{"id":17767,"date":"2020-12-26T11:43:28","date_gmt":"2020-12-26T10:43:28","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=17767"},"modified":"2020-12-26T19:09:45","modified_gmt":"2020-12-26T18:09:45","slug":"es-fehlen-integre-journalisten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=17767","title":{"rendered":"Es fehlen integre Journalisten"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Zur Zukunft und Entwicklung der sozialen Kommunikation in unseren Demokratien<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kant war ein Mann der Ordnung. Gem\u00e4\u00df ihm haben wir die Pflicht, dem Regierenden zu gehorchen. Doch ist die Pflicht untrennbar mit dem Recht verkn\u00fcpft, diesen zu kritisieren. Eine Regierung zeigt, dass sie fair spielt und das Gemeinwohl im Sinn hat, wenn sie den freien Informationsfluss erlaubt, ja f\u00f6rdert. Wenn sich die Demokratie durch die Abhaltung regelm\u00e4\u00dfiger freier Wahlen definiert, hei\u00dft \u00abfrei\u00bb sowohl das Recht, zu w\u00e4hlen und gew\u00e4hlt zu werden als auch die M\u00f6glichkeit, \u00fcber Vorschl\u00e4ge und Kandidaten zu diskutieren. Wie der freie Markt das am besten geeignete Verfahren zu sein scheint, um eine effiziente Ressourcenverteilung zu erreichen, ist die freie Debatte und die Zirkulation der Meinungen die Grundlage daf\u00fcr, dass die B\u00fcrger sich \u00fcber \u00f6ffentliche Angelegenheiten geb\u00fchrend informieren und verantwortlich handeln k\u00f6nnen. Diese Debatte spielt sich typischerweise in den entsprechenden politischen Foren und den Medien ab.<!--more--><br \/>\nLange waren die Informationsmedien in der Hand von Familien, die meist in ihren Gemeinschaften verwurzelt und diesen verpflichtet waren. Diese Tradition \u00e4ndert sich: Wir beobachten einen unaufhaltsamen Trend zur Konzentration, an deren Ende gro\u00dfe Multimedia-Konzerne mit internationaler Reichweite stehen. \u201eSkaleneffekte\u201c und \u201eSynergie\u201c sind Stichworte, die wie ein Mantra den Prozess begr\u00fcnden und begleiten. Zwar ist die mediale Konzentration der Freiheit nicht immer abtr\u00e4glich. Es gibt ehrenvolle Ausnahmen: das Wall Street Journal hat seine redaktionelle Linie nach dem Kauf durch Rupert Murdoch nicht ver\u00e4ndert, genauso wie die Washington Post nach der \u00dcbernahme durch Jeff Bezos. Aber der Kommunikationssektor entkommt nicht dem, was ein unweigerliches \u00f6konomisches Gesetz zu sein scheint &#8211; laut Prognosen wird es wohl am Ende in allen Wirtschaftssektoren nicht f\u00fcr mehr als drei oder vier Marken Platz haben. Es ist viel Geld im Spiel, Rendite wird zum bestimmenden Handlungskriterium, in den Medienunternehmen \u00fcbernehmen Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer das Ruder, die auf Aktion\u00e4re und M\u00e4rkte fixiert sind.<br \/>\nOft wird die Verminderung der Vielfalt betont, die mit diesem Prozess der Unternehmenskonzentration und der N\u00e4he der gro\u00dfen Multimedia-Konzerne zu den Regierungen einhergeht. Einerseits ist der Kommunikationsmarkt kompetitiver geworden (trotz des R\u00fcckgangs der Drucktitel). Der audiovisuelle Sektor zeigt den Trend sehr sch\u00f6n: Das Angebot an Ka-n\u00e4len und Sendern ist viel st\u00e4rker gewachsen als die Werbeinvestitionen, und aus einer Welt mit wenigen Kan\u00e4len und Sendern mit einem breiten Angebot sind wir bei hunderten von spezialisierten Medien gelandet. Die Beziehung zwischen Medien und Anzeigenkunden, zentral f\u00fcr den Fortbestand der traditionellen Informationsunternehmen, war immer heikel; nun, da die Werbung zur\u00fcckgeht oder andere Wege sucht, ist sie es noch mehr. Der Kampf um Einschaltquoten ist grausam, die Nachfrage scheint sich gegen\u00fcber den Anbietern bei der Definition des Contents durchzusetzen. Der R\u00fcckgriff auf das Einfache \u2013 Sex, Gewalt, Spektakel, Demagogie, ideologische Stereotypen \u2013 verdr\u00e4ngt zu oft die seri\u00f6se Arbeit. Das widerf\u00e4hrt selbst glaubw\u00fcrdigen Medien (siehe den Fall Relotius beim Spiegel).<br \/>\nAndererseits verdirbt die N\u00e4he zur Politik auch das Nachrichtenwesen. Die Beziehung zu staatlichen Organen war immer problematisch und konfliktgeladen, zumindest solange die Medien ihre Aufgabe als \u201eWachhunde\u201c der Freiheit und der Demokratie ernst nahmen. Die aufkommenden Multimedia-Konzerne suchen fast nat\u00fcrlich die N\u00e4he zum Staat. Im Grenz-bereich gibt es dann Situationen wie in Italien, wo ein Medienmogul Ministerpr\u00e4sident wird, um sein Medienimperium zu retten, das von einer feindseligen Gesetzgebung bedroht war. In ideologisch immer st\u00e4rker polarisierten Gesellschaften ist zudem die Wiederkehr der Parteipresse zu bemerken \u2013 eines Ph\u00e4nomens, das wir \u00fcberwunden glaubten. Viele politische Kommentatoren stehen im Dienst politischer Parteien oder Lobbygruppen und nutzen ihre Position zu Indoktrination und Intoxikation. Folglich findet sich der Feind immer h\u00e4ufiger in den eigenen Reihen: Reporter und Redakteure geraten in Konflikt mit den wirtschaftlichen Interessen der neuen Eigent\u00fcmer. In den Redaktionen herrscht Pessimismus und Stress. Das erste Opfer dieser Interessenkonflikte ist die Glaubw\u00fcrdigkeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Ein neues Meinungsklima<\/strong><br \/>\nHeute halten wir das Paradigma der Objektivit\u00e4t f\u00fcr \u00fcberholt: Die Medien sind weder ein Spiegel, der das gesellschaftliche Geschehen aseptisch wiedergibt, noch der Notar, der sich auf das Protokollieren des Geschehens beschr\u00e4nkt, um nur zwei Bilder zu bem\u00fchen, die die Medien selbst oft einsetzen, um sich zu definieren. Sie stehen nicht au\u00dferhalb der Gesellschaft, um sie objektiv analysieren und beschreiben zu k\u00f6nnen, sondern sie sind selbst gesellschaftliche Akteure. \u201eReine Tatsachen\u201c gibt es nicht, das sind in hohem Masse intellektuelle Konstrukte. Der von den Medien vermittelte Inhalt ist stets Ergebnis einer Auswahl, die nach bestimmten Kriterien in einem vorgegebenen Kontext (framing) getroffen wird, der sich auf die Perzeption und die Interpretation durch die Journalisten auswirkt. Das bedeutet aber nicht, dass es unm\u00f6glich ist, wahrhaftige und gepr\u00fcfte Informationen zu vermitteln und auf die Glaubw\u00fcrdigkeit der Quellen zu achten.<br \/>\nDie Grenzen zwischen Information, Unterhaltung und Persuasion verwischen. In unseren Gesellschaften macht sich eine wachsende Polarisierung bemerkbar. Der Konsens \u00fcber zentrale Aspekte des Menschseins existiert nicht mehr: das Statut des menschlichen Lebens, die Person, Sexualit\u00e4t, Ehe und Familie, der Tod \u2026 Die moderne Freiheit, eine k\u00f6stliche Errungenschaft, erlaubt es jedem zu denken und zu leben, wie er m\u00f6chte. Die offene Gesellschaft lehnt absolute Werte ab und setzt auf Toleranz, auch wenn der Bruch des Konsenses die soziale Koh\u00e4sion bedroht. Die L\u00f6sung f\u00fcr dieses Problem besteht in der Legitimation durch Verfahren (Luhmann), doch zeigte B\u00f6ckenf\u00f6rde, dass das Verfahren sich selbst nicht gen\u00fcgt und sich notwendigerweise auf absolute Postulate st\u00fctzt. Gleichzeitig erlebt die Demokratie nach ihrem weltweiten Triumphzug derzeit eine Krise und verliert an Unterst\u00fctzung bei den Menschen. Populismus und Nationalismus mit ihren Versprechen einfacher L\u00f6sungen f\u00fcr komplexe Probleme breiten sich aus. Soziale Bewegungen wie \u00d6kologismus, Pazifismus, Feminismus, die Genderideologie mit ihren Varianten, Anima-lismus und Veganismus prosperieren. Begriffe wie Affirmative Action und positive Dis-kriminierung besetzen das Feld. Das Internet akzentuiert diese Ph\u00e4nomene. Statt eines authentischen Austausches von und der Debatte \u00fcber Ideen, wird, wer anders denkt, angeschrien, beleidigt und disqualifiziert. Es herrscht ein Tribalismus. Die Anonymit\u00e4t beg\u00fcnstigt die \u2013 reale oder virtuelle \u2013 Gewalt der Masse. Informationsmedien wie die Deutsche Welle oder die NZZ haben deshalb ihre Leserkommentarfunktion geschlossen \u2013 und dies in angeblich zivilisierten L\u00e4ndern.<br \/>\nDie Justiz politisiert sich, die Politik justizialisiert sich. Es gibt gerechtigkeitsliebende Richter, die sich nicht auf die Anwendung des Rechts beschr\u00e4nken, und Politiker, die sich zu strittigen Fragen nicht festlegen, sondern diese an die Justiz weiterreichen. Die Nachl\u00e4ssigkeiten der Politik laden die Justiz ein zu Grenz\u00fcberschreitungen. Mediale Lynchjustiz, verst\u00e4rkt \u00fcber die sozialen Medien, konditioniert die Arbeit von Richtern und Gesetzgebern. Die Justizialisierung des gesellschaftlichen Lebens spiegelt den Vertrauensschwund unter den Menschen und zu den Institutionen. In dieser dumpfen Atmosph\u00e4re scheinen die, die am lautesten schreien, das Rennen zu machen. Ph\u00e4nomene wie die \u00abSchweigespirale\u00bb bringen Mehrheiten zum Schweigen. Aktivisten beschr\u00e4nken sich nicht nur darauf, ihre Ideen mehr oder weniger aggressiv zu verfechten, sondern verdienen sich oft auch damit ihren Unterhalt: Aktivismus mobilisiert reichlich Geldmittel, die viele M\u00fcnder n\u00e4hren. Der \u00abDritte Sektor\u00bb ist gar nicht so philanthropisch und uneigenn\u00fctzig, wie er sich gibt: Viele NGOs und vorgeblich gemeinn\u00fctzige Einrichtungen schaffen gewaltige B\u00fcrokratien, die einen Gro\u00dfteil ihrer Etats verschlingen. So k\u00e4mpfen sie sowohl f\u00fcr die Verbreitung ihrer Ideen wie auch f\u00fcr den Erhalt lukrativer Arbeitspl\u00e4tze (was in den Debatten oft vergessen wird).<br \/>\nDieses unzutr\u00e4gliche Meinungsklima macht vor der Universit\u00e4t nicht Halt. Sie ist nicht l\u00e4n-ger die letzte Bastion f\u00fcr freie Forschung und Debatte. Jonathan Haidt und Greg Lukianoff haben das in den USA im Detail untersucht . Ihre Beschreibung d\u00fcrfte mutatis mutandis auch f\u00fcr andere westliche L\u00e4nder gelten. Die ideologische Radikalisierung findet in einer fragilen, \u00fcberbesch\u00fctzten und unreifen Jugend einen gut ged\u00fcngten Boden und n\u00e4hrt eine Kultur, die Sicherheit sucht und die Auseinandersetzung mit Ideen scheut. Die Vertrautheit des akademischen Lebens geht verloren. Daran sind Professoren und Institutionen nicht unschuldig. Man hat Angst, \u00f6ffentlich zu Meinungen zu stehen, die man im Privaten \u00e4u\u00dfert (ein typisches Kennzeichen diktatorischer Regime), Angst vor physischen Angriffen durch Hetzer, vor moralischer Verurteilung in den sozialen Netzwerken, aber auch vor dem Verlust der Stelle oder von Forschungsgeldern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Charakter und Mut: Notwendige Voraussetzung<\/strong><br \/>\nDie \u00abSoziologie des Journalismus\u00bb identifiziert die Faktoren, die Redakteure und Herausgeber bei Auswahl und Einbettung der Informationen ber\u00fccksichtigen m\u00fcssen: Die redaktionelle Linie des Mediums, die Anspr\u00fcche der Leser- und H\u00f6rerschaft bzw. die Interessen der Werbekunden haben einen Einfluss, aber keiner dieser Punkte ist entscheidend. Wichtiger ist das erwartete Echo der Informationen unter den Kollegen, speziell der \u00abMeinungsf\u00fchrer\u00bb in der Medienbranche. Das k\u00f6nnen sowohl nat\u00fcrliche Personen als auch Medien sein. Journalisten sind vor allem ihrem eigenen Berufskollektiv verpflichtet, ihrer Zunft. Letzten Endes sind sie alle nur Menschen und haben \u2013 wie alle Sterblichen \u2013 Angst vor Isolierung. In der Theorie der \u00abSchweigespirale\u00bb wurde dieses Ph\u00e4nomen f\u00fcr die Gesellschaft in ihrer Gesamtheit untersucht. Baltasar Graci\u00e1n hat das mit gewohnter Klarheit schon vor Jahrhunderten festgestellt, als er schrieb, dass viele Menschen der Maxime \u00abLieber verr\u00fcckt mit dem Rest der Welt, als allein und weise\u00bb folgten.<br \/>\nDie Klagen in den meisten Redaktionsstuben \u00e4hneln sich: prek\u00e4re Vertr\u00e4ge, niedrige Geh\u00e4lter f\u00fcr die einfachen Reporter (die leitenden Mitarbeiter werden meist gut bezahlt), Verlust von Unabh\u00e4ngigkeit und Freiheit, Einmischung, Arbeits\u00fcberlastung, Vertiefung des Grabens zwischen Eigent\u00fcmern und Leitung einerseits und Redakteuren anderseits, wodurch sich beide Gruppen misstrauisch, wenn nicht feindselig begegnen. Gl\u00fccklicher-weise gibt es Ausnahmen, auch innerhalb des traditionellen Journalismus. So findet man Zeitungen und Zeitschriften, deren Auflage und Einfluss kontinuierlich steigen, ohne dass sie ihre eigenen Prinzipien verraten m\u00fcssten, etwa The Economist. Anscheinend f\u00fcrchten die Leute keine langen Texte, wenn sie gut geschrieben sind und wichtige Angelegenheiten behandeln. Auch das Internet ben\u00f6tigt qualifizierte Redakteure und Journalisten, die in der Lage sind, so zu berichten und zu interpretieren, dass sie den vielen Internet-Surfern, die von der Informationslawine \u00fcberfordert sind, Orientierung bieten.<br \/>\nDabei zeichnet sich ein guter Profi immer durch seine intellektuelle und fachliche Vorbereitung wie durch seine ethische Integrit\u00e4t aus. Wie kann man den Charakter formen? Was tun, um dem Druck von Macht und Geld standzuhalten? Gibt es ein Antidot gegen den Trend zu Narzissmus und Selbstbezogenheit? Nat\u00fcrlich m\u00fcssen Deontologie und Berufsethos im Curriculum der Journalisten ihren Platz haben. Man muss lesen, untersuchen, argumentieren, debattieren. Aber das Entscheidende findet sich nicht in Texten, sondern im Leben selbst. Gut zu sein lernt man im Zusammenleben mit guten Menschen, durch gute Beispiele. Wichtig sind gute Beispiele von Medienschaffenden, die unter widrigsten Bedingungen gr\u00fcndliche und ehrliche Arbeit leisten. Ich denke an diese wirklichen Helden, die ihre Freiheit, ja ihr Leben aufs Spiel setzen, um beispielsweise in China, der T\u00fcrkei, Russland oder Mexiko zu recherchieren und die Menschen zu informieren. Manchmal handelt es sich um Berufsjournalisten, die auf wundersame Weise und gegen alle Widerst\u00e4nde regimekritische Medien voranbringen \u2013 wie Nowaja Gaseta in Russland. Es gibt auch Jour-nalisten, die in der Lage sind, alleine eine ganze Regierung in die Enge zu treiben, wie Jor-ge Lanata im Argentinien der Kirchners oder Yoani S\u00e1nchez in Castros Kuba. Solche Profis arbeiten aber auch mitten unter uns: Denis Robert in Frankreich oder Juan Moreno in Deutschland. Auch in anderen sozialen Bereichen, die dem Journalismus fernstehen, gibt es Bewegung, so in den USA die Erkl\u00e4rung der \u00abChicago Principles of Free Expression\u00bb (2015), die von einer wachsenden Zahl von Institutionen unterzeichnet wird, vor allem Universit\u00e4ten. Freiheitsliebende Menschen mobilisieren und organisieren sich. So ist beispielsweise Greg Lukianoff selbst Vorsitzender von FIRE (Foundation for Individual Rights).<br \/>\nIn anderen \u2013 beinahe noch verdienstvolleren \u2013 F\u00e4llen erheben einfache Leute ihre Stimme gegen Tyrannen: Raffaella Otaviano, die sich mit 70 Jahren vor der neapolitanischen Camorra aufpflanzte und es schaffte, alle H\u00e4ndler in Herculaneum zu vereinen, um mit dem \u00abPizzo\u00bb, dem Schutzgeld, aufzur\u00e4umen; Ding Zilin, Gr\u00fcnderin der \u00abM\u00fctter des Tiananmen\u00bb, die bei diesem Massaker ihren 17-j\u00e4hrigen Sohn verlor und unbeirrt darum k\u00e4mpft, die Wahrheit ans Licht zu bef\u00f6rdern. Schlie\u00dflich seien die \u00abWhistleblower\u00bb genannt, die gro\u00dfe Risiken auf sich nehmen, um Missst\u00e4nde anzuzeigen, die sie bei ihrer Arbeit in \u00f6ffentlichen oder privaten Einrichtungen entdecken.<br \/>\nNach den Worten einer weisen Frau in Platons Timaios ist jede Ordnung von Natur aus fragil. Sobald die sozialen Akteure aufh\u00f6ren, sich anzustrengen, wenn sie vertrauensselig werden und in ihrer Wachsamkeit nachlassen, gewinnt die Entropie Raum, die Ordnung zerf\u00e4llt, das Chaos kehrt zur\u00fcck. Diese Gefahr war stets ein bevorzugtes Argument von Tyrannen, um die Freiheit zu beschneiden und das Volk zu unterdr\u00fccken: \u00abEntweder das Chaos oder ich.\u00bb Man beruft sich auf angebliche interne oder externe Bedrohungen, um den Ausnahmezustand zu deklarieren, der mit der Zeit zum Normalzustand werden soll. Wenn das gelingt, besteht die Gefahr, dass die j\u00fcngeren Generationen nicht einmal mehr eine Idee von einem Leben in Freiheit haben.<br \/>\nDie Sozialwissenschaften nahmen lange an, dass Freiheiten ein ganzheitliches Gef\u00fcge darstellen und voneinander abh\u00e4ngig sind, dass also etwa die wirtschaftliche Freiheit mit der Zeit auch nach politischer Freiheit verlange. Sobald die Menschen Gefallen daran finden, zu reisen, Unternehmungen zu starten und Handel zu betreiben, verlangen sie auch nach politischer Freiheit und Demokratie, und zwar aus rein \u00f6konomischen Gr\u00fcnden, da dieses politische System gr\u00f6\u00dferen Wohlstand erlaubt, sowie aus Liebe zur Freiheit. Dieser Gedankengang hat in L\u00e4ndern wie Spanien unter Franco oder dem Chile Pinochets funktioniert: Die in den letzten Z\u00fcgen der Diktatur erlangte wirtschaftliche Freiheit erleichterte den \u00dcbergang zur Demokratie. Entsprechende Erwartungen gab es daher auch, als die chinesische Regierung auf wirtschaftliche Freiheit und Kapitalismus setzte. Viele Analysten meinten, das chinesische Volk werde die politische Freiheit einfordern, wenn es Geschmack an der freien Wirtschaft gefunden habe. Es kam anders. Millionen Chinesen scheinen sich in einer Lage wohlzuf\u00fchlen, die uns im Westen fremd erscheint.<br \/>\n\u00c4hnliches sehen wir beim Internet und seiner angeblich demokratisierenden Wirkung. Das Netz hat den einfachen Leuten eine Stimme gegeben. Der R\u00fcckgang des informativen Plu-ralismus wurde durch eine Vervielfachung der Stimmen in den sozialen Netzwerken kom-pensiert. Jeder kann heute Nachrichten in die Welt posaunen. Und China ist \u2013 mit hunderten Millionen Nutzern \u2013 der gr\u00f6\u00dfte Internetmarkt. Man hatte Hoffnung auf eine demokratisierende Wirkung dieser schnellen Ausbreitung des Netzes gesetzt. Doch haben sich die optimistischen Prognosen nicht erf\u00fcllt. Die chinesische Regierung agierte so clever wie skrupellos, indem sie das Internet in ein Intranet verwandelte. Man fand die Mittel, um eine unerbittliche Zensur zu installieren: entsprechende Gesetze, eine spezialisierte Polizei, F\u00f6rderung der Denunziation (mittels monet\u00e4rer Belohnung). In- und ausl\u00e4ndische Konzerne haben sich ohne viel Aufhebens den Forderungen der Regierung gef\u00fcgt. Der weltgr\u00f6\u00dfte Markt \u2013 mit seinen fabelhaften Gesch\u00e4ftserwartungen \u2013 setzt sich problemlos gegen das Freiheitsbestreben durch. Es ist zwar richtig, dass die Kontrolle nicht ersch\u00f6pfend ist und kleinere Inseln der Freiheit bestehen, aber es gibt nur wenige chinesische Dissidenten, und diese riskieren viel. So \u00fcberrascht es nicht, dass China im weltweiten Pressefreiheitsranking (2019) der Reporter ohne Grenzen Platz 177 unter 180 L\u00e4ndern einnimmt. Danach kommen nur noch Eritrea, Nordkorea und Turkmenistan.<br \/>\nNun zeigt China Interesse an einem neuen Experiment: der Nutzung von Big Data zur Kontrolle der Bev\u00f6lkerung. Das System wird bereits in einigen Pilotst\u00e4dten angewandt, und die Regierung will es schrittweise auf das ganze Land ausdehnen. Hunderte Millionen von Kameras \u00fcberwachen dann jede Bewegung und Aktivit\u00e4t der dortigen Menschen. \u00dcbertreter werden mit einem Punktesystem sanktioniert. Was ist beunruhigender, der totalit\u00e4re Wahnsinn der Regierung oder die Bereitschaft eines Gro\u00dfteils der Bev\u00f6lkerung, sich f\u00fcgsam der \u00dcberwachung zu unterwerfen? Es handelt sich dabei nicht um ein ausschlie\u00dfliches Kennzeichen orientalischen Despotismus\u2019, denn etwas davon finden wir auch in zwei der traditionsreichsten und gefestigtsten Demokratien der Welt \u2013 Gro\u00dfbritannien und der Schweiz. Bis China das ganze Land mit Kameras abdeckt, wird Gro\u00dfbritannien das Land sein, das am besten video\u00fcberwacht ist. Und die Schweiz hat k\u00fcrzlich f\u00fcr eine Verst\u00e4rkung der \u00dcberwachung gestimmt: Sicherheit behauptet sich gegen die Freiheit.<br \/>\nKant beschrieb die Aufkl\u00e4rung als den Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschulde-ten Unm\u00fcndigkeit, aus jenem Zustand, in dem der Mensch sich \u2013 aus Feigheit und Faulheit \u2013 nicht seines Verstandes bedient. Man musste Mut haben, Freiheit zu leben, ohne abzuwarten, bis die Autorit\u00e4t sich bereitfand, diese zu gew\u00e4hren. Heute bedarf es einer \u00e4hnli-chen Haltung, um die m\u00e4chtigen Feinde der Meinungsfreiheit zu besiegen. Wie das M\u00e4dchen im Andersen-M\u00e4rchen, das schlicht und einfach auf die Nacktheit des Kaisers hinwies, muss man beginnen, das Offensichtliche zu benennen. Daf\u00fcr braucht es weder gro\u00dfe Mittel noch eine besondere Qualifikation. Es reicht der gesunde Menschenverstand und ein Minimum an moralischer Integrit\u00e4t. Alles beginnt damit, die Dinge bei ihrem Namen zu nennen, den W\u00f6rtern ihren origin\u00e4ren Sinn zur\u00fcckzugeben und auf eigenn\u00fctzige Euphemismen zu verzichten. Die Verbreitung des Postfaktischen und der Grad der Manipulation sind erschreckend, aber die Anziehungskraft der Wahrheit, des Guten und der Sch\u00f6nheit wird am Ende st\u00e4rker sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Von Alejandro Navas<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Alejandro Navas lehrt \u00d6ffentliche Kommunikation an der Universit\u00e4t von Navarra in Spanien. Der Aufsatz ist eine gek\u00fcrzte Fassung eines Vortrags vor der Schweizer Progress Foundation. Er erschien im September in dem Tagungsband \u00abReden und reden lassen. Anstand und Respekt statt politische Korrektheit\u00bb bei NNZ Libro. Herausgeber sind der \u00d6ko-nom Gerhard Schwarz und der Ethik-Professor Stephan Wirz<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Quelle: IDAF Aufsatz des Monats Dezember 2020<br \/>\nwww.i-daf.org<br \/>\n<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zur Zukunft und Entwicklung der sozialen Kommunikation in unseren Demokratien Kant war ein Mann der Ordnung. Gem\u00e4\u00df ihm haben wir die Pflicht, dem Regierenden zu gehorchen. Doch ist die Pflicht untrennbar mit dem Recht verkn\u00fcpft, diesen zu kritisieren. 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