{"id":16998,"date":"2020-02-24T10:24:41","date_gmt":"2020-02-24T09:24:41","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=16998"},"modified":"2020-02-24T10:24:41","modified_gmt":"2020-02-24T09:24:41","slug":"warum-ich-kein-charismatiker-mehr-bin-stationen-einer-geistlichen-lebensreise","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=16998","title":{"rendered":"Warum ich kein Charismatiker mehr bin \u2026 &#8211; Stationen einer geistlichen Lebensreise"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Dies ist keine Streitschrift. Keine Austrittserkl\u00e4rung. Kein Versuch, mit meiner Vergangenheit abzurechnen. Keine Kampfansage an ehemalige Weggef\u00e4hrten. Es ist nicht der Versuch, pfingstlerisch-charismatische Fr\u00f6mmigkeit gleichzuschalten oder zu behaupten, alle Christen, die sich zu dieser Glaubensrichtung z\u00e4hlen, w\u00fcrden zwingend alle \u00dcberzeugungen oder Missst\u00e4nde teilen, die ich auf den n\u00e4chsten Seiten kritisch beleuchten werde. Vielmehr ist es zuallererst der zaghafte Versuch, einen ehrlichen Einblick in Prozesse meiner Biographie zu geben. Denn von manchen Leits\u00e4tzen und Verhaltensformeln muss man sich im Laufe seines geistlichen Lebens trennen. Sie k\u00f6nnen wie Schuhe sein, aus denen man mit der Zeit herausgewachsen ist, auch wenn sie noch im Regal stehen. Sie passen nicht mehr, sind ausgetreten oder mittlerweile nicht mehr sch\u00f6n anzusehen. Sie geh\u00f6rten eine ganze Weile zu uns. Und wenn wir sie wieder \u00fcberstreifen, hinterlassen sie beim Tragen Blasen.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mitte der 80er Jahre konnte man relativ schnell umrei\u00dfen, was die Charismatiker (und Pfingstler) von den Evangelikalen unterschied. Die Charismatiker betonten, wie der Name schon sagt, die Gnadengaben des Heiligen Geistes und die damit verbundene und bis ins K\u00f6rperliche erfahrbare Gegenwart Gottes und sein \u00fcbernat\u00fcrliches Wirken. Sie hatten eine ausgepr\u00e4gte Glaubenstheologie. Und dar\u00fcber hinaus \u201eWorship\u201c, diese seit Ende der 60er Jahre in Neuseeland mitbegr\u00fcndete und dann in den fr\u00fchen 70er Jahren durch die Jesus People Bewegung an der Westk\u00fcste der USA gro\u00df werdende Gebetsliederkultur, die allen voran von \u201eJugend mit einer Mission\u201c in den deutschsprachigen Raum gebracht wurde. Und die dann durch erste zarte Pfl\u00e4nzchen in Deutschland und die amerikanischen Musiklabel Vineyard Music und Integrity Music neue Facetten bekam. Sie betonten, dass Gott nahbar ist und im Lobpreis seines Volkes wohnt. Dass man sich folglich der N\u00e4he und Aufmerksamkeit von Jesus gewiss sein kann, wenn Lobpreis und Anbetung als Haltung das allt\u00e4gliche Leben pr\u00e4gen. Und dass der Worship damit sozusagen zum T\u00fcr\u00f6ffner wird f\u00fcr das \u00fcbernat\u00fcrliche Eingreifen Gottes.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In Folge dessen wurden charismatische Veranstaltungen wie Heilungsgottesdienste oder Zusammenk\u00fcnfte mit Segnungsteilen oder sogenannten \u201eMinistry Times\u201c (in denen der Weitergabe von prophetischen Eindr\u00fccken viel Raum gegeben wurde) oft von durchgehendem Worship begleitet. Die Evangelikalen lehnten diese Form von Anbetung weitgehend ab und warnten wie schon Ihre geistlichen V\u00e4ter vor geistlicher Schw\u00e4rmerei ohne Bodenhaftung. Vor einem allzu selbstbezogenen Glaubensvollzug, der den eigenen Erfahrungen und pers\u00f6nlichen Offenbarungen zu viel Bedeutung zumisst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun, seit den 80er Jahren ist viel passiert. Worship ist keine nahezu exklusive Dom\u00e4ne pfingstlerisch-charismatischer Pr\u00e4gung mehr. Am Anfang vor allem deshalb, weil viele Evangelikale hippere und zeitgem\u00e4\u00dfere Musik f\u00fcr Ihre Veranstaltungen suchten. Aber auch, weil sich Viele nach einer unmittelbareren Form der Gottesbegegnung sehnten. Und auch, wenn Prophetie in vielen evangelikalen Kreisen lieber \u201eH\u00f6ren auf die Stimme Gottes\u201c genannt wird, hat sie dort \u00fcber die letzten Jahrzehnte doch viel st\u00e4rkeren Einzug gehalten. Auch f\u00fcr k\u00f6rperliche Heilung beten Evangelikale vielfach offensiver als noch vor wenigen Jahren, wenn geliebte Menschen erkranken. An der Praxis dieser geistlichen Handlungen kann man also die Unterschiede evangelikaler und pfingstlerisch-charismatischer Fr\u00f6mmigkeit nicht mehr festmachen. Es sind dagegen die inneren Leits\u00e4tze und Haltungen, die sich oft unterscheiden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich bin als Kind der charismatischen Bewegung gro\u00df geworden. Mein Vater Wolfram Kopfermann, ein begnadeter Prediger, Bibellehrer und Intellektueller, leitete zwischen 1977 und 1987 den Koordinierungsausschuss der Geistlichen Gemeinde Erneuerung innerhalb der evangelischen Landeskirche, lud in dieser Funktion zu Themen wie \u201eHeilung\u201c und \u201eEvangelisation in der Kraft des heiligen Geistes\u201c pr\u00e4gende Prediger-Pers\u00f6nlichkeiten wie John Wimber oder Colin Urqhart zu Kongressen nach Deutschland ein und gestaltete an der Hamburger Hauptkirche St. Petri charismatische Gottesdienste, die ein rasantes Wachstum verzeichneten \u2013 in wenigen Jahren wuchs die Besucherzahl auf \u00fcber 1.000 Leute an. \u00dcber 80 Hauskreise, eine Jugendarbeit mit mehr als 150 Mitgliedern und Grundkurse des Glaubens mit enormen Zuspruch von Gemeindefernen sind nur einige Merkmale einer geistlichen Bewegung, die es bis auf die Titelseiten in den einschl\u00e4gigen Gazetten dieses Landes brachte, polarisierte und gleichzeitig im gesamten deutschsprachigen Raum Sympathisanten und Nachahmer fand. Inmitten dieses aufregenden geistlichen Aufbruches bekehrte ich mich im Alter von 12 Jahren im \u201eKopfermanden\u201c-Unterricht, dem Konfirmanden-Unterricht meines Vaters und brachte mich schnell voll Leidenschaft ins Gemeindeleben ein. Mit 14 \u00fcbernahm ich Verantwortung als Jugend-, Teestuben- und Lobpreisleiter (und lernte schon damals meine Frau kennen). Gottesdienste und Fr\u00fchgebete unter der Woche, die Mitarbeit bei Bibelstunden und Grundkursen des Glaubens und ungez\u00e4hlte Aktivit\u00e4ten in der Jugendarbeit f\u00fcllten leicht 4-5 Nachmittage\/ Abende meiner Woche. Fast m\u00fc\u00dfig zu erw\u00e4hnen, dass Themen des Gemeindelebens damals einen Gro\u00dfteil unserer Mittagessensgespr\u00e4che in der Familie pr\u00e4gten. Hinzu kamen Wochenend-Tagungen, Kongresse und Jugendfreizeiten in fast allen Ferien eines Jahres. Auch ein so genannter \u201epers\u00f6nlicher Austauschpartner\u201c wollte im Wochenplan noch untergebracht werden. Gitarre spielen und Fu\u00dfball (aktiv und passiv) hatten da fast schon zu wenig Raum f\u00fcr einen normalen heranwachsenden Jugendlichen. Auch war ich \u2013 wie viele meiner Peers in der St. Petri Kirche \u2013 stolz darauf, fast ausschlie\u00dflich Musik mit frommen Texten zu h\u00f6ren und die einschl\u00e4gigen Konzerte zu besuchen, die in unserer Stadt stattfanden. Kein Wunder, dass die Schule bei all dem geistlichen Programm \u00f6fter schon mal hinten runterfiel. Zumal ich in dem Elite Gymnasium, das ich besuchte, schnell zum Au\u00dfenseiter wurde. Zu wenig entsprach ich, was Kleidung, Statussymbole, Interessen, Musikgeschmack und nicht zuletzt auch Sexualethik anging, dem Verhaltenskodex meiner Mitsch\u00fcler. Da war es mir nicht unlieb, in unserer Kirche eine Community zu finden, die sich \u00fcber weite Strecken selbst gen\u00fcgte, auch wenn immer wieder der Aufruf erfolgte, der Kirche fernstehende Menschen mitzubringen. Dort fand ich gleichgesinnte Gleichaltrige, Warmherzigkeit und Freundschaft, eine ehrliche Sehnsucht nach Gott und der Begegnung mit ihm, Musik, die ich liebte und den Stolz, Teil eines geistlichen Aufbruchs zu sein, der buchst\u00e4blich das Leben von Tausenden von Menschen pr\u00e4gte und ver\u00e4nderte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">1988 trat mein Vater aus der Landeskirche aus und gr\u00fcndete die charismatisch freikirchliche Anskar Kirche. Ein Paukenschlag, nicht nur in der christlichen Welt allgemein, sondern auch f\u00fcr all die Mitglieder von St. Petri, die durch meinen Dad ermutigt worden waren, an eine Erneuerung der Kirche zu glauben und diesen Schritt nur schwer nachvollziehen konnten. Die Folge war ein klassischer Gemeinde-Split, in dessen Folge sich der gr\u00f6\u00dfere Teil Anskar anschloss. Ich hatte nach meinem Abitur gerade ein soziales Jahr bei dem charismatischen Missionswerk \u201eProjektion J\u201c in Hochheim absolviert, das eng mit der geistlichen Gemeinde Erneuerung in der Landeskirche verbunden war, und wurde direkt im Anschluss musikalischer Leiter der nun neu gegr\u00fcndeten Anskar Kirche mit Minijob. Studierte nebenbei f\u00fcr ein Semester Theologie an der Universit\u00e4t Hamburg, bevor ich das Studium abbrach, weil ich mir eine Zukunft als Prediger mit Talar und B\u00e4ffchen nicht mehr vorstellen konnte. Stattdessen besuchte ich f\u00fcr drei Monate verschiedene Vineyard Gemeinden in den USA, um mir \u00fcber meine Zukunft und Berufung klar zu werden, schrieb ein erstes Buch \u00fcber Lobpreispraxis im Anskar Eigenverlag, ver\u00f6ffentlichte meine erste CD und absolvierte mein Grundstudium in Soziologie. Ich verbrachte ein halbes Jahr mit Anja auf einer J\u00fcngerschaftsschule von Jugend mit einer Mission auf Hawaii und in Japan, heiratete und leistete danach meinen Zivildienst in der Heimst\u00e4tte einer Pfingstgemeinde, w\u00e4hrend ich zeitgleich j\u00fcngster \u201e\u00c4ltester\u201c in der Anskar-Kirche war. Ich studierte im Anschluss ein Jahr am Anskar Kolleg Theologie. Und wurde dann in erster Reihe Zeuge einer weiteren Gemeindekrise, die sich an der von der Gemeindeleitung ausgerufenen \u201eNaherwartung einer Erweckung\u201c, verbunden mit dem Plan, eine \u201eErweckungs-Halle\u201c mit 2.000 Sitzpl\u00e4tzen zu bauen, entz\u00fcndete. An Erweckungswochen mit allabendlichen Zusammenk\u00fcnften und der eingeforderten Selbstverpflichtung zu einem radikalen Lebensstil. F\u00fcr soziales Leben neben der Gemeinde blieb nicht nur f\u00fcr die Hauptamtlichen kaum noch Zeit. Wir hatten damals neben meinem Vater als Hauptpastor noch einen Gemeindepastor, der in hirtlicher Verantwortung einige der daraus resultierenden Missst\u00e4nde anmahnte. Am Ende dieses schmerzlichen Prozesses von divergierenden Ansichten stand ein weiterer Gemeinde-Split, in dessen Folge er mit einigen Dutzend Austrittswilligen die erste Hamburger Vineyard-Gemeinde gegr\u00fcndete. Die \u201eErweckungs-Halle\u201c wurde nie gebaut.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Anja und ich sp\u00fcrten in dieser Phase, dass uns eine Luftver\u00e4nderung guttun w\u00fcrde: nicht zuletzt auch deswegen, um f\u00fcr eine Weile aus dem \u201egeistlichen Schatten\u201c meines Vaters zu treten und auf eigenen Beinen zu stehen. So zogen wir 1995 ins Rhein Main Gebiet mit der Aussicht, dort die n\u00e4chsten 3 Jahre zu verbringen \u2013 und wurden f\u00fcr die n\u00e4chsten 23 Jahre aktiver und mitgestaltender Teil einer gr\u00f6\u00dferen charismatischen Gemeinde im Rhein-Main Gebiet. Als Lobpreismusiker und -Referent reiste ich fortan aber auch durch den deutschsprachigen Raum und wurde von den unterschiedlichsten Kirchen und Pr\u00e4gungen eingeladen. Nach einem Studium der Soziologie mit Schwerpunkt Medien in Frankfurt und einem kurzen Popstudiengang in Hamburg \u00fcbernahm ich von 1999 bis 2011 die Rolle als Musikverantwortlicher f\u00fcr Pop &amp; Lobpreis national wie international bei dem christlichen Verlagshaus Gerth Medien, um mich danach als christlicher Musiker und Produzent selbst\u00e4ndig zu machen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">2014 im September kam aus heiterem Himmel der schmerzhafteste Einschnitt unseres bisherigen Lebens. Bei einem Autounfall verloren wir unsere 10-j\u00e4hrige Tochter Sara. Nach der Kollision mit einem Taxi war unsere Kleine wahrscheinlich sofort tot, auch wenn wir mit Ihr noch zehn Tage und N\u00e4chte zwischen Beten und Bangen, Festhalten und Loslassen auf der Intensivstation verbrachten. Tausende von Menschen haben mit uns um ein Wunder gebetet. Aber das Wunder ist ausgeblieben. Man sagt, dass es keine pers\u00f6nlich tragf\u00e4hige Theologie ohne Einbezug der eigenen Lebensgeschichte geben kann. In unserem Fall ist das sicher richtig. Das Leben meiner ganzen Familie wurde in seinen Grundfesten ersch\u00fcttert. Wir waren auf die Urgewalt des Schmerzes nicht vorbereitet, der von einem Tag zum anderen in unser Leben trat und \u2013 wenn auch in sich ver\u00e4ndernder Intensit\u00e4t \u2013 seitdem seinen festen Platz einfordert. Es ist sicherlich nicht \u00fcbertrieben zu behaupten, dass Saras Tod alles auf den Pr\u00fcfstand stellte. Auch wenn Anja und ich von der ersten Sekunde an wussten, dass sie an dem Ort, wo sie jetzt war, gut aufgehoben ist. Aber unser Beruf, unsere Priorit\u00e4ten, unser Zusammenleben, unser Gottesbild und die zugeh\u00f6rigen Leits\u00e4tze, die wir uns f\u00fcr unser Leben zu eigen gemacht hatten, mussten jetzt erst einmal den Beweis antreten, dass sie im Angesicht der Trauer nicht zerbr\u00f6seln wie Sand im Wind. Schnell wurde mir klar, dass es zu mir geh\u00f6rt, diesen Prozess in Liedern und Texten \u00f6ffentlich zu machen. Seitdem kann ich die pers\u00f6nlichen Geschichten nicht mehr z\u00e4hlen, die mir Menschen oft unter Tr\u00e4nen zugefl\u00fcstert oder geschrieben haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Schritt auf unserem geistlichen Weg, den Anja und ich gl\u00fccklicherweise gemeinsam vollziehen wollten, war das Verlassen unserer langj\u00e4hrigen Gemeinde. Es war wie mit den eingangs beschriebenen Schuhen, aus denen wir herausgewachsen sind. Wir mussten auch \u00e4u\u00dferlich neue Wege gehen und erleben es heute als gro\u00dfen Segen, eine neue geistliche Heimat gefunden zu haben, die zu uns und unseren teilweise im Erleben von pers\u00f6nlichem Leid neu oder st\u00e4rker gewonnenen \u00dcberzeugungen passt. Ich m\u00f6chte im verbleibenden Teil dieses Artikels einmal f\u00fcnf aus einer Vielzahl von Aspekten herausheben, die schon seit geraumer Zeit nicht oder nicht mehr zu mir passen und die zumindest in meinem Erleben vielfach Schattenseiten pfingstlerisch-charismatischer Spiritualit\u00e4t sind, auch wenn sie teilweise in anderen Fr\u00f6mmigkeitsrichtungen ebenfalls vorkommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>1. Eine Theologie der Verf\u00fcgbarkeit Gottes<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Du bist Gott, wir sind es nicht<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir bauen uns Geb\u00e4ude aus Gedanken, so hoch, dass sie den Himmel fast ber\u00fchrn. Kein Zweifel bringt sie allzu leicht zum Wanken, kein Einspruch darf den eignen Standpunkt st\u00f6rn. Wir hegen unsere festgefasste Meinung und pflegen gut durchdacht Theologie: Sie hat f\u00fcr alles, was Du tust, auch eine Deutung und ist sich sicher, Du entt\u00e4uscht uns nie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Doch Du bist Gott, wir sind es nicht und Du verh\u00fcllst Dein Angesicht. Wir sehen nie das ganze Bild, nein nur durch einen Spiegel, der verkl\u00e4rt, nur wie durch einen Spiegel, der nicht alles erkl\u00e4rt. Herr, hilf uns, Dir trotz allem zu vertraun<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir glauben fest, Du spielst mit offenen Karten, entschl\u00fcsseln mit der Bibel Deinen Plan. Wenn Du dann doch nicht tust, was wir von Dir erwarten, dann klagen wir Dich unverhohlen an. Zu denken, wir verstehn Dich, ist vermessen, es gibt f\u00fcr Dein Verhalten keinen Code. Wir sind nur einem Trugschluss aufgesessen, das lernen wir oft erst in Leid und Not.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Denn Du bist Gott \u2026<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Text: Arne Kopfermann \u00a9 2016 SCM H\u00e4nssler, Holzgerlingen<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Evelyn Underhill hat den wunderbaren Satz gepr\u00e4gt: \u201eWenn Gott klein genug w\u00e4re, um ihn verstehen zu k\u00f6nnen, w\u00e4re er nicht gro\u00df genug, um ihn anzubeten.\u201c Gottes Wege sind und bleiben f\u00fcr uns unerforschlich. Wenn er uns seine Namen und Wesensart in der Geschichte des Volkes Israel und im Leben seines Sohnes Jesus hier auf Erden nicht vorgestellt h\u00e4tte, w\u00fcssten wir noch nicht einmal, wie wir ihn ansprechen sollten. Aber in einer Kultur, in der das Erleben der Gegenwart Gottes, das Empfinden seiner Ber\u00fchrung und das H\u00f6ren seiner Stimme einen hohen Stellenwert besitzt, hat sich vielerorts das Denken breitgemacht, Gott w\u00fcrde mit uns eine Partnerschaft eingehen, in der er uns seine Geheimnisse offenbart und sein Buch mit sieben Siegeln \u00f6ffnet. Als w\u00e4ren aus der Geschichte seiner J\u00fcnger eindeutige Muster abzuleiten, wie wir zu beten und zu handeln haben, damit er uns erh\u00f6rt. Denn Gott folgt keinem einfachen Reiz-Reaktions-Schema, wie uns manche Aussagen der \u201eWort des Glaubens\u201c-Bewegung nahelegen. Alle vereinfachten \u201eWenn-Dann\u2026\u201c, \u201eBete nur, so \u2026\u201c, \u201eGlaube nur und \u2026\u201c \u201eSprich in Existenz und es wird \u2026\u201c-S\u00e4tze, die aus biblischen Aussagen abgeleitet werden, greifen letztlich doch zu kurz, wenn sie die Souver\u00e4nit\u00e4t und Unverf\u00fcgbarkeit Gottes nicht einbeziehen. Stattdessen wird der Fehler entweder beim Unglauben oder mangelnden Vertrauen des Gl\u00e4ubigen gesucht oder gar behauptet, die Heilung, das Wunder, die Ver\u00e4nderung sei schon in Existenz, man k\u00f6nne sie nur \u00e4u\u00dferlich noch nicht sehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Satz \u201eGott begegnet uns in Jesus auf Augenh\u00f6he\u201c klingt wunderbar, kann aber auch irref\u00fchrend sein. Denn Gott hat sich in Christus nicht nur zu uns herabgebeugt, sondern er ist nach seiner Auferstehung auch wieder zum Himmel aufgefahren. \u201eSeine Gedanken sind nicht unsere Gedanken und seine Wege sind nicht unsere Wege, sondern so viel h\u00f6her, wie der Himmel \u00fcber der Erde ist, so viel h\u00f6her sind seine Gedanken als unsere Gedanken und seine Wege als unsere Wege\u201c (Jesaja 55, 8-9).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Hybris einer \u00fcberbetonten Nahbarkeit Gottes ohne heilige Distanz f\u00fchrt nicht zuletzt auch zu einer charismatischen Anbetungskultur, in der oft unhinterfragt in denselben Superlativen von der eigenen Nachfolge gesungen wird wie von Gott selbst. Egal, was Gott mir gibt oder nimmt:\u00a0\u00a0ich gebe alles f\u00fcr ihn, jederzeit, ganz und vollkommen, singe wie niemals zuvor, denn nichts ist so wichtig wie er. Die Vollmundigkeit dieser redundanten S\u00e4tze wird gerade dann oft zum Bumerang, wenn der eigene Glaube auf die Probe gestellt ist. Dann sp\u00fcren wir oft schmerzhaft unsere eigene Wankelm\u00fctigkeit und Erl\u00f6sungsbed\u00fcrftigkeit und sehnen uns nach einem ehrlichen, tastenden, weniger vorlauten Ausdruck unserer Anbetung. Dann ist es f\u00fcr l\u00e4ngere Lebensphasen wahrhaftiger, unsere irdische Schwachheit zu betonen, in der Gott aus Gnade wirkt, als ein sieghaftes Leben zu proklamieren, das von unserer Alltagserfahrung doch weit entfernt ist. Wir kommen im Verlauf eines Glaubenslebens nicht am Eingest\u00e4ndnis einer ambivalenten, dualistischen Realit\u00e4t vorbei. Denn wir leben im Spannungsfeld zwischen dem \u201eschon jetzt\u201c und dem \u201enoch nicht\u201c. Zwischen \u201edas Reich Gottes ist angebrochen\u201c und \u201eder Himmel ist nicht hier\u201c. Zwischen unserem geistlichen Idealismus und der Erkenntnis, dass unsere Nachfolge nicht schwarz-wei\u00df ist, sondern oft genug in 256 Graustufen dazwischen stattfindet. Christus \u00e4hnlicher, reiner und heiliger zu werden, um mit ihm zu herrschen, wird in unserer Fr\u00f6mmigkeit sehr betont. Wir zerbrechen aber leicht an diesem Ideal, wenn wir die Menschwerdung Jesu au\u00dferacht lassen, der sich wieder und wieder in unsere Bed\u00fcrftigkeit herabneigt. \u201eN\u00e4her, mein Gott zu Dir\u201c l\u00e4sst sich leicht mit erhobenen H\u00e4nden beten. Was aber, wenn er uns antwortet: \u201eLass Dir an meiner Gnade gen\u00fcgen\u201c? Einer meiner bekannteren Liedtexte lautet: \u201eHerr, sprich lauter zu mir als der L\u00e4rm dieser Welt von Macht und Geld, als die Sicherheit von Raum und Zeit\u201c. Aber mein Gebet ist l\u00fcckenhaft, wenn ich nicht Manfred Siebalds Schlusszeile seines Liedes \u201eUnd wenn Gott schweigt\u201c einbeziehe: \u201eDoch wenn Gott schweigt, hat er vielleicht auch nur in unser Leben so oft hineingesprochen, dass er nun erst wartet, dass wir endlich Antwort geben und dass wir seinen Willen tun.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>2. Die Einforderung einer Autorit\u00e4tsh\u00f6rigkeit ohne offenen Umgang mit den eigenen Unzul\u00e4nglichkeiten<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Verbund von charismatischen Gemeinden plant in einer gro\u00dfen Stadt eine Evangelisation an einem \u00f6ffentlichen Ort, die Zehntausende Euro und ungez\u00e4hlte Stunden ehrenamtlicher Mitarbeit kostet. Aufgrund einer Vielzahl von Faktoren (Wetter, Zeitpunkt, konkurrierende Veranstaltungen, Art der Einladung, Modell der Evangelisationsmethode, Insidersprache, polarisierende Wahl des Predigers etc.) kommen jedoch viel weniger Besucher als erwartet, und die sind zumeist schon fromm (\u201ePreaching to the Choir\u201c) \u2013 in den Wochen nach der Gro\u00dfveranstaltung tauchen folgerichtig nur eine Handvoll Kirchendistanzierte als G\u00e4ste in Gottesdiensten der beteiligten Gemeinden auf. Anstatt nun eine ehrliche Auswertung vorzunehmen und F\u00fcr und Wider abzuw\u00e4gen, wird die Veranstaltung zumindest in der Au\u00dfendarstellung jedoch als gro\u00dfer Erfolg gefeiert. Dann kursieren S\u00e4tze wie \u201eHalleluja! Wenn nur einer dem Reich Gottes hinzugetan wird, dann hat sich die Aktion schon gelohnt\u201c (ehrlich?) oder \u201edie Evangelisation war so wichtig f\u00fcr die Einheit der Christen in der Stadt\u201c (w\u00e4re man nicht anders g\u00fcnstiger und besser zu dem Ziel gekommen?) oder \u201edie Auswirkungen f\u00fcr die unsichtbare Welt \u00fcber unserer Stadt waren gewaltig, und erst im Himmel werden wir erfahren, was in dieser Zeit alles passiert ist\u201c. Wenn sich aber unsere Arbeit hier auf Erden nicht an konkreten quantitativen und qualitativen Zielen messen l\u00e4sst und hinterfragt werden darf, gibt es keine objektiven Kriterien mehr. Dann kann jede Entscheidung der Gemeindeleitung als Plan Gottes ausgerufen und zur \u201eselbsterf\u00fcllenden Prophetie\u201c werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Einige charismatische Pastoren sind nicht nur Alpha-M\u00e4nnchen, sondern haben einen mitunter recht gebieterischen Umgangsstil mit ihren Gemeindegliedern. Geboren aus einem apostolischen Selbstverst\u00e4ndnis (Gott hat mich als Hirte mit besonderer Erkenntnis eingesetzt, um meinen Sch\u00e4fchen den Weg zu weisen), wird Teamwork nicht sonderlich gro\u00df geschrieben, wohl aber Loyalit\u00e4t eingefordert. Ein fragw\u00fcrdiges Konzept in einem demokratischen Land, das\u00a0freie Wahlen, das Mehrheits- oder Konsensprinzip, Minderheitenschutz, die Akzeptanz einer politischen Opposition, Gewaltenteilung und Rede- und Meinungsfreiheit zu seinen Grundrechten z\u00e4hlt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn hierarchische Autorit\u00e4ts-Strukturen auf radikale Glaubenskonzepte treffen, wie das ja im Falle einer vorbehaltlosen Christusnachfolge systemimmanent ist, dann entsteht leicht eine Elfenbeinturm-Mentalit\u00e4t, in der die eigene Lehransicht aus der Bibel abzuleitender Wahrheit absolut gesetzt wird. Wenn nicht sein kann, was nicht sein darf, und Dinge, die in der sichtbaren Welt nicht zu sehen sind, in der unsichtbaren Welt beansprucht werden k\u00f6nnen, dann gibt es kein gemeinschaftliches Korrektiv mehr. Geistliche Leiter isolieren sich dann leicht, weil sie sich nur noch mit ihren \u201elinientreuen Offizieren\u201c umgeben. Kritik und Hinterfragen von gemeindlichen Leits\u00e4tzen wird als Rebellion und mangelnde Unterordnung gebrandmarkt. Eigene Leitungsfehler einzugestehen und Ungereimtheiten zwischen Lehre und Alltagsrealit\u00e4t als solche zu benennen, bleibt dann aus, weil es die eigene Position der St\u00e4rke schw\u00e4chen w\u00fcrde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Solche bestehenden Autorit\u00e4tsstrukturen zu sprengen, geht oft nur in Form einer stillen oder \u00f6ffentlichen Palastrevolution. In Falle von Gemeinden also durch stille Abwanderung Einzelner, Abspaltung ganzer Gruppen oder ausgewachsene Krisen mit Absetzung des Leiters. Dass sich in den letzten 30 Jahren so viele charismatische Gruppierungen oder Gemeinden gespalten haben, ist aus meiner Sicht eine fast logische Konsequenz der oben genannten Faktoren. Dies ist kein flammendes Pl\u00e4doyer f\u00fcr Basisdemokratie in der Gemeinde. Aber f\u00fcr eine Dialogf\u00e4higkeit zwischen geistlicher Leiterschaft und Gemeindebasis, die nur dann gegeben ist, wenn das eigene Schrift- und Glaubensverst\u00e4ndnis und die subjektiv als konkretes Reden Gottes empfundenen Leits\u00e4tze nicht so absolut gesetzt werden, dass sie nicht zumindest hinterfragt werden d\u00fcrfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>3. Eine \u201eGlaubenstheologie\u201c, die oft zu einem unbarmherzigen Umgang mit Krankheit und Leiden f\u00fchrt<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Dilemma absoluter theologischer Leits\u00e4tze offenbart sich immer dann, wenn die eigene Lebenserfahrung davon abweicht. Denn dann muss man zwangsl\u00e4ufig eine Entscheidung treffen. Entweder, die bisherige theologische Grund\u00fcberzeugung \u00fcber den Haufen zu werfen. Oder aber die Richtigkeit der \u00dcberzeugung als in Stein gemei\u00dfelt wahrzunehmen und die Gr\u00fcnde f\u00fcr die Abweichung au\u00dferhalb von Gottes Absicht zu suchen. Um das einmal kurz am Beispiel weit verbreiteter charismatischer Heilungstheologie zu verdeutlichen: Sie geht davon aus, dass Jesus alle Menschen geheilt hat, die zu ihm kamen oder gebracht wurden (vielleicht mit Ausnahme von Markus 6,4-5: Jesus konnte in seiner Heimat Galil\u00e4a keine Wunder tun bis auf das Heilen einiger weniger). Und leitet daraus ab, dass er grunds\u00e4tzlich auch heute jeden heilen will, der im Glauben zu ihm kommt und um k\u00f6rperliche oder psychische Heilung bittet. In der Zuspitzung einiger charismatischer Lehrs\u00e4tze wird ein wahrhaft siegreiches christliches Leben sogar von materiellem Wohlstand und der Abwesenheit von Leid begleitet. Wenn dann Wohlstand oder Heilung trotz Gebet ausbleiben oder katastrophales, chronisches Leid in das Leben eines Christen tritt, m\u00fcssen daf\u00fcr zwangsl\u00e4ufig Erkl\u00e4rungsmuster gefunden werden. Die werden dann zumeist darin gesucht, dass der pers\u00f6nliche oder kollektive Glaube zu klein war oder pers\u00f6nliche oder kollektive Schuld oder gar Erbs\u00fcnde das Eingreifen Gottes verhindert hat. Wenn man in diesem System verwurzelt ist, klingt das alles erst einmal in sich logisch. Bis es die eigene Familie oder das allerengste Umfeld betrifft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDie christliche Armee ist die einzige, die auf ihre Verwundeten noch schie\u00dft\u201c, hat jemand einmal\u00a0\u00fcberspitzt formuliert! Denn dem Leidenden wird eine doppelte Last auferlegt. Er muss nicht nur lernen, sein an sich schon schweres Los zu tragen, sondern sich auch noch Herz und Hirn zermartern, warum Gottes Zusagen nicht bei ihm greifen. Warum \u201eGottes vollkommener Plan\u201c in seinem Leben nicht die verhei\u00dfene Wirkung entfaltet und er keine Heilung erf\u00e4hrt. Und er soll sein Los auch noch mit Lobpreis und Gottvertrauen tragen und allen Zweifeln nur die Zusagen Gottes entgegenhalten, dann tut es nach \u201eWort des Glaubens\u201c-Logik nur noch halb so weh. Zweifel und Klage, dringend erforderliche Bew\u00e4ltigungsmechanismen menschlicher Leiderfahrung, werden dann als Glaubensschw\u00e4che gebrandmarkt. Denn \u201ewer zweifelt, gleicht ja den Wellen im Meer, die vom Sturm hin und her getrieben werden, ist in allem was er tut, unbest\u00e4ndig und hin- und hergerissen und kann nicht erwarten, dass der Herr ihm etwas gibt\u201c (Jak. 1,6-8). 65 von 150 Psalmen, die Klagepsalmen n\u00e4mlich, werden lieber weggepackt, weil sie nicht zum erl\u00f6sten Leben eines Gotteskindes passen. Und nicht wenige Fromme, ob Charismatiker oder nicht, glauben tats\u00e4chlich, dass jeder letztlich das bekommt, was er verdient. Dieser Satz ist in seiner Verallgemeinerung nicht nur dumm und unwahr; er verletzt leidende Menschen zutiefst. Denn er impliziert, dass Menschen, die weniger Leid erleben, es ja offensichtlich auch weniger verdient h\u00e4tten. Jesus sagt aber in Matth\u00e4us 5, 45: \u201eDer Vater im Himmel l\u00e4sst seine Sonne aufgehen \u00fcber B\u00f6se und Gute und l\u00e4sst es regnen \u00fcber Gerechte und Ungerechte.\u201c Womit er auch ausdr\u00fccken will, dass weder Segen ein Zeichen f\u00fcr Rechtschaffenheit ist noch Leid ein Indikator f\u00fcr Gericht. Einer der Gr\u00fcnde, warum die Bibel f\u00fcr mich so vertrauensw\u00fcrdig ist, besteht gerade darin, dass sie negative Erfahrungen und Empfindungen nicht abblockt, sondern als Teil des Lebens beschreibt. Dort beklagen sich Vorbilder des Glaubens bei ihrem Sch\u00f6pfer: \u201eDu hast mich unfair behandelt!\u201c \u201eDu hast dein Versprechen gebrochen und mich betrogen.\u201c \u201eDu musst das wieder in Ordnung bringen, Gott!\u201c Er kann diese Klagen verkraften \u2013 viel mehr, als wir denken oder in unseren Versammlungen zulassen w\u00fcrden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir leben als Menschheit auf einem auf vielf\u00e4ltige Weise von S\u00fcnde und Zerbruch gezeichneten, erl\u00f6sungsbed\u00fcrftigen und verg\u00e4nglichen Planeten. Wir leben als Christen in der Spannung, ihn einerseits erhalten zu wollen und andererseits hier doch nicht unsere bleibende Heimat zu haben. Und wir arbeiten uns unser ganzes geistliches Leben lang an dieser Spannung ab. Einige theologische \u00dcberzeugungen wollen diesen Prozess abk\u00fcrzen und den Himmel auf Erden errichten \u2013 und tun das mit vollmundigen Worten. Aber wenn unsere Theologie der Realit\u00e4t des genannten Spannungsfeldes nicht gerecht wird, dann ist es angebracht, in Demut unsere \u00dcberzeugungen zu hinterfragen. Getreu dem j\u00fcdischen Motto: \u201eEs kommt nicht darauf an, alle Antworten zu kennen. Es kommt darauf an, die richtigen Fragen zu stellen!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>4. Ein vielfach geschlossenes System mit f\u00fcr Au\u00dfenstehende nur schwer verst\u00e4ndlichem Sprachjargon<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Fachjargon ist an und f\u00fcr sich nichts Ungew\u00f6hnliches. \u00c4rzte oder Apotheker verwenden ihn fl\u00fcsternd mit hohem Lateinanteil, Juristen unter Zuhilfenahme eines Paragraphengewitters, Musiker und Veranstaltungstechniker f\u00fchren \u201eNeunzehnzoll-Gespr\u00e4che\u201c. Der Unterschied zur Gemeinde besteht jedoch darin, dass man bei Verwendung eines solchen Fachjargons unter seinesgleichen ist und gar nicht die Erwartung hat, dass Au\u00dfenstehende dem Gespr\u00e4ch folgen k\u00f6nnen. In der frommen Welt ist das anders: alle Menschen sollen ja zur Erkenntnis der Wahrheit kommen! Wenn wir aber offen \u00fcber das reden wollen, was das Fundament unseres Lebens ausmacht, werden unsere nachvollziehbaren oder befremdlichen Verhaltensweisen und unsere mangelnde oder ausgepr\u00e4gte Verst\u00e4ndlichkeit in der Sprache elementar. Als Bindeglied oder als Abgrenzung. Statistiken zeigen, dass eine Mehrzahl von Gemeindeg\u00e4ngern nach einigen Jahren Zugeh\u00f6rigkeit kaum mehr nichtchristliche Freunde hat. Zu unterschiedlich sind die Interessen, Freizeitaktivit\u00e4ten und Glaubenss\u00e4tze, die sich auch in der Sprache bemerkbar machen. Wenn diese in Liedern und Predigten durchzogen ist von Begriffen wie Salbung, Vollmacht, Satan, Thron, Lamm und L\u00f6we. Wenn ein blutgewaschenes Europa mit geistlicher Kampff\u00fchrung aufgemischt wird und das Land siegreich im Gebet eingenommen wird, w\u00e4hrend f\u00fcr das Auge nicht sichtbaren M\u00e4chten \u00f6ffentlich Einhalt geboten wird; wenn tanzende Geschwister im Herrn dazu goldbestickte Fahnen mit den genannten Symbolen schwingen, w\u00e4hrend andere ab und an einen sogenannten \u201eFeuertunnel\u201c bilden (eine Reihe von jeweils zwei sich gegen\u00fcber stehenden Christen nebeneinander bilden dabei betend eine Art Spalier, durch das man ebenfalls betend durchl\u00e4uft, damit der Heilige Geist in diesem Moment besonders stark wirken kann). Wenn es in Segnungszeiten ein Ziel ist, dass Menschen unter der Kraft des Geistes zu Boden sinken (\u201eRuhen im Geist\u201c) und manchmal bei standhaften Gesegneten auch leicht auf die Stirn dr\u00fcckend nachgeholfen wird, so dass die \u201eF\u00e4nger\u201c dahinter nicht arbeitslos bleiben. Wenn Musiker improvisierend minutenlang verz\u00fcckt \u00fcber zwei Akkorden zwei Glaubensaussagen singen und diesen wenig kunstvollen und inspirierten Vorgang dann vollmundig prophetischen Lobpreis nennen. Wenn Lobpreisteams nicht proben, weil sie den Fluss des Geistes nicht durch menschliche Planung hindern wollen, und f\u00fcr das geschulte Ohr grottenf\u00fcrchterlich klingen, weil nicht einmal die Instrumente gestimmt sind \u2013 dann ist das gelinde gesagt befremdlich, f\u00fcr viele Mitchristen schon, auf jeden Fall aber f\u00fcr Au\u00dfenstehende! Ich bin, nachdem ich \u00fcber vier Jahrzehnte Hunderte von charismatischen Veranstaltungen besucht oder musikalisch angeleitet habe, die F\u00fclle erlebter Fremdsch\u00e4m-Momente leid.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Paulus spricht in 1. Kor 14 und 15 ausf\u00fchrlich \u00fcber den \u00dcbersetzungsprozess, geistliche Wahrheiten f\u00fcr Au\u00dfenstehende verst\u00e4ndlich zu machen. F\u00fcr mich ist 1. Kor 14, 19 daf\u00fcr zu einem Schl\u00fcsselsatz geworden: \u201eIch will in der Gemeinde lieber f\u00fcnf Worte reden mit meinem Verstand, damit ich auch andere unterweise, als zehntausend Worte in Zungen.\u201c Mit meiner Schilderung oben will ich auf gar keinen Fall ausdr\u00fccken, dass die f\u00fcr unsere Augen unsichtbare Welt Humbug ist. Ich glaube, sie ist sehr real. Aber wir leben in einer Nation, die l\u00e4ngst dem christlichen Abendland entwachsen ist. Weniger als 5% der Bev\u00f6lkerung besuchen noch regelm\u00e4\u00dfig einen Gottesdienst, und selbst die Kenntnis elementarster christlicher Grundlehren ist in unserem Land nicht mehr vorauszusetzen. Angesichts dessen macht es mich traurig zu sehen, wenn Gemeinden sich abkapseln, sich oft selbst gen\u00fcgen, sonderlich werden und eine Sprache pflegen, die dem Kirchendistanzierten nur wie ein b\u00f6hmisches Dorf vorkommen kann. Wenn es keine missionarischen Veranstaltungen mehr gibt, weil Gott ja durch jeden Gottesdienst wirken kann, und Fromme oft gar nicht mehr mit Kollegen und Freunden \u00fcber ihren Glauben reden oder solche Kontakte missionarisch instrumentalisieren, ohne eine echte Beziehung zu diesen Menschen, die Jesus brauchen, zu suchen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>5. Eine Ethik der Ab- und Ausgrenzung<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Verst\u00e4ndnis Jesu besteht das h\u00f6chste Gebot aus einem Vierklang der Liebe: zu Gott, meinem N\u00e4chsten, mir selbst und auch meinen Feinden. An dieser Liebe soll die Gemeinde Jesu erkannt werden. An verschwenderisch gro\u00dfz\u00fcgiger Liebe. An diakonisch mildt\u00e4tiger Liebe. An barmherzig annehmender Liebe. An aufopferungsvoll hingebender Liebe. Der gr\u00f6\u00dfte Lackmus Test unserer Glaubw\u00fcrdigkeit ist unsere Liebesf\u00e4higkeit. Als Einzelner und auch in der Gemeinde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber Christen sind \u00dcberzeugungst\u00e4ter und verstehen sich oft als Wahrer der reinen Lehre. Weil wir nicht an einem Joch mit den Ungl\u00e4ubigen ziehen sollen. Weil der Weg zum Verderben breit und zum Leben schmal ist.\u00a0Und je mehr Verantwortung christliche Leiter tragen, desto schwerer scheint es ihnen zu fallen,\u00a0\u00fcber innere K\u00e4mpfe und Ungereimtheiten, Selbstzweifel, Charakterdefizite und Fehler im Umgang mit anderen Menschen zu sprechen. Je mehr sie eine repr\u00e4sentative Rolle ausf\u00fcllen, desto aussichtsloser scheint es f\u00fcr sie zu werden, Leute in ihrem Umfeld zu finden, denen sie auch ihre zerbrechlichen Seiten anvertrauen k\u00f6nnen. Diese Tendenz, seine gute Seite herauszukehren und die schlechte unter den Teppich zu kehren, kann man nat\u00fcrlich nicht nur in frommen Kreisen beobachten. Sie ist dort vielleicht nur deswegen noch verbreiteter, weil S\u00fcchte, nicht gruppenkonforme Sexualethik und moralisches Fehlverhalten st\u00e4rker sanktioniert werden als anderswo.\u00a0Je st\u00e4rker der Verhaltenskodex einer Gruppe ist, desto mehr wird er zum konstituierenden Merkmal. Selbst von Menschen, die fr\u00fcher eine offenherzigere und weniger reglementierende Pr\u00e4gung hatten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sp\u00e4testens dann, wenn eine einschneidende Verlusterfahrung ins Leben tritt, l\u00e4sst sich\u00a0diese Fassade nicht mehr aufrechterhalten. Es w\u00fcrde einen Menschen sonst von innen zerrei\u00dfen. Wenn eine Ehe\u00a0zerr\u00fcttet ist, die Gemeindedoktrin aber Trennung und Ehescheidung verurteilt. Wenn in einer Gemeinde eine Pastorenfrau ihren Mann wegen eines anderen verl\u00e4sst und er darauf hin vom Gemeinderat als Pastor abgesetzt wird, weil er sein Haus nicht in Ordnung halten konnte; er damit in einer der schwersten Zeiten seines Lebens damit nicht nur seinen Partner verliert, sondern auch noch die berufliche T\u00e4tigkeit, die er liebte und gleichzeitig noch vermeintliche Freunde. Wenn eine Person sich\u00a0aus\u00a0Suchtstrukturen oder Finanzproblemen ohne fremde Hilfe nicht l\u00f6sen kann, aber Sanktionen der Gruppe f\u00fcrchtet und sich durch ihr Schweigen selbst den Weg in die Freiheit verbaut. Oder wenn jemand durch den Verlust eines geliebten Menschen in seinen Grundfesten ersch\u00fcttert wird, die Gemeindelinie aber vorgibt, dass Zweifel und Ringen, Klage und Traurigkeit Zeichen von Unglauben sind und nicht zum notwendigen\u00a0und\u00a0heilsamen\u00a0Verarbeitungsprozess geh\u00f6ren. Verallgemeinert: Wenn Gewohnheit, Scham oder die Furcht vor der Einstellung anderer mich daran hindern, dass ich mit meinen Defiziten, Ungereimtheiten und Abgr\u00fcnden auch nach au\u00dfen ich selbst sein darf, f\u00fchrt das zwangsl\u00e4ufig in eine ungesunde Isolation. Isolation von innen, aber auch Ausgrenzung derjenigen, die schon in eine Gemeinde gehen w\u00fcrden, wenn sie nicht w\u00fcssten, dass sie aufgrund ihres moralisch ethischen Lebensstils von vornherein zur persona non grata erkl\u00e4rt werden. Und das schreit zum Himmel!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich bin mehr denn je \u00fcberzeugt davon, dass Jesus diese Isolation und Ausgrenzung nie vorgesehen hat. Er suchte Zeit seines Lebens hier auf Erden den direkten Kontakt mit Z\u00f6llnern (die f\u00fcr Habgier und Skrupellosigkeit standen) und Ehebrechern (deren sexuelle und beziehungsm\u00e4\u00dfigen Verfehlungen nicht in seinem Sinne waren) und begegnete ihnen mit Annahme, Freundlichkeit und dem Angebot der Ver\u00e4nderung. Er begegnete Armen, Auss\u00e4tzigen und Kranken mit Empathie, Mitleid und Erbarmen. Er sah und erf\u00fcllte die seelischen und die k\u00f6rperlichen Bed\u00fcrfnisse der Menschen. Er machte in seinem ersten dokumentierten Wunder auf einer Hochzeit Wasser zu Wein, nachdem die G\u00e4ste bereits gut angetrunken waren. Allen brachte er die Botschaft, dass wir schon hier auf Erden eine Beziehung zu Gott haben und nach dem Tod die Herrlichkeit des Himmels mit ihm erleben k\u00f6nnen. Vom Reich Gottes, das hier schon angebrochen ist, seine eigentliche Kraft aber erst im kommenden Friedensreich Gottes entfalten wird. Die einzige Personengruppe, die er aber scharf anging und verurteilte, war die der Pharis\u00e4er, der Religionsh\u00fcter, die Rechtschaffenheit und strenge Verhaltensregeln vorgaben, aber hinter ihrer makellosen Fassade scheinheilige Heuchler waren, weil sie zutiefst selbstbezogen waren (ohne es zu merken) und das universale Gebot der Liebe verletzten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich habe den Artikel \u00fcberschrieben mit den Worten \u201eWarum ich kein Charismatiker mehr bin\u201c. Deswegen m\u00f6chte ich an das Ende stellen, was mir heilig ist. Ich glaube daran, dass Gott Menschen auch heute noch bis ins K\u00f6rperliche hinein anr\u00fchrt und \u00fcbernat\u00fcrlich wirkt. Ich glaube an einen trinitarischen Gott und damit auch an den heiligen Geist und seine Gaben. Ich glaube an von Herzen kommende Anbetung als Ausdruck eines lebendigen Glaubens. Ich glaube an die Kraft der Ortsgemeinde, die mit Wahrhaftigkeit und Leidenschaft Salz und Licht in diese Welt bringt. Ich glaube an den Wert einer Fr\u00f6mmigkeit, die Herz und Verstand vereint und nicht alles vergeistlicht, sondern Psychologie, Philosophie und Soziologie als Fingerzeige Gottes begreift, um mit gro\u00dfer Weite und ab und zu auch kritischer Distanz auf die fromme Welt zu schauen. Und ich glaube an einen souver\u00e4nen, geheimnisvollen, f\u00fcr mich nicht verf\u00fcgbaren Gott der Liebe und Barmherzigkeit, der \u00fcber allem steht und dem ich entgegenstrebe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">________________________________________________________________________________<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Arne Kopfermann, Jahrgang 1967, arbeitet freiberuflich als Musikproduzent, Songschreiber, Studiobetreiber, Buchautor, Referent und tourender K\u00fcnstler. Mit seiner Frau Anja wohnt er im Vordertaunus. Der vorliegende Artikel enth\u00e4lt einige der Kerngedanken des Buches \u201eAuf zu neuen Ufern \u2013 Befreit zu einem ehrlichen Glauben\u201c, das im September 2020 bei Gerth Medien in Asslar erscheinen wird.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dies ist keine Streitschrift. Keine Austrittserkl\u00e4rung. Kein Versuch, mit meiner Vergangenheit abzurechnen. 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