den Genen, bis zum Menschen, durch die Jahrmilliarden und Millionen hindurch eine best\u00e4ndige, dann sich steigernde und sich \u00fcberst\u00fcrzende Zunahme von Kontingenz. Was aber dem \u201eexakten Naturwissenschaftler\u201c \u2013 wie Jacques Monod \u2013 als \u201eZufall und Notwendigkeit\u201c erscheint, zeigt sich als das sch\u00f6pferische Element, das die Welt aus den Uranf\u00e4ngen mit immer mehr Unwahrscheinlichkeit, Freiheit und Bewusstsein aufl\u00e4dt, immer reichere Formen schafft bis in die Gegenwart, da der Mensch \u201edas kontingente Wesen\u201c frei seine Welt gestaltet. Die \u201eparusiale Zeit\u201c verwandelt den gleichf\u00f6rmig flie\u00dfenden Zeitstrom in Geschichte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jacques Monod hatte erkl\u00e4rt: \u201eDer reine Zufall, nichts als der Zufall, die absolute, blinde Freiheit als Grundlage des wunderbaren Geb\u00e4udes der Evolution&#8230; ist die einzig vorstellbare Hypothese&#8230; Und die Annahme (oder Hoffnung), da\u00df wir unsere Vorstellungen in diesem Punkt revidieren m\u00fcssten oder auch nur k\u00f6nnten, ist durch nichts gerechtfertigt.\u201c (16) Diese \u201eeinzig vorstellbare\u201c Hypothese ist jedoch ein Konstrukt, bei dem jeder Mensch erkennen kann, da\u00df er in dieser Welt gar nicht vorkommt. Der Naturwissenschaftler erscheint hier so sehr an die engen Spielregeln der exakten Naturwissenschaften gefesselt, da\u00df er einem stockunmusikalischen Menschen gleicht, der beim Erklingen einer Melodie nur undefinierbare Ger\u00e4usche wahrnimmt und taub bleibt f\u00fcr die wunderbare Musik des Lebens.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">H\u00f6ren wir sie aus den Worten von Paul Sch\u00fctz: \u201eSie ist offene Sch\u00f6pfung. Sch\u00f6pfung als M\u00f6glichkeit, als zuk\u00fcnftige, noch unausgesch\u00f6pfte M\u00f6glichkeit jenes unausdenkbar Unm\u00f6glichen, das eben bei Gott M\u00f6glichkeit ist. Dieses: Gemeinschaft aus Abstand, dieses Gegen\u00fcber als Spannung, diese Partnerschaft von Vor-Bild und Nach-Bild, und jetzt und neu und anders qualifiziert: von m\u00e4nnlich und weiblich, ja weiter und weiter das All gliedernd durch Scheidung von Tag und Nacht, von Fl\u00fcssigem und Trockenem, von Licht und Dunkel, und aus dieser Spannung heraus sich entf\u00e4chernd die St\u00e4mme, die Arten, die Str\u00f6me der Gesch\u00f6pfe. Dies alles geladen mit der Dynamik zu sein, im Sein zu verharren, im Sein sich zu mehren, ja mit der Freiheit, ihr Sein zu wagen, so oder so, immer neu und anders zu sein. Die Freiheit als werdendes Sein, als Sein, das immer reicher an Erfindung, das immer vollkommener an Gestalt werden kann. Die Erde selbst geladen mit Macht, Sein zu spenden. Zweimal geht das Wort an die Erde als ein Wesen, ja als eine Person: \u201aEs lasse die Erde sprie\u00dfen!\u2019 Sch\u00f6pfung, das hei\u00dft kein Kosmos, verschlossen in der Statik eines ordo. Sch\u00f6pfung, das hei\u00dft: Gott will Geschichte haben mit seinen Gesch\u00f6pfen, Geschichte, in der Sch\u00f6pfung weitergehen soll, ja in der Sch\u00f6pfung erst zu ihrer Hauptsache kommen soll, in der der Hauptlauf noch aussteht, das Unahnbare erst kommen soll: das kein Auge gesehen, kein Ohr geh\u00f6rt hat\u201c. (17)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dem Menschen, der in der Geschichte \u201edrin steckt\u201c, zeigt sich zugleich unverh\u00fcllt das Doppelgesicht der Welt, die r\u00e4tselhafte Ehe des Guten mit dem B\u00f6sen in allen Dingen. Wenn das Kreuz des Gottessohnes der Ber\u00fchrungspunkt zwischen Gotteswirklichkeit und Weltwirklichkeit ist, dann zeigt sich an dieser Stelle der tiefe Riss, der durch alles hindurchgeht. Dann tut der Mensch die Augen auf und erkennt: \u201eMit der Zeit ist ein Ungl\u00fcck geschehen. Die Zeit, die urspr\u00fcnglich Gotteszeit, die ewige Zeit ist und im Evangelium \u201aF\u00fclle der Zeiten\u2019 hei\u00dft, sie ist der Sitz der Entzweiung, der Verg\u00e4ngnis, des Todes geworden. Die \u201aF\u00fclle der Zeiten\u2019 ist als Geschichte zerfallende Zeit geworden.\u201c (18) Die Bibel setzt deshalb unmittelbar nach den zwei Sch\u00f6pfungsberichten den S\u00fcndenfall und die Vertreibung aus dem Paradies. In den Worten von Paul Sch\u00fctz: \u201eUnd dann das Unausdenkbare: ein Bruch in unvordenklichen Zeiten und R\u00e4umen. Ein Unheil, minotaurisch in den innersten Herzkammern der Sch\u00f6pfung. Vom Mythos der V\u00f6lker in r\u00e4tselhaften Chiffren \u2013 wie aus galaktischen Fernen \u2013 uns signalisiert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieses Hinwegsinken des Paradieses in sich zuziehende Horizonte, dieses unser Zur\u00fcckbleiben! Dieses sich Vorfinden in dieser unserer Weltwirklichkeit, nach den Worten der Bibel auf dem Acker, der Dorn und Distel tr\u00e4gt, mit dessen Brot wir schon den Staub essen, zu dem wir wieder werden sollen! Dieser Vorgang ist das \u00dcberraschende schlechthin, unverstehbar im Blick auf seinen Sinn, unaufkl\u00e4rbar im Hinblick auf seine Ursache. Hier wird die Bildersprache des Mythos wie \u00fcber Abgr\u00fcnden zum gn\u00e4dig verschleiernden Spiel. Das macht uns zu schaffen. Das walzt keine Theologie glatt. Da bleibt nur noch der Glaube als Gehorsam\u201c. (19)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So spricht Paul Sch\u00fctz vom R\u00e4tsel des B\u00f6sen und vom S\u00fcndenfall und setzt ihn in den Anfang des Zeitenlaufs, als den Beginn unseres \u00c4ons, der in jeden Augenblick seiner Geschichte hineinwirkt. Adam ist nicht der biologische Vater des Menschengeschlechts. \u201eAdam \u2013 das ist die Gesamtheit der Menschen, die der Sch\u00f6pfer hier gleichsam quer durch alle Zeiten und R\u00e4ume als ein Eines und Ganzes in Adam vereint sieht &#8230; Adam ist die Universalgestalt der ganzen Sch\u00f6pfung. Er ist das Universum Mensch. Der Kosmos Mensch, der im Fall in Tr\u00fcmmer ging, sich aufgesplittert hat in der V\u00f6lkerwelt und durch die Zeiten hindurch sich ausgestreut hat und ausstreut&#8230;\u201c. (20) Deshalb lebt in den V\u00f6lkern die Urerinnerung an das verlorene Paradies und den himmlischen Menschen, von dem wir nur ein \u201eSplitterst\u00fcck\u201c sind. Wir erfahren das in der \u201eVerzwistung des Geschlechts\u201c, der Liebe zwischen Mann und Frau, die sich in Sucht und Streit verkehrt und so viel Not hervorruft. In der Bibel ist es der Fluch, der in den Wehen und der Erniedrigung der Frau erfahrbar wird. Die Liebe von Mann und Frau bedarf daher der Heilung in der bei Paul Sch\u00fctz sakramental verstandenen Ehe. (21)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Geschichte aber enth\u00fcllt sich nun als S\u00fcndenfall \u201eper saecula saeculorum\u201c, als katastrophischer Geschichtsgang bis zum Zerbruch: \u201eDas also gibt es in der Sch\u00f6pfung: die Rebellion des Lebens, den Ausbruch in die blinde Wut der Sucht. Der Mensch ist der Allsucht verfallen. Er will auch den Abgrund ausgenie\u00dfen.\u201c (22)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Kreuz aber ist der Ort der Vers\u00f6hnung. Der Sch\u00f6pfer selbst durchkreuzt das Unheil. \u201eGott l\u00e4\u00dft sich n\u00e4mlich nichts, was er geschaffen hat, entrei\u00dfen. Er holt es sich wieder, und h\u00e4tte es unsere Sucht bis in die H\u00f6lle verschleppt.\u201c (23) \u201eIn Christus nimmt Gott dieses Unheil wieder auf sich. Er \u201azieht\u2019 es wieder auf sich, das hei\u00dft auf Christus hin. Er zieht es in ihm zusammen, l\u00e4dt es wieder auf ihn und nimmt es in Christus gefangen und f\u00fchrt es als Sieger gefesselt wieder zur\u00fcck in den Abgrund seiner Gottheit\u201c. (24) So ist er \u201edas Lamm Gottes, das der Welt S\u00fcnde tr\u00e4gt\u201c (Joh. 1,29).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was Paul Sch\u00fctz in k\u00fchnen, eindringlichen S\u00e4tzen ausspricht, ist der Dreitakt von Sch\u00f6pfung, S\u00fcnde und Erl\u00f6sung. Sie sind drei Vorzeichen, die den Lauf der Zeit und deren Ende in Weltgericht und Neusch\u00f6pfung bestimmen. Im Menschen und seiner Geschichte wird das offenbar. Obgleich der Mensch erst ganz am Ende der langen kosmischen Geschichte auftaucht, er ist kein \u201eZigeuner am Rande des Universums\u201c, er ist die Mitte des Universums: \u201eIch kann es nicht beweisen, aber ich wei\u00df es einfach, vielleicht aus der Anamnesis her, das die Erde die Mitte des Universums ist, und der Mensch auf ihr der geheimnisvolle Schnittpunkt, in dem sich Mikrokosmos und Makrokosmos ber\u00fchren, und der zugleich geheimnisvolle Brennpunkt aller spirituellen Reiche und M\u00e4chte.\u201c (25) Die Geschichte enth\u00fcllt sich so als ein \u201eInterim\u201c zwischen dem \u201evon Ewigkeit zu Ewigkeit\u201c der Gotteswelt in die sie wieder durch die letzte Krise hindurch zur\u00fcckgenommen wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Das M\u00e4rchen vom Hasen und vom Igel<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Igel ist immer schon am Ziel, so sehr auch der Hase hin und her rennt, um Erster zu sein. So k\u00f6nnte man die Konkurrenz zwischen biblischer Hoffnungsgeschichte und Naturwissenschaft erz\u00e4hlen. Astronomie, Astrophysik und Evolutionsbiologie haben im Rahmen ihrer M\u00f6glichkeiten die Welt und die Geschichte des Lebendigen erkundet. Es schien, als ob die Hoffnungsgeschichte der Bibel von der s\u00e4kularen Geschichte damit schon als ein \u201eM\u00e4rchen aus uralten Zeiten\u201c entlarvt sei. Die Folgen sind bekannt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es war im Jahr 1915, als Albert Einstein das als konstante r\u00e4umliche und zeitliche Unendlichkeit vorgestellte Universum durch seine eigene Entdeckung, die Allgemeine Relativit\u00e4tstheorie, gef\u00e4hrdet sah. Lie\u00df diese doch eine bislang v\u00f6llig undenkbare Ver\u00e4nderung von Raum und Zeit zu. Die Einf\u00fchrung einer von ihm vorgeschlagenen \u201ekosmischen Konstanten\u201c, die dem \u00dcbel abhelfen sollte, hat er sp\u00e4ter als \u201eden gr\u00f6\u00dften Fehler seines Lebens\u201c bezeichnet. Zeigte sich doch schon bald darauf an der bekannten Rotverschiebung im Spektrum der Gestirne, da\u00df die bef\u00fcrchtete Ver\u00e4nderung tats\u00e4chlich stattfindet. Sie f\u00fchrte zu dem heute allgemein anerkannten Bild einer Welt, die zusammen mit Raum und Zeit vor 14 Milliarden Jahren im \u201eUrknall\u201c ihren Anfang nahm und sich seither nach allen Richtungen ausdehnt, und zwar mit zunehmender Beschleunigung. Nun wei\u00df man: unsere Welt ist nicht ewig, sie hat einen Anfang \u2013 wie jede Geschichte. Die Bibel aber wei\u00df schon lange: \u201eAm Anfang schuf Gott Himmel und Erde.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jacques Monod erz\u00e4hlte noch in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts seine story vom Menschen als dem Zigeuner am Rande des Universums, der seine Existenz nur einem verr\u00fcckten Zufall zu verdanken habe. Seit einigen Jahren diskutieren die Gelehrten \u00fcber das AP, das \u201eanthropische Prinzip\u201c, das genau das Gegenteil sagt: Schon ganz am Anfang waren die vier Naturkonstanten so unwahrscheinlich fein abgestimmt, da\u00df am Ende der Mensch auftauchen mu\u00dfte. Das Verh\u00e4ltnis von Mensch und Kosmos mu\u00df neu definiert werden. Es sieht so aus, als ob das Universum schon von Anfang an auf das Auftauchen des Menschen angelegt sei. Es ist wie ein riesiger Brutkasten, dazu bestimmt, in einem langen Prozess am Ende den Menschen hervorzubringen. In einer weit ausholenden, sich dem Ende zu beschleunigenden Zeitkurve taucht deshalb der Mensch \u2013 gewisserma\u00dfen in den letzten Sekunden des Weltentages \u2013 auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Bibel aber erscheint Adam schon immer am letzten Tag der Sch\u00f6pfungswoche, kurz vor dem Sabbat. Gott hat ihn als Mann und Frau sich zum Ebenbild geschaffen, als die Hauptperson der Sch\u00f6pfung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jacques Monod und viele Evolutionsbiologen reden noch heute von Zufall und Notwendigkeit als der alleinigen Ursache der Evolution. Heute ist das Zutrauen in die kreative Kompetenz des Zufalls und der Selektion im Schwinden und es wird heftig \u00fcber ID (Intelligent Design), eine planende Intelligenz, diskutiert, die das erkl\u00e4ren k\u00f6nnte, was immer r\u00e4tselhafter wird. Eigentlich darf das jedoch gar nicht sein, da dies die Spielregeln der exakten Naturwissenschaft verletzt. Die Bibel leitet in ihrem ersten Kapitel die Sch\u00f6pfungswerke schon immer mit dem Satz ein: \u201eUnd Gott sprach\u201c. Und auch das Neue Testament wei\u00df, da\u00df Gott alle Dinge tr\u00e4gt mit seinem \u201ekr\u00e4ftigen Wort\u201c (Hebr. 1,3). Die zunehmende Beschleunigung der Ausdehnung des Weltraums erscheint v\u00f6llig r\u00e4tselhaft. Eigentlich m\u00fcsste man von alleine drauf kommen, da\u00df es eine unendliche Beschleunigung nicht gibt. Mu\u00df sie nicht \u2013 wie jede beschleunigte Masse an der Lichtgeschwindigkeit \u2013 an der \u201eRaummauer\u201c und der \u201eZeitmauer\u201c ihre Grenze finden? Mu\u00df nicht die Quantit\u00e4t dann in neue Qualit\u00e4t umschlagen? \u201eDie Grenzen der Zeit und des Raumes weichen vor dem Menschen nicht mehr ins Unendliche hinaus. Sie st\u00fcrzen auf ihn zu. Sie st\u00fcrzen um so schneller auf ihn herein, je st\u00fcrmischer sein Fortschritt ist, je k\u00fchner er sich gegen die Grenzen hin bewegt\u201c. (26) Doch das w\u00fcrde bedeuten, da\u00df die Geschichte des Universums nicht nur einen Anfang, sondern auch ein Ende h\u00e4tte. Und da\u00df dieses Ende nahe bevorstehen m\u00fcsste. Doch das darf nicht sein! (27)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Predigt Jesu aber beginnt mit dem Satz: \u201eDie Zeit ist erf\u00fcllt und das Reich Gottes nahe herbeigekommen\u201c(Mk. 1, 15). Aber das w\u00fcrde dann auch dem zweiten Satz sein Recht geben: \u201eVer\u00e4ndert euren Sinn und glaubt an das Evangelium.\u201c Soweit geht heutige Erkenntnis nicht, auch wenn es mit H\u00e4nden zu greifen ist, da\u00df die Parabelkurve der Geschichte unseres Universums sich aus der Horizontalen kommend schon einkr\u00fcmmt in die Vertikale: es ist die R\u00fcckkehr der Zeit \u2013 des Interims \u2013 in die Ewigkeit. Da\u00df der Hase den Igel doch noch einholt, ist unwahrscheinlich. Im M\u00e4rchen stirbt er an Ersch\u00f6pfung. Bei uns wird man nicht damit rechnen k\u00f6nnen, da\u00df ein Mensch auf den Wegen der exakten und objektiven Wissenschaft die biblische Hoffnungsgeschichte entdecken wird \u2013 und sie dann gar \u201ebeweisen\u201c k\u00f6nnte. Dazu mu\u00df er seinen Platz \u00fcber den Dingen verlassen, dorthin gehen, wo er in der Geschichte selbst \u201edrinsteckt\u201c und dort das Evangelium h\u00f6ren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir aber k\u00f6nnen neu die biblische Hoffnungsgeschichte entdecken, trotz des \u201egarstigen historischen Grabens\u201c, auf den der Leser sto\u00dfen mu\u00df, trotz des Fragmentcharakters, trotz aller Fragw\u00fcrdigkeiten der Bibel. Sie ist weder \u201eirrtumslos\u201c noch perfekt. Aber sie ist einfach wahr. Nicht blinde Buchstabentreue wird dem Buch gerecht, sondern das offene Wahrnehmen dessen, was uns im Buchstaben gezeigt ist: Die Realit\u00e4tsdichte, die Glaubenserfahrung der Menschen, die bildhafte, den Dingen und Menschen nahe Sprache, die tiefe Weisheit, die Prophetie, die mit den letzten Dingen auch die ersten umfasst, die wahre Geschichte unserer Welt, in der wir \u201edrin stecken\u201c, und in allem die \u201eLeise Stimme\u201c die unser Herz und Gewissen erreicht, Gedanken und Verstand erleuchtet und die Horizonte weit macht. Dann kann es geschehen, da\u00df das eigene kleine Leben sich mit der gro\u00dfen Heilsgeschichte verkn\u00fcpft: das Gr\u00f6\u00dfte, was uns Menschen wiederfahren kann. Dann \u00f6ffnet sich die Welt nach vorne. Es geschieht \u201emetanoia\u201c, die umfassende Neuorientierung. Unser Leben wird, wie in jeder Geschichte, die uns seit Kindertagen erz\u00e4hlt wurde, eingegliedert \u2013 nunmehr in die dem J\u00fcnger gem\u00e4\u00dfe Zeit. Sie endet nicht im Tode, sondern im \u201eFreudenmysterium\u201c der Ewigkeit. Diese Geschichte mu\u00df sich nicht verstecken, sie will \u00f6ffentlich erz\u00e4hlt werden, den einen zum Verdruss, da ihre Rechnungen nun nicht mehr stimmen, anderen aber zur Freude. Sie erweist sich als die T\u00fcre in die Freiheit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Anmerkungen<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">1 Vortrag bei der Tagung der Paul-Sch\u00fctz-Gesellschaft am vom 24.-26. Februar 2006 in Marburg.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">2 P. Sch\u00fctz, Charisma Hoffnung, Ges. Werke II, 1963, S.480.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">3 Jacques Monod, \u00abLe hasard et la n\u00e9cessit\u00e9, Paris 1970\u00bb , deutsch : \u00abZufall und Notwendigkeit\u00bb, M\u00fcnchen 1971.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">4 A.a.O. S. 211.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">5 R. Bultmann, Geschichte und Eschatologie, T\u00fcbingen 1958, S. 184.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">6 P. Sch\u00fctz, a.a.O. S. 441.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">7 \u201eUnsere Vorstellungswelt ist beschlagnahmt, unsere Kr\u00e4fte aufgezehrt vom Leben im neuen\u2019Paradies\u2019. Die klassenlose, rassenlose, die v\u00f6lkerlose Weltgemeinschaft kommt. Und mit dieser paradiesischen Egalit\u00e9 die Ideologie, die diese \u201akonkrete Utopie\u2019 dogmatisiert. Zweifellos, dies ist der Trend. Kein Platz mehr f\u00fcr irgendein anderes Denken als eben nur dies.\u201c So Paul Sch\u00fctz schon 1968 in: Warum ich noch ein Christ bin, 1969, S. 130.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">8 Johannes Paul II. Erinnerung und Identit\u00e4t, Augsburg 2005, S. 26.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">9 Pierre Chaunu, Die verh\u00fctete Zukunft, 1981, S. 202f.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">10 \u201eDurch die Welt mu\u00df man die Bibel lesen und durch die Bibel hindurch die Welt. Sie entschl\u00fcsseln einander. Sie geben einander Realit\u00e4t. Das christliche Zeitalter ist zu Ende. Ein neues Blatt ist aufgeschlagen. Wie ein Palimpsest ist seine Partitur zu entziffern, auf dem \u201eBibel\u201c und \u201eWelt\u201c \u00fcbereinander-ineinander geschrieben sind\u201c (P.Sch\u00fctz, Warum ich noch ein Christ bin, 1969, S. 45).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">11 P. Sch\u00fctz, Der Mythos vom Menschen, Ges. W. II, S. 81.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">12 P. Sch\u00fctz, Widerstand und Wagnis, Moers 1982, S.186.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">13 P. Sch\u00fctz, Universalgeschichte als Heilsgeschichte, in: Ges. W. II, S. 422.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">14 P. Sch\u00fctz, Charisma Hoffnung, a.a.O. S. 487.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">15 P. Sch\u00fctz, Wie ist Glaube m\u00f6glich? Krise und Chance des Christentums im Zeitalter der Wissenschaft, in: Widerstand u. Wagnis S. 121-186.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">16 J. Monod, a.a.O. S. 141f.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">17 P. Sch\u00fctz, Sch\u00f6pfungsmythos u. Weltwirklichkeit Ges. W. II. S. 393f.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">18 P. Sch\u00fctz, Das Mysterium d. Geschichte, Ges. W.II, S. 121.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">19 P. Sch\u00fctz, Sch\u00f6pfungsmythos u. Weltwirklichkeit, Ges. W.II, S. 394f.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">20 P. Sch\u00fctz, Universalgeschichte als Heilsgeschichte, Ges. W. II, S. 418.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">21 \u201eDiese Hilfe hat die Kirche Mann und Weib in einem besonderen Akte zu geben: in der Trauung. Sie traut hier die beiden in die Gemeinschaft des Ebenbildes wieder hinein&#8230;. Die Kirche hilft in der Trauung Mann und Weib, da\u00df das, was in der Ehe geschehe, heraufgehoben werde in seine Gottesbestimmung. Sie hilft ihnen, da\u00df ihre Ehe christlich werde, n\u00e4mlich, da\u00df der Sch\u00f6pfungsvorgang, der zwischen beiden webt, aus dem Frevel seiner Gottesferne herausgehoben werde und seine Urbestimmung wiedererlange.\u201c P. Sch\u00fctz, Das Evangelium, Ges. W. I, 372f.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">22 P. Sch\u00fctz, Das Mysterium d. Geschichte, Ges. Werke II, S. 169.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">23 A.a.O. S. 200.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">24 A.a.O. S. 174.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">25 P. Sch\u00fctz, Von Geist und Leib Gottes, Ges. W. II, S.542.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">26 P. Sch\u00fctz, Was ist der Mensch, Ges. Werke IV, S. 104.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">27 Paul Sch\u00fctz aber fragt: \u201eK\u00f6nnte es sein, da\u00df die biologische Welt als Ganzes und mit allen ihren M\u00f6glichkeiten nur eine Sch\u00f6pfungsstufe ist, die \u00fcberwunden werden soll? Die schon in der Signatur jenes heraklitischen \u2019Der Streit der Vater aller Dinge\u2019 \u00fcber sich hinausweist? Ein unhaltbarerer Stand der Dinge, der in seiner Unertr\u00e4glichkeit gleichsam explodiert? Der nicht \u00fcber sich hinaus kann, nur hinausweist in der klaffenden Geste der Ohnmacht, in immer gewagteren Aufstiegen immer gef\u00e4hrlichere Abst\u00fcrze riskierend? Der in diesem Wollen und Nichtk\u00f6nnen in der gr\u00f6\u00dften Leidenschaft eines permanenten Revoltierens, eine einzige Signatur ist, geladen bis an den Rand mit Hinweisungskraft auf einen neuen Sch\u00f6pfungsgang, dessen Ziel im Evangelium \u201aReich der Himmel\u2019 hei\u00dft\u201c? Paul Sch\u00fctz, Warum ich noch ein Christ bin, S. 227.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Wiederentdeckung der verlorenen und verratenen biblischen Hoffnungsgeschichte bei Paul Sch\u00fctz (1) Der Messias Christus ist da. Nun ist der Horizont ge\u00f6ffnet. Hoffnung ist das Element, in dem sich die gefallene Sch\u00f6pfung erhebt. Evangelium ist Prophetie. Seit Christus sind in der Welt Gewalten losgebrochen, die Welt von einer Ver\u00e4nderung in die andere st\u00fcrzend. 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