{"id":17812,"date":"2021-01-12T10:13:43","date_gmt":"2021-01-12T09:13:43","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=17812"},"modified":"2021-01-12T10:13:43","modified_gmt":"2021-01-12T09:13:43","slug":"gender-nicht-rettung-sondern-untergang-der-frau","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=17812","title":{"rendered":"Gender: nicht Rettung, sondern Untergang der Frau"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Gegen Gender Mainstreaming zu sein, ist ein heikles Unterfangen, f\u00e4ngt man sich doch nicht nur als Privatmensch, sondern auch als Politiker sofort den Vorwurf ein, man wolle Frauen \u201ezur\u00fcck an den Herd\u201c schicken oder direkt zur\u00fcck ins Mittelalter katapultieren. Wer die inzwischen zur Staatsdoktrin gewachsene Ideologie Gender kritisiert, muss verd\u00e4chtig sein. Antifeministin, Verr\u00e4terin an der Emanzipation der Frau, am Frauenkollektiv, unsolidarisch mit den Schwestern in Not und als Mann nickt man bestenfalls nur noch brav mit dem Kopf bei jeder neuen Forderung der Szene.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mindestens scheint es reaktion\u00e4r, wenn nicht gar fundamentalistisch, sich nicht spontan an der Gender-Welle zu erfreuen, die nun durch ganz Europa schwappt. Eines der hartn\u00e4ckigsten Ger\u00fcchte rund um Gender Mainstreaming besteht nach wie vor darin, dass es sich dabei um nichts anderes handele als um den englischen Begriff f\u00fcr Gleichstellungspolitik. Dass also alles nur geschehe, um die Frau zu f\u00f6rdern und zu retten in allen misslichen Lebenslagen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So hat selbst die deutsche Caritas inzwischen eine Gender-Beauftragte, weil man modern sein will, obwohl diese nichts anderes tut als vorher als \u201eFrauenbeauftragte\u201c. Dies zeigt beispielhaft, wie mit gut gemeinter Rhetorik sogar unfreiwillig einer Ideologie zu Legitimation verholfen wird. Wenn selbst Organisationen wie die Caritas gendern, dann muss es doch in Ordnung sein, oder? Und so finden sich in Politik, Unternehmen, Instituten und nat\u00fcrlich Universit\u00e4ten inzwischen \u00fcberall Emanzipations-Vorzeigeprojekte mit durchaus guter Frauenarbeit, welche aber neuerdings nicht mehr Frauen-, sondern Gender-Projekte heissen. Wundert ja auch nicht: Schreibt man Gender drauf, gibt es derzeit f\u00fcr jeden noch so grossen Unsinn F\u00f6rdergelder. Gender-Diskriminierung lauert schliesslich \u00fcberall und muss selbstredend beseitigt werden. Das Problem ist nur: War noch bis vor gar nicht so langer Zeit immer Frau drin, wenn man Gender sagte, ist heute die \u201eGeschlechtervielfalt\u201c drin, die bekanntlich nichts mit Geschlecht zu tun hat, sondern vielmehr mit Sexualit\u00e4t in all ihren Varianten. Die Frau ist jetzt nicht mehr die einzige Opfergruppe. Tragisch ist nur, dass die gutmeinenden Politikerinnen mit ihren Gender-Projekten dies selbst noch nicht gemerkt haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die aufrechte Feministin von heute empfindet es als unredlich, wegzusehen oder sich nur auf den eigenen Opferstatus zu konzentrieren, wenn doch auch weitere Geschlechter oder Minderheiten vom Herrschaftssystem des alten weissen Mannes unterdr\u00fcckt werden. Es muss nicht nur die eigene kleine, sondern die ganze grosse Welt gerettet werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Der Minderheitenwettlauf<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Willkommen im intersektionalen Gender-Feminismus von heute. Es ist eine Art Gender f\u00fcr Fortgeschrittene, bei dem die normale heterosexuelle Frau nur noch Bodensatz im Opfertopf ist, denn obenauf schwimmen jetzt viele weitere diskriminierte \u201eGeschlechter\u201c-Gruppen aber auch sonstige Minderheiten, die im Zuge der Solidarit\u00e4t zwischen den unterdr\u00fcckten Massen jetzt ebenfalls von Genderaktivisten mit vertreten werden. Intersektional meint dabei die Verbindung zwischen mehreren Diskriminierungspotenzialen und -erfahrungen, was in der Regel zu einer Steigerung des Opferstatus und auch des Betroffenheitsgef\u00fchls f\u00fchrt. Ziel ist jetzt nicht mehr die Emanzipation oder gar Gleichberechtigung der Frau, sondern Gerechtigkeit f\u00fcr alle sozialen Geschlechter, sexuellen Identit\u00e4ten und Orientierungen, aber auch f\u00fcr jene, die wegen Merkmalen wie Herkunft, Hautfarbe, Religion, K\u00f6rpergewicht und Alter diskriminiert werden. Wir sind jetzt also alle irgendwie Opfer.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Deswegen heisst es nun fleissig Opferpunkte sammeln, um beim Minderheitenwettlauf im Sturm auf die gef\u00fchlte Diskriminierungspyramide ganz nach oben zu gelangen. Ach, Sie wurden noch gar nicht diskriminiert? Macht nichts, solange Sie sich dennoch ganz doll so f\u00fchlen, sind Sie im grossen Opfertopf mit dabei. Gender l\u00e4sst niemanden zur\u00fcck, nicht einmal jene, die es gerne w\u00fcrden. Gef\u00fchl sticht inzwischen Fakten, Frau sticht Mann, homo sticht hetero, schwarz sticht weiss, trans sticht gerade alles. Galt pers\u00f6nliche Betroffenheit im Thema fr\u00fcher als Befangenheit, ist es jetzt gar das Top-Qualifikationsmerkmal f\u00fcr Quotenjobs und Studienpl\u00e4tze. Die Zukunft ist nicht weiblich. Ich wage stattdessen die Prognose: Sie geh\u00f6rt der genderfluiden schwarzen Transfrau mit Sexismuserfahrung als Schl\u00fcsselkompetenz. Denn je mehr darauf beharrt wird, dass individuelle Merkmale wie Geschlecht, Hautfarbe oder Herkunft keinen Unterschied machen d\u00fcrfen bei der Verteilung von Macht, Jobs und Rechten, umso mehr werden genau diese Eigenschaften als alles bestimmendes Merkmal sogar betont. Was z\u00e4hlt, ist nicht mehr Leistung, sondern die richtige Identit\u00e4t. Nicht mehr das Individuum, sondern die Zugeh\u00f6rigkeit zur richtigen Opfer-Gruppe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Was wird tats\u00e4chlich gefordert?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf den ersten Blick ist das Engagement der Gender-Feministinnen heute also ein durchaus heroischer Denkansatz, den man nicht per se ablehnen kann. Dass man sich auch um den N\u00e4chsten k\u00fcmmern soll und nicht nur um sich selbst, ist ja nicht nur ein feministisches, sondern sogar ein zentrales christliches Gebot. Dass wir den Schwachen zur Seite stehen, die vielleicht gar nicht f\u00fcr sich selbst k\u00e4mpfen k\u00f6nnen, ist l\u00e4ngst etablierter Grundgedanke jeder zivilisierten Solidargemeinschaft. Theoretisch klingt das also grossartig, wie so vieles auch bei anderen Ideologien; das Problem ist immer die Umsetzung und ihre harte Realit\u00e4t. Man muss sich einfach nur anschauen, was im Namen von Gender Mainstreaming tats\u00e4chlich getan oder auch unterlassen wird. Wenn man also nicht auf die wohlformulierten Texte zur\u00fcckgreift, die \u00fcberall zum Thema nachzulesen sind, sondern auflistet, was unter dem Stichwort Gender tats\u00e4chlich gefordert oder gar umgesetzt wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist erstaunlich, mit wie wenig Gegenwehr sich die engagierten Damen das Konzept aus der Hand haben nehmen lassen, oder besser gesagt, sich \u00fcber den Tisch haben ziehen lassen. \u00dcber Jahrzehnte war die Frau im Mittelpunkt des Geschehens. \u00dcber \u201eDas andere Geschlecht\u201c schrieb Simone de Beauvoir ihr Buch, im franz\u00f6sischen Originaltitel noch pr\u00e4ziser: \u201eLe Deuxi\u00e8me Sexe\u201c \u2013 Das zweite Geschlecht. Aber eben zwei. Nur zwei. Da war viel Platz f\u00fcr Frauenpolitik, heute muss man sich den Platz teilen mit einer Vielfalt neuer Diskriminierungsgruppen, die wie Pilze aus dem Boden schiessen und sich st\u00e4ndig vergr\u00f6ssern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Das M\u00e4rchen von der Dekonstriuerbarkeit<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die feministische Bewegung und damit auch die Budgets und Posten sind l\u00e4ngst gekapert durch die Lobbyisten der Schwulen-, Lesben- und Transverb\u00e4nde und verschiedener anderer Gruppen. Man arbeitet nicht mehr an der Emanzipation der Frau, sondern an der \u201eDekonstruktion\u201c der Weiblichkeit. Wie will auch eine Bewegung die Frau f\u00f6rdern, wenn man das Frausein nicht einmal mehr an klaren oder gar nat\u00fcrlichen Kriterien festmachen will? Was ist \u00fcberhaupt noch eine Frau, wenn jeder sich Frau nennen darf, der es unbedingt sein will, und Geschlecht heute angeblich selbst definiert werden kann, womit jede \u201eTransfrau\u201c in die n\u00e4chste Frauenumkleide gesp\u00fclt wird? Nichts bedroht die Errungenschaften der Emanzipation gerade mehr als das propagierte M\u00e4rchen, Weiblichkeit sei nur eine dekonstruierbare, soziale Angewohnheit, die sich jeder aneignen k\u00f6nne, der selbst gern Frau w\u00e4re. Gender ist nicht die Befreiung der Frau, es ist ihr gr\u00f6sstes Problem.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Wer verliert?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am meisten verliert die ganz normale Heterofrau in diesem Spiel. Also die Mehrheit der Frauen. Eine Bewegung, die unter dem Gender-Vorzeichen losgelaufen ist, um die Masse der Frauen zu befreien, l\u00e4sst die gleiche Masse konsequent im Regen stehen und k\u00fcmmert sich nur noch um Partikularinteressen. Die Mutter, die ihre Kinder noch selbst grosszieht. Die Frau in Teilzeit mit zwei Kindern, die kaum eine Rente bekommen wird. Die Alleinerziehende, die sich mehr schlecht als recht durchs Leben schl\u00e4gt und in der gleichen Altersarmut landen wird wie ihre verheiratete Geschlechtsgenossin mit vier Kindern. Die grosse Mehrheit der Frauen hat rein gar nichts von all diesem Zirkus, der doch angeblich zur Emanzipation der Frau durch Gender Mainstreaming veranstaltet wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man gibt ihr als Ersatz aber jetzt die M\u00f6glichkeit, ihre Eizellen einzufrieren, ihren Bauch als Leihmutter zu vermieten, die Umkleidekabine mit verkleideten M\u00e4nnern zu teilen und zwischen drei verschiedenen Toilettent\u00fcren auszuw\u00e4hlen. Wenn das mal keine Errungenschaft ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Birgit Kelle, *1975, Mutter von vier Kindern, arbeitet als freie Journalistin und Buchautorin und ist regelm\u00e4ssig Gast in TV-Sendungen. In verschiedenen Landtagen und Aussch\u00fcssen tritt sie als Sachverst\u00e4ndige f\u00fcr die Interessen von M\u00fcttern und Familien sowie als Expertin zum Thema Gender auf. <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Der Artikel wurde im Magazin \u201eZukunft CH\u201f (Ausgabe 4\/2020) publiziert. Ver\u00f6ffentlichung hier mit freundlicher Genehmigung der Stiftung Zukunft CH. <\/em><a href=\"https:\/\/www.zukunft-ch.ch\/gender-nicht-rettung-sondern-untergang-der-frau-2\/\"><em>https:\/\/www.zukunft-ch.ch\/gender-nicht-rettung-sondern-untergang-der-frau-2\/<\/em><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gegen Gender Mainstreaming zu sein, ist ein heikles Unterfangen, f\u00e4ngt man sich doch nicht nur als Privatmensch, sondern auch als Politiker sofort den Vorwurf ein, man wolle Frauen \u201ezur\u00fcck an den Herd\u201c schicken oder direkt zur\u00fcck ins Mittelalter katapultieren. 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