{"id":17001,"date":"2020-02-26T08:56:09","date_gmt":"2020-02-26T07:56:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=17001"},"modified":"2020-02-26T08:56:09","modified_gmt":"2020-02-26T07:56:09","slug":"schon-die-gesinnung-wird-verfolgt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=17001","title":{"rendered":"Schon die Gesinnung wird verfolgt"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDie Stunde des Thomas Morus\u00ab \u2013 diese Worte haben einen doppelten Sinn: sie besagen, dass Thomas Morus seine Stunde hatte: seine Entwicklung, seinen Wirkungskreis, sein Schicksal, das durch sein Verhalten in einer konkreten Lebens- und auch Geschichtskonstellation bestimmt wurde. Sie impliziert aber auch, dass das Zeitlose und Allgemeine jener Konstellation seine Stunde zu unserer Stunde macht. Was dieses Allgemeine und Zeitlose ist, will der Untertitel des Buches \u00bbEiner gegen die Macht\u00ab ausdr\u00fccken.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Morus lebte als Familienvater, als humanistischer Schriftsteller, als Verteidiger der r\u00f6mischen Kirche, als Jurist und als exponierter Staatsdiener an der Wende vom Mittelalter zur Neuzeit, mitten in einem gewaltigen europ\u00e4ischen Umbruch. Dies alles versuche ich dem Leser auf den folgenden Seiten darzulegen. Die Geschichte Thomas Mores, allein schon als historisch-biographischer Stoff, ist fesselnd und erz\u00e4hlenswert. Aber dar\u00fcber hinaus ist sie geeignet, uns pers\u00f6nlich zu treffen; sie ist im besten Sinne \u00bbaktuell\u00ab. Der englische Staatsmann stand nicht nur in einem Kampf der Geister, der Meinungen, der Richtungen; er geriet zudem als Mensch in Konflikt mit der physisch-materialen Macht des Staates, der ihm in Gestalt K\u00f6nig Heinrichs VIII., Thomas Cromwells und des ihnen gef\u00fcgigen \u00bbApparates\u00ab begegnete. Der Sache nach ging es um die Scheidung und Wiederverheiratung des K\u00f6nigs und, damit verkn\u00fcpft, um die Trennung der englischen Kirche von Rom. Will man es allgemein ausdr\u00fccken, so ging es um die Emanzipation von Staat und Gesellschaft aus ihrer Einbindung in den mittelalterlichen Ordo, um die Geburt der modernen eigenst\u00e4ndigen Nation.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber es ging noch um anderes: um den Anspruch der staatlichen Macht nicht blo\u00df auf faktischen Gehorsam, sondern auf aktive Zustimmung. Erstmals sollte es nicht mehr gen\u00fcgen, obrigkeitliche Entscheidungen hinzunehmen, sondern gefordert war, sie ausdr\u00fccklich gutzuhei\u00dfen. Nicht Rebellion wurde verfolgt, sondern blo\u00dfe Gesinnung: die Nicht-Akklamation als Rebellion. So steht an der Wiege des neuzeitlichen Europa der Kampf um den Freiraum des einzelnen gegen\u00fcber der Machtorganisation, die nicht immer nur \u00bbStaat\u00ab zu hei\u00dfen braucht. Thomas Morus hat diesen Freiraum f\u00fcr sich sehr bescheiden abgesteckt: religi\u00f6se Gr\u00fcnde, besser, sein Glaube haben es ihm unm\u00f6glich gemacht, die Scheidung und Wiederverheiratung Heinrichs sowie die Losrei\u00dfung des christlichen England von der r\u00f6mischen Universalkirche und dem Papst zu bejahen. Sein Gewissen verbot es ihm, entgegen seiner Glaubens\u00fcberzeugung zu handeln, das hei\u00dft, durch den von ihm geforderten Eid auf \u00bbwiderg\u00f6ttliche Gesetze\u00ab auch nur dem Schein nach zuzustimmen. Diese Unterscheidung, die sehr wichtig ist, wird oft \u00fcbersehen. Der k\u00f6niglichen Scheidung und Neuverehelichung, der k\u00f6niglichen Kirchensuprematie als einem Unrecht nicht beistimmen zu k\u00f6nnen war nicht \u00bbGewissens\u00ab-Entscheidung, sondern Glaubenskonsequenz; sich jedoch dieser gem\u00e4\u00df zu verhalten und sich nicht \u00fcber sie hinwegzusetzen, das war Gewissens-Gehorsam. Um dieses Gehorsams willen, den er sich nicht abkaufen lassen wollte, auch nicht um den Preis des Lebens, hat er das Schafott bestiegen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Noch ist in der westlichen Welt unser Freiraum unvergleichlich gr\u00f6\u00dfer als der Mores. Wir sind nicht auf das blo\u00dfe Nicht-Zustimmen zu Unrecht oder, allgemein, zu dem, was unseren \u00dcberzeugungen entgegenl\u00e4uft, angewiesen, sondern wir k\u00f6nnen unsere Standpunkte aktiv vertreten und brauchen \u2013 noch \u2013 keinen Konsens zu heucheln, der nicht vorhanden ist. Wir wissen aber, dass das nicht \u00fcberall auf der Welt so ist. Und auch um uns, in den freien und offenen Gesellschaften, w\u00e4chst die Tendenz zur Uniformit\u00e4t der artikulierten Meinungen: m\u00f6ge jeder \u00bbglauben\u00ab, was er will \u2013 sagen soll er, was gef\u00e4llt. Die Zw\u00e4nge, welche die Konformit\u00e4t der \u00c4u\u00dferungen und der sichtbaren Verhaltensweisen ohne R\u00fccksicht auf innere \u00dcberzeugungen und pers\u00f6nliche Wahrhaftigkeit herbeif\u00fchren sollen, nehmen ohne Zweifel weltweit zu, und sie sind keineswegs nur physisch-machtm\u00e4\u00dfiger Art.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Damit aber gewinnt die \u00bbStunde des Thomas Morus\u00ab f\u00fcr uns den Rang von Beispiel und Programm. Macht, die die Totalunterwerfung will, wird niemals fehlen. Wir, die wir ein Halbjahrtausend nach dem tapferen Engl\u00e4nder leben, k\u00f6nnen uns m\u00fchelos vorstellen, ja mehr, wir m\u00fcssen der Tatsache ins Auge sehen, dass sehr wohl wieder einmal eine Stunde kommen kann, da uns nicht nur verwehrt wird, f\u00fcr unsere Anschauungen aktiv einzutreten, sondern da auch das schweigende Festalten an ihnen nicht erlaubt ist. Mehr noch: Es k\u00f6nnte geschehen, dass wir gezwungen werden, ihnen entgegen zu reden und zu handeln.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Einer gegen die Macht \u2013 auch diese Formulierung ist absichtlich gew\u00e4hlt. Thomas Morus stand nicht so sehr mit seinen Glaubens\u00fcberzeugungen allein, wohl aber in seinem Gewissensgehorsam. Und jeder von uns, der in eine entsprechende Situation ger\u00e4t, wird sich darin so allein finden wie er. Allein nicht nur, weil das Gewissen ausschlie\u00dflich Sache des einzelnen ist, sondern auch, weil nur wenige es fertigbringen, ihm zu folgen, das hei\u00dft, unter Umst\u00e4nden sogar einen heroischen Treueakt gegen eine \u00fcberw\u00e4ltigende Mehrheit Andersdenkender oder sich anders Entscheidender zu setzen. Trotzdem m\u00f6chte jeder im Grunde seines Herzens zu diesen wenigen geh\u00f6ren. Es h\u00e4ngt schlie\u00dflich von der Gnade ab, es zu k\u00f6nnen. Eine Gnade, der Thomas Morus treu entsprach, so dass er kraft seines Gewissens seinen Glauben nicht verleugnete und kraft seines Glaubens f\u00e4hig wurde, dem Gewissen bis in den Tod hinein zu folgen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum Schluss: Mit der \u00bbStunde des Thomas Morus\u00ab, die uns betrifft, ist nicht nur die Stunde einer letzten Entscheidung auf Leben und Tod gemeint, sondern auch die Beispielhaftigkeit des gro\u00dfen Briten. Vorbildlich war er in seinem Familienleben, in seinem Umgang mit den Kindern, in seinen Erziehungsprinzipien, in seiner beruflichen Sorgfalt, in seiner geistigen Aufgeschlossenheit f\u00fcr das Neue, in seiner Ehrfurcht vor dem Altbew\u00e4hrten, in seinen menschlichen Tugenden der Klugheit, der Gerechtigkeit, der M\u00e4\u00dfigung, der Barmherzigkeit, der Tapferkeit und nicht zuletzt in seinem g\u00fctigen Humor und seinem trockenen Witz. Kurz: \u00bbStunde des Thomas Morus\u00ab meint auch die Stunde der Menschen- und Gottesliebe. Und diese w\u00e4hrt eigentlich immer.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Aus: Peter Berglar, Die Stunde des Thomas Morus \u2013 Einer gegen die Macht. K\u00f6ln, 2019, Adamas-Verlag, 6.Auflg., 397 Seiten, hier: 7-9<\/em><\/p>\n<p><em> iDAF- Buch des Monats 01 \/ 2020 (www.i-daf.org)<br \/>\n<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00bbDie Stunde des Thomas Morus\u00ab \u2013 diese Worte haben einen doppelten Sinn: sie besagen, dass Thomas Morus seine Stunde hatte: seine Entwicklung, seinen Wirkungskreis, sein Schicksal, das durch sein Verhalten in einer konkreten Lebens- und auch Geschichtskonstellation bestimmt wurde. 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