{"id":17359,"date":"2020-06-26T16:31:20","date_gmt":"2020-06-26T14:31:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=17359"},"modified":"2020-06-26T16:31:20","modified_gmt":"2020-06-26T14:31:20","slug":"graf-zinzendorf-und-die-wiederherstellung-des-messianischen-judentums-im-18-jahrhundert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=17359","title":{"rendered":"Graf Zinzendorf und die Wiederherstellung des messianischen Judentums im 18. Jahrhundert"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Wenn wir von messianischem Judentum in der Antike und der Neuzeit sprechen, beziehen wir uns auf eine religi\u00f6se Tradition, in der Juden sich dazu bekannten, Jesus als Messias Israels nachzufolgen, und dabei weiterhin innerhalb der Sph\u00e4re des Judentums lebten. Gemeinschaften solcher Juden existierten in den ersten vier Jahrhunderten unserer Zeitrechnung im Land Israel, in Syrien und jenseits davon.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vom f\u00fcnften bis 18. Jahrhundert \u2013 1300 Jahre lang \u2013 verschwanden die messianischen Juden dann von der Weltb\u00fchne. Die \u201eScheidung der Wege\u201c zwischen der Kirche und der Synagoge schloss messianisches Judentum aus. Anders gesagt, schlossen christliche und j\u00fcdische Leiter die messianischen Juden aus, um den Mythos aufrechtzuerhalten, das Christentum sei eine vom Judentum getrennte und unterscheidbare Religion.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im 18. Jahrhundert brach eine neue \u00c4ra an. Unter der geistlichen Leiterschaft von Graf Zinzendorf bekamen die B\u00f6hmischen Br\u00fcder im deutschen Herrnhut (1735) eine Vision f\u00fcr die Wiederherstellung des messianischen Judentums. Zinzendorf gr\u00fcndete innerhalb der Br\u00fcdergemeine (Br\u00fcdergemeinschaft) eine Gemeinde, in der Jesus-gl\u00e4ubige Juden dazu ermutigt wurden, j\u00fcdisches Leben und j\u00fcdische Identit\u00e4t auszuleben. Diese Gemeinde bezeichnete er als Judenkehille (j\u00fcdische Gemeinschaft):<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bald entstand das Programm der \u201eSammlung der Erstlinge\u201c. Dieses Programm verfolgte das Ziel, einzelne Juden in die Br\u00fcdergemeine zu integrieren, ohne sie dabei zu ermutigen, ihre Identit\u00e4t aufzugeben\u2026 Die Neubekehrten sollten innerhalb der Br\u00fcdergemeine in eine j\u00fcdisch-christliche Gemeinde, die Judenkehille (-kehille ist vom hebr\u00e4ischen Wort \u201eKehila\u201c f\u00fcr Gemeinschaft abgeleitet), versammelt werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Judenkehille sollte eine messianisch-j\u00fcdische Gemeinschaft sein, die sich an die Thora hielt: Zinzendorf und Lieberk\u00fchn glaubten, dass j\u00fcdische Bekehrte weiterhin die mosaischen Gesetze halten sollten. Ihr Plan, innerhalb der B\u00f6hmischen Br\u00fcderbewegung eine Judenkehille von j\u00fcdisch-messianischen Gl\u00e4ubigen zu etablieren, war Ausdruck ihrer Wertsch\u00e4tzung f\u00fcr die j\u00fcdische Tradition und ihrer Anerkennung des fortbestehenden Wertes derselben. \u00dcberdies bot der Plan eine pastorale Antwort auf die prek\u00e4re Situation von Konvertiten, die meistens erleben mussten, dass sie wie \u201eHeimatvertriebene\u201c waren \u2013 abgeschnitten von ihren j\u00fcdischen Wurzeln und doch nicht so ganz zu Hause im Christentum.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Laufe der Jahre \u00fcberdachte Zinzendorf seine Herangehensweise und kam zu dem Schluss, dass es besser w\u00e4re, wenn Judenkehille-Gemeinden autonom innerhalb der j\u00fcdischen Gemeinschaft existieren w\u00fcrden und nicht innerhalb der nicht-j\u00fcdischen christlichen Gemeinden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In den fr\u00fchen 1750er Jahren \u00e4nderte Zinzendorf als Konsequenz das Judenkehille-Projekt dahingehend ab, dass es nunmehr das Ziel verfolgte, Judenkehille-Gemeinden innerhalb der j\u00fcdischen Gemeinschaften zu etablieren. Die an Jesus gl\u00e4ubigen Juden sollten als autonome Gemeinschaft in ihrem j\u00fcdischen Umfeld bleiben und eine Art Keimzelle f\u00fcr ein messianisch-gl\u00e4ubiges Israel bilden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sp\u00e4ter dann, in den 1770er Jahren, f\u00f6rderten die B\u00f6hmischen Br\u00fcder die Gr\u00fcndung vollst\u00e4ndig autonomer Judenkehille-Gemeinden in Deutschland, England und der Schweiz.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zinzendorfs Erfolg bei der Wiederbelebung von messianisch-j\u00fcdischen Gemeinden nach 13\u00a0Jahrhunderten der Unterdr\u00fcckung wirft die Frage auf: \u201eWas war das Besondere an seiner Leiterschaft, das diese Wiedererstehung m\u00f6glich machte?\u201c Die folgende Liste k\u00f6nnte eine Teilantwort darstellen:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">1. Zinzendorf hatte eine Vision f\u00fcr die nationale und geistliche Wiederherstellung Israels im Land ihrer V\u00e4ter, gem\u00e4\u00df der Heiligen Schrift, und ein Verlangen danach, noch in seiner eigenen Lebenszeit die \u201eErstlingsfr\u00fcchte\u201c (Offenbarung 14,4) zu sehen. Dieser Vision blieb er f\u00fcnfzig Jahre lang treu ergeben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">2. Zinzendorf war ein \u00fcberaus einflussreicher geistlicher Leiter in Europa, Nordamerika und Afrika (z.B. durch seinen Einfluss auf John Wesley mit dem er korrespondierte). Dies verlieh der entstehenden messianischen Gemeinschaft Glaubw\u00fcrdigkeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">3. Als Bischof der Herrnhuter Br\u00fcdergemeine war Zinzendorf in der Lage, seine eigene Glaubensgemeinschaft zu motivieren, die Gr\u00fcndung und den Aufbau von Judenkehille-Gemeinden zu unterst\u00fctzen und zu f\u00f6rdern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">4. Graf Zinzendorf verwendete die materiellen Ressourcen seines Anwesens, um die aufkeimende messianische Bewegung sowie die weitere j\u00fcdische Gemeinschaft zu segnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">5. <strong>\u00a0<\/strong>Zinzendorf hatte von seiner Glaubens\u00fcberzeugung her eine Hochachtung f\u00fcr j\u00fcdische Menschen. In Sonderbare Gespr\u00e4che (1739) erkl\u00e4rt er, dass dies so war, weil: (a) Jesus ein Jude ist (Gegenwartsform); (b) die Heilige Schrift gr\u00f6\u00dftenteils von den Juden kam; (c) sie \u201edirekte Nachkommen\u201c Abrahams sind, wohingegen nicht-j\u00fcdische Christen \u201eeingepfropft\u201c sind (R\u00f6mer 11,17-24); (d) es nicht-j\u00fcdischen Gl\u00e4ubigen \u201eausdr\u00fccklich untersagt ist, sich gegen sie zu r\u00fchmen, da (i) sie uns tragen und nicht wir sie (R\u00f6mer 11,18) und da (ii) Gott sehr wohl in der Lage ist, sie wieder einzupfropfen und uns wegzuschneiden (R\u00f6mer 11,21-24)\u201c; (e) wenn Juden sich ihrem Messias zuwenden, sie es von ganzem Herzen tun; und (f) die Juden \u201egr\u00f6\u00dftenteils einen Sinn haben, der den meisten von uns fehlt, n\u00e4mlich einen Sinn f\u00fcr die Ehre Gottes.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">6. Er stellte sich aktiv gegen christlichen Antisemitismus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">7. Zinzendorf entwickelte enge Beziehungen mit j\u00fcdischen Mitmenschen, die nicht an Jesus glaubten. Er dr\u00e4ngte seinen Glauben den Juden nicht auf, sondern lud j\u00fcdische Bekannte und Freunde ein, mit ihm in einen Dialog \u00fcber Glaubensdinge einzutreten. Wenn sie f\u00fcr einen Dialog nicht offen waren, machte er in dieser Sache keinen Druck und vertrat die \u00dcberzeugung, dass das Zeugnis des eigenen Wandels mit Jesus wichtiger war als das, was man sagte. Zinzendorfs Liebe zu Jesus und zum j\u00fcdischen Volk war in der j\u00fcdischen Welt bekannt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">8. Er betete f\u00fcr Israel und die Wiederherstellung einer lebendigen messianisch-j\u00fcdischen Bewegung und f\u00fchrte dies als Priorit\u00e4t in die Liturgie der Herrnhuter Br\u00fcdergemeine ein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">9. Als deutscher Pietist hatte Zinzendorf eine \u00f6kumenische Vision, die sowohl Einheit als auch Vielfalt im Leib des Messias feierte. \u201eZinzendorf mahnte seine Nachfolger eindringlich, immer an die folgende Werte-Trias zu denken: \u201ain wesentlichen Dingen Einheit; in unwesentlichen Dingen Vielfalt; in allen Dingen N\u00e4chstenliebe\u2018. \u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">10. Zinzendorf setzte Leiter \u00fcber die Judenkehille-Gemeinden ein, die Jesus leidenschaftlich liebten, das j\u00fcdische Volk liebten und die Wichtigkeit j\u00fcdischen Lebens und j\u00fcdischer Identit\u00e4t f\u00fcr Jesus-gl\u00e4ubige Juden bekr\u00e4ftigten. Ihre Ausbildung brachte den Wert zum Ausdruck, den Zinzendorf auf h\u00f6here Bildung und insbesondere auf j\u00fcdische Studien legte. Zwei der von ihm eingesetzten Leiter waren Benjamin David Kirchhof, ein messianischer Jude, und Samuel Lieberk\u00fchn, ein messianischer Nicht-Jude, der an der pietistischen Universit\u00e4t Halle und der Universit\u00e4t Jena Theologie und biblische Sprachen studierte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Um die Merkmale zusammenzufassen, die zu Zinzendorfs Wiederbelebung von messianischen Gemeinden im 18. Jahrhundert beitrugen, kann man sagen, dass er eine anhaltende Vision f\u00fcr die Wiederherstellung Israels und f\u00fcr seine \u201eErstlingsfr\u00fcchte\u201c hatte sowie internationalen Einfluss und die Unterst\u00fctzung seiner Glaubensgemeinschaft darin, messianische j\u00fcdische Gemeinschaften zu gr\u00fcnden; materielle Ressourcen, die er nutzte, um messianische Juden sowie die weitere j\u00fcdische Gemeinschaft zu segnen, eine Hochachtung f\u00fcr j\u00fcdische Menschen, eine Haltung des Widerstands gegen christlichen Antisemitismus, ein durch Liebe und Respekt gekennzeichnetes Zeugnis unter Juden, eine Hingabe an das Gebet f\u00fcr Israel, ein \u00f6kumenisches Herz und Engagement im Heranziehen messianischer Leiter.<\/p>\n<p><em><a href=\"http:\/\/www.beitsarshalom.org\">www.beitsarshalom.org<\/a><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><em>Quelle<\/em><\/strong><em> (mit Literaturangaben): Dr. David Rudolph, \u201cCount Zinzendorf, Pastor Jack and Messianic Jewish Revival\u201c in \u201eThe Pastor &amp; The Kingdom, Essays Honoring Jack W. Hayford\u201d, von Jon Huntzinger und S. David Moore, Gateway Academic &amp; TKU Press, 2017, S. 92-99. Leicht gek\u00fcrzt.\u00a0<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><em>\u00dcbersetzung:<\/em><\/strong><em> J. P. Darby.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn wir von messianischem Judentum in der Antike und der Neuzeit sprechen, beziehen wir uns auf eine religi\u00f6se Tradition, in der Juden sich dazu bekannten, Jesus als Messias Israels nachzufolgen, und dabei weiterhin innerhalb der Sph\u00e4re des Judentums lebten. 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