{"id":17814,"date":"2021-01-14T15:33:48","date_gmt":"2021-01-14T14:33:48","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=17814"},"modified":"2021-01-15T09:19:22","modified_gmt":"2021-01-15T08:19:22","slug":"ideologie-oder-glaube-was-brauchen-lebensmuede-menschen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=17814","title":{"rendered":"Ideologie oder Glaube? Was brauchen lebensm\u00fcde Menschen?"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Seitdem das Bundesverfassungsgericht im Februar 2020 \u201eein Recht auf selbstbestimmtes Sterben\u201c festgestellt hat, und zwar \u201ein jeder Phase menschlicher Existenz\u201c, rei\u00dft die Debatte \u00fcber den sog. assistierten Suizid nicht mehr ab. Schon Jahre vorher hatten der fr\u00fchere EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider und seine 2014 an Krebs erkrankte Frau Anne in publizierten Gespr\u00e4chen das Thema in die \u00d6ffentlichkeit getragen. Erst vor wenigen Monaten hat sich Anne Schneider in einem Interview noch einmal f\u00fcr die selbstbestimmte Selbstt\u00f6tung ausgesprochen. \u201eWenn ich am Ende eines erf\u00fcllten Lebens im Reinen mit mir und den mir nahen Menschen Medikamente n\u00e4hme, um mein Sterben zu beschleunigen, k\u00f6nnte ich dies mit meinem Gottvertrauen vereinbaren\u201c (Evang. Zeitung 18.10.2020).<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schon bald nach dem BVG-Urteil hatte der Hannoversche Landesbischof Ralf Meister Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Karlsruher Richter gezeigt. Im September 2020 erkl\u00e4rte er in einem Interview, dass man \u201edie Willensentscheidung des Sterbenden\u201c, \u201eaus dem Leben scheiden\u201c zu wollen, \u201eh\u00f6ren und ernst nehmen\u201c m\u00fcsse. Das gelte auch f\u00fcr kirchliche Einrichtungen (Evang. Zeitung 14.9.2020). Einen neuen H\u00f6hepunkt erhielt die Debatte am 11.1.2021, als in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ein ganzseitiger Artikel mit dem Titel \u201eDen assistierten professionellen Suizid erm\u00f6glichen\u201c erschien. Geschrieben war er vom Vorsitzenden der Kammer f\u00fcr \u00f6ffentliche Verantwortung der EKD Reiner Anselm, der Lehrstuhlinhaberin f\u00fcr Praktische Theologie Isolde Karle und dem Pr\u00e4sidenten der Diakonie Deutschland Ulrich Lilie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieser Text hat es in sich. Er bem\u00fcht sich, den Begriff der Selbstbestimmung als einen zentralen Wert evangelischer Ethik, ja sogar als Ausdruck christlicher Freiheit herauszustellen. Zu den positiven \u201eLernerfahrungen der christlichen Ethik der Gegenwart\u201c wird die \u201eEinsicht\u201c gez\u00e4hlt, \u201edass die besondere W\u00fcrde der Person als Fundament der liberalen Kultur keinen Widerspruch zu den eigenen Traditionen darstellt\u201c. M.a.W. der emanzipatorische Begriff der Selbstbestimmung des Individuums l\u00e4sst sich nach \u00dcberzeugung der Verfasser durchaus aus dem christlichen Menschenbild ableiten. Die Verfasser sprechen sich dementsprechend f\u00fcr kirchliche Einrichtungen als \u201esichere Orte\u201c f\u00fcr Suizidwillige aus, \u201eweil sie einem Sterbewilligen unter kontrollierten und verantworteten Rahmenbedingungen in einem aus dem christlichen Glauben entspringenden Respekt vor der Selbstbestimmung Beratung, Unterst\u00fctzung und Begleitung anbieten\u201c. Ethisch-theologische Bedenken gegen eine kirchliche Beihilfe zur Selbstt\u00f6tung werden neutralisiert. Es sei nicht statthaft, \u201evorschnell Partei zu ergreifen, etwa dadurch, dass von kirchlich-diakonischer Seite der assistierte Suizid als unvereinbar mit dem christlichen Glauben gebrandmarkt wird\u201c. Schlie\u00dflich machen sich die Verfasser noch Gedanken \u00fcber die Professionalit\u00e4t einer solchen kirchlich verantworteten Beihilfe zur Selbstt\u00f6tung. Wie wird die \u201eQualit\u00e4tssicherung\u201c gew\u00e4hrleistet? \u201eGibt es gen\u00fcgend \u00c4rztinnen und \u00c4rzte, die sich zur Suizidbeihilfe bereitfinden?\u201c Was muss geschehen, \u201edass Einzelne in ihrer individuellen Situation professionelle Unterst\u00fctzungsangebote auch f\u00fcr den Suizid vorfinden\u201c?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es lohnt sich, dieses Dokument evangelisch-kirchlicher Standortbestimmung genauer unter die Lupe zu nehmen. Der am h\u00e4ufigsten gebrauchte Begriff ist \u201eSelbstbestimmung\u201c. Dieses Leitwort wird regelrecht in einen Kultstatus gehoben, ohne dass auch nur ansatzweise der Versuch unternommen w\u00fcrde, seine Problematik zu diskutieren. Schon die Rosenheimer Erkl\u00e4rung der bayrischen Landessynode von 1991 stellte die Selbstbestimmung der schwangeren Frau \u00fcber das biblische T\u00f6tungsverbot. \u201eIn Konfliktsituationen kann die letzte Entscheidung der betroffenen Frau von niemandem abgenommen werden\u201c, so hie\u00df es damals. Viele Menschenleben im Mutterleib sind seitdem im Sog dieser Ideologie ausgel\u00f6scht worden. In vielen anderen Auspr\u00e4gungen hat sie Triumphe gefeiert, vor allem in der Kindererziehung, in der Sexualethik und in der Umw\u00e4lzung des Ehebegriffs. Man kann an dieser Stelle durchaus einmal die Frage stellen, ob die Gesellschaften, die sich die Selbstbestimmung auf ihre Fahne geschrieben haben, wirklich menschlicher, sicherer und lebenswerter geworden sind. Es wird schwerfallen, hierauf mit Ja zu antworten. Dessen ungeachtet folgt allerdings die evangelische akademische und kirchenoffizielle Ethik unverdrossen seit 30 Jahren aus Angst vor irgendeiner \u201eFremdbestimmung\u201c diesem alten Paradigma der 68er Bewegung. Nun hat also die Welle der Selbstbestimmung auch das Sterbedatum erfasst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die verheerenden Folgen dieses Menschenbildes spielen im Text der drei Verfasser keine Rolle. Dass n\u00e4mlich der \u201eselbstbestimmte\u201c Mensch beziehungsarm und beziehungsunf\u00e4hig wird. Dass der Mensch auf Vorbilder und Leitbilder angelegt und angewiesen ist, wenn er die seelischen und geistigen Potentiale entwickeln will, die Gott in ihn hineingelegt hat, und dass er demzufolge ein Leben lang derselbe bleibt, wenn er nur sich selbst zum Ma\u00dfstab nimmt. Und dass er geschichtsvergessen wird. Denn was interessiert mich noch die Geschichte, wenn ich mein Leben nach meinen eigenen Ma\u00dfst\u00e4ben entwickle! Dieses d\u00fcrftige, entwicklungshemmende und geschichtsvergessene Menschenbild hat nicht nur nichts mit dem biblischen Menschenbild zu tun, es steht ihm auch diametral entgegen. Als Gesch\u00f6pfe eines kommunikativen Beziehungsgottes, der selbst als Vater, Sohn und Heiliger Geist in engster Beziehung lebt, sind wir Menschen zu gelingender Beziehung hin erschaffen. Nur wenn unsere vertikale Beziehung zu Gott und die horizontale Beziehung zu unseren N\u00e4chsten stimmt, finden wir zu einem sinnerf\u00fcllten Leben. Deswegen sollte es eigentlich zu den vorrangigen kirchlichen Aufgaben der Gegenwart geh\u00f6ren, den Glauben und die Liebe der Christen zu f\u00f6rdern, damit sie beziehungsf\u00e4higer werden. Das sollte\u00a0jemand wissen, der die Diakonie in Deutschland leitet, der Praktische Theologie lehrt und der \u201eKammer f\u00fcr \u00f6ffentliche Verantwortung\u201c vorsteht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun also soll von Seiten der evangelischen Kirche dem Menschen allgemein und insbesondere dem Lebensm\u00fcden und Sterbenden auch noch am Lebensende ein Akt der Selbstbestimmung angeboten werden, indem man ihm die M\u00f6glichkeit einr\u00e4umt, sein Sterbedatum selber zu bestimmen und indem man ihm daf\u00fcr auch eine professionelle Unterst\u00fctzung anbietet. Das Argumentationsschema \u00e4hnelt demjenigen in der Abtreibungsfrage. Waren es dort \u201eKonfliktsituationen\u201c der schwangeren Frau, die man meinte, mit der selbstbestimmten Letztentscheidung der Frau l\u00f6sen zu k\u00f6nnen, so sind es jetzt Menschen, die sagen, dass sie Hilfe brauchen, \u201eum aus dem Leben zu treten\u201c (Ralf Meister in Evang. Zeitung 14.9.2020). In beiden Argumentationen bezieht man sich auf verzweifelte Menschen in Extremsituationen und m\u00f6chte ihnen im Namen der Selbstbestimmung ihre in der Verzweiflung entstandenen W\u00fcnsche erf\u00fcllen. Der Wille des Menschen ist der letzte Ma\u00dfstab.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf der Strecke bleibt Gottes Wille. Die Abtreibung setzt sich \u00fcber den erkl\u00e4rten Willen Gottes hinweg, einem Menschen das Leben zu geben (Ps 139,13 \u201eDu hast mich gebildet im Mutterleibe\u201c), sodass sich jeder, der sie in irgendeiner Weise durchzuf\u00fchren erm\u00f6glicht, vor Gott und den Menschen schuldig macht. Die bewusste Selbstt\u00f6tung unter Inanspruchnahme anderer Menschen setzt sich in \u00e4hnlicher Weise \u00fcber Gottes Hoheitsrechte hinweg (Ps 90,3 \u201eDer du die Menschen l\u00e4ssest sterben\u201c). Auch sie l\u00e4dt Schuld auf sich und andere.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Wille Gottes ist nat\u00fcrlich f\u00fcr viele Zeitgenossen heute eine unbekannte Gr\u00f6\u00dfe. Unsere weitgehend entchristlichte Gesellschaft wird vermutlich der Ideologie der Selbstbestimmung des Individuums weiter folgen, weil sie die staatstragenden Institutionen und Werte der Ehe, der Familie, der Unverletzlichkeit des Lebens, der christlichen N\u00e4chstenliebe und eines an die Zehn Gebote gebundenen Rechtssystems verlassen hat und weiter verl\u00e4sst. Man darf sich da keiner Illusion hingeben. Aber dass eine gro\u00dfe christliche Kirche, die sich in ihren Grundordnungen immer noch auf die Bibel und auf die altkirchlichen und reformatorischen Bekenntnisse bezieht, dabei ist, sich zu einem \u201esicheren Ort\u201c f\u00fcr professionell organisierte Selbstt\u00f6tungen zu erkl\u00e4ren, ist doch sehr best\u00fcrzend.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein weiteres unerkl\u00e4rliches und schweres Defizit im F.A.Z.-Text vom 11.1.21 ist das Fehlen der Dimension von Schuld und Vergebung. Der selbstbestimmte Wunsch nach Selbstt\u00f6tung wird theologisch genauso wenig hinterfragt wie die Beteiligung anderer Menschen, insbesondere von Medizinern und Seelsorgern an solchen Handlungen. Was ist mit der Schuld, dass der assistierte Suizid ein schwerer Eingriff in die Hoheitsrechte Gottes darstellt? Was ist mit dem Selbstt\u00f6tungskandidaten, wenn ihm auf seiner allerletzten Wegstrecke pl\u00f6tzlich die Schuld seiner Absicht schwer auf das Gewissen f\u00e4llt? Was ist mit den Beteiligten, wenn ihnen \u2013 vielleicht erst lange Zeit sp\u00e4ter \u2013\u00a0 ihr Handeln als Schuld vor dem lebendigen Gott klar wird? Ein theologischer Text, der auf die Fragen nach Schuld und Vergebung keine Antwort gibt, ist h\u00f6chst unbefriedigend.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf welche Zeiten wir zugehen, wenn sich, wie es bei der Abtreibung der Fall ist, auch der \u201eassistierte Suizid\u201c gesellschaftlich etabliert, kann man sich anhand eines kritischen Leserbriefs zu Landesbischof Ralf Meister vor Augen stellen, der am 4.10.2020 in der Evangelischen Zeitung zu lesen war: \u201eDie Abtreibungszahlen sind hoch, und sie steigen. \u00c4hnlich mag es denn auch zu einem stillen Einstieg in die Sterbehilfe durch T\u00f6tung kommen. Der Bischof hat ja den gerichtlich best\u00e4tigten Rechtsanspruch der Menschen in der Bundesrepublik best\u00e4tigt. So mag es denn bald in Todesanzeigen zu lesen sein: Danke auch an den freundlichen Pflegedienst, der im xx-Haus ein offenes Ohr f\u00fcr unsere Gro\u00dfmutter hatte und ihr als Sokratischen Becher die wohltuende Blaus\u00e4ure reichte\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine Kirche, die sich auf die Reformation bezieht, sollte zur Kenntnis nehmen, was Martin Luther, der niemals auf die Idee eines &#8218;assistierten Suizids&#8216; gekommen w\u00e4re, den Sterbenden zugerufen hat: \u201eNun siehe, was soll dir dein Gott mehr tun, dass du den Tod willig annimmst, nicht f\u00fcrchtest und \u00fcberwindest? Er weist und gibt dir in Christus das Bild des Lebens, der Gnade und Seligkeit, so dass du vor dem Bild des Todes, der S\u00fcnde und der H\u00f6lle dich nicht entsetzest. Er legt dazu deinen Tod, deine S\u00fcnde und deine H\u00f6lle auf seinen liebsten Sohn und \u00fcberwindet sie dir und macht sie dir unsch\u00e4dlich. Er l\u00e4sst dazu deine Anfechtung des Todes, der S\u00fcnde und der H\u00f6lle auch \u00fcber seinen Sohn gehen und lehrt, dich darin zu halten und macht sie unsch\u00e4dlich, ja ertr\u00e4glich. Er gibt dir des alles ein gewisses Wahrzeichen, dass du ja nicht daran zweifelst, n\u00e4mlich die heiligen Sakramente\u201c. (Ein Sermon von der Bereitung zum Sterben, 1519).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das sind Worte, die ein lebensm\u00fcder Mensch braucht. Wer angesichts seines nahen Endes in Anfechtung oder Verzweiflung ger\u00e4t, braucht Glaubensst\u00e4rkung und keine ideologische \u201eSelbstbestimmung\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seitdem das Bundesverfassungsgericht im Februar 2020 \u201eein Recht auf selbstbestimmtes Sterben\u201c festgestellt hat, und zwar \u201ein jeder Phase menschlicher Existenz\u201c, rei\u00dft die Debatte \u00fcber den sog. assistierten Suizid nicht mehr ab. 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