{"id":17114,"date":"2020-03-27T13:29:41","date_gmt":"2020-03-27T12:29:41","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=17114"},"modified":"2020-03-27T13:31:50","modified_gmt":"2020-03-27T12:31:50","slug":"passionsandacht-ueber-jesu-leidensvollendung-mich-duerstet-joh-1928","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=17114","title":{"rendered":"Passionsandacht \u00fcber Jesu Leidensvollendung: &#8222;Mich d\u00fcrstet!&#8220; (Joh. 19,28)"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em>Danach, da Jesus wusste, dass schon alles vollbracht war, auf dass die Schrift erf\u00fcllt w\u00fcrde, spricht er: \u201eMich d\u00fcrstet!\u201c (Joh. 19,28)<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich wei\u00df nicht, ob Sie jemals von der Passionsgeschichte des Sokrates geh\u00f6rt haben. Platon berichtet von dem Sterben des Sokrates. Es ist tief beeindruckend, wie Sokrates in seiner Verteidigungsrede vor Gericht, so wie Platon sie aufschreibt, seinen Richtern tiefe, erbauliche Gedanken \u00fcber die Harmlosigkeit des Sterbens vortr\u00e4gt: dass er sich gar nicht davor f\u00fcrchte, sondern ganz im Gegenteil: dass sie ihm mit der Hinrichtung sozusagen ein Geschenk machten. Und da er als ein Gerechter ungerecht hingerichtet w\u00fcrde, w\u00e4re es doppelt gro\u00dfartig f\u00fcr ihn. Am Tag vor seiner Hinrichtung, ehe er den Schierlingsbecher, den Giftbecher trinken muss, kommt vor Tag sein Freund Kriton ins Gef\u00e4ngnis und bietet Sokrates die M\u00f6glichkeit der Flucht an. Freunde haben genug Geld daf\u00fcr zusammengebracht. Das Schiff aus Delos legt an, das Signal daf\u00fcr, dass Sokrates am n\u00e4chsten Tag sterben muss. In letzter Stunde also erh\u00e4lt er die M\u00f6glichkeit zur Flucht.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In \u00fcberlegener Majest\u00e4t und Ruhe, nicht angefochten von dem Ausblick aufs Sterben, versteht der Weise noch nicht einmal, warum seine Freunde um seinetwillen leiden und ihm unterstellen, er k\u00f6nnte anders als ruhig, \u00fcberlegen und gelassen in den Tod gehen. Wenn man das gelesen hat, ist man tief ergriffen und besch\u00e4mt. So gro\u00dfartig starb Sokrates &#8211; und wie k\u00fcmmerlich starb Jesu! Wie k\u00fcmmerlich!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich kann mir vorstellen, dass der Apostel Johannes, mit Wonne solche gro\u00dfartigen, majest\u00e4tischen Dinge aus der Leidensgeschichte Jesu berichtet h\u00e4tte. Aber nun muss er, ausgerechnet er, das Schrecklichste und Erniedrigendste berichten, n\u00e4mlich dies, dass bei Jesus alles, was er getan und gelebt hat, zum Schluss zusammenschrumpft auf den einen Schrei: Durst!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hermann Bezzel, sagt zu diesem Vers: \u201eDas Wort der Wahrheit ist auch im Sterben echt.\u201c Das sp\u00fcren wir hier in unserem Textwort. Und deshalb mutet uns die Bibel diese tiefe Not zu, die Jesus dort erleidet. Diese Echtheit, diese Wahrheit seines Wortes erscheint mir schrecklich und hilfreich zugleich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So wie die drei ersten Worte des Herrn vom Kreuz in einem unverkennbaren Zusammenhang stehen, so kann man es auch von den drei letzten behaupten; nur das vierte steht einsam in der Mitte wie auf einem Gipfel. In den drei ersten scheint es, wie wenn sich der Herr von allen Menschen los machte, um frei von allen in die gro\u00dfe schwere Arbeit seiner gottverlassenen Finsternis hineinzugehen. Bei den drei letzten im Gegenteil ist es, wie wenn er mit der Hauptsache seiner Leiden bis auf die Erfahrung seines zeitlichen Todes fertig w\u00e4re und nun nur noch daf\u00fcr sorgte, seinen Ausgang aus der Zeit \u00f6ffentlich zu machen. Dass bange schwere Gef\u00fchl, welches man bei dem mittleren Worte Jesu erfahren hat, ist nun eigentlich vor\u00fcber. Johannes erw\u00e4hnt ausdr\u00fccklich vor dem f\u00fcnften Wort, dass der Herr gewusst habe, dass nun alles vollendet sei. Im f\u00fcnften Worte scheint der Herr f\u00fcr Seine leibliche Erquickung zu sorgen, um im sechsten der Welt das volle Gelingen seiner Arbeit anzuk\u00fcndigen, und dann im siebenten die letzte gro\u00dfe Tat und Erfahrung des leiblichen Todes hinzunehmen. So lasst uns jetzt das f\u00fcnfte Wort Jesu Christi genauer betrachten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weithin ist es Gewohnheit, die Texte der heiligen Schrift geistlich auszulegen. Dies erstreckt sich auch auf Worte, die an und f\u00fcr sich ganz klar und verst\u00e4ndlich, der geistlichen Deutung nicht zu bed\u00fcrfen scheinen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So hat man denn bei dem f\u00fcnften Wortes Christi vom Kreuz die Frage aufgeworfen: Von was f\u00fcr einem Durste redet der Herr in diesem Texte? Obwohl ihm auf sein Wort \u201emich d\u00fcrstet\u201c der Trank gereicht wird und er denselben nicht verschm\u00e4ht. So k\u00f6nnte man also ganz einfach antworten: Der Herr redet von Seinem leiblichen Durst. So kann man doch oft lesen und h\u00f6ren, er rede, wenn auch von einem leiblichen Durste, doch nicht allein von diesem, sondern von ihm, als einem Bilde seines vorhandenen gr\u00f6\u00dferen Durstes nach unserer Seelen Rettung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es wird niemand daran gehindert, den Durst auch geistlich zu deuten; aber war diese Deutung wirklich am Kreuze diejenige, welche die Seele des Herrn bewegte? Hat Er wirklich die Absicht gehabt, durch die Worte \u201emich d\u00fcrstet\u201c sein Verlangen nach unsern Seelen kund zu geben? Wollte er damit geistliche Deutungen veranlassen, oder wollte Er Labung f\u00fcr seine brennende Zunge? War ihm in seiner schweren Not am Kreuze sein leiblicher Durst etwa auch zu gering, um ihm eine \u00c4u\u00dferung zu geben?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dies m\u00f6chte ich doch verneinen, und mich, zum einfachen Wortsinn bekennen und euch deswegen heute den leiblichen Durst Jesu am Kreuz verdeutlichen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>1. Jesu Leidensvollendung.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>1.1 Warum Jesus an Seele und Leib leiden musste.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist ja doch wahrlich der ganzen Schrift abzumerken, dass in dem Tode der Kreuzigung nicht blo\u00df eine besonders sch\u00e4ndliche Art der Hinrichtung, sondern auch eine besonders schmerzensreiche dargestellt werden soll. Auch ist jedem klar, was das f\u00fcr ein unaussprechlicher Jammer sein muss, an einem Kreuz angeheftet zu sein, und mit brennenden, rei\u00dfenden Wunden nicht zu liegen, nicht zu stehen, nicht zu sitzen, sondern eben zu h\u00e4ngen, und dass so bei zunehmender Schwere des Todesleibes aller Jammer auch immer schrecklicher erlebt wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dazu sollte man bedenken, dass ja Christus kein gew\u00f6hnlicher Gekreuzigter ist, dass seine Person, seine Leiblichkeit, wie man sie annehmen muss, sein s\u00fcndloses Wesen eine tiefere Leidensf\u00e4higkeit hervorbringt, dass schon bei dem Kampf im Garten eine leibliche Anstrengung, eine Ermattung und eine Erm\u00fcdung stattgefunden haben muss, welche mit einem ganzen Leben der Schmerzen eines gew\u00f6hnlichen Menschen nicht verglichen werden kann. Geschweige denn, wenn wir die Leiden vor dem geistlichen und weltlichen Gericht bedenken, angesichts der barbarischen Gei\u00dfelung, nichts von der grausamen, Leib und Seele des Gekreuzigten angreifenden Not der Gottverlassenheit!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Von einem gekreuzigten Sklaven bei Damaskus wird erz\u00e4hlt, dass das ganze versammelte Volk beim Anblick seiner Leiden, besonders aber seines lechzenden furchtbaren Durstes vor Mitleid in Jammertr\u00e4nen ausgebrochen sei; was wollen wir denn von unserem Erl\u00f6ser am Kreuze sagen, von seinen Schmerzen und von seinem Durste! Der Blutverlust, das Fieber seiner Wunden, die Vermehrung aller Schmerzen durch die unaussprechliche Angst und Not der Seelenleiden, die L\u00e4nge der Zeit und die Schwere seiner Leiden m\u00fcssen ihm, wie jenem Sklaven bei Damaskus, einen brennenden Durst erregt haben, einen Durst, den man wohl mit vollem Recht den Gipfel aller seiner leiblichen Leiden nennen kann. Weit entfernt also, dass wir das Wort \u201emich d\u00fcrstet\u201c f\u00fcr unbedeutender oder geringer als eines der andern ansehen d\u00fcrften, stellen wir es im Gegenteil dem gro\u00dfen Worte: \u201eMein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen,\u201c zur Seite, und schlie\u00dfen aus allem, was wir aus Schrift, Erfahrung und \u00dcberlegung wissen, dass es ebenso den H\u00f6henpunkt aller leiblichen Leiden JEsu bezeichne, wie das vierte Wort den H\u00f6henpunkt aller inneren, geistlichen Leiden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir denken dabei an die Worte des zweiundzwanzigsten Psalms, Vers 15, 16, 18: \u201eIch bin ausgesch\u00fcttet wie Wasser, alle meine Gebeine haben sich zertrennet, mein Herz ist in meinem Leibe wie zerschmolzen Wachs; meine Kr\u00e4fte sind vertrocknet wie ein Scherben, meine Zunge klebt an meinem Gaumen, ich m\u00f6chte alle meine Gebeine z\u00e4hlen\u201c \u2013 Worte ohne Zweifel, die ebenso sehr dazu dienen k\u00f6nnen, die schweren Leiden Jesu Christi als deren austrocknende, dursterregende Kraft darzutun.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wahrlich, ich wei\u00df nicht, welches Wort vom Kreuze mich so sehr zum Mitgef\u00fchle reizen k\u00f6nnte, als gerade dieses. Es spricht ganz unmittelbar an mein menschliches Gef\u00fchl, erinnert und ermahnt mich, dass mein Herr und Gott um meinetwillen sich es nicht hat nehmen lassen, zu allen seinen Schmerzen auch noch die tiefe leibliche Armut und Verlassenheit eines brennenden, t\u00f6dlichen Durstes zu erfahren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>1.2 Die Notwendigkeit des Leidensh\u00f6hepunktes an seinem Leib.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Herr hat am Leibe gelitten. Wer w\u00fcrde dies nicht erkennen? Was aber in seinem Leben vorgekommen ist, das muss auch eine heilige Absicht gehabt haben: absichtslos sind also die leiblichen Leiden Jesu Christi nicht. Wie k\u00f6nnte das auch sein, da die Menschwerdung seine Leiblichkeit in sich schlie\u00dft, der Leib \u00fcberhaupt in der heiligen Schrift so hoch geachtet wird und eine Bestimmung f\u00fcr die Ewigkeit hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So war daher der Herr Mensch geworden, und ein wahrer Mensch gewesen und somit hat auch sein Leib und sein leibliches Leiden am Werke der Erl\u00f6sung Anteil. Er w\u00fcrde den Leib nicht angenommen haben, wenn Er ihn nicht h\u00e4tte zu Seinen Erl\u00f6sungsgesch\u00e4ften ebenso brauchen m\u00fcssen, wie wir unsern Leib zu unsern Lebensgesch\u00e4ften ben\u00f6tigen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Herr ist unser umfassender Erl\u00f6ser. Hat Er etwa blo\u00df unsere Seele erl\u00f6st und nicht auch unsern Leib? Soll etwa nur unsere Seele von aller S\u00fcnde und deren Folgen zum ewiges Leben befreit werden, dabei noch in einem Leibe wohnen, der nicht erl\u00f6st w\u00e4re, sondern alle Folgen der S\u00fcnden noch an sich tr\u00fcge? Das ist undenkbar? Wenn Er aber unseren Leib wie unsere Seele erl\u00f6sen muss, kann es dann ohne Leiden am Leib abgehen? Sein Leiden ist doch stellvertretend: um aber leidend die Stelle der S\u00fcnder zu vertreten, muss doch auch Sein Leib von Plagen ergriffen werden. Er vertritt ja auch alle diejenigen, die mit ihrem Leibe ges\u00fcndigt haben, und alles unter dem Fluch Gottes steht. B\u00fc\u00dft Jesu heilige Seele die S\u00fcnden unserer Seele, so muss auch Sein Leib durch seine Leiden unsere Leiber von unserem S\u00fcndenleben b\u00fc\u00dfen und bezahlen. Ein Leib, der nicht vers\u00f6hnt ist, kann weder die Strafen der Ewigkeit vermeiden, noch kann er in die ewige Herrlichkeit Gottes eingehen. Alles, was in dem ewigen Reiche Gottes leben wird, muss vor allen Dingen vers\u00f6hnt werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Vers\u00f6hnung geschieht durch Opfer. Jesus Christus ist unser ewiges Opfer, mit seinem einzigen Opfer hat er in Ewigkeit alle vollendet, die geheiligt werden. Was hat Er aber geopfert? Sich selbst, antwortet uns die Schrift. Ist aber das der Fall, so kann doch beim Opfer sein Leib nicht fehlen. Denn seine g\u00f6ttliche Natur hat ja eine vollkommene Menschheit, also Leib und Seele an sich genommen. So hat er also auch Leib und Seele geopfert. Geopfert aber hei\u00dft nichts anderes, als in den schmerzensreichen Tod gegeben. So k\u00f6nnen wir es auch zweifellos annehmen, dass den Herrn an Leiden nichts getroffen haben w\u00fcrde, wenn es nicht notwendig gewesen w\u00e4re. Deswegen musste er gerade so und nicht anders leiden, damit wir an Leib und Seele erl\u00f6st w\u00fcrden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>1.3 Der Sinn des Leidensh\u00f6hepunktes an seinem Leibe.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jetzt lasst uns zu dem hei\u00dfen Durste des sterbenden Jesus gehen. So m\u00fcssen wir sagen, dass dieser hei\u00dfe Durst ihm besonders zugemessen sein musste. Wir erkennen hierin die h\u00f6chste H\u00f6he Seiner leiblichen Strafen und k\u00f6rperlichen Vers\u00f6hnungsarbeit. Ist irgend etwas geeignet, ein Bild von allem Verlangen und aller Begierde der Seele zu sein, so ist es der Durst. Dieses Gef\u00fchl von unaussprechlicher Entbehrung und von unnennbarem Verlangen. Unsere Begierden sind zahlreich; wir sind so geschaffen, dass wir vieles nicht lassen k\u00f6nnen; durch den S\u00fcndenfall, hat unsere Begierde eine andere Richtung genommen. Unser K\u00f6rper ist nirgendswo mit der Seele so innig vereint, als in unseren Begierden. Unser ganzer K\u00f6rper ist von dem Verlangen der Seele bewegt, Begierde und Verlangen sind somit aufeinander bezogen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun zeigt sich, dass das Verlangen unsere Begierden zu befriedigen uns anh\u00e4ngt und nach Befriedigung strebt. Alles Leben m\u00fcndet bald in den Durst zeitlicher Lust und zeitlichen Vergn\u00fcgens, und dann zu einem endlose Register leiblicher S\u00fcnden. Aus der Erfahrung ist bekannt, dass das ganze Heer der Jugends\u00fcnden seinen Mittelpunkt in der fleischlichen Lust hat, und das gleiche k\u00f6nnen wir von den S\u00fcnden der \u00e4lteren Tage behaupten, wenn sich da auch alles etwas anders formen und gestalten. Daran lasst uns denken bei dem Worte Jesu: Mich d\u00fcrstet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wird Jesus etwas von dem Mangel auferlegt, so geschieht es nicht, weil er es so verdiente, sondern er trinkt unseren Trank und leidet unsere Not. Sein hei\u00dfer Durst am Kreuze, den er \u00f6ffentlich bekennen, ja ein wenig stillen muss, um vollenden zu k\u00f6nnen, ist daher, wie wir aus dem allgemeinen Gedanken der Stellvertretung schlie\u00dfen m\u00fcssen, nichts anderes, als die B\u00fc\u00dfung und Vers\u00f6hnung aller unserer unlauteren Begierden und b\u00f6sen Lust, der wir von Anfang unseres Lebens an unterworfen gewesen sind, und eben dadurch am allermeisten das Bild des lebendigen Gottes, welches uns anh\u00e4ngt, entw\u00fcrdigt haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Innerlich ertrug er den \u201eZorn Gottes, der brennt wie Feuer\u201c als Gericht \u00fcber die S\u00fcnde, die auf ihm lag, und \u00e4u\u00dferlich, k\u00f6rperlich zugleich das d\u00fcrstende Verschmachten; warum? weil beides zusammen in dem Gericht Gottes \u00fcber die S\u00fcnde beschlossen war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die reine Seele und der vollkommen reine Leib Jesu, der am Kreuze h\u00e4ngt, muss alle Not eines heftigen t\u00f6dlichen Durstes empfinden, damit die Schuld derjenigen, die von einem unreinen Lustgef\u00fchl nach dem andern hin und her getrieben werden, geb\u00fc\u00dft und es m\u00f6glich werde, nicht nur die Seele, sondern auch den Leib zu reinigen, damit durch die geistliche wie leibliche S\u00fchnung der geistliche und der leibliche Tod \u00fcberwunden wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So helfe euch nun der Herr, das Wort \u201emich d\u00fcrstet\u201c richtig zu fassen, damit wir gewappnet sind gegen die Anfechtungen und er euch durch Seine Kr\u00e4fte den Grund eurer innern Begier reinigen, eure Seele und euren Leib in wahre Heiligung einf\u00fchren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>2. Jesu Lebensvollendung.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir wollen aber dieses f\u00fcnften Wortes noch in der Hinsicht betrachten, wie Jesus besonders durch das Leiden am Kreuz vollendet wurde:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>2.1 Jesu Lebensvollendung im Gehorsam.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieser Ruf \u201eMich d\u00fcrstet!\u201d hat eine sehr merkw\u00fcrdige Einleitung: \u201eDanach, da Jesus wusste, dass schon alles vollbracht war, spricht er, auf dass die Schrift erf\u00fcllt w\u00fcrde&#8230;\u201d Eine merkw\u00fcrdige Einf\u00fchrung dieses Schreis der Hilflosigkeit! Hier wird deutlich: Jeder Schritt der Passion Jesu ist ein St\u00fcck Erf\u00fcllung einer alttestamentlichen Prophetie. Jesus vollzieht das ganz bewusst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seine J\u00fcnger haben das nicht kapiert. Sie haben immer wieder Hinweise dieser Art erhalten, aber sie begreifen es nicht. Doch Jesus vollzieht es ganz bewusst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So muss noch die \u00e4u\u00dferste, die elendste Hilflosigkeit in diesem Leiden und Sterben alles auf eine \u00fcberw\u00e4ltigende Genauigkeit nach dem Plan und Willen Gottes geschehen. In Psalm 22 steht das Kreuzeswort Jesu: \u201eMein Gott, warum hast du mich verlassen?\u201d Als Jesus sieht, dass sein Erl\u00f6sungswerk geschafft ist, da erf\u00fcllt er \u2013 so h\u00f6rt sich das hier an \u2013 auch ganz bewusst noch die Ank\u00fcndigung dieser letzten Hilflosigkeit des Verdurstens. Im selben Psalm hei\u00dft es: \u201eMeine Zunge klebt mir am Gaumen, du legst mich in des Todes Staub.\u201c Mit seinem Schrei \u201eMich d\u00fcrstet!\u201c gibt Jesus das letzte Signal der Erf\u00fcllung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hat doch der Geist Gottes schon tausend Jahre vorher gerade diesen Teil des Messiasleidens so ergreifend geweissagt: \u201eIch bin ausgesch\u00fcttet wie Wasser, alle meine Gebeine haben sich zertrennt, mein Herz ist in meinem Leibe wie geschmolzenes Wachs. Meine Kr\u00e4fte sind vertrocknet wie eine Scherbe, und meine Zunge klebt an meinem Gaumen, und du legest mich in des Todes Staub.\u201c \u201eSie geben mir Galle zu essen und Essig zu trinken in meinem gro\u00dfen Durst.\u201c Und so m\u00fcssen wir auch hier wieder erkennen, wie tief das Leiden war, das der Herr freiwillig und in heiligem Gehorsam gegen den gerechten Vater auf sich nahm.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer die Passionsgeschichte studiert, der wird merken: Hier ist nicht nur Erleiden, hier ist jeder Schritt im Leiden ein aktiver Schritt Jesu. Das ist so paradox, das ist so widersinnig. Die letzte, elendste Hilflosigkeit und zugleich die st\u00e4rkste Aktion des Gekreuzigten. Menschwerdung war es, als er unser Fleisch annahm, Erniedrigung war es, als er da einzog, wo die S\u00fcnde wohnte. Aber gr\u00f6\u00dfer scheint mir noch die Erniedrigung am Kreuz, wenn sich das ewige Gotteswort in den Buchstaben hineinzw\u00e4ngt, in die Knechtung durch gottlose Menschen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hier war ihm der Kelch gegeben, und er hat ihn ohne Murren bis auf den Grund geleert, die Aufgabe die ihm gestellt war hat er ohne Klagen und Z\u00f6gern vollbracht. Darin sehen wir Jesu Herrlichkeit, dass er nicht drohte, da er litt, und nicht murrte, da der Vater so hart und bitter zu ihm war, sondern von Herzen gehorchte, so dass der Vater in die Worte ausbricht: \u201eSiehe, das ist mein Knecht \u2013 ich erhalte ihn \u2013 und mein Auserw\u00e4hlter, an welchem meine Seele Wohlgefallen hat.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieser freudige Gehorsam, dem die Aufgabe deswegen so gro\u00df ist, weil er sich hier im schlichten Gehorsam \u00fcbte, und dadurch die Welt und die Pforten der H\u00f6lle \u00fcberwindet. Wir Leidensscheuen, die wir bei dem kleinsten Kreuz murren, weil wir ein leichteres w\u00e4hlen wollten; wir Armen, die wir bei der geringsten Zur\u00fccksetzung trauern, weil wir unseren Wert so betonen; sehet hier die Herrlichkeit unseres Gottes, er gehorchte ohne zu klagen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jesu Herrlichkeit ist nicht der Gehorsam an sich, moralinsauer, mit zerknirschten Z\u00e4hnen, sondern der Gehorsam, der aus vollem Ja, aus dem Herzensgrund mit ganzem Willen kommt. Jesus kannte nicht den fadenscheinigen Unterschied zwischen dem Buchstaben der Schrift und dem Geist. Jesus, der allezeit gehorsam war, stellte sich unter die Armseligkeit des Menschenwortes, weil es eben Gottes Wort verk\u00fcndigte. Dieser Gehorsam beh\u00e4lt den Sieg.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und so hat der Herr Jesus in ungebeugtem Gehorsam ohne Widerspruch und Zweifel, ohne Zorn und Bitterkeit, ohne das kl\u00e4gliche und str\u00e4fliche Selbstmitleid die Schrift erf\u00fcllt. Das ist meines Jesu Gehorsam, der uns tr\u00f6sten soll, wenn wir an der Schrift m\u00e4keln, dass er, der heilige, vollendete Gottessohn, sich auch in den Buchstaben hinabgab, damit alles erf\u00fcllt werde. Und wir bitten den Herrn: \u201eIn dieser letzt\u2019 betr\u00fcbten Zeit verleih uns, Herr, Best\u00e4ndigkeit, dass wir dein Wort und Sakrament rein b\u2019halten bis an unser End\u2019!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er h\u00e4tte ja immer wieder, wie es gewiss die andern Gekreuzigten gemacht haben, um einen Schluck Wasser bitten k\u00f6nnen, und der Hauptmann unter dem Kreuze h\u00e4tte das gewiss gew\u00e4hrt. Doch er wollte nicht. Wie er am Anfang den bet\u00e4ubenden Trank verschm\u00e4ht hatte, um das Leiden mit vollem Bewusstsein und Gef\u00fchl zu tragen, so verschwieg er sein D\u00fcrsten, sein Schmachten, \u2013 bis er wusste, dass alles vollbracht war. Wer aber ahnt die best\u00e4ndige furchtbare Versuchung, die dieses D\u00fcrsten und Schmachten f\u00fcr ihn war! Diese Probe, unter solchen Umst\u00e4nden, h\u00e4tte gewiss niemand, kein Mensch und kein Engel bestanden. So steht der Herr hier in unbegreiflicher Erhabenheit mit seinem Gehorsam, mit seinem heiligen Willen vor uns. Denn dieses lange Schmachten ohne Linderung war Gottes Wille, ein Teil der S\u00fchne, und daher von Seiten des Herrn vollendeter Gehorsam.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>2.2 Jesu Lebensvollendung in der Demut.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der \u00c4rmste unter den Menschenkindern rief: \u201eMich d\u00fcrstet.\u201c Hat er sich nicht gesch\u00e4mt, so etwas Banales, Kleinliches zu klagen? Lasst uns seine Demut anschauen, \u00fcber die er selbst spricht: \u201eIch bin sanftm\u00fctig und von Herzen dem\u00fctig\u201c (Matth. 11,29). Jesu Demut zeigt sich hier, dass er nicht eine einzelne Seele aufruft, um ihm zu helfen, am allerwenigsten die Seelen, die er sich verpflichtet wei\u00df. So dem\u00fctig ist er, dass er nicht an dich und mich, die wir ihm vieles versprochen und nichts gehalten haben, sich wendet, sondern dass er in die Welt hinausruft, in die Welt, die ihn gekreuzigt hat; \u201eMich d\u00fcrstet.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er g\u00f6nnt seinen Peinigern den Triumph dieses Bekenntnisses, er gesteht vor seinen M\u00f6rdern, dass ihr Todesstahl ihn getroffen und die von ihnen erregte Todesqual ihn belastet hat, er sagt es in der Demut seiner ganzen Echtheit: Ja, ihr habt mich verwundet bis zum Tod und habt mich geschlagen bis aufs Blut, denn: \u201eMich d\u00fcrstet.\u201c Als er sah, dass schon alles vollbracht war, \u201edamit die Schrift erf\u00fcllet w\u00fcrde\u201c, zogen durch sein heiliges Ged\u00e4chtnis die Psalmworte, die wohl 1000 Jahre vorher sein k\u00f6niglicher Ahne gebetet hat, all die Worte von dem Hirsch, der nach frischem Wasser seufzt, von all den Ausgesto\u00dfenen, von all den Verlassenen und Verirrten, die da umher gingen, hungrig und durstig, und ihre Seele verschmachtete und wussten nicht, wo sie bleiben sollten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das ist die Demut unseres Herrn Jesus Christus, dass er sich von niemand dienen lassen will, der sich nicht selbst erbietet, und dass er auch die schmachvollsten Worte bittersten Leides in sich aufnimmt. Vielleicht ahnen wir, was in dieser Stunde ihn bewegte: seine v\u00f6llige Hilflosigkeit, seine Abh\u00e4ngigkeit, seine uns\u00e4gliche Ohnmacht, seine rettungslose Lage. Und aus ihr heraus ruft er: \u201eMich d\u00fcrstet.\u201c Er sagt nicht: gebt mir zu trinken! Er bittet nicht mehr, denn wie kann der von der Welt bitten, der f\u00fcr sie betet, und von der Welt etwas erwarten, von dem die Welt ihr h\u00f6chstes Heil sich verspricht und ersehnt. Er will nichts mehr, als dass die Welt seine Armut erkenne, er begehrt nichts mehr, als dass der Vater im Himmel merke, wie nun der Leidenskelch bis zur Hefe geleert wird, und es soll der Versucher wissen, wie arm er ist. Demut Christi!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als er das Wort: \u201eMich d\u00fcrstet\u201c in diese Weit hineingerufen hat, da kam unter dem Spott seiner Feinde und unter dem Gel\u00e4chter seiner Verfolger einer und der andere heran und reichten ihm den Isopstengel und den Schwamm mit dem Essigtrank, und er hat ihn genommen. Welch eine Demut, welch eine Demut \u2013 der Herr l\u00e4sst sich von seinen Feinden erquicken!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir nehmen keinen Gru\u00df von dem, der uns beleidigt hat, und halten es f\u00fcr ehrenhaft, wegzusehen, wenn unser Gegner sich zu uns gesellt; und die erwartende Liebe, die von dem, der uns betr\u00fcbt hat, sich etwas geben l\u00e4sst, ist uns sehr fremd. Aber er, der der Welt S\u00fcnde tr\u00e4gt, l\u00e4sst von der Welt, die ihn erw\u00fcrgt hat, sich laben. Das Lamm Gottes ohne Schuld, das da Heimat, Heimatfrieden, Vaterliebe, Heimatgl\u00fcck, Lebenskraft und alles einer undankbaren, feindlichen, gegens\u00e4tzlichen Welt opferte, das Lamm Gottes l\u00e4sst von seinen Feinden sich erquicken. Sieh\u2019, du warst auch dabei, und ich fehlte auch nicht, da man den Mann der Schmerzen mit Essig labte, auch wir haben ihm auf sein schweres, bitteres Flehen ein wenig gedient, freilich \u00e4rmlich genug. Und als ob er der Welt sagen wollte, es ist alles vergeben und vergessen, erlassen und verziehen, l\u00e4sst er von ihr sich laben und von dir und mir.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und dass er von seinen Feinden etwas annimmt, das wollen wir ihm unser Leben lang danken.. Wer bin ich, dass du mich dein Wort noch verk\u00fcndigen l\u00e4sst, von unreinen Lippen deinen Namen noch in die Welt tragen l\u00e4sst! Was ist diese Gemeinde, dass du noch von ihr Dienst und Handreichung nicht nur annimmst, sondern forderst, dass du jede einzelne Seele, vom \u00e4rmsten Kinde bis zum Gr\u00f6\u00dften, aufforderst und angehst: Ich bedarf deiner!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">O Herr Jesu, den sie mit Essig und Galle labten, und dem der Isopstengel wahrlich nicht umsonst die Erinnerung an ein Psalmgebet ins Herz legte: \u201eEnts\u00fcndige uns mit Ysop, dass wir rein werden, wasche uns, dass wir schneewei\u00df werden!\u201c Gib der Gemeinde den Gehorsam auch gegen den Buchstaben und die Demut auch im Geringsten und schenke ihr die Liebe, die sich geben l\u00e4sst, um ewig dein zu sein! Amen<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Pr\u00e4dikant Thomas Karker, St. Markus Gemeinde, 19.3.2020<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Danach, da Jesus wusste, dass schon alles vollbracht war, auf dass die Schrift erf\u00fcllt w\u00fcrde, spricht er: \u201eMich d\u00fcrstet!\u201c (Joh. 19,28) Ich wei\u00df nicht, ob Sie jemals von der Passionsgeschichte des Sokrates geh\u00f6rt haben. Platon berichtet von dem Sterben des Sokrates. 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