{"id":17392,"date":"2020-07-10T14:37:44","date_gmt":"2020-07-10T12:37:44","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=17392"},"modified":"2020-07-10T14:37:44","modified_gmt":"2020-07-10T12:37:44","slug":"wo-zwei-oder-drei","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=17392","title":{"rendered":"\u201eWo zwei oder drei\u2026\u201c"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Das gesamte 18. Kapitel im Matth\u00e4us-Evangelium dreht sich um den Christen in der christlichen Gemeinschaft. Die Neue Genfer \u00dcbersetzung (NG\u00dc) hat treffend die \u00dcberschrift \u201eAnweisungen f\u00fcr das Leben in der Gemeinde\u201c gew\u00e4hlt. \u00dcberall in dem Abschnitt von 35 Versen wird deutlich, dass das einzelne Individuum, jeder Christ, wichtig ist. Man darf \u201enicht einen\u201c verachten, nicht \u201eauch nur eines\u201c der Schafe verlieren (V. 10 und 14), dem konkreten Bruder ist von Herzen zu vergeben (V. 35); wer auch nur einen zum Abfall verf\u00fchrt (V. 6), macht sich schwer schuldig. Der Einzelne steht in Gefahr, der Einzelne hat Verantwortung, und um den Einzelnen gilt es sich zu k\u00fcmmern.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDer Einzelne ist vor Gott in die Verantwortung f\u00fcr sein einmaliges Leben gestellt. Weder Verlorenheit in der S\u00fcnde noch Rettung aus der S\u00fcnde vollzieht sich im Kollektiv\u201c, fasst Rolf Hille zusammen (\u201eDer moderne Individualismus \u2013 seine philosophischen Grundlagen und seine theologische Kritik\u201c, in: Was h\u00e4lt Christen zusammen?, Hrsg. Eberhard Hahn). Auch in den Briefen des Neuen Testaments ist eine \u201eintensive Bem\u00fchung um den Einzelnen\u201c zu erkennen. Wenn heute viele wie z.B. Papst Franziskus in \u201eLaudato si\u201c fordern, \u201eden Individualismus zu \u00fcberwinden\u201c, dann meinen sie damit \u2013 in den Worten Hilles \u2013 den \u201eegoistischen Individualismus\u201c. Denn leider, so Hille weiter, hat \u201edie Moderne im Widerspruch zur christlichen Tradition eine h\u00f6chst folgenreiche Umkehr vollzogen, die sich ganz grundlegend als Wende von der Mittelpunktstellung Gottes zur Mittelpunktstellung des Menschen beschreiben l\u00e4sst.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diesem Drang des Menschen zur Mittelpunktstellung wird gleich zu Beginn von Matth\u00e4us 18 der Boden entzogen. Den um ihren Rang besorgten J\u00fcngern stellt Jesus das gering geachtete Kind gegen\u00fcber. Der Gr\u00f6\u00dfte im Himmelreich\u201c (V. 4) ist derjenige, der sich selbst erniedrigt. Die NG\u00dc fasst in der \u00dcberschrift zusammen: \u201eSelbsterniedrigung statt Selbsterh\u00f6hung\u201c. Wer nicht zu hoch von sich denkt, der wird leichter um die latente Gefahr wissen, andere zum Abfall zu verf\u00fchren oder zu Fall zu bringen (ab V. 6). Sicher nicht zuf\u00e4llig nennt Matth\u00e4us das in Acht nehmen vor der Verf\u00fchrung von Geschwistern vor dem eigenen Abfall (ab V. 8). Sich selbst gering achten und auf andere wie auf sich selbst Acht geben geh\u00f6ren offensichtlich zusammen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Das Heil der Schafe<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In einem anderen Kontext als bei Lukas folgt nun das Gleichnis vom verlorenen Schaf (ab V. 10). Sind dort eher die S\u00fcnder au\u00dferhalb der Bundesgemeinschaft im Blick, so geht es hier eher um Gemeindeglieder. Die \u201eKleinen\u201c, \u201egering Geachteten\u201c (NG\u00dc) oder \u201eunbedeutenden Menschen\u201c (Gute Nachricht) in den Versen 5, 6 und 10 sind eindeutig Christen. Das verirrte Schaf \u2013 Jesu Schaf \u2013 droht verloren zu gehen. Findet sich ab V. 6 eine eindringliche negative Warnung vor Verf\u00fchrungen, so wird hier in positiver Hinsicht gefordert, den Orientierungslosen zu helfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als verlorene Schafe wurden in der Kirchengeschichte schon fr\u00fch auch diejenigen betrachtet, die einst getauft worden waren, nun aber fern der Kirche sind. Daher forderte Martin Bucer (1491\u20131551) in seiner 1538 erschienenen Schrift Von der wahren Seelsorge und dem rechten Hirtendienst, dass diesen Menschen intensiv nachgegangen werden muss. Es sei vor allem Verantwortung der Hirten der Kirche, sich um die all die Verlorenen zu k\u00fcmmern, vor allem nat\u00fcrlich diejenigen, die schon einmal zur Gemeinde geh\u00f6rten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auffallend ist, mit welchem Nachdruck Bucer betonte, dass anhaltend und intensiv evangelisiert werden soll. Hirten m\u00fcssen sich um die einst Getauften k\u00fcmmern; wenn nicht, k\u00f6nnen sie selbst kaum vor dem Gericht Gottes bestehen. Bucer unterstrich, dass die Sonntagspredigt hierzu bei weitem nicht ausreicht (schlie\u00dflich sind die verirrten Schafe ja nur selten im Gottesdienst anzutreffen). N\u00f6tig sind pers\u00f6nliches Nachgehen, pers\u00f6nliche Anwendung des Wortes Gottes, pers\u00f6nliche Einladung und Ermahnung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bucer hatte auch erkannt, dass ein Hirte der Ortsgemeinde gar nicht gerecht werden, denn er allein besitzt nicht alle n\u00f6tigen Gaben f\u00fcr alle Menschen. Den verlorenen Schafen kann nicht nur einer nachgehen. Ein einzelner Pastor ist auch leichter anf\u00e4llig, selbst verf\u00fchrt zu werden und andere zu verf\u00fchren. In pastoralen Teams wie z.B. in der Gemeinschaft von \u00c4ltesten kann 1 Tim 4,16 (\u201egib Acht auf dich selbst und die Lehre\u201c) pers\u00f6nlich und in einer Gruppe umgesetzt werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ganz \u00e4hnlich wie Bucer hat auch Heinrich Bullinger, Zwinglis Nachfolger in Z\u00fcrich, anhand der Unterschiedlichkeit der Schafe gezeigt, wie vielf\u00e4ltig sich der pastorale Dienst darstellt. Zu einem guten Hirten geh\u00f6rt, \u201edie Herde zu weiden und nicht zu verschlingen, zu dienen und nicht zu herrschen, das Heil der Schafe und nicht den pers\u00f6nlichen Nutzen zu suchen. Ein verlorenes Schaf zu suchen bedeutet: diejenigen, die vor der Wahrheit zur\u00fcckschrecken und sich in der Finsternis der Irrt\u00fcmer aufhalten, in die Kirche und in das Licht der Wahrheit zu f\u00fchren; ein versto\u00dfenes Schaf zur\u00fcckzuholen: jemanden, der aufgrund einer pers\u00f6nlichen Anfechtung von der Gemeinschaft der Heiligen abgesondert war, wieder aufzurichten und zur\u00fcckzuf\u00fchren;\u2026 ein schwaches und krankes Schaf schlie\u00dflich bedeutet: jemanden zu st\u00e4rken und nicht ganz und gar zugrunde gehen zu lassen, und ein starkes Schaf: Menschen, die mit ihren guten Eigenschaften in Bl\u00fcte stehen, daran zu hindern, aufgrund der Gaben Gottes hochm\u00fctig zu werden und sie wieder zu verlieren.\u201c (Dekaden, V,4)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Den Bruder zur\u00fcckgewinnen<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Besondere Verantwortung f\u00fcr die Lehre (n\u00e4mlich die \u201e\u00f6ffentliche Lehre\u201c, so Bullinger) und auch die Suche nach den Verlorenen haben die Hirten\/Pastoren und \u00c4ltesten \u2013 aber nicht nur sie. Der Abschnitt von Vers 15 bis 20 macht deutlich, dass die \u201eVerantwortung f\u00fcr den Bruder\u201c (NG\u00dc) und die Gemeindedisziplin, nach V. 18 (und 16,19) das \u201eAmt der Schl\u00fcssel\u201c, nicht nur dem ordinierten Amt vorbehalten ist. \u201eEine Begrenzung auf die Zw\u00f6lf [J\u00fcnger oder Apostel] scheitert daran, dass im ganzen Kapitel 18 von den J\u00fcngern allgemein die Rede ist und deshalb auch unser Vers alle J\u00fcnger meint\u201c, so Gerhard Maier (Matth\u00e4us-Evangelium, 2. Teil).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach dem \u201everf\u00fchre nicht\u201c und \u201elass dich nicht verf\u00fchren\u201c sowie dem \u201egehe nach und suche die Verirrten\u201c geht es nun um die aktive Verantwortung f\u00fcr die Korrektur des Bruders oder der Schwester. Auch hier ist wieder zuerst das Individuum angesprochen, wobei der Hinweis auf \u201edein Bruder\u201c deutlich macht, dass es Fehlverhalten in der christlichen Gemeinschaft geht. Der andere Christ soll \u201ezur\u00fcckgewonnen\u201c werden (V. 15, NG\u00dc); dabei muss es freundlich oder br\u00fcderlich zugehen (Gal 6,1). Thomas Schirrmacher: \u201eDer sich an das Gleichnis vom verlorenen Schaf anschlie\u00dfende Text Jesu \u00fcber die Gemeindezucht ist nichts anderes als eine ganz praktische Anweisung, die Jesus seiner Gemeinde gibt, wie sie dieses eine verirrte Schaf in seinem Namen und Auftrag zur\u00fcckholen kann und soll.\u201c (Ethik, Bd. 3, Lektion 57)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Wortwahl in Vers 15 ist dabei eindeutig: Zu dem s\u00fcndigenden Bruder soll man \u201ehingehen\u201c, also aktiv werden; er soll zurechtgewiesen oder zur Rede gestellt werden. Es geht um ein klares Konfrontieren \u2013 zuerst unter vier Augen, wenn n\u00f6tig dann durch mehrere. Eine eindeutige S\u00fcnde muss vorliegen, was nat\u00fcrlich nachzuweisen ist. Die Vorschriften zur Gemeindedisziplin erl\u00e4utern und erg\u00e4nzen in gewisser Weise das Verbot des Richtens aus Mt 7,1\u20135. Auch das Liebesgebot im Alten Testament in Leviticus 19,17\u201318 hat eine breite Ausrichtung: keine Rache und kein Hass, positiv auf der anderen Seite Liebe und Zurechtweisung. Auch Schirrmacher betont, dass gegenseitige Ermahnung zum Liebesgebot geh\u00f6rt: \u201eHass gegen den Bruder \u00e4u\u00dfert sich in der Rache, im Nachtragen [s. V. 21\u201322] und schlie\u00dflich auch \u2013 worauf sich Jesus hier [in V. 15] bezieht \u2013 indem uns der andere gleichg\u00fcltig ist, indem wir uns einfach nicht darum k\u00fcmmern, ob er richtig oder verkehrt lebt\u2026 Es hat gar nichts mit Liebe zu tun, wenn einem die Fehler und S\u00fcnden des anderen egal sind.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Abschnitt vom Abfall (ab V. 6) sind es andere, die in erster Linie daf\u00fcr verantwortlich sind, dass niemand zu Fall kommt. Auch bei dem verlorenen Schaf: dies l\u00e4sst sich finden. Hier ist nun auch der verirrte und s\u00fcndige Christ selbst aufgerufen, auf den Mahnenden zu h\u00f6ren und sich aktiv zu bessern. Wieder sind pers\u00f6nliche Verantwortung und Aktivit\u00e4t der Gemeinschaft eng miteinander verbunden. Allgemein durchdringt das Kapitel gro\u00dfe Dringlichkeit \u2013 es geht um Himmel und H\u00f6lle, Verlorenheit und Rettung; und dementsprechend eine gro\u00dfe Verantwortung f\u00fcr sich selbst und f\u00fcreinander.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kommen wir noch einmal zu Vers 18: \u201eAlles, was ihr auf Erden binden werdet, wird im Himmel gebunden sein, und alles, was ihr auf der Erde l\u00f6sen werdet, wird im Himmel gel\u00f6st sein.\u201c Johannes Calvin betont, dass \u201ekraft dieses Strafurteils die Gebannten nicht etwa in ewiges Verderben und ewige Verdammnis versto\u00dfen werden, sondern sie h\u00f6ren, dass ihre Lebenswandel und ihre Sitten verurteilt werden, und damit wird ihnen f\u00fcr den Fall, dass sie nicht umkehren, ihre eigene Verdammnis zur Kenntnis gebracht\u201c. Die Kirchenzucht, so Calvin, \u201eruft zum Heile zur\u00fcck\u201c; Ziel ist die \u201eAuss\u00f6hnung und Wiederaufnahme in die Gemeinschaft\u201c; ihr Urteil ist vorl\u00e4ufig (Inst. IV,12,10).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die r\u00f6misch-katholische Kirche meint nun, dass dieses Strafurteil, die Vollmacht zu binden und zu l\u00f6sen, allen Aposteln gemeinsam und dem Petrus in herausragender Weise gegeben sei. Diese Vollmacht sei auf den Papst und die Bisch\u00f6fe \u00fcbergegangen \u2013 und zwar nur auf sie. Mt 16,19 seien Petrus die Schl\u00fcssel anvertraut worden, in diesem Kapitel den Aposteln.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die evangelischen Kirchen sehen dies anders. Kapitel 18 betont eindeutig, dass jeder Christ Verantwortung f\u00fcr seinen Bruder hat; die L\u00f6segewalt kann aufgrund dieses Textes nicht an eine sehr \u00fcberschaubare Gruppe von M\u00e4nnern gebunden werden. Es geht immer um den Bruder, allein schon begrifflich bleibt man also auf der horizontalen Ebene. In Vers 17 kommt dann eine klare vertikale Dimension ins Spiel: vor der Gemeinde gestellt spricht diese \u00fcber den unbu\u00dffertigen Bruder ein (vorl\u00e4ufiges) Urteil. Auch in 1 Kor 5,4 schlie\u00dft die Versammlung, die Gemeinde, ein Mitglied aus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dem widerspricht nicht, dass \u00c4lteste oder Hirten\/Pastoren hier eine besondere Rolle einnehmen. Auch beim Wiederfinden der verirrten Schafe kommt den pastoralen Amtsdienern ja eine besondere Verantwortung zu. Meiner Ansicht nach zu kategorisch schreibt das Westminster-Bekenntnis (1647), dass nur den \u201eAmtstr\u00e4gern die Schl\u00fcssel des Himmelreichs \u00fcbergeben worden sind\u201c (30,2). Der Heidelberger Katechismus spricht in seinem Abschnitt \u00fcber die Schl\u00fcssel (83\u201385) ausgewogener von der Gemeinde \u201eoder den von ihr Beauftragten\u201c. Wann und in welcher Weise \u00c4lteste und Pastoren und\/oder die Gesamtgemeinde in solchen Entscheidungen einzubinden sind, kann unterschiedlich geordnet werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Entscheidend f\u00fcr das evangelische Verst\u00e4ndnis des \u201eAmts der Schl\u00fcssel\u201c ist, dass es die \u201ePredigt des heiligen Evangeliums und die christliche Bu\u00dfzucht\u201c ist (83). Denn wer \u201eden Zuspruch des Evangeliums mit wahrem Glauben\u201c annimmt, dem ist das Himmelreich aufgeschlossen; wer den Glauben verwirft oder heuchelt, dem ist es zugeschlossen (84). Wer das Evangelium treu weitersagt, erl\u00e4uert und predigt (auch im weiteren Sinn), der schlie\u00dft das Himmelreich auf. Dies tun ordinierte Prediger, aber nicht nur sie. Die \u201echristliche Bu\u00dfzucht\u201c ist kein Privileg der Hirten und Leiter, sie beginnt mit der gegenseitigen Ermahnung \u2013 siehe Mt 18,15 und andere Stellen (Hbr 3,13; 10,24\u201325; Kol 3,16; 1 Thess 5,11).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Amt der Schl\u00fcssel ist \u201eder Kirche von Christus gegeben\u201c (Schmalkaldische Artikel, III,7), also der gesamten Kirche. Diese Kirche entsteht durch das Wort Gottes und untersteht diesem in jeder Hinsicht. Wenn sich Pastoren oder \u00c4lteste nicht auf die biblische Lehre berufen k\u00f6nnen, dann hat ihr Binden und L\u00f6sen auch keinerlei Vollmacht. \u201eJedwedes Recht zu binden und zu l\u00f6sen, das Christus seiner Kirche erteilt hat,\u201c ist, so Calvin, \u201ean das Wort gebunden\u201c (Inst. III,4,14).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die katholische Kirche hat dagegen einen ganz objektivistischen Kirchenbegriff und bindet die Vollmacht direkt und unmittelbar an bestimmte \u00c4mter. Die private oder geheime Beichte vor einem Bruder (\u201eLaienbeichte\u201c) ist gut, aber nicht ausreichend und wird von der sakramentale Beichte unterschieden, die allein S\u00fcndenvergebung wirkt. Diese ist an die Priester und Bisch\u00f6fe und ihre durch die Weihe von Gott gegebene Macht gebunden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Zwei Verse im Kontext<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach all diesem folgen nun die beiden ber\u00fchmten und gern zitierten Verse 19 und 20: \u201eWenn zwei von euch hier auf der Erde darin eins werden, um etwas zu bitten \u2013 was immer es auch sei \u2013, dann wird es ihnen von meinem Vater im Himmel gegeben werden. Denn wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich in ihrer Mitte.\u201c<br \/>\nDer unmittelbare Kontext und der des ganzen Kapitels machen deutlich, dass es auch hier in erster Linie um die Verantwortung f\u00fcr den s\u00fcndigen Bruder und die Gemeindezucht geht. Im Kontrast zum katholischen Verst\u00e4ndnis wird klargestellt, dass Vollmacht nicht vom Amt als solchem kommt, sondern dem Gebet entspringt. \u2018Machtquellen\u2019 sind das gemeinsame H\u00f6ren auf das Wort und das gemeinsame Gebet. Disziplinierung ist keine kalte, juristische Angelegenheit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vor allem ist die Kirchenzucht im Kollektiv verankert. Schon Luther betonte, dass der Einzelne l\u00f6sen, also Vergebung zusprechen kann; der Bann, das Ausschlie\u00dfen aus der Gemeinde, muss durch ein Kollektiv, eine Gruppe wie z.B. die der \u00c4ltesten geschehen. Dies macht nur Sinn, ist doch die Missbrauchsgefahr sehr gro\u00df, wenn ein Einzelner drastische Beschl\u00fcsse fasst. So h\u00e4lt auch schon Zwingli in den 67 Thesen (oder Schlussreden) von 1523 fest: \u201eDen Kirchenbann darf kein einzelner Mensch auferlegen, sondern nur die Kirche, d.h. die Gemeinschaft derer, unter denen der zu Bannende wohnt, samt dem W\u00e4chter, d.h. dem Pfarrer\u201c (31).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Verse 17 und 18 \u00fcbertragen der Gemeinde eine ungeheure Verantwortung. Auch wenn es in der Kirchenzucht immer um vorl\u00e4ufige Urteile geht (das letzte Urteil spricht Gott), so geht es doch um sehr ernste Dinge, ja um das Wichtigste \u00fcberhaupt: die Beziehung zu Gott. In Vers 17 erg\u00e4nzt die NG\u00dc erl\u00e4uternd gut: der Unbu\u00dffertige soll \u201ewie ein gottloser Mensch\u201c angesehen werden. Harter Tobak.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was kann auf diesem Hintergrund mit dem \u201ewas immer es auch sei\u201c in Vers 19 gemeint sein? Doch sicher nicht eine Art fromme Einkaufsliste der pers\u00f6nlichen W\u00fcnsche. Angesichts der geradezu \u00fcberw\u00e4ltigenden Verantwortung scheint es mir so zu sein, dass es hier um Weisheit und geistliche Einsicht in mitunter sehr komplexen ethischen Konfliktf\u00e4llen zu gehen. Gerade das Wissen um die eigene Fehlbarkeit muss Verantwortliche in den Gemeinden hier ins Gebet treiben. Wird am Beginn der Kapitels Selbsterniedrigung gefordert, so hier doch sicher auch. Das, was vom Vater \u201egegeben\u201c wird, soll sicher nicht meine W\u00fcnsche befriedigen, sondern dem anderen, dem Bruder und der Gemeinde, dienen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vers 20 ist durch das \u201edenn\u201c direkt mit dem Vers zuvor verbunden. Das Neue Testament macht klar, dass Jesus grunds\u00e4tzlich in seiner Gemeinde und den Gl\u00e4ubigen gegenw\u00e4rtig ist. Was wird dann hier versprochen? Eine wichtige Parallele ist 1 Kor 5,4\u20135. Dort geht es um einen Ausschluss aus der Gemeinde. Paulus fordert: \u201eIm Namen von Jesus\u2026 sollt ihr eine Versammlung abhalten\u2026 und Jesus, unser Herr, wird mit seiner Kraft zugegen sein.\u201c (NG\u00dc) Wenn es um einen konkreten Disziplinarfall geht, dann hat Jesus seine Gegenwart versprochen, mag die Versammlung auch eher klein sein. Diese Anwesenheit Jesu ist Versprechen, aber sicher auch Herausforderung und Mahnung: Seid euch dessen bewusst, dass ihr in meinem Namen handelt!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schlie\u00dflich ist sicher kein Zufall, dass in V. 19 zwei Christen und dann in V. 20 \u201ezwei oder drei\u201c genannt werden. In V. 16 wurde schon gefordert, \u201emit einem oder zwei anderen\u201c zu dem S\u00fcndigenden zu gehen \u2013 das ergibt ebenfalls zwei oder drei, die den Bruder ermahnen. Genau diese Wortwahl ist auch in 5. Mose 19,15 zu finden: Ein Angeklagter kann nur verurteilt werden, wenn \u201ezwei oder drei Zeugen\u201c \u00fcbereinstimmen. Jesus spielt hier also sicher an diese juristische Vorschrift an, die seinen Landsleuten und Schriftkennern ja gut bekannt war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Verse 15 bis 20 bilden einen Abschnitt, was auch die Zwischen\u00fcberschriften in Bibelausgaben deutlich machen sollten. Wenn zwei oder drei Verantwortung \u00fcbernehmen und es wagen (so muss man heute ja schon sagen), einen s\u00fcndigenden Bruder oder die Schwester im Rahmen der Gemeinde zu ermahnen, dann d\u00fcrfen sie wissen, dass Jesus in ihrer Mitte ist. Der Abschnitt erl\u00e4utert also, was getan werden soll, um das verirrte Schaf zur\u00fcckzugewinnen, wie und in welcher Haltung \u2013 n\u00e4mlich der des Gebets \u2013 dies geschehen soll und welches die Grundlage f\u00fcr diese Kompetenz ist: das Handeln im Namen Jesu und Seine Anwesenheit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Die gro\u00dfe Ironie<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf das Gleichnis vom unbarmherzigen Schuldner ab V. 23 soll hier nicht im Einzelnen eingegangen werden. Es setzt die ernste Note des gesamten Kapitels fort. Noch einmal wird der Einzelne gefordert: War es eingangs die Selbsterniedrigung, ist es hier die pers\u00f6nliche Bereitschaft zu Vergebung. Alles ist in den Rahmen der Gemeinschaft und der Gemeinde eingebettet, denn der Bruder, \u00fcber den ich mich nicht erheben darf, dem ich vergeben und den ich ermahnen soll, ist eben der Bruder in der Gemeinde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Kapitel geht es S\u00fcnde und Vergebung, Konflikte und Spannungen, Notwendigkeit von Untersuchungen und Vers\u00f6hnung; schlie\u00dflich leben wir in einer s\u00fcndigen Welt, und auch die christliche Gemeinde ist keineswegs von S\u00fcnden frei. Auch die Briefe des Neuen Testaments zeichnen dann ja ein n\u00fcchternes Bild des Gemeindelebens. Es geht in dem Kapitel um die Gemeinde, in die die Verirrten zur\u00fcckkommen sollen. Sie hat von der Bibel vorgegebene einfache Strukturen, muss also in einer bestimmten Weise organisiert werden. \u00dcber die Zweckm\u00e4\u00dfigkeit von konkreten Organisationsformen kann diskutiert werden, aber es gibt keinen K\u00f6nigsweg in die perfekte, d.h. s\u00fcndlose und konfliktfreie Gemeinde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun wird jedoch ausgerechnet Vers 20 gerne genutzt, um gleichsam die Trennung von einer organisierten Gemeinde zu rechtfertigen: Wenn ein oder zwei Gesinnungsgenossen reichen und auch dort Jesus anwesend ist, wozu braucht es dann noch organisierte Kirche? Reicht nicht die kleine Gemeinschaft jenseits der Gemeindestrukturen? Die kleine Gruppe der Gleichgesinnten bietet gerade in unserer hochindividualistischen Kultur eine vermeintliche Alternative f\u00fcr die von Kirchen und Christen Entt\u00e4uschten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist in hohem Ma\u00dfe ironisch, dass ein Vers, dem es im Kontext um die R\u00fcckkehr eines Bruders in die Gemeinde geht, mi\u00dfbraucht wird, um aus der Gemeinde herauszuf\u00fchren. Es geht in dem ganzen Kapitel um die St\u00e4rkung der Gemeinde; der Mi\u00dfbrauch schw\u00e4cht jedoch die organisierte Kirche. Anstatt sich den Herausforderung von S\u00fcnde in der Kirche zu stellen, entzieht man sich durch das falsche Verst\u00e4ndnis von Vers 20 der ganzen Konfliktdynamik.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jesus ist in den kleinen Gruppen von Gl\u00e4ubigen gegenw\u00e4rtig wie z.B. den christlichen Eltern, die f\u00fcr ihre Kinder beten (so legte auch Luther diesen Vers aus). Aber wer dar\u00fcber hinaus nicht zu einer Gemeinde geh\u00f6ren und auf keine Gemeinde h\u00f6ren will (V. 17), der zeigt nur, dass dann die zwei oder drei solche sind, die sich f\u00fcr Christen halten, es wohl aber gar nicht sind. Zwei oder drei k\u00f6nnen in Jesu Namen und im Namen der Gemeinde wichtige Entscheidungen treffen; aber zwei oder drei k\u00f6nnen ganz allein gar nicht entscheiden, ob sie selbst Christen sind. Das widerspricht zwar der eingangs genannten heute weit vebreiteten Mittelpunktstellung des Menschen. Aber es ist und bleibt die Gemeinde, die definiert, wer die Christen sind und was sie glauben.<\/p>\n<p><em>Holger Lahayne, www.lahayne.lt (15.6.2020)<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das gesamte 18. Kapitel im Matth\u00e4us-Evangelium dreht sich um den Christen in der christlichen Gemeinschaft. Die Neue Genfer \u00dcbersetzung (NG\u00dc) hat treffend die \u00dcberschrift \u201eAnweisungen f\u00fcr das Leben in der Gemeinde\u201c gew\u00e4hlt. \u00dcberall in dem Abschnitt von 35 Versen wird deutlich, dass das einzelne Individuum, jeder Christ, wichtig ist. Man darf \u201enicht einen\u201c verachten, nicht [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":434,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[11,13,4],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/17392"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/434"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=17392"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/17392\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":17394,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/17392\/revisions\/17394"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=17392"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=17392"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=17392"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}