{"id":16809,"date":"2019-11-21T14:24:31","date_gmt":"2019-11-21T13:24:31","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=16809"},"modified":"2019-11-21T14:27:58","modified_gmt":"2019-11-21T13:27:58","slug":"handelt-gott-in-der-geschichte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=16809","title":{"rendered":"Handelt Gott in der Geschichte?"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Viele sehen im Mauerfall 1989 ein Eingreifen Gottes. Andere erkl\u00e4ren sich dieses Ereignis mit wirtschaftlichen Gr\u00fcnden (DDR-Planwirtschaft), g\u00fcnstigen au\u00dfenpolitischen Konstellationen (Gorbatschows Perestroika-Politik) und den nationalen Bedingtheiten (Zusammenhalt der Deutschen). Kann man angesichts dieser unterschiedlichen Deutem\u00f6glichkeiten eine \u201eTheologie der Wende\u201c entwerfen? Darf man \u00fcberhaupt ein direktes Eingreifen Gottes in den irdischen Geschichtsverlauf annehmen? Und wenn ja, an welchen Kriterien w\u00e4re das abzulesen? Im Folgenden gehe ich diesen Fragen nach.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich hoffe, dass der freundliche Leser ein \u00e4hnliches Aha-Erlebnis hat wie ich, als mir die Tragweite unseres Themas klar wurde und ich mich pl\u00f6tzlich nicht mehr fragte, <em>ob<\/em> Gott in der Geschichte handelt, sondern nur noch, <em>wie<\/em> er in der Geschichte handelt. Schnell wurde mir klar, dass die Geschichtsm\u00e4chtigkeit Gottes zum fundamentalen christlichen Glaubensgut geh\u00f6rt. Wie sollte auch er, der alles erschaffen hat und erh\u00e4lt, die Menschheits- und Naturgeschichte nur von au\u00dfen betrachten und nicht auch in ihr wirksam sein? Doch \u2013 wenn wir uns auch mit dem Apostolischen Glaubensbekenntnis zur Allmacht und Allwirksamkeit Gottes bekennen, wie und woran ist denn diese Wirksamkeit Gottes in der Geschichte zu erkennen? Das ist eine wahrhaft spannende Frage, auf die ich im Folgenden eine Antwort suche. Ich gehe an das Thema in vier Schritten heran. Zuerst stelle ich fest, dass der geschichtsm\u00e4chtige Gott zentral zur christlichen Theologie dazugeh\u00f6rt. Dann weise ich auf die Eigenart Gottes hin, sich in den geschichtlichen Abl\u00e4ufen nur dem Glauben zu zeigen und sich ansonsten zu verbergen. Drittens wende ich mich Marias Lobgesang zu, der Grundz\u00fcge einer biblischen Geschichtstheologie enth\u00e4lt. Abschlie\u00dfend versuche ich dann skizzenhaft eine \u201eTheologie der Wende\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>1.) Wir glauben an Gott, der Raum und Zeit erschaffen hat und der Raum und Zeit regiert<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gott hat am 1. Sch\u00f6pfungstag Raum und Zeit erschaffen. Die Zeit, als er einen Anfang setzte, und den Raum, als er den zun\u00e4chst leeren \u201eHimmel\u201c erschuf (1 Mose 1,1). Damit erweist sich der Dreieinige Gott als Herr \u00fcber Raum und Zeit, und es ist nur logisch, dass er Raum und Zeit durchdringt, geheimnisvoll f\u00fcllt, bestimmt und seinen Pl\u00e4nen souver\u00e4n nutzbar macht. Leider sind diese Einsichten vielen Christen heute nicht mehr selbstverst\u00e4ndlich. Der Siegeszug der Evolutionsidee hat den ersten Glaubensartikel gef\u00e4hrlich verdunkelt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber es gibt f\u00fcr jeden Christen ein unumst\u00f6\u00dfliches Urdatum, das der geschichtsm\u00e4chtige Gott selber gesetzt hat und das niemand leugnen kann, es sei denn, er h\u00f6rt auf Christ zu sein. Das ist die Menschwerdung Gottes in Jesus Christus. Jesus hat auf unserer Erde gelebt, er war eine geschichtliche Person. Es hat Gott gefallen, als \u201edie Zeit erf\u00fcllt war\u201c (Mk 1,15), in einer absolut unerh\u00f6rten Weise in den Geschichtslauf einzugreifen und der Menschheit seinen Heiland zu schicken. Jesus ist der \u201eHeiland Gottes\u201c, das hat der greise Simeon \u2013 erleuchtet durch den Heiligen Geist \u2013 entdeckt, als er das neugeborene Kind bei Josef und Maria sah. \u201eHerr, nun l\u00e4sst du deinen Diener in Frieden fahren, wie du gesagt hast; denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen\u201c (Luk 2,29f). Der Hinweis, dass der Heilige Geist mit Simeon war, ist nicht unwichtig. Das geschichtliche Eingreifen Gottes ist als solches nur dem Glaubenden zug\u00e4nglich, selbst beim Urdatum des Geschichtshandelns Gottes schlechthin. Der Nichtglaubende sah damals und sieht bis heute in Jesus nur einen au\u00dfergew\u00f6hnlichen Menschen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn wir den Radius des Eingreifens Gottes in die Geschichte erweitern, kommen wir zum Eingreifen Gottes in die Geschichte Israels. Jesus wei\u00df sich gesandt \u201ezu den verlorenen Schafen des Hauses Israel\u201c (Mt 15,24). Damit bekennt er sich zum j\u00fcdischen Volk und dessen Geschichte. Von Anfang an ist das Volk Israel dazu bestimmt, ein Segenstr\u00e4ger f\u00fcr die Menschheit zu sein. Durch Abraham und seine Nachkommen \u201esollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden\u201c (1 Mose 12,3). Mose erf\u00e4hrt in Midian, dass Gott das Volk Israel zu seinem erstgeborenen Sohn gemacht hat, dazu bestimmt, Gott zu dienen (2 Mose 4,22f). Am Berg Sinai bekommt Israel schlie\u00dflich seine unverlierbare Bestimmung. \u201eWerdet ihr meiner Stimme gehorchen und meinen Bund halten, so sollt ihr mein Eigentum sein vor allen V\u00f6lkern; denn die ganze Erde ist mein. Und ihr sollt mir ein K\u00f6nigreich von Priestern und ein heiliges Volk sein\u201c (2 Mose 19,5f). Alle Wirrungen und Irrungen in Israels Geschichte sind Folge dieser Bestimmung. Gott segnet, f\u00fchrt, besch\u00fctzt, ermahnt und straft seinen \u201eerstgeborenen Sohn\u201c auf vielf\u00e4ltige Weise, um ihn durch die Jahrtausende hindurch zu diesem gro\u00dfen Ziel zu bringen, ein priesterliches Segensvolk f\u00fcr die Menschheit zu sein. Wer das letzte Buch der Bibel mit seinen vielen israelbezogenen Ank\u00fcndigungen liest, merkt schnell, dass Gott erst auf der neuen Erde sein Ziel mit Israel erreichen wird, genauer gesagt, im Neuen Jerusalem (Offb 21 und 22). Auch am geschichtlichen Handeln Gottes an Israel l\u00e4sst sich ablesen, dass dieses Eingreifen immer ein Ruf zum Glauben war. In einem Psalm hei\u00dft es \u201eErkennt, dass der Herr Gott ist! Er hat uns gemacht zu seinem Volk und zu Schafen seiner Weide\u201c (Ps 100,3). Nur die Glaubenden erkannten Gottes F\u00fchrungen, Bewahrungen und Strafaktionen. Der Unglaube sah damals und sieht auch heute in Israels Geschichte nur Menschenwerk.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Spannen wir den Horizont noch etwas weiter. Gott handelt auch an den Nationen. Die V\u00f6lker Kanaans w\u00e4ren von Gott gesegnet worden, wenn sie Israel gesegnet und als Dienstvolk Gottes anerkannt h\u00e4tten. Aber ihr Israelhass und -neid machte sie blind und f\u00fcr Gottes Strafgericht reif. Der Prophet Daniel empf\u00e4ngt zweimal eine Schau k\u00fcnftiger Weltm\u00e4chte, denen Israel durch Gottes Strafhandeln ausgeliefert wird, aber trotzdem in seiner Existenz bewahrt bleibt (Dan 2 und 7). Immer dann, wenn die jeweiligen Machthaber ihre Handlangerdienste \u00fcberziehen und sich an Israel vergreifen, greift Gott fr\u00fcher oder sp\u00e4ter ein und entzieht ihnen die Macht. Als Nebukadnezar sich seiner Gr\u00f6\u00dfe r\u00fchmt, verf\u00e4llt er dem Wahnsinn (Dan 4). Als Belsazer sich an den j\u00fcdischen Tempelger\u00e4ten vergreift, erscheint der g\u00f6ttliche Richterspruch an der Wand (Dan 5). Solche Akte zeigen, dass Gott den M\u00e4chtigen die Macht nimmt, wo sie hochm\u00fctig und zu Feinden Israels werden. Es spricht nichts dagegen, Spuren dieses Handelns auch in der nachbiblischen Weltgeschichte zu suchen. Die j\u00fcngere deutsche Geschichte gibt daf\u00fcr manches Anschauungsmaterial. Die kurze Dauer und der Untergang des Dritten Reichs, der Verlust der deutschen Ostgebiete und die Teilung Deutschlands k\u00f6nnen durchaus als ernste Strafantwort Gottes auf den Hochmut der damaligen M\u00e4chtigen und auf die Judenverfolgung angesehen werden. Andererseits kann der schnelle wirtschaftliche Wiederaufstieg nach dem zweiten Weltkrieg als neuer Segen verstanden werden, der mit den immensen finanziellen Mitteln zusammenh\u00e4ngt, die Adenauer Ben Gurion zugesagt und zugeteilt hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So bleibt das Geschichtshandeln Gottes letztlich ein ambivalentes Geschehen. Beweisbar ist es nicht, aber der Glaubende braucht keine Beweise. Er sieht die souver\u00e4ne Hand Gottes, beugt sich unter seine Regie und gibt ihm die Ehre.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>2.) Wir glauben an Gott, der sich unbeweisbar macht und trotzdem dem Glaubenden Einblicke in seine Regie gibt<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Blaise Pascal hat das sich verbergende und trotzdem zug\u00e4ngliche Handeln Gottes auf den Punkt gebracht. \u201eGott gibt so viel Licht, dass wer glauben will, glauben kann. Und Gott l\u00e4sst so viel im Dunkeln, dass wer nicht glauben will, nicht glauben muss\u201c. Das ist ein guter Leitfaden, um dem Handeln Gottes in der Geschichte nachzusinnen. Wer ein direktes Eingreifen Gottes in die Geschichte generell abstreitet, beschr\u00e4nkt Gottes Allwirksamkeit und konstruiert eine rein immanente eigengesetzliche Geschichtswelt ohne Gott. Das w\u00e4re eines Christen unw\u00fcrdig, der sich im Apostolischen Glaubensbekenntnis zur Allmacht Gottes bekennt. Wer hingegen mit Schiller die Geschichte unmittelbar als g\u00f6ttliches Weltgericht ansieht, der verkennt Gottes Wesen, der sich Deutungen aus menschlicher Weisheit und Vernunft bewusst entzieht. \u201eDie Weisheit der Welt ist bei Gott Torheit\u201c (1 Kor 3,19). Wie kommen wir aus diesem Dilemma heraus?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Betrachten wir einmal kurz die menschliche Weisheit der Freunde Hiobs. Sie k\u00f6nnen sich das Schicksal Hiobs nicht erkl\u00e4ren und kommen zu menschlichen bzw. allzu menschlichen Erkl\u00e4rungsversuchen. In ihren Augen ist Gott ein Oberrichter, der in der Welt die Guten belohnt und die B\u00f6sen bestraft. Wer sich die Weltgeschichte so vorstellt, kommt zu v\u00f6llig falschen Schl\u00fcssen und zu einem ganz verkehrten Gottesbild. Wenn Gott wirklich die B\u00f6sen im Lauf ihres Lebens bestrafte und die Guten belohnte, w\u00fcrde es auf unserer Erde anders aussehen. In Wirklichkeit ist es oft umgekehrt: die B\u00f6sen triumphieren oft ihr Leben lang, und die Guten werden benachteiligt oder sogar verfolgt. Auch das Menschenbild der Freunde Hiobs ist fatal. Wer ihm folgt, lebt unter einem dauernden Leistungsdruck, Gott gefallen zu m\u00fcssen. Und er steht in der Gefahr dauernder Selbst\u00fcbersch\u00e4tzung, als ob er aus sich heraus gut sein k\u00f6nnte. \u201eMeinst du, dass Gott unrecht richtet oder der Allm\u00e4chtige des Recht verkehrt? Haben deine S\u00f6hne vor ihm ges\u00fcndigt, so hat er sie versto\u00dfen um ihrer S\u00fcnde willen\u201c (Hiob 8,3f).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer auf diese Weise versucht, die Geschichte zu erkl\u00e4ren, kommt notgedrungen zu falschen Schl\u00fcssen. In dieser Perspektive war z.B. Josefs langer Leidensweg eine Strafe Gottes f\u00fcr b\u00f6se Taten und der Reichtum eines Herodes Antipas oder Herodes Agrippa eine Belohnung f\u00fcr gute Taten. Das kann also der Schl\u00fcssel zum Verstehen des Eingreifens Gottes in den Weltlauf nicht sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gegen\u00fcber dem Versuch, Gottes Handeln in der Geschichte mit der menschlichen Vernunft zu erkl\u00e4ren, gibt es nat\u00fcrlich den gegens\u00e4tzlichen atheistischen Denkansatz, Gott vollst\u00e4ndig aus dem Weltgeschehen zu verbannen. Karl Marx hat schon 1843 gefordert, die \u201eillusorische Sonne\u201c der Religion abzuschaffen und an diese Stelle die \u201ewirkliche Sonne\u201c, n\u00e4mlich den Menschen, zu setzen. Die Geschichte soll ganz ohne Gott interpretiert und gestaltet werden. \u201eEs ist also Aufgabe der Geschichte, nachdem das Jenseits der Wahrheit verschwunden ist, die Wahrheit des Diesseits zu etablieren\u201c (K. Marx, Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie). Auch der im M\u00e4rz 2018 verstorbene Astrophysiker Stephen Hawking meinte, die Welt ganz ohne Gott erkl\u00e4ren zu k\u00f6nnen. \u201eSpontane Erzeugung ist der Grund, warum etwas ist und nicht einfach nichts, warum es das Universum gibt, warum es uns gibt. Es ist nicht n\u00f6tig, Gott als den ersten Beweger zu bem\u00fchen, der das Licht entz\u00fcndet und das Universum in Gang gesetzt hat.\u201c (St. Hawking, Der gro\u00dfe Entwurf. Eine neue Erkl\u00e4rung des Universums, 2010).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber auch diese Komplettleugnung Gottes kann einen nachdenklichen Menschen nicht befriedigen (von einem Christen ganz zu schweigen). Zu viele Indizien deuten einfach auf die Existenz einer h\u00f6chsten Intelligenz hin. Der Theologieprofessor und Pastor Timothy Keller hat in seinem Buch \u201eGlauben wozu?\u201c (2019) sechs Argumente f\u00fcr die Existenz Gottes formuliert, die zwar keinen Gottesbeweis hergeben, aber zumindest auf einen planenden und Moral stiftenden Gott hindeuten: \u201eStaunen \u00fcber den Kosmos\u201c, \u201eDie Welt sieht nach Planung aus\u201c, \u201eMoralischer Realismus\u201c, \u201eBewusstsein\u201c, \u201eAbstraktes Denken\u201c und \u201eSch\u00f6nheit\u201c (aus einem Artikel in idea Spektrum 41\/2019).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn also weder vern\u00fcnftige Erkl\u00e4rungsversuche des g\u00f6ttlichen Geschichtshandelns noch die entschiedene Leugnung irgendeiner g\u00f6ttlichen Mitgestaltung des Weltgeschehens weiterhelfen, dann sind wir mit unserer Leitfrage in der Tat in einem Dilemma. Kann man ihm entkommen? Ich denke ja. Pascal und vor ihm Luther haben den Weg gezeigt. Es ist die Einsicht, dass Gott selbst weder beweisbar noch unerkennbar sein m\u00f6chte. Sowohl in der Natur als auch in der Geschichte legt er unz\u00e4hlige Spuren seines Handelns, die der Mensch betrachten und erforschen soll. Aber er l\u00e4sst absichtlich alle Spuren mehrdeutig. Niemand wird gezwungen, Gott anzuerkennen. Niemand kann aber auch sagen, dass es keinerlei Spuren gibt. Der Grund f\u00fcr dieses Verhalten Gottes ist, dass er sich nicht durch gedankliche Spekulation finden lassen will, sondern beim Menschen Glauben und Vertrauen sucht. Er will als der den S\u00fcnder liebende und auf ihn wartende himmlische Vater erkannt und geglaubt werden. Dazu ist er in Gestalt seines Sohnes auf die Erde gekommen und wird zum Gericht und zur Neusch\u00f6pfung von Himmel und Erde wiederkommen. \u201eEr hat einen Tag festgesetzt, an dem er den Erdkreis richten will mit Gerechtigkeit durch einen Mann, den er dazu bestimmt hat, und hat jedermann den Glauben angeboten, indem er ihn von den Toten auferweckt hat\u201c (Apg 17,31).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>3.) Marias Lobgesang als Deuterahmen f\u00fcr das Geschichtshandeln Gottes<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der gro\u00dfartige Lobgesang der Mutter Jesu (Luk 1,46-55) ist viel mehr als ein dankbares Lied einer jungen Mutter f\u00fcr die empfangene Gnade Gottes. Dieser neutestamentliche Psalm ist in seiner weltgeschichtlichen Perspektive und theologischen Kraft den alttestamentlichen Psalmen v\u00f6llig ebenb\u00fcrtig. Die vom Heiligen Geist erleuchtete und innerlich gef\u00fchrte Maria legt hier mit ihren Worten den Grund f\u00fcr eine umfassende biblische Geschichtstheologie. Sie nimmt uns an der Hand und l\u00e4sst uns hinter den Vorhang der Weltgeschichte blicken. Nat\u00fcrlich wird auch durch diesen Psalm Gott nicht beweisbar, aber wir bekommen wesentliche Einblicke in die Motive seines Handelns. Einige m\u00f6chte ich hervorheben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Maria bezeugt, dass Gott ihre Niedrigkeit angesehen hat, also ihre v\u00f6llige Bedeutungslosigkeit f\u00fcr den Gang der politischen Prozesse. Sie war ein \u201enobody\u201c. Aber Gott liebt es, an und durch Menschen zu handeln, die keinen oder wenig \u00f6ffentlichen Einfluss haben. Denn so gew\u00e4hrleistet er, dass er allein und nicht der Mensch der wahre Akteur ist. Auf diese Weise tut Gott \u201egro\u00dfe Dinge\u201c, die die Welt bewegen. An seiner Menschwerdung reiben sich seitdem die Menschen, aber alle, die an Jesus Christus als Heiland glauben, preisen Maria f\u00fcr ihre besondere Mutterschaft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gott sieht auf jeden Menschen, der ihn f\u00fcrchtet, mit Gnade. Gnade ist diejenige Kategorie des Handelns Gottes, die einem Menschen Vergebung seiner S\u00fcnden verschafft, wodurch er frei wird zu einem wahrhaft alternativen Leben, in dem er sich nun von der Liebe zu Gott und seinem N\u00e4chsten leiten lassen kann. Segen gibt Gott in vielf\u00e4ltiger Weise allen, aber Gnade bekommen nur die Dem\u00fctigen (1 Petr 5,5; Jak 4,6). Von Gott begnadete Menschen wirken in unserer Welt als Licht und Salz. Weil sie \u201eKinder des Lichts\u201c sind (Eph 5,8), lassen sie sich nicht mehr bestimmen von Unzucht, Habgier und L\u00fcge (Eph 5,3) und bringen auf diese Weise ein gro\u00dfes gestalterisches Potential in die Gesellschaft, insbesondere in ihre Familien, in die Wirtschaft und die Rechtspflege. So greift Gott indirekt und trotzdem unmittelbar in die Geschicke und Geschichte der V\u00f6lker ein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Stolzen rufen Gottes Zorn hervor. Ihnen gegen\u00fcber handelt Gott ganz eigenartig. Er l\u00e4sst sie n\u00e4mlich eine Zeit lang gew\u00e4hren. Luther f\u00fchrt in seiner tiefgr\u00fcndigen Auslegung des Lobgesangs Marias dazu aus, dass Gott sie \u201egro\u00df und m\u00e4chtig sich erheben\u201c l\u00e4sst, dass er aber ihnen seine Kraft entzieht und sie fortan \u201enur von eigener Kraft sich aufblasen\u201c l\u00e4sst. \u201eWenn nun die Blase voll ist und jeder meint, sie liegen oben, haben gewonnen, und sie selbst nun auch sicher sind und haben\u2019s zu Ende gebracht, so sticht Gott ein Loch in die Blase, so ist es gar aus\u201c. Ein Blick in die Weltgeschichte im Gro\u00dfen und Kleinen zeigt sofort, dass diese Sicht der Dinge richtig ist. Sowohl die Weltm\u00e4chte und die Regenten als auch unser menschliches soziales Umfeld liefern Beispiele genug, wie Gott den Stolz zun\u00e4chst gew\u00e4hren und ausreifen l\u00e4sst, bis er dann pl\u00f6tzlich zuschl\u00e4gt und die Stolzen beseitigt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die M\u00e4chtigen beziehen ihre Macht von Gott. Das hat Jesus vor Pilatus klargestellt (Joh 19,11). Sie sind, ob sie es wissen oder nicht, \u201eGottes Dienerin\u201c (R\u00f6m 13,4), d.h. Gott regiert durch sie und gew\u00e4hrleistet das menschliche Zusammenleben. Wo sie sich in ihrem Herzen \u00fcber Gott und seine Gebote erheben, ihre eigene Ehre suchen und ihre Macht eigenm\u00e4chtig vermehren, dort dauert es nicht lange, bis Gott sie absetzt und zuschanden werden l\u00e4sst. Luther f\u00fchrt Nebukadnezar und Pharao an, aber auch die Weltm\u00e4chte der Assyrer, Babylonier, Perser, Griechen und R\u00f6mer. Aus unseren Tagen k\u00f6nnte man den Zusammenbruch der kommunistischen L\u00e4nder im letzten Jahrhundert anf\u00fchren. Marias Lobgesang liefert den besten nur denkbaren Deuterahmen f\u00fcr diese Geschehnisse.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber Gottes Handeln in der Geschichte ist auch dadurch gekennzeichnet, dass er immer wieder den Einflusslosen, Unbekannten, Benachteiligten und Armen auf seine Weise beisteht. Luther betont, dass sie nun nicht automatisch in hohe Stellungen versetzt oder reich werden. Vielmehr sollen sie in ihrer Niedrigkeit lernen, ihre Hilfe nicht mehr bei den Menschen, sondern nur bei Gott suchen. Dann wird Gott seine Werke an ihnen tun und ihnen wohltun an Leib, Seele und Geist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So verstanden ist Marias Lobgesang alles andere als ein revolution\u00e4res Lied, das nur einen blo\u00dfen \u00e4u\u00dferen Machtwechsel verhei\u00dft, sondern vielmehr eine Anleitung zu einem dauernden Wertewechsel. Wir sollen lernen, Gottes Handeln zu verstehen. Wir sollen lernen, vor den M\u00e4chtigen dieser Welt keine Angst zu haben, denn sie sind nur Figuren auf Gottes weltgeschichtlichem Schachbrett. Wir sollen lernen, den eigenen Stolz zu \u00fcberwinden und nicht mehr auf das eigene K\u00f6nnen, sondern auf Gottes Kraft zu setzen. Wir sollen nicht nach Macht, Reichtum, Ansehen und Einfluss streben, weil das menschliche Herz, um mit Luther zu sprechen, dadurch zu \u201eVermessenheit\u201c und \u201efalscher Sicherheit\u201c bewegt wird, \u201edass es Gott vergisst\u201c, sondern wir sollen uns nach Gottes Gnade ausstrecken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>4.) Eine kurze \u201eTheologie der Wende\u201c<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf dem Hintergrund der obigen drei Abschnitte m\u00f6chte ich versuchen, die Geschehnisse in Deutschland vor 30 Jahren theologisch zu deuten. Grunds\u00e4tzlich kann man sagen, dass die friedliche Revolution, die zur politischen Wende in der fr\u00fcheren DDR gef\u00fchrt hat, f\u00fcr eine kurze Zeit wie durch ein Fenster einen Blick auf das geschichtsm\u00e4chtige Handeln Gottes freigegeben hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Vertreter der gottlosen kommunistischen Ideologie, die \u201eohne Gott und Sonnenschein\u201c ihre Ernten einbringen wollten, wurden \u201ezerstreut in ihres Herzens Sinn\u201c, um mit Maria zu sprechen. Gott hat daf\u00fcr gesorgt, dass die B\u00e4ume der gottlosen Herrscher nicht in den Himmel wuchsen. Er hat \u201edie Gewaltigen\u201c vom Thron gesto\u00dfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Um dieses Ziel zu erreichen, hat Gott viele feine F\u00e4den gesponnen, die kein Historiker jemals alle erkennen und beschreiben kann. Einige sind bekannt, andere weniger. Sechs m\u00f6chte ich nennen. 1.) Die DDR-Planwirtschaft war trotz Milliardenzusch\u00fcssen aus der Bundesrepublik nicht in der Lage, die Wirtschaft international konkurrenzf\u00e4hig zu machen. 2.) Das kleine Emblem \u201eSchwerter zu Pflugscharen\u201c, das auf Micha 4,3 zur\u00fcckgeht und das von einem sowjetrussischen K\u00fcnstler entworfen worden war und als Geschenk der Sowjetunion vor dem New Yorker UN-Geb\u00e4ude aufgestellt worden war, hatte sich unter den DDR-Jugendlichen zu einem Protest- und Widerstandssymbol entwickelt, dem die Parteif\u00fchrung ohnm\u00e4chtig gegen\u00fcber stand. 3.) Die politische Gro\u00dfwetterlage war f\u00fcr den Widerstand der DDR-B\u00fcrger g\u00fcnstig. In der Sowjetunion hatte Michael Gorbatschow \u2013 wesentlich beeinflusst von Margret Thatcher aus Gro\u00dfbritannien \u2013 mit seinen beiden Schlagworten Perestroika und Glasnost eine weniger repressive Parteipolitik eingef\u00fchrt. Dies hatte ihn f\u00fcr viele DDR-B\u00fcrger zu einem Hoffnungstr\u00e4ger gemacht. 4.) Der Mut der Demonstranten insbesondere in Plauen und Leipzig war ganz erstaunlich. Sie waren von Volkspolizei, Volksarmee, Stasi und weiteren bewaffneten Sondertruppen ein brutales Vorgehen gegen politisch Widerspenstige gew\u00f6hnt. Trotzdem zogen an dem legend\u00e4ren 9. Oktober 1989 etwa 70 000 Demonstranten um den Leipziger Ring. Woher kam dieser Mut? Eine Quelle neben anderen waren bestimmt die mutigen Predigten Pfr. Dr. Theo Lehmanns im damaligen Karl-Marx-.Stadt, zu denen im Laufe der Jahre viele tausend Jugendliche gekommen waren. Sie trugen den Mut weit ins Land hinaus. 5.) Zweifellos trug auch die relative Bewegungsfreiheit der Kirchen innerhalb ihrer Mauern wie z.B. in der Leipziger Nikolaikirche dazu bei, dass sich Reform- und Widerstandsgruppen organisieren und artikulieren konnten, aus denen sich dann im Sp\u00e4tsommer 89 die ersten kleineren Demonstrationen formierten. 6.) Die ungarische Regierung hatte mit Genehmigung Michael Gorbatschows bereits im Mai 1989 damit begonnen, den Grenzzaun nach \u00d6sterreich abzubauen. Am 27.6.89 durchschnitten die beiden Au\u00dfenminister G. Horn und A. Mock symbolisch den Stacheldraht zwischen ihren L\u00e4ndern. Am 19.8.89 flohen etwa 600 DDR-B\u00fcrger nach \u00d6sterreich. Am 10.9.89 wurde die Grenze zwischen Ungarn und \u00d6sterreich generell ge\u00f6ffnet. All dies sind Mosaiksteine der Wende im Jahr 1989. In der Perspektive des Lobgesangs der Maria hat Gott 1989 mit seinem Arm \u201edie zerstreut, die hoff\u00e4rtig sind in ihres Herzens Sinn\u201c und die gottlose kommunistische Ideologie in die Schranken verwiesen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">An dieser Stelle m\u00f6chte ich noch ein pers\u00f6nliches Erlebnis beisteuern. Im September 1990 war ich mit meiner Frau anl\u00e4sslich unserer Silberhochzeit unterwegs in Ungarn. Wir beteten, dass Gott uns eine M\u00f6glichkeit zeigen m\u00f6ge, unseren Dank an einen der mutigen ungarischen Politiker auszusprechen, W\u00e4hrend einer Fahrt um den Plattensee fiel unser Blick auf einen Veranstaltungshinweis mit dem damaligen ungarischen Au\u00dfenminister Gyula Horn. Wir fragten uns \u2013 ohne ungarische Sprachkenntnisse \u2013 nach dem Veranstaltungshaus durch und kamen dort gerade an, als unmittelbar Herr Horn erwartet wurde. Wir erkl\u00e4rten unser Anliegen und konnten tats\u00e4chlich, obwohl er unter Zeitdruck stand, als ehemalige DDR-B\u00fcrger ihm im Namen vieler anderer unseren Dank aussprechen und ihm Gottes Segen w\u00fcnschen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nicht sehr oft \u00f6ffnet sich in der Weltpolitik ein solches Fenster wie 1989, wo man Gottes Geschichtshandeln so hautnah erleben kann. Nat\u00fcrlich k\u00f6nnen auch diese Geschehnisse ohne Gott interpretiert werden. Aber wer Marias Lobgesang und damit die Motive Gottes kennt, die seinen Arm in der Geschichte bewegen, der kann nur staunen und anbeten. Ich kann nur Theo Lehmann beipflichten, der 1980 in seinem Lied \u201eWer Gott folgt, riskiert seine Tr\u00e4ume\u201c gedichtet hat: \u201eDie M\u00e4chtigen kommen und gehen, und auch jedes Denkmal mal f\u00e4llt. Bleiben wird nur, wer auf Gottes Wort steht, dem sichersten Standpunkt der Welt\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Pastor Dr. Joachim Cochlovius<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"https:\/\/www.gemeindehilfsbund.de\/fileadmin\/user_upload\/Aufbruch_3_2019.pdf\">Aufbruch &#8211; Informationen des Gemeindehilfsbundes (November 2019)<\/a>. Der Aufbruch kann kostenlos bei der Gesch\u00e4ftsstelle des Gemeindehilfsbundes, M\u00fchlenstr. 42, 29664 Walsrode (info@gemeindehilfsbund.de) bezogen werden. Die November-Ausgabe kann <a href=\"https:\/\/www.gemeindehilfsbund.de\/fileadmin\/user_upload\/Aufbruch_3_2019.pdf\">hier<\/a> heruntergeladen werden.\u00a0<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Viele sehen im Mauerfall 1989 ein Eingreifen Gottes. Andere erkl\u00e4ren sich dieses Ereignis mit wirtschaftlichen Gr\u00fcnden (DDR-Planwirtschaft), g\u00fcnstigen au\u00dfenpolitischen Konstellationen (Gorbatschows Perestroika-Politik) und den nationalen Bedingtheiten (Zusammenhalt der Deutschen). Kann man angesichts dieser unterschiedlichen Deutem\u00f6glichkeiten eine \u201eTheologie der Wende\u201c entwerfen? Darf man \u00fcberhaupt ein direktes Eingreifen Gottes in den irdischen Geschichtsverlauf annehmen? Und wenn ja, [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":67,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[10,29],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/16809"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/67"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=16809"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/16809\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":16815,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/16809\/revisions\/16815"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=16809"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=16809"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=16809"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}