{"id":17570,"date":"2020-09-29T12:48:00","date_gmt":"2020-09-29T10:48:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=17570"},"modified":"2020-09-29T12:55:37","modified_gmt":"2020-09-29T10:55:37","slug":"wie-koennt-ihr-es-wagen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=17570","title":{"rendered":"&#8222;Wie k\u00f6nnt ihr es wagen!\u201c"},"content":{"rendered":"<div class=\"entry-content\">\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>In den USA wurde vor zwei Tagen Amy Coney Barrett als Richterin am Obersten Gerichtshof des Landes nominiert. Die 48j\u00e4hrige Katholikin wird von manchen als \u201eerzkonservative, strenggl\u00e4ubige Abtreibungsgegnerin\u201c bezeichnet. I<\/em><em>hre Kandidatur wird h\u00f6chstwahrscheinlich den Senat passieren. Eine konservative Mehrheit am h\u00f6chsten Bundesgericht kann es dann auch m\u00f6glich machen, dass die Bundesstaaten strengere Abtreibungsgesetze in Kraft setzen. Es ist also durchaus m\u00f6glich, dass in einzelnen L\u00e4ndern durchaus noch Bewegung in die Abtreibungsfrage kommt.<!--more--><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Vor fast genau einem Jahr, am 23. September 2019, hielt Greta Thunberg auf dem UN-Klimagipfel in New York ihre kurze, aber ber\u00fchmte \u201eHow dare you\u201c- Rede \u2013 \u201eWie k\u00f6nnt ihr es wagen!\u201c. Im Hinblick auf Klimawandel und Erderw\u00e4rmung und die angebliche Unt\u00e4tigkeit der Regierenden meinte sie geradezu giftig in die Kamera: \u201eWir stehen am Anfang eines Massenaussterbens\u201c; \u201eWir werden euch das nicht durchgehen lassen!\u201c; \u201eIhr habt mit euren leeren Worten meine Tr\u00e4ume und meine Kindheit gestohlen\u201c; \u201eDie Augen der zuk\u00fcnftigen Generationen ruhen auf euch \u2013 und wenn ihr uns entt\u00e4uscht, werden wir euch das niemals verzeihen\u201c. \u2013 Das Massensterben im Mutterleib setzt sich schon seit vielen Jahrzehnten immer weiter fort; Millionen Ungeborenen werden jedes Jahr <\/em>alle<em> Tr\u00e4ume und <\/em>jede<em> Kindheit gestohlen; ihre Augen werden auf niemandem ruhen. Wird Gott dieser Generation den Massenmord verzeihen, denn seine Augen schauen wirklich auf uns? Wie k\u00f6nnen es die reichen Menschen es wagen, unschuldige Kinder umzubringen, wo doch sonst f\u00fcr alle ernsten Probleme der Welt \u2013 sei es Klimawandel, sei es Corona \u2013 immer genug Geld da sein soll und alles l\u00f6sbar sei? Warum soll ausgerechnet dieser Skandal hingenommen werden? Wird Gott es durchgehen lassen?\u00a0 \u00a0 \u00a0<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Das T\u00f6ten ungeborener Kinder wird in der Bibel abgelehnt, auch wenn es kein Verbot <em>expressiv verbis<\/em> gibt; wer dies anders sieht, muss nachweisen, warum Abtreibung nach biblischen Grunds\u00e4tzen kein Mord sein soll.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf den ersten Blick scheint die Abtreibungsfrage f\u00fcr Christen leicht zu beantworten sein. Die Bibel untersagt Mord; Abtreibung ist Mord; also ist Abtreibung verboten. So wird das Abtreibungsverbot ja von vielen Christen mit gerade einmal einem Hinweis auf die Zehn Gebote begr\u00fcndet. Doch angesichts der Wichtigkeit des Themas und der Intensit\u00e4t der Debatten sollte sorgf\u00e4ltiger argumentiert werden mu\u00df. Die Bibel beanwortet nicht alle Fragen zum Thema und kl\u00e4rt manche Dinge auch nicht v\u00f6llig, doch die grundlegende Botschaft ist klar.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Ehrlichkeit halber sollte eingestanden werden, dass das Mordverbot in der Bibel nicht eindeutig auf das ungeborene Kind ab dem Zeitpunkt der Zeugung angewandt wird. Es kann aber positiv v\u00f6llig klar ausgesagt werden: Das ungeborene Kind ist ein <em>Gesch\u00f6pf <\/em>Gottes; Gott hat daher in jedem Fall ein \u2018Mitspracherecht\u2019, was sein Schicksal betrifft; es ist ein <em>lebendes<\/em> Gesch\u00f6pf, und zur Achtung vor dem Leben und Lebensschutz hat die Bibel viel zu sagen; und es ist <em>menschliches<\/em> Leben. Der Mensch ist Ebenbild Gottes, was ihn unter besonderen Schutz stellt, denn das Verbot der Mordes wird mit der Ebenbildlichkeit des Menschen begr\u00fcndet (Gen 9,6).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der gesamten Bibel wird unterstrichen, dass nicht nur (geborene) Kinder, sondern auch schon die Leibesfrucht ein Segen ist (Ps 127,3; 128,3.6; Gen 49,25; Dt 7,13; 28,4). Kinder haben im Mutterleib eine Beziehung zu Gott (Ps 51,5; 58,4; 71,6; 139,13\u201316; Job 31,15; Jes 44,2.24; Jer 1,5; Ri 13,5.7; Lk 1,15.41); Kinder in der Geb\u00e4rmutter werden genauso bezeichnet wie die geborenen Personen (Gen 25,22; 38,27f; Job 1,21; 3,3.11f; 10,18f; 31,15; Jes 44,2.24; 49,5; Jer 20,14\u201318; Hos 12,3), bis hin zur Zeugung (Ps 51,5). Vielfach wird die personale Kontinuit\u00e4t\u00a0 des Lebens vor und nach der Geburt ausgesagt (David: Ps 139,13; Jer 1,5; Johannes d.T.: Lk 1,24.26). Interessant ist au\u00dferdem, dass die T\u00f6tung anderer Menschen bei Selbstverteidigung, Landesverteidigung oder in der Todesstrafe erlaubt werden. Nirgends hat Gott jedoch irgendeiner Instanz das Recht verliehen, ungeborene, v\u00f6llig unschuldige Kinder zu t\u00f6ten. Eltern d\u00fcrfen nur in begrenztem Ma\u00dfe z\u00fcchtigen; keinerlei Kindest\u00f6tung wie bei R\u00f6mern (s.u.) wurde erlaubt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">John Frame fa\u00dft daher zusammen: \u201eEs gibt keine Stelle in der Schrift, die auch nur im entferntesten aussagt, dass das ungeborene Kind <em>von der Empf\u00e4ngnis an<\/em> in irgendeiner Weise <em>weniger als ein Mensch<\/em> ist.\u201c Die Hauptfrage ist auch hier die der Beweislast. Frame: \u201eAlle Stellen in der Hl. Schrift, die irgendetwas zum Thema aussagen, bekr\u00e4ftigen den Schutz des ungeborenen Kindes; keine Stelle reduziert diesen Schutz ausdr\u00fccklich. Wir geben zu, dass die Schrift nicht ausdr\u00fccklich sagt, wieviel Schutz das Kind verdient; m\u00fcssen wir aber nicht annehmen, dass das Kind maximalen Schutz verdient, bis jemand etwas anderes biblisch belegen kann?\u2026 An welchem Punkt [in der Entwicklung des Kindes] schenken wir ihm nicht mehr die hohe Achtung, die es in Gottes Augen hat? An welchem Punkt entscheiden wir uns f\u00fcr weniger als maximalen Schutz?\u201c (Bericht einer Kommission der Orthodox Presbyterian Church zur Abtreibung aus dem Jahr 1972, in: Frame, <em>Medical Ethics<\/em>)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch wenn daher die Bibel die Abtreibung nicht <em>expressiv verbis<\/em> verbietet \u2013 Christen und Juden waren sich (bis ins 20. Jahrhundert) praktisch alle einig, dass sie abzulehnen ist, und dies aus guten Gr\u00fcnden. Die klassische christliche Position wurde von evangelischen wie katholischen Christen vertreten. Dietrich Bonhoeffer (1906\u20131945): \u201eMit der Eheschlie\u00dfung ist die Anerkennung des Rechts des werdenden Lebens verbunden, als eines Rechtes, das nicht in der Verf\u00fcgung der Eheleute steht. Ohne die grunds\u00e4tzliche Anerkennung dieses Rechtes h\u00f6rt eine Ehe auf Ehe zu sein\u2026 Die T\u00f6tung der Frucht im Mutterleib ist Verletzung des dem werdenden Leben von Gott gegebenen Lebensrechts. Die Er\u00f6rterung der Frage, ob es sich hier schon um einen Menschen handele oder nicht, verwirrt nur die einfache Tatsache, da\u00df Gott hier jedenfalls einen Menschen schaffen wollte und da\u00df diesem werdenden Menschen vors\u00e4tzlich das Leben genommen worden ist. Das aber ist nichts anderes als Mord.\u201c (<em>Ethik<\/em>)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Papst Johannes Paul II (1920\u20132005): \u201e\u2026die vors\u00e4tzliche Abtreibung ist,\u00a0wie auch immer sie vorgenommen werden mag, die beabsichtigte und direkte T\u00f6tung eines menschlichen Gesch\u00f6pfes in dem zwischen Empf\u00e4ngnis und Geburt liegenden Anfangsstadium seiner Existenz \u2026 Get\u00f6tet wird hier ein menschliches Gesch\u00f6pf, das gerade erst dem Leben entgegengeht, das hei\u00dft das absolut\u00a0unschuldigste\u00a0Wesen, das man sich vorstellen kann: es k\u00f6nnte niemals als Angreifer und schon gar nicht als ungerechter Angreifer angesehen werden!\u201c (<em>Evangelium vitae<\/em>, 58)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und besonders streng meinte Mutter Teresa (1910\u20131997): \u201e\u2026 nur Gott kann \u00fcber Tod und Leben entscheiden\u2026 Darum ist die Abtreibung eine so schwere S\u00fcnde. Man t\u00f6tet nicht nur Leben, sondern stellt sein eigenes Ich \u00fcber Gott. Und doch entscheiden Menschen, wer leben und wer sterben soll. Sie wollen sich selbst zum allm\u00e4chtigen Gott machen. Sie wollen die Macht Gottes in die eigenen H\u00e4nden nehmen. Sie m\u00f6chten sagen: \u2018Ich kann ohne Gott fertig werden. Ich kann entscheiden.\u2019 Die Abtreibung ist das Teuflischste, was eine menschliche Hand tun kann\u2026\u201c (zit. bei Stott, Das Abtreibungsdilemma, in: <em>Christsein in den Brennpunkten unserer Zeit<\/em>, Bd. 4)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mutter Teresa hat recht, aber man mu\u00df zur Erl\u00e4uterung wohl ein paar S\u00e4tze hinzuf\u00fcgen. Der Mensch mu\u00df und kann in manchen Situationen entscheiden, Menschen zu t\u00f6ten (z.B. im Verteidigungsfall). Doch dieses Mandat hat <em>Gott selbst<\/em> dem Menschen \u00fcbergeben. Unter gewissen, von Gott vorgebenen Umst\u00e4nden darf der Mensch t\u00f6ten. Ein von Gott verliehenes Recht zur T\u00f6tung vorgeburtlichen Lebens ist dagegen nirgendwo und niemals von Gott erteilt worden (einzige Ausnahme ist f\u00fcr die allermeisten Theologen die Gef\u00e4hrung des Lebens der Mutter, doch hier handelt sich um eine Abw\u00e4gungsfrage, die so auch sonst in ethischen Problemen auftaucht; dank des medizinischen Fortschritts sind diese F\u00e4lle aber sehr selten geworden).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Der Schutz von Kleinkindern und Ungeborenen geh\u00f6rt zum Kern der j\u00fcdisch-christlichen Kultur. Der Vorwurf, die Versch\u00e4rfung der gegenw\u00e4rtigen Abtreibungspraxis sei unzivilisiert,\u00a0 ist aus historischer Perspektive Unsinn.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Von Bef\u00fcrwortern einer liberalen Abtreibunsgpraxis (auch den moderaten) ist in den Diskussionen immer wieder ein Vorwurf zu h\u00f6ren: Verbote jeder Art seien \u201eunzivilisiert\u201c, will sagen: entsprechen ganz und gar nicht dem Geist unserer Zeit, geh\u00f6ren einer l\u00e4ngst \u00fcberwundenen Epoche an. Der Begriff \u201eZivilisation\u201c ist Teil der Strategie der semantischen Aufladung (wie z.B. die penetrant wiederholte Rede vom \u201eRecht auf Abtreibung\u201c). A. M. Pavilionien\u0117 [langj\u00e4hriges litauisches Parlamentsmitglied der Sozialdemokraten und bekannte Frauenrechtlerin] ist darin nat\u00fcrlich Meisterin, wenn sie z.B. meint, der Gesetzesentwurf [zum weitgehenden Verbot aus dem Jahr 2008] \u201ew\u00fcrden Litauen ins finstere Mittelalter zur\u00fcckwerfen\u201c. Andere Stimmen, die den Spie\u00df umdrehen, sind selten zu finden. Tomas Tomilinas [seit 2016 im Parlament] schreibt:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eIn Litauen wird die Abtreibung immer noch durch eine fast sowjetische Anordnung des Gesundheitsministers geregelt, d.h. in einer Reihe von medizinischen Regeln, die bestimmen, wie und wann eine einfache Operation medizinisch korrekt durchgef\u00fchrt werden soll. Aber kann der Entzug des Lebens eines gezeugten Kindes rechtlich gleichbedeutend mit dem Beseitigen von Muttermalen und der Amputation von Gliedma\u00dfen sein? Ich denke, wenn wir in einem zivilisierten Land leben wollen, ist diese Situation unertr\u00e4glich.\u201c (\u201eAtgimimas\u201c, 5\/2008)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zweifellos lebten die Griechen und R\u00f6mer auf einer relativ hohen Zivilisationsstufe. Ihre Errungenschaften in Staatsf\u00fchrung, Wissenschaft, Milit\u00e4r, Philosophie und Mathematik waren herausragend. Eine der gr\u00f6\u00dften Schw\u00e4chen ihrer Kulturen war jedoch eine sehr hierarchisch und nach Klassen strukturierte Gesellschaft. Nur eine Minderheit besa\u00df alle B\u00fcrgerrechte (und von <em>civis<\/em>, lat. B\u00fcrger, leitet sich ja auch Zivilisation ab!); ein allgemeiner Schutz von Menschenrechten \u2013 \u00fcberhaupt dieser Begriff \u2013 war unbekannt. Dies f\u00fchrte dazu, dass Sklaven, Kriegsgefangene, Gladiatoren \u2013 und eben auch kleine Kinder \u2013 \u00e4u\u00dfert willk\u00fcrlich und unmenschlich behandelt werden konnten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Neugeborenes wurde bei den Griechen nicht automatisch als Person geachtet. Es mu\u00dfte erst vom Familienvater in einer Zeremonie aufgenommen werden, was meist f\u00fcnf Tage nach der Geburt geschah (<em>amphidromia<\/em>, w\u00f6rtlich \u201eUmlauf\u201c); es folgte eine Feier am zehnten Tag nach der Geburt. Der Kindesaussatz war weit verbreitet, und dies aus verschiedensten Gr\u00fcnden (Geschlecht, Kinderzahl, wirtschaftliche Lage usw.). Diese \u201eFindlinge\u201c (<em>anairetoi<\/em>) wurden h\u00e4ufig von Sklavenh\u00e4ndlern aufgesammelt und zu Sklaven herangezogen. Kindest\u00f6tung und Abtreibung galt auch bei den R\u00f6mern nicht als Mord.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch der wohl gr\u00f6\u00dfte Philosoph aller Zeiten, Platon, hatte nicht viel \u00fcbrig f\u00fcr einen Schutz kleiner Kinder, im Gegenteil. In <em>Der Staat<\/em> hei\u00dft es: \u201eNach unseren Ergebnissen m\u00fcssen die besten M\u00e4nner mit den besten Frauen m\u00f6glichst oft zuasmmenkommen, umgekehrt die schw\u00e4chsten am wenigsten oft; die Kinder der einen muss man aufziehen, die anderen nicht, wenn die Herde m\u00f6glichst auf der H\u00f6he bleiben soll\u201c (459d\u2013e). F\u00fcr seinen Idealstaat schuf Plato neuartige \u2018Paarungsvorschriften\u2019; die \u2018Entsorgung\u2019 von unterw\u00fcnschtem Nachwuchs folgte aber nur der griechischen Tradition: \u201eSie \u00fcbernehmen die Kinder der T\u00fcchtigen und bringen sie in eine Anstalt zu Pflegerinnen, die abseits in einem Teil des Staates wohnen; die Kinder der Schw\u00e4cheren oder irgendwie mi\u00dfgestaltete verbergen sie an einem geheimen und unbekannten Ort, wie es sich geh\u00f6rt\u201c (460c). Die M\u00f6glichkeit einer Abtreibung nennt der Philosoph an einer Stelle: \u201eWenn aber Frauen und M\u00e4nner das Zeugungsalter \u00fcberschritten haben, dann lassen wir die M\u00e4nner ungehindert verkehren, mit wem sie wollen\u2026 Und dies alles erst, nachdem wir ihnen befohlen haben, eine Frucht wom\u00f6glich \u00fcberhaupt nicht austragen zu wollen, wenn sie empfangen ist; wird sie aber trotzdem geboren, dann ist sie so zu behandeln, als ob f\u00fcr ein solches Kind keine Pflege vorhanden w\u00e4re\u201c (461b\/c).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDer Spiegel\u201c schreibt \u00fcber die Zust\u00e4nde in der Antike: \u201eArme Leute \u2013 90 Prozent des Volkes \u2013 konnten es sich einfach nicht leisten, mehrere Kinder durchzubringen. Seneca hielt das Ertr\u00e4nken von Neugeborenen, vor allem von M\u00e4dchen, aber auch von schwachen Babys, deshalb f\u00fcr ebenso vern\u00fcnftig wie \u00fcblich. Der US-Arch\u00e4ologe Lawrence E. Stager machte in der [hellenistischen] Hafenstadt Askalon [in Pal\u00e4stina] im Abwasserkanal unter einem Badehaus einen schrecklichen Fund: Im M\u00fcll lagen ann\u00e4hrend hundert S\u00e4uglinge. Sie waren gleich nach der Geburt in die Kanalisation geworfen worden.\u201c (13\/2008)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit der Ausbreitung des Christentums begann sich die Situation radikal zu \u00e4ndern. Der (atheistische) Historiker W.E.H. Lecky: \u201eKaum jemand zeigte in der Antike gegen\u00fcber der Abtreibungspraxis irgendwelche besonderen Gef\u00fchle\u2026 Die Sprache der Christen dagegen war von Anfang an v\u00f6llig anders. Mit gradliniger Konsequenz und mit strengem Nachdruck lehnten sie diese Praxis ab, bezeichneten sie nicht nur als inhuman, sondern als eindeutigen Mord.\u201c (<em>History of European Morals<\/em>) So hei\u00dft es schon in der <em>Didache <\/em>im fr\u00fchen 2. Jhdt.: \u201eDu sollst nicht Gift mischen, du sollst nicht das Kind durch Abtreibung t\u00f6ten.\u201c Und im Barnabas-Brief aus derselben Zeit: \u201eT\u00f6te das Kind nicht durch Abtreibung, noch t\u00f6te das Neugeborene\u201c. Bei allen gro\u00dfen Kirchenv\u00e4tern finden sich S\u00e4tze, die die Abtreibung verurteilen. Augustin erlaubte die Abtreibung nur, um das Leben der Mutter zu retten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der (j\u00fcdische) Publizist H. Stein schildert, wie Kaiser Konstantin, der erste Christ auf dem Thron des R\u00f6mischen Reiches, \u201edas wichtigste Menschenrecht des freien R\u00f6mers abschaffte: die <em>potestas vitae necisque <\/em>[das Recht \u00fcber Leben und Tod].\u201c Weiter schreibt er: \u201eDie Gebildeten bewundern heute \u2013 mit Recht \u2013 die Philosophie der Griechen, sie bestaunen die Architektur der alten \u00c4gypter, schw\u00e4rmen von der H\u00f6flichkeit der Chinesen, verg\u00f6ttern die Stronomie der Babylonier und r\u00fchmen die r\u00f6mische Staatskunst. Dar\u00fcber wird leicht vergessen, da\u00df all diese Hochkulturen v\u00f6llig bedenkenlos den Kindesmord als Mittel der Geburtenkontrolle anwandten. Es gab in der ganzen Antike nur ein Volk, bei dem es als Verbrechen galt, ungewollte S\u00e4uglinge zu t\u00f6ten \u2013 das waren die Juden.\u201c (<em>Mose und die Offenbarung der Demokratie<\/em>)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Christen \u00fcbernahmen von den Juden den schon im AT begr\u00fcndeten Respekt vor dem Leben.\u00a0 Konstantin stellte den Kindesmord unter strenge Strafe, ordnete aber auch finanzielle Hilfe f\u00fcr diejenigen an, die ausgesetzte Kinder versorgten \u2013 ein erstes Kindergeld. Stein: \u201eMit solchen Bestimmungen errichtete der gro\u00dfe Konstantin eine unsichtbare Scheidewand, eine Mauer um die Feste Zion: Hinter ihr lag die jud\u00e4ochristliche Zivilisation, davor befand sich die \u00fcbrige, die heidnische Welt.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der allgemeine Konsens unserer westlichen, europ\u00e4ischen und christlichen Zivilisation war jahrhundertlang, bis ungef\u00e4hr zur Mitte des 20. Jahrhunderts, der Strenge Schutz des ungeborenen menschlichen Lebens. Dieser Konsens dr\u00fcckte sich noch ein letztes Mal in der Erkl\u00e4rung von Genf des Welt\u00e4rztebundes aus dem Jahr 1948 aus. Dort hei\u00dft es: \u201eIch werde den allergr\u00f6\u00dften Respekt f\u00fcr das menschliche Leben vom Zeitpunkt der Empf\u00e4ngnis an bewahren\u201c. Dieser Artikel wurde 1984 ge\u00e4ndert; 2005 verschwand die Empf\u00e4ngnis schlie\u00dflich ganz. Ein <em>neuer<\/em> Konsens hatte sich durchgesetzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Pavilioniene und andere sollten daher ehrlich sein und die Dinge beim Namen nennen:\u00a0 Ein liberales Abtreibungsrecht entspricht <em>\u00fcberhaupt<\/em> <em>nicht<\/em> unserem traditionellen zivilisatorischen Erbe; es befindet sich in der Tradition der griechisch-r\u00f6mischen Zivilisation und mu\u00df fast 2000 Jahre \u00fcberspringen. Wer ehrlich ist, sagt klar: dies ist pures Heidentum, und das ist uns lieber als der Gott der Juden und Christen mit seinen kleinlichen Vorschriften. Auch hier sehen wir wieder, da\u00df es letztlich um die Wahl zwischen Religionen und Weltanschauungen geht. Und es zeigt sich mal wieder, wie schnell die Erinnerung an die eigene Geschichte versch\u00fcttet werden kann \u2013 mit entsprechenden Folgen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch die Geschichte geht weiter. Der fr\u00fchere deutsche Verfassungsrichter Udo DiFabio: \u201eWas w\u00e4re eigentlich \u2013 nur ein provokatives Gedankenexperiment \u2013 wenn man die heute im gesamten Westen ohnes gro\u00dfes Aufheben durchgef\u00fchrten, in jedem Jahr in die Millionen gehenden Abtreibungen in einer zuk\u00fcnftigen Zeit mit einer etwas anders gewichtenden Werteordnung als schweres Verbrechen an der menschlichen Gattung verst\u00fcnde? Was w\u00e4re, wenn nach dem kulturellen Sieg einer solchen Auffassung uns Zeitgenossen von heute entgegengehalten w\u00fcrde, wir h\u00e4tten diesen doch leicht erkennbaren Versto\u00df gegen universelles, f\u00fcr alle Menschen geltendes Recht sehen und ihm entgegentreten m\u00fcssen?\u201c (<em>Die Kultur der Freiheit<\/em>)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Holger Lahayne, 28.9.2020 (www.lahayne.lt)<\/em><\/p>\n<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den USA wurde vor zwei Tagen Amy Coney Barrett als Richterin am Obersten Gerichtshof des Landes nominiert. Die 48j\u00e4hrige Katholikin wird von manchen als \u201eerzkonservative, strenggl\u00e4ubige Abtreibungsgegnerin\u201c bezeichnet. Ihre Kandidatur wird h\u00f6chstwahrscheinlich den Senat passieren. 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