{"id":16937,"date":"2020-01-27T13:42:29","date_gmt":"2020-01-27T12:42:29","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=16937"},"modified":"2020-01-27T13:53:05","modified_gmt":"2020-01-27T12:53:05","slug":"im-gespraech-pfr-helmut-matthies","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=16937","title":{"rendered":"Im Gespr\u00e4ch: Pfr. Helmut Matthies"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em>Helmut Matthies studierte Evangelische Theologie in Berlin, Hamburg und Heidelberg. 1982 wurde er zum Pfarrer der Evangelischen Kirche in Hessen-Nassau ordiniert. Von 1978 bis 2017 war er Leiter und Chefredakteur der Evangelischen Nachrichtenagentur idea (Wetzlar), seit 1.2.2018 ist er deren ehrenamtlicher Vorstandsvorsitzender. Er ist au\u00dferdem Mitglied des Hauptvorstandes der Deutschen Evangelischen Allianz. <\/em><!--more--><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignleft wp-image-16942\" src=\"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Helmut-Matthies_aufbruch-868x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"110\" height=\"130\" srcset=\"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Helmut-Matthies_aufbruch-868x1024.jpg 868w, https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Helmut-Matthies_aufbruch-254x300.jpg 254w, https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Helmut-Matthies_aufbruch-768x906.jpg 768w, https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Helmut-Matthies_aufbruch.jpg 1291w\" sizes=\"(max-width: 110px) 100vw, 110px\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #008000;\"><strong>Wer vier Jahrzehnte lang in einem leitenden journalistischen Dienst die kirchlichen und politischen Verh\u00e4ltnisse an vorderster Linie beobachtet hat, verf\u00fcgt \u00fcber einen Erfahrungsschatz, an den normale Zeitgenossen nicht heranreichen. Vielen Dank, dass ich den f\u00fcr unsere Leser ein wenig anzapfen darf. Vorweg: Was war die begl\u00fcckendste und die schmerzhafteste Erfahrung in dieser langen Zeit?<\/strong><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die begl\u00fcckendste Erfahrung war f\u00fcr mich das Ende der zweiten Diktatur im letzten Jahrhundert in unserem Vaterland. idea hat immer daran festgehalten, dass wir ein Volk sind, und kritisch \u00fcber die Zust\u00e4nde in der realsozialistischen Welt des Ostens berichtet. Daf\u00fcr wurden wir jahrelang als ewig gestrig, ja rechtsradikal gescholten \u2013 leider auch in Teilen der evangelikalen Bewegung. Dass unser antikommunistischer Kurs in so gro\u00dfartiger Weise best\u00e4tigt wurde, hat mich nat\u00fcrlich tief besch\u00e4mt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die schmerzhafteste Erfahrung ist, dass wir besonders in den letzten 20 Jahren in Synoden erleben mussten, dass auch evangelikale Repr\u00e4sentanten Vorlagen zugestimmt haben, die eindeutig unbiblisch sind. Dazu geh\u00f6rt in der EKD-Synode die 2016 einstimmig erfolgte Erkl\u00e4rung gegen jedes missionarische Zeugnis unter Juden. Ungerecht war 2017 die Entscheidung, idea den jahrzehntelangen Zuschuss zu streichen. Dabei ist f\u00fcr mich das Schmerzhafteste, dass kein Synodaler aufgestanden ist und gegen den Beschluss protestiert hat. Der fehlende Mut einiger heutiger evangelikaler Repr\u00e4sentanten in Synoden ist best\u00fcrzend.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><span style=\"color: #008000;\">Was ist das Geheimnis von idea? Dass sich ein von den Landes- und Freikirchen unabh\u00e4ngiger Nachrichtendienst, dem die EKD 2017 den Zuschuss gestrichen hat, schon so lange halten konnte, grenzt f\u00fcr mich an ein Wunder.<\/span> <\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie haben Recht: Es grenzt an ein Wunder. Dabei ist das Gr\u00f6\u00dfte f\u00fcr uns sogar gewesen, dass wir nach dem Beschluss der EKD-Synode, der ja ohne Vorwarnung und ohne jede Begr\u00fcndung erfolgt ist, eine unglaubliche Solidarit\u00e4t unserer Leser erlebt haben. Die Entscheidung war ja zum Abschluss meiner Leitungst\u00e4tigkeit vor allen Dingen gegen mich und meinen idea-Kurs gerichtet. So haben es mir manche Synodale und Medienvertreter gesagt. Ich durfte dann erleben, dass genau mein letztes Jahr das wirtschaftlich und publizistisch erfolgreichste \u00fcberhaupt geworden ist. Noch nie haben wir auch so viele neue Abonnenten im letzten Quartal erhalten. Das war eine Best\u00e4tigung unserer Position, dass wir uns allein an Jesus Christus auszurichten haben und nicht nach Trends und Entscheidungen von Synoden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #008000;\"><strong>Machen Christen eine bessere Presse? Anders gefragt: Wie pr\u00e4gt sich ein bewusster evangelischer Glaube im Mediengesch\u00e4ft aus?<\/strong><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir machen nat\u00fcrlich als Christen auch Fehler. Wichtig ist, dass wir uns dann korrigieren lassen und f\u00fcr eindeutige Fehler entschuldigen. Selbstverst\u00e4ndlich haben wir uns als Christen nach neutestamentlichen Ma\u00dfst\u00e4ben auszurichten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #008000;\"><strong>Im Buch \u201eGott kann auch anders\u201c gibt es acht \u201eVorschl\u00e4ge f\u00fcr eine Erneuerung der Volkskirche\u201c. Seit dem \u201eRotbuch Kirche\u201c (Herausgeber Jens Motschmann und Helmut Matthies, 5. Aufl. 1976) hat sich trotz vieler \u00e4hnlicher Ratschl\u00e4ge an der Zeitgeistorientierung der EKD nichts ge\u00e4ndert. Wer soll diese Vorschl\u00e4ge aufgreifen und umsetzen? Ist es nicht an der Zeit, dass sich die bibel- und bekenntnisorientierten Landeskirchler ein Vertretungsorgan in Gestalt einer eigenen Synode schaffen?<\/strong><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ja, es ist an der Zeit eine Art Bekenntnissynode zu schaffen. Sie h\u00e4tte aber nur Bedeutung, wenn hier viele bekenntnisorientierte Organisationen unter Zur\u00fcckstellung eigener Interessen zusammenarbeiten w\u00fcrden. Nur ein sehr breites B\u00fcndnis h\u00e4tte eine Chance.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #008000;\"><strong>Idea hat immer wieder Pfr. Dr. Theo Lehmann Raum gegeben. In dem von idea jetzt mitherausgegebenen B\u00fcchlein \u201eMauer. Frei. 30 Jahre danach\u201c warnt er davor, dass sich Deutschland allm\u00e4hlich zu einer \u201eDDR Light\u201c entwickelt, und sieht besonders die Meinungsfreiheit zunehmend bedroht. Sind diese Bef\u00fcrchtungen berechtigt?<\/strong><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Bef\u00fcrchtung von meinem gro\u00dfen Vorbild Theo Lehmann besteht zu Recht. Wir haben es ja gerade bei Landesbischof Rentzing erlebt. Er hat im Alter von Anfang 20 Texte in einer Zeitschrift mit einer Auflage von nur 100 Exemplaren ver\u00f6ffentlicht, die er heute so nicht mehr verfassen w\u00fcrde, wie er ausdr\u00fccklich betont hat. Dabei sind sie harmlos im Vergleich zu dem, was manche linksorientierten Kirchenleiter einmal als Studenten oder Pfarrer verfasst haben. Die Tatsache, dass der EKD-Ratsvorsitzende \u2013 ohne die Texte von Rentzing genau zu kennen \u2013 schon gleich wieder vor Rechtsextremismus warnt, halte ich f\u00fcr unverantwortlich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #008000;\"><strong>Die evangelische Kirchenpresse berichtet seit Jahrzehnten \u00fcber sexualethische Themen wie Abtreibung, gleichgeschlechtliche Sexualit\u00e4t, Ehe, Genderisierung und Frauenordination weithin einseitig und tendenzi\u00f6s im Sinn liberaltheologischer Auffassungen. Auch das Thema Christenverfolgung kommt allenfalls am Rand vor. Idea hebt sich aus dieser amtskirchlichen Einseitigkeit wohltuend ab. Herzlichen Dank daf\u00fcr! Zum Thema Abtreibung: Woran liegt es, dass evangelische Kirchenleute sich so schwer damit tun, sich \u00f6ffentlich f\u00fcr den Lebensschutz einzusetzen, wie man es beim diesj\u00e4hrigen Marsch f\u00fcr das Leben wieder feststellen konnte?<\/strong><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist f\u00fcr mich ein merkw\u00fcrdiges Ph\u00e4nomen, dass die EKD immer zu sp\u00e4t dran ist. Im 19. Jahrhundert hat sie sich kaum f\u00fcr die geplagte Arbeiterschaft eingesetzt. In der Weimarer Zeit trauerte sie der Monarchie nach und verachtete vielfach die Demokratie. Im Dritten Reich war die Mehrheit der Kirchen auf Seiten der Nationalsozialisten. In der DDR war der Widerstand gegen den roten Sozialismus auf wenige Pfarrer und Kirchenleiter beschr\u00e4nkt. Nachdem dann jeweils alles vor\u00fcber war, hat man vielfach Schulderkl\u00e4rungen abgegeben. Ich bin tief \u00fcberzeugt, dass die n\u00e4chste Generation die jetzt lebende einmal fragen wird, warum sie nichts Wirksames gegen das gr\u00f6\u00dfte Verbrechen seit der Wiedervereinigung unternommen hat: die T\u00f6tung von Gottes Gesch\u00f6pfen im Mutterleib. Jedes Jahr werden Schulderkl\u00e4rungen abgegeben f\u00fcr das Versagen gegen\u00fcber der Ermordung von Juden vor \u00fcber 70 Jahren. Gleichzeitig ist die Tatsache, dass seit dem Ende der nationalsozialistischen Diktatur in Deutschland \u00fcber 10 Millionen Kinder abgetrieben worden sind, geradezu ein Tabu. W\u00e4hrend der Papst die Teilnehmer des \u201eMarsches f\u00fcr das Leben\u201c in Berlin gr\u00fc\u00dft und ermutigt, haben nur ganz wenige evangelische Kirchenleiter sich hinter das Anliegen gestellt. Berlins evangelischer Bischof Dr\u00f6ge hat sich sogar gegen den \u201eMarsch\u201c ge\u00e4u\u00dfert. Was f\u00fcr ein Armutszeugnis meiner evangelischen Kirche!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><span style=\"color: #008000;\">Zum Thema Ehe und Sexualit\u00e4t: VELKD und EKD haben sich ja schon lange von der Ehe als verbindlichem Leitbild f\u00fcr Kirche und Gesellschaft verabschiedet (Empfehlung der VELKD-Bischofskonferenz 2004, Pfarrdienstgesetz 2010, Stellungnahme des EKD-Rats zur \u201eEhe f\u00fcr alle\u201c 2017). Meine Frage ist: Wird nicht durch die kirchliche Anerkennung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften ein neuer Gottesbegriff, ein neues Bekenntnis und eine neue Kirche etabliert? Der Gott des apostolischen Glaubensbekenntnisses ist jedenfalls ein Gott, der die Stiftung der Ehe ausschlie\u00dflich f\u00fcr Mann und Frau vorbehalten hat, wie die Bibel eindeutig zeigt.<\/span> <\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Realit\u00e4t ist ja noch viel schlimmer. Der Rat der EKD hat 2017 beispielsweise bereits vor der Abstimmung im Bundestag an die Abgeordneten appelliert, der \u201eEhe f\u00fcr alle\u201c zuzustimmen. Dadurch wurde tats\u00e4chlich geradezu ein neuer Gottesbegriff und ein neues Bekenntnis geschaffen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #008000;\"><strong>Hat sich in den letzten Jahren in der Wahrnehmung der verfolgten Christen durch die EKD etwas zum Positiven ver\u00e4ndert? Auch an dieser Stelle m\u00f6chte ich idea herzlich danken f\u00fcr die unerm\u00fcdliche Aufkl\u00e4rungs- und Kongressarbeit.<\/strong><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hier hat sich tats\u00e4chlich etwas verbessert. Dass es verfolgte Christen gibt, hat man noch in den 80er Jahren seitens der EKD vielfach nicht wahrnehmen wollen. Heute bestreitet man die Diskriminierung von Christen nicht mehr, relativiert aber gelegentlich das Ausma\u00df und verharmlost besonders den Hauptverursacher, den Islam.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #008000;\"><strong>Seit dem WELT-Interview M. Dieners vom Dezember 2015 und der Gr\u00fcndung des Netzwerks Bibel und Bekenntnis durch U. Parzany im Januar 2016 ist eine weitere Spaltung der evangelikalen Bewegung in Deutschland eingetreten. Gibt es Chancen, aus dieser verfahrenen Situation herauszukommen?<\/strong><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Spaltung ist die gr\u00f6\u00dfte Tragik der evangelikalen Bewegung in den letzten Jahrzehnten. Zuvor galten wir als eine in den wesentlichen theologischen Fragen einheitliche Bewegung. Unsere Positionen haben zumindest die Gutwilligen in den Kirchenleitungen ernst genommen. Jetzt wei\u00df im Grunde genommen niemand mehr, f\u00fcr was die evangelikale Theologie noch steht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><span style=\"color: #008000;\">Zum Schluss noch eine pers\u00f6nliche Frage. Das Kapitel \u201eWenn die Ehefrau pl\u00f6tzlich stirbt\u201c im Buch \u201eGott kann auch anders\u201c ist bewegend. Darf ich um einen Rat f\u00fcr diejenigen bitten, die nach dem Verlust eines lieben Angeh\u00f6rigen nach vorn zu blicken versuchen? Was gibt Trost in einer solchen Lage? <\/span><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Trost gibt allein, dass man als Christ wei\u00df: Ich sehe meine Lieben in der Ewigkeit wieder. Dazu kommt die Erfahrung, dass Gott souver\u00e4n ist. Er allein entscheidet \u00fcber das Ende unseres irdischen Lebens \u2013 nicht Medikamente oder \u00c4rzte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Die Fragen stellte Pastor Dr. Joachim Cochlovius.<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"https:\/\/www.gemeindehilfsbund.de\/fileadmin\/user_upload\/Aufbruch_3_2019.pdf\">Aufbruch \u2013 Informationen des Gemeindehilfsbundes (November 2019)<\/a><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Die aktuelle Ausgabe des \u201eAufbruch\u201c kann <a href=\"https:\/\/www.gemeindehilfsbund.de\/fileadmin\/user_upload\/Aufbruch_3_2019.pdf\">hier<\/a> heruntergeladen werden. Wenn Sie den \u201eAufbruch\u201c kostenlos abonnieren m\u00f6chten, teilen Sie uns Ihren Wunsch gerne mit. (Gesch\u00e4ftsstelle des Gemeindehilfsbundes, M\u00fchlenstr. 42, 29664 Walsrode, Tel.: 05161\/911330; info@gemeindehilfsbund.de).<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><em>Leseempfehlung:<\/em><em><br \/>\n<\/em><\/p>\n<p><em>Helmut Matthies<br \/>\n<\/em><strong><em>Gott kann auch anders<br \/>\n<\/em><\/strong><em>Fontis, Basel 2019, 208 Seiten, 18,00 \u20ac<br \/>\n<\/em>ISBN: 978-3-0384-8172-0<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Helmut Matthies studierte Evangelische Theologie in Berlin, Hamburg und Heidelberg. 1982 wurde er zum Pfarrer der Evangelischen Kirche in Hessen-Nassau ordiniert. Von 1978 bis 2017 war er Leiter und Chefredakteur der Evangelischen Nachrichtenagentur idea (Wetzlar), seit 1.2.2018 ist er deren ehrenamtlicher Vorstandsvorsitzender. 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