{"id":17273,"date":"2020-05-15T12:20:26","date_gmt":"2020-05-15T10:20:26","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=17273"},"modified":"2020-05-15T12:21:37","modified_gmt":"2020-05-15T10:21:37","slug":"widerstand-und-ergebung-2020","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=17273","title":{"rendered":"Widerstand und Ergebung 2020"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">In Krisen lernen die Menschen in der Regel sich selbst und ihre N\u00e4chsten besser kennen. Krisen bringen zutage, was sonst verborgen bleiben w\u00fcrde. Dabei wird unter Juristen und Rechtsphilosophen diskutiert, ob der Grundsatz: \u201eNot kennt kein Gebot\u201c zutrifft oder ob der Gegensatz gilt: \u201eNot kennt ein anderes Gebot\u201c. F\u00fcr den Christen sollten solche Situationen aber zuerst und zuletzt auf Gottes Gebot und seine Ordnungen zur\u00fcckf\u00fchren.<a href=\"https:\/\/kirche-und-corona.de\/antwort-von-prof-dr-harald-seubert\/#easy-footnote-bottom-1-95\"><sup>1<\/sup><\/a><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Gesundheit gegen Rechtsschutz?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Durch die Covid 19-Pandemie und die ihr folgenden Aktionen geht es auch um die Frage, ob Gesundheit gegen Rechtsschutz eingetauscht werden kann. Der italienische Philosoph Giorgio Agamben sieht zu Recht die Gefahr einer neuen Barbarei heraufziehen, in der der medizinisch rundum betreute Mensch alles mit sich machen l\u00e4sst, wenn nur sein Leben gesch\u00fctzt wird.<a href=\"https:\/\/kirche-und-corona.de\/antwort-von-prof-dr-harald-seubert\/#easy-footnote-bottom-2-95\"><sup>2<\/sup><\/a> Eine solche Tendenz besteht tats\u00e4chlich. Christen m\u00fcssen diesem Rad in die Speiche zu fallen versuche \u2013 in Tun, Unterlassen, Denken und Ethos.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seit 1945 ist in die freiheitlichen Grundrechte nicht so tief eingegriffen worden wie derzeit. Dies betraf auch die freie Religionsaus\u00fcbung. Ihr zentraler Ort ist f\u00fcr Christen nach wie vor der Gottesdienst: Das H\u00f6ren auf Gottes Wort, in seinem Namen und seiner Kraft (R\u00f6m 8,15; Gal 4,6; Joh 14 und 16), die Feier seiner Gegenwart und die Neuausrichtung auf ihn (vgl. Psalm 84,10).<a href=\"https:\/\/kirche-und-corona.de\/antwort-von-prof-dr-harald-seubert\/#easy-footnote-bottom-3-95\"><sup>3<\/sup><\/a> Christen sind hier im Herzen ihres Glaubens angesprochen und sie sind angegriffen, wenn instinktlos von \u201eGottesdienstverboten\u201c die Rede ist. Gottesdienste sind etwas wesentlich Anderes als andere Veranstaltungen. Der Mainstream der deutschsprachigen Christenheit hat es in der j\u00fcngsten Zeit vers\u00e4umt, auf diese Mitte des Glaubens hinzuweisen. Vielleicht weil der reale Gottesdienst nicht mehr das wichtigste Anliegen ist, das er sein sollte. Aus Gottes Wort und dem Gebet gewinnt alles andere christliche Engagement aber erst seinen christlichen Sinn und seine Mitte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Christliches politisches Engagement in der gegenw\u00e4rtigen Situation<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Benjamin Splitt wirft richtige und wichtige Fragen auf. Unstrittig, dass der Mittelweg, den er empfiehlt, den beiden anderen Wegen vorzuziehen ist. Die Mitte ist schon f\u00fcr Aristoteles der Ort der Tugend gewesen.<a href=\"https:\/\/kirche-und-corona.de\/antwort-von-prof-dr-harald-seubert\/#easy-footnote-bottom-4-95\"><sup>4<\/sup><\/a> Doch die Mitte zu finden ist nicht einfach. F\u00fcr uns Christen ist sie nur zu finden, wenn wir in allen Situationen unser Denken und Handeln an dem orientieren, der der Weg, die Wahrheit und das Leben ist (Joh 14,6).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Christen sollten sich im Sinn dieser Mitte an der Lehre von den zwei Reichen orientieren, die Jesus Christus mit der Aussage: \u201eGebt dem Kaiser, was des Kaisers ist und Gott was Gottes ist\u201c (Mt 22,21) umrei\u00dft. Daraus folgt der Imperativ, dass Gott mehr zu gehorchen ist als den Menschen (Apg 5,29), dem sich die christliche Zweireiche-Lehre seit Luther und Augustinus verpflichtet wusste.<a href=\"https:\/\/kirche-und-corona.de\/antwort-von-prof-dr-harald-seubert\/#easy-footnote-bottom-5-95\"><sup>5<\/sup><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Daraus folgt weiterhin ein klares Kriterium f\u00fcr christliches politisches Engagement in der gegenw\u00e4rtigen Situation: Es sollte den von Gott gesetzten Ordnungen entspringen, etwa der aus der Gottebenbildlichkeit folgenden W\u00fcrde des Menschen. Eine Regierung muss, wenn sie Freiheiten einschr\u00e4nkt, dem Ma\u00dfstab der Menschenw\u00fcrde folgen. Sie muss also gute Gr\u00fcnde daf\u00fcr haben und sie auch offen und freim\u00fctig aussprechen. Dies bedeutet, dass sie Perspektiven des Wiedereinstiegs ins normale Leben und einen begrenzten Zeitraum nennen muss, f\u00fcr den die Einschr\u00e4nkungen gelten. All dies ist in Deutschland und den meisten L\u00e4ndern Europas viel zu wenig geschehen. Man muss nicht Verschw\u00f6rungstheoretiker sein, um die klammheimliche, etwa vom ehemaligen Au\u00dfenminister Fischer ge\u00e4u\u00dferte Freude an Paternalismus und einem Betreuungsstaat verd\u00e4chtig zu finden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Christen sollten ihr b\u00fcrgerliches Mandat daher gerade in dieser Krise im vollen Sinn wahrnehmen. Sie sollten n\u00fcchtern und wachsam sein (1. Petrus 5,8), wo immer im Namen \u00fcbergeordneter ideologischer Ziele b\u00fcrgerliche Rechtsfreiheiten eingegrenzt und neue Pseudoreligionen etabliert werden. Diese sind immer verfehlt und werden diabolisch. Auch wenn sie Ziele verfolgen, die f\u00fcr sich genommen Sinn haben und berechtigt sind. Dies gilt f\u00fcr das Klima, es gilt auch f\u00fcr die Hygiene. Die Formen des politischen Engagements sind frei und vielf\u00e4ltig. Ihre Wahl wird sich nach Situation, Begabung, M\u00f6glichkeiten bemessen. Allen ist zu misstrauen, die nur einen Weg vorschreiben m\u00f6chten. Der reinen Gesinnungsethik ist eine umsichtige Verantwortungsethik vorzuziehen. Die Grenze zur Gewalt d\u00fcrfen sie in einem freiheitlichen Rechtsstaat, in dem andere M\u00f6glichkeiten gegeben sind, in keiner Weise \u00fcberschreiten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dann lassen sich mit Urteilskraft Einzelfragen f\u00fcr gegenw\u00e4rtiges Handeln beantworten: Petitionen sind sinnvoll, wenn sie rechtzeitig erfolgen und an die richtigen, gutwilligen Adressaten gehen. Ziviler Ungehorsam, wo er das rechte Ma\u00df h\u00e4lt, kann Pflicht sein, wenn er in Demut und R\u00fccksicht geschieht. Demonstration ist ein Instrument der demokratischen Ordnung. Hier kann der \u201eMarsch f\u00fcr das Leben\u201c sinnvolles Vorbild sein. Auch das Gespr\u00e4ch mit und das Gebet f\u00fcr Politikerinnen und Politiker ist sinnvoll und wesentlich. Doch Christen sind wie alle B\u00fcrger auch zum Einspruch und zur Kritik und Mahnung berechtigt, wenn sie nur beherzigen, dass alles, was sie tun in Liebe geschieht (1. Kor 16,14).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Ein christlicher Mainstream als Zivilreligion<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In all dem ist zu bedenken, dass die Politik Gottes Hoheit gegen\u00fcber immer nur ein Vorletztes und die \u2013 demokratisch legitimierte \u2013 Obrigkeit vor Gott eine \u201eUntrigkeit\u201c ist, wie Luther sagte. Dies bedeutet nicht, dass uns Krisen gleichg\u00fcltig sein d\u00fcrften. Nein: Es bedarf eines christlichen Mainstreams als Zivilreligion, sonst werden andere Zivilreligionen sich an seine Stelle setzen. Der agnostische fr\u00fchere italienische Senatspr\u00e4sident Pera sieht in einer solchen Zivilreligion sogar einen gro\u00dfen Gewinn auch f\u00fcr die Nicht-Christen in einer Gesellschaft.<a href=\"https:\/\/kirche-und-corona.de\/antwort-von-prof-dr-harald-seubert\/#easy-footnote-bottom-6-95\"><sup>6<\/sup><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So bedarf es der Wachsamkeit und unter Umst\u00e4nden auch des Widerstands gegen weltliche M\u00e4chte und Denkformen, aber der Ergebung in Gottes Rat. Politische Intelligenz und das Gebet erfordern einander. Gerade in der Krise wird das sichtbar!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Prof. Dr. Harald Seubert, 7. Mai 2020<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/kirche-und-corona.de\/antwort-von-prof-dr-harald-seubert\/\"><em>https:\/\/kirche-und-corona.de<\/em><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Prof. Dr. Harald Seubert leitet seit 2012 den Fachbereich f\u00fcr Philosophie und Religionswissenschaft an der Staatsunabh\u00e4ngigen Theologischen Hochschule Basel. Zudem ist er Dozent f\u00fcr Politische Philosophie an der Hochschule f\u00fcr Politik M\u00fcnchen und Vorsitzender der Martin-Heidegger-Gesellschaft.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Fu\u00dfnoten<\/strong><\/p>\n<ol>\n<li>Dazu E. Brunner, Das Gebot und die Ordnungen. Entwurf einer protestantisch-theologischen Ethik. Z\u00fcrich, New York 1932; und G. Huntemann, Biblisches Ethos im Zeitalter der Moralrevolution. Holzgerlingen 1999.<\/li>\n<li>G. Agamben, in NZZ 18.3.2020 und 7.4.2020 zur Corona-Krise.<\/li>\n<li>Dazu R. Slenczka, Kirchliche Entscheidung in theologischer Verantwortung. Grundlagen, Kriterien, Grenzen. G\u00f6ttingen 1991, S.24 ff. Siehe auch meinen Disput mit R. Anselm in: idea Spektrum 7, 22.4.2020.<\/li>\n<li>Aristoteles, Nik. Ethik 1102 a ff.<\/li>\n<li>Dazu U. Duchrow, Christenheit und Weltverantwortung. Traditionsgeschichte und systematische Struktur der Zweireichelehre. Stuttgart <sup>2<\/sup>1982; sowie G. Rohrmoser, Religion und Politik in der Krise der Moderne. Graz, Wien, K\u00f6ln 1989.<\/li>\n<li>M. Pera und J.Ratzinger, Ohne Wurzeln. Der Relativismus und die Krise der europ\u00e4ischen Kultur. Augsburg 2005.<\/li>\n<\/ol>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Krisen lernen die Menschen in der Regel sich selbst und ihre N\u00e4chsten besser kennen. Krisen bringen zutage, was sonst verborgen bleiben w\u00fcrde. 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