{"id":16932,"date":"2020-01-26T06:00:29","date_gmt":"2020-01-26T05:00:29","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=16932"},"modified":"2020-01-30T09:28:05","modified_gmt":"2020-01-30T08:28:05","slug":"predigt-ueber-jesaja-5413-die-hohe-schule-der-kinder-gottes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=16932","title":{"rendered":"Predigt \u00fcber Jesaja 54,13: Die hohe Schule der Kinder Gottes"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em>Und alle deine Kinder gelehrt vom Herrn, und gro\u00dfen Frieden deinen Kindern. (Jesaja 54,13)<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Worte sind durch das W\u00f6rtlein \u201eund\u201c mit den vorhergehenden verbunden und geh\u00f6ren also noch f\u00fcr die Elenden und Trostlosen, \u00fcber die alle Wetter gehen. Hier werden sie Kinder genannt. Alle deine Kinder, die zu dem Hause Gottes geh\u00f6ren, d. i. alle wahre Christen. Sie hei\u00dfen Kinder: denn sie sind erzeugt und geboren aus Wasser und Geist, aus Gott sind sie geboren und von oben her. Eben deswegen ist etwas G\u00f6ttliches und Himmlisches in ihnen. Sie sind der g\u00f6ttlichen Natur teilhaftig geworden. Wer nun aus Gott geboren ist, der tut nicht S\u00fcnde, denn sein Same bleibt in ihm, und kann nicht s\u00fcndigen, denn er ist aus Gott geboren. Wer aber S\u00fcnde tut, der ist vom Teufel, denn der Teufel s\u00fcndigt von Anfang.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Christen haben sich selbst nicht zu Christen gemacht. Es ist nicht die Frucht ihres guten Willens und ihres eignen Flei\u00dfes, sondern Er hat uns gemacht und nicht wir selbst, zu seinem Volk und Schafen seiner Weide. Er hat uns gezeuget nach seinem Willen durch das Wort der Wahrheit, dass wir waren Erstlinge seiner Kreatur, Jak. 1. Es ist nicht die unmittelbare Wirkung der Predigt, ihrer \u00fcberzeugenden, r\u00fchrenden, ersch\u00fctternden Kraft; nicht das Erzeugnis von Leiden oder Wohltaten, oder au\u00dferordentlichen Ereignissen; nicht die Frucht einer weisen Erziehung, einer gem\u00fctlichen Belehrung und eines musterhaften Vorbildes. Mit einem Worte: nicht aus euch; da ihr tot waret in S\u00fcnden, hat Er euch lebendig gemacht, Er, der alle Dinge wirket nach dem Rat seines Willens. Zwar braucht er die genannten und andere Mittel. Aber was ist die beste S\u00e4ge ohne einen, der sie zeucht, und die sch\u00e4rfste Axt, ohne einen, der damit hauet? Sein Wort aber kehret nicht leer wieder, sondern wirkt, wozu Er es sendet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>1.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">1.1 Kinder hei\u00dfen sie, denn sie haben einen gemeinschaftlichen Vater, welcher Vater ist \u00fcber alles was Kinder hei\u00dft und in welchem Sinne sich niemand Vater nennen lassen darf; denn dieser Vater ist Gott selbst, und zwar nicht nur insofern er v\u00e4terlich gegen sie gesinnet ist, sondern weil er ihnen auch etwas von seiner Natur mitgeteilt hat, also im eigentlichen Sinne ihr Vater ist, der viele Kinder zur Herrlichkeit f\u00fchrt. Sie sind dem Vater \u00e4hnlich, und es geh\u00f6rt manchmal wenig Scharfsichtigkeit dazu, seine Lineamente, Z\u00fcge und Art in ihrem Wandel und Wesen zu entdecken; zuweilen ist es so leicht nicht, sonderlich nicht ihnen selbst, denn es ist noch Fleisch neben dem Geist in ihnen, und neben dem neuen Menschen ein alter. Sie lieben den Vater, sonderlich wenn er sie sein Angesicht sehen l\u00e4sst. Sie hoffen auf ihn. Sie vertrauen ihm und sind bereit ihm zu gehorchen. Wie k\u00f6nnten Kinder auch anders gegen ihren Vater? Sie haben auch eine gemeinschaftliche Mutter, die Sarah, die freie n\u00e4mlich, die ist, wie Paulus redet, unser aller Mutter, das Jerusalem, das droben ist; denn es steht geschrieben: Sei fr\u00f6hlich, du Unfruchtbare, die du nicht gebierest, und brich hervor und rufe, die du nicht schwanger bist: denn die Einsame hat mehr Kinder, denn die den Mann hat. Wir aber, liebe Br\u00fcder, sind, Isaak nach, Kinder der Verhei\u00dfung, Gal. 4. Diese Mutter aber ist der heilige Geist, dem die Kinder in der Mutter liegen, der sie w\u00e4scht und reinigt, sie stillt und n\u00e4hrt, sie erfreut und pflegt, sie den Vater und seinen Sohn Jesum Christum kennen lehrt, sie reden und beten, sie lesen, h\u00f6ren, rechnen und verstehen lehrt und sich viel mit ihnen zu tun macht, sie auch manchmal aufs Sch\u00f6nste schm\u00fcckt, oder auch ihren Schmuck verschlie\u00dft, damit sie ihn nicht verderben. Sie haben einen erstgebornen Bruder, der im Hause Priester und K\u00f6nig ist, und der Pfleger und Verwalter \u00fcber alles; dem der Vater alle Dinge \u00fcbergeben hat, durch dessen Hand alles gl\u00fccklich fortgeht und in welchem alle F\u00fclle wohnt, aus welcher alles gesch\u00f6pft wird, den sollen alle ehren, wie sie den Vater ehren, ohne den er nichts tun kann und alles tut, was er den Vater tun sieht. Ist er der Erste an W\u00fcrde, Weisheit und Kraft, so ist er&#8217;s auch an Liebe, an Sanftmut und Demut, und alles Heil geht von ihm auf die \u00dcbrigen aus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">1.2 Au\u00dfer diesem haben sie noch viele Br\u00fcder und Schwestern, die sich untereinander lieber haben, wie sie oft selber wissen, die ein gemeinsames Liebesband umschlingt, und die berufen sind auf einerlei Hoffnung ihres Berufs \u2013 ein Glaube, eine Taufe, ein Herr, ein Gott und Vater unser aller, der da ist \u00fcber uns alle, und durch uns alle, und in uns allen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">1.3 Die wahren Christen hei\u00dfen Kinder, weil sie als Kinder geliebt, erzogen, aber auch gez\u00fcchtigt werden. Sie werden k\u00fcrzer gehalten wie die anderen, die man laufen l\u00e4sst und die dahingegeben werden in ihres Herzens Gel\u00fcste zu tun, was nicht taugt. Nicht also die Kinder. Keine ungeregelte Handlung, kein Wort, ja kein Gedanke oder Regung geht ihnen ungeahndet hin, sondern sie m\u00fcssen daf\u00fcr herhalten und sich nicht selten einer sehr scharfen Zucht unterwerfen. Ihr Vater kann auch mit ihnen z\u00fcrnen und schelten und sie eine Zeit lang einsperren, ihnen Tr\u00e4nenbrot und Wasser der Tr\u00fcbsal geben und sie von seinem Angesicht sto\u00dfen und tut es wirklich, so oft es n\u00fctzlich und n\u00f6tig ist. Er nimmt sie aber auch wohl auf seinen Scho\u00df und h\u00e4lt sie auf den Knien und redet freundlich mit ihnen, wie jemand seine Mutter tr\u00f6stet, und gew\u00f6hnt sie sich allm\u00e4hlich nach seiner Hand, dass sie ganz geschmeidig werden, ihren eigenen Willen drangeben und sich leiten lassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sind sie Kinder, so sind sie auch Erben, n\u00e4mlich Gottes Erben, und Miterben Christi, so wir anders mit leiden, auf dass wir auch mit zur Herrlichkeit erhoben werden. Es ist ein Erbe, also nichts Verdientes und Selbsterworbenes. Ist es ein Erbe, so ist es zugleich etwas Rechtliches, welches Recht teils in ihrer Geburt liegt, teils in dem Testament beruht, wo ihre Namen angeschrieben sind, und das fest worden ist durch den Tod dessen, der es gemacht hat, das also nie wieder umgesto\u00dfen werden kann noch wird. Das Erbe selbst ist von unbeschreiblicher Gr\u00f6\u00dfe, Wichtigkeit und Herrlichkeit, unverg\u00e4nglich, unbefleckt, unverwelklich, das im Himmel behalten wird; zu seiner Zeit wird es ihnen vollst\u00e4ndig ausgeliefert und sie in den Besitz desselben gesetzt werden; jedoch m\u00fcssen sie noch hindurch durch das Pf\u00f6rtchen des Todes, und gehen durch diesen Jordan in das himmlische Kanaan ein. Wohl kann es von ihnen hei\u00dfen: Ich wei\u00df deine Armut, du bist aber reich; ich wei\u00df dein Elend, du bist aber herrlich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jedoch hei\u00dfen sie Kinder, weil ihr Stand hienieden ein Kinderstand ist in Vergleichung mit jenem Stande der Vollendung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es gibt ein Kinderwesen, was sehr n\u00f6tig und sehr empfehlenswert ist, und wovon Christus sagt: Wer das Reich Gottes nicht empfanget wie ein Kindlein, der kommt nicht hinein, \u2013 und abermal: So ihr euch nicht bekehret und werdet wie die Kinder, so k\u00f6nnt ihr nicht ins Reich Gottes kommen. Er meint hiermit sonderlich die Demut, worin sich alle Kinder gleich sind, so dass ein K\u00f6nigskind nicht meint, etwas vor einem Bettlerskinde voraus zu haben, oder das sch\u00f6ne vor dem h\u00e4sslichen und das geschm\u00fcckte vor dem zerlumpten. Sie wissen nicht einmal dass sie sind, und sind auf Stroh in sich eben so vergn\u00fcgt als auf Seide, und in einer H\u00fctte wie im Palast. Lob bl\u00e4het sie nicht auf und Tadel bek\u00fcmmert sie nicht, \u2013 und was denn ihrer seltsamen und bewundernsw\u00fcrdigen Eigenschaften mehr sind, welche die Kinder zieren, so lange sie noch in dem zartesten Alter sind, denn sie brauchen nur ein wenig heranzuwachsen, so zeigt sich auch an ihnen viel Unliebensw\u00fcrdiges, ein starker Egoismus, der alles auf sich beziehen und besitzen will, eine Eigenliebe die sich selbst lobt und gelobt sein will, eine gro\u00dfe Meinung von sich selbst, als ob sie allerlei k\u00f6nnten und w\u00fcssten, Eigenwille, Habsucht, Verdrie\u00dflichkeit, L\u00fcgen und Streitlust: und allerlei Albernheit \u2013 Unarten, welche die gro\u00dfen Kinder wohl an sich zu erkennen und abzulegen haben, da sie durch dieselben nur gar zu h\u00e4ufig verunstaltet werden. \u2013 In Vergleichung mit der himmlischen Vollendung sagt der Apostel von dem Stande der Christen hier auf Erden, insbesondere in Absicht der Erkenntnis und Heiligkeit: Da ich ein Kind war, war ich klug wie ein Kind und hatte kindische Anschl\u00e4ge, als ich aber ein Mann ward, tat ich ab, was kindisch war. Es gibt hier Staffeln. Aber alle haben doch noch so viel Unartiges an sich, dass sie mit einstimmen m\u00fcssen wenn gesungen wird: Denn des Vaters Liebesrut, ist uns allewege gut. Doch wohl uns, wenn wir als Kinder gez\u00fcchtigt, und nicht als Sklaven gepeitscht und aus dem Hause versto\u00dfen werden in die \u00e4u\u00dferste Finsternis, wo Heulen und Z\u00e4hneklappen sein wird, wie wir verdient haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was jetzt gesagt ist von Erzeugung und Geburt der Gotteskinder, von ihrem himmlischen Vater und g\u00f6ttlichen Mutter, von ihrem erstgebornen Bruder, ihrer Gesinnung, Erziehung und Erbe, gilt von allen und von keinen andern. Alle deine Kinder. Sind sie sich auch nicht alle gleich, gilt es gleich von einigen besonders, dass sie noch klug sind, wie ein Kind, und kindische Anschl\u00e4ge haben, von andern aber mehr, dass sie, was kindisch ist, abgelegt haben und ein Mann geworden sind; m\u00fcssen alle vergessen, was dahinten, und sich strecken nach dem, was vor ihnen ist und nachjagen dem Kleinod, welches da vorh\u00e4lt die himmlische Berufung Gottes in Christo Jesu; sind gleich manche nicht gesund im Glauben, sondern krank und wanken auf gel\u00e4hmten F\u00fc\u00dfen, bald strauchelnd hier, bald fallend dort, w\u00e4hrend andere laufen mit Geduld in dem Kampf, der ihnen verordnet ist; sind sie gleich nirgends die zahlreichsten, sondern aller Orten die wenigsten, und zugleich mehrenteils verachtet, bestritten, geplagt, so machen sie doch eine Familie Gottes aus und sind seine Hausgenossen, und an ihnen allen sind die unterscheidenden Z\u00fcge ihres himmlischen Vaters unverkennbar, m\u00f6gen sie auch das eine mal sichtbarer hervortreten, wie das andere, und bei diesem mehr wie bei jenem. Eben hierdurch entstehen die zweierlei Menschen auf Erden, die Kinder Gottes und des Teufels, der Weibes- und der Schlangensame, und ein jeder geh\u00f6rt zu der einen oder zu der andern Klasse. Pr\u00fcfe sich ein jeder, zu welcher er geh\u00f6rt, und sehe zu, ob er Grund und Recht hat, sich zu den Kindern Gottes zu rechnen, oder ob er zu den Kindern des Teufels geh\u00f6rt: denn eine dritte Klasse von Menschen gibt es nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>2.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diesen Kindern wird ein k\u00f6stliches Gut von dem Herrn zugesagt, wenn es hei\u00dft: Alle deine Kinder, gelehrt vom Herrn. Dies ist die Erleuchtung, welche vorhin unter dem Bilde der kristallenen Fenster vorgestellt ward, \u2013 Belehrung, Unterweisung von oben. Diese ist notwendig, nicht nur weil wir \u00fcberhaupt die Kenntnis der Wahrheit zur Seligkeit, namentlich zur Seligkeit des S\u00fcnders, nicht aus uns selbst oder der Betrachtung der Natur sch\u00f6pfen k\u00f6nnen. Davon mag Hiob, Kap. 28,7, wohl sagen: Was dem Auge des Raubvogels verborgen bleibt, und was kein scharfsehender Geier entdeckt, das findet der Mensch. \u2013 Wo will man aber Weisheit finden, und wo ist die St\u00e4tte des Verstandes? Der Abgrund spricht: Sie ist bei mir nicht! und das Meer spricht gleich also. Gott allein wei\u00df den Weg dazu, und kennet ihre St\u00e4tte. M\u00f6chte der Mensch auch allenfalls blo\u00df mit Hilfe seines Verstandes eine Religion entdecken k\u00f6nnen, wie sie hinreichen w\u00fcrde, wenn er kein S\u00fcnder w\u00e4re: so zeiget doch die Vernunft dem S\u00fcnder keinen Weg zum Heil, und kann es nicht, sondern verurteilt ihn und l\u00e4sst ihn liegen. F\u00fcr Krankheiten des Leibes wei\u00df sie Heilmittel, aber nicht f\u00fcr die der Seele. Das ist unm\u00f6glich, und sie muss es anstehen lassen ewiglich. Aber das ist nicht die einzige Ursache, warum der Mensch bedarf, vom Herrn gelehrt zu werden, sondern dies ist n\u00f6tig, wegen seiner geistlichen Blindheit und Unwissenheit. Wir nennen sie geistlich: denn im Nat\u00fcrlichen hat der Mensch oft sehr viel Einsicht. Jedoch ist sie auf jeden Fall sehr beschr\u00e4nkt, wie denn \u00fcberhaupt kein geschaffener Geist ins Innere und in das Wesen auch nur der nat\u00fcrlichen Dinge dringen kann. \u00dcberhaupt wissen wir wenig oder nichts. Wir h\u00f6ren, sehen, schmecken, riechen und f\u00fchlen, aber wie das zugeht, ist unbegreiflich. Wir denken, wir behalten, erinnern uns, vergessen, aber wie es zugeht, ist unerkl\u00e4rbar. Der Ackermann bestellt sein Land, aber kein Mensch ist so gelehrt, dass er erkl\u00e4ren k\u00f6nnte, wie es zugeht, dass seine Saat aufgeht und w\u00e4chst. Wie geht es zu, dass jeder Obstbaum seine besondere Frucht bringt? Wie fangen die Blumen es an, um eine jede aus dem n\u00e4mlichen Erdreich ihre besondere Farbe, Gestalt und Geruch zu nehmen? Das wei\u00df kein Salomo! Wie f\u00e4ngt unser Magen es an, die genossenen Speisen zu verdauen, durch welchen chemischen Prozess werden sie in Fleisch und Blut verwandelt, wie wird dieses Mark, jenes Knochen, das Haut, Sehnen, Nerven, Haare, N\u00e4gel, und was f\u00e4rbt die Haare bei dem einen so, bei dem andern so? Alle Weisen wissen eben so viel, d. h. so wenig, das Geringste davon, wie die D\u00fcmmsten. Sie m\u00fcssen verstummen. Der Arzt kann euch vielleicht vom Fieber heilen, aber euch sagen, was denn eigentlich ein Fieber sei, das vermag er so wenig, als ihr selbst. Die Naturkundigen k\u00f6nnen vielleicht von der Statur und ihren Gesetzen reden, aber angeben, was denn eigentlich Luft, Wasser, Feuer, Erde, Gold, Silber, Eisen sei, das m\u00fcssen sie anstehen lassen. Je gelehrter deswegen jemand ist, desto bescheidener und dem\u00fctiger ist er auch: denn je mehr und je gr\u00fcndlicher er es wei\u00df, desto tiefer sieht er auch ein, wie gro\u00df die Summe dessen sei, was er nicht wei\u00df. \u00dcbrigens hat der Mensch, und oft einer vor vielen andern her, gro\u00dfen, bewundernsw\u00fcrdigen Verstand und Einsicht. Er wei\u00df den Lauf der Gestirne, und vermag ihre Verfinsterungen jahrelang vorher auf die Minute zu bestimmen. Er wei\u00df die Wege mitten im Meer, und wei\u00df, wo er auf demselben sich befindet, und vieles andere, was jetzt nicht namentlich zu r\u00fchmen ist. \u2013 Aber so hellsehend der Mensch auch in nat\u00fcrlichen Dingen sein mag, so blind ist er im Geistlichen. Dies bezeuget uns die heilige Schrift, und die t\u00e4gliche Erfahrung best\u00e4tigt es reichlich an uns selbst, wie an andern. Die Schrift redet von Blindheit des Herzens, die in uns sei, von der Notwendigkeit, dass uns die Augen ge\u00f6ffnet werden, dass Christus uns erleuchte, dass er gekommen sei, den Blinden das Gesicht zu predigen, dass Gott erleuchtete Augen gebe, welches von ihm erbeten werden m\u00fcsse; sie sagt: Da sei kein Verst\u00e4ndiger, auch nicht einer, n\u00e4mlich, so lange er nicht von oben herab erleuchtet ist. Ja, die Schrift nennt uns Menschen, so lange wir im Naturstande stecken, nicht nur Irrige, sondern sogar Finsternis. Ihr waret ehemals Finsternis; das Licht, sagt sie, sei in die Welt gekommen, aber die Finsternis habe es nicht begriffen. Wenn Moses zu seinen Zeitgenossen sagt: Gott hat euch bis auf den heutigen Tag kein Herz gegeben, das verst\u00e4ndig w\u00e4re, \u2013 und wenn der Herr durch den Propheten Jeremias verhei\u00dfet, er wolle ihnen ein Herz geben, das ihn kenne, \u2013 beweisen dann nicht beide Stellen, dass uns der wahre Verstand geschenkt werden m\u00fcsse, weil wir ihn sonst nicht haben? Wer beschreibt aber diesen Teil unseres Elendes deutlicher, als Paulus in seinem ersten Korintherbriefe. Zuv\u00f6rderst erkl\u00e4rt er alle Weisheit dieser Welt, in religi\u00f6ser Beziehung n\u00e4mlich, f\u00fcr Torheit, obschon sie damals einen Gipfel erreicht hatte, den die Weltweisen noch bewundern. Er sagt geradezu, bei aller ihrer Weisheit h\u00e4tten sie doch Gott nicht erkannt, ja, sie sei ihnen nur ein Hindernis, statt F\u00f6rderungsmittel. Er will, derjenige, der sie besitze, solle sich ihrer so g\u00e4nzlich entledigen, dass er von der Welt und ihren Weisen einem Narren und unwissenden Menschen gleichgerechnet werde. Er gibt die Einsicht, die er besitze, nicht f\u00fcr eine Frucht seines eigenen Scharfsinnes und Nachdenkens aus, sondern erkl\u00e4rt, sie sei nie von selbst in eines Menschen Herz gekommen, sondern Gott habe sie uns offenbaret durch seinen Geist. Sodann schlie\u00dft er das Ganze mit dem Ausspruch: Der nat\u00fcrliche Mensch vernimmt nichts von den Dingen, die des Geistes Gottes sind, es ist ihm eine Torheit, und kann sie nicht erkennen. Er beschreibt die Personen. Nicht sind es etwa vernachl\u00e4ssigte und ohne geh\u00f6rigen Unterricht aufgewachsene Personen, oder gar Heiden, nicht sind es mit Vorurteilen und mit einmal eingesogenen Irrt\u00fcmern angef\u00fcllte Menschen, nicht sind es Ruchlose, welche wegen ihrer Gottlosigkeit, die sie nicht drangeben wollen, die Lehre hassen, nicht sind es Sp\u00f6tter, die am liebsten \u00fcber die ernstesten und heiligsten Dinge lachen, nicht sind es einzelne feindselige Gem\u00fcter, die kaum eine Silbe vom Christentum ohne Erbitterung und Wut h\u00f6ren k\u00f6nnen, von denen der Apostel sagt, sie verstehen nichts vom Geiste Gottes. Nein. Es ist \u00fcberhaupt der nat\u00fcrliche Mensch, der weiter nichts hat als was Natur und deren Ausbildung vermag, und der immer noch ein bescheidener, artiger und tugendhafter Mensch, ein rechtlicher, verst\u00e4ndiger B\u00fcrger, ein rechtschaffener Gesch\u00e4ftsmann, ein guter Hausvater, Untertan und Vorgesetzter, der selbst religi\u00f6s und gewissenhaft sein kann, aber doch noch nicht im eigentlichen Sinne Christ ist, dieser nat\u00fcrliche Mensch. Demselben spricht der heilige Apostel die wahre Einsicht ab. Er vernimmt nichts vom Geiste Gottes, was er auch von Wissenschaften besitzen mag. Er versteht&#8217;s so wenig, als ein Blindgeborner von den Farben versteht, m\u00f6chte er auch den Himmel blau und den Scharlach rot nennen. Ein Denkbild kann er sich davon gemacht haben, vieles kann er auch wirklich einsehen, aber das Eigentliche, der Punkt worauf es eben ankommt, bleibt ihm verborgen, n\u00e4mlich die Erkenntnis seiner selbst und Jesu Christi. Den Umfang dieser Blindheit bezeichnet das W\u00f6rtlein nichts, welches alles ausschlie\u00dft. Er vernimmt nichts. Es sind also nicht einige au\u00dferordentliche Teile der Wahrheit, deren Einsicht etwa besondere Schwierigkeiten h\u00e4tte, sondern alle, keinen ausgenommen. Zwar ist ihm einiges weniger unverst\u00e4ndlich wie anderes; aber die Sache wird ihm in dem Ma\u00dfe mehr unverst\u00e4ndlich, als sie sich dem eigentlichen Punkte n\u00e4hert. Ja, nicht nur unverst\u00e4ndlich, sondern selbst Torheit und Ungereimtheit d\u00fcnket&#8217;s ihm zu sein, so dass ihm ein gewisser Grad von Dummheit, Unwissenheit und Beschr\u00e4nktheit als notwendige Erfordernisse erscheinen, um denselben als Wahrheiten zuzustimmen, weswegen auch gew\u00f6hnlich die Anh\u00e4nger derselben als Dummk\u00f6pfe oder Finsterlinge verschrien, die Anbeter ihres eigenen Verdienstes aber als Aufgekl\u00e4rte und denkende Leute gepriesen werden. Schon zu Christi Zeiten hie\u00dfen diejenigen, welche an ihn glaubten, ein Volk, das nichts vom Gesetze wei\u00df, diejenigen, die nicht glaubten, nannten sich selbst die Sehenden. So ist&#8217;s auch noch. Man sch\u00e4mt sich ordentlich der Worte und Lehre Christi, und wer sie nicht ganz von sich weisen, doch aber noch f\u00fcr einen Mann von wissenschaftlicher Bildung, von Verstand und Gelehrsamkeit gelten will, unterwirft sich ihr nicht ganz und \u00fcberall, sondern hat noch allerhand eigene Gedanken und Meinungen, mit denen er sich viel wei\u00df und die doch h\u00f6chstens Stoppeln sind. Welch&#8216; ein Elend aber, welche Verdrehtheit, eine so ungl\u00fcckliche Art zu sehen haben, dass einem die sch\u00f6nsten Dinge als ekelhaft erscheinen! Welch&#8216; ein Elend, welche Verdrehtheit, dass dem nat\u00fcrlichen Menschen das Torheit d\u00fcnket, was doch des Geistes Gottes ist! Und in diesem Elende stecken wir, ohne es zu bedenken. \u2013 Aber woher kommt es? Vernimmt der nat\u00fcrliche Mensch deshalb nichts vom Geiste Gottes weil er keinen Flei\u00df anwendet? Erscheint&#8217;s ihm deswegen als Torheit, weil er sich keine M\u00fche gibt? Beides ist wahr. Aber der Apostel sagt: Er kann es nicht erkennen. Er hat kein Verm\u00f6gen, kein Organ dazu. Warum denn nicht? Es muss geistlich gerichtet werden und das kann er nicht, weil er Fleisch vom Fleisch geboren und also fleischlich ist. Er muss derhalben geistlich werden, \u2013 und das wird man durch die Wiedergeburt, \u2013 dann versteht er&#8217;s und es d\u00fcnket ihm nicht mehr Torheit, sondern Weisheit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei dieser Blindheit ist der arme Mensch stolz, h\u00e4lt sich selbst f\u00fcr sehend, und wei\u00df nicht, dass er blind ist und Augensalbe bedarf. Er ist feindselig, hasset das Licht, verh\u00f6hnt es, und geht bestreitend und oft w\u00fctend dagegen an. Diese Blindheit ist auch unheilbar, d. h. f\u00fcr alle kreat\u00fcrlichen Mittel. Mag jemand einen noch so f\u00e4higen, nat\u00fcrlichen Verstand haben und noch so viel Bildung besitzen, mag er noch so sorgf\u00e4ltig in den christlichen Wahrheiten unterwiesen werden, sie buchst\u00e4blich kennen, und sogar glauben, \u2013 es heilt ihn nicht. Sie macht ihn dem Teufel \u00e4hnlich, in welchem kein Licht und keine Wahrheit ist. Sie macht ihn unf\u00e4hig, selig zu werden. Sie ist demnach ein erschrecklicher Teil unseres Elendes, worin alle Menschen stecken, die nicht durch Christum davon erl\u00f6set sind, und auch bei diesen ist noch viel Blindes anzutreffen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und best\u00e4tigt die Geschichte und Erfahrung das nicht zum \u00dcberma\u00df, was die Schrift von unserer Blindheit in geistlichen Dingen so deutlich lehrt, sowohl bei den nat\u00fcrlichen als wiedergebornen Menschen? Ist nicht das ganze Benehmen der Unbekehrten ein kl\u00e4glicher Beweis der Blindheit ihres Herzens? Wie w\u00e4re es m\u00f6glich, dass sie so sorglos und sicher in Absicht ihres ewigen Schicksals, ja, in einem steten Zuge von S\u00fcnden ohne Gott und ohne Christum dahinleben k\u00f6nnten, waren sie nicht so blind, wie sie sind? W\u00fcrde dann wohl die Erde mit ihrer Lust und ihrem Gut ihr einziges Ziel sein und sie ihre ewige Bestimmung so weit links liegen lassen? Unm\u00f6glich. Aber nun sind sie blind; dadurch erkl\u00e4rt es sich, dass sie so irre gehen, und doch sprechen sie: Wir sehen. Darum bleibet ihre S\u00fcnde. O, wer soll euch heilen? Wer soll eure Augen auftun, euch zu bekehren von der Gewalt des Satans zu Gott, zu empfangen Vergebung der S\u00fcnden und das Erbe, samt denen, die geheiliget werden?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wache auf, der du schl\u00e4fst, und stehe auf von den Toten, damit Christus dich erleuchte!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber wie bl\u00f6dsichtig wenigstens erweisen sich nicht auch durchg\u00e4ngig Wiedergeborne, und wie blind! Zeugen davon nicht die Ermahnungen, die ihnen, und zwar keineswegs zum \u00dcberfluss, gegeben werden: nach dem zu trachten, was droben, und nicht, was auf Erden ist; nicht lieb zu haben die Welt, und was in der Welt ist. Wie matt ist h\u00e4ufig ihre Liebe zu Gott, wie lau ihre Liebe zu Jesus! W\u00e4re das aber wohl m\u00f6glich, w\u00e4ren sie nicht noch so blind an seiner gro\u00dfen Liebe und Sch\u00f6nheit? W\u00fcrde ihr Herz nicht entbrennen, s\u00e4hen sie die Herrlichkeit Gottes mit aufgedecktem Angesicht? \u2013 Ist nicht der Altar noch immer voll Seufzer und Tr\u00e4nen, und ist nicht die Blindheit an der G\u00fcte Gottes Schuld, dass des Trauerns unter den Christen noch so viel ist, sich aber allewege in dem Herrn zu freuen, fast f\u00fcr eine Unm\u00f6glichkeit gehalten wird? Entspringt nicht die Undankbarkeit aus derselbigen str\u00e4flichen Quelle, weil man die g\u00f6ttlichen Wohltaten nicht sieht? \u2013 Beweisen nicht die vielen Zweifel und Unglauben, wie so gar wenig man noch das Herz Gottes und die Gnade seines Sohnes kenne, und beweisen nicht die vielen Klagen \u00fcber unser Elend, wie wenig wir noch die gestiftete Erl\u00f6sung und den Christum kennen, der uns von Gott gemacht ist zur Weisheit, zur Gerechtigkeit, zur Heiligung und zur Erl\u00f6sung? Sehen wir die Z\u00fcchtigungen und Tr\u00fcbsale wohl in demjenigen Lichte an, dass uns das Wort dar\u00fcber aufsteckt, und beweisen wir dies durch unser Verhalten in denselben? Sind unsere steten Siege \u00fcber unser eigen Herz so viel Beweise von unserer Einsicht, die wir von der geistlichen Kriegskunst empfangen haben, oder zeugen unsere Niederlagen vom Gegenteil? Beweiset unsere Demut und unsere Freim\u00fctigkeit zu Gott, wie gr\u00fcndlich wir&#8217;s erlernt haben, dass wir in Christo Gerechtigkeit und St\u00e4rke haben?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ach! er\u00f6ffne unsere Augen<br \/>\nmit deinem Glanz und Gnadenlicht,<br \/>\nzu sehen, was sonst nicht zu sehen,<br \/>\nwenn wir in deinem Licht nicht stehen:<br \/>\nLass dein Licht leuchten, so genesen wir!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Amen<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Gottfried Daniel Krummacher<\/em><\/p>\n<p><em>Herausgegeben von Thomas Karker, Bremen (<a href=\"http:\/\/www.karker.de\">www.karker.de<\/a>)<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Und alle deine Kinder gelehrt vom Herrn, und gro\u00dfen Frieden deinen Kindern. (Jesaja 54,13) Diese Worte sind durch das W\u00f6rtlein \u201eund\u201c mit den vorhergehenden verbunden und geh\u00f6ren also noch f\u00fcr die Elenden und Trostlosen, \u00fcber die alle Wetter gehen. Hier werden sie Kinder genannt. Alle deine Kinder, die zu dem Hause Gottes geh\u00f6ren, d. i. [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":498,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[12],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/16932"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/498"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=16932"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/16932\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":16950,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/16932\/revisions\/16950"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=16932"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=16932"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=16932"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}