{"id":16829,"date":"2019-11-29T12:31:22","date_gmt":"2019-11-29T11:31:22","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=16829"},"modified":"2019-11-29T12:32:27","modified_gmt":"2019-11-29T11:32:27","slug":"einer-trage-des-andern-last-gal-62-predigt-im-gottesdienst-nach-dem-marsch-fuer-das-leben-2018-22-9-2018","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=16829","title":{"rendered":"\u201eEiner trage des andern Last\u201c (Gal. 6,2) &#8211; Predigt im Gottesdienst nach dem \u201eMarsch f\u00fcr das Leben 2018\u201c"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em>&#8222;Br\u00fcder und Schwestern, nun kann es vorkommen, dass sich jemand zu einer Verfehlung hinrei\u00dfen l\u00e4sst. Dann sollt ihr, die ihr ja vom Geist geleitet werdet, ihn zurechtweisen. Tut dies mit der Freundlichkeit, die der Geist schenkt. Dabei muss jeder f\u00fcr sich selbst darauf achten, dass er nicht auch auf die Probe gestellt wird. Helft einander, die Lasten zu tragen. So erf\u00fcllt ihr das Gesetz, das Christus gegeben hat. Wenn allerdings jemand meint, er sei etwas Besonderes, dann macht er sich etwas vor. Denn das ist er keineswegs. Vielmehr sollte jeder das eigene Tun \u00fcberpr\u00fcfen. Dann hat er etwas, worauf er stolz sein kann, und muss sich nicht mit anderen vergleichen.&#8220; (Galater 6,1-4 [Basisbibel])<\/em><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Liebe Gemeinde \u201eF\u00fcr das Leben\u201c!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Volksmund sagen wir manchmal: \u201eJeder hat sein P\u00e4ckchen zu tragen.\u201c Und das ist wahr. Es gibt kein menschliches Leben ohne N\u00f6te und Belastungen. Aber der Apostel Paulus l\u00e4dt uns ein, damit anders umzugehen, nicht die eigene Last einsam zu tragen, sondern sich gegenseitig zu helfen, die Lasten zu tragen. In der von Jesus Christus bestimmten Gemeinde soll ein anderes Grundgesetz gelten: \u201eEiner trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erf\u00fcllen\u201c (Gal. 6, 2 Luther). In der christlichen Gemeinde soll es nicht lauter Einzelk\u00e4mpfer geben, sondern Menschen, die sich als mit dem Leben der anderen verflochten, auf die anderen bezogen und ohne sie unvollkommen verstehen. Erst wenn wir uns auf diese ungew\u00f6hnliche Lebensweise einlassen, leben wir den Willen Gottes, wie er durch Jesus Christus ein- f\u00fcr allemal deutlich geworden ist. Im freiwilligen \u00dcbernehmen der Last der Anderen begegnet uns ein anderer Geist. Jesus selbst hat aus diesem Geist gelebt und m\u00f6chte ihn an uns weitergeben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schon in der Fr\u00fchzeit des Christentums, noch am Ende des ersten Jahrhunderts ist aus noch \u00e4lteren Vorstufen eine Schrift entstanden, die mit dem Selbstbewusstsein auftrat, die Lehre der zw\u00f6lf Apostel zusammenzufassen. Diese Schrift unterscheidet grunds\u00e4tzlich zwischen einem Weg des Todes und einem Weg des Lebens. Wir w\u00fcrden heute wohl eher von einer \u201eKultur des Todes\u201c und einer \u201eKultur des Lebens\u201c sprechen. In dieser Schrift, wir nennen sie Didache (Lehre), hei\u00dft es unmissverst\u00e4ndlich in Kap. 2 Vers 2: \u201eDu sollst nicht das Kind durch abtreiben umbringen und das Neugeborene nicht t\u00f6ten.\u201c Das war in der Antike eine \u00fcblicheForm der Geburtenregelung. Kinder, die man nicht wollte, wurden nach der Geburt get\u00f6tet oder ausgesetzt. Oder: Sie wurden im Mutterleib abgetrieben. Da sagt die 12-Apostel-Lehre: \u201eDas geht nicht! Dieses Kind hat Gott geschaffen. Sein Leben ist heilig.\u201c Das T\u00f6ten des Lebens, ausdr\u00fccklich auch des ungeborenen Lebens, geh\u00f6rt zur Kultur des Todes. Als Summe der Verk\u00fcndigung Jesu und der fr\u00fchen Kirche stellt die Didache dagegen, eine Kultur des Lebens aufzubauen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine solche Kultur des Todes kann nur mit einem neuen Zusammengeh\u00f6rigkeitsgef\u00fchl \u00fcberwunden werden: \u201eWir lassen dich nicht allein!\u201c \u201eEiner trage des andern Last.\u201c An die Stelle dieser Kultur des Todes kann eine Kultur des Lebens gestellt werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine 15-j\u00e4hrige regelm\u00e4\u00dfige Besucherin eines Jugendgottesdienstes, sie war selbst noch Sch\u00fclerin und stand noch drei Jahre vor dem Abitur, wird schwanger. Der 17-j\u00e4hrige Vater des Kindes will mit Mutter und dem gemeinsamen Kind nichts zu tun haben und setzt sich ab. Da steht die junge Mutter allein da. \u201eIst ihr Leben jetzt versaut?\u201c fragt sie sich. Viele raten zur Abtreibung. Aber die eigene Mutter der schwangeren 15-j\u00e4hrigen bietet ihrer Tochter Hilfe an. Sie ist auch alleinerziehend und berufst\u00e4tig, aber sie hilft ihrer Tochter in allem, obwohl es sie viel Zeit und Kraft kostet. Die Tochter setzt ein Jahr in der Schule aus und k\u00fcmmert sich, unterst\u00fctzt von ihrer Mutter, r\u00fchrend um ihr Kind. Im Umfeld der Kirchengemeinde finden sie auch eine Frau, die bereit ist, als Tagesmutter sich tagein tagaus um das Kleinkind zu k\u00fcmmern, damit die Mutter ihre Schule abschlie\u00dfen und das Abitur machen kann. Das bedeutet f\u00fcr diese Familie, bei der der Kleine von morgens 7 Uhr bis nachmittags 16 Uhr ist, manche Einschr\u00e4nkung. Die finanziellen Hilfen, die das Jugendamt vermittelt, helfen, diese Last etwas besser zu tragen. Aber alle tragen ihren Teil gern dazu bei, damit das Baby leben kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">M\u00fcssen wir also unser P\u00e4ckchen alleine tragen? Gerade die ungewollte Schwangerschaft ist eine Nagelprobe auf die Solidarit\u00e4t einer Gesellschaft. Uns allen w\u00e4chst eine Kraft zu, wenn wir auf das \u201eGesetz Christi\u201c schauen, von dem der Apostel Paulus redet. Was ist \u201edas Gesetz, das Christus gegeben hat\u201c (Basisbibel)? Es ist nichts anderes als das Liebesgebot, das Jesus immer wieder als das grundlegende Gebot bezeichnet hat und von dem auch der Apostel Paulus redet: \u201eLiebe deinen N\u00e4chsten wie dich selbst!\u201c<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jesus lebte ganz aus dieser Liebe, wenn er sich den Ausgegrenzten aus der Gesellschaft seiner Zeit zuwandte: Den mit den R\u00f6mern kollaborierenden Z\u00f6llnern, die als andersgl\u00e4ubig verschrienen Samariter oder manchen halbseidenen Frauen. Mit dieser Liebe begegnete Jesus auch der Frau, die im Ehebruch ergriffen worden war und nach den Gesetzen der Zeit durch Steinigung hingerichtet werden sollte. Er schickte ihre Ankl\u00e4ger fort, verurteilte die Frau nicht, gab ihr aber ein \u201eS\u00fcndige hinfort nicht mehr\u201c mit auf den Weg<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a>. In dieser Liebe begegnete Jesus auch den Kindern, die die M\u00fctter zu ihm brachten, damit er sie segnete. Die J\u00fcnger wollten die M\u00fctter samt Kindern wegschicken, weil der Meister doch Wichtigeres zu tun h\u00e4tte, als sich um Frauen und Kinder zu k\u00fcmmern. Jesus zeigte M\u00fcttern und Kindern Wertsch\u00e4tzung, denn Kinder geh\u00f6ren genauso zum Reich Gottes wie Erwachsene. Aus dieser Liebe war er auch bereit, das Kreuz und das Leid auf sich zu nehmen, um Vers\u00f6hnung f\u00fcr die S\u00fcnden einer ganzen Menschheit zu erm\u00f6glichen. T\u00e4glich k\u00f6nnen wir seine Liebe erfahren, wenn wir, wie wir es in der christlichen Gemeinde sagen, \u201ean ihn glauben\u201c. Das ist nichts anderes, als in einer geistlichen Gemeinschaft mit Jesus zu leben. Mit dem Jesus, der uns Gottes Angesicht so menschlich gezeigt hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Liebe F\u00fcr-das-Leben-Gemeinde, ich bin gefragt worden, warum ich heute hier predige. Ich tue das, weil ich gern die \u201eF\u00fcr-das-Leben-Bewegung\u201c unterst\u00fctze. Und das ist notwendig. Im letzten Jahr gab es in Deutschland etwas mehr als hunderttausend Schwangerschaftsabbr\u00fcche. Zum ersten Mal seit 2012 ist damit die Zahl der Abtreibungen von einem Jahr aufs andere wieder gestiegen und zwar um 2,5 %. Hunderttausend Schwangerschaftsabbr\u00fcche kommen in Deutschland auf knapp achthunderttausend Geburten. Auch wenn es sein kann, dass dieses Jahr die Zahl der Schwangerschaftsabbr\u00fcche wieder etwas zur\u00fcckgeht, ist dauernd die Zahl der Abtreibungen bei uns sehr hoch. <a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eF\u00fcr das Leben\u201c, das bedeutet auch: Keiner will einer jungen Frau ihr Leben kaputt machen. Es geht \u00fcberhaupt nicht um irgendeine Art von Zwang. Das deutsche Recht setzt ganz darauf, dass Frauen und nat\u00fcrlich auch M\u00e4nner (denn ohne einen Mann g\u00e4be es das Kind nicht) ihre Verantwortung f\u00fcr das heranwachsende Leben freiwillig wahrnehmen. Es ist auch richtig, auf die Freiwilligkeit, auf die Bejahung des von Gott geschenkten Lebens zu setzen. Ohne die Frauen geht es nicht. Nur wenn die schwangeren Frauen ermutigt und gest\u00e4rkt werden, nur wenn ihnen geholfen wird, werden die Kinder in ihnen und durch sie leben. Deswegen: \u201eEiner trage des andern Last.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es w\u00e4re schon viel gewonnen, wenn die M\u00e4nner anfingen, die Lasten der Frauen mitzutragen. Wenn die Eltern der Eltern die Last ihrer Kinder oder auch ihrer Enkel zu ihrer eigenen Last machen w\u00fcrden, f\u00e4nde manche junge Frau den Mut, ihr Kind zu behalten. Vielleicht k\u00f6nnen auch die Nachbarn der \u00fcberforderten Kleinfamilie zur Seite treten. Und auch die Gesellschaft und der Staat sollten die jungen M\u00fctter und V\u00e4ter nicht allein lassen. Wir brauchen noch ganz andere Unterst\u00fctzungssysteme. In vielen Kirchengemeinden zum Beispiel finden sich schon jetzt ehrenamtliche Helferinnen und Helfer. Wenn die hohe Zahl von Abtreibungen kleiner werden soll, dann m\u00fcssen wir alle unsere Verantwortung an den M\u00fcttern, den Kindern und den jungen Familien viel intensiver wahrnehmen. Ja, wir brauchen familienfreundliche Arbeitspl\u00e4tze. Chefs und Arbeitgeber m\u00fcssen Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die besondere Last Alleinerziehender aufbringen. Was vor allen Dingen nicht passieren darf, was aber immer wieder passiert, ist, dass am Ende die Frauen alleine dastehen mit ihrem Kind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich verstehe, dass sich viele Frauen allein gelassen f\u00fchlen in einer Situation, in die sie nicht allein gekommen sind. Ich verstehe auch noch, dass manche Frauen Wut auf die Kirche haben, wenn sie bisher die Kirche in Fragen der Sexualethik als heuchlerisch empfunden haben. Was ich aber nicht verstehe ist, dass junge Frauen jubeln und gr\u00f6len, wie nach dem Gewinn einer Fu\u00dfballweltmeisterschaft, wenn der gesetzliche Schutz des ungeborenen Lebens wegf\u00e4llt, wie wir es im Mai in Irland erlebt haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ja, es ist viel falsch gelaufen, vor allen Dingen dann, wenn das Reden der Kirche heuchlerisch erschien. Wir haben uns als Christen und als Kirchen in den vergangenen Jahren, Jahrzehnten und Jahrhunderten oft mit dem Mund f\u00fcr das Leben eingesetzt, aber nicht mit der Tat. Wir m\u00fcssen selbstkritisch sagen, wir waren vielleicht h\u00e4ufiger die Vertreter einer b\u00fcrgerlichen Moral als die Tr\u00e4ger der Last von schwangeren Frauen, ledigen M\u00fcttern und jungen Familien.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber deswegen bleibt doch das Leben von ungeborenen Kindern ein Leben, das Gott geschenkt hat. Jedes Leben, das Gott geschaffen hat, ist heilig. Dieses Leben hat in unserer Gesellschaft, hat in Europa keine Stimme. Die ungeborenen Kinder k\u00f6nnen nicht f\u00fcr ihr Leben eintreten. Darum ist es so wichtig, dass wir diese Last schultern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eEiner trage des andern Last.\u201c Meine Last wird von anderen mitgetragen. Machen wir uns nichts vor, auch die Schwangeren tragen meine Last mit. Ganz naheliegend gilt das etwa im Blick auf die Frage, wer in unsere Rentenkassen einzahlt, und auf den Generationenvertrag. Doch noch mehr: Jedes geborene Kind ist ein Zeichen der Hoffnung in manchmal hoffnungslosen Zeiten. Deswegen wollen wir die Last, die es auch manchmal bedeuten kann, angesichts vieler Anfeindungen f\u00fcr das Leben einzutreten, gerne tragen, denn nur so erf\u00fcllen wir das Liebesgebot Jesu. Wir m\u00f6chten die Liebe, die wir durch Jesus Christus erfahren haben allen weitergeben, die diese Liebe brauchen. Die ungeborenen und die geborenen Kinder und ihre M\u00fctter brauchen sie an erster Stelle.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Amen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Pastor Dr. Hans-J\u00fcrgen Abromeit (Greifswald), Bischof a.D., Berlin am 22. September 2018<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Vgl. 3. Mose 19, 18; Mk 12, 28\u201334par.; R\u00f6mer 13, 8\u201310; Gal 5, 14.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Vgl. Joh 8, 1-11.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Die genaue Zahl der Geburten im Jahr 2017 lag bei 785000. Auf acht geborene Kinder kommt also ein abgetriebenes.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Br\u00fcder und Schwestern, nun kann es vorkommen, dass sich jemand zu einer Verfehlung hinrei\u00dfen l\u00e4sst. Dann sollt ihr, die ihr ja vom Geist geleitet werdet, ihn zurechtweisen. Tut dies mit der Freundlichkeit, die der Geist schenkt. 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