{"id":17921,"date":"2021-03-12T09:17:44","date_gmt":"2021-03-12T08:17:44","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=17921"},"modified":"2021-03-12T09:19:35","modified_gmt":"2021-03-12T08:19:35","slug":"diesseits-theologie-und-politisierung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=17921","title":{"rendered":"Diesseits-Theologie und Politisierung"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWeil ihr aber nicht von der Welt seid, sondern ich euch aus der Welt erw\u00e4hlt habe, darum hasst euch die Welt\u201c (Johannes 15,19). Diese Ank\u00fcndigung Christi an seine Gemeinde spricht eine Wirklichkeit an, die von den kirchenleitenden Gremien der evangelischen Landeskirchen in Deutschland wohl eher als Bedrohungsszenario denn als Wesensmerkmal von Kirche wahrgenommen wird. Weder wird eine Distanz zur Welt empfunden noch angestrebt. Der Hass der Welt soll vermieden werden.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Ablehnung von Kirche und Glauben scheint dabei in den westlichen Gesellschaften um so mehr zu wachsen, je weiter sich die kirchlichen Aktivit\u00e4ten den Gegebenheiten in der Welt ann\u00e4hern, je weniger unterscheidbar die Gemeindearbeit von s\u00e4kularer Sozialarbeit oder politischer Agitation wird. So tragen weite Teile der evangelischen Kirche zur S\u00e4kularisierung der Gesellschaft durch eine Selbsts\u00e4kularisierung bei.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Fehlentwicklungen der liberalen Theologie<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Welche theologischen Weichenstellungen haben zu dieser Situation beigetragen? Um manche Entwicklungen einordnen zu k\u00f6nnen, eignet sich die Vorrede zu der 1872 in Leipzig gedruckten \u201eProtestanten-Bibel\u201c. Es handelte sich um eine kommentierte Neuausgabe des Neuen Testaments in Verantwortung des 1865 als Dachverband der liberalen Theologie gegr\u00fcndeten Deutschen Protestantenvereins. Wie in vielen \u00e4lteren Bibelausgaben bezog man sich f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis der Bibel auf 2. Timotheus 3,16: \u201eAlle Schrift, von Gott eingegeben, ist n\u00fctze zur Lehre, zur Zurechtweisung, zur Besserung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit.\u201c Allerdings ging die lutherische Tradition mit dem biblischen Wortlaut davon aus, dass der Nutzen der Heiligen Schrift durch die Offenbarung Gottes gegeben ist und in den Bereichen Lehre, Zurechtweisung, Besserung, Erziehung erfahrbar wird. Aus der dankbar staunenden Wahrnehmung und dem Bekenntnis wurde in der \u201eProtestanten-Bibel\u201c eine Wertung bzw. Unterscheidung: Teile der Bibel gelten als relevant, <em>sofern<\/em> sich deren N\u00fctzlichkeit erweisen l\u00e4sst:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eSelbst zu der Zeit, wo das erst christliche Schriftthum sich schon zu allgemeinerer Bekanntschaft und W\u00fcrde in der Christenheit erhob, da ist das <em>Ansehen<\/em> einer jeden \u201agotteingegebenen Schrift\u2018 begr\u00fcndet allein durch ihre <em>N\u00fctzlichkeit<\/em> zur Lehre, zur Strafe, zur Besserung, zur Z\u00fcchtigung in der Gerechtigkeit.\u201c (S. XXVII).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Nutzen der Bibel und der Kirche steht also nicht fest, was die Verk\u00fcndigung des Evangeliums aus dem Wesen seiner gleichbleibenden Botschaft heraus motivieren w\u00fcrde, sondern muss \u2013 nach dieser Auffassung \u2013 erst erarbeitet werden. Bezugspunkt ist dann nicht der Auftrag Gottes, sondern die Gesellschaft bzw. das politische Gemeinwesen, f\u00fcr das sich Kirche nach den Ma\u00dfst\u00e4ben des gesellschaftlich-politischen Lebens als n\u00fctzlich \u2013 in Corona-Zeiten k\u00f6nnte man sagen: als \u201esystemrelevant\u201c \u2013 pr\u00e4sentieren muss.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Nutzen f\u00fcr die Gesellschaft \u2013 statt Erl\u00f6sung<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Hintergrund steht auch der Gedanke einer Zivilreligion, wie ihn besonders pr\u00e4zise der franz\u00f6sische Aufkl\u00e4rungsphilosoph Jean-Jacques Rousseau formuliert hat. Er sprach in seinem \u201eSozialvertrag\u201c von einem rein staatsb\u00fcrgerlichen Glaubensbekenntnis und meinte damit die \u201eGesinnung des Miteinander, ohne die es unm\u00f6glich ist, ein guter B\u00fcrger und ein treuer Untertan zu sein\u201c. Von Erl\u00f6sung und ewigem Leben ist weder hier noch in den Konkretionen die Rede, die in dieser \u201eProtestanten-Bibel\u201c dann genannt werden: \u201eDie Herausgeber der Protestanten-Bibel bekennen sich zu dem Glauben, da\u00df der Anfeindung zwischen Vernunft und Glauben, zwischen Religion und Wissenschaft ein Ende gemacht werden mu\u00df, wenn <em>unser Volksleben gedeihen<\/em> soll\u201c (S. IX). Das kirchliche Leben soll also zu einem gesellschaftlichen Gedeihen, zum Zusammenhalt, zu einem Funktionieren der politischen Abl\u00e4ufe beitragen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In dem letzten Zitat werden mit der Spannung von Vernunft und Glauben bzw. Religion und Wissenschaft auch die Bezugsinstanzen theologischer Erkenntnis und Entscheidung angesprochen, an denen sich Kirche, will sie in dieser Weise n\u00fctzlich f\u00fcr die Gesellschaft sein, abarbeitet. Bereits in der fr\u00fchen Christenheit gab es Theologen wie z.B. Origenes, die zwischen dem Wortlaut der Bibel und einem tieferen Sinn dahinter unterscheiden wollten. Verfestigt hat sich das Gegeneinander eines zeitlosen und universal g\u00fcltigen Kerns und einer vermeintlich zeitbedingten Schale in der Theologie allerdings seit der zweiten H\u00e4lfte des 18. Jahrhunderts.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Der Mensch als Richter \u00fcber Gottes Wort<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ging es zun\u00e4chst um Vereinbarkeit mit der Vernunft, so sp\u00e4ter um Kompatibilit\u00e4t mit einem politischen System, mit vorherrschenden Ideologien oder mit dem Selbstverst\u00e4ndnis sozial definierter Gruppen. Gemeinsam war allerdings allen inhaltlichen F\u00fcllungen, dass die Bewegungsrichtung nicht von Gott und seinem Wort zu den Menschen verlief, sondern umgekehrt der Mensch als Richter \u00fcber Gottes Wort auftrat. Grundsatz des dann \u201ehistorisch-kritisch\u201c genannten Unterscheidungsmodells ist bis heute, dass Ereignisse der Geschichte nur linear aus anderen geschichtlichen, innerweltlichen Vorg\u00e4ngen erkl\u00e4rt werden d\u00fcrfen und mit Wundern, also einem Eingreifen Gottes, nicht gerechnet werden kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Charakteristisch f\u00fcr eine solche liberale Theologie ist die Behauptung, Wahrheit sei nicht eindeutig fassbar und von Gott k\u00f6nne nicht direkt oder aufgrund von Offenbarung oder Erfahrung gesprochen werden. Es seien allenfalls symbolische Redeweisen von Gott und seinem Wirken m\u00f6glich. Alle Geschichtlichkeit, wie sie Gegenstand des Glaubensbekenntnisses ist, wird bestritten. Der Glaube wird in einem ersten Schritt seiner Konkretheit beraubt, bleibt inhaltlich zumindest flexibel und die Beziehung von Gedanken, Begriff und Wirklichkeit wird in der Schwebe gehalten. Mit der Entkonkretisierung wird allerdings in einem zweiten Schritt eine Rekonkretisierung verbunden. Den traditionellen Glaubensinhalten werden, da sie ja zun\u00e4chst nur einen symbolisch-begrifflichen Status haben, durch Interpretation und Aktion konkrete neue F\u00fcllungen verliehen. \u201eGott\u201c und seine Heilstaten gewinnen dann Wirklichkeit in dem, was die Menschen bzw. die Kirche daraus machen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zentral ist die Diskussion dar\u00fcber, was mit dem Evangelium als \u201eviva vox\u201c, also als einer lebendigen Stimme gemeint sei (Luthers Werke, Epistel Petri gepredigt und ausgelegt, 1523, Weimarer Ausgabe 12, S. 259). Die Reformation bekannte sich zur Wirksamkeit (efficacia) der Heiligen Schrift aus ihrem Wesen als Wort Gottes heraus. Durch das Predigtamt wird, so hei\u00dft es im f\u00fcnften Artikel des Augsburgischen Bekenntnisses, Evangelium und Sakrament gegeben, wodurch als Heilsmittel der Heilige Geist gegeben wird, der dann, \u201ewo und wann er will\u201c den Glauben bei denen bewirkt, die das Evangelium h\u00f6ren. Die liberale Theologie legt hingegen alles Gewicht auf die Predigt als Interpretation bzw. Aktualisierung, durch die der eigentliche Gehalt des Evangeliums erst je neu Gestalt gewinne. Nicht der Heilige Geist, sondern der Mensch, der sich als Ausleger auf Gegebenheiten der Situation und gesellschaftliche Erfordernisse bezieht, ist dann das handelnde Subjekt. Dadurch kommt es zu einer fast unbegrenzten Anpassungsf\u00e4higkeit der evangelischen Kirche und es entstehen Ankn\u00fcpfungspunkte f\u00fcr jedwede s\u00e4kulare Weltanschauungen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Wenn Moral an die Stelle des Evangeliums tritt<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr die evangelischen Landeskirchen in Deutschland wurde in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg der theologische Ansatz Karl Barths besonders einflussreich. Im Unterschied zur lutherischen Theologie lehnte Barth die Unterscheidung und den gleichzeitigen Wechselbezug von Gesetz und Evangelium ab. Vereinfacht ausgedr\u00fcckt ging Barth von einer Vers\u00f6hnung der Welt mit Gott als bereits erreichtem Zustand aus, der zeichenhaft im Tun der Kirche bezeugt werden sollte. In der Gemeindearbeit geht es dann darum, dem Evangelium gem\u00e4\u00dfe Strukturen in der Welt zu schaffen. Gerade der sp\u00e4te Barth hielt sich in konkreten L\u00f6sungsvorschl\u00e4gen f\u00fcr tagespolitische oder auch programmatische Grundsatzfragen der Politik keineswegs zur\u00fcck. Da Kirche und Welt als vom Evangelium durchdrungen, als bereits jetzt von Christus beherrscht betrachtet wurde, wurden s\u00e4mtliche politischen Fragen zu Ausdrucksformen des Evangeliums. Der Predigt im Gottesdienst kommt dann die Aufgabe zu, die bereits angelegten weltlichen Gestaltungsformen des Evangeliums aufzudecken, beim Namen zu nennen und mit dem apodiktischen Wahrheitsanspruch des Evangeliums als einzig zul\u00e4ssige Option zu verk\u00fcnden. Das Evangelium nimmt gesetzliche Gestalt an, ist Zuspruch nur in Form des Anspruchs. Dies erkl\u00e4rt den Moralismus f\u00fchrender Vertreter der EKD, die fern jeglicher differenziert agierender Realpolitik ganz bestimmte tagespolitische Entscheidungen f\u00fcr die einzig legitimen erkl\u00e4ren (z.B. aktuell im Umgang mit der Seenotrettung im Mittelmeer).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrend die Argumentation der Reformatoren stets den R\u00fcckbezug auf die Heilige Schrift gegen eine Neben- oder gar Vorordnung der (kirchlichen) Tradition betonte, kamen mit der Problematisierung des Schriftprinzips in der evangelischen Kirche neue Formen von Tradition ins Spiel. Das ist immer dann der Fall, wenn auf die Notwendigkeit hingewiesen wird, die Bibel in ihrem Zeitkontext verstehen zu m\u00fcssen, von dem man die heutige Zeit mit ihren neuen Erkenntnissen zu unterscheiden habe. Man differenziert dann nicht nur zwischen zeitlosen und vermeintlich zeitbedingten Teilen der Bibel, sondern meint, bei der Entstehung der Bibel nicht Gott, sondern kulturelle Konstellationen und soziologische Machstrukturen als ma\u00dfgeblich herausstellen zu m\u00fcssen. \u201eHeute\u201c m\u00fcsse man auf die neuen Erkenntnisse \u201eder\u201c Wissenschaften Bezug nehmen und von dorther Sachkritik an der Bibel \u00fcben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>An die Stelle der Rechtfertigung tritt politische Korrektheit<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bemerkenswert ist dabei, dass das jeweils f\u00fcr anst\u00f6\u00dfig Gehaltene in der inhaltlichen F\u00fcllung ebenso wechselt wie die Leitwissenschaften, an denen man sich zu orientieren h\u00e4tte. So war erst die Philosophie mit ihrem rationalen Ansatz der Bezugsrahmen, dann waren es die Naturwissenschaften bis hin zur Rassenlehre bei den dem Nationalsozialismus nahestehenden Theologen, schlie\u00dflich die Sozialwissenschaften und die damit verkn\u00fcpfte Geschlechterforschung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Insbesondere seit den 1960er Jahren wird die Bibel als Machwerk von Vertretern unterschiedlicher Varianten eines Unterdr\u00fcckungssystems betrachtet. Weil man in Inhalt und Formulierung der Bibel den Ausdruck der Interessenpolitik bestimmter \u2013 daf\u00fcr zu kritisierender \u2013 Kreise und Gruppen zu finden meint, sehen sich manche legitimiert, ihre eigenen Interessen in die Neuinterpretation bzw. Neuformulierung der Bibel einflie\u00dfen zu lassen. Die Bibel gilt in ihrer herk\u00f6mmlichen Form als nicht relevant, ja gef\u00e4hrlich. Die Bibel wird dann durch Selektion, Neudeutung und teilweise Neuformulierung (etwa in der \u201eBibel in gerechter Sprache\u201c) relevant und n\u00fctzlich gemacht, um f\u00fcr den Interessenkampf bestimmter sozial definierter Gruppen zu motivieren. W\u00e4hrend die Reformation zwischen Glaube und Unglaube, Wort Gottes und Tradition unterschied, kommt es gegenw\u00e4rtig im kirchlichen Raum zu neuen Unterscheidungen, ja Feindbildern. Es geht dann nicht um Glaube, sondern um (politische) Gesinnung, nicht um eine Gemeinschaft der Glaubenden, sondern um Mitstreiter in einem f\u00fcr gerecht gehaltenen Kampf. An die Stelle der Rechtfertigung aus Glauben tritt die politische Korrektheit und an die Stelle des Gerichts Gottes die f\u00fcr notwendig gehaltene Ausgrenzung und Tabuisierung abweichender Meinungen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In Deutschland k\u00f6nnte eine Station auf dem Weg zur Vorherrschaft einer auf das Diesseits fixierten Theologie auch in der Abl\u00f6sung des landesherrlichen Kirchenregiments durch die Volkskirchenstruktur in einem demokratischen Gemeinwesen nach dem Ersten Weltkrieg gelegen haben. Luthers unbestreitbare N\u00e4he zur f\u00fcrstlichen Obrigkeit war vor allem darin motiviert, das Evangelium vor einer \u00dcberfrachtung durch irdische Angelegenheiten zu bewahren, es nicht zu verweltlichen und dadurch stumpf zu machen. Deswegen w\u00fcrdigte er die staatliche Macht, gerade insoweit sie nicht von kirchlichen W\u00fcrdentr\u00e4gern, sondern von weltlichen Amtstr\u00e4gern ausge\u00fcbt wurde. Auch in Aus\u00fcbung eines solchen Amtes sollte ein Dienst f\u00fcr Gott m\u00f6glich sein, allerdings f\u00fcr Gott als Sch\u00f6pfer und Erhalter, nicht als Erl\u00f6ser. Die Zwei-Reiche-Lehre unterschied staatliche und kirchliche Aufgaben, entlie\u00df den Staat aber nicht in eine Autonomie, in der ohne Normen und Werte oder Verantwortung gehandelt werden d\u00fcrfte. Vielmehr handelte es sich nach Luthers Verst\u00e4ndnis um zwei von Gott eingesetzte Regimente, in den Gott in je spezifischer Weise durch menschliche Werkzeuge handelte. Die F\u00fcrsten sollten sich dabei aber gebunden wissen an Gottes Wort und Willen, wie das in den Zehn Geboten oder in Institutionen, die der Sch\u00f6pfung eingestiftet wurden (z.B. Ehe), artikuliert ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit dem Wechsel der Staatsform h\u00e4tten Formen einer Bindung an Gott auch f\u00fcr das demokratische Staatswesen gefunden werden k\u00f6nnen. Faktisch ersetzte aber die Gesellschaft die F\u00fcrsten und sah sich nicht nur im Staat, sondern auch in der Kirche als legitimiert an, das zu definieren, was des Volkes Wille sein sollte. So erh\u00f6hte sich mit zunehmender Pluralisierung der Gesellschaft der Druck auf die evangelische Kirche, die Strukturen der Gesellschaft nicht nur soziologisch, sondern auch inhaltlich in der Volkskirche abzubilden. Die Kirche soll dann zwischen verschiedenen Interessen vermitteln, jedem Individuum und jeglicher Gruppe Angebote durch entsprechend zugeschnittene Amtshandlungen machen. So findet das Dominanzstreben einzelner gesellschaftlicher Gruppen eine Fortsetzung in der Kirche, ja wird durch bewusste Parteinahmen noch unterst\u00fctzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Gewissenssch\u00e4rfung oder Parteinahme?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Damit wiederum h\u00e4ngt ein letzter Aspekt zusammen. Die reformatorische Theologie ging davon aus, dass Amtstr\u00e4ger als Einzelpersonen anders handeln, wenn sie gl\u00e4ubig sind, von Gott in ihrem Charakter ver\u00e4ndert wurden, sich Gott gegen\u00fcber verantwortlich wissen. Die politische Aufgabe der Kirche besteht dann v.a. in der Gewissenssch\u00e4rfung, die mit der vollumf\u00e4nglichen Verk\u00fcndigung der authentischen biblischen Botschaft einhergeht. Strukturen und Missst\u00e4nde in deren Umsetzung ver\u00e4ndern sich dann, wenn ver\u00e4nderte Menschen in ihnen handeln, sich dem mit der Einsetzung durch Gott verkn\u00fcpften Ursprungssinn der Institutionen verpflichtet f\u00fchlen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dagegen f\u00fchrt die Dominanz sozialwissenschaftlicher Deutungsans\u00e4tze der Wirklichkeit in weiten Teilen der evangelischen Kirche dazu, dass der reformatorische Ansatz in seiner Sto\u00dfrichtung umgedreht wird: Man setzt alles auf die Ver\u00e4nderung politischer Strukturen und Systeme und will dadurch einen anderen, den neuen Menschen schaffen. Die Anf\u00e4lligkeit f\u00fcr ideologische Utopien, die auch einen neuen Menschen und eine bessere Welt zu schaffen vorgaben, hat sich im Verhalten der evangelischen Kirche in den beiden deutschen Diktaturen des 20. Jahrhunderts hinl\u00e4nglich erwiesen. Eine Besinnung auf das Wort vom Kreuz, das ein Kontrastprogramm zu innerweltlichen Erl\u00f6sungsans\u00e4tzen darstellt, w\u00e4re da hilfreich gewesen!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Dr. Christian Herrmann, Leonberg<\/em><\/p>\n<p><em>Mit freundlicher Genehmigung des Verfassers.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Quelle: Arbeitskreis Bekennender Christen in Bayern e.V., ABC-Nachrichten 2021\/1 <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eWeil ihr aber nicht von der Welt seid, sondern ich euch aus der Welt erw\u00e4hlt habe, darum hasst euch die Welt\u201c (Johannes 15,19). Diese Ank\u00fcndigung Christi an seine Gemeinde spricht eine Wirklichkeit an, die von den kirchenleitenden Gremien der evangelischen Landeskirchen in Deutschland wohl eher als Bedrohungsszenario denn als Wesensmerkmal von Kirche wahrgenommen wird. 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