{"id":16864,"date":"2019-12-21T09:12:45","date_gmt":"2019-12-21T08:12:45","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=16864"},"modified":"2019-12-21T09:41:28","modified_gmt":"2019-12-21T08:41:28","slug":"die-nacht-ist-vorgedrungen-weihnachten-bei-jochen-klepper","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=16864","title":{"rendered":"&#8222;Die Nacht ist vorgedrungen&#8220; &#8211; Weihnachten bei Jochen Klepper"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em>Die Nacht ist vorgedrungen, \/ der Tag ist nicht mehr fern. So sei nun Lob gesungen \/ dem hellen Morgenstern. Auch wer zur Nacht geweinet, \/ der stimme froh mit ein. Der Morgenstern bescheinet \/ auch deine Angst und Pein.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er ist der bekannteste unter den deutschsprachigen evangelischen Dichtern im 20. Jahrhundert: Jochen Klepper. Einige seiner Lieder haben Eingang gefunden in die Gesangb\u00fccher, mehr noch: Sie geh\u00f6ren inzwischen zum festen Repertoire von Kirchench\u00f6ren und zum unverzichtbaren Bestandteil der Gottesdienste, besonders in der Advents- und Weihnachtszeit.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die wichtigen Daten zu Kleppers Leben sind rasch erz\u00e4hlt: 1903 kam Joachim Georg Wilhelm Klepper als Pfarrerssohn in Beuthen an der Oder zur Welt. Das zu Krankheiten neigenden Kind wuchs in einer gebildeten, wohlhabenden und gl\u00e4ubigen Atmosph\u00e4re auf, die aber durch die h\u00e4ufigen und heftigen Streitigkeiten der Eltern belastet war. Mit dem Eintritt in die achte Klasse des Gymnasiums in der Kreisstadt zog er in das Haus seines Franz\u00f6sischlehrers, der ihn nationalistisch und antisemitisch beeinflusste und (vermutlich) sexuell missbrauchte. Es dauerte Jahre, bis er sich von diesem Einfluss freimachen konnte. Nach dem Abitur studierte Klepper in Erlangen und Breslau Theologie \u2013 gab aber das Studium nach zwei schweren k\u00f6rperlichen und seelischen Zusammenbr\u00fcchen auf. Ab 1927 arbeitete f\u00fcr den Evangelischen Presseverband f\u00fcr Schlesien als Redakteur f\u00fcr das Radioprogramm und war daneben freier Schriftsteller. 1929 lernte Klepper die verwitwete J\u00fcdin Johanna Stein kennen &#8211; Erbin einer Modefirma, Mutter von zwei T\u00f6chter: Brigitte und Renate, kultiviert, klug und dreizehn Jahre \u00e4lter als er. Die beiden wurden \u2013 gegen den heftigen Widerstand von Kleppers Eltern und Geschwistern \u2013 ein Liebespaar, 1931 heirateten sie standesamtlich. Klepper wurde f\u00fcr Brigitte und Renate ein liebevoller Vater. Durch die Wirtschaftskrise geriet die junge Familie bald in gro\u00dfe finanzielle Schwierigkeiten. Kleppers Hoffnung auf einen Durchbruch als Schriftsteller wurde entt\u00e4uscht: F\u00fcr seinen ersten Roman, der in der Modebranche spielte, fand er keinen Verleger. In Berlin arbeitete Klepper ab 1932 wieder beim Rundfunk \u2013 sein vorher abgeschlossener zweiter Roman: \u201eDer Kahn der fr\u00f6hlichen Leute\u201c machte ihn zugleich zu einem beachteten Autor. Mit der Macht\u00fcbernahme der Nationalsozialisten wurde die Lage der Familie bedr\u00fcckend \u2013 aber Klepper schaffte es, trotz seiner j\u00fcdischen Familie als Autor im Gesch\u00e4ft zu bleiben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Durch seinen n\u00e4chsten Roman \u201eDer Vater\u201c \u2013 der zu den bedeutendsten historischen Romanen der deutschen Literaturgeschichte geh\u00f6rt \u2013 wurde Klepper 1937 zum Lieblingsschriftseller der Wehrmachtselite. Klepper schildert darin den Lebensweg von K\u00f6nig Friedrich Wilhelm I., dem Vater Friedrichs des Gro\u00dfen, der das Fundament f\u00fcr die Gro\u00dfmacht Preu\u00dfen legte: als Sch\u00f6pfer eines schlagkr\u00e4ftigen Heeres, eines weltweit bewunderten Beamtenapparates und einer vorbildlich effektiven Verwaltung. \u201eDer Vater\u201c ist im Roman aber nicht nur ein vorbildlicher Monarch, er ist vor allem ein \u201egro\u00dfer Schmerzensmann\u201c: Gedr\u00fcckt von einem \u00fcbermenschlichen Pflichtbewusstsein, unverstanden von seiner Familie, aufgerieben von k\u00f6rperlichen Qualen, in st\u00e4ndigem Bewusstsein seiner unvertretbaren Verantwortung vor Gott. Es muss \u00fcberraschen, dass dieses Buch, dass nicht nur zutiefst christlichen Geist atmet, sondern den \u201eVater\u201c auch als offenbaren Gegenentwurf zur Hitler pr\u00e4sentiert, das gro\u00dfe Wohlwollen der nationalsozialistischen Machthaber errang \u2013 aber es war so. Durch die Popularit\u00e4t, die dieses Buch Klepper eintrug, konnte er seine j\u00fcdische Familie zun\u00e4chst sch\u00fctzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">1938 ver\u00f6ffentlichte Klepper sein Buch mit christlichen Dichtungen: \u201eKyrie\u201c. Heute sind gerade diese Lieddichtungen mit seinem Namen verbunden. Klepper hatte die Freude, dass seine Frau Hanni sich f\u00fcr den christlichen Glauben \u00f6ffnete \u2013 kurz vor Weihnachten 1938 wurde sie auf eigenen Wunsch getauft. Direkt im Anschluss an die Taufe wurden Hanni und Jochen Klepper kirchlich getraut.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Taufe von Hanni und die anschlie\u00dfende kirchliche Trauung von Ehepaar Klepper vollzog der von beiden gesch\u00e4tzte Max Kurzreiter, Pfarrer an der Martin-Luther-Ged\u00e4chtniskirche in Berlin-Mariendorf. Die Luther-Kirche wurde 1933-35 erbaut und ist ein Symbol der Verschmelzung von Protestantismus und Nationalsozialismus, wie ihn sich die regimeh\u00f6rige Kirchenpartei der \u201eDeutschen Christen\u201c ertr\u00e4umte. So empfing die J\u00fcdin Hanni Klepper die Taufe ausgerechnet an einem Taufbecken, das in seinem Sockel einen betenden SA-Mann zeigt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der nationalsozialistische Druck auf die Familie nahm trotz Kleppers Prominenz immer mehr zu. Im Sommer 1939 gelang es, Tochter Brigitte die Ausreise nach England zu erm\u00f6glichen, aber die Bem\u00fchungen um eine Immigration auch f\u00fcr Renate scheiterten. Renate erfuhr aber in dieser Zeit so viel Zuwendung und Trost von Christen, dass auch sie sich zur Taufe entschloss. Klepper wurde 1940 zur Wehrmacht eingezogen, aber bald wieder wegen seiner \u201enicht-arischen\u201c Familie als \u201ewehrunw\u00fcrdig\u201c entlassen. Als deutlich wurde, dass Klepper seine Frau und Stieftochter nicht mehr vor einer Deportation w\u00fcrde bewahren k\u00f6nnen, nahm sich die Familie 11. Dezember 1942 gemeinsam das Leben. Sie vertrauten auf Gott, dessen Barmherzigkeit gr\u00f6\u00dfer ist als alle menschliche Schuld.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gott will im Dunkel wohnen \/ und hat es doch erhellt!<br \/>\nAls wollte er belohnen, \/ so richtet er die Welt!<br \/>\nDer sich den Erdkreis baute, \/ der l\u00e4\u00dft den S\u00fcnder nicht.<br \/>\nWer hier dem Sohn vertraute, \/ kommt dort aus dem Gericht!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Worte stammen aus Kleppers bekanntestem Weihnachtslied: Die Nacht ist vorgedrungen. Jochen Klepper liebte Weihnachten \u2013 er widmete allein sechs Lieder diesem Fest, den anderen gro\u00dfen Tagen des Kirchenjahres dagegen nur eines. Klepper feierte Weihnachten im Kreis der Familie als H\u00f6hepunkt des Jahres:<br \/>\n\u201eNach der Christvesper bliesen die Posaunenbl\u00e4ser Turmchor\u00e4le, und der gro\u00dfe Adventsstern im Kirchtor wehte hin und her im eisigen Wind. Wir gingen durch die verschneiten Stra\u00dfen heim; in vielen Fenstern strahlten schon die Weihnachtsb\u00e4ume, und nun steckte ich die Lichter an unserem zarten, feierlichen, bunten Baume an und klingelte mit der alten Apostelglocke. Die Freude \u00fcber die Gabentische schien mir gr\u00f6\u00dfer denn je. \u2026 Den ganzen Abend bis Mitternacht sa\u00dfen wir beim Kerzenglanz des Silberleuchters, der Lichtersterne auf dem Tish, den Kerzen zu F\u00fc\u00dfen der Madonna; und auf der H\u00f6he des Heiligen Abends strahlten noch einmal die Lichter des zarten, bunten Weihnachtsbaumes mit seinem goldenen Engel und seinen kleinen silbernen Glocken, den roten und goldenen, gr\u00fcnen und silbernen Glaskugeln, der N\u00fcrnberger Madonna und dem \u201eHerzen Jesu\u201c; wunderbar war die Stille des Abends, wunderbar der Duft von Wachskerzen und Tanne.\u201c (Tagebucheintrag vom 24.12.1938)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber es hat sicher nicht nur mit der Liebe des Dichters zum Weihnachtsfest zu tun, dass gerade Kleppers Weihnachtslieder bis heute die Herzen anr\u00fchren. Das deutsche Weihnachtsfest verbindet in einzigartiger Weise Fr\u00f6hlichkeit mit Sentimentalit\u00e4t; es beschw\u00f6rt gleichzeitig die w\u00e4rmende Geborgenheit der Kindheit herauf und zeugt von der Verlorenheit des Erwachsenen in einer kalten Welt; zum deutschen Weihnachtsfest geh\u00f6rt die Friedenssehnsucht und die starke Betonung, in einer friedelosen Welt zu leben (auch noch nach mehr als 7 Jahrzehnten des Friedens in Deutschland) und nat\u00fcrlich eine eigenartige Mischung von Konsumlust und -\u00fcberdruss, von hemmungslosem Genie\u00dfen und moralisierender Genussschelte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kleppers Weihnachtslieder sind in dieser Hinsicht die deutschesten Weihnachtslieder, die jemals gedichtet wurden \u2013 sie tragen diesem Gef\u00fchlsmix Rechnung und sie tun das authentisch. Wenn Klepper in seinem \u201eWeihnachtslied im Kriege\u201c schreibt:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun ruht doch alle Welt. \/ O Herz, wie willst du&#8217;s fassen?<br \/>\nDie Erde liegt im Streit, \/ von allem Heil verlassen,<br \/>\nist friedlos weit und breit \/ und wider dich gestellt,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">dann ist dies keine Hommage an die Fernsehnachrichten von fernen Kriegsschaupl\u00e4tzen. Klepper hat das Lied tats\u00e4chlich im Krieg gedichtet, sechs Wochen nach dem Beginn des 2. Weltkriegs, dem deutschen \u00dcberfall auf Polen und der Kriegserkl\u00e4rung von Frankreich und Gro\u00dfbritannien an das deutsche Reich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So allgemein die Verse auch gehalten sind: Klepper zeigt eine erstaunliche Immunit\u00e4t gegen die propagandistische Verkl\u00e4rung des Krieges. Dies ist umso bemerkenswerter, als das Gedicht am 15. Oktober 1939 geschrieben wurde \u2013 also gerade neun Tage nach der bedingungslosen Kapitulation Polens, die Deutschland in einen Siegesrausch versetzt hatte. Auch wenn sp\u00e4ter im Lied vom \u201eJauchzen der Welt\u201c die Rede ist, bezieht sich das nicht auf das Vorw\u00e4rtsst\u00fcrmen der deutschen Armeen, sondern auf das Kommen Gottes in diese Welt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Welt jauchzt fr\u00f6hlich auf. \/ O Herz, wie kann&#8217;s dich wecken? \/ Dich hat die Not versteint. \/ Der Erdkreis hat viel Schrecken \/ zu deiner Qual vereint \/ und t\u00fcrmt sie dir zu Hauf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie kann der Einzelne, den doch die Freude des Weltkreises \u00fcber die Geburt des Herrn mitrei\u00dfen sollte, weiter in seinem Schmerz, in seiner Trauer gefangen sein? Das &#8211; angesichts des menschlichen Elends &#8211; versteinerte Herz kann die Botschaft nicht aufnehmen: \u201eHeute ist euch der Heiland geboren, Christus, der Herr.\u201c Dieses Leiden an der Welt ist nun nicht moralinsauer aufgeladen, es ist Ausdruck einer existentiellen Verzweiflung: Klepper hatte zeitlebens mit Depressionen zu k\u00e4mpfen, schon fr\u00fch spielten Todesw\u00fcnsche bei ihm eine Rolle, die sich angesichts des Verfolgungsdrucks auf seine Familie mehr und mehr steigerten.<br \/>\nHilfe in dieser seelischen Not, das war Kleppers Erfahrung, konnte ihm nur Gottes Wort spenden, durch das Gott das Herz aus Stein in ein Herz aus Fleisch verwandelt (vgl. Hes. 11,19; 36,26):<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch der das Leben gab, \/ den Mund mit Odem f\u00fcllte,<br \/>\nspricht selbst dir Tr\u00f6stung zu. \/ Kein Schmerz, den er nicht stillte!<br \/>\nKein Werk, das er nicht tu! \/ Dein Heiland kommt herab!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es macht die Gr\u00f6\u00dfe Kleppers als evangelischer Dichter aus, dass seine Weihnachtslieder nicht in deutscher Weihnachtsgef\u00fchligkeit stecken bleiben, sondern den christlichen Kern der Sache bezeugen: Gott wird Mensch \u2013 dem Einzelnen und der Welt zum Heil!<br \/>\n\u00dcber das Weihnachtsfest im Jahr 1941 schreibt der Dichter in sein Tagebuch:<br \/>\n\u201eIch w\u00fc\u00dfte nicht, was diesem Tag des Heiligen Abends gefehlt h\u00e4tte an all dem h\u00e4uslichen Zauber, den er je und je besa\u00df, vom Aufbauen der Gabentische an bis zum Anstecken der Lichter am Baum, von der kleinen Bescherung f\u00fcr die gute B\u00fclow an bis zum Austragen der kleinen Geschenke in die Nachbarschaft, vom mitt\u00e4glichen Tee im Lampenschein beim Heimkommen des Kindes bis zum Anz\u00fcnden kleiner Tannenzweige, damit das ganze Haus erf\u00fcllt w\u00e4re vom weihnachtlichen Duft. Wie allj\u00e4hrlich waren alle Vorbereitungen so abgeschlossen, da\u00df wir vor der Christnacht noch eine Weile v\u00f6lliger Ruhe und Mu\u00dfe hatten. Wir gingen alle vier zur Kirche, zur zweiten Christmette, um sechs, weil wir es ja lieben, da\u00df die gro\u00dfe Feier wirklich auf den Abend des Heiligen Abends f\u00e4llt. Als die Glocken l\u00e4uteten, sa\u00dfen wir schon in der Kirche, jedoch nicht auf dem gewohnten Platz, sondern dahinter, weil Renerle mit ihrem gelben Stern hinter einer S\u00e4ule verborgen sein wollte. \u2026 Und die Christnachtpredigt enthielt einen Abschnitt \u201e\u00fcber den Gott, der Rat und Hilfe wei\u00df, wo wir keinen Ausweg mehr sehen\u201c, der zu uns hin gesprochen war; auch sonst gedachte die Predigt diesmal aller, die mit schwerem Herzen der Weihnacht entgegensehen. All das Qualvolle dieser Weihnacht mu\u00dfte durchlitten sein, als ich, Hanni und Renerle noch einmal neben mir, in der Christnacht sa\u00df. Dann gelang es, so sch\u00f6n wie jedes Jahr, f\u00fcr unser Kind den Heiligen Abend zu feiern.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Qualvolle dieser Weihnacht ist f\u00fcr Klepper keine sentimentale Phrase, kein wehm\u00fctiges Gef\u00fchl, keine in Erinnerung an die Kindheit zerdr\u00fcckte Tr\u00e4ne \u2013 es ist das Wissen, dass die Lage f\u00fcr die \u201enicht-arischen\u201c Deutschen immer aussichts- und auswegloser wird. Der Tagebucheintrag ersch\u00fcttert bis ins Mark \u2013 kaum hat Klepper \u00fcber die vertraute Feier des Heiligen Abends \u201ewie jedes Jahr\u201c geschrieben, f\u00e4hrt er fort:<br \/>\n\u201eHanni aber kamen vor dem Feste Zweifel an unserem Entschlu\u00df zum Tode. Ich aber vermag zu Gott nur zu beten, uns sterben zu lassen, ehe die gro\u00dfe, mir unausweichlich scheinende Stunde der \u00e4u\u00dfersten Versuchung kommt \u2026\u201c<br \/>\nSchon vor Weihnachten hat das Paar den Beschluss gefasst, sich nicht zerrei\u00dfen zu lassen durch eine Zwangsscheidung. Bevor es zu einem Abtransport von Hanni ins Todeslager kommen k\u00f6nnte, wollten sie gemeinsam aus dem Leben scheiden. Ihr Suizid, so verstehen sie es, w\u00e4re nicht ein Aufstand gegen den Sch\u00f6pfer, gar die unvergebbare S\u00fcnde wider den Heiligen Geist (diese Fragen werden im Tagebuch diskutiert), sondern sie w\u00fcrden dem barmherzigen Christus ihr Leben in die H\u00e4nde legen, im Vertrauen darauf, dass er auch ihr Heil wirkt:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sieh nicht, wie arm du S\u00fcnder bist, \/ der du dich selbst beraubtest.<br \/>\nSieh auf den Helfer Jesus Christ! \/ und wenn du ihm nur glaubtest,<br \/>\nda\u00df nichts als sein Erbarmen frommt \/ und da\u00df er dich zu retten kommt,<br \/>\ndarfst du der Schuld vergessen, \/ sei sie auch unermessen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kleppers Weihnachtslieder waren und sind Klassiker. Sie mussten das nicht erst werden, sie waren es seit ihrer Abfassung. Wie den gr\u00f6\u00dften unserer Dichtertheologen gelingt es Klepper, das Geheimnis der Selbsterniedrigung Gottes um der Erh\u00f6hung des Menschen willen eing\u00e4ngig auszusprechen. Das Holz der Krippe wandelt sich in seinen Versen zum Kreuzesstamm \u2013 vor unseren Augen, zu unserer Erl\u00f6sung:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und \u00fcber Stall und Stern und Hirten \/ wuchs Golgatha, dein Berg, empor.<br \/>\nNah vor den Augen der Verirrten \/ trat aus der Nacht dein Kreuz hervor.<br \/>\nDort neigtest du f\u00fcr uns dein Haupt. \/ Da haben wir geglaubt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Gl\u00e4ubige empf\u00e4ngt von Gott her eine neue \u2013 seine eigentliche \u2013 Identit\u00e4t: als Kind Gottes. Nicht das eigene Fragen, Ringen, zweifelnd-verzweifelnde Sich-Behaupten macht den Christen aus, sondern der Zuspruch Gottes. Er setzt der qualvollen Suche des Einzelnen nach sich selbst und nach dem eigenen Weg ein Ende. Auch wenn die letzte Verwandlung noch aussteht, der Gl\u00e4ubige erwartet sie vertrauensvoll von Gott in Christus:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer ward ich, Herr, in dieser Nacht? \/ Herz, halte still und poche sacht!<br \/>\nIn Gottes Sohn ward ich Sein Kind. \/ Gott ward als Vater mir gesinnt.<br \/>\nNoch wei\u00df ich nicht: Was werd&#8216; ich sein? \/ Ich sp\u00fcre nur den hellen Schein!<br \/>\nDen hast du mir in dieser heil&#8217;gen Nacht \/ an deiner Krippe, Herr, entfacht!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So geht der Blick in Kleppers Weihnachtsliedern immer nach vorne. Mit Krippe und Kreuz kommt der Heilsweg, den Gott uns f\u00fchrt, noch nicht an sein Ende. Der Weg f\u00fchrt in die F\u00fclle des Reiches Gottes, in das ewige Leben, in die herrliche Freiheit der Kinder Gottes, in die Anbetung vor seinem Thron, die nie ein Ende hat. Es w\u00fcrde unseren Weihnachtsgottesdiensten und der Klarheit unserer Verk\u00fcndigung unendlich gut tun, wenn wir uns von Kleppers Blick leiten lie\u00dfen:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Du Kind, zu dieser heiligen Zeit \/ gedenken wir auch an dein Leid,<br \/>\ndas wir zu dieser sp\u00e4ten Nacht \/ durch unsere Schuld auf dich gebracht.<br \/>\nKyrie eleison!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Welt ist heut voll Freudenhall. \/ Du aber liegst im armen Stall.<br \/>\nDein Urteilsspruch ist l\u00e4ngst gef\u00e4llt, \/ das Kreuz ist dir schon aufgestellt.<br \/>\nKyrie eleison!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Welt liegt heut im Freudenlicht. \/ Dein aber harret das Gericht.<br \/>\nDein Elend wendet keiner ab. \/ Vor deiner Krippe g\u00e4hnt das Grab.<br \/>\nKyrie eleison!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Welt ist heut an Liedern reich. \/ Dich aber bettet keiner weich<br \/>\nund singt dich ein zu lindem Schlaf. \/ Wir h\u00e4uften auf dich unsere Straf\u00b4!<br \/>\nKyrie eleison!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn wir mit dir einst auferstehn \/ und dich von Angesichte sehn,<br \/>\ndann erst ist ohne Bitterkeit \/ das Herz uns zum Gesange weit!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hosianna!<\/p>\n<p><em>Pfr. Martin Fromm, R\u00fcdenhausen <\/em><\/p>\n<p><em>Aus: CA &#8211; das lutherische Magazin f\u00fcr Religion, Gesellschaft und Kultur, IV-2018<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Nacht ist vorgedrungen, \/ der Tag ist nicht mehr fern. So sei nun Lob gesungen \/ dem hellen Morgenstern. Auch wer zur Nacht geweinet, \/ der stimme froh mit ein. Der Morgenstern bescheinet \/ auch deine Angst und Pein. Er ist der bekannteste unter den deutschsprachigen evangelischen Dichtern im 20. Jahrhundert: Jochen Klepper. Einige [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":638,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[13,29],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/16864"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/638"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=16864"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/16864\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":16867,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/16864\/revisions\/16867"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=16864"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=16864"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=16864"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}