{"id":16916,"date":"2020-01-22T10:19:20","date_gmt":"2020-01-22T09:19:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=16916"},"modified":"2020-01-22T10:28:07","modified_gmt":"2020-01-22T09:28:07","slug":"brief-von-helmuth-james-graf-von-moltke-an-seine-frau-freya-vom-11-1-1945","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=16916","title":{"rendered":"Brief von Helmuth James Graf von Moltke an seine Frau Freya vom 11.1.1945"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em>Am 11. Januar 1945 wurde der Widerstandsk\u00e4mpfer und Begr\u00fcnder der Widerstandsgruppe &#8222;Kreisauer Kreis&#8220; Helmuth James Graf von Moltke nach einem Scheinprozess zum Tode verurteilt und zw\u00f6lf Tage sp\u00e4ter am 23. Januar 1945 im Gef\u00e4ngnis Pl\u00f6tzensee erh\u00e4ngt. Als \u00fcberzeugter Christ war er ein entschiedener Gegner des Nazi-Regimes. Ein Attentat auf Adolf Hitler lehnte Moltke aus Gewissensgr\u00fcnden ab. In Gedenken an seine Ermordung vor 75 Jahren ver\u00f6ffentlichen wir hier den Brief an seine Ehefrau Freya, den er am Tag seiner Verurteilung schrieb:<\/em><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Meine Liebe, ich habe nur Lust, mich ein wenig mit Dir zu unterhalten. Zu sagen habe ich eigentlich nichts. Die materiellen Konsequenzen haben wir eingehend er\u00f6rtert. Du wirst Dich da schon irgendwie durchwinden, und setzt sich ein anderer nach Kreisau, so wirst Du das auch meistern. La\u00df dich nur von nichts anfechten. Das lohnt sich wahrhaftig nicht. Ich bin ja unbedingt daf\u00fcr, da\u00df Ihr sorgt, da\u00df die Russen meinen Tod erfahren. Vielleicht erm\u00f6glicht Dir das, in Kreisau zu bleiben. Das Rumziehen in dem Rest-Deutschland ist auf alle F\u00e4lle gr\u00e4\u00dflich. Bleibt das Dritte Reich \u00fcber Erwarten doch, was ich mir in meinen k\u00fchnsten Phantasien nicht vorstellen kann, so mu\u00dft Du sehen, wie Du die S\u00f6hnchen dem Gift entziehst. Ich habe nat\u00fcrlich nichts dagegen, wenn Du dann auch Deutschland verl\u00e4\u00dft. Tu, was Du f\u00fcr richtig h\u00e4ltst, und meine nicht, Du seiest so oder so durch irgendeinen Wunsch von mir gebunden. Ich habe Dir immer wieder gesagt: die tote Hand kann nicht regieren\u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich denke mit ungetr\u00fcbter Freude an Dich und die S\u00f6hnchen, an Kreisau und all die Menschen da; der Abschied f\u00e4llt mir im Augenblick gar nicht schwer. Vielleicht kommt das noch. Aber im Augenblick ist es mir keine M\u00fche. Mir ist ganz und gar nicht nach Abschied zumute. Woher das kommt, wei\u00df ich nicht. Aber es ist nicht ein Anflug von dem, was mich nach Deinem ersten Besuch im Oktober, nein November war es wohl, so stark \u00fcberfiel. Jetzt sagt mein Inneres: a) Gott kann mich heute genaus so dahin zur\u00fcckf\u00fchren, wie gestern, und b) und wenn er mich zu sich ruft, so nehme ich es mit. Ich habe gar nicht das Gef\u00fchl, was mich manchmal \u00fcberkam: auch, nur noch einmal m\u00f6chte ich das alles sehen. Dabei f\u00fchle ich mich gar nicht \u201ejenseitig\u201c. Du siehst ja, dass ich mich lieb mit Dir unterhalte, statt mich dem lieben Gott zuzuwenden. In einem Liede \u2013 208,4 \u2013 hei\u00dft es: \u201eDenn der ist zum Sterben fertig, der sich lebend zu Dir h\u00e4lt.\u201c Genauso f\u00fchle ich mich. Ich mu\u00df, da ich heute lebe, mich eben lebend zu ihm halten; mehr will er gar nicht. Ist das pharis\u00e4isch? Ich wei\u00df es nicht. Ich glaube aber zu wissen, da\u00df ich nun in seiner Gnade und Vergebung lebe und nichts von mir habe oder von mir vermag.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich schw\u00e4tze, mein Herz, wie es mir in den Sinn kommt; darum kommt jetzt etwas ganz anderes. Das Dramatische an der Verhandlung war letzten Endes folgendes: in der Verhandlung erwiesen sich alle konkreten Vorw\u00fcrfe als unhaltbar, und sie wurden auch fallengelassen. Nichts davon blieb. Sondern das, wovor das Dritte Reich solche Angst hat, da\u00df es f\u00fcnf, nachher werden es sieben Leute werden, zu Tode bringen mu\u00df, ist letzten Endes nur folgendes: ein Privatmann, n\u00e4mlich Dein Mann, von dem feststeht, da\u00df er mit zwei Geistlichen beider Konfessionen, mit einem Jesuitenprovinzial und mit einigen Bisch\u00f6fen, ohne die Absicht, irgend etwas Konkretes zu tun, und das ist festgestellt, Dinge besprochen hat, \u201edie zur ausschlie\u00dflichen Zust\u00e4ndigkeit des F\u00fchrers geh\u00f6ren\u201c. Besprochen war: nicht etwa Organisationsfragen, nicht etwa Reichsaufbau \u2013 das alles ist im Laufe der Verhandlung weggefallen, und Schulze hat es in seinem Pl\u00e4doyer auch ausdr\u00fccklich gesagt (\u201eunterscheidet sich v\u00f6llig von allen sonstigen F\u00e4llen, da in der Er\u00f6rterung von keiner Gewalt und keiner Organisation die Rede war\u201c), sondern besprochen wurden Fragen der praktisch-ethischen Forderungen des Christentums. Nichts weiter; daf\u00fcr allein werden wir verurteilt. Freisler sagte zu mir in einer seiner Tiraden: \u201eNur in einem sind das Christentum und wir gleich: wir fordern den ganzen Menschen!\u201c Ich wei\u00df nicht, ob die Umsitzenden das alles mitbekommen haben, denn es war eine Art Dialog \u2013 ein geistiger zwischen F. und mir, denn Worte konnte ich nicht viele machen -, bei dem wir uns durch und durch erkannten. Von der ganzen Bande hat nur Freisler mich erkannt, und von der ganzen Bande ist er auch der einzige, der wei\u00df, weswegen er mich umbringen mu\u00df. Da war nichts von \u201ekomplizierter Mensch\u201c oder \u201ekomplizierte Gedanken\u201c oder \u201eIdeologie\u201c, sondern: \u201eDas Feigenblatt ist ab.\u201c Aber nur f\u00fcr Herrn Freisler. Wir haben sozusagen im luftleeren Raum miteinander gesprochen. Er hat bei mir keinen einzigen Witz auf meine Kosten gemacht, wie noch bei Delp und Eugen. Nein, hier war es blutiger Ernst: \u201eVon wem nehmen Sie Ihre Befehle? Vom Jenseits oder von Adolf Hitler?\u201c \u201eWem gilt Ihre Treue und Ihr Glaube?\u201c Alles rhetorische Fragen nat\u00fcrlich. \u2013 Freisler ist jedenfalls der erste Nationalsozialist, der begriffen hat, wer ich bin, und der gute M\u00fcller<a href=\"#_edn1\" name=\"_ednref1\">[i]<\/a> ist demgegen\u00fcber ein Simpl.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mein Herz, eben kommt Dein sehr lieber Brief. Der erste Brief, mein Herz, in dem Du meine Stimmung und meine Lage nicht begriffen hast. Nein, ich besch\u00e4ftige mich gar nicht mit dem lieben Gott oder meinem Tod. Er hat die unaussprechliche Gnade, zu mir zu kommen und sich mit mir zu besch\u00e4ftigen. Ist das hoff\u00e4rtig? Vielleicht. Aber er wird mir noch so vieles vergeben heute abend, da\u00df ich ihn schlie\u00dflich um diese letzte Hoffart auch noch um Vergebung bitten darf. Aber ich hoffe ja, da\u00df es nicht hoff\u00e4rtig ist, denn ich r\u00fchme ja nicht das irdene Gef\u00e4\u00df, nein, ich r\u00fchme den k\u00f6stlichen Schatz, der sich dieses irdenen Gef\u00e4\u00dfes, dieser ganz unw\u00fcrdigen Behausung bedient hat. Nein, mein Herz, ich lese genau die Stellen der Bibel, die ich heute auch gelesen h\u00e4tte, wenn keine Verhandlung gewesen w\u00e4re, n\u00e4mlich Josua 19-21, Hiob 10-12, Hesekiel 34-36, Markus 13-15 und unseren zweiten Korintherbrief zu Ende, au\u00dferdem die kleinen Stellen, die ich auf den Zettel f\u00fcr Dich geschrieben habe. Bisher habe ich nur den Josua und unsere Korintherbriefstelle gelesen, die mit dem sch\u00f6nen, so vertrauten, von Kind auf geh\u00f6rten Satz schlie\u00dft: \u201eDie Gnade unseres Herrn Jesu Christi und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit Euch allen. Amen.\u201c Ich habe das Gef\u00fchl, mein Herz, als w\u00e4re ich autorisiert, Dir und den S\u00f6hnchen, das mit absoluter Autorit\u00e4t zu sagen. Darf ich da nicht den 118. Psalm, der heute morgen dran war, mit vollem Recht lesen? Eugen hat ihn zwar f\u00fcr eine andere Lage gedacht, aber es ist viel wahrer geworden, als wir es je f\u00fcr m\u00f6glich hielten. Mein Herz, darum bekommst Du auch Deinen Brief trotz Deiner bitte zur\u00fcck. Ich trage Dich mit hin\u00fcber und brauche daf\u00fcr kein Zeichen, kein Symbol, nichts. Es ist nicht einmal so, da\u00df mir verhei\u00dfen w\u00e4re, ich w\u00fcrde Dich nicht verlieren; nein, es ist viel mehr: ich wei\u00df es.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine gro\u00dfe Pause, w\u00e4hrend der Buchholz<a href=\"#_edn2\" name=\"_ednref2\">[ii]<\/a> da war und ich rasiert wurde, au\u00dferdem habe ich Kaffee getrunken, Kuchen und Br\u00f6tchen gegessen<a href=\"#_edn3\" name=\"_ednref3\">[iii]<\/a>. Nun schw\u00e4tze ich weiter. Der entscheidende Satz jener Verhandlung war: \u201eHerr Graf, eines haben das Christentum und wir Nationalsozialisten gemeinsam, und nur dies eine: wir verlangen den ganzen Menschen.\u201c Ob er sich klar war, was er damit gesagt hat? Denk mal, wie wunderbar Gott dies sein unw\u00fcrdiges Gef\u00e4\u00df bereitet hat: in dem Augenblick, in dem die Gefahr bestand, da\u00df ich in aktive Putschvorbereitung hineingezogen wurde \u2013 Stauffenberg kam am Abend des 19.<a href=\"#_edn4\" name=\"_ednref4\">[iv]<\/a> zu Peter, wurde ich rausgenommen, damit ich frei von jedem Zusammenhang mit der Gewaltanwendung bin und bleibe. \u2013 Dann hat er in mich jenen sozialistischen Zug gepflanzt, der mich als Gro\u00dfgrundbesitzer von allem Verdacht einer Interessenvertretung befreit. \u2013 Dann hat er mich so gedem\u00fctigt, wie ich noch nie gedem\u00fctigt worden bin, so da\u00df ich allen Stolz verlieren mu\u00df, so da\u00df ich meine S\u00fcndhaftigkeit endlich nach 38 Jahren verstehe, so da\u00df ich um seine Vergebung bitten, mich seiner Gnade anvertrauen lerne. \u2013 Dann l\u00e4\u00dft er mich hierhin kommen, damit ich Dich gefestigt sehe und frei von Gedanken an Dich und die S\u00f6hnchen werde, d.h. von sorgenden Gedanken; er gibt mir die Zeit und die Gelegenheit, alles zu ordnen, was geordnet werden kann, so da\u00df alle irdischen Gedanken abfallen k\u00f6nnen.\u00a0 \u2013 Dann l\u00e4\u00dft er mich in unerh\u00f6rter Tiefe den Abschiedsschmerz und die Todesfurcht und die H\u00f6llenangst erleben, damit auch das vor\u00fcber ist. \u2013 Dann stattet er mich mit Glaube, Hoffnung und Liebe aus, mit einem Reichtum an diesen Dingen, der wahrlich \u00fcberschwenglich ist. \u2013 Dann l\u00e4\u00dft er mich mit Eugen und Delp sprechen und kl\u00e4ren. \u2013 Dann l\u00e4\u00dft er R\u00f6sch und K\u00f6nig entlaufen, so da\u00df es zu einem Jesuitenproze\u00df nicht reicht und im letzten Augenblick Delp an uns angeh\u00e4ngt wird. \u2013 Dann l\u00e4\u00dft er Haubach und Steltzer, deren F\u00e4lle fremde Materie hereingebracht h\u00e4tten, abtrennen und stellt schlie\u00dflich praktisch Eugen, Delp und mich allein zusammen, und dann gibt er Eugen und Delp durch die Hoffnung, die menschliche Hoffnung, die sie haben, jene Schw\u00e4che, die dazu f\u00fchrt, da\u00df ihre F\u00e4lle nur sekund\u00e4r sind, und da\u00df dadurch das Konfessionelle weggenommen wird, und dann wird Dein Mann ausersehen, als Protestant vor allem wegen seiner Freundschaft mit Katholiken attackiert und verurteilt zu werden, und dadurch steht er vor Freisler nicht als Protestant, nicht als Gro\u00dfgrundbesitzer, nicht als Adeliger, nicht als Preu\u00dfe, nicht als Deutscher \u2013 das alles ist ausdr\u00fccklich in der Hauptversammlung ausgeschlossen, so z.B. Sperr: \u201eIch dachte, was f\u00fcr ein erstaunlicher Preu\u00dfe\u201c \u2013 sondern als Christ und als gar nichts anderes. \u201eDas Feigenblatt ist ab\u201c, sagt Herr Freisler. Ja, jede andere Kategorie ist abgestrichen \u2013 \u201eein Mann, der von seinen Standesgenossen nat\u00fcrlich abgelehnt werden mu\u00df\u201c, sagte Schulze. Zu welch einer gewaltigen Aufgabe ist dein Mann ausersehen gewesen: all die viele Arbeit, die der Herrgott mit ihm gehabt hat, die unendlichen Umwege, die verschrobenen Zickzackkurven, die finden pl\u00f6tzlich in einer Stunde am 10. Januar 1945 ihre Erkl\u00e4rung. Alles bekommt nachtr\u00e4glich einen Sinn, der verborgen war. Mami und Pappi, die Geschwistern, die S\u00f6hnchen, Kreisau und seine N\u00f6te, die Arbeitslager und das Nichtflaggen und nicht der Partei oder ihren Gliederungen angeh\u00f6ren, Curtis und die englischen Reisen, Adam und Peter und Carlo<a href=\"#_edn5\" name=\"_ednref5\">[v]<\/a>, das alles ist endlich verst\u00e4ndlich geworden durch eine einzige Stunde. F\u00fcr diese eine Stunde hat der Herr sich all diese M\u00fche gegeben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und nun, mein Herz, komme ich zu Dir. Ich habe Dich nirgends aufgez\u00e4hlt, weil Du, mein Herz, an einer ganz anderen Stelle stehst als all die anderen. Du bist n\u00e4mlich nicht ein Mittel Gottes, um mich zu dem zu machen, der ich bin, Du bist vielmehr ich selbst. Du bist mein 13. Kapitel des ersten Korintherbriefes. Ohne dieses Kapitel ist kein Mensch ein Mensch. Ohne Dich h\u00e4tte ich mir Liebe schenken lassen, ich habe sie z. B. von Mami angenommen, dankbar, gl\u00fccklich, dankbar wie man ist f\u00fcr die Sonne, die einen w\u00e4rmt. Aber ohne Dich, mein Herz, h\u00e4tte ich \u201eder Liebe nicht\u201c. Ich sage gar nicht, da\u00df ich dich liebe; das ist gar nicht richtig. Du bist vielmehr jener Teil von mir, der mir alleine eben fehlen w\u00fcrde. Es ist gut, da\u00df mir das fehlt; denn h\u00e4tte ich das, so wie Du es hast, diese gr\u00f6\u00dfte aller Gaben, so h\u00e4tte ich dem Leiden, das ich sehen mu\u00dfte, nicht so zuschauen k\u00f6nnen und vieles andere. Nur wir zusammen sind ein Mensch. Wir sind, was ich vor einigen Tagen symbolisch schrieb, ein Sch\u00f6pfungsgedanke. Das ist wahr, buchst\u00e4blich wahr. Darum, mein Herz, bin ich auch gewi\u00df, da\u00df Du mich auf dieser Erde nicht verlieren wirst, keinen Augenblick. Und diese Tatsache, die haben wir schlie\u00dflich auch noch durch unser gemeinsames Abendmahl, das nun mein letztes war, symbolisieren d\u00fcrfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich habe ein wenig geweint, eben, nicht traurig, nicht wehm\u00fctig, nicht weil ich zur\u00fcck m\u00f6chte, nein, sondern vor Dankbarkeit und Ersch\u00fctterung \u00fcber diese Dokumentation Gottes. Uns ist es nicht gegeben, ihn von Angesicht zu Angesicht zu sehen, aber wir m\u00fcssen sehr ersch\u00fcttert sein, wenn wir pl\u00f6tzlich erkennen, da\u00df er ein ganzes Leben hindurch am Tage als Wolke und bei Nacht als Feuers\u00e4ule vor uns hergezogen ist, und da\u00df er uns erlaubt, das pl\u00f6tzlich, in einem Augenblick zu sehen. Nun kann nichts mehr geschehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mein Herz, die letzte Woche, vor allem der gestrige Tag haben sicher manche Abschiedsbriefe \u00fcberholt gemacht. Die werden sich demgegen\u00fcber lesen wie kalter Kaffee. Ich \u00fcberlasse es Dir, ob Du sie trotzdem absenden willst, ob Du was dazu sagen oder schreiben willst. Da\u00df ich die Hoffnung habe, da\u00df die S\u00f6hnchen eines Tages diesen Brief verstehen werden, ist klar, aber ich wei\u00df, da\u00df es eine Frage der Gnade ist, nicht irgendeiner \u00e4u\u00dferen Beeinflussung. \u2013 Da\u00df Du alle Leute gr\u00fc\u00dfen sollst, ist auch klar, auch solche wie Ox\u00e9 und Fr\u00e4ulein Thiel und Frau Tharant. Ist es Dir ein Angang, sie anzurufen, so la\u00df es; es spielt keine Rolle. Ich z\u00e4hle sie nur auf, weil es so die \u00e4u\u00dfersten extremsten F\u00e4lle sind. Da Gott die unglaubliche Gnade hat, in mir zu sein, so kann ich nicht nur Dich und die S\u00f6hnchen, sondern alle lieben und unendliche, die mir viel ferner sind, mitnehmen. Das kannst Du ihnen sagen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jetzt noch eines. Dieser Brief ist in vielen auch eine Erg\u00e4nzung zu meinem gestern geschriebenen Bericht, der viel n\u00fcchterner ist. Aus beiden zusammen m\u00fc\u00dft Ihr eine Legende machen, die aber so abgefa\u00dft sein mu\u00df, als habe sie Delp von mir erz\u00e4hlt. Ich mu\u00df darin die Hauptperson bleiben, nicht weil ich es bin, nicht weil ich es sein will, sondern weil der Geschichte sonst das Zentrum fehlt. Ich bin nun einmal das Gef\u00e4\u00df gewesen, f\u00fcr das der Herr diese unendliche M\u00fche aufgewandt hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mein Herz, mein Leben ist vollendet, und ich kann von mir sagen: er starb alt und lebenssatt. Das \u00e4ndert nichts daran, da\u00df ich gerne noch etwas leben m\u00f6chte, da\u00df ich Dich gerne noch ein St\u00fcck auf diese Erde begleitete. Aber dann bed\u00fcrfte es eines neuen Auftrages Gottes. Der Auftrag, f\u00fcr den Gott mich gemacht hat, ist erf\u00fcllt. Will er mir noch einen neuen Anfang geben, so werden wir es erfahren. Darum strenge Dich ruhig an, mein Leben zu retten, falls ich den heutigen Tag \u00fcberleben sollte. Vielleicht gibt es noch einen Auftrag.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich h\u00f6re auf, denn es ist nichts weiter zu sagen. Ich habe auch niemanden genannt, den Du gr\u00fc\u00dfen und umarmen sollst. Du wei\u00dft selbst, wem meine Auftr\u00e4ge f\u00fcr Dich gelten. Alles unseren lieben Spr\u00fcche sind in meinem Herzen und in Deinem Herzen. Ich aber sage Dir zum Schlu\u00df, kraft des Schatzes, der aus mir gesprochen hat und der dieses bescheidene irdene Gef\u00e4\u00df erf\u00fcllt:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Gnade unseres Herren Jesu Christi und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit Euch allen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Amen.<\/p>\n<p><em>Aus: Helmuth James Graf von Moltke, Letzte Briefe, 13. Auflage, Verlag Henssel, Berlin 1983<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ednref1\" name=\"_edn1\">[i]<\/a> Chef des Reichssicherheitshauptamtes, unmittelbarer Untergebener von Himmler<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ednref2\" name=\"_edn2\">[ii]<\/a> Pfarrer Buchholz, katholischer Gef\u00e4ngnisgeistlicher<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ednref3\" name=\"_edn3\">[iii]<\/a> In die Zelle geschmuggelt<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ednref4\" name=\"_edn4\">[iv]<\/a> 19. Januar 1944<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ednref5\" name=\"_edn5\">[v]<\/a> Carlo Mierendorff, mit dem Moltke besonders gut zusammenstimmte<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 11. 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