{"id":17333,"date":"2020-06-11T11:44:31","date_gmt":"2020-06-11T09:44:31","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=17333"},"modified":"2020-06-11T11:45:32","modified_gmt":"2020-06-11T09:45:32","slug":"offener-brief-von-privatdozent-dr-theol-habil-meik-gerhards-an-die-praesidentin-des-kirchentages-der-bremischen-evangelischen-kirche-edda-bosse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=17333","title":{"rendered":"Offener Brief von Privatdozent Dr. theol. habil. Meik Gerhards an die Pr\u00e4sidentin des Kirchentages der Bremischen Evangelischen Kirche Edda Bosse"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Sehr geehrte Frau Kirchenpr\u00e4sidentin Bosse,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">im Internet findet sich seit einigen Tagen ein Video (\u201eHass, der uns trifft \u2013 Gedanken von Kirchenpr\u00e4sidentin Edda Bosse\u201c), indem Sie Gedanken zu den Reaktionen \u00e4u\u00dfern, die in der Causa Latzel bei der Bremischen Evangelischen Kirche eintreffen, und die Sie damit beschreiben, dass \u201eBeleidigungen und Beschimpfungen\u201c das Haus der Kirche \u201ein Massen \u00fcberschwemmen\u201c. Da es sich um eine Sache handelt, die weit \u00fcber Bremen hinaus Aufmerksamkeit erregt, und die letztlich eine Grundfrage der evangelischen Kirche \u00fcberhaupt betrifft, erlaube ich mir, Ihnen eine Reaktion aus der Ferne, aus G\u00f6ttingen, zuzuschicken.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zu den \u00c4u\u00dferungen von Pastor Olaf Latzel auf einem Eheseminar, die den Ausl\u00f6ser der Causa bilden, kann ich nur soweit Stellung beziehen, als er in den Medien zitiert wird. So entnehme ich dem Weser-Kurier vom 15.05.2020 zu Pastor Latzels Aussagen: \u201eWer nun eine komprimierte, geballte Hasstirade gegen Homosexuelle erwartet, sieht sich get\u00e4uscht\u201c. Dann werden einige, zugegebenerma\u00dfen sehr drastisch formulierte S\u00e4tze zitiert, die aber im Kern alle darauf zielen, dass unsere Gesellschaft sich auf einem Irrweg befindet, wenn sie homosexuelle Partnerschaften der Ehe gleichordnet bzw. bereits Kinder mit der Gender-Theorie \u201eindoktriniert\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich kann nicht beurteilen, ob die von Pastor Latzel get\u00e4tigten Aussagen von staatlicher und landeskirchlicher Seite aus justiziabel sind. Was aber die theologische Bewertung der sog. \u201eHomo-Ehe\u201c betrifft, so komme ich allerdings nicht um die Feststellung herum, dass die Aussagen Pastor Latzels im Kern theologisch gut begr\u00fcndet sind \u2013 sofern man sich in diesen Fragen an der Heiligen Schrift orientiert. Die biblischen Sch\u00f6pfungsberichte stellen in dieser Frage eindeutig und unverkennbar fest, dass die vom Sch\u00f6pfer gewollte normale Lebensform die Ehe von Mann und Frau ist. Dieses Zeugnis wird in der weiteren Heiligen Schrift nicht nivelliert oder widerrufen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Beobachtungen zum biblischen Befund<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach Gen 1,26f. ist der Mensch zum Ebenbild Gottes geschaffen. Nach 1,27 ist die Gottebenbildlichkeit im Miteinander von Mann und Frau realisiert. Es ist exegetisch gut begr\u00fcndet, dass diese Aussage vor ihrem historischen, altorientalischen Prim\u00e4rkontext darauf zu beziehen ist, dass der Mensch die Welt zum Lebensraum ausgestalten und als Lebensraum erhalten soll. Mit anderen Worten: Der Mensch soll in der Gemeinschaft von Mann und Frau im Kleinen \u2013 also innerhalb der Welt \u2013 das tun, was Gott im Gro\u00dfen bei der Sch\u00f6pfung des Kosmos getan hat: Er soll das Chaos beseitigen, Ordnung schaffen, in der Leben m\u00f6glich ist. Dabei legt der Sch\u00f6pfungsbericht auch fest, dass die vom Menschen zu schaffende und zu erhaltende Lebensordnung auf Zukunft hin ausgerichtet ist. Beides \u2013 Schaffung und Erhaltung eines auf Zukunft ausgerichteten Lebensraums \u2013 bildet den Sinn des g\u00f6ttlichen Auftrags von Gen 1,28, dass der Mensch fruchtbar sein und sich mehren soll, und dass er die Erde und die Tiere beherrschen soll. Dass der Mensch diesem Auftrag nur in der Gemeinschaft von Mann und Frau, wie sie in der Ehe verwirklicht ist, gerecht werden kann, ist bei der Mehrungsverhei\u00dfung offenkundig. Das hei\u00dft: Die auf Kinder angelegte Ehe von Mann und Frau ist ein unabdingbarer Bestandteil der Gottebenbildlichkeit des Menschen. Damit ist sie eine Sch\u00f6pfungsnorm, die nicht nivelliert werden kann, ohne die Gottebenbildlichkeit des Menschen aufzuheben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun wissen wir aus Erfahrung, dass wir in einer Welt leben, die dem Willen des Sch\u00f6pfers nicht rein entspricht: einer gebrochenen und \u2013 nach biblischem Zeugnis &#8211; einer gefallenen Welt. Die Normen, die der Sch\u00f6pfer nach dem Zeugnis der Sch\u00f6pfungsberichte gesetzt hat, sind daher nicht durchgehend erf\u00fcllt. Dazu geh\u00f6rt auch, dass Menschen aus verschiedenen Gr\u00fcnden ehelos bleiben, w\u00e4hrend andere kinderlos sind und andere auf Grund ihrer homosexuellen Neigung die Sch\u00f6pfungsnorm der heterosexuellen Ehe nicht erf\u00fcllen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hei\u00dft das aber, dass die Sch\u00f6pfungsnorm aufgehoben ist, oder dass sie von der Kirche nivelliert werden k\u00f6nnte, indem sie homosexuellen Paaren den Trausegen zuspricht? Auf der Grundlage der Heiligen Schrift muss diese Frage wohl mit einem klaren Nein beantwortet werden. Die Heilige Schrift gibt der Kirche nirgends das Recht, andere Lebensformen der Ehe von Mann und Frau als ebenso normal oder als gleichwertig an die Seite zu stellen. Beispielsweise wird die vegetarische Lebensweise, die Mensch und Tier in Gen 1,29f. gegeben ist, nach biblischer Darstellung im Gefolge der Sintflut relativiert: Gott kommt im sog. \u201enoachitischen Bund\u201c an dieser Stelle dem gewaltt\u00e4tig gewordenen Menschen unter klar definierten Auflagen entgegen (Gen 9,1-7). Eine vergleichbare Relativierung der Norm der Ehe findet sich in der gesamten Heiligen Schrift nicht. Gerade in Gen 9,1-7 wird der Auftrag zur Mehrung \u2013 das hei\u00dft: der Auftrag, der Sch\u00f6pfung als Lebensraum eine Zukunft zu er\u00f6ffnen \u2013 zwei Mal wiederholt (9,1.7). Dass homosexuelle Neigungen Bestandteil einer gefallenen Welt sind, die den Sch\u00f6pfer nicht respektiert, ist die klare Aussage von R\u00f6m 1,26f. Auch wenn sich die Aussagen des Paulus nicht auf das Konzept einer lebenslang treuen homosexuellen Lebenspartnerschaft beziehen werden, und auch wenn man sich der Diktion des Paulus, der von \u201esch\u00e4ndlichen Leidenschaften\u201c spricht, aus Respekt vor homosexuell empfindenden Menschen nicht anschlie\u00dfen mag, so gibt doch auch der R\u00f6merbrief keine Handhabe dazu, die Sch\u00f6pfungsnorm der Ehe aufzul\u00f6sen und der f\u00fcr Kinder offenen Ehe von Mann und Frau andere Lebensformen gleichberechtigt an die Seite zu stellen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Das Diabolische<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn nun Pastor Latzel die Aufl\u00f6sung der Norm der Ehe, wie sie in unserer Gesellschaft unter aktiver Mitwirkung der Evangelischen Kirche betrieben wird, \u201esatanisch\u201c nennt, so ist das ein hartes Wort, das aber vom biblischen Befund her keineswegs falsch ist. Denn was sollte denn \u2013 im Licht der Heiligen Schrift \u2013 sonst \u201esatanisch\u201c oder \u201ediabolisch\u201c sein, wenn nicht das systematische Untergraben und Durcheinanderbringen von Ordnungen, die der Sch\u00f6pfer gesetzt hat, um Leben und Zukunft zu erm\u00f6glichen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Begr\u00fcndung der \u201eHomo-Ehe\u201c aus dem Liebesgebot? <\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aus den Reihen der Evangelischen Kirche wird dagegen nun oft auf das Liebesgebot verwiesen. So hat der Ratsvorsitzende der EKD, Heinrich Bedford-Strohm, Pastor Latzel entgegengehalten: \u201eJesus steht f\u00fcr eine radikale Menschenliebe. Sie ist das genaue Gegenteil der Intoleranz, die aus den Worten von Olaf Latzel spricht\u201c (Der Spiegel, 07.05.2020).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dabei scheint der Ratsvorsitzende aber zu \u00fcbersehen, dass das Liebesgebot, wie Jesus es formuliert, ein doppeltes Liebesgebot ist, bei dem die Liebe zu Gott der Liebe zum N\u00e4chsten vorangestellt ist (Mk 12,29-31). Jedenfalls stellt sich von daher die Frage: Verlangt die Liebe zu Gott nicht, dass seine Sch\u00f6pfungsordnung im Vertrauen darauf akzeptiert wird, dass der Sch\u00f6pfer sie zum Besten aller Menschen gegeben hat?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dass der Gedanke nicht abwegig ist, dass der Sch\u00f6pfer die Ehe zum Wohle aller Menschen gegeben hat \u2013 und das hei\u00dft selbstverst\u00e4ndlich (!) auch derer, die diese Norm nicht leben \u2013, kommt in der Erfahrungswelt darin zur Geltung, dass auch ehelose, kinderlose und homosexuelle Menschen davon profitieren, dass es \u201enormal\u201c ist, dass M\u00e4nner und Frauen beizeiten heiraten, Kinder bekommen und diese in der Geborgenheit einer Familie erziehen. Sp\u00e4testens wenn man auf die Hilfe k\u00fcnftiger Generationen angewiesen ist, etwa bei Versorgung und Pflege im Alter, wie sie jedem Menschen zustehen, profitieren auch diejenigen von der Norm der Ehe, die selbst keine Ehe gef\u00fchrt und keine Kinder bekommen haben \u2013 auch homosexuelle Menschen, die in ihren Partnerschaften zur Zeugung von Kindern nicht in der Lage sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie, sehr geehrte Frau Kirchenpr\u00e4sidentin, sagen in Ihrem Video v\u00f6llig zu Recht, dass es bei diesen Fragen um Menschen \u2013 um Gottes geliebte Kinder \u2013 geht. Gerade deshalb kann aber die Ordnung, die Gott in die Sch\u00f6pfung gelegt hat, nicht nivelliert werden! Da der Ratsvorsitzende von der radikalen Menschenliebe Jesu spricht, sei nebenbei darauf hingewiesen, dass sich auch Jesus nach neutestamentlichem Zeugnis in der Frage der Ehescheidung auf die Sch\u00f6pfungsnorm der Ehe berufen hat (Mk 10,6).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Damit bietet auch das Liebesgebot, in der Form, in der Jesus es vortr\u00e4gt, der Kirche keine Handhabung, homosexuelle Partnerschaften mit der Ehe gleichzustellen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Wurzeln des Hasses<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie werfen Pastor Latzel vor, dass sein Vortrag in dem Eheseminar den Hass erzeugt habe, der sich heute in Hassmails und -briefen an die Bremische Evangelische Kirche niederschlage. Ich beurteile den Anteil von Pastor Latzel an dieser Entwicklung nicht, weil ich den Vortrag im vollen Wortlaut nicht kenne. Der Hass aber kann mehrere Wurzeln haben. Da Sie an dieser Stelle eine sehr einseitige Schuldzuweisung vornehmen, m\u00f6chte ich gerne eine R\u00fcckfrage stellen: K\u00f6nnen Sie sich vorstellen, dass auch das Verhalten und \u00f6ffentliche \u00c4u\u00dferungen von Vertretern der EKD \u2013 bei weitem nicht nur der BEK \u2013 dazu beigetragen hat, dass ein solcher Hass entstehen konnte? Manche Zuschriften, die Sie erhalten, sind nach Ihrer Aussage freundlich gehalten, aber von \u201egro\u00dfer Arroganz\u201c gepr\u00e4gt. Haben Sie nie dar\u00fcber nachgedacht haben, dass auch das Vorgehen offizieller Repr\u00e4sentanten der Kirche als arrogant empfunden werden k\u00f6nnte?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dass Sie Opfer von Hassreaktionen werden, ist nicht im Dienste der Sache und freut mich in keiner Weise. Aber k\u00f6nnte diese Entwicklung nicht \u2013 auch \u2013 damit zu tun haben, dass viele Christen, die an Schrift und Bekenntnis orientiert sind, die Stellungnahmen von f\u00fchrenden Repr\u00e4sentanten der EKD schlicht nicht mehr mit dem in Einklang bringen k\u00f6nnen, was in den normativen Quellen des christlichen Glaubens zu lesen ist? Ich kenne jedenfalls Christen, die sich von der Bef\u00fcrwortung der \u201eHomo-Ehe\u201c und vielen anderen Dingen, etwa der Bestreitung der Wirklichkeit der Jungfrauengeburt Jesu und seiner Auferstehung, durch hohe Repr\u00e4sentanten der Kirche, tief verletzt f\u00fchlen. Dabei verletzt vor allem die Selbstverst\u00e4ndlichkeit, mit der diese Positionen oftmals vertreten werden. Mache Gl\u00e4ubige kommen sich regelrecht als dumm verkauft vor.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Schriftbefund und Konsens \u00fcber die Norm der Ehe<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was die Ehe angeht, so ist der nicht ernsthaft zu bestreitende Schriftbefund daf\u00fcr, dass die Ehe von Mann und Frau die vom Sch\u00f6pfer gesetzte Norm ist, nicht nur unter konservativen evangelischen Christen anerkannt. Er schl\u00e4gt sich auch im Katechismus der R\u00f6misch-Katholischen Kirche nieder; er ist in den Ostkirchen anerkannt und, soweit ich es beurteilen kann, auch im Protestantismus au\u00dferhalb der westlichen Welt. Ich denke an eine Vorlesung zur Biblischen Urgeschichte, die ich im Wintersemester 2018 \/ 19 an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal gehalten habe. Ein Kommilitone aus Madagaskar, der H\u00f6rer der Vorlesung war, war h\u00f6chst erstaunt, dass es in Europa Christen gibt, die nicht anerkennen, dass die Ehe von Mann und Frau vom Sch\u00f6pfer als Norm gesetzt ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dass selbst die EKD noch in den 1990er Jahren in einem offiziellen Dokument (\u201eMit Spannungen leben\u201c) festgestellt hat, dass es keine Handhabe zur Trauung homosexueller Paare gebe, hat der Kirchenvorstand von St. Martini zu Bremen in der vom Verwaltenden Bauherrn, Herrn Dr. Fischer, verlesenen Erkl\u00e4rung zur Causa Latzel, zu Recht betont. Vor diesem Hintergrund ist die Bef\u00fcrwortung der \u201eHomo-Ehe\u201c in besonderer Weise theologisch begr\u00fcndungspflichtig. Ich sehe nicht, dass die Bef\u00fcrworter der \u201eHomo-Ehe\u201c bereit sind, dieser Pflicht nachzukommen. Ihr Video unterstreicht diesen Eindruck nur.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Emotionen und Ausgrenzungen <\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Video ist schon von Anfang an, wo die Regenbogenfahne eingeblendet und ein Segenslied eingespielt wird, stark emotional gepr\u00e4gt. Das gilt auch f\u00fcr Ihre weiteren Ausf\u00fchrungen, etwa die von mir bereits erw\u00e4hnte Aussage \u00fcber Menschen als \u201eGottes geliebte Kinder\u201c, bei der aber die Frage v\u00f6llig offenbleibt, was eigentlich die Position der Menschenliebe in der anstehenden Frage ist \u2013 wohlgemerkt im Horizont des biblischen doppelten Liebesgebotes. Sie setzen einfach voraus, dass die N\u00e4chstenliebe verlange, die \u201eHomo-Ehe\u201c zu akzeptieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie sagen, dass Sie stolz seien auf Ihre Bremische Evangelische Kirche, weil diese nachdenkt, theologisch arbeitet und den Moralapostel abgelegt hat. Im Kontext ist das nicht anders zu verstehen als dass Sie Christen, die am biblischen Zeugnis \u00fcber die Ehe festhalten, der Sache nach absprechen, nachzudenken und theologische Arbeit zu leisten. Der Begriff des \u201eMoralapostels\u201c zielt offenbar darauf, das Festhalten an der Ordnung des Sch\u00f6pfers als spie\u00dfiges Moralaposteltum abzuqualifizieren. K\u00f6nnen Sie sich vorstellen, dass auch das als Arroganz aufgefasst werden kann?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich rechtfertige keine Hassmails und schreibe Ihnen nicht im Hass. Aber ich bekenne, dass ich mich von Ihrer Art der Argumentation ausgegrenzt und in die Ecke von Stammtischpolitikern ger\u00fcckt sehe. Dabei wird die Position, die ich vertrete \u2013 die Ablehnung der Segnung oder Trauung homosexueller Partnerschaften sowie homosexuellen Lebens im Pfarrhaus \u2013 keineswegs nur an Stammtischen vertreten, sondern ist in der weltweiten \u00d6kumene weitgehend Konsens. Ihr Video verletzt mich nicht, aber ich habe als Theologe in mehreren Jahrzehnten das Streiten gelernt. Manche Christen, die ihre Position weniger selbstbewusst vertreten k\u00f6nnen, werden dagegen durch Ihre Worte verletzt oder vor allem ver\u00e4rgert sein und sich keineswegs auf die Einladung zur Begegnung einlassen, die Sie am Ende des Videos aussprechen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Vaterunser und Zehn Gebote?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie fragen in Ihrem Video, was der Bremischen Kirche verloren gegangen sei, seitdem sie homosexuelle Paare traut und homosexuelles Leben im Pfarrhaus erm\u00f6glicht. Dabei beziehen Sie sich darauf, dass weder das Vaterunser, noch die Zehn Gebote oder die Seligpreisungen abgeschafft oder geleugnet w\u00fcrden. Wenn aber das Festhalten am Vaterunser und die Berufung auf die Zehn Gebote keine Floskel sein soll, dann stellen sich Fragen. Welchen Gott sprechen Sie im Vaterunser als \u201eVater\u201c an und bitten, dass Sein Wille geschehe? Sie wenden sich wohl nicht an den Sch\u00f6pfer, von dem in Gen 1 die Rede ist, denn dessen Willen, dass der Mensch normalerweise als Mann und Frau zusammenlebt, nivellieren sie. Die Zehn Gebote beginnen mit der Forderung, keinen anderen als den biblisch bezeugten Gott anzuerkennen. Erst danach folgen die Gebote \u00fcber die zwischenmenschlichen Beziehungen. Die Struktur der Zehn Gebote entspricht damit der des doppelten Liebesgebotes. In dessen Konsequenz liegt es aber, die Ordnung, die der Sch\u00f6pfer gesetzt hat, vertrauensvoll anzuerkennen. Wenn Sie tats\u00e4chlich eine Kirche repr\u00e4sentieren, die nachdenkt und theologisch arbeitet, dann darf die kirchliche \u00d6ffentlichkeit innerhalb und au\u00dferhalb Bremens meines Erachtens auch erwarten, dass sie auf diese Fragen eine Antwort haben. Sonst bliebe das Bekenntnis zur theologischen Arbeit Ihrer nachdenkenden Kirche eine Worth\u00fclse.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Bunte evangelische Identit\u00e4t<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das gleiche gilt f\u00fcr Ihre Aussage, Ihre Bremische Evangelische Kirche sei \u201evoller herzlicher bunter evangelischer Identit\u00e4t\u201c. Sie benutzen den Begriff \u201eevangelische Identit\u00e4t\u201c, als sei klar, was damit gemeint ist. Wenn dem so ist, darf ich den Begriff wohl so f\u00fcllen, wie ich ihn nur f\u00fcllen kann: aus der Tradition heraus. Dann ist \u201eevangelische Identit\u00e4t\u201c (im konfessionellen Sinn) in erster Linie durch die Berufung auf das Zeugnis der Heiligen Schrift und ihre Auslegung in den altkirchlichen und reformatorischen Bekenntnissen bestimmt. Wenn das aber \u201eevangelische Identit\u00e4t\u201c sein soll, frage ich mich, wie man diese Identit\u00e4t f\u00fcr sich in Anspruch nehmen, aber zugleich das Zeugnis der Heiligen Schrift in der Weise au\u00dfer Acht lassen kann, wie es da der Fall ist, wo die Kirche nicht erkennt, dass die Nivellierung der Sch\u00f6pfungsnorm der Ehe diabolische Z\u00fcge hat. Und das auch, weil diese Nivellierung allen, auch homosexuell empfindenden Menschen schadet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Noch einmal: Wurzeln des Hasses<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und damit n\u00e4hern wir uns wohl ein weiteres Mal einem Punkt, an dem deutlich wird, woher der Hass, der Ihnen entgegenschl\u00e4gt, zumindest auch kommen kann: Ich kenne viele Christen, die genug davon haben, dass die Evangelische Kirche so oft mit Worth\u00fclsen operiert oder zu operieren scheint. Dass Glaubensbekenntnisse gesprochen werden, an deren Inhalt viele Pastoren selbst gar nicht mehr oder nur noch in kaum nachvollziehbaren Interpretationen glauben. Ich wei\u00df: Beim Glaubensbekenntnis ist man in Bremen seit langem ehrlicher. Es gibt Gemeinden, die kein Apostolikum sprechen. Aber das ist ja auch nur ein Beispiel. Das Vaterunser zu sprechen und zu sagen \u201eDein Wille geschehe\u201c, dabei aber die Ordnung nicht mehr zu respektieren, die der Sch\u00f6pfer vorgegeben hat, ist keineswegs besser.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">K\u00f6nnen Sie sich vorstellen, dass viele Christen dies als unehrlich empfinden, und dass sie es als Etikettenschwindel verstehen, wenn sich eine Kirche \u201eevangelisch\u201c nennt, aber dem, was traditionell unter diesem Begriff verstanden wird, nicht entspricht? Und sollte ein solcher Etikettenschwindel nicht \u00c4rger erzeugen k\u00f6nnen, der sich bei manchen bedauerlicherweise in Hassmails niederschl\u00e4gt, wenn sie mitbekommen, dass sich einer der wenigen landeskirchlichen Pastoren, die noch erkennbar \u201eevangelisch\u201c im Sinne von Schrift und Bekenntnis sind, einem Disziplinarverfahren unterziehen muss.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was immer Pastor Latzel gesagt hat, und was immer ein Disziplinarverfahren rechtfertigen mag \u2013 dar\u00fcber erlaube ich mir kein Urteil \u2013 aber als Theologe muss ich feststellen, dass er in der Frage der Ehe als Sch\u00f6pfungsordnung offenbar eine theologisch klare, an der Heiligen Schrift orientierte nachvollziehbare Position vertritt, der ich im Kern zustimme. Und vielleicht wissen manche Menschen solche Positionen zu sch\u00e4tzen, sogar wenn man nicht zustimmen sollte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Daher denke ich, dass auch Sie eine vergleichbar klare Position vertreten sollten, die Ausdruck der theologischen Arbeit Ihrer Kirche ist, und die ein deutliches \u201eJa\u201c oder \u2013 wenn es sein soll \u2013 ein deutliches \u201eNein\u201c zu Schrift und Bekenntnis enthalten m\u00fcsste, aber dann auch mit allen Konsequenzen. Die Zeit von Unklarheiten und Worth\u00fclsen sollte vor\u00fcber sein. Das wird der Kirche von vielen nicht mehr abgenommen. Dann f\u00fchrt vielleicht kein Weg an einer Spaltung der Kirche vorbei, die Sie in Ihrem Video bef\u00fcrchten. Dadurch aber w\u00fcrde Dampf aus dem Kessel genommen und k\u00fcnftigen Hassattacken die Grundlage entzogen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Trotz aller Kritik mit freundlichen Gr\u00fc\u00dfen, Meik Gerhards<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">G\u00f6ttingen, den 3. Juni 2020<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>PD Dr. theol. habil. Meik Gerhards<\/em><br \/>\n<em>Am Goldgraben 13<\/em><br \/>\n<em>37073 G\u00f6ttingen<\/em><br \/>\n<em>E-Mail: meik.gerhards@gmx.net<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Quelle: <a href=\"https:\/\/www.bibelundbekenntnis.de\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/Gerhards-Hass-der-die-Kirche-trifft.pdf\">www.bibelundbekenntnis.de<\/a><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sehr geehrte Frau Kirchenpr\u00e4sidentin Bosse, im Internet findet sich seit einigen Tagen ein Video (\u201eHass, der uns trifft \u2013 Gedanken von Kirchenpr\u00e4sidentin Edda Bosse\u201c), indem Sie Gedanken zu den Reaktionen \u00e4u\u00dfern, die in der Causa Latzel bei der Bremischen Evangelischen Kirche eintreffen, und die Sie damit beschreiben, dass \u201eBeleidigungen und Beschimpfungen\u201c das Haus der Kirche [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":536,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[14,13,17],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/17333"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/536"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=17333"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/17333\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":17335,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/17333\/revisions\/17335"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=17333"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=17333"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=17333"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}