{"id":17163,"date":"2020-04-14T15:46:11","date_gmt":"2020-04-14T13:46:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=17163"},"modified":"2020-04-14T16:52:56","modified_gmt":"2020-04-14T14:52:56","slug":"im-gespraech-dr-klaus-ruediger-mai","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=17163","title":{"rendered":"Im Gespr\u00e4ch: Dr. Klaus R\u00fcdiger Mai"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em>Klaus R\u00fcdiger Mai ist Dramaturg, Regisseur und Schriftsteller. Er studierte Germanistik, Geschichte und Philosophie an der Martin-Luther-Universit\u00e4t Halle-Wittenberg. 1990 wurde er promoviert. Er ist Autor zahlreicher Romane, Historischer Sachb\u00fccher, Essays und Artikel.<\/em><!--more--><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignleft wp-image-17164\" src=\"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Mai_Klaus-Ruediger__2018_0191_cChristophBusse-683x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"161\" height=\"242\" srcset=\"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Mai_Klaus-Ruediger__2018_0191_cChristophBusse-683x1024.jpg 683w, https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Mai_Klaus-Ruediger__2018_0191_cChristophBusse-200x300.jpg 200w, https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Mai_Klaus-Ruediger__2018_0191_cChristophBusse-768x1152.jpg 768w, https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Mai_Klaus-Ruediger__2018_0191_cChristophBusse.jpg 1500w\" sizes=\"(max-width: 161px) 100vw, 161px\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><span style=\"color: #0f690f;\">Wir haben im \u201eAufbruch\u201c schon zwei B\u00fccher von Ihnen besprochen und empfohlen, n\u00e4mlich \u201eGeh\u00f6rt Luther zu Deutschland?\u201c (2016) und \u201eGeht der Kirche der Glaube aus?\u201c (2018). Wann k\u00f6nnen wir das n\u00e4chste Buch erwarten und was werden Sie darin behandeln?<\/span><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dass sich die Sternstunde von Worms, in der sich Martin Luther vor dem Reichstag, vor Kaiser, F\u00fcrsten, Bisch\u00f6fen und \u00c4bten, vor den Vertretern der Reichsst\u00e4dte, also vor der versammelten Reichs\u00f6ffentlichkeit und den politischen Vertretern aller St\u00e4nde, au\u00dferdem vor den Botschaftern anderer Herrscher in Europa auf das Gewissen berief, im Jahr 2021 zum 500. Mal j\u00e4hrt, war f\u00fcr mich willkommener Anlass, mich vertieft mit Luthers Weg nach Worms zu besch\u00e4ftigen. Die Reise nach Worms war f\u00fcr Luther nicht gefahrlos, denn schon einmal wurde ein Reformator trotz Zusicherung freien Geleites verbrannt, n\u00e4mlich Jan Hus 1415 in Konstanz. Sp\u00e4testens in der Leipziger Disputation begriff Martin Luther, dass er theologische Ansichten vertrat, die teilweise bereits von Jan Hus diskutiert worden waren. Ich habe mich gefreut, mich noch einmal mit Martin Luther, \u00fcber den ich auch eine Biographie verfasst habe, zu besch\u00e4ftigten. Dar\u00fcber hinaus stellt sich die Frage, ob uns nicht unsere Zeit geradezu zwingt, \u00fcber die Freiheit und das Gewissen erneut nachzudenken. Martin Luther ist immer noch und bereits wieder unser Zeitgenosse.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><span style=\"color: #0f690f;\">Sie sind in Sta\u00dffurt bei Magdeburg geboren. Hat Ihre Kindheit und Jugend in der DDR irgendeinen Einfluss auf Ihr Denken? Allgemeiner gefragt, macht die Diktaturerfahrung sensibler f\u00fcr Meinungsmanipulation und Freiheitsbeschneidung in unserer Gesellschaft?<\/span><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Literatur, Philosophie, Musik und Kunst haben mich bereits sehr fr\u00fch interessiert, aber auch die Geschichte. Diese Besch\u00e4ftigung half, die geistigen Grenzen der Diktatur zu \u00fcberwinden. Nat\u00fcrlich hat die Erfahrung der Diktatur mich gepr\u00e4gt, und zwar erstens darin, die Diktatur zun\u00e4chst als Diktatur zu erkennen, und zweitens darin, vorgegebene und in der Schule gelehrte Weltbilder zu hinterfragen und dabei zu entdecken, dass die offizielle Version der Geschichte nicht der Wahrheit entspricht. Die Erfahrung, belogen zu werden, war ein Schock und ein tiefer Einschnitt, gleichzeitig aber auch eine Motivation, den Dingen auf den Grund zu gehen. Ich habe mir m\u00fchselig die Wahrheit \u00fcber den Stalinismus, \u00fcber seine Verbrechen erarbeiten m\u00fcssen. Quellenkritik ist f\u00fcr mich deshalb wichtig, um nichts so anzunehmen, wie es mir serviert wird, sondern es zu \u00fcberpr\u00fcfen. Einzig und allein an Gott ist zu glauben, an allem anderen ist zu zweifeln. Was Sie Manipulation nennen, ist nur eine Funktion der Arroganz der Macht. Diejenigen, die versuchen zu manipulieren, haben ein negatives Menschenbild: Sie glauben, dass sie das Recht zu betr\u00fcgen besitzen, weil den Menschen die Wahrheit nicht zuzumuten sei. Eine demokratische Gesellschaft ist f\u00fcr mich hingegen eine Gesellschaft, die auf dem Diskurs beruht, die auf das Argument und mehr noch auf den rationalen Umgang mit dem Argument setzt. Verk\u00fcrzt gesagt: die Diktatur bedarf der politischen Romantik, w\u00e4hrend die Demokratie die politische Rationalit\u00e4t ben\u00f6tigt. Diktaturen fordern Vertrauen ein, Demokratien Kritik. Vielleicht hat es wirklich mit der Erfahrung der Diktatur zu tun, dass schon in der DDR die Aufkl\u00e4rung f\u00fcr mich besonders wichtig war. Auf Kants Vorstellung vom m\u00fcndigen B\u00fcrger, die er beeindruckend in dem Aufsatz \u201eWas ist Aufkl\u00e4rung?\u201c formuliert hat, lasse ich nichts kommen. Martin Luther und Immanuel Kant verdanke ich sehr viel. Aber auch Karl Marx, ich kenne sein Werk vielleicht besser als die meisten Funktion\u00e4re der Linkspartei. Ich wei\u00df also, was ich vom Sozialismus, selbst wenn man ihn demokratisch nennt, was aber nur eine contradictio in adjecto (einen Widerspruch in sich) darstellt, zu erwarten habe. Besonders wichtig ist aber f\u00fcr mich, wie f\u00fcr andere Ostdeutsche, die Erfahrung, die Freiheit und Demokratie nicht geschenkt bekommen, sondern erk\u00e4mpft zu haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><span style=\"color: #0f690f;\">Sie haben k\u00fcrzlich den \u201eDeutschen Schulbuchpreis\u201c erhalten. In der Laudatio hei\u00dft es, dass Sie Glaube und Religion als Hilfen f\u00fcr den Lebenssinn und zur Identit\u00e4tsfindung ansehen. Wie stehen Sie pers\u00f6nlich zum christlichen Glauben?<\/span><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr mich pers\u00f6nlich \u2013 und das kann und wird und darf f\u00fcr andere anders sein \u2013 ist Christus der einzige Weg zu Gott. So hei\u00dft es bei Johannes 14,6: \u201eIch bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater denn durch mich\u201c &#8211; das ist im ganz w\u00f6rtlichen Sinn Weg, Orientierung und Glauben. Das Christentum hat Europa geschaffen, ohne Christentum keine formulierten Menschenrechte, nicht die imposanten Erfolge in Wissenschaft und Technik. Das geht bis in die Tiefe des Denkens, denn ohne die christliche Ontologie der Trinit\u00e4t kann ich mir die Entstehung der Wissenschaft in Europa nicht vorstellen. Das Christentum gewinnt sogar an Bedeutung, denn wir k\u00f6nnen inzwischen technisch mehr, als wir ethisch zu verantworten verm\u00f6gen. Wollen wir Wissenschaft und Technik f\u00fcr und nicht gegen den Menschen betreiben, ben\u00f6tigen wir immer st\u00e4rker eine Vorstellung oder besser ein Wissen vom Leben, wie sie nur unter Einschluss der Transzendenz, der Endlichkeit und S\u00fcndhaftigkeit des Menschen gewonnen werden k\u00f6nnen. Verlieren wird die Transzendenz, wird die Immanenz zur H\u00f6lle. Ich traue und mute meinem christlichen Glauben viel zu, er tr\u00e4gt mich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><span style=\"color: #0f690f;\">An der Liste Ihrer Ver\u00f6ffentlichungen f\u00e4llt auf, dass Sie sich besonders f\u00fcr pr\u00e4gende Gestalten in der Geschichte interessieren. Ich kenne nur Ihre Biographien \u00fcber D\u00fcrer und die Bachfamilie, aber Sie haben u.a. auch \u00fcber Gutenberg, Mutter Teresa und Michael Gorbatschow geschrieben. Was fasziniert Sie an der Geschichte?<\/span><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Von der Gegenwart wissen wir wenig, von der Zukunft nichts. In der Geschichte finden wir unsere Erinnerung an das, was geschehen ist. Geschichte ist Teil unseres Wesens, pers\u00f6nlich wie auch gesellschaftlich. Aber die Geschichte ist keine Lehrmeisterin, man kann aus ihr nichts lernen. Sie besitzt allerdings eine geradezu zynische Frivolit\u00e4t, indem n\u00e4mlich diejenigen, die aus der Geschichte lernen und die Wiederholung historischer Katastrophen verhindern wollen, gerade dadurch blind f\u00fcr die Gegenwart werden und neue Katastrophen erst hervorrufen. Man kann aus der Geschichte erfahren, dass gerade Schlimmes mit den Lehren aus der Geschichte gerechtfertigt wird. Das Vergangene ist zwar vergangen, dennoch ist es Teil unserer Existenz und wirkt weiter. Was tats\u00e4chlich hilft, ist die Kenntnis der Mechanismen, man kann in der Geschichte beobachten, wie Vorg\u00e4nge oder Prozesse ablaufen. Geschichte kann also nicht belehren, aber sie vermag \u2013 und das ist gro\u00dfartig \u2013 unser Denken zu erweitern, weil man in der Geschichte den Menschen, also letztlich sich kennenlernt. Da Geschichte immer von Menschen gemacht wird, wird mein Interesse an der Geschichte von meinem Interesse an den Menschen verursacht, deshalb halte ich auch die Biographie f\u00fcr die beste Form von Historiographie, denn Geschichte besteht aus Geschichten, die erz\u00e4hlt werden m\u00fcssen. Im Erz\u00e4hlen begegnen wir uns als Menschen. Und wir finden in der Geschichte unsere Identit\u00e4t, sie ist Ausdruck unserer Kultur, ist Teil unserer Heimat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><span style=\"color: #0f690f;\">Sie sch\u00e4tzen Martin Luther. Insbesondere hat es Ihnen seine Schrift \u201eDie Freiheit eines Christenmenschen\u201c angetan. Einmal haben Sie die sogar \u201edas Gr\u00fcndungsmanifest des modernen Europa\u201c genannt. Warum?<\/span><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In dieser Schrift wird der Christenmensch als Subjekt angesprochen, als Individuum \u2013 und dieses Individuum, das zum B\u00fcrger wird, bildet die Grundlage Europas. \u00dcberdies finden wir in dieser Schrift den nach wie vor g\u00fcltigen, wenn Sie so wollen, den modernen Freiheitsbegriff formuliert, indem Freiheit und Verantwortung in eine Balance gebracht werden. Man ist nicht nur fei von etwas, sondern auch frei f\u00fcr etwas. Freiheit ohne Verantwortung ist Verwahrlosung; ohne Freiheit ist jedoch Verantwortung nicht m\u00f6glich, denn Verantwortung zu \u00fcbernehmen, beruht auf Freiwilligkeit. Wir sind zur Verantwortung begnadet. Verk\u00fcrzt gesagt: dass Freiheit m\u00f6glich ist, wird f\u00fcr mich von und durch Gott garantiert. Die Freiheit eines Christenmenschen ist die von Gott gestiftete Freiheit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><span style=\"color: #0f690f;\">Gern m\u00f6chte ich noch auf einige weitere grunds\u00e4tzliche Fragen kommen. In Ihrem neuesten Buch \u201eGeht der Kirche der Glaube aus?\u201c \u00e4u\u00dfern Sie die Bef\u00fcrchtung, dass die weltweite Digitalisierung das \u201eEnde des Individuums\u201c mit sich bringe, \u201eweil das Individuum zu Datenstaub zerbr\u00f6selt\u201c. K\u00f6nnen Sie das bitte n\u00e4her erl\u00e4utern?<\/span><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Luther hat durch die Entdeckung des Ichs im Glauben das Individuum begr\u00fcndet. Erst nach der Reformation entsteht das Konzept der Privatheit, ohne Privatheit keine b\u00fcrgerliche Gesellschaft. Sie k\u00f6nnen das in der deutschen Sprache sehr sch\u00f6n an den Worten Heim und heimlich sehen: Alles, was zum Heim geh\u00f6rt, ist f\u00fcr die \u00d6ffentlichkeit nicht zug\u00e4nglich, geh\u00f6rt zur Privatheit im Gegensatz zur \u00d6ffentlichkeit. B\u00fcrgerliche Freiheit fu\u00dft u.a. auf dem Schutz der Privatheit. Doch f\u00fcr die gro\u00dfen Internetkonzerne sind unsere Biographien, also alles, was wir machen, nur Rohstoffe, wie f\u00fcr andere Industrien Kohle oder Eisenerz Rohstoffe sind. Jede Bewegung im Internet hinterl\u00e4sst eine Spur, sogenannte Datenabgase. Der Zugriff auf die Daten erm\u00f6glicht die totale \u00dcberwachung und zerst\u00f6rt die Privatheit. Die US-amerikanische Wirtschaftswissenschaftlerin Shoshana Zuboff nennt das den \u201e\u00dcberwachungskapitalismus\u201c. Ich w\u00fcrde es eher \u00dcberwachungsfeudalismus nennen, denn der B\u00fcrger wird pl\u00f6tzlich zum Dateneigenen. Aber das ist nur die eine Seite. Mithilfe der Daten lassen sich f\u00fcr jeden Menschen Pers\u00f6nlichkeitsprofile erstellen, um so sein Konsumverhalten zu lenken \u2013 wer garantiert, dass es nur beim Konsumverhalten (und das ist schon schlimm genug) bleibt? Ich bin nicht gegen das Internet, nicht gegen die M\u00f6glichkeiten, es geht darum, wie der neue virtuelle Raum geordnet und Privatheit garantiert werden kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #0f690f;\"><strong>Im Kapitel \u201eDie Kirche und die neue Elite\u201c sprechen Sie \u00fcber den Vertrauensverlust der Medien und zitieren den Ausspruch des bekannten Journalisten Hajo Friedrichs, dass der Journalist zum Gegenstand seiner Arbeit \u201eDistanz halten\u201c m\u00fcsse. Als fr\u00fcherer DDR-B\u00fcrger beobachte ich mit wachsender Sorge, dass sich viele Medien mehr und mehr als Meinungsmacher verstehen und verl\u00e4ssliche und faktenbasierte Reportagen zur\u00fcckgehen. Wie bekommen wir Medien, die unser Urteilsverm\u00f6gen f\u00f6rdern, anstatt es zu manipulieren? Bitte geben Sie unseren Lesern ein paar Tipps f\u00fcr den Umgang mit den Medien.<\/strong><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das h\u00e4ngt von der Zeit ab, die man investieren will und kann. Zwei Grunds\u00e4tze helfen: erstens jede Information, jeden Bericht nicht nur aus einer Quelle zur Kenntnis zu nehmen, sondern m\u00f6glichst aus entgegengesetzten Medien, bspw. ZEIT und Tichys Einblick, und zweitens die eigene Erfahrung nicht zu gering zu veranschlagen. Es gibt die sogenannte \u201eExpertenl\u00fcge\u201c, wie der Soziologe Wolfgang Streeck das nannte. Wird ein Experte pr\u00e4sentiert, ist es wichtig, seinen Hintergrund zu sehen. Haben Sie es mit einem Lobbyisten der Windkraftindustrie zu tun, wird er nichts Schlechtes \u00fcber die Windkraftparks sagen. Bei vielen \u201eExperten\u201c \u2013 auch mit wissenschaftlichen Titeln \u2013 habe ich den Verdacht, dass sie im Grunde nur Lobbyisten sind. Lesen Sie den ganzen Artikel und nicht nur die \u00dcberschrift; zuweilen steht n\u00e4mlich im Artikel das Gegenteil oder wird zumindest die \u00dcberschrift nicht im Artikel best\u00e4tigt. Werden Studien genannt, werfen Sie selbst einen Blick in die Studie, auch auf deren Grundlagen, auf die genauen Fragestellungen und auf die Anzahl und soziale Struktur der Befragten. Misstrauen Sie grunds\u00e4tzlich Verallgemeinerungen. Die Mehrheit ist der Meinung\u2026, ist kein Wahrheitsargument. Als einhundert renommierte Wissenschaftler gegen Einsteins Relativit\u00e4tstheorie protestiert hatten, antwortete Albert Einstein, dass es keiner einhundert Wissenschaftler bed\u00fcrfe, sondern nur des einen, der ihn widerlege. Ein Bild ist kein Argument. Interessieren Sie sich f\u00fcr Hintergr\u00fcnde. Werden Sie stutzig, wenn Dinge verquickt werden, die nichts miteinander zu tun haben. Wenn Sie die Gelegenheit haben, nehmen Sie ausl\u00e4ndische Publikationen zur Kenntnis, aus der Schweiz, aus \u00d6sterreich, aus Frankreich, aus England. Vor allem, vertrauen Sie Ihrer Urteilskraft. Sie haben Lebenserfahrung, Sie bew\u00e4ltigen jeden Tag Ihren Alltag \u2013 Sie leben in keiner Medienblase.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #0f690f;\"><strong>In dem genannten Buch werfen Sie insbesondere der evangelischen Kirche Missionsverzicht, Vernachl\u00e4ssigung der Seelsorge, parteipolitisches Agieren, moralisches Pathos und ein falsch verstandenes christliches Menschenbild vor, wie es sich z.B. im \u201ehypertrophen Begriff der Weltverantwortung\u201c zeige. Demgegen\u00fcber sei \u201eder letzte Zweck\u201c (sc. der Kirche) \u201eeben nicht die Gesellschaft, sondern Christi Nachfolge\u201c. Wie kann die evangelische Kirche aus ihrer Zeitgeistorientierung heraus- und wieder in ihre eigentliche Kompetenz hineinfinden?<\/strong><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kirche muss sich wieder an Jesu Wort \u201eMein Reich ist nicht von dieser Welt\u201c erinnern. Sie darf die Transzendenz nicht in der Immanenz aufl\u00f6sen und aus Angst vor Bedeutungsverlust dem Zeitgeist hinterherlaufen, dadurch taub f\u00fcr den heiligen Geist werden und sich selbst s\u00e4kularisieren. Dietrich Bonhoeffer charakterisiert die christliche Ethik so: \u201eNicht, dass ich gut werde noch dass der Zustand der Welt durch mich gebessert werde, ist dann von letzter Wichtigkeit, sondern dass die Wirklichkeit Gottes sich \u00fcberall als die letzte Wirklichkeit erweise. Dass sich also Gott als das Gute erweise, auf die Gefahr hin, dass ich und die Welt als nicht gut, sondern als durch und durch b\u00f6se zu stehen kommen, wird mir dort zum Ursprung des ethischen Bem\u00fchens, wo Gott als letzte Wirklichkeit geglaubt wird.\u201c Gott also als letzte und als erste Wirklichkeit. Vor allem hat die Kirche sich auf ihre Hauptaufgaben zu konzentrieren, die da w\u00e4ren: Bibellesung, Gottesdienst, Diakonie, Bildung, Seelsorge und Mission. Mission ist das Wichtigste und alle anderen f\u00fcnf Gebiete orchestrieren gemeinsam die Mission, denn es ist den Christen aufgegeben, die gute Nachricht der Erl\u00f6sung allen Menschen zu bringen. In einer gro\u00dfen Rede auf der sogenannten Missionssynode der EKD 1999 in Leipzig hat der T\u00fcbinger Theologe Eberhard J\u00fcngel daran erinnert: \u201eWenn die Kirche ein Herz h\u00e4tte, ein Herz, das noch schl\u00e4gt, dann w\u00fcrden Evangelisation und Mission den Rhythmus des Herzens der Kirche in hohem Ma\u00dfe bestimmen.\u201c Er brachte das in das sch\u00f6ne Bild vom Ein- und Ausatmen. \u201eEinatmend geht die Kirche in sich, ausatmend geht sie aus sich heraus.\u201c \u00dcber sich selbst hinauszugehen, verlangt auch, mit dem Glauben in die Welt zu gehen. Die Kirche darf sich nicht parteipolitisch bet\u00e4tigen. Sie ist die Gemeinschaft aller Christen, unabh\u00e4ngig davon, welche politische Meinung sie als B\u00fcrger vertreten. Sie hat zu allen Parteien die gleiche Distanz einzunehmen. F\u00fcr die \u00dcbernahme eines Amtes in der Gemeinde und in der Kirche allgemein spielen weder die Parteimitgliedschaft oder politische Verortung noch der Beruf noch das Alter eine Rolle, sondern allein der christliche Glaube und das Vertrauen der w\u00e4hlenden Gemeinde. Kehrt die Kirche zur Verk\u00fcndigung zur\u00fcck, wird sie auch politisch sein, ohne sich jedoch parteipolitisch zu verk\u00e4mpfen.<\/p>\n<p><span style=\"color: #0f690f;\"><strong>Trotz aller Kritik an der verfassten Kirche erwarten Sie interessanterweise, dass \u201ein den kommenden Auseinandersetzungen und K\u00e4mpfen die Kirche wichtiger denn je werden\u201c wird. Worauf gr\u00fcnden Sie diese Erwartung?<\/strong><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was Gott in die Welt gebracht hat, kann der Mensch nicht verlieren. Es ist nicht die Kirche der Leitung der EKD, es ist Seine Kirche, die Gemeinschaft der Heiligen, wie es im Credo hei\u00dft, von Christus gestiftet und mithin die Kirche unseres Herrn. Deshalb verlasse ich die Kirche auch nicht, auch wenn der eine oder der andere es gern sehen w\u00fcrde. Denn wie hatte es Martin Luther so sch\u00f6n gedichtet: \u201eEin feste Burg ist unser Gott.\u201c Gottes Wort wird nicht vergehen. Darin besteht meine Zuversicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Die Fragen stellte Pastor Dr. Joachim Cochlovius.<\/em><\/p>\n<p><em>Aus: <a href=\"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/aufbruch_1_2020.pdf\">Aufbruch 1\/2020<\/a>. Der Aufbruch kann kostenlos \u00fcber die Gesch\u00e4ftsstelle des Gemeindehilfsbundes bezogen werden (E-Mail: info@gemeindehilfsbund.de).<\/em><\/p>\n<p><em>Foto: Christoph Busse<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Leseempfehlung:<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Dr. Klaus R\u00fcdiger Mai<\/em><br \/>\n<em><strong><span style=\"color: #0f690f;\">Geht der Kirche der Glaube aus? Eine Streitschrift<\/span><\/strong><\/em><br \/>\n<em>Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2018, 192 Seiten 15,00 \u20ac<\/em><br \/>\n<em>ISBN: 978-3-3740-5305-6<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Dr. Klaus R\u00fcdiger Mai<\/em><br \/>\n<em><strong><span style=\"color: #0f690f;\">Leonardos Geheimnis: Die Biographie eines Universalgenies<\/span><\/strong><\/em><br \/>\n<em>Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2019, 432 Seiten 25,00 \u20ac<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Klaus R\u00fcdiger Mai ist Dramaturg, Regisseur und Schriftsteller. 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