{"id":1752,"date":"2006-02-18T19:39:16","date_gmt":"2006-02-18T17:39:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=1752"},"modified":"2009-09-05T21:29:51","modified_gmt":"2009-09-05T19:29:51","slug":"weniger-an-aber-mehr-drauf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=1752","title":{"rendered":"&#8222;Weniger an, aber mehr drauf&#8220;"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Felix Grigat<br \/>\n&#8222;Weniger an, aber mehr drauf&#8220;. \u00dcber das aktuelle \u00dcbersetzungsprojekt &#8222;Bibel in gerechter Sprache&#8220;<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit einer neuen Bibel\u00fcbersetzung in &#8222;gerechter Sprache&#8220; entfernen sich einige Protestanten zusehends vom reformatorischen Schriftprinzip (sola scriptura), wonach die Bibel allein Richtschnur f\u00fcr kirchliche Lehre und Tradition ist. Bei einer von vielen evangelischen Gruppen getragenen und von den Bisch\u00f6finnen Margot K\u00e4\u00dfmann und B\u00e4rbel Wartenberg-Potter, Bischof Ulrich Fischer, den Kirchenpr\u00e4sidenten Eberhard Cherdron und Peter Steinacker sowie der Kirchenleitung der Evangelischen Kirche im Rheinland gef\u00f6rderten Bibel\u00fcbersetzung &#8222;Die Bibel in gerechter Sprache&#8220; werden neben dem griechischen und hebr\u00e4ischen Urtext (&#8222;sola scriptura&#8220;) zus\u00e4tzliche Kriterien und Traditionen anerkannt.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So haben sich die 52 \u00dcbersetzer der &#8222;Bibel in gerechter Sprache&#8220; darauf verpflichtet, neben der historisch-kritischen und literaturwissenschaftlichen Exegese Einsichten der feministischen Theologie und der Befreiungstheologie, des christlich-j\u00fcdischen Dialogs sowie &#8222;Wahrnehmungen aus der Sicht von gesellschaftlichen Minderheiten&#8220; zu ber\u00fccksichtigen. Ein Hauptanliegen sei, die in den biblischen Texten genannten oder &#8222;mitgemeinten&#8220; Frauen &#8222;sichtbar&#8220; und Frauen als &#8222;heute angesprochen&#8220; erkennbar zu machen. Die Bibel in gerechter Sprache sei die &#8222;erste christliche \u00dcbersetzung, die die j\u00fcdische Abfolge der alttestamentlichen B\u00fccher&#8220; respektiere. Damit werde schon \u00e4u\u00dferlich sichtbar, da\u00df der erste Teil der christlichen Bibel kein &#8222;pseudochristliches Buch&#8220; sei, sondern die Geschichte Gottes mit Israel, wie sie in Israel selbst, also in der j\u00fcdischen Bibel bezeugt sei.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seine Wurzeln hat das Projekt in amerikanischen Bibel\u00fcbersetzungen der politisch-korrekten &#8222;inclusive language&#8220; und deren Aufnahme beim Deutschen Evangelischen Kirchentag. Finanziert wurde die \u00dcbersetzung durch private Spenden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Peter Steinacker, Pr\u00e4sident der hessen-nassauischen Landeskirche und Vorsitzender des Beirates, begr\u00fcndet die Neu\u00fcbersetzung in gerechte Sprache damit, da\u00df es &#8222;in Christus keine Diskriminierung nach Geschlecht, ethnischer Zugeh\u00f6rigkeit oder sozialer Schicht&#8220; gebe. Diese &#8222;\u00dcberwindung der Diskriminierung&#8220; m\u00fcsse sich auch in der \u00dcbersetzung der Bibel widerspiegeln und deshalb die in der Bibel gebrauchte Sprache &#8222;kritisch&#8220; \u00fcberpr\u00fcft werden. Die Sprache der Bibel\u00fcbersetzungen sei &#8222;nicht gottgegeben&#8220;. Die heutige Aufgabe bestehe in der &#8222;sachgem\u00e4\u00dfen \u00dcbersetzung in die heutige Sprach- und Denkform&#8220;.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vor dem geplanten Erscheinen der &#8222;Bibel in gerechter Sprache&#8220; zum Reformationstag in diesem Jahr haben Exegeten auf der Grundlage bekanntgewordener Texte der \u00dcbersetzung kritisiert, da\u00df Grunds\u00e4tze der klassischen Philologie hermeneutischen Interessen untergeordnet w\u00fcrden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Pr\u00e4sident der Cansteinschen Bibelanstalt und Professor f\u00fcr Neues Testament, Andreas Lindemann, sagte, einige der bisher bekanntgewordenen \u00dcbersetzungen verf\u00e4lschten den biblischen Text. Es w\u00fcrden Auslegungen vorweggenommen, die in dieser Form nicht in den Texten selbst zu finden seien. Es sei ein Unterschied, ob Diskriminierungen durch die \u00dcbersetzung zustande k\u00e4men oder ob sie bereits im Text enthalten seien. Es d\u00fcrfe nicht versucht werden, einen nicht als &#8222;korrekt&#8220; eingesch\u00e4tzten Text durch die \u00dcbersetzung inhaltlich zu korrigieren. Wenn im Matth\u00e4usevangelium gegen Pharis\u00e4er polemisiert werde, dann sei es unzul\u00e4ssig, dies mittels einer &#8222;gerechten \u00dcbersetzung&#8220; richtigstellen zu wollen. Es sei nicht angemessen, den Matth\u00e4ustext durch die \u00dcbersetzung so umzuformen, da\u00df er den heutigen Anspr\u00fcchen und Einsichten gen\u00fcge. So werde der Evangelienvers in Matth\u00e4us 23, 2, die Luther mit &#8222;Auf dem Stuhl des Mose sitzen die Schriftgelehrten und Pharis\u00e4er&#8220; wiedergibt, in der &#8222;Bibel in gerechter Sprache&#8220; \u00fcbersetzt mit: &#8222;Auf dem Stuhl des Moses sitzen Toragelehrte und pharis\u00e4ische M\u00e4nner und Frauen.&#8220; Pharis\u00e4ische Frauen auf dem Lehrstuhl des Mose habe es aber &#8222;sicherlich nicht&#8220; gegeben, wie es bis heute auch keine orthodoxen Rabbinerinnen gebe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der T\u00fcbinger Alttestamentler Bernd Janowski sagte, die Neu\u00fcbersetzung liefere sich an den Zeitgeist aus und sei ein &#8222;Dokument des sich selbst aush\u00f6hlenden Protestantismus&#8220;. Es sei &#8222;besch\u00e4mend&#8220;, da\u00df es \u00fcberhaupt von kirchenleitender Stelle aus protegiert werde. Problematisch sei insbesondere der Anschlu\u00df an j\u00fcdische Auslegungstraditionen. So sei die derzeit vorliegende \u00dcbersetzung der Antithesen der Bergpredigt mit &#8222;Ich lege euch das heute so aus&#8230;&#8220; statt &#8222;Ich aber sage euch&#8230;&#8220; eine &#8222;schlichte Verbiegung des griechischen Originals&#8220; und nicht &#8222;textgerecht&#8220;. Denn im griechischen Text steht zwar das nicht-\u00fcbersetzte Wort &#8222;aber&#8220;, nicht aber das \u00fcbersetzte Wort &#8222;heute&#8220;. Die Neu\u00fcbersetzer versuchten, dem Judentum &#8222;Gerechtigkeit&#8220; widerfahren zu lassen und sich gegen die M\u00f6glichkeit einer &#8222;antij\u00fcdischen Deutung Jesu, der etwas ,Neues'&#8220; bringe, zu wenden. Nach den Worten der \u00dcbersetzerin des Matth\u00e4usevangeliums gehe es &#8222;um eine aktuelle Auslegung durch den Toralehrer Jesus&#8220;, der &#8222;Gottes Wort in der Schrift h\u00f6rt und in seine Zeit \u00fcbersetzt &#8211; ohne den Anspruch auf \u00fcberzeitliche G\u00fcltigkeit seiner Auslegung&#8220;.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dem Anliegen der \u00dcbersetzer, das Neue Testament &#8222;neu auch als j\u00fcdisches Buch&#8220; erkennbar zu machen, soll auch die Vielfalt von \u00dcbersetzungen des Gottesnamens dienen. Anstelle des von Luther f\u00fcr das von Juden nicht ausgesprochene Tetragramm gew\u00e4hlte &#8222;der HERR&#8220; sollen in Kopfzeilen f\u00fcr die ersten beiden Kapitel der Bibel angeboten werden: &#8222;die Ewige\/Schechina\/GOTT\/Adonaj\/ha-Schem\/der Lebendige&#8220;. Diese Zeile wechselt auf jeder zweiten Seite und enth\u00e4lt aus der begrenzten Zahl von \u00dcbersetzungsm\u00f6glichkeiten des Tetragramms eine &#8222;zuf\u00e4llige Auswahl&#8220;. Dies soll auch auf das Neue Testament \u00fcbertragen werden, wo etwa f\u00fcr Kapitel im R\u00f6merbrief des Paulus vorgesehen ist: &#8222;der Name\/der Lebendige\/SIE ER\/der Heilige&#8220;. An diesen Stellen steht allerdings im griechischen Urtext des R\u00f6merbriefes durchweg &#8222;kyrios&#8220;, was aber in deutscher \u00dcbersetzung nur &#8222;Herr&#8220; zul\u00e4\u00dft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Beispiel f\u00fcr eine umgangssprachliche \u00dcbersetzung ist Genesis 3, 1. Luther \u00fcbersetzt den Beginn der S\u00fcndenfallgeschichte mit &#8222;Aber die Schlange war listiger als alle Tiere auf dem Felde&#8230;&#8220; In der Bibel in gerechter Sprache steht: &#8222;Die Schlange hatte weniger an, aber mehr drauf als alle anderen Tiere des Feldes&#8230;&#8220; Damit solle das hebr\u00e4ische Wortspiel zwischen &#8222;nackt&#8220; (Gen. 2, 25) und &#8222;klug&#8220; (Gen. 3, 1) wiedergegeben werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Pr\u00e4sident der Deutschen Akademie f\u00fcr Sprache und Dichtung, Klaus Reichert, sagte, es gehe nicht an, den Text mit seinen f\u00fcr Leser aller Jahrhunderte schwierigen und dunklen Stellen in ein &#8222;Alltagsdeutsch&#8220; zu \u00fcbersetzen. Der Text m\u00fcsse auch sein Geheimnis und seinen Zauber wahren &#8211; eben alles, was nicht gew\u00f6hnlich sei. Auch sei es mehr als problematisch, das &#8222;angeblich Mitgemeinte&#8220; auch mitzu\u00fcbersetzen. Die Sprache der Neu\u00fcbersetzung sei nicht angemessen. Die Herausgeber der Bibel in gerechter Sprache streben nach eigener Aussage &#8222;keinen liturgischen Gebrauch dieser \u00dcbersetzung&#8220; an. Gleichwohl liegt bereits ein mehrb\u00e4ndiges Gottesdienstbuch in gerechter Sprache vor.<\/p>\n<p><em><em>Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.02.2006, Nr. 42, S. 10<br \/>\n<\/em>\u00a0Alle Rechte vorbehalten. (c) F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Felix Grigat &#8222;Weniger an, aber mehr drauf&#8220;. \u00dcber das aktuelle \u00dcbersetzungsprojekt &#8222;Bibel in gerechter Sprache&#8220; Mit einer neuen Bibel\u00fcbersetzung in &#8222;gerechter Sprache&#8220; entfernen sich einige Protestanten zusehends vom reformatorischen Schriftprinzip (sola scriptura), wonach die Bibel allein Richtschnur f\u00fcr kirchliche Lehre und Tradition ist. 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